Von den Toradja-Landen nach Paloppo zurückgekehrt, hatte ich mehrere Tage mit dem Sichten und Verpacken der von dort mitgebrachten Sammlungen zu tun. Das Auftreiben von geeigneten Kisten konnte in dem betriebsamen Paloppo keine Schwierigkeiten machen, doch sei erwähnt, daß der p. t. Chinese storekeeper dafür Preise zu nehmen versteht, als handle es sich um Luxusmöbel. Glaubt man endlich nach langem Feilschen mit ihm handelseins zu sein, dann verlangt der gewissenhafte Zopfträger noch einen Extragulden für das Packstroh. — Trotz vieler Scherereien waren die 8 große Kisten füllenden Sammlungen endlich glücklich auf dem Postdampfer untergebracht. Leider kamen 3 davon seinerzeit in Europa nicht an und waren auch trotz aller Bemühungen nicht wieder zu erlangen.
Doch zurück nach Paloppo! Bevor ich meine große Inlandreise antrat, wollte ich noch der Königin des Luwureiches einen Besuch abstatten. Dank der freundlichen Verwendung des A.-Residenten wurde mir die erbetene Audienz sofort bewilligt. —
In Begleitung des A.-Residenten sowie der beiden Garnisonoffiziere begaben wir uns um die 4. Nachmittagsstunde zur Astana (Palast), die den Mittelpunkt eines großen, freien Wiesenplanes einnimmt. Das Haus der Datu (Königin) ist das weitaus größte und stattlichste Gebäude in Paloppo. Von der Hausbedachung hingen an jedem Dachsparren frei in Ringen schaukelnde, bemalte holzgeschnitzte Ananasfrüchte herab, das Emblem der höchsten Adelskaste, bezw. der Königswürde. Schon beim Betreten des Platzes kam uns der Opu Patúnru, der Prinzgemahl, mit seinen Ministern, dem Opu Tomarilálang, dem Opu Baliránte und dem Pabitjára entgegen, um den A.-Residenten als Vertreter der Regierung feierlich zu empfangen. Die 4 Radjas trugen als Kopfbedeckung golddurchwirkte, aus Pferdehaar gewebte luwuresische Mützen. Über den langen bis zu den Knöcheln reichenden Hosen waren die starren Prunksarongs geschlungen, die von den darunter verborgen getragenen Krisen stark aufgebauscht erschienen. Während wir die zum Hause hinanführende überdachte Freitreppe erstiegen, wurde ein oben auf kleinem Vorraum aufgestellter, prachtvoller alter Bronzegong geschlagen, und im Innern des Hauses postierte Trommler bearbeiteten, auf dem Boden hockend, mit den flachen Händen Holztrommeln, denen sie rhythmische Geräusche entlockten. Oben am Eingange empfing uns die Datu. Hinter ihr stand ihre Tochter, die Andi Luwu, die nach luwuresischem Hofceremoniell den Oberkörper nur mit einem rosaroten Schleiertüll bedeckt hatte. Beide begrüßten uns mit Händedruck, worauf der Resident die Datu an der Hand in den großen Empfangsraum zu einer mit weißen Linnen gedeckten Tafel führte, an welcher wir alle uns niederließen.
We Kambo Daëng Risómpa, die Königin von Luwu, war eine stattliche, volle Dame von mittelgroßer Figur und auffallend heller Hautfarbe, welche auf Hindublut schließen läßt, dessen sich so ziemlich alle Fürstlichkeiten Malayasiens rühmen. Die Datu war mit Sarong und dunkelblauer Samtbluse bekleidet, und ein hoher holländischer Orden schmückte ihre Brust. Die nackten Füße steckten in goldgestickten Pantöffelchen. Außer der Königin nahmen nur noch der Prinzgemahl und die Prinzessin Andi Luwu am Tische Platz. Die beiden Damen hatten zu ihren Füßen große Prunkspucknäpfe vor sich stehen, deren sie sich fleißig bedienten. Auf dem mattenbelegten Boden hinter ihnen kauerte eine anmutige Gruppe junger Mädchen, alle im Tüllschleier-Dreß. Die Adats-Mitglieder — entsprechend europäischen Minister-Chargen — umstanden das untere Tischende. Den Hintergrund füllten müßige Zuschauer und die Trommler aus.
