Tafel XI.
Rotang-Hängebrücke bei Rante-Manuk.

In einer Einsattelung dieser Bergzüge war der Kampong Balombong gelegen. Der Ort lag an der Grenze der islamitischen Einflußsphäre, und seine Bewohner waren To-Palili, die teilweise schon Mohammedaner geworden sind und sich statt mit ihrem Stammesnamen lieber Orang Masamba nennen hören. Die in Balombong gedeihenden Kokosnüsse boten uns eine recht willkommene Erfrischung.

Eine Besichtigung der kleinen finsteren Hütten brachte mir eine Anzahl niedlicher Männerhalsketten ein, die aus aneinandergereihten Glasperlen und Fruchtsamen bestanden. Hier fand ich auch ungewöhnlich große Sirihsäcke, die aus bunten Tuchlappen zusammengesetzt und mit reichem Quastenschmuck versehen waren. Denselben Formen begegnete ich später an vielen Orten von Inner-Celebes wieder, nur verwandte man dort zur Anfertigung dieser »haepu« genannten Taschen ausschließlich Fuja.

Von Balombong aus wandten wir uns wiederum talwärts, dem tief unter uns brausenden Baliase zu. In einem der durchwanderten Bergkessel bot sich uns das charakteristische Bild einer Sago-Sumpflandschaft. Hier lag das armselige Dörfchen Lindu, an dessen Hütten ich die schon früher an einer Torongkong-Behausung gesehenen Abflußrinnen aus Palmblattstielen wiederfand. Die Luft in dem engen Tälchen war mit dem süß-säuerlichen Duft des Sago durchschwängert. Im Moraste der Talfläche trieben sich Störche herum.

Bald standen wir am hohen Ufer des in engem Felsenbette dahinströmenden Baliase. Düster dräute das Gewässer aus der Granitschlucht herauf, in wundervollem Kontrast zum sonnenüberfluteten heiteren Grün des umgebenden Urwaldes. Die Romantik des Ortes wurde erhöht durch eine die beiden Ufer der Schlucht verbindende, abenteuerlich konstruierte Rotang-Hängebrücke, wie sie allein die Eingeborenen von Central-Celebes herzustellen verstehen (s. Taf. XI). Aus zähen, witterungsbeständigen Rotangsträngen bestehend, schwebte das an starken Bäumen verankerte schwanke Gebilde wie eine Phantasmagorie über dem Abgrunde. Sich darauf zu wagen bedurfte es einiger Überwindung. In Gruppen von höchstens 5 Mann passierte unser Zug die heftig schwingende Brücke, und es dauerte daher geraume Zeit, ehe wir alle das andere Ufer erreicht hatten. Ich war recht zufrieden, als ich jenseits wieder festen Boden unter den Füßen fühlte. Später gewöhnte ich mich an solche Urwaldscherze.

Drüben angelangt, erreichten wir wenige Minuten später das auf einer mäßig großen Waldlichtung am Manbache gelegene Dörfchen Rante-Manuk.

Außer mehreren recht armseligen Atapbaracken, die wir als Quartiere bezogen, bestand der Ort aus ganzen 2 Pfahlhütten gewöhnlicher Art, deren jede von mehreren Familien bewohnt wurde. Aber so dürftig dieser entlegene kleine Weiler auch war, er ermangelte nicht einer Respektsperson. Als solche stellte sich mir ein verschrumpftes altes Männchen vor, dessen Äußeres sich getreulich der schmutzigen Umgebung angepaßt hatte. Der alte Herr kam, um mich in seinem Machtgebiet willkommen zu heißen. Als ich ihn während unseres verdolmetschten Gespräches mit Kapála (Oberhaupt) ansprach, ließ er mir hoheitsvoll bedeuten, daß er kein gewöhnlicher Kapála wäre, sondern ein Radja, dem der Titel Tomakaka gebühre, also ein Fürst im paradiesischen Urzustande, der als einziges Würdeabzeichen einen Schamlappen trug.

In Rante-Manuk wurde Lager gemacht. Der Führer erklärte mir, es wäre dies der letzte Kampong auf unserem Wege nach Leboni, und wir könnten heut nicht mehr weiter ziehen. Wohl oder übel fügte ich mich also, obschon die Mittagsstunde kaum vorüber war. Es braucht nicht erst versichert zu werden, daß es in dem elenden Nestchen mit den wenigen in jeder Hinsicht tiefstehenden Bewohnern nicht viel zu holen gab. Die Leute waren ebenso wie in Balombong teilweis mohammedanisierte To-Palili. Hier wie dort erhielt ich dieselben Halsketten und Sirihsäcke. Als neu kamen Kalkbehälter hinzu, die aus kleinen Kürbissen hergestellt und mit einfachen eingebrannten Mustern verziert waren. Einige dieser Brandornamente waren mit Stanniolbelag verziert, wenn auch nicht in gleicher Vollendung, wie sie Stücke aus dem Innern des Landes, namentlich aus Leboni und Bada, aufweisen.

Die To-Palili sprechen ein eigenes Idiom. Ihre ungesund aussehenden, schwach entwickelten und knapp mittelgroßen Gestalten erwecken den Eindruck des Degeneriertseins. Ihre Hautfarbe ist hell rotbraun. Die Kopfzahl der To-Palili kann nur eine sehr geringe sein. Anthropologisch zu den Torongkong gehörend, unterscheiden sie sich von diesen wenig und sind wohl als eine tiefer stehende Unterabteilung derselben anzusehen. Sie sind Buschbewohner und leben zerstreut in den Wäldern, deren Rotang und Sagobestände sie ausbeuten. In erschreckender Weise grassierte unter ihnen die Cascados genannte flechtenartige Hautkrankheit (kurap) — wohl eine Folge der unzureichenden Sago-Ernährung und der grenzenlosen Unsauberkeit.

180. To-Palili-Mann mit Ferkel am Schulterband.

Rante-Manuk — Massarow-Mangura, den 22. Oktober.

