Nach wenigen Minuten kamen wir an dem Biwak des bereits aufgebrochenen Militärs vorüber, durchquerten dann eine Sawa-Niederung und ritten auf gutem Wege mehrere Stunden über anmutiges Hügelgelände mit eingestreuten Kulturflächen. Bei Ara, einem einsamen Biwakplatze am Fuße des Waldgebirges, überholten wir die hier rastenden Soldaten. — Von einem uns begegnenden jungen Mädchen erhandelte ich ein Paar einfacher aus Holz geschnitzter Ohrpflöcke mit Stanniolumkleidung. — Der Pfad führte bald steiler den Napu und Besoa trennenden Gebirgsrücken hinan. Über savannenartiges Vorgelände kamen wir in den Wald. Die Bewältigung der steil ansteigenden Lehnen machte den Pferden große Mühe. Gegen 11 Uhr hatten wir die Höhe des Gebirges erreicht und ritten nun gemächlich und von prächtigem Hochwalde umgeben, auf Serpentinen Besoa entgegen, das wir nach weiterem einstündigen Ritt vor uns liegen sahen.
Das Hochtal von Besoa, das an Ausdehnung weit hinter Napu zurückbleibt und bei etwa 2½ Stunden Länge nur gegen eine Stunde Breite mißt, übertrifft letzteres dafür an landschaftlicher Schönheit. Hohe bewaldete Mittelgebirge umgrenzen allseitig das wasserreiche, fruchtbare Tal, das zu den reichsten Kulturgebieten der Insel zählt. Daß den Talbewohnern materielle Sorgen fremd sind, zeigt sich bereits äußerlich in ihren schönen, stattlichen Häusern, ebenso wie in der malerisch bunten Tracht und dem reichen Schmucke der Frauen.
Die Entstehung des Besoa-Beckens soll auf das Versiegen eines Sees durch katastrophale Ursachen zurückzuführen sein, und die in gleicher Höhe rings um die Besoa-Senkung herumlaufenden, mit Sand und Geschiebe bedeckten Terrassen scheinen dies zu bekräftigen. Auf diesen amphitheatralisch ansteigenden Böschungen, die ich wegen Zeitmangels leider nicht in der Nähe besichtigen konnte, sollen sich Steinbilder ähnlich dem von Watutau, aber stark verwittert und fast unkenntlich geworden, in größerer Zahl befinden. — Die Lage der Ortschaften verrieten uns die nahe an der Peripherie der Talfläche zerstreut liegenden Kokoshaine.
Im Talgrunde angelangt, ritten wir vor dem Aufsuchen unseres Standquartiers Doda noch verschiedene Ortschaften ab. Das erste erreichte Dorf hieß Bariri und war von stattlicher Größe. In Besoa war zur Zeit die Reisernte in vollstem Gange, und alle Hände hatten auf den Feldern zu schaffen, — ein Umstand, der meinen Sammelbestrebungen sehr hinderlich war. Wir vermochten in Bariri nur eine Anzahl zu Hause gebliebener älterer Frauen aus den Hütten zusammenzutrommeln. Bereitwillig brachten sie alles Verkäufliche herbei. Das Beste darunter waren prachtvolle Ohrgehänge, von denen ein besonders schönes Paar Ohrpflöcke mit Messingzieraten und daran baumelndem roten Quastenbehang mein Entzücken erregte. Die wunderschön bemusterten Kopfringe und die breitrandigen, spitz zulaufenden Frauenhüte mit leuchtend farbiger Fuja-Rüsche bekrönt, waren für Besoa so durchaus charakteristisch, als die übrige kokett farbenfrohe Kleidung der Landestöchter. In Napu hatte beim weiblichen Teil der Bevölkerung auch in der Festtracht noch die Fuja-Gewandung vorgeherrscht; und eingeführte Stoffe waren wohl begehrt, aber verhältnismäßig spärlich vertreten. In Besoa dagegen waren es die Baumbastkleider, welche stark in den Hintergrund traten. Ihr Gebrauch blieb auf den Werktag beschränkt. Die jüngere Generation bevorzugte lichte gewebte Stoffe, glücklicherweise unter Beibehaltung der landesüblichen kleidsamen Formen. Die blau-weißen, knapp bis zur halben Wade reichenden gerafften Tunikaröcke sahen ungleich gefälliger aus, als die in Napu noch getragenen nachschleppenden Fuja-Krinolinen. Die hellen Farben der Gewänder im Verein mit dem heitern Sinn der Besoaner paßten vorzüglich zur Lieblichkeit der Natur dieses Tales. Die äußeren Bedingungen zur Erhaltung lokaler Eigenart sind hier ungefähr die gleichen wie in Kulawi, mit welchen Besoa mehr Verwandtes hat, als mit den unmittelbaren Nachbarländern Napu und Bada.