Der Empfangssaal nahm die ganze Breite des Hauses ein. Seine Wände bestanden aus hölzernem Rahmenwerk, dessen untere Hälfte mit feinem Bambusgeflecht ausgefüllt war. Von der Mitte der Längsseite ging eine Scheidewand durch das Haus, hinter welcher sich die Wohngemächer befanden. Dem holzgetäfelten Saale diente zum größten Teile das Sparrenwerk des Daches als Decke; nur der Platz über unserem Tische war mit weißem Stoffe überspannt.
Erst nachdem wir alle Platz genommen hatten, kam es zur eigentlichen Vorstellung. Dabei wurde jedes Wort durch einen Dolmetsch aus dem Malayischen ins Luwuresische übersetzt. Ich überreichte den 3 Fürstlichkeiten je ein Schmuckstück als Geschenk. Hierauf wurden Cigaretten herumgereicht, denen auch die Datu und die Prinzessin fleißig zusprachen. Die Stimmung wurde nun angeregter, und mit Interesse hörten die hohen Herrschaften von meinen Reisezielen. Schließlich benutzte ich die Gelegenheit und wagte die Bitte zu äußern, von der Königin und ihrem Hofstaate eine photographische Aufnahme vornehmen zu dürfen. Zu meiner Freude hatte ich damit Erfolg, und zwar wurde der Zeitpunkt dafür gleich auf den nächsten Tag festgesetzt. Viel schwieriger war es schon, die Erlaubnis zum Photographieren der Reichsinsignien zu erlangen, die sehr heilig gehalten werden und nur unter Beobachtung strenger Vorschriften zur Schau gelangen können. Infolge der dankenswerten Unterstützung durch den A.-Residenten wurden aber schließlich alle Bedenken überwunden, und wir erhoben uns zur Verabschiedung. Gong und Trommeln traten abermals in Tätigkeit, und die Datu geleitete uns unter demselben Ceremoniell wie beim Empfange wieder zum Ausgang.
Am andern Tage pünktlich zur selben Stunde fand ich mich in der Astana ein, um die interessanten Persönlichkeiten im Bilde festzuhalten. Da im Hause dazu kein genügend heller Raum war, so wurden ein Teppich und Stühle auf die Wiese herausgebracht, und ich arrangierte hier eine Gruppe, wie sie Tafel VI wiedergibt. Auch mehrere darauf folgende Einzelaufnahmen verliefen glatt. Nun aber sollten die Reichsinsignien an die Reihe kommen, und damit begannen die Schwierigkeiten. Zunächst durften die Gegenstände nicht aus dem Hause gebracht werden, weil dazu die Anwesenheit von 4 speziell dafür vorgesehenen Mitgliedern des hohen Rates erforderlich gewesen wäre, von denen eines gegenwärtig verreist war. Wohl oder übel mußte ich mich also zu einer Innenaufnahme mit Blitzlicht entschließen. Nun verweigerte man wieder meinem Boy Rámang, der mir am Apparat Handreichungen leisten sollte, den Zutritt zur Astana, und es bedurfte langen Parlamentierens, ehe ich seine Zulassung erwirkte; doch mußte er sein Haupttuch ablegen. Endlich nahte der feierliche Augenblick des Hereinbringens der Reichskleinodien. Unter Gong- und Trommelschlägen trat aus einem Verschlage im Hintergrunde des Saales eine Prozession heraus, an deren Spitze die Ceremonienmeisterin, eine ehrwürdige Greisin, schritt. Hinter ihr wurden auf samtnem Kissen die hochheilig gehaltenen Insignien getragen, mit deren Besitz nach altem Adat Wohl und Wehe des Reiches auf das innigste verknüpft sein sollen. Über dem Kissen wurde ein Baldachin aus weißen Tüchern von 4 Personen getragen.
Die Kronschätze bestanden in der Hauptsache aus Waffen, — Krisen, Schwertern und einer Lanze, — die sich alle mehr durch genealogischen Wert, als durch kunstvolle Arbeit und Kostbarkeit des Materials auszeichneten. Wirklich hohen Wert dürfte unter allen Gegenständen nur eine daumenstarke, etwa 1½ m lange Kette aus reinem Celebesgolde besitzen. Unter den Waffen hat so ziemlich jedes Stück seine Legende.