Pünktlich um 6 Uhr morgens verließen wir das einsame Bergdörfchen, und zwar soweit ich in Betracht kam, ohne Herzgrämen. Von den erstiegenen Hügeln im Rücken des verlassenen Platzes konnte ich ersehen, daß sich das zu Rante-Manuk gehörige Wohngebiet noch eine beträchtliche Strecke weiter am Manbache entlang zog. Quer vor uns liegende ausgedehnte Waldrodungen zwangen uns im weiteren Verlaufe unseres Marsches zu mühseligen Umgehungen. Nach vielem Hin und Her wieder zum Baliase herabgekommen, blieben wir in der Niederung und folgten derselben durch sumpfiges Wiesenland und Sagoswamp bis zur Einmündung des Salu Pali in denselben. Von hier ab trat das Berggelände dicht an den Fluß heran, und wir mußten eine abscheuliche Strecke über Stock und Stein an den felsigen Abhängen der Lehne entlang ziehen. Unterwegs kamen wir an einer ähnlichen Rotangbrücke vorüber, wie wir sie bei Rante-Manuk zu passieren gehabt hatten. Hier stellte dieselbe die Verbindung mit dem am anderen Ufer des Baliase gelegenen To-Palili-Kampong Séwa her. Ich schenkte mir das zweifelhafte Vergnügen einer Besichtigung dieses Dörfchens. Bald darnach durchschritten wir den Talkessel von Todóra. Dann gab es wieder ein Fußbad in dem unseren Weg kreuzenden Salu Masímbong, auch einem Nebenflusse des Baliase. Der Pfad endigte in dichtem Busche, in welchen wir, einem Bachlauf folgend, eindrangen, um nach kurzer Weile auf eine Schneise herauszukommen, welche durch eine massig vor uns aufsteigende Gebirgswand abgeschlossen war. Wir befanden uns vor dem mächtigen Gebirgsstocke des Takálla. — Ein Atapschuppen auf der Lichtung charakterisierte die Lokalität als Rastplatz. Der Ort hieß Pekobusánga, was soviel als »am Fuße des Gebirges« bedeutet. Und zwar war dies Pekobusánga I zum Unterschiede von Pekobusánga II am Fuße des jenseits des Leboni-Tales aufsteigenden Gebirges. Der Marsch bis hierher hatte 2½ Stunden gedauert. Trotz dieser lächerlich kurzen Wegstrecke machten meine Leute allen Ernstes Anstalten, sich hier häuslich einzurichten, um den Tag zu verbummeln. Diesmal aber hatten sie sich in meiner Willfährigkeit getäuscht, und ich machte meinem Herrn Führer unzweideutig klar, daß ich keine Zeit hätte, zum Vergnügen meiner Begleiter in den Wäldern herumzulungern, sondern so rasch wie möglich Leboni erreichen wolle, ganz abgesehen von der Gefahr, daß die für die Mannschaften und Träger mitgeführten Proviantvorräte, die auf das Notwendigste beschränkt waren, bei solcher Zeitvergeudung unmöglich bis Leboni gereicht hätten. Dieses Argument war das zugkräftigste, denn Essen, und sei es nichts als ein paar Hände voll Reis, gehört für diese anspruchslosen Menschen zu den Glückseligkeiten des Daseins. Nachträglich sei noch bemerkt, daß seit dem Kuliwechsel in Rante-Manuk, wo die Masamba-Leute durch To-Palili ersetzt wurden, die Zahl derselben wieder auf den normalen Stand von 22 Trägern gebracht worden war.

Nach einer karg bemessenen Ruhepause trieb ich zum Aufbruch. Es war 9 Uhr vormittags, als wir uns zur Besteigung dieses Gunung Bambálu genannten Gebirgsteiles anschickten. Der Bambálu fiel nach Pekobusánga zu außerordentlich steil ab, und Hände und Füße mußten beim Klettern zu Hilfe genommen werden. Erst nach Erreichen der oberen Waldgrenze erleichterten uns Wurzelwerk und Gesträuch das Emporklimmen. Nach ungefähr 2 Stunden auf einem breiten Sattel angelangt, hatten wir den anstrengendsten Teil des Marsches hinter uns und folgten nun auf verhältnismäßig gutem Pfade der abwechslungsreichen Rückenfiguration des Gebirges. Ein wundervoller Hochwald bildete auf dem ganzen Weg unsere Umgebung. Von den zurückgebliebenen Trägern und dem Militär war weder etwas zu sehen noch zu hören.

Während unserer Wanderung durch diese noch unentweihte, menschenleere Hochgebirgswelt konnte ich auch nur spärliche tierische Lebensäußerungen wahrnehmen. Hin und wider erscholl der tiefe Trommellaut einer großen Waldtaube. Auch das heisere Gekrächz von Nashornvogel-Gesellschaften, die sich in sonnengebadeten Höhen auf den Wipfeln der höchsten Waldfruchtbäume herumtrieben, unterbrach dann und wann die hehre Stille der unendlichen Waldeinsamkeit. Sonst bemerkte ich nur noch 2 dunkelrotbraune, langbehaarte Nager (Sciurus), die, von Liebesgefühlen erregt, einander spielend verfolgten und in Eichkätzchenmanier die Riesenstämme auf und nieder huschten.

Ein wonniges gedämpftes Licht durchflutete die grünen Hallen dieses märchenhaft schönen Walddomes. Kein Lüftchen war zu spüren, kein Blatt regte sich. Eine Treibhaus-Temperatur herrschte in dieser geheimnisvollen Stätte der Schöpfung, pflanzliche Wunder schaffend. In unersättlichem Lebensdrange kämpften hier Millionen und aber Millionen Pflanzenwesen in lautlosem Ringen um ihr Dasein, um Luft und Sonne. Ein ewig währender, gigantischer Kampf auch in dieser scheinbar so friedlichen Natur! Mitten hinein in mein stilles Sinnen tönte plötzlich wie aus nächster Nähe ein hell klingendes, kräftiges tók–ē, tók–ē. Erschrocken drehte ich mich um; — da wieder ein lautes gá–gá–gá–gá–, wie das ironische Lachen eines Spötters. Greifbar nahe tönte es mir ans Ohr, und doch war nirgendwo auch nur die Spur eines lebenden Wesens zu entdecken! Der Kobold dieses Spukes war eine große Baumeidechse, nach ihrem Rufe Tókē genannt.

Sehr zahlreich müssen in diesem Gebirge Waldratten und Erdnager sein. Darauf deuteten wenigstens die außerordentlich häufigen, einfach konstruierten Rotangschlingen hin, die an den Seiten des wenig über fußbreiten Pfades gelegt waren. Ihre große Zahl mag in dem völlig unbewohnten Waldgebirge befremdlich erscheinen, ist jedoch leicht zu erklären und scheint auf einer Art Gewohnheitsrecht der diesen Pfad benutzenden Eingeborenen begründet zu sein. Diese meist schwer mit Austauschprodukten beladenen Wanderer nehmen auf ihren Märschen über das Gebirge nur wenige Lebensmittel mit. Da sie selten mehr als 5–6 Wegstunden an einem Tag zurücklegen, um dann an dem erreichten Platze ein rasch aus Gezweig errichtetes Lager zu beziehen, so haben sie während der Nachmittagsstunden vollauf Zeit, sich durch Auslegen von Fallen genügend Wildbret zu verschaffen. Stets werden die Fallen nach Wegnahme der überlisteten Beute wieder sorgfältig fängisch gestellt, und jeder später Kommende betrachtet sich ohne weiteres als berechtigter Nutznießer, fühlt sich aber auch verpflichtet, seinerseits die Schlingen wiederum in Stand zu setzen und nach Bedarf zu ergänzen und zu vermehren. Die Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung wird freilich nur dann ersichtlich, wenn man weiß, daß die heidnischen Inlandbewohner nicht etwa allein frisch gefangene, sondern selbst im vorgeschrittensten Stadium der Verwesung befindliche Ratten oder dergleichen ohne Nachteil und mit Wonne verzehren.

