Leboni, den 25. Oktober.
Mein nächtliches Abenteuer war mir nicht weiter übelgenommen worden; denn schon um 7 Uhr früh kam Pieters mit dem Häuptling zu uns herüber, um mir mitzuteilen, daß man im Dorfe auf mein Kommen warte, um mir eine Menge zusammengetragener ethnographischer Objekte zum Kaufe anzubieten. Der Handel wickelte sich denn auch unter Assistenz Pieters, des Masamba-Prinzen, des Sergeanten und meines Boys zu meiner vollsten Zufriedenheit ab, und ich erwarb eine solche Menge Fuja-Kleidungsstücke, daß ich zum mindesten einige Brautpaare damit hätte ausstatten können. Am schwierigsten zu erlangen waren wie überall alte Waffen. In Leboni machte ich zum ersten Male Bekanntschaft mit den herrlichen Schwertern, deren weit auseinander klaffende Griffe angeblich einen aufgesperrten Krokodilrachen darstellen. Es bedurfte eindringlichen Zuredens und recht ansehnlicher Häufchen Ringgits (= 2½ fl.-Stücke), ehe es mir gelang, einige dieser wohl bald gänzlich der Vergangenheit angehörenden prächtigen Erbwaffen in meinen Besitz zu bringen. Das Lustigste an der Sache war, daß keiner dieser stolzen Schwertträger auch nur entfernt daran gedacht hatte, eines der hochseltenen Stücke verkaufen zu wollen. Nur um damit vor mir zu prunken und vor der besitzlosen Klasse ihrer Landsleute groß dazustehen, waren sie damit zum Vorschein gekommen. Tadellos erhaltene Stücke waren davon kaum mehr aufzutreiben; bei einigen fehlte das schiffchenartige Fußstück der Scheiden, bei anderen war das eingezapfte Rachenstück des aus 2 Teilen bestehenden Horngriffes verloren gegangen und durch ein Büschel Menschenhaare ersetzt worden. Besondere Einbuße an ihrer Schönheit aber erlitten diese Waffen durch den fast immer defekten Stanniolbelag, mit dem die ursprünglichen kunstvollen Schnitzereien der Griffe und Scheiden überzogen waren.
Es gelang mir, 3 verschiedene Schwertformen zu erwerben. Alle drei halte ich nicht für Eigenprodukte der Lebonier, sondern für Erzeugnisse der Tolampu, die vom Posso-See aus auf dem Tauschwege hierher kamen. Genau ebenso wird es sich auch mit der einzigen am Orte erhältlichen Form hölzerner Langschilde, die mit Rotangumschnürungen, Ziegenhaarbesatz und Muschelschmuck ausgestattet sind, verhalten, während die feingeschafteten, dunkel polierten Lanzen, deren Enden in einen eisenbeschlagenen Dorn auslaufen, und deren Blätter auffallend kurz und schmal sind, aus Bada stammen dürften.
Trotzdem die Leboni-Leute zum kriegerischen Stamme der To-Bada gehören, sind sie doch viel mehr Bauern als Jäger oder Krieger, und so hervorragend schöne Waffenformen, wie die vorerwähnten, gehören sicherlich nicht zu ihrem bodenständigen Besitz. Wohl aber dürften gewöhnliche Buschmesser, Lanzen und Speere von ihnen selbst hergestellt werden. Als seltenes kriegerisches Attribut konnte ich noch ein Sangori, einen Vorfechterschmuck, erwerben. Das aus Bronze geschmiedete Stück glich in der Form etwa einer mit dem Kopfe nach innen gerollten Natter. Es wird in horizontaler Lage unter dem Haupttuch im Haar befestigt (s. auch Fig. 235).
In Leboni steht die Fuja-Industrie in hoher Blüte. Für den weiblichen Teil der Bevölkerung deckt sie nahezu den Gesamtbedarf an Kleidung; für den männlichen liefert sie einen großen Teil desselben. Wie für Masamba das melodische Reisstampfen, so ist für Leboni das taktmäßige Klopfen der mit der Fuja-Bereitung beschäftigten Frauen charakteristisch.
Unter Fuja sind Stoffe zu verstehen, welche aus Streifen rohen Baumbastes in recht langwierigem Prozesse gewonnen werden. Durch Auskochen, Waschen und Hämmern wird das Rohmaterial so lange bearbeitet, bis die Fasern zu einem dichtverfilzten Ganzen verbunden sind. Die Fuja-Bereitung ist ausschließlich Frauenarbeit, und die Wertschätzung einer Hausfrau richtet sich vielfach nach ihrer Geschicklichkeit auf diesem Gebiete. Der aus den Rinden einer ganzen Reihe von Waldbäumen gewonnene Rohstoff — nunu — wird in langen dünnen Streifen abgeschält, von der Borke befreit, und der Bast je nachdem durch Kochen oder umständliches wiederholtes Waschen für die nachfolgende Klopfprozedur vorbereitet. Hierzu bedarf es einer keinem Hausstande fehlenden Garnitur von Instrumenten, die in Leboni aus 9 Stücken, nämlich 3 ungleichen Holzschlägeln und 6 verschiedenen Steinhämmern, besteht und »peháha« genannt wird. Mit den ersteren, den »bebóba«, aus schwerem, eingekerbtem Holze wird das noch widerspenstige Material zuerst bearbeitet, und im vorgeschrittenen Stadium wird dann zu den Steinhämmern — uge — übergegangen. Letztere sind aus Serpentin, der angeblich dem Kororu-Gebirge entstammt, in Würfelform gearbeitet und beiderseitig mit weiten und engen Längs- und Quer- sowie Diagonalrillen versehen ist. Befestigt sind die Klopfsteine an elastisch schwingenden Rotanggriffen. Die beliebtesten Arbeitsstätten zur Fuja-Bereitung sind die schattigen Räume unter den Vorratsspeichern. Als Arbeitsbänke wurden Bretter verwendet, die an beiden Enden auf Schaftstücken des Pisangs lagen. Während der Bearbeitung muß das spröde Material stets feucht gehalten werden. Die Frauen verstehen es, nach diesem Verfahren so innig miteinander verbundene Stoffstreifen herzustellen, daß es ganz unmöglich ist, eine Verbindungsstelle zu erkennen. Man unterscheidet eine Menge Fuja-Sorten, von der groben, dicken Hüttenscheidewand in Stücken von 2 m Höhe und 4 m Länge bis zum millimeterdünnen, an japanisches Transparentpapier erinnernden Stoffe.
