Im südlichsten Winkel des Golfes von Tomini liegt die stille, verträumte Ortschaft Posso. — Hingeschmiegt unter wiegenden Palmenkronen, vom linden Seewind geküßt und vom ewigen Liede der Brandung umschmeichelt, schläft sie einen Dornröschenschlaf, dem sie nur der alle 14 Tage hier anlaufende Postdampfer für kurze Stunden zu entreißen vermag.
Der Ort ist Regierungsstation und steht unter dem Befehle eines die Militär- und Civilgewalt in seiner Person vereinigenden Hauptmannes, dem ein Detachement von etwa 100 Soldaten beigegeben ist. Ein geräumiges Haus und große schöne Gartenanlagen sind die einzigen Annehmlichkeiten, welche dem aus Europa hierher verschlagenen Bezirksmachthaber geboten sind. Nur durch diese Anlagen vom Heim des Tuan besar getrennt, schließt sich der Pasangrahan an, einer der am komfortabelsten ausgestatteten, die mir in Niederländisch-Indien vorkamen.
Prächtige schattige Alleen durchziehen, sternförmig ausstrahlend, die weit hingedehnte Station. Reizende Parkanpflanzungen und als Clou eine hochgelegene Uferpromenade mit malerischen Ausblicken auf Posso-Fluß und Kampong vervollständigen die Sehenswürdigkeiten des Platzes. Schmuck und sauber, mit einem Anstrich von Wohlhabenheit, wennschon jeder Eigenart verloren gegangen, präsentieren sich die unter Grün versteckten Eingeborenenhäuschen im Stile des gewöhnlichen Malayenhauses, wie es für den ganzen Archipel typisch ist. Von ihnen heben sich die zierlich beschnitzten und bemalten Wohnungen der buginesischen Einwanderer als ungleich stilechter vorteilhaft ab.
Der Kaserne gegenüber, die wie überall in Indonesien auch den mehr oder weniger legitimen Weibern der Soldaten und ihren zahlreichen »Früchten eines Schoßes«, wie sich der Malaye poetisch ausdrückt, zur Wohnung dient, haben eine Anzahl der nirgends fehlenden bezopften Söhne des Himmels ihre Läden aufgeschlagen, von wo aus sie Garnison und Eingeborene mit den billigen Quincaillerie-Erzeugnissen westlicher Kultur beglücken. Ihr Hauptgeschäft aber besteht im Aufkaufen der Landesprodukte, hier vor allem Kopra und Rotang, die sie im großen nach China und Europa verfrachten.
Damit ist die Aufzählung alles irgendwie Bemerkenswerten in Posso am Meere — zum Unterschiede von Posso-See — beendet. Diese beiden Bezeichnungen schließen übrigens ein niedliches Wortspiel in sich, da das holländische »Posso-Meer« auf deutsch »Posso-See« besagt, während das deutsche »Posso-See« (holld. = Zee) umgekehrt im Holländischen »Posso am Meer« bedeutet.
Posso hat ungeachtet seiner günstigen Küstenlage ein außerordentlich heißes Klima, in dem die Vegetation üppig wie in einem Treibhause zur Entfaltung gelangt. Fast ohne Zutun des Menschen sorgt hier eine allgütige Natur für seinen Unterhalt. Aber auch diesem Eden fehlt die Schlange nicht, die das Glück seiner Bewohner stört. Vor allem sind es Verstand und Gemüt verdüsternde Kultvorstellungen, unter denen die Bevölkerung schmachtet. Nach Mitteilung des Kommandanten treibt speziell der Hexenglauben bösartige Auswüchse. Vieherkrankungen, gehäufte Sterblichkeit und dergl. Geschehnisse werden von den Leuten in vielen Fällen auf Verhexung zurückgeführt. Der Zauberei verdächtige Personen sind ihres Lebens nicht sicher. Während sie früher lebendig verbrannt wurden, greift unter dem strengen holländischen Regime die fanatisierte Bevölkerung zum Meuchelmord, wobei schleichenden Giften die Hauptrolle zufällt. Die Behörde steht solchen Ausbrüchen brutaler Selbsthilfe ziemlich ohnmächtig gegenüber, da die Eingeborenen, durch mehrmals vorgekommene strenge Ahndungen gewitzigt, in größter Heimlichkeit zu Werke gehen. Jeder Aufklärung unzugänglich, bewahrt die Bevölkerung über Akte ihrer Femjustiz unverbrüchliches Stillschweigen, so daß es fast stets unmöglich ist, die Übeltäter zu überführen.
Die wichtigste Obliegenheit während meines Aufenthaltes in Posso war, mir die Zustimmung des Regierungsvertreters zur Fortsetzung meiner Reisen durch die schwierigen und noch nicht völlig pazifizierten Gebiete von Napu und Besoa zu sichern. Herr Hauptmann Massey stand meinem Reiseprojekt freundlich gegenüber, bestand jedoch darauf, mir wiederum eine militärische Eskorte mitzugeben. Ich nahm hiervon dankend Kenntnis und bat nur um Beschleunigung bei der Auswahl der Mannschaften. Dieser Bitte wurde freundlichst willfahrt und als Zeitpunkt meiner Abreise der kommende Morgen festgesetzt. Der gütigen Unterstützung des Herrn Hauptmann Massey verdankte ich auch meinen Dolmetscher, der in der Person eines in Posso wohnenden Malayen aus der Minahassa Namens No-Moningko gefunden wurde. Derselbe beherrschte die Idiome der zu durchziehenden Sprachgebiete vollkommen und erklärte sich nach einigem Zureden bereit, mir bis Palu zu folgen.
Posso — Waldbiwak Bambaimpo, den 7. November.
Der Tag des Aufbruches zu meiner letzten und wichtigsten Reise in Celebes war kaum heraufgedämmert, als sich bereits die 24 Gepäckkulis vor dem Pasangrahan eingefunden hatten. Das Verteilen der Lasten vollzog sich unter dem unvermeidlichen Streit der Leute um die bequemsten Gepäckstücke. Ich überließ die Aufsicht meinem neuen Begleiter No und meinem Jungen, um mich von Herrn Hauptmann Massey zu verabschieden. Mit bestem Danke für die freundliche Aufnahme und die erwiesenen Gefälligkeiten sagte ich ihm Lebewohl, und von seinem wohlgemeinten »Glück auf den Weg« begleitet, gab ich das Zeichen zum Abmarsch.
Dicht vor der Mündung des Posso-Flusses ließen wir uns mittels Fähre übersetzen. Am anderen Ufer zog sich der Weg noch eine Strecke weit durch den Kampong, später durch lichten dünnen Busch in fast schnurgerader Linie nahe dem Meere hin, mit gelegentlichen wunderhübschen Ausblicken auf die tiefblaue Flut.
