Meine Träger, mit den Reizen des uns noch bevorstehenden Weges schon vertraut, konnten sich nur schwer zur Fortsetzung des Marsches entschließen und hätten am liebsten hier Lager gemacht. Ich bestand aber darauf, heut noch Gimpu, das erste größere Dorf in Kulawi, zu erreichen, und ruhte nicht, bis ich alle unterwegs wußte. Beim Nachfolgen wurde es mir allerdings begreiflich, daß den Leuten der Entschluß schwer gefallen war. Ohne jede Pfadspur gingen wir einfach dem Flußufer nach, das mit ungeheuren Blöcken quarzreichen Granits und des schon früher erwähnten Grünsteines bedeckt war. In ganz eigener Weise erschwerte die Struktur der Rollblöcke, die wie mit einer glänzend schwarzen Kruste überzogen schienen, die Vorwärtsbewegung. Es war unmöglich, darauf Halt zu gewinnen; sie dienten nur als Stützpunkte beim Springen. Wo der Fluß sein Bett in voller Breite ausfüllte, mußten wir an den Böschungen entlang klettern, und wenn nicht einmal Buschwerk einigen Halt gewährte, blieb nichts übrig, als die steilen Ufer hinan zu klimmen und auf Umwegen mit dem Haumesser Zoll für Zoll durch das Dornengerank Bahn zu schaffen, — eine verzweifelt unangenehme Sache, die mich aus der Sorge um Leute und Gepäck gar nicht herauskommen ließ. Diese Eingeborenen wissen aber die Füße mit einer erstaunlichen Sicherheit zu setzen. Ihre gespreizt stehenden Zehen schienen eine Ansaugefähigkeit wie die der Haftzehen von Lurchen zu haben, so daß, von einigen leichten Verletzungen abgesehen, Träger und Lasten heil aus der Affäre hervorgingen. Zweimal trafen wir unterwegs auf halbzerstörte Hängebrücken. Sich einer davon anzuvertrauen, wäre Selbstmord gewesen.
Ich war es sicher nicht allein, der sich ordentlich beglückt fühlte, als wir endlich nach 2½ Stunden dem Koro-Flußtal dauernd den Rücken kehrten und einen hier beginnenden Fußpfad durch den Wald verfolgten, der mir nach den überstandenen Strapazen ideal vorkam. Auf dem Wege hierher waren meine Leute weit auseinander gekommen. Ohne die Ankunft der Zurückgebliebenen abzuwarten, setzte ich den Marsch mit meinem Dolmetsch und einem Führer fort. Wir kamen dabei bald in bergiges Gelände mit vielen Schluchten und Bachläufen, bis wir gegen 2 Uhr nachmittags auf einem Bergrücken auf eingezäunte Maisfelder stießen. Diese ersten Anzeichen der Nähe menschlicher Wohnungen wurden von uns freudig begrüßt. Hinter dieser angebauten Fläche folgte jetzt eine Strecke dicht verwachsenen Busches. Nachdem wir bereits eine Weile in einem Hohlwege zwischen dessen undurchdringlichen, dornigen Hecken marschiert waren, sahen wir plötzlich den Pfad wenige Schritte vor uns auf eine sehr ungewöhnliche Art versperrt. Der ungeschlachte Riesenschädel eines Wasserbüffels, dessen Körper im Busch verborgen blieb, füllte mit seiner Breite den engen Durchgang und glotzte uns mit tückisch rollenden Augen an. Die Situation war mehr wie unbehaglich, ein Ausweichen nach der Seite unmöglich, ein Zurückgehen bedenklich, da Büffel einen Flüchtenden fast regelmäßig verfolgen. Regungslos harrten wir also des Kommenden. Leider schien das Ungetüm die gleiche Absicht zu haben: es rührte sich nicht vom Flecke. Unser Kulawi-Führer versuchte in den Lauten, die diesen Tieren vertraut sind, es zum Zurückweichen zu bewegen. Aber die Mühe war umsonst. Wie hypnotisiert starrte der Büffel auf uns. Da holte ich meinen Revolver heraus und feuerte rasch nacheinander ein paar Schreckschüsse in die Luft. Das endlich half. Der Koloß prallte mit einem mächtigen Ruck in das Gebüsch zurück, um dort, völlig gedeckt, abermals regungslos stehen zu bleiben. Nun gab es kein weiteres Besinnen. So leise und eilends als möglich, drückten wir uns an der gefährlichen Passage vorüber und blieben denn auch von einer Attacke glücklich verschont.
Bald nahm auch der Busch ein Ende, und freies Bergland lag vor uns, von unserem ungefähr 1100 m hohen Standorte aus einen weiten Blick auf die sich unter und vor uns ausbreitende wunderschöne Landschaft gewährend. In der Tiefe sahen wir das von reichen Kulturen und Palmenhainen umgebene große Kulawi-Dorf Watukáma liegen, nahe bei der Einmündung des Mewe-Flusses in den von Süden her strömenden Koro, den wir hier zum letztenmal zu Gesicht bekamen. Rüstig bergan steigend, näherten wir uns dem in 1230 m M. H. malerisch gelegenen kleinen Kampong Mangkudjáwa. Die Hütten dieses Dörfchens zeichneten sich durch einen bisher noch nicht gesehenen Giebelschmuck aus. Im ganzen Posso-Gebiet waren flügelartig abstehende, mit durchbrochener Schnitzarbeit versehene Planken die charakteristischen Firstabschlüsse gewesen. In Bada wiederum bildeten 3 gegeneinander geneigte künstliche Büffelhörner die Giebelkrönung. Hier in Kulawi fand ich als solche roh nachgeahmte ganze Büffelschädel, deren Hörner aber bis auf ein Drittel ihrer vollen Länge abgestumpft waren.