Manche Überraschung dürften diese unerforschten Gebirge noch auf zoologischem wie auf entomologischem Gebiete bringen. Ich bedauerte, aus Zeitmangel nicht einen der in Vollblüte stehenden Waldbäume fällen lassen zu können. Das Käferleben da oben in unerreichbaren Sonnenhöhen muß ein tausendfältiges sein. Im Waldesschatten war allerdings nichts davon zu bemerken, und auch Falter und Libellen bekam ich so gut wie gar nicht zu sehen.

Wenn ich früher schon geschildert habe, welche Gefühle die grandiose Scenerie eines Tropenurwaldes auf ein für Naturschönheiten empfängliches Gemüt auszulösen vermag, so sei nun im folgenden auch der Schattenseiten gedacht, wie sie uns gerade auf unserem heutigen Marsche nicht minder eindringlich fühlbar wurden. Hierzu zählen in erster Linie die Legionen blutdürstiger Landegel, welche die Bergwälder bis zur Höhe von ungefähr 1200 m bevölkern. Anfangs benutzte ich jeden freien, nicht durch die Beschaffenheit des Weges in Anspruch genommenen Moment, um meinen Körper genau abzukontrollieren und das anhaftende, gierig nach Eingang tastende Gewürm abzustreifen. Aber das stundenlange, ununterbrochene starke Ansteigen und die Wege-Schwierigkeiten im Verein mit den aussichtslosen Bemühungen einer völligen Abwehr der immer und immer wiederkehrenden Attacken dieser Plagegeister machten bald gleichgültiger, und so kam es, daß sich unter dem Geschnür meiner Leinenschuhe die Socken vom Blute röteten. Völlig unbekümmert fühlte ich bald hier bald dort einen schmerzhaften Stich, und erst bei der schließlichen Ankunft am Lagerplatz nahm ich mir die Mühe, mich dieses miserablen Viehzeugs zu entledigen. Unter den Gamaschen fand ich dann häufig genug ganze Klumpen von Egeln; die Socken aber waren steif vom geronnenen Blute. Die fast nackten Träger leiden natürlich noch mehr, trotzdem ihre lederartige Epidermis vielleicht ein wirksamerer Schutz für sie ist, als ein dünner Khakianzug für den Weißen. Seelenruhig streiften sich die Leute von Zeit zu Zeit mit dem Buschmesser die festgesaugten Tiere ab. Speziell die Beine sahen zuweilen aus, als hätte der Mann im Blute gewatet. — Als zweiten Schrecken dieser Wälder erwähne ich die Zecken und die Buschläuse, welch letztere sich besonders bei den barfüßigen Eingeborenen gern zwischen den Zehen einfressen und dort schmerzhafte Geschwüre verursachen.

Etwas mehr als 5 Stunden waren seit unserem Aufbruche in Pekobusánga vergangen, als wir auf eine ansteigende Waldblöße kamen, deren Mitte eine aus Astwerk errichtete, laubbedeckte Hütte einnahm. Hoher Urwald umgab die ca. 100 Schritte messende Lichtung. Es war Massarow-Mangura, unser heutiges Ziel. Der Platz lag in 1200 m Höhe und ist als Grenze zwischen dem Gunung Bambálu und dem vor uns liegenden bedeutend höheren eigentlichen Takálla-Gebirge anzusehen.

Meine 4 Begleiter machten sich sofort daran, auf einer etwas abgesonderten Stelle das Gerüst zu einem Miniaturhüttchen für mich aufzustellen. Nach der viel später erfolgenden Ankunft der Träger wurde dieses aus dem mitgeführten Katjang-Vorrat binnen wenigen Minuten mit Dach und Wänden versehen, so daß ich mich darin ganz ungeniert fühlte und selbst bei Gewitterregen vollkommen geborgen war. Die hier zum erstenmal verwendeten Katjangs sind etwa 1 m lange und ca. 40 cm breite, aus den starren wetterbeständigen Fiedern mehrerer Palmenarten, vorwiegend aber der Kokospalme hergestellte Platten (Atap), die dachziegelartig auf Handbreite übereinandergelegt und mittels durchgezogener Rotangstreifen am Hütten-Gestänge befestigt werden. Ein solches Dschungelkamp herzustellen, erfordert kaum mehr als ¼ Stunde Zeit. Aus jungen von Ästen befreiten Stämmen wird ein Hüttengerippe errichtet, dessen Verbindungen aus rasch geschälter und in Streifen gerissener Baumrinde bestehen. Dach und Wände werden aus Katjangs hergestellt, und die Eintagsbehausung ist fertig. Regensicher und luftig, ist eine solche Hütte den schwer transportierbaren und umständlich aufzuschlagenden, weniger luftigen und teuren Leinenzelten bei weitem vorzuziehen. Noch einfacher ist es, als Seitenwände Wachstuchstreifen zu verwenden, wie sie die Militärpatrouillen in 10 m langen und 2 m breiten zusammengerollten Stücken beständig mit sich führen. Den Innenraum einer derartigen Hütte legt man schließlich noch mit Zweigen aus, bevor das Feldbett aufgeschlagen wird. Um dieses werden statt Tisch und Stühle Gepäckstücke gruppiert, und das Kamp ist fertig. — Nach einem 8–10stündigen Marsche unter einem solchen Obdach lang auf dem Feldbett ausgestreckt ruhen zu können und ein dampfendes Glas Tee mit Zubehör vor sich zu haben, ist ein kaum zu beschreibender Hochgenuß. — Das Militär war erst 1 Stunde nach mir eingetroffen, und mehr als 3 Stunden dauerte es, bis sich die letzten Kulis im Lager einfanden.

In Massarow-Mangura stand mir eine ganz besonders freudige Überraschung bevor. Fast gleichzeitig mit der Ankunft meiner Träger nämlich meldeten uns jubelnde Zurufe im Rücken des Lagers von dieser Seite her die Ankunft neuer Quartiergäste. Und wen erblickte ich beim Heraustreten? Herrn Leutnant von Ardenne, meinen lieben Gastfreund aus Malili, der, auf dem Rückwege von einer dienstlichen Tour nach dem Posso-See begriffen, mit seinen Leuten vom Takálla herabkam, um hier ebenfalls Nachtlager zu beziehen. Es erübrigt sich, die ausgelassen fröhliche Stimmung zu schildern, die an diesem Abend in Massarow-Mangura herrschte. Die Freude über das glückliche Zusammentreffen hier im entlegenen Gebirge hielt uns bis tief in die Nacht in angeregtem Gespräche beisammen.

