Tafel XII.
Im Mooswalde des Takalekádjo.

Da meine ermüdeten Gefährten sich von diesem schönen Fleck Erde nicht so rasch zu trennen vermochten, setzte ich, nur von dem Tolampu-Führer begleitet und in der Annahme, daß sie bald nachkommen würden, den Marsch allein fort; auch glaubte ich das Tagesziel Sapelímba nicht mehr fern, zumal der Pfad bereits wieder abwärts zu führen begann. Bald tauchten wir abermals im Dunkel des Mooswaldes unter und kamen, diesmal in umgekehrter Reihenfolge, in hohen Tropenwald, aus dem wir zum Salu-Kanúpo niederstiegen. Hier muß ich einschalten, daß ich mich mit meinem nur Barée sprechenden Führer absolut nicht zu verständigen vermochte, und daß die folgenden Geschehnisse aus diesem mißlichen Umstande entsprangen.

Auf einer unbedeutenden Waldblöße nahe dem Flusse hatte nämlich vorhin mein Führer Anstalten gemacht, sich zu einer abermaligen Siesta niederzulassen. Erst hatte ich angenommen, daß nach dem eiligen Marsche nur eine kleine Erholungspause beabsichtigt sei, die hauptsächlich die Erneuerung seines Priemchens bezweckte. Als derselbe jedoch gar keine Anstalten mehr zum Weitergehen machte, wurde ich ungeduldig, und bei der Unmöglichkeit einer mündlichen Verständigung packte ich ihn kurzerhand beim Kragen und bedeutete ihm, sich auf den Weg zu machen. Resigniert packte er sein Sirihtäschchen wieder zusammen, und wir durchschritten den Fluß ohne Aufenthalt, um am anderen Ufer sofort mit einem neuen Anstieg zu beginnen. Wenig später umfing uns wieder die Totenstille des moosigen Waldes. Jedes Stämmchen, jeder Ast war mit dicken Polstern umkleidet, starke Bäume vortäuschend, wo in Wirklichkeit nur dünne Stecken die Träger waren. Moosgrund dämpfte den Schritt bis zur Unhörbarkeit; Moosdecken zogen sich über Löcher und Spalten hin, in die der Fuß versank. In unendlichen Krümmungen wand sich der mir nicht erkennbare Pfad durch diese merkwürdige Region seltsamer Gewächse, deren niederer Wuchs nur ein Durchschlüpfen in stark gebückter Haltung erlaubte. Ich mußte meinem Führer dicht auf den Fersen bleiben, um die Richtung nicht zu verlieren; genügten doch schon wenige Schritte Vorsprunges, ihn in dieser Wildnis für mich unsichtbar zu machen. Wir schritten so scharf aus, als das Terrain es irgend gestattete. Von der Höhe eines Passes ging es längere Zeit den Rücken des Gebirges entlang. Gegen 3 Uhr kamen wir an einer Lichtung vorüber, auf welcher einige in sich zusammengestürzte Laubhütten standen, denen ich keine besondere Beachtung schenkte. Wohl glaubte ich einer langen Rede meines Führers zu entnehmen, daß er hier bleiben wollte, um das Nachkommen unserer weit zurückgebliebenen Gefährten abzuwarten. Dazu hatte ich aber ganz und gar keine Lust, zumal ich seit dem frühen Morgen außer einer Handvoll Djambi-Früchte nichts mehr genossen hatte und allmählich mörderischen Hunger verspürte. Immer noch in der irrigen Annahme befangen, daß der richtige Lagerplatz nach dem langen und scharfen Marsche unmöglich mehr fern sein könnte, wollte ich keine Minute Zeit versäumen und drängte weiter. Daß das vor uns liegende unscheinbare Plätzchen bereits Marángka, das erst für den zweiten Tag angesetzte Marschziel, sein könnte, wie die früher passierte winzige offene Waldstelle am Salu Kanúpo der erste versäumte Biwakort war, kam mir schon deshalb nicht in den Sinn, weil es auf dem Kamme weit und breit kein Wasser gab. — Auf diese Weise geschah es, daß ich ahnungslos auch das zweite Marschziel verpaßte.

Das lange vergebliche Warten und die großen Anstrengungen versetzten mich in gereizte Stimmung, und jetzt schien es meinem Führer, allerdings aus anderen und, wie ich gern zugeben will, berechtigteren Gründen gerade ebenso zu gehen. Eine Art Berserkerwut überkam ihn, die sich in der Form äußerte, daß er nun ein Marschtempo einschlug, das man bei bestem Willen kein Gehen mehr nennen konnte, sondern das ein rücksichtsloses Rennen und waghalsiges Voranstürmen war. Das Gebaren meines Tolampu entsprach im übrigen so sehr meinem eigenen Gemütszustande, daß ich nicht nur willig Folge leistete, sondern ihn sogar noch zu übertreffen suchte, so daß wir wie besessen die Abhänge hinabturnten.

222. Biwakplatz im Takalekadjo-Gebirge.

Der Pfad führte von Marángka ab langsam, aber stetig abwärts. So oft eine lichtere Stelle auftauchte, flammte die Hoffnung auf, der Rastplatz sei erreicht. Aber immer wieder kam die Enttäuschung, und stets gab es nur flüchtige Ausblicke auf tiefergelegene Berge und Wälder. Solange dieser Abstieg nun schon währte — das Gebirge schien kein Ende nehmen zu wollen. Hungrig wie die Wölfe, von Durst gepeinigt, mit schmerzenden Kniegelenken, zerkratzt und zerschlagen, kletternd, kriechend und rutschend, hasteten wir in immer gleichem Tempo weiter und weiter der Waldgrenze entgegen, welche doch endlich kommen mußte. — Überzeugt, daß mein Führer irregegangen sei, begann mir die Sache schon bedenklich zu werden, als wir ziemlich überraschend aus düsterer Waldesnacht auf eine von Baumwuchs freie Fläche heraustraten. Noch verwehrte mir hohes Buschwerk eine genauere Orientierung. Durch eine schmale Gasse im Gestrüpp arbeiteten wir uns bis zu einer höher gelegenen Stelle hindurch, und — was sehen meine Augen? war dies Wahrheit oder ein Trugbild? Aus der Ferne, noch tief unter uns, schimmerte der indigofarbene Spiegel eines riesig großen Wasserbeckens herüber! Sollte es möglich sein und der Posso-See, das ersehnte Ziel, vor mir liegen? Zögernd, ungläubig wandte ich mich fragenden Blickes an den keuchend neben mir haltenden Führer! Die schlichte Antwort »Posso!« entlockte mir einen lauten Jubelruf. Wie weggeblasen waren Müdigkeit und Verdrossenheit; ja sogar der Riesenhunger war vergessen angesichts der Tatsache, daß ich den auf drei Tage berechneten Marsch in einem Tage geschafft hatte.