Das fertige Produkt wird in den meisten Fällen noch einem Färbeprozeß unterworfen. In Leboni sind die beliebtesten Farben schwarz und dunkelrotbraun. Ungefärbte, weißgraue Stoffballen dienen vielfach zu Tauschzwecken. Neben diesen einfarbigen Stoffen findet man noch gestreifte, gesternte oder gespritzte Fuja-Gewebe, ferner die in grellem Ocker und violett gefärbten Stirnbinden und Kopfschärpen, sowie Haupttücher. Hierher gehören auch die teilweise mit Fuja bezogenen Bast-Kopfreifen der Weiber, mit Strichen und oblongen Viereck-Mustern geziert, und endlich mehrere hier erworbene Männersarongs, auf deren weißgrauer Grundfarbe das beliebte Büffelhornmotiv in sehr ursprünglicher Manier in schwarzer oder violetter Farbengebung aufgetragen war. Sowie es sich um kompliziertere Muster und Anwendung von Komplementärfarben handelt, dürften solche Stücke nicht mehr Leboni-Erzeugnisse sein, sondern aus Bada eingeführte Produkte: so vor allem die vereinzelt vorkommenden, prachtvoll buntgemusterten Frauenjacken, ferner die gleichfalls reichgemusterten Männerhaupttücher, sowie die Fuja-Sirihtaschen. Daß man in Leboni in der Kunst der Farbengebung gegen die Nachbarstämme tatsächlich noch zurück ist, erhellt auch daraus, daß einzelne junge Mädchen, um in das häßliche Kapuzinerbraun oder Schwarz der einfarbigen Frauenjacken etwas Leben zu bringen, diese mit weißblauen oder weißroten Stoffzwickeln auf Brust und Rücken zierten und hierdurch die vollendet schön gemalten Muster, wie ich sie später in Bada und Napu fand, zu ersetzen suchten.
Die Machart der Frauengewänder ist sehr unförmlich und plump. Es gibt dafür nur einen Schnitt, und der ist vielleicht schon so alt wie die Kunst der Fuja-Bereitung selbst. Das kleine Mädchen trägt genau dieselbe Gewandung wie seine Großmutter. Die Röcke bestehen aus einem oben und unten offenen weiten Sack aus dicker Fuja, der übergestülpt und um die Taille um ca. ein Drittel seiner Länge übergeschlagen und gebunden wird. Die Hüften erscheinen dadurch unförmlich breit. Vorn fast auf den Boden stoßend, sind die »golíu« genannten Röcke hinten so lang, daß sie umfangreiche faltige Schleppen bilden, mit denen die Holden unentwegt durch Staub und Unrat fegen, — ein Ersatz für Kehrbesen, die in Leboni noch zu den unbekannten Kulturerrungenschaften zählen. Es ist Sitte, die Gewänder bis zu ihrer gänzlichen Auflösung zu tragen. Vermutlich schläft man auch damit, und es wird hiernach begreiflich erscheinen, daß die so kostümierten Leboni-Weiblichkeiten durchaus nicht eben berückend aussehen. Die abgetragenen Gewandstücke sahen recht oft alten Lumpen so verzweifelt ähnlich, wie die Trägerinnen lebendig gewordenen Vogelscheuchen. Hier sei auch gleich noch zweier Absonderlichkeiten gedacht, die, von Leboni angefangen, über das ganze centrale Celebes in mehr oder weniger abweichender Form verbreitet sind: der Gesichtsbemalung und der freiwilligen Hingabe der Vorderzähne.
Das Bemalen des Angesichtes und der Hände mit schwarzen Harztupfen oder Strichen gehört in Leboni zu den unentbehrlichsten Schönheitsmitteln und wird von jedermann ohne Ausnahme, namentlich aber von Mädchen und Frauen geübt. So wie man sich anderweit des Morgens das Gesicht wäscht, so bemalt man es sich in Leboni mit Harz. An Festtagen werden die Farben dicker aufgetragen und die etwa noch farbfreien Stellen mit Stanniolmustern anmutig verpflastert. Um der auf solche Weise erzielten Unwiderstehlichkeit des schönen Geschlechts gegenüber nicht allzusehr ins Hintertreffen zu kommen, sehen sich die Männer gezwungen, diesem Beispiel zu folgen, beschränken sich in der Wahl der Muster jedoch auf gerade Striche auf Stirn und Nase, Wangen und Kinn. —
All dieses aber würde nach Eingeborenenbegriffen den weiblichen Charme und die männliche Schönheit nicht genügend zur Geltung bringen, sofern nicht das in ihren Augen höchlichst entstellende Vordergebiß radikal entfernt und die übriggebliebenen Zähne schön ebenholzschwarz gefärbt wären, sodaß keinerlei Vergleich mit dem »weißen Tiergebiß« der Europäer mehr in Frage kommt. Bereitwillig unterwirft sich jedermann, Jüngling wie Mädchen, einer schmerzhaften Operation, nur um die schönheitstörenden Kauwerkzeuge loszuwerden.
Das Zähne-Ausschlagen fällt in die Zeit des Eintrittes der Pubertät und wird als eine Art Volljährigkeitserklärung angesehen. Die Operation vollzieht der Sándo, in Leboni Dorfzauberer und Medizinmann in einer Person, in einer kaum begreiflichen rohen Manier. Die Mädchen werden dabei ihrer 6 oberen und unteren, also sämtlicher 12 Vorderzähne, und zwar mit den Wurzeln beraubt, so daß der schwindende Kiefer die Lippen hohl einsinken läßt, wodurch die blühendsten jugendlichen Gesichter einen greisenhaften Zug bekommen. Der Zahnkünstler bedient sich zu dieser Operation, bei der die Devise unserer modernen Zahnärzte, »völlig schmerzlos, beinahe ein Vergnügen«, sicherlich nicht zutrifft, eines gewöhnlichen meißelförmigen Eisens, das mit Hammerschlägen zwischen das Zahngefüge getrieben wird, und bringt durch brutale Drehung die Zähne samt den Wurzeln zum Ausspringen. Bei den Knaben dagegen begnügt man sich mit der Entfernung der 12 Zahnkronen unter Zurücklassung der Wurzeln. Dabei wird zuerst der Zahnschmelz angefeilt, und dann werden die Zahnkronen durch kurze kräftige Hammerschläge abgeschlagen. — Diese Zahnamputationen, die stets gleichzeitig an einer Reihe Jugendlicher vorgenommen werden, müssen zweifellos außerordentlich schmerzhaft sein. Vor allem aber liegt die Gefahr bösartiger Komplikationen sehr nahe, und die Regierung hat sich deshalb in neuester Zeit veranlaßt gesehen, energisch dagegen einzuschreiten. Der aller Vernunft bare alte Brauch wurde untersagt, und Zuwiderhandelnde werden streng bestraft. Unbegreiflich ist es, wie die Leute dazu kommen, sich in so fürchterlicher Weise zu entstellen. Sie selbst wissen keinen stichhaltigen Grund dafür anzugeben, und der Adat-Begriff muß wieder einmal eine logische Begründung ersetzen. Die Herren Sarasin nehmen an, daß es sich dabei um rituelle Verkümmerungen ehemaliger Menschenopfer handelt, indem an Stelle des ganzen Körpers den Göttern ein Teilersatz geboten wird. Ich kann mir schwer vorstellen, daß die Eingeborenen sich aus unklaren Kultempfindungen heraus solchen freiwilligen Martern unterziehen würden. Außerdem müssen aber schließlich auch bei aller verkehrten Anschauungsweise die To-Bada, Lebonier, Tolampu usw. einsehen, daß ihre jungen Mädchen und Frauen mit dem Verluste der Zähne ganz bedeutend an Reizen verlieren und bereits mit 16 Jahren stark gealtert aussehen. Besonders rätselhaft ist der Umstand, daß den Mädchen die Zähne samt den Wurzeln entfernt werden, während man letztere den Jünglingen beläßt. Auf den Zähnemangel ist es auch zurückzuführen, daß die Eingeborenen undeutlich sprechen, daß sie z. B. nicht imstande sind, ein s auszusprechen. An Stelle eines solchen hört man in allen Fällen ein deutliches h, also z. B. Dúhunga statt Dusúnga.