Von Bariri aus ritten wir nach dem Kampong Lembe, wobei die ganze Talbreite zu durchqueren war. Höchst anziehende, froh bewegte Bilder entrollten sich dabei vor unseren Augen, und ich wurde es nicht müde, diesen Hunderten auf den Feldern arbeitenden Menschen zuzusehen. Zur Ungewöhnlichkeit der ganzen Umgebung trugen insbesondere die auf hohen Gerüsten errichteten Wachhüttchen bei, die auf den Feldern allenthalben zu sehen waren. Sie bestanden aus schwanken Gestellen, auf denen man winzige Plattformen angelegt hatte, die zum Schutze gegen die Sonne mit einer verstellbaren Atapwand ausgerüstet waren. Auf diesen Kanzeln hocken, solange die Fruchtreife und Ernte des Reises währt, Tag für Tag halbwüchsige Burschen oder Mädchen, deren Aufgabe es ist, die in Wolken von Tausenden u. aber Tausenden schwärmenden Reisfinken vom Einfall in die Felder abzuhalten oder zu verscheuchen. Hierzu bedienen sich die Wächter eigentümlicher Vorrichtungen. Die eine besteht in einer langen Bambusgerte, die durch Verlängerung mittels angeknüpfter biegsamer Rotangausläufer zu einer riesigen Geißel umgestaltet wurde. Mit diesem Abwehrinstrument fuchtelt der Feldhüter bei jedem Heranschwirren der gefürchteten kleinen Reisdiebe unter lautem Geschrei, wie besessen über den Ähren herum. Zur besseren Handhabung der Peitsche ist an das Ende der Geißelschnur ein beschwerendes Holzstückchen oder ein Steinchen gebunden. — Viel komplizierter und daher meist den geduldigeren älteren Frauen überlassen ist die Handhabung der zweiten Vorrichtung, die aus Klappern besteht, welche über das ganze Feld verteilt und durch Schnüre untereinander wie mit der Centrale auf luftiger Höhe verbunden sind. In diesem Netzwerk von Fäden kauert die Hüterin als wachsame Spinne, die es in der Hand hat, mit einem Rucke alles Getier in ihrem Bereich zu erschrecken. Als drittes Abwehrmittel der Vögel sind sehr eigenartige hölzerne Schleudern (pisóe) in Gebrauch. Mit solchen ausgerüstete Knaben haben entferntere Feldteile abzupatrouillieren und verstehen es, dort etwa eingefallene Vögel mit gutgezielten Steinwürfen zu verjagen.