Noch aber trennte uns eine ausgedehnte Kulturebene von dem am südlichen Seeende gelegenen Pendólo, und unverweilt machten wir uns daran, ins Tal hinabzugelangen. — Ziemlich nahe der Talsohle kamen wir an einer Gruppe reichtragender Kokospalmen vorüber, die uns köstlichen Genuß verhießen. Halb verschmachtet, konnten wir es uns nicht versagen, uns an einigen Nüssen zu delektieren. Zwar waren die Bäume durch besondere Zeichen für »pomali« erklärt; aber wer vermag nach einem Gewaltmarsch, wie wir ihn hinter uns hatten, einer solch lockenden Versuchung zu widerstehen? Sogar mein Tolampu, der sich beim Ansichtigwerden der Verbotszeichen erst bedenklich hinter den Ohren gekratzt hatte, überwand rasch seine Gewissensregungen und erkletterte fix eine der Palmen, um unsern Bedarf zu decken.

Mit einiger Verwunderung hatte ich wahrgenommen, daß er sich im Abschlagen der Früchte gar nicht genug tun zu können schien, ließ ihn jedoch gewähren. Der weitere Verlauf der Dinge sollte mich gar bald über die ihn zu solcher Plünderung veranlassenden Gründe aufklären und mir aufs neue den gewinnendsten Charakterzug der Tolampu, ihren stark ausgeprägten Gemeinsinn und ihre Gutmütigkeit, offenbaren. Er hatte im wohlverstandenen Interesse unserer zurückgebliebenen Gefährten gehandelt, die bei ihrer späteren Ankunft an diesem Platze vermutlich ebenso begierig nach Nüssen sein würden als wir, hauptsächlich aber, um ihnen die Verantwortung für einen wiederholten Frevel zu ersparen. Er ging in seiner Fürsorglichkeit sogar so weit, nach der Stillung des eigenen Durstes die Nüsse zu schälen und sie so vorgerichtet und fein aufeinandergebaut seinen später eintreffenden Kameraden zu sofortigem Gebrauch bereitzustellen.

Notdürftig restauriert, aber mit steif gewordenen Beinen setzten wir den Weg fort. Regenschwangeres Gewölk trieb zwar zur Eile; aber kaum hatten wir die Talsohle erreicht, als auch bereits die ersten großen Tropfen fielen. Zu alledem waren wir mitten im Busche auf eine Stelle geraten, wo nach allen Seiten Fußwege auseinanderliefen, von denen wir den richtigen nicht herauszufinden vermochten. Wohin wir uns auch wandten, stießen wir auf umfriedete Felder. Bei immer stärker einsetzendem Regen wurde die Situation recht ungemütlich. Da hörten wir unvermutet Rufe menschlicher Stimmen. Aufs Geratewohl sandte ich den Tolampu aus, diesen nachzugehen und so rasch wie möglich einen wegekundigen Führer zu bringen. Mittlerweile harrte ich in strömendem Regen der weiteren Entwicklung der Dinge. Meine Beine hatten ihre Schuldigkeit vollauf getan, und ich mutete ihnen keinen unnötigen Schritt mehr zu. Zum Glück dauerte es nur wenige Minuten, so kam mein Mann wieder zurück, begleitet von einem jungen Menschen, um dessen Garderobe mir bei dem Hundewetter nicht bange zu sein brauchte, da sie nur aus einer um die Lende gebundenen Schnur bestand.

Der Sorge des Irrelaufens waren wir nun enthoben; aber der Himmel war und blieb uns ungnädig, vermutlich eine Strafe für den Kokosraub, und ergoß eine solche Sündflut über uns, daß man dabei keine 2 Schritt weit voraus zu sehen vermochte. Das hatte gerade noch gefehlt. Windelweich durchnäßt, beneidete ich grimmigen Humors meine Begleiter, die in ihrem paradiesischen Kostüm den Regen als eine wohltätige Abkühlung zu empfinden schienen, während mir die Kleider kalt um den Leib schlotterten und meine Schuhe bei jedem Schritt laut glucksten.

Das Hindernisrennen, das den würdigen Beschluß des heutigen Marsches bildete, werde ich so leicht nicht vergessen. Die am Fuße des Gebirges liegenden Kulturen der Eingeborenen waren durch starke Einzäunungen gegen Schaden durch Wildschweine gesichert und erforderten, da die Pfade mitten hindurch führten, ein unaufhörliches Herüber und Hinüber in neckischer Abwechslung. Noch schlimmer waren frische Rodungen mit ihrem vom Regen schlüpfrigen Astwerk zu passieren, da dies akrobatische Gewandtheit voraussetzte. Durch Buschland führten von Büffeln ausgetretene Pfade, deren Besonderheiten, fußdicke Löcher und Schlammpfannen, jetzt durch den Regen gefüllt, hübsch planiert aussahen und dem optimistisch Voranschreitenden im Grunde recht wenig scherzhafte Überraschungen bereiteten. Zwischendurch war noch ein mäandrisch gewundenes, jetzt hoch angeschwollenes Flüßchen x-mal zu durchwaten — lauter Dinge, welche nicht geeignet waren, die Gemütsverfassung eines zum Umfallen Ermüdeten zu heben. Schließlich siegte aber über alle Widerwärtigkeiten doch immer wieder der Gedanke: der See liegt vor dir! und neue Energie durchströmte die Glieder. Auf die geschilderte Weise vergingen abermals 1½ Stunden; dann endlich kamen wir auf den großen Weg hinaus. Der Rest war Spielerei. — Bei aussetzendem Regen und klarer werdender Luft sah ich gerade vor mir die Hütten des Dorfes Pendólo liegen und dicht dahinter die blinkende Seefläche.

Pendólo! der Name bedeutete für mich die Erwartung des Landes, wo Milch und Honig fließt. In Pendólo befand sich eine Niederlassung der Amsterdamer Sendlingsgenossenschaft, und kein Geringerer, als der um die ethnologische Erforschung von Central-Celebes so hoch verdiente Missionar A. Kruyt hatte hier seinen Wohnsitz. Seit meinem Aufbruch von Paloppo kam ich in Pendólo zum ersten Male wieder mit Europäern in Berührung, und daß es gerade Herr Kruyt sein sollte, hatte für mich eine um so tiefere Bedeutung, als ich über so manche mich bewegende wissenschaftliche Frage von ihm Aufschluß zu erhalten hoffte. Aber auch in jeder anderen Beziehung war mir die Ankunft in Pendólo ein freudiges Ereignis. Mit dem Erreichen des Sees sah ich das Gelingen meiner Insel-Durchquerung in größere Nähe gerückt, und der Ort selbst bot mir verheissungsvolle Möglichkeiten in Bezug auf lang entbehrte kulinarische Genüsse.