Nach 2stündigem Marsche erreichten wir Mapane, ein schönes großes Dorf mit ausgedehnten Kokosplantagen, die der Bevölkerung eine mühelose und angenehme Existenz ermöglichen. Die Leute nennen sich hier nach ihrem Stammesnamen Topebato. —
In dem reichen Mapane befand sich auch die Werkstatt eines buginesischen Goldschmiedes, den ich aufsuchte. Meine Erwartungen wurden aber getäuscht; ich fand bei ihm nicht ein interessantes Stück. Eine silberne Tabaksdose, etwa neun Gulden auswiegend, sollte ich mit 30 fl. bezahlen. Das war mir doch etwas zu bunt, und schleunigst schüttelte ich den Staub von meinen Füßen. Man sollte eben an Küstenplätzen keine Einkaufsversuche machen, da man stets überteuert wird.
Am Strande von Mapane, wo Fischerei in größerem Umfange betrieben wird, lagen ganze Reihen von Booten, die mir durch ihre originellen Ausleger bemerkenswert erschienen, welche kurz vor der äußeren Querstange eine starke Biegung nach oben in der Form eines Pferdekummets aufwiesen.
Unsere nächste Station war das benachbarte, gleichfalls sehr bedeutende Dorf Kasigundju, das wir auf guter, aber schattenloser Distriktsstraße in etwa einer Stunde erreichten. Hierselbst wohnte ein holländischer Missionar. Er war zur Zeit meines Eintreffens abwesend, und seine fieberkranke Frau konnte mich nicht empfangen. Im Hause des nunmehr aufgesuchten Dorfvorstehers von Kasigundju wurden mir Kokosnüsse und Pisang zur Erfrischung geboten. Während meines Verweilens bei ihm rief man die neuen Träger zusammen, da in diesem Dorfe Kuliwechsel stattfand. Die Posso-Leute gingen zurück, und Topebatu aus der Umgegend, die bis Napu durchzumarschieren hatten, traten an ihre Stelle. Ihre Vorbereitungen für die Abwesenheit von gut einer Woche zogen sich etwas in die Länge, so daß ich erst mit ca. einstündiger Verspätung von hier aufbrechen konnte.
Mit dem schönen Wege hatte es von Kasigundju ab leider ein Ende, und wir betraten schmale verwachsene Fußpfade. Kurz hinter dem Dorfe scharf nach links abbiegend, wandten wir uns direkt dem Napu-Gebirge zu. Die Überquerung des Salu Puna ging auf einem Fährboote glatt vor sich. Durch Busch und eingefenzte Plantagen ging es drüben weiter, wobei mir die sonderbaren Umzäunungen auffielen. Die hierzu verwandten starken Baumstämme waren nicht in der gewöhnlichen Art aufeinandergelegt, sondern bildeten, vertikal nebeneinander in die Erde gerammt, Palisaden von Manneshöhe. — Streckenweise stießen wir auf größere Eukalyptenbestände, deren säulengerade schlanke Stämme erst in einer Höhe, welche die der anderen Waldbäume zwergenhaft erscheinen ließ, mächtig ausladende Laubschirme bildeten. Diese bis zur Krone astlosen Waldriesen gewährten mit ihrer völlig glatten und herrlich grün, grau, gelb, rot bis violett gefleckten Rinde und den darauf hin und wider huschenden Sonnenreflexen einen wundervollen Anblick. Der Fuß schritt auf einem Rindenteppich dahin, da sich die Borke dieser stolzen Bäume periodisch in langen schmalen Streifen von oben nach unten abschält. Einen weiteren anmutigen Kontrast in das Grün dieser Küstenwälder brachte ein stattlicher Baum, dessen Blätterreichtum buntgemischt die satte Farbenpracht des jungen Erstlingslaubes mit allen Übergängen bis zu den tiefroten Tinten des Herbstlaubes gleichzeitig in sich vereinte. Große Flüge weißer Kakadus und Gesellschaften bunter, lärmender Papageien belebten die Hochwipfel dieser Urwälder. Wir kamen später noch einmal an einer großen Rodung mit jungen Pisangpflanzen zwischen den wirren Reihen der gefällten und halbverbrannten Baumstümpfe vorüber. Es waren die letzten Anzeichen des bewohnten Geländes. Nunmehr führte der Weg ununterbrochen durch schattigen Wald. Unsere Wanderung wäre noch genußreicher gewesen, hätten wir dabei nicht so häufig Moraststellen angetroffen und unzählige Rinnsale zu durchschreiten gehabt, die von undurchdringlichen Sumpfpflanzen-Gehegen eingefaßt waren. Solche Kräuterwildnisse sind die Lieblingsplätze zierlicher Schmetterlinge sowie farbenprächtiger Käfer, die hier in Unmengen vorkommen.
Eine besondere Merkwürdigkeit dieser Waldzonen waren die mehrfach angetroffenen »surat útan«, die die Skizze auf S. 457 veranschaulicht. Der am Wegrande errichtete Pfosten (Fig. a) mit geradem in einer bestimmten Richtung in den Wald hinein weisenden Querarm bedeutet in der Zeichensprache der Eingeborenen, daß der in der angedeuteten Richtung sich ausbreitende Wald von dem Aufsteller des Wegezeichens in Besitz genommen sei, und daß kein anderer mehr ein Anrecht darauf habe. Der Pfahl mit einem schief nach unten deutenden Querarm (Fig. b) warnt vor einem Betreten des Waldes nach dieser Richtung, da dort messerscharfe Bambusspitzen im Laubwerk des Bodens verborgen sind, wie sie zum Erlegen von Wild an der Erde befestigt werden. Zwei schräggekreuzte abwärtsgerichtete Arme (Fig. c) zeigen an, daß nach den beiden angedeuteten Richtungen hin Fußlanzen angebracht sind, usw.