Auf meine Tausch- und Kaufaktion im Dorfe zurückkommend, erwähne ich noch der Bastkopfringe für Mädchen und Frauen als des einzigen wirklich gut und anmutig kleidenden Ausstattungsgegenstandes. In ihrer primitivsten Form sind es 1–5 cm hohe geschmeidige Baststreifen, die an ihren Enden mittels ineinandergreifender Schlitze verbunden sind. Je nach ihrer Breite ziehen sich ein oder mehrere rote oder violette, auch schwarze Farbstriche um sie herum. Bei festlichen Anlässen werden mit Fuja bezogene Kopfringe benutzt, die dann nicht der Breite, sondern immer der Höhe nach mit kindlich ausgeführten Zierlinien bemalt sind. Den Gipfel der Eleganz aber bilden so bemalte und noch mit Stanniolverzierungen versehene Reifen.
Unter den in Leboni begehrten Tauschartikeln spielte eigentlich nur Salz eine Rolle. Gern genommen wurden auch Kattunstoffe, Nähnadeln und Zwirne, sowie Farben für Stoffe. Das bevorzugteste Ausgleichmittel aber war und blieb bares Geld.
Nach Beendigung meiner Einkäufe machte ich mich daran, das wichtigste und größte Gebäude der Ortschaft, die schon mehrfach erwähnte Dusunga, einer gründlichen Besichtigung zu unterziehen. Die Stützpfosten waren an der Vorderseite mit grobem Schnitzwerk versehen, und zwar zeigte der eine stilisierte Büffelhornornamente, der andere eine Eidechse (Krokodil). Eine recht unbequeme Treppe, aus einem dicken halbierten Baumstamm mit flachen Auskerbungen bestehend, die beim Hinansteigen ein seitliches Stellen der Füße erforderten, führte zum Inneren hinauf. Oben befand ich mich in einem hohen, rechteckigen fensterlosen Raum, der sein fahles Zwielicht durch die schmalen Lücken zwischen Dachrand und Gesims, sowie durch die vielfach geborstenen Dachschindeln empfing. Dem wurmstichigen Äußeren des Geisterhauses mit seinem grünbemoosten, stark verwitterten Schindeldach entsprach auch das Innere. Der Bodenbelag bestand aus dicken schweren Bohlen, die schlecht und lose aneinandergepaßt waren. In denselben hatte man zwei Feuerstellen ausgespart, über welchen sich pyramidenförmige Bambusgestelle aufbauten. An ihnen waren je zwei Holztrommeln aufgehängt, drei größere und eine kleine. Alle wiesen ungefähr die bauchige Bierfaßform auf. Die Trommelfelle bestanden aus Anoahaut. Zwei der schönen alten Stücke waren mit reicher Schnitzarbeit ausgestattet. Die schönste davon ist auf meiner Blitzlichtaufnahme vom Festmahle gut zu erkennen. Die Photographie macht auch die Befestigung der Trommel am Gerüst deutlich ersichtlich. Die großen Trommeln schweben für gewöhnlich an Rotangseilen in der Luft und werden nur an Festtagen zum Gebrauch herabgelassen. Eine fünfte, uralte Trommel ganz anderer Form, einen langen, engen Holzcylinder darstellend, befand sich oberhalb einer der seitlichen Nischen neben dem Eingange. Ihr Ruf galt allein den Frauen und verkündete ihnen z. B., wenn sie mit einer Saat oder Erntearbeit beginnen dürfen, oder daß ihre Anwesenheit in der Dusunga verlangt werde. Die Dusunga-Trommeln dürfen nur auf Befehl des Häuptlings geschlagen werden. In bezug auf die Art des Trommelns fand ich eine frühere Beobachtung der Hrn. Sarasin auf das genaueste bestätigt, denen die sonderbare Körperstellung der Trommelnden aufgefallen war. Heut wie damals drückten die mit dieser Obliegenheit betrauten Leute dabei die Ellenbogen krampfhaft an den Körper, wodurch sie zu auf- und niederwippenden Bewegungen des Oberkörpers gezwungen wurden. — Ich gab mir die größte Mühe, eine dieser Trommeln an mich zu bringen, und bot dem Häuptling eine namhafte Summe für die eine geschnitzte. Vergebliche Mühe; er wollte mir gern eine neue anfertigen lassen, lautete die wenig tröstliche Antwort, aus der Dusunga aber dürfe keine derselben entfernt werden, da sonst Unheil über das Dorf käme.
Rings um den Mittelraum des Geisterhauses zogen sich über das Hausgerüst hinausragende Galerien, die der Schrägstellung des Daches entsprechend ziemlich niedrig waren. Durch horizontal und vertikal gestellte Bretterverschalungen hatte man diese in einzelne Nischen (Logen) verwandelt, welche bei festlichen Anlässen den Frauen und Kindern oder fremden Besuchern zum Aufenthalte, letzteren auch als Schlafräume dienten. An den Seitenstreben der einzelnen Abteile waren in primitiver Schnitzarbeit Frauenbrüste herausgearbeitet, welche als Sinnbilder der Fruchtbarkeit zu deuten sein dürften. Als Logenabschluß lief rings um den oberen Rand der Galerie ein Bretterbord zum Zwecke der Unterbringung der von den Gästen oder Zuschauern mitgebrachten Gegenstände.