In Lembe angelangt, fanden wir auch dieses Dorf menschenleer und nur zwei alte Sklavinnen als einzige Hüterinnen des Ortes. Dieser Kampong nannte einen Lobo sein eigen, dessen Charakter außen nur die geschnitzten Echsen, sowie eine riesige Alarmtrommel im Innern verrieten. Unverrichteter Dinge verließen wir Lembe, um uns nun dem Endziele unseres Rittes, dem Hauptdorfe Doda, zuzuwenden. Auf dem Wege dahin sah ich einen auf dem Felde arbeitenden Mann mit einem der sonderbaren, an einen Hermeskopf erinnernden Vogelhüte, wie ich sie bereits vom Posso-Gebiet her kannte. Er wurde herbeigerufen, und es zeigte sich nun, daß sein Kopfputz aus einer Rotangmütze bestand, die mittels zweier kunstgerecht darübergestülpter Elsternbälge so wunderlich ausstaffiert war. Diese »dernière création de Besoa« konnte ich nicht entbehren; aber der auf seine Erfindung stolze Besitzer wollte sich trotz alles Zuredens nicht davon trennen. Erst als er mir in richtiger Erfassung der Situation ein sehr reichlich bemessenes Preisangebot entlockt hatte, willigte er in dessen Verkauf.
Über sumpfige, unsichere Feldwege hinweg erreichten wir schließlich den durch die Längsmitte des Tales führenden Hauptweg und bald darauf Doda, wo ich das Fremdenhäuschen von meinen Soldaten besetzt fand. Das etwas gespannte Verhältnis, das zwischen mir und meiner Eskorte bestand, führte aus diesem Anlasse zu einer Auseinandersetzung, die damit endete, daß die Leute nach dem geräumigen Lobo des Dorfes übersiedelten. Den Sergeanten behielt ich zurück und nahm ihn ernstlich ins Gebet. Dabei kam ich endlich der Sache auf den Grund, welche die Veranlassung zu dem bisherigen Verhalten des Mannes gegeben hatte. Dieser Sergeant hatte ein Atom Mischlingsblutes in sich, was ihm kein Mensch anzusehen vermochte. Außerdem aber sprach der Mann — bei Malayen eine große Seltenheit — geläufig holländisch, und Herr Hauptmann M. in Posso hatte ihm in meiner Gegenwart seine Instruktionen in holländischer Sprache gegeben. Ich hatte damals Wichtigeres im Kopfe gehabt, so daß mir dieser Umstand nicht weiter aufgefallen war. Während der verflossenen Tage nun hatte ich mit dem Sergeanten stets malayisch gesprochen, und jetzt stellte es sich heraus, daß sein sensibles Gemüt es als Kränkung empfunden hatte, wenn ich ihn statt holländisch immer in seiner Muttersprache anredete. Ich war starr! Immerhin aber war es mir nun ein leichtes, den in seinen heiligsten Gefühlen Gekränkten zufriedenzustellen; wir schieden als gute Freunde und blieben es auch bis zum Ende der Reise.
Kaum in Doda angekommen, verabschiedete sich Herr t. K. von mir, um zu meinem Befremden in der engen Hütte des Guru zu nächtigen. Ich fürchte, er hat mir die entführten Lobo-Schemel noch immer nicht verziehen. — Doda mit seinen stattlichen Häuserzeilen und reinlichen Plätzen machte auf mich einen recht guten Eindruck. Die Gebäude zeigten in ihrer Bauart den Napu-Typ, sahen jedoch freundlicher als diese aus, da ihre Dächer nicht so weit herabreichten, so daß seitlich etwas Licht einfallen konnte. Teilweise waren sie auch mit hohen Veranda-Vorbauten ausgestattet. Besondere Sorgfalt fand ich auf die Schnitzereien der Firstenden verwandt. Auch die aus den Dachrändern vorspringenden Zierleisten, die gleich denen in Napu phantastische Tiermotive darstellten, waren in Doda reicher ausgestaltet und außerdem gegabelt. Besonders auffällig war mir dabei die sonst nirgends mehr angetroffene Sitte, dieselben in ganz eigener Art mit aufgesetzten hölzernen Vogelfigürchen zu schmücken. Diese sinnigen Schnitzereien erinnerten mich an ähnliche Vogeldarstellungen, wie ich sie im Dorfe Tóndong in den Toradja-Landen gefunden hatte.