Je näher wir dem Fuße des Gebirges kamen, desto schlechter und unwegsamer wurde der Pfad, der mit Geröll und Fallholz überschüttet war. Gegen 3 Stunden waren vergangen, als wir an den schmalen Einschnitt des über Felsen hinbrausenden Salu Impo gelangten. Das vom Napu-Gebirge herabstürzende Flüßchen wurde durchwatet. Bald darauf erreichten wir eine waldfreie Einsattelung, hinter welcher unmittelbar das hohe Gebirge anstieg. Der Platz wurde Bambaimpo genannt und war das Ziel unseres heutigen Marsches. Hier rasten regelmäßig die von Napu kommenden oder über das Gebirge dorthin gehenden Wanderer, und eine hier errichtete primitive Baracke dient ihnen als Obdach. Ein käfigartiger Anbau hatte die Bestimmung, als »Herrenlogis« zu dienen. Ich zog es aber vor, im Freien zu bleiben, wo ich mir aus Astwerk ein kleines Gerüst herstellen ließ, das auf 3 Seiten mit Wachstuchplanen umkleidet wurde, und dessen Dach aus dichten Blätterlagen bestand. Zwischen Dach und Wänden blieb dabei genügend Zwischenraum für Luftzutritt. Mit so einfachen Mitteln wurde ein völlig separiertes und ungleich angenehmeres Schlafquartier fertig gemacht, als es der verräucherte Schuppen mit den 40 schwitzenden Insassen gewesen wäre. Ein in unmittelbarer Nähe vorbeifließender kristallklarer Waldbach gewährte ein erfrischendes Bad, und wieder einmal kam es mir so recht deutlich zum Bewußtsein, wie wenig der Mensch eigentlich zu seinem leiblichen Wohlbefinden bedarf.
Bambaimpo — Watutau (Napu), den 8. November.
Als wir nach ruhiger Nacht in köstlichem Waldesfrieden um 6 Uhr Bambaimpo verließen, um mit dem Anstiege zum Napu-Gebirge zu beginnen, ahnte ich nicht, daß mir der schwerste Marsch meiner Reisen bevorstand, der mir um ein Haar zum Verhängnis geworden wäre.
Eine Reihe von Gründen hatte mich veranlaßt, an der Spitze des Zuges zu marschieren, darunter nicht zum wenigsten der Umstand, daß das mich diesmal begleitende Militär aus etwas phlegmatisch veranlagten Leuten bestand. Das beschauliche Leben in Posso hatte ihnen zweifellos besser behagt als die Beteiligung an meiner Expedition, und im Gegensatz zu meinen früheren Paloppo-Soldaten war es ihnen völlig einerlei, wie weit sie zurückblieben. Zu dieser Feststellung hatten sie bereits am ersten Tage reichlich Gelegenheit gegeben. Heut wiederum schien ihnen der frühe Aufbruch nicht zuzusagen, und da mir verdrossene Mienen auf die Nerven fallen, beschloß ich vorauszugehen.
Nur von meinem Dragoman No, der sich glücklicherweise als ein strammer, ausdauernder Junge erwies, und einem Topebato begleitet, der als Führer zu dienen und nur meine Apparattaschen zu tragen hatte, stiegen wir die sich vor uns aufbauenden Gebirgslehnen hinan.
Dem Bergwalde fehlten die in den Wäldern der Ebene so auffälligen Eukalypten. Dagegen war der Wald reich an Schwämmen, deren ich mehr als 20 verschiedene Species zählte. Nacktes festes Gestein trat nirgends zutage; desto eigenartiger muteten vereinzelt aus dem Pflanzengewirr herausragende würfelförmige Felsbrocken an, die, regellos zerstreut liegend, in dicke Moosschichten eingebettet waren.
Eine Stunde anstrengenden Steigens brachte uns auf den ersten Absatz des Gebirges. In dieser Berg-Einsamkeit lernte ich endlich auch den »burung babi« aus eigener Anschauung kennen, dessen tiefen, weit durch die Wälder schallenden Ruf ich wohl hundertmal gehört hatte. Meiner bisherigen Annahme entgegen war dies keine Buceros-Art, sondern eine große grüne Fruchttaube mit schneeigweißer Brust. Lange nicht mehr vernommenes Affengebell unterbrach die tiefe Stille des Gebirges mit fröhlichem Lärm. Prachtvoll rotgelb gesprenkelte Juliden, trotz ihrer notorischen Ungefährlichkeit von den Eingeborenen als giftige, bösartige Tiere gefürchtet, zogen im moosigen Untergrunde auf die Jagd nach Kerfen. Eine mir bisher noch nicht vor Augen gekommene Art kleiner Landegel unterschied sich durch verhältnismäßig friedliches Betragen vorteilhaft von den blutgierigen Artgenossen in den östlicher gelegenen Gebirgen.
Ohne Unterbrechung stark ansteigend, marschierten wir gegen 3 Stunden durch herrlichen Wald, ehe derselbe ein verändertes Aussehen anzunehmen begann. Stelzenwurzlige Pandanaceen und kletternder Bambus wurden häufiger und häufiger, bis wir nach 4¼stündigem Marsch eine neue Gebirgsabstufung erreicht hatten. Die in wallende Morgennebel gehüllte kleine Blöße war der Rastplatz Nompi-Nompi. Ein festgefügtes Blockhäuschen mit danebengelegenem größeren Schuppen war auf der Mitte des Platzes errichtet, den Verweilenden Unterkunft zu bieten. Auch mir, der ich keine Idee davon gehabt hatte, daß Nompi-Nompi nicht gar weit von Bambaimpo entfernt lag, hatte es der Sergeant als heutiges Marschziel bezeichnet, bei dieser selbstherrlichen Bestimmung die gewohnte Marschleistung zu Grunde legend. Ich war daher nicht wenig überrascht, mich bereits am frühen Vormittag am Ziele zu finden, und die Absicht meiner Leute, in diesem nebelfeuchten Waldloche faulenzend den Tag zu verbringen, kam mir lächerlich vor. Daher gedachte ich nur die Ankunft der ersten Nachzügler abzuwarten, um ihnen meinen Entschluß mitzuteilen, nach Watutau, dem Hauptdorfe von Napu, durchzumarschieren. — Eine Viertel-, eine halbe Stunde verging; aber kein Laut aus dem Walde unter uns verriet die Annäherung meiner säumigen Gefolgschaft. Da riß mir der Geduldsfaden, und in der allzu optimistischen Voraussetzung, daß sie aus freien Stücken folgen würden, setzten wir den Weg fort.