Von Mangkudjáwa aus stiegen wir zum Mewe-Tal hinab. Der Fluß, dessen Geschiebe sehr goldhaltig sein soll, strömt in breitem, seichtem Bette dem Koro entgegen. Auf einem hohen Hügel jenseits des Mewe lag unser Marschziel Gimpu, wo wir gegen 4 Uhr, etwa 1½ Stunden vor den ersten Nachzüglern eintrafen. Der Marsch hierher hatte außergewöhnliche Anstrengungen erfordert, denen sich nicht alle gewachsen zeigten. Zudem waren 6 Soldaten fieberkrank geworden und in Mangkudjáwa zurückgeblieben.
Gimpu liegt ungefähr im Mittelpunkte der sich mehrere Stunden weit am Mewe-Fluß hinziehenden Kulturflächen, etwa 400 m ü. d. M. Der Ort selbst brachte mir eine arge Enttäuschung. Statt der erwarteten großen Kulawi-Gemeinde fand ich ein unsauberes, aus 7 oder 8 Häusern und einem Lobo bestehendes Dörfchen. Hohes Unkraut überwucherte Weg und Steg und drängte sich ungehindert bis dicht an die Hütten. Eine Ringumwallung mit Bambusgebüsch zog sich um das verwahrloste Nest. Als Quartier sah ich mich wohl oder übel auf den Lobo angewiesen, den ich vor allen Dingen erst auskehren ließ, eine Ehre, die ihm wohl nur selten zu teil geworden war. Auf diesem Lobo befand sich wie auf allen Kulawi-Kulthäusern ein Doppeldach. Etwa ½ m unter dem Schindeldache ist ein zweiter Dachstuhl angebracht. Der Raum zwischen den beiden Dächern ist den das Dorf beschützenden Geistern, den Anitus, geweiht, welche nach dem Glauben der Kulawier dort ihre dauernden Wohnsitze aufschlagen. Die sonstige Bauart und Inneneinrichtung des Lobos entsprach auch hier in allem der schon öfter geschilderten. Ein roher Pfahl mit 3 Kerbstufen führte zum Eingang hinan. Das Tageslicht konnte unter dem weit vorspringenden Dache nur schräg von unten her eindringen, fand jedoch noch durch die offene Tür und reichlich breite Spalten ungehinderten Zutritt. An Geräten enthielt das Geisterhaus nur Trommeln verschiedener Größen. Sie waren aus geraden Stammcylindern gefertigt und mit Anoa-, Büffel- oder Schlangenhaut bespannt. Ihre Ausschmückung bestand in einfachen Zierlinien, die sich um die Mitte der Trommeln herumzogen und in 3 Varianten vorkamen.
Wie hier gleich bemerkt sein mag, glichen die Wohnhütten Gimpus sowie des ganzen Mewe-Tales in ihrer Bauart völlig den in Salu-Boku vorgefundenen. Einen Unterschied machten nur die hier überall angebrachten Plattform-Vorbauten, die sich in ihrem Stil wieder dem von Leboni näherten.
Stark ermüdet und in Schweiß gebadet, machte ich es mir im Lobo alsbald sehr bequem, war aber binnen 5 Minuten derart von Moskitos zerstochen, daß ich Hals über Kopf ins Freie flüchten mußte. Als dann später mit den Trägern auch mein Koch ankam, wurde er angewiesen, im Lobo Feuer zu machen und nicht wie sonst vor, sondern in dem Hause abzukochen, um mit dem Rauche die entsetzlichen Mücken zu vertreiben. Zu Küchenzwecken wurden auch einige Blecheimer voll Wasser hinaufgeschafft, ein Umstand, der für uns von größter Bedeutung werden sollte.
Unsere Ankunft war unter den Talbewohnern rasch bekannt geworden, und von allen Seiten strömten sie zusammen, um den seltenen Gast zu bestaunen, so daß sich der Lobo bald mit Besuchern füllte. Im Gegensatze zu den bisher ausschließlich kennengelernten Inlandstämmen mit brachykephaler Schädelbildung waren die Eingeborenen im Mewe-Tal mit ausgesprochenen Langschädeln ausgestattet und außerdem von so hohem Wuchse, wie man ihn sonst nur bei Hindus findet. Als Sprecher der mich umringenden Besucher fungierte der malayisch sprechende Häuptling eines Nachbardorfes. Dieser versprach mir auch, sich wegen ethnographischer Objekte zu bemühen und morgen wiederzukommen. Die Anwesenden wurden von mir mit Cigaretten regaliert. Als des Fragens aber schließlich gar kein Ende wurde, bedeutete ich ihnen zuguterletzt, daß ich sehr ermüdet sei, worauf sie sich sofort verabschiedeten.
Im Lobo schliefen außer mir nur noch No und Rámang. Meine in Tragkörben verstauten Sammlungen füllten eine der Seitengalerien; auf der entgegengesetzten Seite hatte ich mein Lager aufgeschlagen. Mitten in der Nacht sollte mir ein furchtbares Erwachen bevorstehen. Die vor Angst heiseren Rufe Rámangs: »Túan, túan rumah bákar!« (Herr, das Haus brennt) schreckten mich jäh aus dem Schlafe. Auffahrend sah ich dicht neben meinem Moskitonetz hochlodernde Flammen! Einen Augenblick stand mir das Herz still; dann warf ich mich samt dem Bette instinktiv nach der entgegengesetzten Seite und arbeitete mich aus dem Netz heraus. Es hatte sich nur noch um Augenblicke gehandelt, und das Feuer hätte den leichten Stoff ergriffen, aus dem es dann keine Rettung mehr gab. Die beiden Jungen, völlig kopflos geworden, stierten entgeistert in die Flammen. Mich beherrschte nur der eine Gedanke: meine Sammlungen müßten gerettet werden. Mit einem Satze war ich bei den zum Glück noch halb vollen Eimern (alten Petroleumbehältern) und goß das Wasser mit sorglicher Sparsamkeit um die brennenden Bohlen. Den Boys befahl ich, das Dorf zu alarmieren, und binnen wenigen Minuten kamen aus allen Hütten Leute mit Wasser-Bambusen. Es gelang uns, des Feuers Herr zu werden, das ungefähr in der Mitte des Raumes ein Loch von etwa 1 qm Größe aus dem Bodenbelag ausgebrannt hatte. Wahrscheinlich hatte einer meiner Besucher einen noch brennenden Cigarettenstummel in eine Dielenritze geworfen, und der dazwischen liegende Kehricht hatte zu brennen angefangen. Da von unten her Luftzufuhr kam, glimmte der Funke stundenlang weiter, ohne daß die dicken Bohlen Hartholzes helle Flammen entwickelt hätten. Erst nachdem eine größere Öffnung herausgekohlt war, kam das Feuer durch die Zugluft zum vollen Ausbruch und der helle Schein weckte Rámang gerade noch zur rechten Zeit. Mit unserer Nachtruhe war es jetzt natürlich vorbei. Das ganze Dörfchen war auf den Beinen, und die Stunden bis zum Tagesanbruch vergingen in erregtem Meinungsaustausch über die Entstehungsursache des Brandes.