Das eigentliche Heiligtum der Dusunga befand sich an der hinteren Schmalseite des Hauses gegenüber dem Eingang. Am mittelsten Pfosten dortselbst, oberhalb der Logenbrüstung, war der Lebensbaum, auch Reisbaum genannt, aufgestellt. In der Form eines riesigen Makartbuketts aus Gräsern und Schilf zusammengesetzt und bis an den First des Daches über die seitlich darunter schwebenden hölzernen Vogelfiguren hinausreichend, stellt er das bedeutsame Symbol des Wachstums und der Fruchtbarkeit dar, vor allem wieder in bezug auf den Reis. »Möge der Pady so gut gedeihen und so groß wachsen, daß nicht nur die Menschen, sondern auch die Vögel davon in Überflusse haben!« — Zur Rechten und zur Linken des Lebensbaumes standen zwei plump geschnitzte, lebensgroße menschliche Figuren: berühmte, unter die Götter versetzte Vorfahren. Es sind dies die einzigen figürlich dargestellten Gottheiten der Lebonier, und zu ihnen beten sie vertrauensvoll in allen Lebenslagen. Der männliche der Dewátas heißt Tangilándo, der weibliche Bambawálo. Ehrwürdige, dicke Staubschichten lagerten auf den Figuren, deren Gesichtszüge unkenntlich machend. Die Genitalien der Gestalten waren zur Versinnbildlichung der Vermehrungskraft abnorm vergrößert dargestellt.
Seitlich über den Gottheiten schwebten die bereits erwähnten 2 Vogelfiguren mit lang herabhängenden Bauchzieraten. Diese Adler vorstellenden Bildnisse wurden »álo« genannt. Ihnen opfert die Bevölkerung vor dem Antritte weiter Reisen über das Gebirge. Gleichwie Gebete vor dem Lebensbaum zur Zeit der Reisauspflanzung gute Ernte bewirken sollen, erwartet man von Anrufungen der »álos« Glück auf die Reise. »So leicht es dem König der Lüfte, dem Aar, wird, ohne Gefahr die höchsten Gebirge zu überfliegen, so mühelos und sicher möge mein Weg darüber sein!«
Im Gebälk oberhalb des Lebensbaumes bemerkte ich ein paar dort aufgehängte Menschenschädel. Meine daraufhin angestellten Nachforschungen nach den früher so häufigen Kopfjagden waren leider erfolglos. Ich stieß mit meinen Fragen beim Häuptling und den Ältesten des Dorfes auf ein so grenzenloses Mißtrauen, daß ich aus Besorgnis, für einen Regierungsspion gehalten zu werden, alle Versuche, über dieses Thema etwas zu erfahren, definitiv aufgab. Um aber meine Leser auch diesbezüglich über die in Leboni herrschenden Gepflogenheiten nicht im unklaren zu lassen, führe ich im folgenden das Wichtigste aus den Sarasinschen Aufzeichnungen an.
Das Opfer, meist ein Kriegsgefangener aus einem feindlichen Dorfe, wird unterhalb vom Lobo (= Dusunga) an einem Stützpfahl festgebunden und getötet, worauf der Kopf abgehauen und nach oben gebracht wird. Hier wird der Schädel aufgebrochen und des Gehirns beraubt. Von diesem verzehrt jeder der Anwesenden ein Stückchen; denn viel davon zu essen, ist schlecht. Dann genießt jeder noch ein wenig Blut, indem er mit den Lippen das blutige Schlachtmesser berührt. Etwa alle Jahre wird einer geschlachtet; aber gut 200 sind angeblich schon in diesem Lobo geopfert worden.
Daran anknüpfend, schreiben die Verfasser: Hier in Leboni steht vor allem andern die Tapferkeit in hohen Ehren. Sie sprechen von dieser Tugend viel und wollen sie erwerben oder vermehren dadurch, daß sie vom Gehirn und Blut des getöteten Feindes genießen. Diese Leute als Kannibalen zu bezeichnen, würde kein richtiges Bild geben; denn sie verzehren nicht Menschenfleisch, um sich damit zu sättigen, sondern der Genuß von etwas Gehirn und Blut hat rituellen Charakter und beruht offenbar ursprünglich auf dem Gedanken, daß ein Teil von der Seele des Getöteten sich dem einverleibe, welcher von seinem Fleisch und Blut in sich aufnimmt.
Nach diesen Ausführungen meiner Herrn Vorgänger in Leboni gehe ich zu einer Schilderung des Dorfes selbst über, welches eine der ältesten Besiedelungen der Hochebene ist.
Die Bola (Dorf) Leboni zählte 40 Häuser und gegen 200 Männer, insgesamt rund 500 Personen. Zwei hohe bambusbepflanzte Erdwälle, durch einen ca. 5 m breiten Graben von einander getrennt, zogen sich um dieses alte Gemeinwesen herum. An jeder Seite ermöglichten Holzpforten den Zugang zum Dorfe, die leicht verrammelt werden konnten und die man in gebückter Stellung durchschreiten mußte. Der in geringer Entfernung vorbeifließende, viel gewundene Leboni-Fluß versorgt die Ortschaft mit Wasser.