Durch einen Mooswald, wie er schöner nicht gedacht werden kann, immer höher und höher klimmend, gelangten wir gegen 12 Uhr auf die Paßhöhe des Napu-Gebirges. Hier umfing uns die hehre Größe und verträumte Schwermut einer Moorlandschaft mit ihrem stillen Zauber. Keine der typischen Erscheinungen solcher Moore fehlte. Hier wechselten lichte Laubwälder mit baumlosen Flächen und melancholisch stimmenden dunklen Teichen; dann wieder drängten sich Sträucher und Blumen der Hochgebirgsflora: Rhododendren, Lorbeergebüsch, Kannenpflanzen, Myrtensträucher und Farne. Auch der Vogelwelt schien das Gelände zuzusagen; die lieblichen Weisen der kleinen Sänger ertönten aus dem Buschwerk, Erddrosseln schlüpften hurtig von Zweig zu Zweig, sich an reifen Beeren delektierend, und große grauweiße Schwalben strichen mit gellendem Pfeifen spielend und jagend hin und wider. Dick bepelzte kleine Nager huschten über den Weg, während zahlreiche Fährten und Losungen auch das Vorhandensein größeren Wildes dokumentierten. Unter den in dieser Höhenzone angetroffenen Blüten waren die augenfälligsten und schönsten die zahlreich vorkommender Orchideen, wenngleich viele Arten dieser Familie auch wieder recht unscheinbare Blümchen zeigten. In einer der hoch über dem Erdboden auf Bäumen epiphytisch lebenden Arten der letzteren Kategorie sollte ich die seltsamste aller malayasiatischen Pflanzenformen kennen lernen, eine Myrmecodia-Art, die sogenannte Ameisenpflanze. Einem kurzen Stengel mit 4–5 großen Blättern und unansehnlichen kleinen Blüten sitzt am Grunde ein blasig aufgetriebener stachliger Knollen von tiefbrauner Farbe auf, dessen Inneres ein System von Zellen und Gängen bildet, die kleinen außerordentlich bissigen roten Ameisen zur Wohnung dienen. Das Pflanzengewebe verwandelt sich unter der Einwirkung der Ameisensäure in eine korkige Masse, deren Mulm von den Tierchen herausgeschafft wird. Die großen Mengen kugel- oder beutelförmiger Knollen dieser Ameisenpflanzen, von teilweise bedeutendem Umfange, sahen von fern Kolonien von Webervogelnestern nicht unähnlich.
An 3 Stunden lang durchzogen wir dieses wundersame Gelände, insofern vom Glück begünstigt, als Bewölkung die Hitze milderte und das Gehen auf dem fast ebenen und weichen Boden sehr angenehm war. Plötzlich hörte der Buschwald auf, und wir standen vor einer Kette freiliegender, kahler Höhenkuppen, die in Stufen nach der duftig heraufschimmernden Hochebene von Napu hin abfielen. Von dieser trennte uns noch eine bedeutende Entfernung, so nahe sie auch auf den ersten Blick schien.
Die ausgedehnte Steppenfläche von Napu, die sich dort unten in der Höhe von 1070 m über dem Meere erstreckte, mißt bei einer Länge von 8–10 Stunden ungefähr 4 Stunden in der Breite. Napu dürfte somit die weitaus größte Hochfläche der Insel darstellen. Zwei größere Wasserbecken und bizarr gewundene Flußadern blinkten aus der Tiefe herauf. Ein weit in die Steppe vorspringender niedriger Hügelzug teilte diese herzförmig. Die Umrahmung der Ebene bildeten mittelhohe, von Dunst umflorte Gebirge, deren höchstes das ca. 2000 m hohe, von uns überschrittene Napu-Gebirge war. Zarte blaue Nebelschleier lagerten über der Hochebene, die in der Ferne im Sonnenglast verschwamm.
Ergriffen von der Schönheit des Panoramas konnte ich einen begeisterten Ausruf nicht unterdrücken, fand aber bei meinen Begleitern nicht das leiseste Verständnis. Ihr Empfinden bewegte sich in anderen Bahnen. Gleich mir hatten auch sie seit dem frühen Morgen keinen Bissen mehr zu sich genommen und lagen nun schlapp und todmüde im kurzen Grase.
Als heller Streifen schlängelte sich der schmale Pfad über die weiten, durch tiefe Mulden getrennten grasigen Hügelkämme. Von dem Wunsche erfüllt, an das scheinbar nahe Ziel zu gelangen, und jeden Anflug von Müdigkeit vergessend, ließ ich mich unvorsichtigerweise verleiten, Führer und Dolmetsch ruhig weiterschlafen zu lassen und ganz allein ins Tal hinabzueilen. Eine drängende Unrast war in mir, dieses unbekannteste aller centralen Hochtäler der Insel zu betreten. Mit beflügelten Schritten eilte ich über die langgestreckten Reihen der vor mir liegenden Hügel hinweg, bis sich endlich der Pfad steil und schroff in die Tiefe senkte. Prachtvoller Laubwald bedeckte die Bergflanke. So schnell als möglich kletterte ich bergab, und um ½5 Uhr stand ich am Fuße der Ausläufer vor einem wilden Gebirgswasser, das sich in starken Krümmungen seinen Weg durch die Felsen gebahnt hatte. Auf einer Strecke von kaum 5 Minuten Weges war der Fluß 3mal mit hölzernen Stegen überbrückt. Diese Stege nahm ich als erstes Anzeichen der Nähe besiedelter Gebiete, und wenn auch zunächst noch nichts von menschlichen Wohnungen zu erblicken war, so wollte ich doch mit dem Warten auf meine zurückgelassenen Begleiter keine Zeit verlieren.
In einem Hohlwege zwischen hohen Schilfwänden des Talgrundes eilte ich rüstig weiter, stets gewärtig, auf Eingeborenenhütten zu stoßen. Irgendwo von links herüber ertönte melodisches Fuja-Gehämmer und Hundegebell. Die Pfadrichtung aber war gerade entgegengesetzt. Endlich tauchten kurz vor mir zwei auf einer Anhöhe gelegene spitzgiebelige Hütten auf. Erwartungsvoll trat ich näher, sah aber tief enttäuscht nur zwei alte, halb verfallene Lobos vor mir liegen. Kein Mensch, kein weiteres Haus war weit und breit zu sehen. Irre konnte ich nicht gegangen sein; denn weithin vor mir war die Weglinie deutlich zu verfolgen. Dennoch wollte sich eine leise Besorgnis bei mir einschleichen.
Unentwegt dem Fußsteig nachgehend, hatte ich einen sumpfigen Taleinschnitt zu überqueren, wobei ich dreimal durch einen ziemlich tiefen Fluß waten mußte, dessen Wasser mir fast bis zu den Hüften reichte. Doch die Erfrischung tat gut, und in der Hoffnung, bald ein Dorf zu erreichen, verdoppelte ich meine Eile. Jenseits der Senkung betrat ich eine hügelige Steppe, auf welcher die Pfadspur undeutlich wurde. Zudem teilte sich der Weg, und ich stand ratlos. Rechts ging es über die Hügel unabsehbar weit in die Steppe hinein; dort vermutete ich also das nahe geglaubte Watutau nicht. Der linksseitige Pfad, welcher dem vom Flusse durchströmten Tale folgte, schien mir der aussichtsvollere zu sein, da hohe Baumgruppen, wie man sie sonst bei Häusern findet, mich in meinen Erwartungen bestärkten. Die Sonne stand schon tief. Ein kühler Steppenwind hatte sich aufgemacht und drang erkältend durch meine oben von Schweiß, unten von Flußwasser durchnäßte Kleidung. Auch mein heut ungewöhnlich stiefmütterlich behandelter Magen begann rebellisch zu werden.