Gimpu — Lemo, den 19. November.
Der nächtliche Vorfall beschäftigte auch am Morgen noch alle Gemüter. Frühzeitig kamen Leute mit Verkaufsobjekten nach Gimpu, dazu gesellten sich die neuen Träger, und alle wollten orientiert sein, so daß ein reges Leben in dem sonst so stillen Dorfe herrschte.
Unter den angekauften Gegenständen befand sich eine mir neue Art bestickter Frauenjacken aus eingeführtem Gewebe, bei denen die einheimische Fuja nur noch als Besatz Verwendung gefunden hatte. Völlig abweichend war auch der Kopfputz der Frauen und Mädchen, die anstatt der Bastscheitelringe hübsch benähte und mit Glimmerblättchen noch besonders gleißend ausgeputzte Stirnbänder trugen, die rückwärts in einer Fuja-Schleife endeten.
Unter Führung zweier Häuptlinge (Madika) machten wir uns gegen 7 Uhr auf den Weg, die letzte uns noch vom eigentlichen Centrum des Kulawi-Ländchens trennende Strecke zurückzulegen. Einer der Soldaten war so schwer fieberkrank geworden, daß ein Pferd für ihn requiriert werden mußte. Auch mir bot der Madika einen Reitgaul an. Ich lehnte jedoch dankend ab, da mir Reiten das Beobachten erschwert hätte.
Gimpu verlassend, stiegen wir zum Mewe hinab, dessen Tal wir auf fast schnurgeradem schönen Wege aufwärts wanderten. Der Marsch durch die fruchtbaren Landschaften mit ihrem reichen Wechsel an Scenerien war ein seltenes Vergnügen. Während 4 Stunden hatten wir dabei nur einmal einen größeren hügeligen Wald zu passieren. Diesen Hügeln wich der Mewe-Fluß weit nach rechts aus. Wir aber folgten der alten Richtung weiter, bis die Straße am Fuße hoher Bergzüge ein plötzliches Ende nahm. Hier angelangt, bogen wir in das schmale, vielgewundene Tälchen des kleinen Latipu-Flusses ab. Dort begegnete uns ein größerer Trupp Kulawier, die von einem Markt im Hauptdorfe Lemo nach ihren Wohnorten zurückkehrten. Alle waren schlank und groß gewachsen mit etwas derben, aber ausdrucksvollen Gesichtern und leichten Bart-Ansätzen. Zu kurzen Buginesenhosen hatten sie Sitzschürzen aus Fell umgebunden. Ein vorausgehender Bursche trug auf der linken Schulter eine Lanze mit Ziegenhaarschmuck, das in einer Scheide steckende Lanzenblatt nach unten gerichtet. — Die an Körpergröße ihren Gefährten bedeutend nachstehenden Frauen trugen als ungewöhnlichen Schmuck breite geflochtene Rotangbänder um die Fußknöchel. —
Gegen 1 Uhr überraschte uns im Latiputal ein heftiger Gewitterregen, der mich um meine in den Rückenkörben nur mangelhaft vor Nässe geschützten Sammlungen recht besorgt machte. In aller Eile wurden die Lasten mit allen verfügbaren Tüchern und großen Blättern zugedeckt, so gut es ging. Die Wegebeschaffenheit gewann durch den Regen natürlich nicht an Güte, und als wir bald darauf steile Bergrücken hinanzusteigen hatten, waren die lehmigen Pfade zu Rutschbahnen geworden, deren Beschreiten unmöglich war, so daß wir uns gezwungen sahen, uns abseits im hohen Riede emporzuarbeiten. Über eine Reihe solcher mit Lalang bestandenen Kämme von ca. 800 m Höhe gelangten wir nun wieder allmählich talwärts und endlich zum Rande des gewaltigen Gebirgseinbruches, als welcher sich die kesselförmige Senkung von Kulawi darstellt. Sie lag 300 m unter uns und war von einem Kranze hoher Waldberge umgeben, die nur nach Westen, nach Palu hinüber, einen Ausweg freiließen. Die gestuften Abhänge weit hinan zogen sich die Pflanzungen der Eingeborenen, reizvoll unterbrochen von Palmengärten und zerstreut liegenden Wohnhütten. In dem reich bewässerten Talgrunde tauchten etwa ein Dutzend geschlossener Dörfer wie Inseln aus dem grünen Sawa-Meer empor.