Für das bauliche Aussehen des Dorfes waren die zahlreichen Reisspeicher charakteristisch, die teils einzeln standen, teil gruppenweise angeordnet waren. Gewöhnlich gehörten zu einem Hause zwei derselben, selten mehr. Gleich den Wohnhäusern waren sie aus Bambusschindeln erbaut. Die jedes besonderen Schmuckes ermangelnden Vorratshütten ruhten auf reichlich mannshohen, quadratisch angeordneten starken Holzsäulen. Einige unter ihnen waren doppelt so lang als breit. Die Stützbalken lagen einem durch ca. 30 cm breite Planken gebildeten, ringsum laufenden Roste auf, welcher wiederum auf solider Steinunterlage ruhte. So blieb innerhalb der Bohleneinfassung ein Viereck frei, das den mit Fuja-Bereitung beschäftigten Frauen als schattiger Arbeitsraum diente, wobei sie die Planken als Klopfbretter benutzten. Außerdem fanden letztere als Sitzbänke für die flanierende Jugend oder die zur Unterhaltung sich versammelnden Alten ausgiebig Verwendung. An vielen Reishütten fand ich die Stützpfeiler mit konvexen dünnen Holzscheiben versehen, welche zum Schutz gegen Ratten und Mäuse angebracht waren. Das Gesamtbild des Dorfes mit seinen stark verwitterten Holzbauten und der mächtigen Dusunga in der Mitte war eindrucksvoll und trug die Spuren einer langen Vergangenheit. —
Die aus starkem Bohlenwerk errichteten Dorfhäuser waren durchgehends mit Holzschindeln gedeckt und bewandet. Steil und hoch ragten die Dächer empor. Es waren zwei verschiedene, sehr eigenartige Typen von Wohnhäusern zu unterscheiden. Das Einzelhaus und das kombinierte Doppelhaus. Ersteres ist auf einem ca. 1½ m hohen, auf Steinen liegenden, meist quadratischen Pfahlrost errichtet. Nahe dem Boden zieht sich eine allseitig offene Plattform unter dem Hause hin, welche tagsüber den Bewohnern als hauptsächlichster Aufenthaltsort dient. Von dieser Plattform aus führt ein eingekerbter Stamm als Treppe zum eigentlichen Wohnraum empor. — Von ganz anderem Aussehen sind die Doppelhäuser. Ihre Wohnräume ruhen auf niedrigen, etwa ½ m hohen Pfählen. Die Plattform liegt in diesem Falle nicht unter, sondern zwischen den beiden Häusern, als ein dieselben verbindender Mittelbau mit weniger hohem Dach und Sockel. Ich bemühte mich angelegentlich, über die Gründe, die zur Anlage solcher Doppelwohnung führten, Positives zu erfahren. Bei der wiederholten Translation ergaben sich jedoch so viele Widersprüche, daß ich es vorziehe, meine persönliche Meinung hierüber zum Ausdruck zu bringen. Es kann sich hiernach nur um zwei Gründe handeln. Erstlich die traditionelle Verpflichtung des mehrfach beweibten Mannes — zwei Frauen ist bei vornehmen Eingeborenen die Regel —, jeder seiner Frauen einen besonderen Haushalt einzurichten. Bei dem ausgezeichneten Verhältnis, das unter so verwandten Frauen fast stets herrscht, liegt es nahe, die beiden Wohnungen durch eine gemeinsame Plattform miteinander zu verbinden. Der Form ist trotzdem genügt und der Bequemlichkeit gedient. Zweitens kann auch die bei den polygamen Völkern Malayasiens weit verbreitete und auch in Leboni geltende nützliche Institution des Mutterrechts zur Entstehung des Doppelhauses geführt haben.
Von der Plattform aus klettert man zum eigentlichen Wohnraum empor. Hier sieht man sich in das Halbdunkel eines fensterlosen Raumes versetzt, dessen beschränkte Enge dem äußerlich so imponierenden, gewaltigen Dachgiebel durchaus nicht entspricht. Das Tageslicht findet nur durch den zwischen dem überhängenden Dache und den Wänden, 20–50 cm breiten Zwischenraum notdürftig Zutritt. Meistens bewohnen eine solche Hütte 5–6 erwachsene Personen, die sich in den engen Raum teilen müssen. Der Innenraum ist der Höhe nach in 2 Abteilungen geschieden, deren obere der Aufbewahrung des gesamten Hausrates vorbehalten bleibt. Im unteren Raume, der kaum ein aufrechtes Stehen gestattet, nimmt die Feuerstelle die Mitte ein. Darüber ist ein mit den notwendigen Kochgeräten behängtes Bambusgerüst aufgestellt. Rings um den Kochplatz zieht sich ein schmaler, etwa 1 m breiter Gang, der nachts den erwachsenen, unverheirateten Familienmitgliedern zur Schlafstelle dienen muß. Gemeinsam mit ihren struppigen Hundekötern liegen in diesem Gange die Kinder, wie die ledigen Burschen und Mädchen in friedlicher Eintracht beieinander. — Hinter diesem Gange ziehen sich auf 3 Seiten die Kammern für die Verheirateten herum, deren Wände aus gespannten Fuja-Tüchern bestehen. An der 4. Seite Gerüste mit Vorräten, Wirtschaftskörbe, Wasserbambusse u. dgl.
Ich war höchlichst erstaunt über diese aufs äußerste getriebene Zusammenpferchung so vieler Personen. Vielleicht spielten hierbei die in der Leboni-Ebene kalten und windigen Nächte eine bestimmende Rolle. Die Meereshöhe von Leboni beträgt 670 m. —
Daß das Klima relativ rauh ist, dafür spricht auch die überreiche Gewandung der Lebonier. Laufen hier doch selbst kleine Kinder schon von Kopf bis zu den Füßen in Fuja gehüllt herum, und die Weiber vertauschen ihre bis zum Halse dichtgeschlossenen dicken Jacken und ihre bis zu den Knöcheln reichenden schweren Krinolinröcke selbst bei der Feldarbeit nicht mit leichteren Gewandstücken, ebenso wie die meisten Männer beständig Jacken tragen.
Die Raumbeschränktheit in den Häusern spricht für den friedfertigen Charakter der Insassen. — Bei so intimem Zusammenleben und dem freien Verkehr der jungen Leute beider Geschlechter untereinander ist es eigentlich verwunderlich, daß die Moralbegriffe der Bevölkerung im Vergleiche mit denjenigen ihrer Nachbarvölker ziemlich streng sind. So muß z. B. die Schwängerung eines Mädchens unbedingt mit der Heirat gesühnt werden. Eine Weigerung würde den Verführer verächtlich machen, unter Umständen sogar seine Ausstoßung aus dem Dorfe nach sich ziehen. Der Sitte gemäß hat der freiende Jüngling den Eltern seiner Auserwählten eine Heiratsabfindung zu leisten, die je nach seinen Vermögensverhältnissen in einem, zwei oder mehr Büffeln besteht. Dem Bräutigam wird es übrigens in dieser Beziehung sehr leicht gemacht, den Kavalier zu spielen, da die Schwiegereltern das dargebrachte Gut der Tochter ungeschmälert als Mitgift überlassen. —
Beschneidung ist in Leboni allgemeine Regel. Sie besteht in einer harmlosen Inzision. An Geschlechtskrankheiten ist seit der Boni-Expedition im Jahre 1905 die Syphilis in diese Gegend eingeschleppt worden, soll jedoch nur in leichter Form auftreten. Es ist bezeichnend, daß die Eingeborenen dafür bereits ein Heilmittel gefunden haben, einen Kräuterextrakt, den sie mit gutem Erfolge anwenden. — Mit meinen Besichtigungen im Dorfe zu Ende gekommen, begab ich mich zum Lager zurück, wo meiner noch Arbeit in Hülle und Fülle harrte. Die erworbenen Gegenstände waren zu etikettieren und transportfähig zu verpacken und die Beobachtungen zu Papier zu bringen, so daß mir die Zeit im Fluge verging. Bei sinkender Sonne besuchten mich Pieters und der Häuptling, um mit mir die bestmögliche Ausführung eines geplanten mehrtägigen Abstechers nach dem entlegenen Hochtal von Rampi zu besprechen. Hier sei eingeschaltet, daß der Häuptling den Titel Tomakaka führte, wohl eine von den südlichen Nachbarn übernommene Titularwürde ohne realen Hintergrund. In Leboni konnte sie bestenfalls dem Range eines Oberhäuptlings gleichkommen.