Hastig lief ich eine weitere Stunde und erreichte die erste Baumoase. Erschrocken sah ich mich dort von trügerischem Sumpf umgeben. Hier konnte ich nicht weiter. Unverweilt ging es denselben Weg wieder zurück. Ich fürchtete, mich verlaufen zu haben, und eilte in der Richtung auf die beiden Lobos zu. In der Nähe derselben hatte ich das Fuja-Gehämmer gehört; dort also mußten Menschen zu finden sein. Um mir den Weg abzukürzen, versuchte ich querfeldein zu gehen. Aber jenseits des durchwateten Flusses geriet ich in ein derart zerklüftetes Gelände, daß meine Kräfte beim Klettern zu erlahmen drohten. Mannshohes Schilf verbarg mir die Erdrisse; ein paarmal stürzte ich hinab und konnte mich auf dem lockeren Erdreich der steilen Böschungen nur schwer wieder in die Höhe arbeiten. So durfte es nicht weitergehen. Mit Mühe und Not schaffte ich mir mit meinem Haumesser einigermaßen freie Bahn und gelangte nach diesem vergeblichen Abstecher schweißtriefend und recht entmutigt wieder auf den alten Weg. Nun erinnerte ich mich meines Revolvers und feuerte kurz hintereinander Signalschüsse ab. Nichts rührte sich. Die Gegend war wie ausgestorben, und auch von meinen zurückgebliebenen Leuten war weit und breit nichts zu entdecken. Die Burschen müssen Stunden dort oben am Waldesrande verschlafen haben. Verzweifelt suchte ich mit dem Glase wieder und wieder die Gegend ab und entdeckte nun auf einem Hügel eine gerade zum Himmel aufsteigende dünne Rauchsäule. Sie mußte aus einer Hütte kommen; denn ein Wildfeuer hätte ganz andere Schwaden entwickelt. Die ganze Breite des Taleinschnittes sowie ein schmaler Waldstreifen dahinter trennten mich von der Feuerstelle. Immer länger wurden die Schatten, und Eile tat not, wenn mich nicht die Nacht in dieser Einöde überraschen sollte. Mit letzter Energie machte ich mich aufs neue daran, auf pfadlosem Boden, in gerader Richtung durch dick und dünn loszusteuern.
Das vermaledeite, in ganz widersinniger Weise gewundene Flüßchen kreuzte alle Augenblicke meinen Weg, und ich war erhitzt und dampfend zu x-maligem Durchwaten desselben gezwungen. Dabei geriet ich an so tiefe Stellen, daß mir das Wasser bis zur Achselhöhle ging, so daß ich Revolver und Feldstecher hoch über den Kopf halten mußte, um sie vor Nässe zu bewahren. Außerdem war das Bergwasser empfindlich kühl und die Nachtluft rauh. Ich schwitzte vor stark einsetzender Nervosität und zitterte gleichzeitig vor Kälte. Unverdrossen arbeitete ich mich durch das verfilzte Rohrdickicht bis nahe an die Hügel heran. Hier stieß ich auf einen Büffelpfad und folgte diesem ungeachtet der nicht geringen Gefahr eines Zusammenstoßes mit diesen bösartigen Tieren. Blieb mir auch ein verhängnisvolles Rencontre erspart, so kam ich doch bald zu der bitteren Einsicht, daß ich mich abermals auf einem falschen Wege befand, der mich in eine sumpfige Rohrwildnis führte, aus der mich nur der Rückweg befreien konnte. Das Schilf schlug hoch über meinem Kopfe zusammen, und meine Füße verstrickten sich im Gewirr niedergebrochener Rohre. Kaum mühsam davon befreit und vorwärts stolpernd, sank ich plötzlich bis zur Hüfte im Moor ein. Kalter Schweiß drang mir aus allen Poren, keuchend ging der Atem. Eine Schwächeanwandlung überfiel mich. Halb unbewußt warf ich mich mit dem Oberkörper über das niedergedrückte Rohr, um weiteres Einsinken zu verhüten.
In dieser kritischen Lage durchzuckte mich jählings der Gedanke, daß dieser Augenblick das Ende meiner Reisen sein könnte, und der Selbsterhaltungstrieb riß mich empor. Mit verzweifelter Anstrengung gelang es mir, mich aus dem Moraste herauszuarbeiten. Auf den tief unter Wasser wurzelnden Knollen des Rohres Fuß fassend und mich mit größter Vorsicht weitertastend, erreichte ich völlig erschöpft wieder festeren Boden.
Die Sonne war inzwischen zur Rüste gegangen, und das Zurechtfinden wurde immer schwieriger. Ich zwang meine erregten Nerven gewaltsam zur Ruhe und versuchte, Schritt vor Schritt das Terrain prüfend, den Sumpf zu umgehen. Mit der ruhigen Überlegung schien mir auch das Glück wiederzukehren. Ich gelangte auf ansteigenden Boden und fand hier eine breite, aufwärts führende Büffelspur, der ich nachging. Eine Viertelstunde später hatte ich zwar mit zitternden Knien und wildschlagendem Herzen, aber doch glücklich, einer großen Gefahr entronnen zu sein, den Hügel erklommen. Mit kaltem Schauder sah ich auf das unheimliche schwarze Moor im Kessel unter mir nieder.
So gut es bei dem Dunkel möglich war, suchte ich mich nun zu orientieren und konstatierte erleichterten Herzens, daß der aus der Tiefe heraufführende Büffelsteig auf einen am Rande der Senkung hinführenden Fußweg ausmündete. Nun fühlte ich mich geborgen. Schon nach kurzem Marsche sah ich Kulturen vor mir liegen. Einige Umzäunungen waren noch zu überklettern, dann bemerkte ich hocherfreut endlich, endlich die Umrisse einer menschlichen Behausung aus der Nacht emporragen. Wohl war es nur eine armselige Feldhütte; dennoch durchströmte mich ein warmes Glücksgefühl, als ich mich nach den überstandenen Nöten wieder unter Menschen wußte.