Stärker einsetzender Regen spornte uns zur Eile. Der letzte Teil des Abstiegs in den Kulawi-Kessel war beinahe noch schlimmer als der Anstieg aus dem Latipu-Tal. Mehrere Träger stürzten und rollten samt den Blechkoffern den Hang hinunter, und auch ich selbst kam rascher zu Tale, als in meiner Absicht gelegen hatte. Über das moränenartige breite Flußbett des Nalúa hinweg kamen wir zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Dörfchen Somann, dessen Gärten und Felder hinter starken Umzäunungen lagen. Nachdem wir letztere überklettert hatten, gerieten wir auf die schmalen aufgeweichten Dämme ausgedehnter Sawas. Das Hinüberbalancieren war eine heikle Aufgabe, zu deren erfolgreicher Lösung ich mir selbst gratulierte. Ein Abrutschen in den grundlosen Schlamm der Reisbeete hätte gerade noch gefehlt. Nachdem wir so ziemlich die ganze Talbreite hinter uns hatten, sahen wir auch das Hauptdorf Lemo hoch auf einem Hügel vor uns liegen und dicht dabei, auf glücklich gewählter Stelle mit freiem Ausblick auf das ganze Talgebiet das Gouvernements-Unterkunftshaus. In nicht gerade präsentabler Toilette, aber in bester Laune hielt ich meinen Einzug in das freundliche Logis. Auch meine Soldaten waren in gehobener Stimmung; befand sich doch in Lemo ein ständiges Kommando von 20 Mann, dessen Kaserne in geringer Entfernung im Tale am O-Flusse lag. Dort fanden sie bequeme Unterkunft und Kameraden, und überdies wußten sie einen vollen Ruhetag vor sich.
In Lemo hat ein malayischer Inlandsassistent, der dem Controleur von Palu unterstellt ist, seinen ständigen Aufenthalt. Er erschien alsbald, um sich mir vorzustellen, und vernahm höchlichst überrascht, daß ich von dem fernen Paloppo hierher gekommen war.
Lemo, den 20. November.
Der Kulawi-Kessel liegt 569 m ü. M. und hat ein verhältnismäßig rauhes Klima. Trotz seiner geschützten Lage in den Bergen sind die Nächte schon empfindlich kühl, und auch die letzte Nacht hatte der Wind ganz gehörig um das Haus gepfiffen. Die besonders reichliche Bekleidung der Kulawier ist sonach auch hier in den klimatischen Verhältnissen begründet. — Der heutige Rasttag meiner Leute war für mich ein doppelter Arbeitstag. Außer einer eingehenden Besichtigung des Dorfes wartete meiner die Abfertigung von Dutzenden Verkaufslustiger, die eine Bekanntmachung des Assistenten herbeigelockt hatte. Derselbe war mit einer Kulawierin den Bund »für längere Zeit« eingegangen, welche dafür sorgte, daß ihre Landsleute über alle Vorgänge genügend rasch orientiert wurden. So gingen und kamen nun unaufhörlich Scharen Neugieriger, und Berge von Gegenständen häuften sich in meiner Kammer. In kurzer Zeit war der Rest meiner Tauschartikel an den Mann gebracht. —
Die Freude an grellen Farben und eine unleugbare Putzsucht der Kulawier kamen in kontrastreichen Zusammenstellungen und in den Stickereien ihrer Gewänder voll zum Ausdruck. Selbst die Kleidung der Männer machte hiervon keine Ausnahme (s. Fig. 307). Die kurzen übergeschlagenen Faltenröcke der Frauen waren so ziemlich die einzigen aus Fuja hergestellten Kleidungsstücke. Die Duftbündel wurden hier noch mit bunten Federbüscheln in besonderer Weise verschönt. Verzierung der Gesichter mit Stanniol-Schönheitspflästerchen war eine allgemein geübte Sitte. — Der Anblick solcherart festlich herausgeputzter Frauengruppen beim nächtlichen Gambero-Tanz erinnerte an ein groteskes Maskenfest. —
Unter meinen Erwerbungen erfreute mich als besonders seltenes Stück ein Rotanghut (tónu-tónu) mit langen seitlichen Flügeln, die aus vielen vertikal nebeneinander gestellten Bambusröhrchen bestanden (Fig. 303). — Sehr originell war eine Messingfigur von 6½ cm Höhe, einen sehr realistisch modellierten, nackten weiblichen Körper darstellend, die als eine Art glückbringendes Amulett vom Bräutigam der Braut verehrt wird (Fig. 308). — Als Kuriosum sei ferner noch eine »pamudúka« genannte Frauen-Tabakspfeife erwähnt, deren Gebrauch ausschließlich auf Kulawi beschränkt sein dürfte (s. Fig. 305).
Was die Wohnungen der Lemo-Kulawier anbetrifft, so fand ich sowohl solche, die denen im Mewe-Tal völlig gleich waren, als auch einen abgeänderten Häusertyp, bei dem die vertikalen Verbindungsstützen fehlten und durch weitere Lagen horizontaler Rundhölzer auf höherem Unterbau ersetzt waren. Im allgemeinen erinnerten die Häuschen alle mehr oder weniger an Almenhütten, und ihr Blockhauscharakter dürfte in dem Gebirgsklima seine Erklärung finden. Das Auffallendste an den Lemo-Häusern waren ihre in das Bohlengefüge eingezapften massiven Haustüren, die tagsüber offenstehen und so ziemlich der einzige Lichteinlaß für das Innere sind, nachts aber geschlossen einen zuverlässigen Schutz bieten. An den Wohnungen aller besser Situierten sind diese Türen reich geschnitzt. Das am häufigsten verwendete Motiv war hierbei der Büffelkopf. Eine interessante Abweichung hiervon zeigte die Ornamentik einer von mir gleichfalls in Lemo erworbenen Haustür, deren Schnitzwerk vier geschickt zu einem Ganzen verbundene Sangóris, in Kulaxvi »pararúnki« genannt, darstellte. Um solche Türen aus den Häusern zu entfernen, war es notwendig, mindestens einen ihrer Drehzapfen abzusägen. — Die Leute sind übrigens sehr stolz auf solche Haustüren und entschließen sich nur schwer zu ihrer Veräußerung. Als ich eine gekaufte Tür herausnehmen ließ, erklärte die Hausfrau weinend, sich von ihrem Manne trennen zu wollen. Hoffentlich besann sie sich später noch eines Besseren.
Die Bewohner von Kulawi unterschieden sich auffällig von denen des Mewe-Tales. Sie waren im Vergleich mit diesen klein und zierlich, schienen aber gewandter und intelligenter. —
Beschneidung durch Incision mittels eines Bambusspanes und Deformierung der Gebisse gehören in Kulawi wie überall in Central-Celebes zu den unerläßlichen Eingriffen.
Lemo — Lindu-See, den 21. November.