Mit meinen längsten Schritten eilte ich voran, und bald war die Dorfgrenze erreicht. Zu beiden Seiten der Straße lagen hinter eingezäunten sauber gehaltenen Vorgärten die Hütten der Eingeborenen. Kaum etwas daran erinnerte mehr an ein Wilden-Dorf. Die kolonisatorische Tätigkeit der Mission trat allenthalben auffällig in die Erscheinung. Als erzieherisches Resultat derselben berührte schon angenehm der höfliche malayische Gruß aller mir begegnenden Kinder. Tabeh tuan, erscholl es bald hier, bald dort. Das dem See zunächst gelegene, in meiner Richtung also letzte Haus Pendólos war die Missionsstation. In der Nähe derselben kam mir eine Dame entgegen: Frau Kruyt in eigener Person. Von ihren Fenstern aus hatte sie mich kommen sehen und war nun so liebenswürdig, mich an Stelle ihres leider gerade durch Inspektionsreisen ferngehaltenen Gatten zu begrüßen und einzuladen, ihr Gast zu sein. Wieder einmal war mir Gelegenheit geboten, die unübertreffliche holländische Gastfreundschaft am eigenen Leibe zu erproben.

223. Missionshaus in Pendólo.

Wahrscheinlich verdankte ich es nur der wahrhaft mütterlichen Aufnahme, die mir Frau Kruyt zuteil werden ließ, vor einer Reaktion auf die heutige Überanstrengung verschont geblieben zu sein. Ich hatte ja nichts bei mir, als was ich auf dem Körper trug, und mein gesamtes Gepäck war, Gott weiß wo, bei meinen Leuten zurückgeblieben. Erbarmungswürdig durchnäßt, zähneklappernd in der vom See herüber wehenden Kühle, war ich nahe daran, einem Schwächegefühl zu erliegen; aber ein heißes Bad und ein dampfendes Glas Eiergrog — der herrlichste, den ich je in meinem Leben getrunken habe — halfen mir rasch über die Abspannung hinweg.

Vom Kopf bis zum Fuß warm in trockene Kleider gehüllt, saß ich bald in den traulichen Räumen der Hausfrau gegenüber, der ich über die Erlebnisse auf dem 14stündigen Marsche berichten mußte. Mit tiefem Genusse kostete ich die schon halb vergessene Behaglichkeit eines wohlgeordneten Hauswesens, und mit regem Interesse hörte ich Frau Kruyt von dem aufopferungsvollen Leben erzählen, dessen Pflichtenfülle die Tage des einsam unter einem der wildesten Stämme von Inner-Celebes lebenden und wirkenden Ehepaares völlig ausfüllte und weder Langeweile noch das Gefühl der Vereinsamung aufkommen ließ.

Das Wetter war wieder umgeschlagen, und böige Winde jagten Regenschauer über das Land. Mit Bedauern gedachten wir meiner zurückgebliebenen Leute, mit Sorge meines den Wetterunbilden preisgegebenen Gepäckes. Da, es war bereits 10 Uhr geworden, und ich wollte eben gute Nacht wünschen, ertönten vor dem Hause laute Stimmen. Ahnungsvoll erhoben wir uns, und was wir nicht mehr zu hoffen gewagt hatten, war zur Wirklichkeit geworden: in der stockfinsteren kalten Nacht, im strömenden Regen standen mein Junge mit dem Apparatträger und 7 Mann Soldaten vor der Tür. Gleich mir hatten die nun Angelangten am Fuße des Gebirges eine Hütte aufgesucht und sich unter der Führung eines Insassen derselben bei vollkommener Dunkelheit und dem fürchterlichen Wetter bis Pendólo durchgearbeitet. Der Rest der Leute war im Gebirge zurückgeblieben und übernachtete im Walde.

In größter Güte nahm sich Frau Kruyt auch der Spätlinge an und versah die Hungrigen mit allem Nötigen, worauf sie nach dem in der unmittelbaren Nähe der Missionsstation gelegenen Obdach geleitet wurden.

In dem mir zur Verfügung gestellten Gastzimmer der Mission fühlte ich mich beim Klatschen des Regens und dem Rauschen der Seewogen wohl geborgen und schlief bis in den hellen Tag.

Langes Buschmesser

224. Blick auf den Posso-See von Pendólo aus.

Pendólo am Posso-See, den 1. u. 2. November.

Die zwei in Pendólo verlebten Ruhetage mit ihrer Fülle neuer Eindrücke werden mir stets in lieber Erinnerung bleiben. Das Gros meiner zurückgebliebenen Soldaten und Träger traf gegen Mittag des Tages nach meiner Ankunft auf der Station ein. Da sie uns an keinem der Rastplätze lagernd gefunden hatten, waren auch sie durchmarschiert, bis einige der Träger, wie mir der Sergeant erzählte, vor Übermüdung einfach umgefallen und sofort eingeschlafen seien. Da hätten sie denn an Ort und Stelle übernachtet, und ganz früh sei dann weiter marschiert worden. Die Leute sahen auch sehr mitgenommen aus. So schwere Lasten über eine solche Entfernung und auf so fürchterlichen Wegen fortzuschleppen, ist an und für sich eine Tat, die der Leistungsfähigkeit der Eingeborenen ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Ein reichliches Backschisch war denn auch ihr Lohn. Ich photographierte sie noch alle zusammen und kaufte ihnen eine Anzahl ethnographischer Kleinigkeiten ab, ehe sie die Rückkehr nach ihrem weit entlegenen Heimatsdorfe antraten.

Als Geschenk für meine militärische Begleitmannschaft erwarb ich vom Pendólo-Häuptling einen großen Büffel für 25 Gulden. Der Sergeant und die Korporale erhielten noch besondere Andenken an die gemeinsam zurückgelegte beschwerliche Reise. — Die nun erreichte Südspitze des Posso-Sees bildete die politische Grenze zwischen Nord- und Süd-Celebes und gehörte bereits zur Residentschaft Menado. Das Militär konnte mich also nicht weiter begleiten und kehrte von hier aus auf einem etwas näheren Paß über Wótu nach Paloppo zurück.