Die Exkursion über das Goronya-Gebirge nach dem fast unbekannten Rampi sollte gleich morgen ins Werk gesetzt werden. Um möglichst rasch vorwärts zu kommen, beschloß ich, mich auf dem Marsche dahin nur von 6 Soldaten unter Führung des Sergeanten begleiten zu lassen, denen sich mein Boy und der Masamba-Prinz Gamu anschließen sollten. Nur das Notwendigste wurde mitgenommen; das Hauptgepäck verblieb unter der Aufsicht der in Leboni zurückbleibenden Mannschaft, so daß ich mit 7 Trägern auszukommen vermochte. Während meiner Abwesenheit sollte der Häuptling alle Vorbereitungen für meine Weiterreise nach dem Posso treffen, so daß ich nach der Rückkehr von Rampi unverzüglich dahin aufbrechen konnte.
Zu dem auch in der heutigen Nacht in der Dusunga stattfindenden Marengo-Tanze hatte mich der Häuptling diesmal offiziell gebeten zu erscheinen, wahrscheinlich um einer Wiederholung des Abenteuers der letzten Nacht vorzubeugen. Ich leistete der Einladung Folge und ging auf ein Stündchen hinüber. Neues ist über den auf die Dauer ermüdend anzusehenden Nationalreigen nicht zu berichten. Ich benutzte aber die Gelegenheit, mir von dem gleichfalls anwesenden Kollekteur noch weitere Einzelheiten über meine nächsten Touren mitteilen zu lassen und vor allem dem Häuptling nochmals ans Herz zu legen, für einen wegekundigen Führer nach dem Posso und die notwendige Trägerzahl zu sorgen. Von Pieters, der nach Masamba zurückwollte, verabschiedete ich mich noch am selben Abend mit herzlichem Dank für seine Ratschläge.
Als ich gegen Mitternacht recht müde und abgespannt mein Lager aufsuchte, war es hundekalt, und ich legte mich deshalb im doppelten Anzug auf mein Feldbett.
Leboni — Dodólo, den 26. Oktober.
Die weite Ebene lag noch in dichten Morgennebel gehüllt, als ich mit meiner kleinen Bedeckungsmannschaft den Marsch nach Rampi antrat. Der Weg schlängelte sich durch unbebautes Land und Busch. Mehrere Wasserläufe waren zu durchschreiten, ehe wir höhergelegenes Terrain erreichten und auf schlüpfrigen Pfaden waldlose Anhöhen hinanzusteigen begannen. Wollgräser mit weißen Köpfen schmückten die Hänge. Auf den Kämmen wechselten Lalang und Farnbestände mit Hochwaldparzellen ab. Über eine Reihe solcher teilweise gerodeten Kuppen hinweg gelangten wir nach 2stündiger Wanderung zur Taleinsenkung des Salu Mui. Etwas weiter, am Salu Mokóka, einem rasch fließenden Gebirgswässerchen, lag eine verfallene Hütte; am andern Ufer des Flüßchens, in freier schöner Lage auf einer Anhöhe, der kleine Kampong Nondowa mit einem halben Dutzend Häuser. Diese zeichneten sich durch besonders hohe Dächer aus. Die schrägen Sparren beider Giebelseiten, sowie der horizontale Balken längs des Firstes liefen nach oben in phantastischen Hörnerschmuck aus, der durch Umspinnung der Holzenden mit Arengfasern hergestellt war. Zum Decken der Häuser war in Nondowa Lalanggras verwendet. —
Außer den Häusern mit unterliegender Plattform und Doppelhäusern mit niedrigem Mittelbau, wie ich sie in Leboni fand, kam hier ein dritter Haustyp vor, nämlich das Einzelhaus mit angebauter Plattform. Das Innere zeigte keinerlei Abweichungen. Auch die Kleidertracht der Bewohner Nondowas glich der in Leboni herrschenden.
Es gelang mir, in dem kleinen Orte einige besonders schöne Kalkdosen für meine Sammlung zu erwerben. Dieselben bestanden aus Flaschenkürbissen, wie sie in dieser Form für die centralen Teile der Insel typisch sind. Zur Entnahme des Kalkpulvers sind sie an ihrem unteren Ende mit einer feinen Durchbohrung versehen. Eine größere Öffnung am oberen Ende dient zum Füllen der Behälter. Beide Öffnungen sind mit Stöpseln verschlossen, die gewöhnlich reichen Quasten- oder Federschmuck tragen. Diese »tuwila« genannten Kalkdosen sind mit verschiedenartigen, eingebrannten Ornamenten verziert, deren beliebteste und in unzähligen Varianten vorkommende Muster das Eberzahn- und das Büffelhorn-Motiv sind. Beide finden in Schnitzerei und Malerei vielseitigste Verwendung und kehren auf allen Gebrauchsgegenständen der Eingeborenen tausendfältig wieder, so daß sie für Central-Celebes als eine Art Wappen gelten können. Ersteres wird gewöhnlich in zwei Paaren gegeneinandergestellter Hauer dargestellt und ist der absonderlich gestalteten Wehr des in Central-Celebes häufig vorkommenden Hirschebers (Babirusa alfurus) nachgebildet. — Mehr subjektive Neigungen bekundet der partielle Stanniolbelag derartiger Kürbisbehälter. Ich kaufte in Nondowa ein prächtiges, stanniolverziertes Stück von einem Eingeborenen, dessen junge Hausfrau bei dem Geschäft bittere Tränen vergoß.
Bei weiterer Wanderung wurde die Landschaft immer interessanter. In westlicher Richtung vor uns ragten massig die hohen Waldberge des unerforschten Kororu-Gebirges auf, dessen höchste Gipfel wohl an 3000 m erreichen. Mehr nach Norden zu stieg das Bada und Leboni trennende Tomapapu-Massiv empor, dessen bedeutendste Erhebung 1600 m mißt. Der Fußpfad führte durch wasserreiche, üppige Niederungen hin, in der zart pfirsichrot blühende, süß duftende Akazienbäume häufig waren. Zum ansehnlich breiten und selbst bei der längst eingetretenen Trockenzeit noch mehr als 1 m tiefen Meloi-Fluß gelangt, zogen wir es vor, denselben zu durchwaten, da die über denselben führende Rotangbrücke an bedenklicher Altersschwäche krankte. Im Meloi-Tale trafen wir vielfach die Tjamára genannten Nadelholzbäume an. — Eine bewaldete Anhöhe hinansteigend, wobei wir mehrfach an Rodungen und Anpflanzungen vorüberkamen, gelangten wir schließlich zum Salu Mabu und jenseits desselben zum Kampong Dodólo. Unser Anmarsch war bereits bemerkt worden, und als ich drüben aus dem Wasser die steile Uferböschung hinankletterte, erwartete mich oben eine Gruppe von Männern, welche mir den alten blinden Häuptling des Platzes zur Begrüßung entgegenführten.