Das Kissen mit den Reichskleinodien wurde nun, immer mit dem Baldachin darüber, auf den Tisch niedergelegt, und die Königin sowie die vornehmsten der Anwesenden traten heran und berührten jedes einzelne Stück mit der Hand, welche hierauf jedesmal an die Stirn geführt wurde. Ich konnte die flach liegenden Gegenstände in dieser Lage nicht photographieren. Selbst ordnen und berühren durfte ich das Kissen nicht, und die Frau Ceremonienmeisterin zeigte sich meinen Wünschen gegenüber schwerhörig. Mit Mühe und Not gelang es mir, eine Schrägstellung des Kissens durchzusetzen. Nun aber störte mich der darüber gehaltene Baldachin. Da man mir eine Entfernung desselben als ausgeschlossen bedeutete, einigten wir uns dahin, daß die 4 Baldachinträger die Tragestangen so hoch es anging zu halten hatten, und nun beeilte ich mich, zu Ende zu kommen. Trotz meiner dringenden Bitte an die Datu und ihren um den Tisch versammelten Hofstaat, nicht zu mir hinzusehen, oder doch wenigstens die Augen zu schließen, starrten alle wie hypnotisiert auf meinen Apparat. Als nun der grelle Blitz des entzündeten Magnesiums aufflammte, hörte man nur einen einzigen Aufschrei der Angst. Die Datu saß ganz kreidig in ihrem Stuhle, und die Baldachinträger hätten um ein Haar den »Himmel« fallen lassen, was gottlob die allein geistesgegenwärtige Ceremonienmeisterin rasch zu verhindern wußte. Gut nur, daß die andern Aufnahmen schon gemacht waren; denn jetzt wären meine Chancen sehr wenig aussichtsreich gewesen. Dessenungeachtet entließ mich die Datu freundlich.
Es stellte sich später heraus, daß ich doch bei weitem nicht alle Reichskleinodien zu sehen bekommen hatte. Der A.-Resident hatte deswegen die Güte, mir eine von einem früheren Civielgezaghebber, Herrn Michichon, gefertigte Photographie der gesamten Kronschätze zur Reproduktion zu überlassen. Da es sich um hochseltene ethnographische Objekte handelt, deren Geschichte weitere Kreise interessieren dürfte, so lasse ich an Stelle meiner unvollständigen Photographie dieses Bild und die aus dem Holländischen übersetzte Beschreibung dazu nachstehend folgen. Hiernach besteht der Reichsschmuck von Luwu aus folgenden Gegenständen:
1. Klewang mit goldenem Griff und goldener Scheide, genannt Bunga Waru. Er soll aus dem Himmel stammen und darf nur von der Datu getragen werden. Der Name Bunga Waru besagt soviel: als Blume von einem Warubaume.
2. Klewang, dessen Griff und Scheide mit goldenen Figuren versehen sind. Sein Name ist Ka-Karúrung. Die Klinge des Klewang wurde zur heidnischen Zeit, also vor Eindringen des Islam, in einem Arengbaume gefunden. Karúrung bedeutet Arengspan, Stück einer Arengpalme. Dieser Klewang darf nur von dem Patúnru getragen werden.
3. Klewang, dessen Griff und Scheide gleichfalls mit goldenen Figuren versehen sind. Er wird Ka-Barána genannt. Auch die Klinge dieser Waffe wurde in heidnischer Zeit in einem Baume, und zwar in einem Barána-Waringinbaume gefunden. Dieser Klewang darf nur von dem Pabitjára getragen werden.
4. Bádik, ein Dolch. Der Name besagt soviel als: durch übernatürliche Einflüsse entstanden. Derselbe ist mit Edelsteinen verziert und hat einen goldenen Griff und Scheide. Die Klinge ist mit eingelegten goldenen Figuren versehen, welche Djekko-É benannt sind. Hergestellt ist die Waffe durch den früheren Padjung (Fürsten) von Luwu, Pátta Mattinro-É ri Malángke (= der Fürst, der in Malángke gestorben ist). Djekko heißt: »nicht gerecht«. Dieser Bádik darf nur von dem Baliránte getragen werden. Die Tradition besagt, daß der Träger dieses Dolches nicht gerecht sein darf, sonst lebe er nicht lange.
5. Ein Bádik, dessen Griff mit einem goldenen Ringe versehen ist. Die Waffe stammt aus Mandjapai und wird Nene Anging genannt. Dieser Dolch darf allein von dem Kéni getragen werden.