In Begleitung des Inlandsassistenten brachen wir zeitig auf, um eine Exkursion nach dem im östlichen Gebirge liegenden Lindu-See anzutreten. 9 Mann Militär nebst 22 Trägern mit den Sammlungen marschierten auf direktem Wege nach Palu ab. Der Sergeant und 5 Soldaten begleiteten mich zum See. Über den kleinen O-Fluß hinweg kamen wir anfangs durch ausgedehnte Kampongs und reich angebaute Gefilde. Von hier und dort tönte mir dabei Fuja-Gehämmer an das Ohr. Bald verließen wir den großen Weg und wandten uns den nordöstlich gelegenen Bergen der Sibarónga-Kette zu. Eine gute Stunde lang stiegen wir in steilen Serpentinen schattenlose Lalanghügel hinan, bis die Waldgrenze erreicht war. Der Sonnenglut waren wir dort zwar entrückt, hatten diese Annehmlichkeit aber mit der jämmerlichen Beschaffenheit des Waldpfades erkauft. Die bereits im Monat November fast alltäglich fallenden Regen hatten das Gestrüpp des Waldes leider schon allzu üppig emporschießen lassen; der Fußweg aber war als einzige Abzugsrinne der Regenbäche unter Bildung zahlreicher Löcher tief ausgewaschen. Der auf schlüpfrigem Lehmboden schroff in die Höhe führende Pfad war vom Dickicht verdeckt, und der tastende Fuß strauchelte daher auf diesem Steige nur allzuoft und geriet häufig in eine der wassergefüllten Lehmpfannen. Nach ¾ Stunden begann der Wald lichter und der Weg entsprechend besser zu werden. Gegen 10 Uhr standen wir bei rund 1400 m auf dem höchsten Punkte des Sibarónga-Rückens, umgeben von majestätischer Waldespracht. Hier oben begann eine von Lindu heraufgeführte halbfertige Weganlage, so daß die Wanderung zum See hinab beträchtlich angenehmer zurückzulegen war. Eine knappe Stunde genügte zur Erreichung der Altseefläche. Der beiderseits von Wald flankierte Seeboden lief in einen schmalen, sich aber rasch verbreiternden Talzipfel aus. Leider endete im Talgrunde auch der im Bau begriffene Weg, so daß wir die nächste halbe Stunde abermals einem Buschpfade nachzugehen hatten, der über morastigen Boden auf eine freie Fläche hinausführte. Mitten auf derselben lag das von Mais- und Zuckerrohrpflanzungen umgebene Lindu-Dörfchen Búro.
Im Centrum der am Südende des Sees befindlichen Niederung völlig reizlos gelegen, machte diese aus kaum einem Dutzend kleiner Hütten bestehende Siedelung einen nicht gerade vorteilhaften Eindruck. Viel mochte hierzu ja auch das Fehlen jeglichen Baumschmuckes beitragen; denn außer neu angepflanzten Limonen- und Papayas gab es hier überhaupt keinen Baum, und die viel angebauten Pisangs (lóka) boten keinen Ersatz.
Vom See war von Búro aus noch keine Spur zu entdecken. Ein breiter Streifen Buschlandes schützte ihn vor profanen Blicken, und es sollte uns noch ungeahnte Mühe kosten, den Ausblick darauf zu erzwingen.
Die Bewohner Búros sind wie alle See-Anwohner als To-Kulawi zu bezeichnen. Der Mohammedanismus hat im Niederungsgebiet bereits beherrschenden Einfluß gewonnen und mehr als alles andere dazu beigetragen, alte Eigenart gründlich auszumerzen. Starke Anlehnungen an die bei der Palu-Bevölkerung geltenden Normen in Sitte und Lebensgewohnheiten sind bei allen Bewohnern der Seeniederung unverkennbar. Allein die recht verlumpt herumlaufenden Weiber trugen im Lindu-Gebiet noch braune Fuja-Bauschröcke und Fauxculs, Stirnbänder und Rotangfußbänder, wie es in Kulawi üblich ist. Als Schmuckobjekte von Wert tragen sie dazu bei festlichen Anlässen schwere Messingfußringe, deren Preis mit einem Büffel pro Paar fest normiert war.
Muschelarmbänder fanden sich in jeder Hütte. — Die Gesichtsbemalung beschränkte sich auf feine Doppelreihen schwarzer Punkte auf Stirne, Wange und Kinn.