Dodólo war eine noch unausgebaute Siedelung, welche zur Zeit erst 2 fertige und 4 oder 5 im Bau befindliche Häuser zählte. Die Mehrzahl der Bewohner behalf sich mit provisorischen Quartieren. Bereits vollendet waren nur ein Unterkunftshaus für Mannschaften oder Träger und ein Fremdenhäuschen, in denen wir uns sofort einrichteten.
Das auf einer Anhöhe gelegene Dörfchen gewährte eine prachtvolle Aussicht auf das Kororu-Gebirge und das schöne Flußtal und gefiel mir so ausnehmend, daß ich beschloß, den Rest des Tages hier zu verbringen. Der Marsch von Leboni bis Dodólo hatte gerade 4 Stunden in Anspruch genommen.
Von einem erfrischenden Bade im Gebirgswasser des Mabu in mein Quartier zurückgekommen, fand ich hier Abgesandte des Häuptlings vor, welche mir dessen Gastgeschenke, ein Ferkel und ein Huhn nebst der nie fehlenden Reisspende und den darinliegenden Eiern, überbrachten.
Die Bewohner des Ortes waren arme Leute, die an begehrenswerten ethnographischen Gegenständen nur wenig besaßen. Das Vorhandene glich völlig den Leboni-Sachen, mit einziger Ausnahme der Fuja-Weiberjacken, die hier so steif mit Öl durchtränkt vorkamen, daß sie, auf den Boden gestellt, gleich starren Panzern stehen blieben. Auf dem nackten Körper getragen, müssen diese »goléwa« entsetzlich lästig und heiß sein. Neu sahen die Kleidungsstücke ganz gut aus, desto trauriger aber in abgetragenem Zustande. Die Jacken kamen in 3 Farben vor: hellbraun, dunkelrotbraun und schwarz. Stets waren dabei Armzwickel aus blauem Kattun eingesetzt. Außerdem gab es Stoffjacken aus grobem dunkelblauen Gewebe, welches über Rampi, von der Küste her Eingang findet. Man überließ mir willig jedes gewünschte Stück. Trotzdem sich meine Wahl ausschließlich auf unbenutzte Exemplare beschränkte, gewahrte ich bald mit Schrecken, daß auch diese von Flöhen geradezu wimmelten. Ein großes Klopfen, Bürsten und Lüften nebst Einstäubung mit Naphthalin war notwendig, ehe die erworbenen Objekte eingepackt werden konnten. Beim nächtlichen Plattenwechsel machte mir der durch tausend Ritzen dringende Mondschein viel zu schaffen. — Die Bewohnerschaft Dodólos feierte das Ereignis des Tages — womit der aus meinen Ankäufen resultierende Guldenregen gemeint ist — mit einem bis gegen Tagesanbruch währenden Marengo-Tanz, der meine Nachtruhe stark beeinträchtigte.
Dodólo — Tedeboi (Rampi), den 27. Oktober.
Zeitig morgens brachen wir nach Rampi auf. Am Fuße der Hügelkette entlang, zur Rechten den Salu-Mabu, kamen wir an den Pflanzungen der Eingeborenen vorüber. Von den bewaldeten Höhen herab tönte mir in Celebes noch nie gehörter heimatlicher Kuckucksruf entgegen. Aus dem schweren Hochwalde des jenseits des Flusses aufsteigenden Gebirges erscholl das unkenartige tiefe ūó-ūó des »burung babi«, des Schweinevogels. Es gelang mir bisher niemals, diesen von der einheimischen Bevölkerung so wenig schmeichelhaft benannten Vogel zu Gesicht zu bekommen, trotzdem sein weithin durch die Wälder hallender Ruf alltäglich zu vernehmen war. — Nach ¾stündigem Talmarsch wandten wir uns in die Berge zu unserer Linken, um die äußerst steilen Hänge hinanzuklettern. Bis zu 4–500 m Höhe waren sie mit schönem Urwalde bestanden, der dann unvermittelt, wie vor einer unsichtbaren Schranke aufhörte, um einem baumlosen Hochsteppengebiet Platz zu machen. Die 1000 m-Grenze war bereits überschritten, als wir nach heißem Mühen den Kamm des Goronya-Gebirges erreichten, dessen wechselreich gestalteter Rückenlinie wir nun etwa 1 Stunde lang nachgingen. Der sich uns auf diesen windigen, einsamen Höhen erschließende Ausblick war von imponierender Großartigkeit; schade nur, daß die Schönheit des Bildes durch Dunstschleier etwas beeinträchtigt wurde. Soweit man zu sehen vermochte, wölbte sich Kuppe an Kuppe; zwischen ihnen zogen sich in gähnender Tiefe schmale Talschluchten hin. — Ich weiß nicht, wie weit sich diese Kammwanderung hätte ausdehnen lassen; denn wir bogen nun von der bisherigen Richtung links ab, um uns den zu uns heraufgrüßenden Kulturtälern von Goronya und Rampi zuzuwenden. Bald war die Grenze des Waldgürtels wieder erreicht, und nach 4stündigem Marsche standen wir im Talgrunde von Goronya am Wekoronya-Flüßchen. — Ohne Aufenthalt wurde die Wanderung nach Rampi fortgesetzt.
Ein querstreichender, steriler Gebirgsausläufer wurde im Sturme genommen. Von seiner Höhe aus genoß ich den vollen Ausblick auf das entlegene Reistal von Rampi, das sich in stundenweiter, völlig ebener Fläche zu unseren Füßen hinbreitete, bewässert durch den sich in mäandrischen Krümmungen durch die Ebene windenden Tedeboi-Fluß. Unten angelangt, galt es zuerst, dieses etwa hüftentiefe und ziemlich reißende Gewässer zu passieren. Eine darübergeschlagene Rotang-Hängebrücke befand sich in einem der Auflösung nahen Zustande, so daß keiner meiner Leute auch nur den Versuch wagte, sich ihrer zu bedienen. Auch ich zog ein freiwilliges Bad dem sicheren unfreiwilligen vor. Drüben befanden wir uns auf einem unübersehbaren Sawa-Gebiet, auf dessen schmalen Dämmen wir nun auf Zickzackwegen dem Hauptdorfe der Rampi-Ebene, Tedeboi, zustrebten.
Zahllose Scharen Sumpf- und Wasservögel belebten die Reissümpfe; niemals sah ich anderswo in Celebes solche Mengen Vogelwildes beisammen. Im hohen Riede der brach liegenden Sumpfländereien brüteten Reiher, Scharben und rote Ibisse; auf freien Lachen tummelten sich Hunderte von Enten und kleine Gesellschaften Wildgänse, sowie Sichelschnäbler, Wasserhühner und Bekassinen. Riesenstörche zogen im Gleitfluge weite Kreise über diesem ergiebigen Jagdrevier, und beutelüsterne Raubvögel spähten aus luftiger Höhe nach Opfern ihrer Freßgier.