Massarow-Mangura — Tokúndji, den 23. Oktober.

Der neue Tag forderte seine Rechte; Gefühle kommen dabei immer zu kurz. So gern ich das Beisammensein mit Herrn v. A. verlängert hätte, die vor uns liegenden schweren Märsche gestatteten uns beiden kein längeres Verweilen. Ein letztes herrliches Lebewohl, ein vielstimmiges »salamat djalan baik« (Gruß und glücklichen Weg), und unsere Wege trennten sich. Hinab zum blauen Golf von Boni wanderte Herr v. A.; nach dem entgegengesetzten Ziele, dem Golf von Tomini, strebte mein Begehren. —

Wenig oberhalb des Lagerplatzes, auf einer grasigen Halde, stießen wir auf zwei merkwürdige, offenbar von Menschenhänden hierher gesetzte Steine. In der Form glichen sie den Simbuang batu, wie ich sie in den Toradja-Landen kennen gelernt hatte. Hier allerdings dienten sie wesentlich anderen Zwecken. Die Stelle bezeichnet ungefähr die Mitte des Weges Masamba-Leboni, bedeutet also einen Abschlußpunkt, an dem es kein Eingeborener versäumt, den Geistern des Gebirges zu opfern, um deren Segen auch für den zweiten Teil der Reise zu erlangen. Der von Leboni Kommende dankt den Dewáta, daß sie ihn ungefährdet über diese unwegsamste und schwierigste Gebirgshälfte hinweggeführt haben; der von Masamba Kommende bittet sie um eine glückliche Reise.

Wir hatten heut den Takálla genannten, höchsten Teil des Gebirges zu besteigen, und unser in Aussicht genommener nächster Biwakplatz Tokúndji lag bereits jenseits der Wasserscheide. Wie gewöhnlich eilte ich mit nur wenigen Begleitern dem Gros meiner Gesellschaft weit voran. Zwei reichliche Kletterstunden brachten uns auf die Kammhöhe der ersten vor uns aufsteigenden Gebirgsterrasse. Das Vegetationsbild daselbst hatte sich bereits merklich geändert. Immer häufiger traten an die Stelle der Laubriesen des tiefer gelegenen Urwaldes niedrigere Pflanzen. Wir durchschritten Zonen stelzenwurzliger Pandanaceen, deren abgefallene ca. 1 m lange Blattscheiden weithin den Boden bedeckten. Zierlich fiederblättrige Kletterpalmen umschlangen die Stämme mit ihrem frischen Grün und sandten ihre nach Stützpunkten suchenden Sprosse nach allen Seiten aus. Holunderähnliche Büsche mit großdoldigen, prachtvoll sattblauen Blüten säumten die Seiten des Weges. Aus dunkelgrünen Moospolstern glühten uns die granatroten Beeren eines unserer Heckenrose gleichenden Strauches entgegen, und liebliche Glockenblumen in allen Farbentönen von lila, violett und rot lugten zwischen den gespinstfeinen, zarten Sternenkelchen breiter Moosrasen heraus. Auch maiglöckchenartige, aber geruchlose Blumengebilde erfreuten mein Auge. Zarte rosa Blütenkelche zahlreicher Alpenrosenbüsche atmeten ihre Seelen in diese herbfrische Hochgebirgs-Atmosphäre aus. In erstaunlicher Artenzahl waren die Farne vertreten, darunter Exemplare mit meterlangen Riesenwedeln. Als schönste darunter erschienen mir die eleganten Baumfarne (Dicksonia), deren ca. 3 m hohe, mit rotbraunen Haarpolstern bekleidete Stämme prachtvolle Blattkronen trugen.

181. Der »Hund des Sultans« im Takálla-Gebirge.

Von dem erreichten Sattel aus brachte uns eine weitere Stunde anstrengenden Steigens zur zweithöchsten Abstufung. In einer Einsattelung nahe dem Gipfel derselben passierten wir ein Felsenmonstrum, das bei einiger Phantasie dem aufgesperrten Rachen eines vorweltlichen Ungeheuers glich. Die Steingruppe gehört zu den noch unerklärten Merkwürdigkeiten des Takálla-Gebirges. Die Eingeborenen vergleichen sie mit einem Hundekopf, dem sie den schwer zu erklärenden Namen »menggánga« gegeben haben, was in freier Übersetzung so viel bedeutet als »Hund des Sultans«. Jeder an dieser Stelle vorüberkommende Wanderer rauft eine Hand voll Gras zusammen und legt es dem Hunde ins geöffnete Maul. Als Erklärung sagte man mir, der Hund des Sultans müsse Gras zu fressen bekommen, damit er die Felder der Opfernden vor der Verwüstung durch wilde Schweine behüte — etwa in dem Sinne: ich gebe dir Gras zu fressen; friß du dafür alle Schweine, welche mein Feld verwüsten wollen! Über die Bedeutung des Namens menggánga vermochte ich keine befriedigende Auskunft zu erlangen. Niemand weiß, wer oder wo der Sultan sei; es hätte eben schon immer so geheißen. —

Eine letzte Anstrengung brachte uns von hier aus nach genau 4½ Stunden zum letzten und höchsten Gipfel des Takálla in rund 2000 m Höhe. Eine Märchenlandschaft umgab uns daselbst im Gewoge der bald verhüllenden, bald sich teilenden Höhennebel. Noch bizarrer erschienen durch diese Dunstschleier hindurch die wunderlich gestelzten Schraubenpalmen, deren kandelaberartig ausgebreitete Kronen sich im Nebelmeere badeten. Wie Christbaumschmuck hingen silbergraue Bartflechten vom Gezweig der Waldbäume herab, und die kleinblättrigen zartgrünen Ranken der in diesen Höhen gedeihenden Kletterpalmen wanden sich gleich festlichen Guirlanden um Baum und Strauch. Unhörbar schritt der Fuß über die schwellenden Moospolster hin. Es ist erklärlich, daß diese feierliche Umgebung auf die für Natureindrücke sehr empfänglichen Gemüter der Eingeborenen eine derart tiefe Wirkung ausübt, daß sie auf das Gipfelplateau des Takálla den Wohnsitz ihrer Götter und Dämonen verlegen. So fand ich nahe dem Gipfel eine kleine kreisrunde Lichtung, auf welcher die Vorüberkommenden den Dämonen zu opfern pflegen. Eine Menge kleiner, ungefähr 1 m hoher Holzstöckchen waren daselbst in den Boden gesteckt, in deren gespaltenen Spitzen je ein Priemchen Kautabak oder Sirih eingeklemmt war. Auch Eier sah ich als Opfergabe auf diese Art in den Stockspalten befestigt. Daneben steckten Stäbe mit Geisterfähnchen aus weißgrauer roher Fuja. Die Bewohner der Leboni-Hochebene wallfahrten zur Zeit der Reisfeldbestellung eigens hier herauf, um an diesem Orte den Göttern zu opfern und eine reiche Ernte zu erflehen. Bei der etwa ¼ Stunde in Anspruch nehmenden Wanderung über das Gipfelplateau wird von allen Eingeborenen ehrerbietiges Schweigen beobachtet. —