Als ich, meinen Leuten weit voran, allein in Búro eintraf und spielende Kinder meiner zuerst ansichtig wurden, flüchteten sie unter großem Geschrei in die Hütten, worauf es im Augenblick im Dörfchen lebendig wurde. Heftig gestikulierende und übermäßig laut sprechende Männer, deren aufgeregtes Wesen seltsam gegen das zurückhaltende, gemessene Auftreten der Leute in Lemo abstach, eilten mir entgegen. Ihr Anführer sprach eindringlich auf mich ein, ohne daß ich ein Wort zu verstehen vermocht hätte. Da sonst kein geeigneter Raum vorhanden war, geleitete man mich zu einem Vorratsspeicher, unter dem ich mich auf schnell herbeigebrachten Matten niederließ, um hier auf meine Gefährten zu warten. Zur Restaurierung wurden mir Zuckerrohr und Pisang angeboten. — Eine merkwürdige Tätigkeit entfalteten sofort nach meiner Ankunft die Weiber. Erst hatten sie sich als echte Evatöchter noch in aller Geschwindigkeit mit Stirnbändern herausgeputzt, um sich sodann in größter Hast daranzumachen, den Untergrund und die Umgebung der Hütten sauber zu fegen. Diese ungewöhnliche Wirkung meines Erscheinens hing mit einer Gouvernements-Verfügung zusammen, die es den an Reinlichkeit nicht gewöhnten Eingeborenen zur Pflicht machte, Wohnungen und Dorfplatz stets in stand zu halten. Die Befolgung dieser zur Besserung der sanitären Verhältnisse gerade am Lindu-See sehr notwendigen Maßregel wird von Zeit zu Zeit durch den in Lemo stationierten Inlandsassistenten nachgeprüft, und wer die Leute auch nur flüchtig kennengelernt hat, versteht, daß sie einen heiligen Respekt vor solchen Visiten haben. Auch hinter meiner Ankunft vermuteten sie eine Revision, und so erklärte sich der ungewohnte Betätigungsdrang. Zu ihrer Arbeit bedienten sich die Frauen sehr sonderbarer, noch unpatentierter Werkzeuge, nämlich der Beckenknochen und Schulterblätter von Büffeln, die, durchbohrt und an Holzgriffe geschnürt, sowohl als Spaten wie als Schaber und Schaufeln benutzt wurden. — Sofort nach dem Eintreffen meiner Leute wurde der Weitermarsch zum See unter Führung des Häuptlings von Búro angetreten. An einer Wegkreuzung nahe beim Dorfe war ein Fetisch errichtet. Die Puppe aus Arengfasern nach Art der bereits beschriebenen Krankheitsscheuchen war gleichfalls mit Fuja-Attributen ausgestattet, zeigte aber sonst erhebliche Abweichungen. Sie war an der Mitte eines starken Bambuspfahles befestigt, der an seinem oberen Ende auf Handlänge in dünne Streifen gespalten und durch Ausbiegen derselben zu einem trichterförmigen Behälter umgearbeitet war. Den Schädelteil der Figur hatte man oben ausgehöhlt, damit es dem bösen Geist möglich sei, in die Puppe hineinzufahren. Die in Tabak, Sirih und einem Ei bestehenden Opfergaben wurden in den die Stelle eines Tischchens ersetzenden Trichter gelegt (s. Fig. 311).
Der Pfad zum Seegestade begann kurz hinter dem Dorfe eine Beschaffenheit anzunehmen, die aller Beschreibung spottet. Trotz gewagtester Sprünge versank man dabei knietief im Morast, so daß ich es bald aufgab, nach einem Wege zu suchen, wo eben keiner war. Stumpf ergeben stapfte ich gleich meinen Begleitern durch den grundlosen Schlamm. Nach ¾ Stunden war der am Seerande gelegene aus 3 erbärmlichen Bambushütten bestehende Rastplatz Lángko erreicht. Über und über mit Schmutz bespritzt und nach Darangabe eines Stiefelabsatzes nahm ich von einer derselben Besitz.
Dieses Lángko, von dem man behauptet hatte, daß es am See läge, soll vor Jahren einmal eine Dorfanlage gewesen sein. Gegenwärtig war das Terrain völlig versumpft. Vom Lindu-See aber war auch hier absolut nichts zu sehen. Nach welcher Richtung hin auch das Auge suchend über die Schilfwüste schweifte, der See hielt sich verborgen. Trotzdem war er uns nahe, nur verdeckt durch hohes Rohr, über welches hinweg lediglich die an seinem jenseitigen Ufer sich erhebende Ngilaláki-Kette sichtbar wurde.
Nach einem kleinen Imbiß bestand ich darauf, an diesen so hartnäckig unsichtbar bleibenden See geführt zu werden. Kanoes gab es in Lángko nicht; es wurde also beschlossen, mit wenigen Leuten nach dem am Westufer gelegenen Kampong Antja aufzubrechen und von dort aus den Rückweg nach Lángko über den See per Boot anzutreten.
Ein Marsch wie der von Búro nach Lángko wiederholte sich, als wir uns um zwei Uhr auf den Weg machten. Einer vollen Stunde bedurfte es, um das greifbar nah scheinende Randgebirge der Altseefläche zu erreichen. Dort angekommen, überkletterten wir eine in den See vorspringende bewaldete Bergzunge, und hinter dieser lag dann endlich der Spiegel des Lindu-Sees offen vor unsern Augen.
Dieser kleinste der Binnenseen des centralen Celebes erinnerte mich durch die Konturen seiner ziemlich gleichförmig verlaufenden Ufergebirge an den Starnberger See meiner bayrischen Heimat. Die Längsrichtung des Seebeckens zwischen den in unregelmäßigen Bogen verlaufenden Uferlinien geht von Norden nach Süden. Im Westen und Osten treten die Gebirge dicht an den See heran. Der höchste Gipfel der östlichen Kette ist der Ngilalaki, der von unserem Standort aus recht bedeutend erschien. Bei einer Meereshöhe von rund 900 m soll die Länge des Sees 8 km, seine Breite 4–5 km betragen.
Der Kampong Tomádo, den wir zunächst erreichten, bestand aus 2 Reihen ärmlicher Hütten, die unter schattigen Bäumen auf hohen Pfählen ruhten. — Einen ungewohnten Anblick boten größere Pferdekoppeln auf der sanft ansteigenden See-Ebene beim Dorfe. Die Pferdezucht wird in den Seeniederungen ziemlich intensiv, aber unrationell betrieben. Die von Palu her importierten Pferde bleiben das ganze Jahr sich selbst überlassen. Sie kennen weder Pflege noch Stall. Offene Schuppen in der Nähe der Ortschaften gewähren ihnen notdürftig Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Frei schweifen sie Tag und Nacht in den Seegründen umher, wo die harten Schilf- und Wiesengräser ihre ausschließliche Nahrung sind.
An sonstigen Haustieren kommen außer den in großer Zahl gehaltenen Büffeln fast nur noch kleine, fuchsköpfige Hunde sowie Geflügel vor, Schweine höchstens noch bei einzelnen heidnisch gebliebenen Familien.