Mein erster Ausgang in Pendólo galt dem Posso-See, von dem eine würzige Brise herüberwehte. Trotz seiner mächtigen Ausdehnung von annähernd 35 km Länge bei 13 km Breite, die nur noch vom Towuti-See in Südost-Celebes übertroffen werden dürfte, hinterließ mir der See nicht den nachhaltigen tiefen Eindruck, den ich erwartet hatte. Flach und landschaftlich unbedeutend verlief bei Pendólo sein Südende. Buchtenreiche, meist entwaldete Mittelgebirge säumten das Ostufer, und nur die Waldgebirge der Westseite fielen, zwei weit hinaustretende Vorgebirge bildend, ziemlich steil zum See ab. Das Posso-Becken wird von einer Unmenge von Bächen und größeren Rinnsalen gespeist, die von den Nordabhängen des Takalekadjo herabfließen. An dem spitz auslaufenden Nordende entströmt dem See der Posso-Fluß, der sein Wasser dem Golf von Tomini zuführt.

Der See ist seiner tückischen Winde halber gefürchtet, und die Eingeborenen wagen es nicht, sich größerer Segel zu bedienen, wie sie beispielsweise auf dem Matanna-See benutzt werden. Als Segel dient hier am Posso ein ungefähr 1 qm großes, zwischen 2 Bambusstangen straff gespanntes Tuch. Eine alte Tolampu-Legende erzählt, daß die Wassergeister des Sees die Benutzung wirklicher Segel nicht zulassen und Zuwiderhandelnde unfehlbar durch Ertränken bestrafen. Zu diesem Zwecke käme am Ostufer des Sees ein gewaltiger Stein aus der Tiefe an die Oberfläche gestiegen, um ein segelndes Boot zu zermalmen; am Westufer des Sees entstände ein mächtiger Wirbel, es in den Abgrund zu ziehen, und in der Mitte des Sees kämen die Winde von allen Seiten zusammen, um die Frevler zu verderben. —

225. Tolampu-Mädchen aus Pendólo.

Die Bevölkerung des Posso-Gebietes war von jeher sehr kriegerisch, und Kopf- und Sklavenjagden waren an der Tagesordnung. Seit aber die Regierung und die Missionen hier Boden gewonnen haben, hat sich bereits ein gewaltiger Umschwung vollzogen, und mildere Sitten haben Eingang gefunden. Es ist ein mittelgroßer, kräftiger Menschenschlag, der hier lebt, von derbem, starkknochigem Gliederbau. Schamgurt und Mützen aus Affenfell bzw. Rotanggeflechten oder Haupttücher aus Fuja bilden nebst den allgemein getragenen Sitzschürzen zumeist die gesamte Kleidung. Die Mädchen und Frauen tragen neben importierten Kattunzeugen großenteils noch die ursprüngliche Baumbastgewandung. Am beliebtesten sind bei ihnen braune und schwarze Fujaröcke und -jacken. Erstere sind mit einer Art Tunika ausgestattet. Der Schnitt der Jacken ist etwas gefälliger als bei den Stämmen tiefer im Innern des Landes. Die originellen Duftbündel, Faux culs, wie wir sie in Leboni kennengelernt haben, fehlen auch hier nicht. Auf den Köpfen trägt die weibliche Jugend hübsch kleidende Bastreifen, wie sie ähnlich im ganzen centralen Celebes zu finden sind. Das fürchterlich entstellende Ausschlagen der Vorderzähne ist auch am Posso noch allgemein üblich. Die Gesichtsbemalung beschränkt sich auf diskret angedeutete Strich- und Punktmuster in schwarzer Harzfarbe (nompi).

226. Tolampu-Mädchen mit Musikinstrument (rerre).

An Schmucksachen werden Brustgehänge und Armreifen aus Muschelmaterial bevorzugt; seltener trägt man Schmuckgeräte aus Messing. Um den Hals gehängte Bronze-Amulette gehören zu den geschätztesten Kostbarkeiten. Das Posso-Gebiet ist ferner die eigentliche Heimat der wundervollen Schwerter mit den Krokodilrachen-Griffen, deren mitunter prachtvolle Schnitzarbeit unter dem üblichen Stanniolbelag leider nur wenig zur Geltung kommt. Ebenso gehören hierher die schönen, mit Muscheln und Haarbüschen verzierten Langschilde (kánta). — Die bei diesen alten Kriegerstämmen früher getragenen höchst interessanten Kriegshüte und Panzerjacken sind heut als große Seltenheiten nur noch vereinzelt aufzutreiben. Leichter erhältlich sind schön geschaftete Lanzen sowie Buschmesser aller Formen. Als Spezialität der Posso-Distrikte sind außerdem die hier geflochtenen bunten Korbwaren anzuführen, von denen die »binka« genannten Tellerkörbchen in unzähligen Variationen besonders hübsch sind. In Pendólo lernte ich ein aus Bambus gefertigtes Musikinstrument (rerre) kennen, auf dem die Eingeborenen ein eintönig brummendes Geräusch hervorbringen. Das junge Mädchen auf Fig. 226 hält ein solches Instrument in Händen. Diese »rerre« sind ein bei alt und jung beliebtes Spielzeug, das sogar auf größeren Märschen mitgeführt wird. — Weit verbreitet sind Bambusflöten. Die besonders schön mit Brandmalerei verzierten, »tujali« genannten Stücke sind ursprünglich von minnahassischen Missionszöglingen an den Posso gebracht worden, werden aber gegenwärtig schon mit großem Geschick von den Eingeborenen nachgemacht.

227. Flechtarbeiten vom Posso-Gebiet.

Das ansehnliche Dorf Pendólo hat bereits seine Ursprünglichkeit eingebüßt. Die beiden mächtigen Kulturfaktoren, Gouvernement und Mission, arbeiten Hand in Hand an der Modernisierung der alten Eingeborenendörfer, und so entstanden zwar saubere und reinliche Ansiedelungscentren mit gutgehaltenen Wegen und gepflegten Vorgärtchen, aber die Eigenart der Bewohner vom Posso-See bis zum Meere entschwindet mehr und mehr.

Pendólo — Peoura, den 3. November.

Die für den Aufenthalt in Pendólo bemessene Zeit war mir wie im Fluge vergangen, und mit wärmstem Danke für die mir gewährte Gastfreundschaft sowie die nicht minder wertvolle Unterstützung im Verkehr mit der Bevölkerung verabschiedete ich mich zu früher Morgenstunde von Frau Missionar Kruyt, um meine Reise über den Posso-See fortzusetzen.