182. Urwaldspracht auf dem Takálla-Gebirge.

Unser Pfad führte in sanfter Neigung talwärts. Wir mochten durch den wunderschönen dicht verwachsenen Mooswald gegen eine Stunde niedergestiegen sein, als das Plätschern eines Bächleins vernehmbar wurde. Ein von den Höhen des Takálla kommendes kristallklares Wässerchen hat hier durch eine etwa 4 m hohe Kaskade im Waldboden ein rundes Bassin ausgehöhlt. Die Seltenheit des Vorkommens von Wasseradern im Hauptgebirge sowohl, als dessen Ursprung auf dem sagenumwobenen Takálla-Plateau haben auch diesem an und für sich anspruchslosen Bache zu einem geheimnisvollen Nimbus verholfen. Auch er bildet ein Glied in der Reihe der Takálla-Mysterien, deren erstes die Opfersteine bei Massarow-Mangura sind. Wer dort Sirih geopfert hat, später dem Hunde des Sultans Gras zum Fressen gab und hernach auf dem Gipfel zu den Dewáta betete, muß nun im Bassin von Tokúndji ein Bad nehmen. Für die von Leboni kommenden Wanderer ergibt sich die umgekehrte Reihenfolge.

In unmittelbarer Nähe dieses Wasserlaufes betraten wir einen dichten Laubwald und gleich darauf eine Lichtung, auf deren Wiesenfläche sich 2 Unterkunftshütten à la Massarow befanden. Der Rastplatz Tokúndji in 1700 m Höhe war damit erreicht. Nicht mehr lange dauerte es, bis sich meine Leute eingefunden hatten, und nun war es mit der Ruhe des Platzes einstweilen vorbei.

Tokúndji — Leboni, den 24. Oktober.

Die Nacht war bitter kalt gewesen, und meine für derartige Ausnahmefälle ganz ungenügend ausgerüsteten Leute, zitterten vor Kälte. Jedermann beeilte sich, mit dem Abkochen fertig zu werden, seinen Pack aufzuladen und abzuziehen. Noch herrschte fahles Dämmerlicht, als sich bereits die ganze Kolonne auf dem Marsch befand. Das ungewisse Licht ließ den vor Nässe triefenden Wald recht unfreundlich erscheinen. Als aber die ersten Sonnenstrahlen durch die Nebel brachen und goldige Reflexe in dem Pflanzenlabyrinth hervorzauberten, änderte sich dies mit einem Schlage. Unser Weg führte über verschiedene Senkungen des hier Poanáa genannten Gebirgszuges hinweg. Das Gehen auf dem den Boden in dicken Lagen bedeckenden schlüpfrigen Fallaub und dem weitverzweigten nassen Wurzelwerk war recht mühsam. Eine sellerieartige aromatische Pflanze trat in Massen auf. Die anmutigen Blütentrauben des Celebes-Maiglöckchens stahlen sich hier und dort aus dem Buschwerk hervor. In den Waldungen des Poanáa sollen viele Anoas vorkommen, und die Eingeborenen scheuen sich, die Buschpfade allein zu begehen. Wirklich trafen wir öfter Spuren von Gemsbüffeln an. Ein 2stündiger Marsch hatte uns in die 1000 m-Zone herniedergeführt, und der Urwald nahm wieder sein gewöhnliches Aussehen an. Ab und zu bemerkte ich hier Dammarfichten. Geschlossene Bestände der Agathis celebica, wie ich sie in Südost-Celebes kennengelernt hatte, kommen dagegen im Takálla-Gebirge nicht vor.

Von einer isolierten Kuppe aus genoß ich über die Kronen der Bäume hinweg einen ersten kurzen Ausblick auf die Landschaft Leboni. Ich empfand ein tieffreudiges Gefühl beim Erblicken der weiten, sonnigen Hochebene des durch mächtige Gebirgswälle vor der Außenwelt so wohlbehüteten Leboni.

Rasch mehrten sich nun die Anzeichen von der Nähe menschlicher Ansiedelungen. Der Weg wurde ausgetretener und breiter; der Hochwald ging allmählich in Busch über. Auf sonnigen Steigen ging es zur Ebene hinab. Etwas vor 10 Uhr erreichten wir den an einem Bache gelegenen Rastplatz Pekobusánga II, der ohne Aufenthalt passiert wurde. Nahe dabei gelangten wir zum Ufer des Salu Towóna, eines in tiefgewühltem Bette rasch dahinfließenden Gewässers. Bald wurde die erste Leboni-Behausung, eine einsame Feldhütte, angetroffen und besichtigt. Es war ein erfreulicher Anfang, und ich erwarb daselbst mehrere sehr hübsche Gegenstände, so vor allem buntfarbene, glimmerverzierte Sirih-Korbtaschen, wie sie in Leboni vielfach an Stelle der Sirihsäcke benutzt werden.

Stundenweit dehnte sich die leicht gewellte, stark mit konzentrischen Erdrissen durchsetzte Ebene mit ihren weiten Lalangflächen und sumpfigem Buschland. Hohe, flach auslaufende Waldgebirge umrandeten die bedeutende Talfläche, deren Hügel und Vorberge bereits großenteils mit Äckern bedeckt waren.

Das Hauptdorf der Hochebene, der Kampong Leboni, lag völlig versteckt in einer Mulde, und die Häuser desselben waren dem Blicke außerdem noch durch eine hohe, doppelte Bambusumwallung gänzlich entzogen. Erst ganz nahe herangekommen, bemerkte ich, daß das Ziel unmittelbar vor uns lag und die zweite Etappe meiner Durchquerung glücklich erreicht war.