Etwas weiter westlich, nahe bei Tomádo lag auf einem Gebirgshange der Kampong Antja, eine der bedeutenderen alten Ansiedelungen in der See-Ebene, die sich sowohl durch ihre landschaftlich reizvolle Lage, als durch ansehnlichere Größe auszeichnete. In Antja fand ich einen Blockhaustyp vor, der sich bei aller Ähnlichkeit mit der Kulawi-Bauart genügend davon unterschied, um als eigener Lindu-Typ gelten zu können. Wie in Lemo stehen die Häuser auf hohen Rosten aus Rundhölzern; doch liegen die Hölzer einer Schicht rechtwinklig zu denen der folgenden, so daß ein Gitterrost statt eines kompakten Holzstoßes entsteht. Die Oberbauten bestehen aus geschlossenen Wänden mit leicht eingesattelten Dächern aus Gras oder Schilf. Diese springen an den Giebelseiten genügend weit vor, um auch noch über einen Verandavorbau hinwegzuragen. Zu diesem führt dann die Kerbtreppe hinan. Die Giebel laufen oben in 3 Enden mit durchbrochener Schnitzarbeit aus.
Ethnographisch gab es am Lindu-See sehr wenig zu holen. Mit dem Vordringen des Islam sind viele altgewohnte Gebräuche gänzlich abgeschafft worden oder verflachten. Auch haben sich die ehedem gefürchteten Kopfjäger rasch den geregelten Verhältnissen unter der holländischen Regierung angepaßt. Was sie früher an Waffen und Kriegsschmuck besaßen, war lange dahin und ihnen abgenommen und vernichtet worden. — Leider auf kein Gebot erhältlich war ein prächtiges altes Schwert mit Kahn-Scheide und Klaff-Griff. Letzterer war mit einem Strang Menschenhaar und eingeknüpftem Federschmuck, die Scheide aber mit langen roten Bändern und Quastenbehang ausgestattet. Derartige sehr selten gewordene Waffen gelten am Lindu als Talismane bei gewissen Erkrankungen. In solchen Fällen umgürtet sich der in seine besten Gewänder gehüllte Kranke mit einem dieser Schwerter und begibt sich vor Sonnenaufgang zum Seeufer, um dort zu den Dewátas zu beten und ihnen Sirihopfer darzubringen, hernach aber im heiligen Wasser des Sees zu baden. So getan, pilgert er hoffnungsfroh nach Hause. — Es ist dies ein alter Posso-Brauch, der sich merkwürdigerweise nach dem Lindu-See verpflanzt hat.
Die Rückkehr nach Lángko wurde, wie beschlossen, in 2 Booten quer über den See angetreten. Die Kanoes der Eingeborenen sind lange Einbäume mit rundem Boden und eigentümlich erhöhten Plattform-Anbauten an beiden Enden, auf welchen der Steuermann, bzw. 1–2 Ruderer Platz nehmen. Von irgendwelchem Zierat an diesen Booten konnte ich nichts entdecken, ebensowenig an den kurzstieligen, aber mit langen Schaufeln versehenen Rudern. Ich fühlte mich in dem schwankenden Fahrzeug, in dem sich die Passagiere, einer hinter dem anderen in höchst unbequemer Stellung hockend, beileibe nicht rühren durften, nicht gerade behaglich und suchte in der Versicherung meiner Begleiter Trost, daß es im Lindu-See keine Krokodile gebe. An Fischen soll er dagegen reich sein, ebenso an eßbaren Muscheln.
Die steil abfallende Westküste mit schönem baumbestandenen Kiesstrande und saftigen Bergwiesen dahinter bot einen schönen Anblick. Das Bild änderte sich leider in der Nähe des Altseegebietes an der Südwestecke, wo uns unübersehbare und undurchdringliche Schilfmauern zu weitem Ausbiegen zwangen. Dieser Rohrgürtel barg einen ungeahnten Reichtum an Sumpf- und Wasserwild. So bemerkte ich zweierlei Enten, Wasserhühner in mehreren Arten, Taucher, Kormorane, Schlangenhalsvögel, Reiher, Ibisse, Störche, Rallen, Bekassinen und Seeschwalben. Auch Raubvögel lebten hier einen guten Tag. Die Wasservögel zeigten sich wenig scheu und ließen uns dicht herankommen, ohne abzustreichen. In der See-Ebene sollen auch zahlreiche Hirsche und in den Waldgebirgen Anoa und Babirusa leben.
Weite Flächen des Seespiegels waren mit einer prächtigen hochstieligen Wasserrose vollkommen bedeckt. Die Riesenblätter einer anderen Wasserpflanze wurden von den Eingeborenen, wie sie mir vordemonstrierten, als Gemüse genossen.
Nahe am Südwestufer ragte aus dem See eine kleine bewaldete Felseninsel mehrere Meter hoch heraus, von den Eingeborenen Bola genannt. Meinem Verlangen, dorthin gerudert zu werden, wurde jedoch unter allen möglichen Vorwänden Widerstand entgegengesetzt. Es hieß, die Insel sei ein unbewohnter Fleck Erde, den sich die Geister als Wohnsitz auserkoren hätten, und der deswegen bei allen See-Anwohnern als heilig gelte. Auf der Insel befände sich ein Lobo, in dem zu gewissen Zeiten religiöse Feste gefeiert würden. Nur bei solchen sei es gestattet, die Insel zu betreten. — Da mir auch der Inlandsassistent anriet, von meinem Vorhaben abzustehen, verzichtete ich auf einen Besuch des Eilandes.
Soweit es möglich war, wurden jetzt die Kanoes durch das Blättermeer der Seerosen an den Schilfgürtel herangedrückt, und durch einen vorher nicht bemerkten, kaum bootsbreiten Kanal fortgeschoben. Schließlich aber saßen wir unverrückbar fest und mußten aus den Fahrzeugen springen, um durch den Sumpf zu waten, bis wir auf schmale Dämme stießen, auf denen wir unsere Hütten erreichten. Ich für meine Person hatte genug von Lindus Herrlichkeiten und würde schwerlich ein zweitesmal diese Gegend aufsuchen.
Angeblich sollte es am See keine Moskitos geben — eine fromme Legende, die ich leider zerstören muß. War ich auch persönlich durch mein Netz etwas geschützt, so wälzten sich doch meine Begleiter von Stichen gepeinigt ruhelos auf ihren Lagern und quittierten durch häufiges Klatschen und kräftige Verwünschung. An Schlaf war übrigens bei dem tausendstimmigen Froschkonzert ohnedies nicht zu denken, so daß sich diese Nachtruhe am See all den andern Lindu-Spezialitäten würdig anschloß.