Die Bewohner des Ortes waren auffallend zurückhaltend. Obschon ich dem Dorfvorsteher meinen Wunsch bekannt gegeben hatte, Gegenstände aller Art anzukaufen, erfolgte auch nicht ein einziges Angebot. Als ich daraufhin die Leute später in ihren Hütten aufsuchte, fand ich sie wider Erwarten durchaus geneigt, mir jedwedes gewünschte Stück zu überlassen. — Wie in Bariri erwarb ich auch in Doda besonders schöne Ohrgehänge. Gewöhnlich waren die beiden Ohrscheiben mit einer Perlenkette verbunden, die beim Tragen um den Nacken gelegt wird. Eine weitere Spezialität Besoas waren Armspangen aus Büffelhaut, die aus dem Fußgelenk der Tiere herausgeschnitten werden. Ein einziger, stehengelassener Haarbüschel daran wird rosarot oder blau gefärbt. Diese »lóku« genannten originellen Schmuckstücke der jungen Mädchen sind Liebesgaben ihrer Anbeter. Die Fellstreifen sind auf einer Seite mit einem Einschnitt, auf der anderen mit einem Knoten versehen, der, durch jenen gezogen, den Verschluß bildet. — Im frischen Zustande angelegt, schrumpfen sie durch Eintrocknen bald soweit zusammen, daß sie nur noch durch Aufschneiden entfernt werden können.
Das Gegenstück zu diesen lóku sind aus den Haaren der Liebsten geflochtene zierliche Schnüre, deren Enden mit einem Verschlußknopfe, den eine oder zwei Perlenquasten schmücken, geschlossen werden. Diese Halskettchen (welúa) werden von dem Mädchen dem Bräutigam verehrt. Daß ich solche Welúa trotzdem in Mehrzahl erwerben konnte, spricht dafür, daß die Wandelbarkeit der Männerherzen auch in Besoa zu den ewigen Wahrheiten gehört. — Eine 3. Art von Schmuckgegenständen, die in dem Liebesleben der Besoaner eine Rolle spielen, sind Fingerringe, die aus dem harten Kern der Arengfrucht geschnitten werden. Man nennt diese Geschenkringe »sisikale kónta« (Arengringe).
Bei vielen Männern fiel mir der sonderbare Schnitt des Haupthaares auf, das im Nacken in lange Simpelfransen auslief. — Runde geflochtene Deckelkörbe (póhu) als Reisbehälter, sind in dieser Form nur in Besoa zu finden. Ebenso verhält es sich mit den ungewöhnlich gefällig aussehenden Rückenkörben der Frauen (róta). — Importierte lose Perlen werden nirgendwo in geschickterer Weise zu Schmuckobjekten umgearbeitet als hier, und die höchst aparten breiten Stirnbänder (tatáli oder tali lawólo) gehören zu den geschmackvollsten Erzeugnissen weiblicher Handfertigkeit. Sie sind bei den Frauen so beliebt, daß man sich ihrer bereits auch in Bada und Kulawi zu bedienen anfängt. Ebenso verhält es sich mit den höchst kleidsamen, malerischen Sonnenhüten der Frauen (s. Taf. XIV). Drollig wirkt es, wie eins der beiden photographierten über Land reitenden Mädchen seinen kunstvoll gearbeiteten Kopfring, der zur Vervollständigung der Toilette gehört, dem Schattenhute übergestülpt hat, um ihn am Bestimmungsorte sofort zur Hand zu haben.
Schon vor Antritt meiner Reisen ab Paloppo getroffene Vereinbarungen zwangen mich, den am 28. November in Donggala fälligen Anschlußdampfer zu benutzen, und ich durfte daher keinen Tag Zeit verlieren. Aus diesem Grunde hatte ich auch heut mit dem Sergeanten den Weitermarsch für den folgenden Tag verabredet. Unserer Vereinbarung gemäß sollte das Militär mit den mein Hauptgepäck transportierenden Trägern nach Gintu, dem entferntest gelegenen Kampong der Bada-Ebene, vorausmarschieren und mich dort erwarten. Ich selbst wollte mit meinen Leuten Abstecher nach den bedeutendsten Dörfern des Bada-Ländchens machen. Auch der nachgekommene Inlandsassistent von Watutau schloß sich an.