183. Eingangspforte zum Dorfe Leboni.

Ich betrat Leboni zu guter Stunde. Man schickte sich an, ein Fest zu feiern, zu dem eine große Anzahl Menschen herbeigeströmt war. Welch ein Bild! Eine völlig neue Welt tat sich vor mir auf! Die Zeit schien in Leboni stehen geblieben zu sein, und vorübergerauschte Jahrhunderte dünkten mir in Tracht und Sitte der To-Leboni wiedererstanden. — Das Reich der Fuja hatte sich mir erschlossen, und wohin ich auch blickte, überall sah ich Menschen in Rindengewandung, und zwar in einer Weise herausgeputzt, wie sie merkwürdiger und origineller in Malayasien sicherlich nirgends mehr zu finden ist. Ich staunte, war entzückt und konnte mich nicht satt sehen an dieser festlich geschmückten Menge.

184. Frauen und Mädchen aus Leboni.

Die Mädchen und Frauen prangten mit harzbemalten Gesichtern, deren schwarze Linien und Strichmuster bei besonders Gefallsüchtigen noch mit Stannioltupfen hervorgehoben waren. Auf den Scheiteln der weiblichen Blüten Lebonis thronten buntbemalte, kokette Kopfringe aus Bast. Ältere Semester trugen an Stelle derselben turbanartige Aufbauten von gewaltiger Höhe, deren Endschleifen am Rücken herabhingen. Die Gestalten der Frauen umhüllten weitbauschige, schleppende Krinolinröcke mit hinten aufgebundenen umfangreichen Duftbündeln aus aromatischen Gräsern und Wurzeln. Ihre Oberkörper steckten in Jacken, deren plumper Schnitt die schönsten Körperformen greulich entstellte. In den bis zu Talergröße ausgeweiteten Ohrlappen trugen die Schönen hölzerne, mit Stanniol beklebte Scheiben. Brustgehänge, aus dem Boden der Conusschnecke geschliffen, und dicke, schwere, aus Tridacnaschalen geschnitzte Armreifen vervollständigten die Festtoilette. Sämtliche Gewandungsstücke waren ausnahmslos aus dem »nunu« genannten, aus verschiedenartigen Baumrinden gewonnenen Rohstoffe in langwierigem Arbeitsprozesse hergestellt. Nichts dokumentiert die Jahrhunderte lange völlige Abgeschlossenheit der centralen Siedelungszonen von Celebes deutlicher, als die erstaunliche Tatsache, daß den Eingeborenen daselbst die Weberei etwas völlig Unbekanntes geblieben ist, während diese von der Küstenbevölkerung der Insel in meist hoher Vollendung allgemein betrieben wird.

Die Männer Lebonis waren in ihrer Tracht weniger konservativ geblieben und hatten sich von der ausschließlichen Benutzung der Fuja-Kleidung bereits etwas emanzipiert. Auf ihren Wanderungen über das Gebirge in die Nachbargebiete lernten sie die buginesische Kleidung kennen, die nun leider mehr und mehr Eingang bei ihnen findet. Hierzu gehört vor allem die buginesische »tjelana«, das einer Schwimmhose gleichende kurze Beinkleid. Es hat die ursprüngliche, aus Fuja bestehende, »tjdako« genannte Schambinde nahezu vollkommen verdrängt. Auch an die Stelle der früher ausschließlich gebräuchlichen Lenden- und Schultertücher aus Fuja sind gegenwärtig schon vielfach Sarongs und Jacken aus importierten Baumwollstoffen getreten. Ziemlich allgemein getragen werden nur noch Fuja-Haupttücher, und zwar in einer nach Färbung und Bemusterung erstaunlich reichen Mannigfaltigkeit. Als ursprünglichster Annex der Ausrüstung eines Leboniers sei noch der von der überwiegenden Mehrheit beibehaltenen »bolápi«, der Sitzmatten oder Sitzfelle, gedacht. Erstere sind vielfach mit Harz schwarz bemalt und mit Glimmer verziert, letztere aus Anoa-, Büffel- oder Ziegenfellen gefertigt und haben eine ovale oder oblonge Form.

185. Gemustert geflochtene Sitzschürzen.

Um wieder auf das Fest zurückzukommen: wir überraschten also die mit ihren Vorbereitungen beschäftigten Dorfbewohner mit unserer völlig unbemerkt gebliebenen Ankunft ebensosehr, als mich andererseits das unvermutete hochmalerische Getriebe im Dorfe in Erstaunen setzte. Doch war mein Staunen zweifellos freudigerer Natur als bei der Gegenpartei. Dies war auch nicht zu verwundern. Unsere lange Kolonne mir einem Europäer und dem Militär an der Spitze erregte bei der Bevölkerung naturgemäß Bestürzung und Furcht vor dem Ungewöhnlichen. Die Weiber schlüpften behend in die Hütten, und die Kinder flüchteten kreischend hinter ihnen her. In Gruppen standen die Männer scheu beiseite, und nur der Häuptling, ein hübscher, vielleicht 30jähriger Mann, kam schüchtern auf mich zu. Ich begrüßte ihn mit freundschaftlichem Händedruck, worauf er uns zu dem etwa 5 Minuten vom Dorfe gelegenen geräumigen Atapschuppen für die Mannschaften und Träger geleitete. Ein danebenstehendes winziges Bambushäuschen für vornehmere Besucher war von dem augenblicklich in Leboni amtierenden Kollekteur Pieters aus Masamba besetzt, dem ich einen Brief des A.-Residenten übergab. Er war ein sehr gefälliger junger Mann, der mir sofort sein Quartier überließ, um sich irgendwo im Dorfe neu einzulogieren. Von meinen Plänen in Kenntnis gesetzt, versprach er mir, sein Bestes zu deren Ausführung beizutragen. Den inzwischen ihrem Häuptling nachgekommenen Dorfältesten und fremden Kapálas verdolmetschte er das von mir Gehörte und las ihnen das von mir mitgeführte luwuresische Begleitschreiben des A.-Residenten von Paloppo vor. Der hierdurch erzielte Eindruck war anscheinend recht günstig, und die sorgenvollen Mienen des Häuptlings und seiner Gefährten hellten sich ersichtlich auf, als sie vernahmen, daß ich vom Dorfe nicht nur nichts begehrte, sondern demselben im Gegenteil durch meine beabsichtigten Ankäufe nur Nutzen bringen wollte. Durch den Kollekteur Pieters ließ ich jetzt den Häuptling bitten, den Beginn der Dorffestlichkeit nicht länger zu verzögern, und sprach den Wunsch aus, derselben beizuwohnen.

186. Fremdenquartier in Leboni.
187. Geisterhaus in Leboni.

Während die Mannschaften sich im Quartier einrichteten, kehrte ich mit Pieters und den Häuptlingen ins Dorf zurück, wo die inzwischen etwas beruhigten Bewohner schon mit Ungeduld ihres Oberhauptes warteten. Wir verfügten uns in die Dusunga, welches Gebäude die Eigenschaften eines Gebets- oder Geisterhauses mit denen eines Versammlungs-, Rats- und Fremdenhauses vereinte. Eine eingehendere Würdigung desselben folgt später.