228. Meine Mabungka-Träger.

Die Berge lagen noch hinter dichten Nebelwänden verborgen, als wir im kühlen Morgenwinde fröstelnd am Seeufer standen. Daselbst lagen 3 mittelgroße, ungedeckte Prauen bereit, die mit je 3 bzw. 4 Ruderern bemannt waren. Zwei der Boote waren für den Transport des umfangreichen Gepäckes bestimmt; im dritten nahmen ich und mein Junge Platz. Mit dem Höhersteigen der Sonne flaute der Wind ab, und bei still liegendem Wasser stachen wir in den See hinaus. Die Leute ruderten taktmäßig. Auf zwei lange Schläge folgten zwei kurze, die dann regelmäßig von einem Anschlagen der Ruder an den Bootsrand begleitet waren. Die mit beiden Händen geführten Ruder waren kurz und hatten blattförmige Schaufeln, einige auch recht hübsch geschnitzte Griffe. — Wir hielten uns in der Nähe des dicht bewaldeten Westufers.

229. Tolampu-Knaben aus Pendólo.

Unser Ziel war das in einer geschützten Bucht liegende Dörfchen Binowoi, das wir nach 3 Ruderstunden erreichten. In dem gegen 400 Köpfe zählenden Dorfe, das nur der Büffelhörnerschmuck an allen Giebeln von einem gewöhnlichen Küstendorfe unterschied, übte ein minnahassischer Guru (Missionslehrer) seine Tätigkeit aus. Ich suchte ihn alsbald auf, und der junge Mann tat sein Bestes, mir behilflich zu sein. Der Mokole (Häuptling) wurde gerufen, und bald alarmierten seine Gongsignale die Dorfbewohner. Die Männer waren fast alle abwesend; dagegen strömte eine große Menge Frauen und Kinder im Schulhause zusammen. Es gelang mir, von diesen eine reiche Sammlung ethnographischer Objekte zu erwerben, die vorwiegend aus sehr sauber gearbeiteten Frauengewändern und primitiven Schmuckgegenständen bestand. Besonders freute ich mich über die Erwerbung eines der so überaus schwer zu erlangenden Bronzeamulette (gónga), das von einem kleinen Mädchen auf der Brust getragen wurde. Ein sehr beliebter Frauenhalsschmuck waren in Binowoi die bunten Schnäbel eines Spornkuckucks, die auf Schnüre gereiht wurden. Dieser Zierat wurde nach dem einheimischen Namen des Vogels »téka-téka« genannt. Ein Faserhalsband, dessen Mittelstück der gehörnte Kopf eines Käfers bildete, hieß nach diesem »bógo«. Ein anderes, aus Ketten kleiner Rotangringe bestehend (paka m’balésu), wurde sowohl von Kindern als Halsschmuck, als auch von Frauen als Jackenverschluß benutzt. Bisher nie gesehen hatte ich ferner Ohrpflöcke, welche mittels einer den Hinterkopf umschlingenden Perlkette verbunden waren (djali). — An sonstigen Dingen bildeten ein Zuschneidebrett für Fujastoffe (dopi pontói), sowie zwei sehr merkwürdige Vogelhüte (songko palándu), wie sie von Männern bei der Feldarbeit getragen werden, eine wertvolle Bereicherung meiner Kollektion. Diese Hüte bestanden aus Rotanggeflechten, welche mit einem oder mehreren Vogelbälgen bezogen waren.

230. Brustgehänge vom Posso-Gebiete.
231. Zuschneidebretter für Fuja-Stoffe.

Bei der Weiterfahrt machte sich die Mittagshitze recht fühlbar, und träge bewegte sich meine kleine Flottille dem Ostufer entgegen. Die weite Seefläche lag verlassen, und nur ein mächtiger Seeadler zog über uns seine Kreise. Gegenüber der bedeutenden Flächenausdehnung des Sees kommen die mittelhohen abgeflachten Randgebirge des Ostufers gar nicht zur Geltung, so daß das landschaftliche Bild ziemlich reizlos war.

Gegen 4 Uhr hatten wir den See überquert und lagen im seichten Wasser weit ab vom Lande vor dem kleinen bergumrahmten Tale von Peoura. Auch diese Ortschaft ließ in ihrer Anlage den Einfluß der Regierung erkennen. Die als Wandschmuck bei den Eingeborenen beliebten Büffelhörner waren hier zur Abwechslung in der Mitte des Giebelpfostens angebracht. Den First des Daches zierten flügelartige Fortsätze, wie wir sie ähnlich auf der Hochebene von Rato kennengelernt haben. Peoura verfügte übrigens auch über einen Lobo, den letzten Zeugen aus alter Zeit. — Ich quartierte mich für die Nacht im Hause des Guru ein. Es dauerte nicht lange, so boten Haus und Hof nicht mehr genügend Platz, um all die neugierig herbeigeeilten Dorfbewohner aufzunehmen. Mein aus der Minnahassa stammender, freundlicher Wirt, der das die Umgangssprache bildende Barée wie seine Muttersprache beherrschte, hatte alle Mühe, die vielen an ihn gerichteten Fragen zu beantworten. Kaum hatten die Leute erfahren, um was es sich handelte, als sie sich eilends zerstreuten, um in ihren Behausungen alles Entbehrliche zusammenzusuchen und es zu Gelde zu machen. Schwer beladen kamen sie zum Hause des Guru zurück. Ich hatte nicht geahnt, welch ein Sammelsegen mir hier beschieden sein sollte! Von 5 Uhr abends bis 11 Uhr nachts wußten wir uns vor Angeboten nicht zu retten. Vom Guru und dessen Frau sowie meinem Jungen unterstützt, entwickelte sich ein Geschäftsleben, wie ich es bei meinen Erwerbungen noch niemals erlebt hatte. Die letzten mußten schließlich mit sanfter Gewalt aus dem Hause befördert werden, sonst wären wir diese Nacht wohl überhaupt nicht zur Ruhe gekommen. Des Rätsels Lösung war verblüffend einfach. Der Steuererheber war auf seiner Rundtour um den See begriffen und wurde jeden Tag im Dorfe erwartet. Die Herrschaften brauchten Geld. —