Doda — Lelio (Bada), den 12. November.
Das hohe, Bada und Besoa trennende Scheidegebirge ließ uns neue Anstrengungen gewärtigen. Um dabei wenigstens der größten Mittagshitze zu entgehen, hatten sich das Militär und die Kulis bereits um 3 Uhr des Morgens auf den Weg gemacht. Ich folgte ihnen mit meinen Begleitern um 7 Uhr. Über morastige Sawapfade und hügeliges Gelände kamen wir bald in die Berge und erreichten nach etwa 3 Stunden einen freiliegenden, vorspringenden Kamm, der uns einen letzten Scheideblick auf die liebliche Besoa-Landschaft ermöglichte. — Von hier aus setzten wir unsere Wanderung auf bewaldete Gebirgsrücken fort, wobei wir eine kurze Strecke sogar in der Höhenzone der Moosregion zurückzulegen hatten. Gegen ½1 Uhr traten wir auf eine Blöße heraus, von der sich uns wundervolle Blicke in die Schluchten des Besoa-Gebirges und bis nach Napu hin auftaten. Eine Ataphütte lud uns auf dem schönen Plätzchen nicht vergebens zur Rast ein. — Der Weitermarsch führte talwärts, und um die 2. Nachmittagsstunde hatten wir das Hauptgebirge hinter uns und ließen uns auf unbewaldeten Abhängen von der tropischen Sonne bestrahlen. Die 700–800 m hohen Vorberge fielen schroff zur Bada-Ebene ab. Diese stellt eine gewaltige Einsenkung dar, die rund 750 m über dem Meere liegt. Tektonische Störungen gehören in Bada auch in der Gegenwart noch zu den häufig vorkommenden Ereignissen.
Der Ausblick, der sich vom Rande des Gebirgseinbruches auf das tief unten liegende Bada bietet, gehört zu den großartigsten Panoramen des an landschaftlichen Reizen wahrlich nicht armen centralen Celebes. Das saftstrotzende Grün der Matten und das silberweiße Geäder der die Ebene durchströmenden Flüsse gaben zusammen mit den dunklen Felsmassen der zerklüfteten nördlichen Falten-Gebirge ein farbenprächtiges Bild. Als kompakte Wand mit fast geradlinigen Konturen erschien, undeutlich im schimmernden Sonnenglanze, die gegenüberliegende südlich streichende Centralkette, die im Koróru-Gebirge die stattliche Höhe von 3000 m erreicht.
Was da in der Tiefe vor uns lag, war also das vielberufene und verrufene Goldland Bada, das eigentliche Herz von Celebes. Friedlich wie eine arkadische Landschaft dehnten sich seine Gefilde, und freudetrunkenen Blickes umfaßte ich immer und immer wieder dieses Bild, — die Verwirklichung stiller Träume. — Der Abstieg zur Bada-Ebene auf losem Sande war recht schwierig. Der Steig folgte zumeist den Rinnen und Auswaschungen, wie sie bei heftigen Regengüssen entstehen, und führte daher direkt talwärts. Mehr rutschend als kletternd kam ich überraschend schnell auf der Talsohle an. Dort waren noch eine Reihe niederer, durch sumpfiges Wiesenland geschiedener Hügel zu überschreiten; dann, um 4 Uhr nachmittags, lag das erste Dorf Badas, der beherrschend auf einer Anhöhe liegende wallumgürtete Kampong Lelio, vor mir.