Die Kunde von meinen friedlichen Absichten hatte sich im Nu im Dorfe verbreitet, und als nun die schnell geschlagenen Wirbel der großen Dusunga-Trommel den Beginn des Festes verkündeten, strahlten die Augen aller vor Erwartung und Freude.

188. Fuja-Kopfschärpen.
189. Frau aus Leboni in Festtracht.

Man feierte das Mabogau- oder Regenfest, bei dem man von den Göttern das himmlische Naß erfleht, um mit dem Anpflanzen des Reises beginnen zu können. Auf einem freien Platze vor der Dusunga hatte man an eingerammten starken Pfählen die zwei Opferbüffel angepflockt. Man wählt hierzu in Leboni bei Festlichkeiten mit religiösem Hintergrunde stets weiße Büffel aus. Auch in diesem Falle waren die beiden Tiere, ein ausgewachsener und ein halb erwachsener Büffel, von fleckenlos weißer Hautfarbe. Lechzend vor Angst und Sonnenglut, umkreisten sie an ihren beweglichen Rotanghalsringen in ahnungsvoller Erwartung ihres jammervollen Schicksals ihre Marterpfähle.

In der Dusunga schritt man inzwischen zur feierlichen Ceremonie der Schärpenumgürtung. Im Hintergrunde des Geisterhauses, dicht vor dessen Heiligtum, den 2 Götterfiguren und dem Lebensbaume, hingen an Pfosten und verästelten Gestellen eine Menge prachtvoll gefärbter, breiter Fuja-Schärpen und Haupttücher. Auf die Trommelsignale versammelten sich alle Männer des Kampongs im Innern desselben. Ein etwas später auf einer anderen Trommel geschlagenes Zeichen galt den Frauen des Dorfes, welche sich darauf hin in langem, feierlichem Zuge zur Dusunga begaben. Alle erschienen im höchsten Staate, angetan mit lang nachschleppenden Fuja-Roben und enormen aufgebundenen Faux culs, die Jacken behängt mit Perlenschnüren, die Gesichter schauerlich schön mit schwarzen Strichen bemalt. An Stelle der üblichen Kopfreifen trugen sie bei dieser Gelegenheit Turban-Haupttücher. Ihrer Würde bewußt, stiegen sie mit gravitätischen Schritten zur Dusunga hinan, um die ihrer dort harrenden Männer mit den schon erwähnten, geweihten Festschärpen und Haupttüchern zu schmücken.

Derart aufgeputzt, verließen nun alle paarweise die Dusunga, um sich auf dem Platze vor derselben, dieser und den Opferbüffeln gegenüber, im Halbkreise aufzustellen. Der wichtigste Moment der Feier, das Töten der Büffel, war gekommen.

190. Der Häuptling führt den ersten Hieb.

Im Galaschmucke, mit langen weißen Hosen und um die Stirn gewundener wallender Kopfschleife, trat der Häuptling, seinen kleinen 4jährigen Sohn an der Linken führend, mit entblößtem Schwert an den größeren Büffel heran. Ein sausender Hieb, und tief drang die gerade Schwertklinge in die Hinterflanke des angstvoll aufbrüllenden Tieres, eine klaffende Wunde zurücklassend, die im weißen Felle schrecklich anzusehen war. Einzeln traten nun die Männer nacheinander vor, um jeder dem gemarterten Vieh ebenfalls einen oder mehrere Schwerthiebe ad libitum zu versetzen. In Strömen floß das Blut. Endlich stürzte der gequälte Büffel vor Schmerz und Entsetzen halb betäubt zur Erde. Unter dem Beifallsjauchzen der Zuschauer hagelten auch auf das sich am Boden wälzende dumpf stöhnende Tier zahllose Hiebe hernieder, gleichviel wohin sie trafen. Von den Weibern hatten nur die Frauen des Häuptlings — es waren ihrer zwei — das Vorrecht, sich an dieser Abschlachtung beteiligen zu dürfen, eine Ehre, von welcher sie ausgiebigen Gebrauch zu machen wußten. Ein sogenannter Sauhieb hatte schließlich die Bauchhöhle des Büffels aufgerissen, so daß dessen Eingeweide hervorquollen. Wilden Bestien gleich, stürzten sich die unansehnlichen kleinen Dorfhunde auf das in höchster Todesnot mit allen Vieren krampfhaft um sich schlagende, verendende Tier, um sich an seinen Gedärmen herum zu beißen. Jungen Teufeln gleich sprangen halbwüchsige Kinder johlend um das Schlachtopfer herum. — Es war zum Erbrechen und für mich höchste Zeit, den Schauplatz dieser gräßlich anzusehenden Vorgänge zu verlassen.

191. Der massakrierte Opferbüffel.

Als ich mich nach einer Weile aus wissenschaftlichem Interesse so weit bezwungen hatte, nochmals auf den »Festplatz« zurückzukehren, fand ich beide Büffel in formlose, blutige Massen zerhackt und verendet am Boden liegen. Befriedigt leckten sich die gesättigten Köter ihre blutigen Schnauzen, toll vor Vergnügen riß und zerrte die liebe Jugend an den Kadavern herum. Die Erwachsenen aber, Männer wie Weiber, hatten einen Kreis geschlossen, und wonnetrunken, mit blitzenden Augen umtanzten sie singend die entsetzlich aussehenden verstümmelten Opfertiere. Dabei bildeten die Männer die eine Hälfte der Kette, die Frauen die andere. Die mehr gesprochenen als gesungenen Texte bestanden in Anrufungen der Geister und bildeten den religiösen Teil des Mabogau. Der Tanz bestand in einem schrittweisen Vor- und Rückwärtsbewegen der Kette. — Ich fühlte mich nach dem Erlebten zum Sterben elend und verließ eilends die Stätte, um mich in meine Behausung zurückzuziehen.

192. Beim Festmahl im Geisterhaus.

Als ich spät nachmittags abermals ins Dorf hinüberging, fand ich die beiden abgeschnittenen Köpfe der Büffel auf einem freistehenden Gerüst neben der Dusunga aufgestellt, wo man sie bis zur Beendigung des Festes beläßt. Dieses aber dauert bei allnächtlichem Marengo-Tanze im Geisterhause so lange, bis der erflehte Regenfall endlich eintritt. Alsdann werden auch die Büffelköpfe hereingeholt, um ohne Rücksicht auf ihren Zustand zur leckeren Speise zu dienen. Die Gehörne aber werden in der Dusunga als Opfergabe aufgehängt.