Unter der Fülle der in Peoura erworbenen Sachen befand sich eine Anzahl sehr interessanter Stücke. Nur einige derselben seien hier angeführt. So erhielt ich aus Fuja gefertigte Frauenstirnbänder (talimódo) von lokaler Bedeutung. Sie bestanden aus 10 cm breiten und gegen 1 m langen ockergelb gefärbten Fuja-Streifen. In Stirnbreite waren diese Bänder mit schwarzvioletten ornamentierten Karrees bemalt. Außer diesen Talimódo wurden von Mädchen und Frauen noch Haupttücher aus seidendünner weißer Fuja (inódo) getragen; auch buntgefärbte Tücher wurden mir gebracht. — In Mehrzahl erwarb ich hölzerne oder aus Horn geschnitzte ankerförmige Haken, die zum Aufhängen von Gegenständen in den Hütten benutzt werden. Ziemlich jedes dieser Stücke wies eine Variation des typischen Büffelkopfmotivs auf. Die Eingeborenen nannten sie »pontjáru«. — Große umflochtene Bambusdosen (tóngka) mit hübscher Brandornamentik und geschnitzten Deckeln fungierten als Tabakbehälter. Bronzene Vorfechter-Schmucke (sangóri) konnte ich in mehreren Exemplaren ankaufen. — Das Beste von allem waren jedoch mehrere Kriegshüte und -mützen, einige Panzerhemden, sowie hervorragend schöne Schwerter. Letztere hatten nur den einen Fehler, daß fast unerschwingliche Preise dafür verlangt wurden. Durch ungemessene Forderungen zeichnete sich vor allen anderen der Häuptling aus, ein listig aussehender Patron.

Die Fuja-Industrie in Peoura, einst in großem Umfange betrieben, fristet gegenwärtig nur ein kümmerliches Dasein. Als schönste Erzeugnisse derselben kaufte ich braun und blau gefärbte Weiberjacken mit eingereihten Kragen. — Das blechern klingende Gehämmer der mit Fuja-Zurichtung beschäftigten Frauen war bis spät in die Nacht hinein zu hören.

Peoura — Tentena — Kúku, den 4. November.

Vor meiner heutigen Abfahrt besichtigte ich noch den Lobo des Dorfes. Dieser schien selten benutzt zu werden und war dem Einsturz nahe. Die Missionstätigkeit beginnt eben unter der heidnischen Bevölkerung des Posso-Gebietes schon eine nachhaltige Wirkung auszuüben, die, unterstützt von einer strengen Regierung, die alten barbarischen Sitten und vor allem den Brauch des Kopfabschlagens gründlich ausgerottet haben. —

232. Tolampu-Kriegshüte.

Das alte Gebäude befand sich wie gesagt in ziemlich desolatem Zustande. Von oben lachte die Sonne durch das vielfach gespaltene Dach; im Innern tummelte sich eine Schar Ziegen. In der Anlage und Ausstattung glich es völlig dem Milieu der schon früher geschilderten Lobos, selbst die geschnitzten Krokodilmotive fehlten nicht, zeichneten sich sogar durch größere Lebendigkeit aus. Auf einer Darstellung belauert ein Krokodil ein Ferkel, auf einer zweiten hat es dies bereits erfaßt.

Um ½7 Uhr morgens traten wir die Weiterreise nach dem am Nordende des Sees gelegenen Tentena an. Wir hielten uns dicht am Ufer, das von einem schmalen Waldgürtel eingefaßt war, hinter dem sich gerodete Hügel erhoben. Im Hinterlande der Berge soll viel Reis gebaut werden. Nahe am Ufer, aber noch im tiefen Wasser fanden wir häufig Lockplätze für Fische. Sie bestanden aus soliden in den Seegrund gerammten Gerüsten, welche in einer Höhe von etwa 25–30 cm über dem Wasserspiegel Plattformen aus Flechtwerk mit schattenspendendem Gezweige trugen. Dieses war durch Belag mit großen Steinen gegen den Wind gesichert. Vermutlich liegen unter diesen Vorrichtungen Reusen, in welche die den Schatten aufsuchenden Fische hineingeraten.

Wir erreichten die sich zipfelförmig verengende Nordostecke des Sees, welcher der Posso-Fluß entspringt, nach reichlich 2 Stunden. Sie glich einer schmalen Lagune und war durch großartige Reusenanlagen, die den Booten nur knappen Durchgang gewährten, gegen den offenen See zu abgesperrt. Tentena liegt weit zurück am Ende der Lagune, wo diese in einem Rohrsumpf verläuft. Der Ort ist von beträchtlicher Größe und besitzt sogar einen wohlausgestatteten Pasangrahan. Ich zog es aber vor, abermals den Guru aufzusuchen, und erhielt dank seiner freundlichen Unterstützung rasch die gewünschten Träger. Denn von hier ab begann wieder die Überlandreise, die ich mir aber nun recht bequem gestalten konnte, da ein sehr guter Reitweg See und Meer verbindet. Die fromme Sinnesart des von mir gemieteten Rosses sorgte im übrigen schon dafür, daß mir die Träger mit dem Gepäck nicht allzuweit aus dem Gesichtskreise entschwanden. —

233. Tabaksbehälter.

Ich ritt gegen 11 Uhr von Tentena ab, das mir mit seinem regen Küstenverkehr ethnographisch nichts Neues mehr bieten konnte. Anfangs führte die Straße durch Sumpf- und Reisland. Allmählich traten dann beiderseits Hügelketten auf, die meist noch schönen Hochwaldbestand trugen. Vielfach begegneten mir Eingeborene mit schweren Rückenlasten, die sie in den im Posso-Gebiet üblichen Körben aus Sagopalmscheiden mit weit vorstehenden Schutzdeckeln geborgen hatten. — Nach einstündigem Ritt kam ich durch das hochgelegene Dörfchen Paúna. Daselbst erwarb ich von einer mir begegnenden Frau eine Münzenkette aus alten koreanischen Cashstücken; ein Schmuck, den ich bei Frauen dieser Gegend mehrfach bemerkte. — Kurz hinter dem Dörfchen tauchten höhere Bergzüge auf, und das landschaftliche Bild wurde lebendiger. Der Weg stieg in scharf gewundenen Serpentinen die der Kreideformation angehörenden Höhen hinan, die vielfach Tuffsteinbildungen zeigten. Nach abermals einer Stunde hatte ich das Bergdorf Patmundju erreicht. Hier fand ich die Benutzung von Bastgewändern auch bei den Frauen schon stark eingeschränkt, da die Fuja mehr und mehr durch Zeugstoffe verdrängt wird. Auch die Gesichtsbemalung war bereits auf ein Minimum reduziert und bestand entweder in 3 kurzen horizontalen oder vertikalen Strichen auf jeder Wange und der Stirn oder gar nur in 3 Punkten. An Stelle des schwarzen verwandte man hierzu einen braunen Farbstoff. — Messingschmucksachen wurden immer seltener, und solche aus geschliffenem Muschelmaterial ersetzten sie in dem Maße, als wir uns der Küste näherten.