Die Bewohner des Dörfchens empfingen mich sehr freundlich und brachten mir sofort unaufgefordert mehrere bis auf die verschlossene Trinköffnung ausgeschälte Kokosnüsse zur Erquickung. Der Gebrauch, einem Gaste angebotene Trinknüsse erst vor dessen Augen völlig zu öffnen, soll diesem die Überzeugung beibringen, daß er keine Vergiftung zu befürchten hat. —
An diesen ruhig und höflich auftretenden Menschen mit sympathisch ansprechenden Gesichtszügen deutete nichts auf die Grausamkeit hin, die seltsam gepaart mit gutmütigen Charakter-Eigenschaften in den Seelen dieser in ganz Central-Celebes gefürchteten Kopfjäger schlummert. Die Unterschiede zweier beträchtlich divergierender sozialen Schichten traten übrigens auch im Habitus der Bada-Bevölkerung unverkennbar zutage. Ein ausgesprochen aristokratischer Typus von knapp mittelgroßer Gestalt, feinem Gliederbau, regelmäßig geformtem ovalen Schädel und fast geraden Augenbrauen unterschied sich augenfällig von den übrigen Eingeborenen mit größerem gedrungeneren Körperbau und eckigeren Gesichtszügen, der dem gewohnten Malayentyp viel näher kam.
Die Hütten Lelios, die im allgemeinen den in Besoa angetroffenen recht ähnlich, aber ohne jeden Zierat waren, standen eng gedrängt beieinander. Ihre Bedachungen bestanden ausnahmslos aus Schindeln. Seit Leboni nicht mehr angetroffene Tür-Vorbauten begannen in Bada wieder zur Regel zu werden. — Ich quartierte mich im Lobo des Dorfes ein. Die sich im Innern des Gebäudes an den Wänden entlang ziehenden Galerie-Plattformen waren ziemlich hoch angelegt, so daß ich sie, auf meinem Feldbette, davor sitzend, bequem als Tisch benutzen konnte. Im Hintergrunde des Lobo waren ganze Berge der bekannten Rotang-Fesselungsringe aufgehängt, deren Betrachtung düstere Bilder herauf beschwor von der jedem menschlichen Gefühle hohnsprechenden Marterung der Gefangenen, deren viele an demselben Pfosten, an den ich mich lehnte, ihren qualvollen Tod erwartet haben mochten. —
Eine Anzahl neugieriger, verstohlene Bemerkungen austauschender Frauen und Mädchen waren unter Führung des Häuptlingspaares zu Besuch gekommen. Kleine Geschenke lösten kinderfrohes Lachen und verlegenes Erröten aus. Auch nach europäischer Auffassung hübsche Gesichter waren unter ihnen durchaus nicht selten, und selbst die in Bada den Gipfelpunkt erreichende und beinahe larvenmäßig wirkende Gesichtsbemalung konnte diesen Eindruck nicht völlig verwischen. Am störendsten wirkten die blutroten zahnlosen Kiefer bei den Frauen, denen das Vordergebiß völlig ausgeschlagen war. — Der in Lelio verlebte Abend in Gesellschaft der meinen Erzählungen aus dem fernen Europa dankbar lauschenden To-Bada, die sich dafür später mit Vorführungen ihres Nationaltanzes »maheio« revanchierten, und dies im Anblick der im letzten Abendrot erglühenden Gebirge und der lieblichen Talebene, werden mir unvergeßlich bleiben.
Lelio — Bulili, den 13. November.
In dem dicht bevölkerten Bada liegen die zahlreichen Ortschaften nahe beieinander, und der heutige Tag war dem Zwecke gewidmet, möglichst viele derselben kennen zu lernen. Dem benachbarten Bomba galt unser erster Besuch, und gegen 8 Uhr morgens setzte sich der Häuptling von Lelio an die Spitze unseres Zuges, um uns dahin zu geleiten. Es ist in Bada allgemein Sitte, daß die Dorfhäuptlinge ihre Gäste persönlich bis zum nächsten Dorfe bringen, wo dann der dortige Häuptling das Beschützeramt übernimmt. Das bestimmende Motiv hierbei dürfte wohl hauptsächlich in dem Gefühl der Verantwortlichkeit für die Sicherheit des Besuchers liegen. Die Gastfreundschaft wird von den Eingeborenen sehr gepflegt, und Schande würde den Häuptling treffen, der seinen Gast Ungemach leiden ließe. Möglicherweise spielt auch das in Bada geltende Gesetz der Blutrache eine Rolle, das für ein am Gaste begangenes Unrecht das ganze Dorf verantwortlich macht. Im Verlaufe meiner übrigen Dorfbesuche wiederholte sich die besprochene Höflichkeit bzw. Vorsicht. Der neue Kabosenia übernahm jedesmal die Führung, wobei es sich die Häuptlinge der früher besuchten Plätze nicht nehmen ließen, mich auch noch weiterhin zu begleiten, so daß ich in der letzten der besichtigten Ortschaften von einem stattlichen Gefolge umgeben war.