Die Kadaver hatte man nach beendetem Reigen sofort zerteilt. Die Frauen bekamen ihre Anteile in die Häuser gesandt; für die männlichen Festteilnehmer dagegen, und zwar nur die aktiv beteiligt gewesenen, wurde im Laufe des Nachmittags in der Dusunga ein großes Mahl ausgerichtet, zu dessen Beginn wiederum Trommelsignale einluden. Meine Blitzlichtaufnahme zeigt die Männer Lebonis beim Festschmause.

Ich hatte für heut genug und schloß mich frühzeitig in meinen 4 Pfählen ab. Um 9 Uhr wurden aufs neue die Lobo-Trommeln bearbeitet, und jodelnde gutturale ǘi-ǘi-Rufe, wie sie von den Männern während des Marengo-Tanzes ausgestoßen werden, kündeten mir den Fortgang der Festlichkeit. Ich fühlte mich jedoch zu abgespannt, um nochmals hinüberzugehen.

193. Fuja-Haupttücher.

Gegen Mitternacht erwachte ich abermals von den weit vernehmbar durch die Nacht schallenden he, he, he,–ho, ho, ho, ǘi-Rufen und dem Aufstampfen beim Reigen. Die nächtliche Feier schien ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Nun ließ es mir auch keine Ruhe mehr im Bette. Rasch war ich heraus, und durch die stockfinstere Nacht tappte ich den Pfad zum Dorfe hinüber, um das, wie ich vermeinte, zur Orgie ausgeartete Fest, sei es auch nur aus dem Verborgenen, anzusehen. Ungefährdet gelangte ich ins Dorf, fand daselbst aber zu meiner großen Überraschung alles im Finstern liegen. Hier in der Nähe fand ich die gedämpften Rundgesänge rhythmisch schön, mit einem Anklang von Schwermut. Nur das nach jeder Strophe einsetzende Jauchzen der Männer brachte einen Mißton in den sonst feierlichen Chor. Die Gesänge klangen aus der Dusunga heraus; aber auch diese lag völlig im Dunkeln. Die Sache wurde mir immer rätselhafter, und meine Wißbegierde verleitete mich nun zu dem gewagten Unternehmen, die Leute bei ihrem Treiben zu belauschen. Behutsam näherte ich mich dem Geisterhause und erstieg leise die Treppe. Durch die Fugen der schlecht schließenden Holztür hatte ich einen vollen Überblick über das Innere, und nie werde ich das fascinierende Bild vergessen können, das sich jetzt vor meinen Augen abspielte. Die Dusunga war gedrängt voll Menschen; das ganze Dorf, Männer und Frauen, darunter solche mit ihren Wickelkindern auf dem Rücken, schien darin versammelt zu sein. Der schwache rötliche Feuerschein glühender Holzscheite vermochte den großen Raum nur auf wenige Schritte im Umkreise aufzuhellen. In diesem unsicheren Lichtkreise auftauchend und verschwindend, bewegte sich alt und jung, Mann und Weib im feierlichen Tanzschritt vor den Götterbildern vorüber. Jedes Aufflackern der Feuer übergoß die Versammelten sekundenlang mit roter Glut, aus der sich die in dieser Beleuchtung wild aussehenden, schwarz bemalten Gesichter dämonisch heraushoben. Dazu kamen die langen, schleppenden Gewänder und grellfarbigen Schärpen der Weiber nebst den eigenartig gewundenen Haupttüchern der Männer, die auffällig von den dunkeln Gestalten abstachen. Indem die Tanzenden reihenweise aus dem Dunkeln in den Feuerschein traten und wieder in Nacht verschwanden, erschien das Ganze in hohem Grade mystisch. Doch war der Zweck der Versammlung ein durchaus harmloser. Man schritt im Reigen des Marengo, im Stunden und Stunden währenden immer gleichen Rhythmus und vergnügte sich in Wechselgesängen der den Tanz begleitenden traditionellen Epen. Der Hintermann legte dabei die linke Hand auf die Schulter seines Vordermannes. Beim Anschreiten wurde mit dem linken Fuße begonnen und nach jedem 5. Schritte mit dem rechten Fuße aufgestampft. Die nachfolgenden Weiber hielten einander, paarweise und zu dritt gehend, um die Hüfte gefaßt. Mitten in die Gesänge hinein ertönten dann die periodischen Soloeinlagen besonders enthusiasmierter Männer, deren hallendes ho, ho, ho,–hoi,–ǘi, ǘi mich hierher gelockt hatte. Mehrmals setzte der Gesang minutenlang aus, und dann lastete eine beängstigende Ruhe und Regungslosigkeit über der Gesellschaft.

Wie gebannt kauerte ich, in Schauen verloren, auf dem Treppenpodest, das Abenteuerliche meiner Situation ganz vergessend. Unerwartet sollte ich daran erinnert werden. Eines der Weiber aus dem Kreise der Tanzenden stieß plötzlich einen schrillen Angstruf aus, dem augenblicklich Totenstille folgte. Wie hypnotisiert, verharrten die in der Dusunga Anwesenden in der zufällig eingenommenen Pose. Ich war, ehrlich gestanden, ebenso erschrocken wie die Leute selbst und mir momentan nicht klar, was zu tun nun das rätlichste sei. Ein Aufflammen des Feuers hatte mich in meinem hellfarbenen Pijtjama einem zufällig nach dem Eingange blickenden Weibe verraten, das nun natürlich nicht an mich, sondern an eine übersinnliche Erscheinung gedacht und mit ihrem Alarmruf alle in Angst versetzt hatte. Endlich löste sich der Bann, und ein Mann aus der Reihe schritt zur Türe, um nachzusehen, was es gäbe. Nun hielt ich es doch für das beste, mich schleunigst zu erkennen zu geben. Rasch stieß ich die Verschlußbretter derselben zurück und betrat den Raum. Tiefes Schweigen empfing mich. Ich näherte mich dem etwas Malayisch radebrechenden Häuptling, den ich über die Ursache meines ungewöhnlichen Erscheinens zu beruhigen versuchte. Wortlos hörte er mich an. Gleich darauf zog ich mich, dem Häuptling und den Ältesten eine gute Nacht wünschend, zurück. Niemand folgte mir, und in der Dusunga war und blieb es still. Es war keine angenehme Empfindung, mit der ich den Rückzug antrat; gar zu leicht hätte mein Beginnen verhängnisvoll enden können. Dennoch bereue ich es nicht, dieses hochinteressante interne Schauspiel belauscht zu haben, dessen unmittelbare Eindrücke keinen Vergleich zulassen mit Schautänzen, wie sie von Eingeborenen vor Fremden sonst meist produziert werden.