In der Hütte kauerten zwei Frauen und ein paar Kinder vor einem auf dem Feuer brodelnden Kessel. Bares Entsetzen sprach bei meinem unvermuteten Auftauchen aus ihren Zügen, das sich bei den Kindern in einem befreienden Geschrei Luft machte. Ich bemühte mich, die Weiber mit gütlichem Zuspruch zu beruhigen. Nun sie wenigstens kein Gespenst mehr in mir zu erblicken brauchten, kehrte auch den Frauen der Sinn wieder in die Wirklichkeit zurück, und ein aufgeregtes Reden begann, aus dem mir nur eins zweifellos klar wurde, daß wir einander auch nicht ein Wort verstanden. Diese fruchtlosen Verständigungsversuche unterbrach ein eben heimkehrender, etwa 17jähriger Bursche, vermutlich ein Sohn des Hauses. Auch er sprach kein Wort Malayisch, erwies sich aber insofern der Situation mehr gewachsen, als er in mir einen Verirrten sah und auf mein ständig wiederholtes »Watutau«, ins Freie tretend, mit ausgestreckter Hand in die nachtschwarze Ebene wies. In dieser Richtung also mußte der Ort liegen. Ich hätte jetzt wer weiß was gegeben, meinen Dolmetsch No zur Stelle zu haben; doch auch ohne diesen war ich entschlossen, unverzüglich nach Watutau aufzubrechen, zumal in der Hütte nichts für den europäischen Gaumen Genießbares aufzutreiben war. Auf dem Wege dorthin sollte mir der junge Mann, sei es gutwillig, sei es gezwungen, als Führer dienen. Mein oft erprobtes Universalmittel führte auch in diesem schwierigen Falle zu rascher Verständigung. Kaum sah mein hoffnungsvoller Jüngling den vorgehaltenen blanken Dollar vor seinen Augen blitzen, als helle Freude aus seinen Mienen strahlte. Den für mich so ominös gewordenen Namen Watutau wiederholend, machte er kurz kehrt und forderte mich mit einer einladenden Handbewegung auf, ihm zu folgen.
Es war ½8 Uhr, als wir uns auf den Weg machten. Hätte ich ahnen können, daß mir noch eine dreistündige Anstrengung bevorstand, — keine noch so verlockende Vorstellung hätte mich nach dem heut Erlebten auf den Weitermarsch nach Watutau gebracht. — Mein Mentor zog in einem Tempo fürbaß, daß ich bei meiner Ermüdung Mühe hatte, ihm zu folgen. Von der geheimen Angst beherrscht, der Jüngling könnte mir im Dunkel entwischen, suchte ich ihm auf den Fersen zu bleiben. Erst durch Wald, dann Anpflanzungen mit vielen zu übersteigenden Einzäunungen erreichten wir den Talgrund. Dort begegnete uns ein etwa gleichalteriger Kamerad meines Führers, der sich uns ohne weiteres anschloß. Die Sachlage erschien mir nicht ganz unbedenklich. Völlig der Führung der beiden Burschen überlassen, beunruhigte mich der Gedanke, daß die To-Napu von jeher zu den fremdenfeindlichsten Stämmen gehört hatten. Ich hielt es daher für zweckmäßig, meinen Begleitern eine Waffe zu zeigen, und gab ein paar Schüsse aus meinem Revolver ab mit dem Nebenzwecke, dadurch auch meine eigenen, irgendwo in dieser Gegend steckenden Jungen auf mich aufmerksam zu machen.
In der Niederung angelangt, mußten wir durch den heut schon so oft gekreuzten Fluß hindurch, und bald darauf waren wir bei den beiden mir bereits bekannten Lobos angelangt. Als wir nun aber genau den von mir bei meiner ersten Ankunft betretenen Weg weiter verfolgten, genau dieselben Wasserläufe überquerten und schließlich an demselben Scheideweg anlangten, von dem aus meine Irrfahrten ihren Ausgang genommen hatten, wurde es mir klar, daß die holperige, kaum mehr als Pfad anzusprechende, nach rechts in die Steppe abbiegende Wegspur tatsächlich die richtige gewesen war. Ich wußte jetzt, daß ich noch einen langen Marsch vor mir hatte. So rasch es meine müden Beine gestatteten, eilten wir über das kupierte Terrain. Mit Mühe nur vermochte ich die schwachen Silhouetten meiner Führer zu erkennen; zu wiederholten Malen war ich gezwungen, mich von ihnen an den Händen über Moraststellen geleiten zu lassen. Aber noch immer war kein Ende des Weges abzusehen, und Mißtrauen begann aufs neue in mir aufzusteigen. Wohin brachten mich die beiden? — Ganz unerwartet hörten wir da menschliche Stimmen. Argwöhnisch hielt ich meine Schritte an, bis sich zu meiner nicht geringen Überraschung herausstellte, daß es meine beiden zurückgebliebenen Leute No und der Topebato waren, die sich dicht vor uns befanden. Das war ein erfreuliches Zusammentreffen, und ich war so zufrieden darüber, daß ich das Schelten ganz vergaß. Nachdem sie oben im Gebirge ausgeschlafen hatten, waren sie mir nachgeeilt, hatten mich im Tale bei den zwei Lobos, die bei Wanderungen über das Gebirge als Nachtquartier benutzt zu werden pflegen, vergebens gesucht und waren mir dann trotz Nacht, Hunger und Ermüdung weiter auf dem Wege nach Watutau gefolgt.
Beim Erzählen unserer Abenteuer waren wir unvermerkt tüchtig vorwärts gekommen und sahen nun eine dunkle Masse sich vom nächtlichen Himmel abheben. Ein Dorf lag vor uns, aber noch war es nicht Watutau. Der Ort hieß Lampa und sollte nach Aussage der Leute »dekat«, d. h. nahe bei Watutau liegen.
Meine Uhr zeigte die neunte Stunde, als wir in Lampa eintrafen. Ich hätte nun ohne weiteres hier bleiben können; da ich jedoch erfahren hatte, daß in Watutau ein holländischer Missionar stationiert war, ließ ich mich durch die Aussicht auf ein besseres Quartier verleiten, mich auch der Bewältigung der letzten Teilstrecke noch zu unterziehen. Vorher aber mußte ich etwas genießen, was es auch sein mochte. Mein vernachlässigter Magen ließ sich nicht länger beschwichtigen. In Lampa ragten himmelhohe Kokospalmen zu Dutzenden empor; aber, o Jammer, die an Salzluft gewöhnten Bäume trugen in Napu keine Früchte mehr. Selbst Bananen waren im ganzen Dorfe nicht aufzutreiben. Meine Ansprüche schrumpften bis auf das Begehren nach Maiskolben zusammen; aber auch diese waren nicht zu haben. Ein paar Stengel Zuckerrohr waren schließlich das einzige erhältliche Labsal. Todmüde sank ich, wo ich stand, zu Boden und zermalmte mit heißhungrigem Behagen die saftigen Rohrstücke, die erste Erquickung nach 15stündigem Marsche.