Von Lelio aus wandten wir uns gleich zum Tawaelia-Flusse hinab, welcher das hoch gelegene Dorf umströmt. Sein dunkles, fast schwarzes Gewässer ist wie das aller seiner Zuflüsse außerordentlich goldhaltig. Überall in Bada gehört daher die Goldwäscherei zu den ergiebigsten Einnahmequellen der Eingeborenen. Der gewonnene Goldstaub wird in Federposen verwahrt und gelangt so in den Handel. Zum Abwägen desselben bedient man sich zierlicher Hornwagen, wobei sehr gleichförmig geartete Fruchtsamen, lómbe genannt, als Gewichte dienen. Sechs dieser Samenkörner sind das Gewicht des Goldes im Werte von 2½ fl. — Über den ansehnlich breiten und mehrere Meter tiefen Tawaelia trug uns ein eigenartig zusammengestelltes Bambusfloß. Was diesem Fahrzeug an Breite abging, war an der Länge reichlich zugegeben. Die an den Enden stehenden Lenker hatten gerade noch Platz. Für die Passagiere, deren es höchstens vier sein durften, war in der Mitte des Bootes aus mehreren Lagen übereinander geschnürter Bambusrohre ein erhöhter Sitz geschaffen. Bei der ungenügenden Höhe desselben und dem beträchtlichen Schwanken des mit langen Ruderstangen vorwärts gestoßenen Fahrzeuges nahmen bald sämtliche Passagiere Sitzbäder. Unter vielem Hallo und Gelächter vollzog sich die Überfahrt ans andere Ufer. Kurz darauf erreichten wir den gleichfalls auf einem Hügel gelegenen Kampong Bomba, der Lelio an Bewohnerzahl und Ausdehnung weit überflügelte. Das reiche und große Dorf bot ein getreues Bild der augenblicklich in Bada herrschenden ethischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, deren Schilderung auch auf alle anderen Dorfgemeinden der Bada-Ebene paßt.
Wir finden in Bada, dem am dichtest bevölkerten Hochtal des Innern, die Eingeborenen-Kultur auf dem Kulminationspunkt ihrer Entwickelung. Alter Adat besteht hier noch zu Recht; alte Sitten und Gebräuche haben sich hier am reinsten erhalten. Die von den Altvorderen ins Leben gerufene, für die Kultur der Inlandstämme so charakteristische Fuja-Industrie behauptet sich gegenüber der Einfuhr gewebter Stoffe weit zäher als in irgend einem anderen von mir besuchten Distrikt. Sogar die Männer bedienten sich in Bomba noch der Lenden- und Schultertücher aus Baststoffen. Die aus Bada stammenden Fuja-Erzeugnisse übertreffen alle andern an Farbenpracht und geschmackvoller Bemusterung. — Die nach unseren Begriffen als ästhetische Verirrung zu bezeichnende Gepflogenheit, sich Gesicht und Hände mit Harz zu bemalen und überdies noch mit Stanniol zu verzieren, war in Bomba zur üppigsten Entfaltung gediehen, und was bei uns der Handschuh, ersetzte in Bada die Schablonenmalerei des Handrückens.