Lindu — Túwa, den 22. November.
Kaum jemals habe ich einem Ort mit solchem Vergnügen den Rücken gekehrt als diesem Sumpfnest. Der Inlandsassistent verabschiedete sich heut früh, um sich auf dem gekommenen Wege wieder nach Lemo zurückzubegeben. Wir anderen schlugen einen neuen, aber nichts weniger als besseren Weg ein, der uns über das Gebirge nach Palu, und damit dem letzten Ziele meiner Reisen entgegen führte.
Über Bruch und Sumpf folgten wir am Rande der Altseefläche längere Zeit einem Bachlaufe als Weg, um dabei schließlich in eine solche Wildnis zu geraten, daß die vorausgesandten Leute erst einmal Breschen durch die 4–5 m hohen Binsenwände schlagen mußten. Im Bereiche der Bergwälder drangen wir später mitten durch den Busch, wobei sich unsere Führer mit erstaunlicher Sicherheit zu orientieren verstanden. Über Gebirgslehnen und durch Schluchten kamen wir nach reichlich 2 Stunden zum Flüßchen Saluang, dessen Bett uns 4 weitere Stunden bis nahe zur Einmündung in den Miu-Fluß einen Pfad ersetzen mußte. Nach ausgiebigen Regenfällen schwillt das Flüßchen, wie Schlamm- und Geröllablagerungen zeigten, um 3–4 m an und wird dann zu einem reißenden Bergstrome, der mit ungeheurer Gewalt durch die Klamm dahinbraust, die Ufer untergräbt, Erdrutsche verursacht und starke Bäume entwurzelt. In den Engpässen stauen sich die mitgerissenen Opfer und bilden dort aus Stämmen und Ästen, Schutt- und Geröllmassen förmliche Barrikaden, deren Überkletterung keine geringe Mühe war. Ein Umgehen solcher Hindernisse ist in den schmalen Cañons mit ihren fast senkrechten Felsenwänden nur in seltenen Fällen möglich.
Endlich trat das Gebirge zurück und wurde niedriger, und der Saluang floß in breiterem Bett durch den Wald. An den Ufern wuchs häufig eine Palme mit großen Traubenbündeln grüner Früchte in etwa Nußgröße. Diese »sarau« genannten Palmen wurden von unseren Lindu-Begleitern regelmäßig geplündert. Sie benutzten die Früchte als Ersatz für die im Lindu-Gebiet nicht vorkommende Arekanuß. —
Kurz nach 2 Uhr stießen wir auf den von Kulawi nach Palu führenden Hauptweg, welcher den Saluang kreuzt. Die pfadlose Wildnis lag nun endgültig hinter uns, und bereits eine halbe Stunde später kamen wir in Túwa an, dem letzten Kulawi-Dorf auf unserem Wege nach Palu.
Das Walddörfchen Túwa in 305 m M. H. liegt bereits in den die Palu-Ebene abschließenden Gebirgsausläufern, und nur noch 3 Tagemärsche trennten uns von der Küste. Eine Art Heimkehrfieber, wie es sich nach längerem Verweilen im Innern fast regelmäßig einstellt, machte sich jetzt bei uns allen geltend. Die Soldaten waren sehr aufgeräumt, die Boys lachten und scherzten, und auch mir erschien die Welt in freundlicherem Lichte.
Als ersten Vorboten der in die Nähe gerückten Genüsse höherer Zivilisation nahm ich das einfach ausgestattete Fremdenhaus in der Nähe des im Walde versteckten Dörfchens Túwa. Bei meinen im Verlaufe der letzten Wochen auf das bescheidenste Maß reduzierten Ansprüchen kamen mir ein paar in diesem vorgefundene Rohrstühle und eine Hängelampe schon beispiellos luxuriös vor.
Im Dorfe selbst gab es nichts irgendwie Bemerkenswertes zu sehen. Die Bewohner sind bereits alle zum Islam übergetreten und unterscheiden sich kaum mehr von den paluesischen Mohammedanern.
Túwa — Sakédi, den 23. November.
Es war ein Glück, daß sich meine Reise ihrem Ende nahte. Der Regenmonsun setzte mit aller Macht ein, und von den Verheerungen, welche die niederstürzenden Wassermengen auf Wegen und Stegen anrichten, sollten wir auf unserem Weitermarsch noch Proben zu sehen bekommen. Die ganze verflossene Nacht hatte es fast unaufhörlich geregnet. Wenn das so weiterging, mußten binnen kurzem alle Gebirgssteige im Innern völlig ungangbar werden. — Auf dem Wege zur Palu-Ebene lagen noch eine Reihe das östliche und westliche Hauptgebirge verbindender Bergketten, doch waren nur unbeträchtliche Steigungen zu überwinden.
Noch fielen schwere Tropfen von allen Bäumen, und schwarze Wolkenballen flohen, vom Winde gejagt, ostwärts, als wir unseren letzten Marsch durch das Waldgebirge antraten. Durch prachtvollen Hochwald gelangten wir an den Silócki, einen Nebenfluß des Miu. Hier begann ein greulicher Weg über einen höheren Bergrücken. In dem ansteigenden Hohlwege hatte das Unwetter der letzten Nacht fürchterliche Verwüstungen angerichtet. Der angelegte Weg war völlig weggeschwemmt und in ein grundloses Schlammbett verwandelt worden, in dem nachgestürzte Schuttmassen und mitgerissene Bäume ein schauerliches Chaos bildeten. Um vorwärts zu kommen, mußten wir erst mit den Messern einen Tunnel durch das Astwerk schlagen.
Auf der Höhe angelangt, betraten wir ein kleines Grasplateau, auf dessen undurchlässigem Tonboden das Regenwasser kleine Seen gebildet hatte. Auch weiterhin waren die Spuren des Unwetters noch überall ersichtlich; mancher Brückensteg war weggerissen und der Weg auf weite Strecken zerstört.