Nach einer Rast von wenigen Minuten den Weg fortsetzend, gelang es uns erst nach einer Stunde, Watutau zu erreichen. In geringer Entfernung von dem Dorfe lag inmitten eines umzäunten Stück Landes ein windschiefer Holzkasten, das mißratene Produkt eines architektonischen Erstlingsversuches des darin hausenden Missionars. Mynheer t. K. war Junggesell und noch dazu ein unpraktisch veranlagter. Ich klopfte ihn um ½11 Uhr nachts aus dem Bette. Dem unerwarteten Besuch und den Bedürfnissen eines mehr als 16 Stunden auf den Beinen gewesenen halbverhungerten Reisenden stand er leider hilf- und verständnislos gegenüber. Da es in diesem »Heim« am Nötigsten fehlte, hätte ich getrost in Lampa bleiben können; es wäre mir nichts entgangen. Ein Feldbett ohne Matratze, ohne Kissen und Decke bildete schließlich den Pfühl, auf den ich mich in meinen nassen Kleidern strecken konnte, und ich fror die Nacht über erbärmlich.
Watutau, den 9. November.
Um 5 Uhr war ich, wohl oder übel dem Beispiele meines Wirtes folgend, wieder auf den Beinen. Eine schneidende Morgenbrise fegte über die Hochebene und machte die Bretterbude in allen Fugen ächzen. Der Frost schüttelte mich, und mit Sehnsucht harrte ich eines wärmenden Frühstückes. Unverbesserlicher Optimist, der ich nun einmal bin, hatte ich mich in so lüsternen Erwartungen böse verrechnet. Im Missionshause von Watutau wurde nicht gefrühstückt. Weniger spartanisch veranlagt, entschloß ich mich dessenungeachtet, um etwas Tee zu bitten. Das heiße Wasser erfüllte seinen Zweck und erwärmte mir den Körper, so daß es mir nun schon leichter fiel, mir die konsistenteren Bestandteile eines landläufigen Frühstücks hinzuzudenken. Nach solcher Illusions-Schwelgerei lud mich mein Wirt ein, ihm zu einem Besuche beim Distriktshäuptling zu folgen. Mein schüchternes Bedenken wegen der frühen Stunde — es war eben 6 Uhr — wurde als belanglos zurückgewiesen, und so stand unserer Visite nichts im Wege.
Das originelle, spitzgiebelige Haus des Oberhäuptlings von Napu lag gleich als erstes am Dorfeingange. Die Dachenden liefen in eigentümlich geformte Giebelzierate aus. Aus den Randleisten des Giebels sprangen in regelmäßigen Abständen stilisierte Tierköpfe vor. Eine Treppe führte unter dem weit überhängenden Schindeldache zur lukenartig ausgesparten Tür, deren Niedrigkeit das Eintreten nur bei starkem Bücken erlaubte. Im Innern des Hauses herrschte ein dämmeriges Dunkel. Eine einzige kleine, rechteckige Scharte im schrägen Dache ließ einen spärlichen Lichtschimmer einfallen. Niederes Gebälk, mit Wirtschaftsgeräten behängt und mit Vorräten belegt, mahnte zur Vorsicht beim Umherbewegen. Das Haus barg nur diesen einen Raum, den ringsumlaufende, etwas erhöhte Podeste umzogen. Auf diesen waren an je einer Längs- und Querseite Verschläge abgeteilt, welche die nur durch Tücher abzuschließenden Schlafräume des Häuptlingspaares darstellten. Auf der zweiten Längsseite lagen die Schlafkammern zweier den Wohnraum mit der Familie teilenden Sklavinnen, und das Podium der Eingangsquerwand diente Besuchern als Aufenthaltsraum. Auf ausgebreiteten Matten nahmen wir daselbst Platz. Die Mitte des Gesamtraumes war von der mächtigen Feuerstelle eingenommen. In den freien Gängen um diese herum schlafen etwaige Gäste des Nachts.
Der Kapala Landschapp, wie sein offizieller Titel lautete, war ein junger, etwa 20jähriger Mann, eher klein als groß, mit mädchenhaft weichen Gesichtszügen und mandelförmigen dunklen Augen, bei auffallend heller Hautfarbe — alles zusammengenommen, ein hübscher Mensch. Seine Gattin, mit feinen hindostanisch anmutenden Gesichtszügen, rassigem Blick und schlanker gerader Nase war ihm nicht nur körperlich bedeutend über den Kopf gewachsen. Sie entstammte einem alten Häuptlingsgeschlecht und soll eine große Mitgift eingebracht haben. Der Stolz des gefürsteten jungen Paares war ein einziger Sprößling, ein Knäblein, welchen die silberne Kette nebst Schamdeckel um die runden nackten Lenden allerliebst kleidete. Im Überschwange zärtlicher Liebe Buláwa (Gold) genannt, tyrannisierte er Eltern und Dienerinnen.
Bei unserem Eintreffen saß die Familie einträchtig mit den Sklavinnen, zwei jungen netten Mädchen, beim Frühstück, wie ich mit ungewöhnlicher Anteilnahme ersah. Der Hausherr empfing uns etwas verlegen, beinahe unterwürfig, die Fürstin völlig unbefangen. Der Oberhäuptling war mit Hose, Jacke und Haupttuch bekleidet. Seine Gattin wie die beiden Sklavinnen, die sich bester Behandlung erfreuten und als zum Hause gehörig betrachtet wurden, trugen häßliche Fuja-Krinolinen, hier Wini genannt, und Kattunjacken. Talergroße, stanniolverzierte Ohrknöpfe steckten in den Ohrlappen der Gebieterin.
Nach der Vorstellung und der gebührenden Bewunderung des Stammhalters entschloß sich die geschmeichelte Mutter, mir ihren berühmten Familienschmuck hervorzuholen. In der Hauptsache bestand derselbe aus sehr schön gearbeiteten buginesischen Goldgeschmeiden, wie Ketten, Spangen, Armbändern etc. Ethnographisch war darunter nichts von besonderem Interesse. Als Bestes erschien mir die Kombination einer zierlich gearbeiteten Halskette aus Goldgliedern mit dazwischen eingefügten korallenähnlichen roten Stücken eines sehr seltenen, angeblich in der Reisähre gefundenen Silikates, dem wundertätige Eigenschaften zugeschrieben werden, und das von den Eingeborenen hochgeschätzt wird. Die gezeigte Kette sollte einen Wert von mehreren Hundert Gulden besitzen.