Zu den bevorzugtesten Schmuckobjekten beider Geschlechter gehörten Halsketten aus alten Porzellanperlen, denen imaginäre Werte beigemessen wurden. Fast ebenso schwer zu erlangen waren bronzene Brustgehänge mit landesüblichem Hirscheber-Motiv. Recht häufig wurden dagegen schwere, aus Muschelböden geschnittene Armreifen getragen. Die Frauen trugen Holzscheiben von erstaunlicher Größe in den Ohrlappen. Unter den Frauenkopfringen zeichneten sich die mit Silberdraht übersponnenen durch ihre Schönheit aus. Zum Unterschiede von den gewöhnlichen Kopfringen (táli) führen sie die Bezeichnung »pohéa«. Als sehr seltene Objekte erhielt ich in Bomba Amulette, wie sie Kindern um den Hals gehängt und von Erwachsenen meist in den Sirihtaschen mitgeführt werden. Sie waren aus Schlangenköpfen oder häufiger noch aus dem Schädel eines in den dortigen Gewässern vorkommenden Welses verfertigt und glichen einem menschlichen Gesicht, das zur besseren Hervorhebung der Züge partiell mit Stanniol belegt war. In unerreichter Mannigfaltigkeit der Formen fanden sich überall Hüttenhaken aus Horn, Knochen oder Holz. Ich hatte das Glück, darunter einige solcher »hodánga« aufzustöbern, die menschliche Figuren darstellten. Da Nachbildungen des Menschen in Central-Celebes zu den allergrößten Seltenheiten gehören und Bada die einzige Lokalität war, wo ich solche auftreiben konnte, so ist dies ein neuer Beweis dafür, daß sich die Eigenart der Vorfahren in dieser Landschaft am unbeeinflußtesten erhalten hat.
Interessant war mir für Bomba das Vorkommen von Steinschleudern, wie ich solche bereits in Besoa kennen gelernt hatte. — Vorfechter-Kopfschmucke (sangóri), wie sie mir von Leboni und dem Posso-See her bekannt waren, wurden mir mehrfach zum Kauf angeboten. In ganz Bada gang und gäbe waren auch die Bronzeschellen oder -glocken, mit denen sich Kopfjäger nach erfolgreicher Jagd behängen. Sie tragen diese eigentümliche Kriegerzier stets rechts um die Hüfte gebunden. In Bomba hatte ich endlich wieder einmal Gelegenheit, hübsche Waffen zu sehen. Vor allem waren es die Lanzen (tawára), auf deren reiche Ausschmückung hoher Wert gelegt wurde. So erhielt ich mehrere hervorragend schöne Stücke, deren Schäfte aus eisenhartem roten Holze ihrer ganzen Länge nach in kunstvoller Weise beschnitzt waren. Ein besonderes Charakteristikum dieser Lanzen, das für Bada und das benachbarte Kulawi gemeinsam gilt, waren die schwarz-weiß, schwarz-rot oder weiß-rot gefärbten Ziegenhaarbüschel, mit welchen sie den Schaft von der Mitte bis zu der mit einem langen eisernen Dorn ausgestatteten Zwinge herab umkleiden. Diese gekordelten Haarstränge sind bis zu 5 m lang und werden in dichter Spirale um den Schaft gewickelt, so daß sie bauschig abstehen. Für gewöhnlich werden diese Lanzenhaarschmucke in gleichfarbigen Fuja- oder Kattunfutteralen geborgen.
An Schwertern kommen in Bada die auch für das Possogebiet geltenden Formen vor, vor allem also solche mit den weit auseinander klaffenden Griffen, die den aufgesperrten Rachen des Krokodils darstellen sollen.
Ein gleich rätselhaftes Steingebilde, wie ich es in Watutau gefunden hatte, bildete auch das Wahrzeichen von Bomba; doch zeigte es zum Unterschiede von jenem die Umrisse einer weiblichen Figur. Ein davor aufgestelltes Bambustischchen mit reichlichen Opfergaben ließ auf höhere Verehrung schließen (s. Taf. XV).