Über Sangira, eine neu angelegte Siedelung, ritt ich hügelabwärts und kam durch ein heißes Talgelände mit Sagosümpfen. Eine der hier befindlichen Sagomühlen besah ich mir näher. Der gefällte Stamm der Palme wird erst der Länge nach gespalten und das Mark alsdann mit einem hohl kellenartig geformten runden Messer herausgeschroten. Hierauf wird die Masse durch Waschen und Austreten mit den Füßen möglichst von allen holzigen Teilen befreit. Das roh gereinigte Sagomehl sickert dabei durch ein siebartiges Geflecht nach unten durch. Das bei diesem Prozesse ablaufende Wasser wird durch ein Rinnensystem zu einem Filter aus porösem Arengholze geleitet, unter welchem es geklärt in einem großen Troge aufgefangen wurde. Diese gerbsäurehaltige Flüssigkeit spielt eine wichtige Rolle bei der Fujabereitung.

234. Leute vom Posso-Gebiet mit Deckel-Rückenkörben.

Am Ende des Tales erhob sich vor mir ein hoher, querstreichender Gebirgszug. In gewaltigen, stark ansteigenden Schleifen führte der Weg diesen hinan. Nach mehreren Stunden konnte ich von dem erreichten hohen Standpunkte aus einen herzerfreuend schönen Blick auf die sich unter mir ausbreitende Berglandschaft genießen, in deren Tiefe der Posso-Fluß dahinbrauste. Auf der Wasserscheide des Bergzuges angelangt, sah ich wohl an 600 m tief unter mir in schmalem Tale die Ortschaft Kúku liegen, wo ich heut zu nächtigen beabsichtigte.

Der Ort war das Domizil eines holländischen Missionars. Auch ein gut ausgestatteter Pasangrahan befand sich daselbst, in dem ich alles fand, was das Herz eines durch langes Buschleben genügsam gewordenen Reisenden erfreuen kann. Diese überall in Holländisch-Indien zu findenden Gouvernements-Unterkunftshäuser sind ein wahrer Segen für den Touristen. Außer dem notwendigsten Mobiliar enthalten sie gewöhnlich noch eine Reihe anderer höchst nützlicher Dinge, als da sind Matratzen, Lampen, Wasch- und Speisegeschirr, Bestecke und dergl.

In Kúku fand ich alle diese Herrlichkeiten beisammen; selbst ein Petroleumvorrat war vorsorglich deponiert. Wer sich niemals in solchen Lagen befunden hat, kann nur schwer das Wonnegefühl nachempfinden, welches das Erreichen eines solchen wohl ausgestatteten Rasthauses bei dem Reisenden auszulösen vermag.

Diese Pasangrahan sind meist der Obhut des Dorfhäuptlings unterstellt, der für Instandhaltung und Ordnung derselben zu sorgen hat. Bei meinem Besuch lernte ich in dem Missionar des Dorfes, Herrn Scheuer, einen sympathischen Herrn kennen, der mit seiner jugendlichen Gattin seit etwa 2 Jahren hier lebte und die gewiß ebenso mühevolle wie undankbare Aufgabe übernommen hatte, in Kúku, auf einem schwer zu beackernden Boden, in die Herzen einer nahezu rein heidnischen Bevölkerung die Samenkörner christlicher Glaubenssätze auszustreuen. Der Liebenswürdigkeit des Herrn Scheuer und seinem Interesse für ethnologische Forschungen verdanke ich bemerkenswerte Hinweise und die Bereicherung meiner Sammlung durch mehrere außerordentlich schwer zu erlangende Kultgegenstände der Eingeborenen. So sei vor allem der Pemía oder Totenmasken Erwähnung getan.

235. Totenmasken.

Die Toten der Tolampu-Stämme werden ursprünglich irgendwo im Busche provisorisch beigesetzt. Um solche Orte vor dem Vergessenwerden zu bewahren, werden sie durch besondere Markierungen gekennzeichnet, z. B. durch aufrechte Stangen, an denen Strohwische oder Atapstücke befestigt sind. Zu dem in unregelmäßigen Intervallen stattfindenden großen Totenfest, wie es etwa dem katholischen Allerseelen entspricht, werden die hierzu wieder ausgegrabenen und gereinigten Gebeine mittels Fuja zu Bündeln zusammengeschnürt und so in die Lobos der einzelnen Dörfer gebracht. Die daselbst stattfindenden Feierlichkeiten stehen unter der Leitung von Priesterinnen, den »dadu-moráke« (dadu = Priester, Zauberer; moráke = Verjagen der Geister). Als äußere Abzeichen tragen diese meist ehrwürdigen Matronen gefaserte Fuja-Kopfschleifen (pebántja dómpu). Die ganze Institution hat eine unverkennbare Ähnlichkeit mit den »Bálias« der Paluesen. — Die einzelnen Bündel mit den Totengebeinen werden im Lobo reihenweise niedergelegt, und jedes derselben wird mit einer Totenmaske versehen, von welcher die Eingeborenen behaupten, daß sie den Zügen des Verstorbenen gliche. Die Pemía von Toten, welche im Leben den hochgeachteten Rang eines Vorkämpfers eingenommen haben, sind dabei mit dem Sangóri geschmückt, derselben eigenartigen Bronzespirale, wie sie den Vorfechter auch bei Lebzeiten auszeichnet. — Nach beendeten Feierlichkeiten bringt man die Totenmasken in die Reisscheunen der Hinterbliebenen, wo sie für immer verbleiben. Die Gebeine aber werden im Walde unter Felsen, in Baumhöhlen oder dergl. endgültig bestattet.

In Kúku erhielt ich auch sog. Donnersteine (n’gisi berése), denen geheimnisvolle Kräfte zugeschrieben werden. Es dürfte sich bei solchen Stücken um Fragmente aus der Steinzeitperiode der Celebes-Stämme handeln.

Kúku — Posso (-Station) am Golf von Tomini, den 5. November.