Das in seiner Eigenart und Beschaffenheit merkwürdigste Stück der besichtigten Schätze war — ein Haartoupet! Daß man diese in Europa so beliebte und verbreitete Kulturerrungenschaft auf der weltfernen Napu-Hochebene schon seit alter Zeit kennt und als unentbehrlichen Bestandteil weiblichen Festputzes schätzt, dürfte wohl den wenigsten bekannt sein. Dem falschen Haar wird zur Erhöhung des Effektes an jeder Schläfe ein Büschel Hahnenfedern aufgesteckt, deren Fahnen noch auffällig mit den angeklebten rosaroten Flaumfederchen einer Erddrossel geschmückt sind. Als Klebemittel bedient man sich erwärmten Dammars. Erscheint die Napu-Schöne in großer Toilette, so hängen die in den Haareinlagen befestigten Schmuckfederbüschel über den den Haaraufbau krönenden Bastkopfring bis über die Ohren herab, — ein niedlich und kokett kleidender Kopfschmuck.
Nach längerem Verweilen verabschiedeten wir uns von dem Ehepaar, und Mynheer t. K. schlug mir nun vor, einen Ausflug nach dem bereits gestern abend durchwanderten Lampa zu unternehmen. Nun war ich gestern so viel gelaufen, daß ich heut ohne Bedauern auf den Spaziergang hätte verzichten können. Im stillen hatte ich auch noch immer gehofft, daß unser nach dem ausgedehnten Besuch beim Häuptling zu Hause ein, wenn auch noch so bescheidener Imbiß warten würde. Es blieb beim Wünschen! Meinem Gastgeber waren solche menschlichen Schwächen anscheinend fremd, und so nüchtern, wie man überhaupt nur sein kann, schloß ich mich ihm an. — Der heftige Morgenwind war mit dem Höhersteigen der Sonne eingelullt, und allmählich wurde es sogar recht warm, so daß ich also an diesem gesegneten Morgen doch noch einmal zu etwas Warmem kam.
Lampa ist eine uralte, mit Ringwällen befestigte Ansiedlung und dürfte das älteste Dorf Napus überhaupt sein. Aus unbekannter Ursache war der Ort vor Jahren von seinen Bewohnern verlassen worden und dann lange Zeit vereinsamt geblieben. Erst in jüngster Zeit hatten eingeborene Familien wieder einige der Hütten in Besitz genommen. Zur Zeit meines Besuches standen etwa zwei Drittel aller Häuser leer und waren großenteils stark verfallen. Nähert man sich von der Ebene her dem Dorfe, so sind von weitem nur dessen gegen 2 m hohe, mit Bambus bepflanzten Umwallungen zu sehen. Bei weiterer Annäherung heben sich dann die altersgrau bemoosten, riesigen Steildächer der Hütten heraus. — In den Bambusanpflanzungen auf den Lehmwällen waren in regelmäßigen Abständen lebensgroße Schreckfiguren aufgestellt. Das Material zu diesen Puppen bestand aus Arengfasern. Ein viereckiges Stück Fuja, aus dem Augen, Nase und Mund ausgeschnitten waren, markierte das Gesicht. Auch Pisang-Blattscheiden fanden hierzu als Material Verwendung. Ein Bast-Schild nebst einer Rohr-Lanze oder einem ebensolchen Schwert in den Händen vervollständigten die Ausrüstung dieser Dorfwachen, deren Bestimmung es war, Unbefugte vor dem Betreten des Dorfes zu warnen, wie überhaupt Böses und Übles von diesem fernzuhalten.
Auf doppelseitiger Pfostentreppe überkletterten wir den Wall. Das Dorfinnere entsprach den Seltsamkeiten seines Äußeren. Die zahlreichen Hütten mit ihren ungeheuren Spitzdächern und den sonderbaren, aus den Dachrandleisten vorspringenden Schnitzereien ruhten auf soliden Bohlenrosten, deren Pfahlwerk ohne die anderweit übliche Steinunterlage direkt im Boden festgerammt war. — Auf einige Distanz konnte man glauben, die enormen Giebel reichten bis auf den Boden herab, wie es bei einem im Dorfe aufgefundenen Gebeinhaus, das allein bei den in mehrjährigen Zwischenräumen stattfindenden Totenfesten geöffnet wird, tatsächlich der Fall war. Es bestand nur aus dem unmittelbar dem Erdreich aufsitzenden Dache. Die ungewöhnliche Steilform der Napu-Häuser dürfte in dem ungewöhnlich rauhen Klima der Hochebene und den hier herrschenden heftigen Winden begründet sein. — Bei Tage gegen die Sonne, nachts gegen Wärmeausstrahlung schützend, dient der hohe Spitzgiebel den fensterlosen Räumen gleichzeitig als Rauchableiter und vermag auch der vehementen Gewalt der Regengüsse besser zu widerstehen als ein flaches Dach. Arg mit Unkraut überwucherte Felder bildeten die Umgebung der verödeten Hütten, während die wieder bewohnten von umfriedeten Gemüsegärtchen umzogen waren. Zwei gewaltig große, nahe beisammen stehende Geisterhäuser, vermutlich die Hauptlobos der Landschaft Napu, lagen in der Mitte des Dorfes. Sie zeigten die typische Bauweise und unterschieden sich nur durch ihre Grasbedachungen von den übrigen schindelgedeckten Häusern.
Über die Hütten Lampas ist nur zu sagen, daß sie im Innern dem Häuptlingshause von Watutau getreulich glichen. Schrecklich unbequem waren die Hütteneingänge, zu denen in Lampa aber nicht Treppen, sondern Kerbpfosten hinanführten. Eine oben am Eingange angebrachte, schräg herausstehende beschnitzte Stütze (tuha) erleichterte das Hineinkriechen in den Türverschlag. Bei Feuersgefahr müssen diese engen und unbequemen Zugänge für die Insassen verhängnisvoll werden, zumal Seitenöffnungen, wie Fenster oder Luken, völlig fehlen. Die Ursache zu einer derartigen Beschränkung der Zugänge wird wohl ebenfalls in dem Bestreben zu suchen sein, sich vor der Nachtkühle zu wahren.
In den Innenräumen der beiden Lobos von Lampa fand ich nichts Außergewöhnliches. Ich hatte den Eindruck, als ob mit der durch das holländische Gouvernement bewirkten strengen Unterbindung der grausamen Kultgepflogenheiten, wie sie in der Marterung und Abschlachtung von Sklaven, Kriegsgefangenen, oder den feigen Überfällen bei Kopfjagden ihren abstoßendsten Ausdruck fanden, auch eine unverkennbare Gleichgültigkeit in religiösen Dingen Platz gegriffen hätte, die sich in einer starken Vernachlässigung und dem Verfall der Geisterhäuser zeigte. Vom Posso-See angefangen bis nach Kulawi hin trat diese Erscheinung besonders auffällig zu Tage.