Wir kamen an zahlreichen Feldhütten und kleinen Wächterhäuschen vorüber. Weit vor uns, ziemlich in der Mitte der Ebene, verriet ein Bambushain die Lage des darunter versteckten Tedeboi, welches wir eine Stunde später erreichten.
Dieses größte Dorf der Landschaft Rampi umfaßt auf verhältnismäßig engem Raume gegen 250 Häuser mit ca. 600 wehrfähigen Männern oder insgesamt 1500 Bewohnern. Es ist also ungefähr dreimal so volkreich wie Leboni. Eine doppelte mit Bambus bestandene Erdumwallung umschloß das Dorf ringförmig.
Auf meine Signalschüsse blieb im Dorfe alles ruhig, während aus der weiteren Umgebung die Leute eilig herbeiliefen. Etwas befremdet betrat ich den alten Kampong, um nun allerdings zu sehen, daß die Ruhe darin nur Schein gewesen war; denn als ich an der Spitze meiner Leute einzog, wimmelte es daselbst von Menschen. Der erste Eindruck, den ich von dem Dorfe mit seinen dicht stehenden, enge Gassen bildenden Häusern empfing, war ein recht bedeutender. Dagegen war die Tracht der Rampi-Bevölkerung, bei welcher fremde Einflüsse bereits Eingang gefunden haben und eine Rolle zu spielen beginnen, weniger eindrucksvoll und malerisch als die von Leboni.
Der Häuptling, von den angesehensten seiner Stammesgenossen umgeben, erwartete mich auf dem Platze in der Mitte des Dorfes zur feierlichen Begrüßung und gab mir hernach mit seinem ganzen Gefolge das Geleit zum Fremdenhause, das auf der entgegengesetzten Seite Tedebois in Büchsenschußweite davon an einem Bachlaufe errichtet war. Ähnlich wie in Leboni bestand es aus einem einkammerigen Miniaturhäuschen und einem größeren Schuppen.
In ganz Tedeboi gab es nicht einen Menschen, der Malayisch verstand, und somit war ich gänzlich auf meine Barée sprechenden Dolmetscher angewiesen. Dementsprechend war die Konversation recht stockend, und es kostete mich viel Mühe, dem Häuptling den Grund meines Hierherkommens begreiflich zu machen. Als der Zweck endlich erreicht war, begaben sich die Ältesten nach Tedeboi zurück, um der dort neugierig harrenden Bewohnerschaft Bericht zu erstatten. — Eine halbe Stunde später kamen die Honoratioren abermals, um mir das Gastgeschenk zu überbringen. Dieses bestand aus einer großen Mulde voll Reis, in der 3 Eier lagen, sowie aus einem großen und 3 kleinen Hühnern. —
In Begleitung des Häuptlings machte ich etwas später dem Dorfe meinen Besichtigungsbesuch. Gleich den To-Leboni zeichneten sich auch die Rampi-Leute durch auffallend reichliche Gewandung aus, die bei den Männern ziemlich ausnahmslos aus Hose, Jacke, Haupt- und Schultertuch bestand. Während die genannten Kleidungsstücke aber in Leboni mehr oder weniger reich mit bunten Stickereien geschmückt waren und Schulter- wie Haupttücher aus teilweise schön gemusterten Fuja-Stoffen bestanden, fand ich sämtliche Kleidungsstücke in Tedeboi ohne jeden Musterschmuck, Slendang und Haupttücher aber aus importierten javanischen Stoffen hergestellt. — Jeder der Männer trug einen Klewang; selbst halbwüchsige Knaben hatten Messer im Tjdako stecken. Muschel- und Bronzearmbänder, vermutlich auf dem Tauschwege hierher gebracht, wurden viel getragen, ebenso bronzene Fingerringe, nach Malayenmanier mit großen bunten Steinen besetzt. Während die Bronzegeräte aus der Landschaft Mori stammen dürften, ist der Muschelschmuck ein zweifellos von der Küste her eingeführtes buginesisches Erzeugnis.
Das weibliche Geschlecht bevorzugte noch Fuja-Kleidung und erwies sich also auch in Rampi der alten Sitte treuer als das männliche. Röcke und Jacken bestanden aus häßlicher grober Fuja in dunkelbrauner und schwarzer Färbung ohne bunten Aufputz oder Besatz. Ältere Frauen trugen umfangreiche Turbane aus dem gleichen Stoffe; die Mehrzahl der Weiber ging barhäuptig. Jüngere Frauen trugen einfache Bastringe als Scheitelzier. Die Gesichtsbemalung fand ich in Tedeboi anscheinend in der Abnahme begriffen. Sie bestand in einzelnen schwarzen Punkten oder Strichen auf Stirn und Wangen. — Ohrscheiben aus aufgerollten, ca. 1 cm breiten Baststreifen — sogenannte Ohrerweiterer — waren vielfach in Gebrauch.
Zu vorstehenden Ausführungen muß ich bemerken, daß ich allerdings nur die Alltagstracht der Tedeboier zu sehen bekam. Trotzdem ist anzunehmen, daß viel Besseres nicht existiert, da mir andernfalls bei meinen Einkäufen sicherlich auch Festtagskleidung angeboten, mindestens aber gezeigt worden wäre. —
Als merkwürdigen, den Rampi-Frauen eigenen Schmuck erwähne ich die enorm schweren Armspangen-Garnituren aus Messing, wie sie von den vornehmeren Frauen lebenslang mitgeschleppt werden. Auf der folgenden Abbildung sind 2 derart geschmückte Frauen zu sehen. Jede derselben trägt 12–15 solcher insgesamt mehrere Kilo wiegenden Spangen an jedem Arme. Die Größe derselben paßt sich diesem vom Handgelenke bis zum Ellenbogen an. Da die Ringe nicht abgenommen werden können, machen sie den freien Gebrauch der Arme unmöglich. Wie die vornehmen Buginesen durch möglichst lange, sorgfältig gepflegte Fingernägel, wollen die wohlhabenden Rampi-Frauen durch ihre schweren Armringe zeigen, daß sie nicht zu arbeiten brauchen. Diese Messing-Schmucksachen sollen gleichfalls aus Mori stammen. Tatsächlich glichen sie in der Art ihrer Herstellung völlig den von mir dort gesehenen »lánke«, den Fußreifen der Tambe-É-Frauen. Bei der großen Entfernung der Landschaften Rampi-Mori bleibt es immerhin einigermaßen seltsam, auf welche Weise dieser Austausch vor sich geht.