Zufolge der absichtlichen Säumigkeit des Dorfvorstehers dauerte es heut endlos lange, bis sich die in Kúku neuangeworbenen Träger im Pasangrahan einfanden. Es war dies auf einen Racheakt des Kapala zurückzuführen, der darüber wütend war, daß es mir bzw. Herrn Scheuer gestern gelungen war, die zwei Pemía in meinen Besitz zu bringen. Erst auf sehr ernste Vorhaltungen hin bequemte er sich, die gebrauchte Anzahl Leute zu beordern. Mit Militär im Gefolge hätte so etwas wohl kaum vorkommen können. — So wurde es 7 Uhr, ehe ich nach freundlicher Verabschiedung von dem Missionspaar den Ort verlassen konnte. In gemächlichem Tempo ritt ich das von schön geformten Waldzügen umrahmte Tal von Kúku entlang. Trotzdem die Lehnen bis zur halben Höhe hinan von den Talbewohnern angebaut waren, hatten diese die oberen Waldpartien vor Axt und Feuer verschont — ein vernünftiges und selten anzutreffendes Beispiel in einem Lande, in dem schonungslose Waldvernichtung zur Regel geworden ist. Das Tal war an seinem Ausgange von Bergen eingeschlossen, deren Wegekurven ich langsam hinanritt. Nach einer reichlichen Stunde gewahrte ich, auf einer Paßhöhe angelangt, tief unter mir das Dörfchen Tampe-Táa am Ufer des auch das Kúku-Tal bewässernden Tomása-Flusses. Auch die nächstgelegene Ortschaft Imbuh sah ich nur von hoch oben aus. Die steilen Bergabhänge hatten die Wegebauer gezwungen, zu endlosen Kehren ihre Zuflucht zu nehmen, und nur selten war es mir möglich, diese auf Gangsteigen abzukürzen, die allerdings nicht für Pferdehufe geschaffen waren. Aber mein Gaul war von Nervosität frei und kletterte wie eine Ziege. — Auf allen freien Halden grünte Mais. Auch Tabak wurde viel angebaut.

236. Ortschaft Pandiri.
237. Frauenmesser.

Bei etwa 600 m Höhe hatte ich den Rückenkamm erreicht, und in derselben Weise wie herauf ging es nun talwärts. Die Berge nahmen ein Ende, und vom Meere trennte mich nur noch die demselben vorgelagerte Ebene, die mit Dörfern, Plantagen und Fruchthainen übersät erschien. Von einem der letzten Hügel aus, dicht oberhalb des großen schönen Dorfes Pandiri, genoß ich den ersten Ausblick auf diesen gesegneten Kulturstrich, begrüßte ich frohlockend den heißersehnten Anblick des nicht mehr allzufern herüberblinkenden Meeres.

Ich traf gerade zur Mittagsstunde in Pandiri ein, wo wie in den meisten größeren Ortschaften des Posso-Gebietes ein malayischer Guru im Dienste der Mission wirkte. Bei diesem stieg ich ab und machte in seinem Hause kurze Mittagsrast, wobei ich die Zeit noch zu Einkäufen ausnutzte, bei denen mir der Guru hilfreich zur Seite stand. Die Einwirkung der Küstenbevölkerung war in Pandiri bereits stark bemerkbar, und auch der Islam mit all seinen Begleiterscheinungen ist schon bis hierher vorgedrungen und macht der Mission scharfe Konkurrenz. Das Dorf liegt dicht am Fuße der Berge und ist eines der bedeutendsten und schönsten des Distrikts. — Die Frauen dieser Gemeinde trugen Stirnbinden aus Stoff. Fuja-Gewänder und Gesichtsbemalung sind nahezu gänzlich verschwunden. Sonderbarerweise trugen fast alle Frauen Pandiris eigens für sie gearbeitete kleine Buschmesser mit sich.

238. Zauber zur Verhütung von Krankheits-Einschleppung im Dorfe Tagólu.

Von Pandiri bis Posso ist der Weg fast ganz eben und führt immer in der Nähe des Posso-Flusses entlang. Ich wartete das Nachkommen meiner Träger gar nicht erst ab, sondern bat den Guru, dafür zu sorgen, daß der hier stattfindende Kuliwechsel rasch und ordnungsgemäß vor sich gehe. Eine Stunde später erreichte ich das Dorf Watuawu, ritt ohne Aufenthalt hindurch und war abermals eine Stunde hernach in dem sehr ausgedehnten Dorfe Tagólu angelangt. Am Eingange zu dieser großen Ortschaft sah ich einen höchst merkwürdigen Dorfzauber. An der Wegseite waren 2 Bambusgestelle errichtet, ein größeres und ein etwas niedrigeres, die beide mit wehenden weißen Fuja-Fähnchen geschmückt waren. In dem Boden davor hatte man mehrere Stöcke des heiligen roten Blattes eingepflanzt. Auf dem höheren der Tischgestelle befanden sich 2 gleichartige holzgeschnitzte Figuren in halbliegender Stellung, die einen Mann und eine Frau darstellten, letztere durch Fuja-Sarong und Fruchthalskette als solche gekennzeichnet. Zaubermedizinen aller Art, wie Wurzeln und Kräuter lagen nebst einem Ei davor. Auf dem kleineren der Tischchen befanden sich neben einem Körbchen mit Mais- und Reiskörnern ganze Hände voll alter, außer Kurs gesetzter Kupfermünzen. Rings um beide Gestelle waren in halber Höhe Schnüre gezogen, an denen Maiskolben und Bündel wohlriechender Gräser hingen. Das Ganze stellte einen Abwehrzauber gegen Einschleppung von Krankheit vor. Ich fand hier also, am Meere im Norden der Insel, einen zwar in den Einzelheiten abweichenden, aber dennoch den im Süden am Boni-Golf angetroffenen Brauch wieder. — Da ich mich gerade allein und unbeobachtet wußte, stieg ich ab und nahm kurzerhand den ganzen Kram an mich. Es sei gleich hier bemerkt, daß ich am anderen Ausgang des Dorfes auf genau dieselbe Krankheitsscheuche stieß, mit dem Unterschiede, daß diese rechts vom Wege aufgestellt war, während erstere links stand. Damit nicht genug, hatten die Leute noch einen zweiten anderen Dorfzauber, und zwar gleichfalls am Ein- und Ausgange der Dorfgrenze direkt über dem Dorfweg errichtet, in Gestalt von 3 hohen, gegeneinander geneigten, eine Art Tor bildenden Bambusgerten. Die spezielle Bedeutung dieser Art Zauber, die gleichfalls stark an luwuresische Gepflogenheiten erinnerte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, vernahm jedoch, daß auch dies eine gegen Seuchen schützende Abwehrmaßregel vorstellen sollte.

Die Seltsamkeiten Tagólus waren damit noch nicht erschöpft. So sah ich hier vor mehreren Häusern Flaggenstangen, deren schildbürgerliche Konstruktion einigermaßen verblüffend wirkte. Einer 4–5 m hohen Stange saß eine kurze Querleiste auf, die an ihrem durchlochten Ende eine Verlängerungsstange trug, an welcher die holländische Flagge wehte. Warum in aller Welt man in einer Gegend, wo Tausende bis 30 m hoher, kerzengerader, schlanker Palmenschäfte direkt zur Benutzung herausforderten, zu solch komplizierter Zusammenstückelung seine Zuflucht genommen hatte, blieb mir unerfindlich.