6. Ein Klewang mit Griff und Scheide aus Holz, früherer Reichsschmuck von Séko, Hauptort des Distriktes Róngkong. Bei der Eroberung von Séko durch Lúwu erbeutet und dessen Kronschätzen eingereiht. Der Name dieser Waffe ist Lémpo batu.
7. Eine Lanze mit Elfenbeinschaft, ausgestattet mit einem goldenen Pándok. Ihr Name ist Pasorang Gigi (= Stiel, von einem Zahn gemacht). Sie ist angefertigt durch den schon erwähnten Luwufürsten Pátta Mattinro-É ri Malángke (siehe No. 4). In Wirklichkeit soll der Stiel nicht aus Elfenbein hergestellt sein, sondern aus dem Knochen eines aus dem Himmel herabgekommenen Karbau (= Büffel), genannt Labi Tómbeng. Diese Lanze darf nur der Datu vorausgetragen werden.
8., 9., 10. und 20. Krise, mit goldenen Griffen und Scheiden. Die Griffe stellen Figuren vor, wie man sie bei hindostanischen Krisen aus Bali und Lombok vielfach findet. Wahrscheinlich sind es Beutestücke früherer luwuresischer Machthaber, ohne besondere Namen.
11. Ein Klewang, früherer Reichsschmuck von Mengkóka (S. O. C.).
12. 13. und 15. Alte spanische oder holländische Schwerter und Messer.
16. Ein Fahnenknopf aus Gold, genannt Suléngha-É. Soll aus dem Himmel (Manurung) herabgekommen sein. Die Fahne selbst ist beim Brande des früheren Hauses der gegenwärtigen Datu mit verbrannt.
17. Eine goldene Kette in Daumenstärke und ungefähr 1½ m lang, genannt Simbángang-É. Nach der Überlieferung hing diese Kette vom Himmel herab, als eine der fürstlichen Wohnungen von Luwu (Langhana) erbaut wurde. Mittels dieser Kette sollen die Stützbalken dieses Hauses emporgerichtet worden sein. Bei der letzten Stütze brach dann die Kette und fiel zur Erde herab.
18. Ein Flöte von Gold in Trompetenform, ohne eigenen Namen.
19. Eine goldene Platte, um 1811 durch die englische Regierung an den Fürsten (Datu) von Sóppeng geschenkt, welcher mit der Fürstin (Pádjung) von Luwu verheiratet war. Bei seinem Ableben wurde die Platte Eigentum seiner Gattin und kam damit an Luwu.
Zu den Reichsobjekten gehören noch folgende, nicht photographierte Gegenstände:
Zwei graue Sonnenhüte, genannt To-Dúang. Sie sollen ebenfalls aus dem Himmel herabgekommen sein.
Ein Kris mit goldenem Griff und goldener Scheide, genannt Thula-É. Beute aus dem Besitz des Fürsten von Goa, als dieser durch Boni, Luwu und das Gouvernement gezüchtigt wurde. Damals war Patta Mattinro-É ri Tompotíkka (=der in Tompotíkka gestorbene Fürst) Herrscher von Luwu. Dieser Kris ist jetzt im Gebrauche des Patúnru.
Zwei Helme ohne Namenangaben, wahrscheinlich aus alter spanischer Zeit stammend. —
Paloppo, den 16. Oktober.
Der letzte Tag meines Aufenthaltes in Paloppo war herangekommen, und es hieß Abschied nehmen von dem in jeder Beziehung interessanten Orte und den hier neugewonnenen Freunden. Aus Makassar war die telegraphische Ordre eingetroffen, daß mich auf meiner diesmaligen Landesdurchquerung eine militärische Eskorte von 15 Mann, die mir von der Regierung in liberalster Weise frei zur Verfügung gestellt wurde, begleiten sollte. Für dieses überaus freundliche Entgegenkommen spreche ich dem Herrn Gouverneur, sowie dem Herrn Militärkommandanten von Makassar an dieser Stelle nochmals öffentlich meinen herzlichsten Dank aus.
Zum Beschlusse des heutigen Tages hatte mich der Herr A.-Resident zu einem Abschiedsmahl eingeladen, das uns alle, mit denen ich in Paloppo in näherer Beziehung gestanden hatte, zum letztenmale vereinte. Es verlief reizend, und ich muß gestehen, daß es mir schwer fiel, aus diesem kleinen Kreise so überaus liebenswürdiger Menschen zu scheiden, deren jeder einzelne sich bemüht hatte, mir nach Möglichkeit gefällig zu sein. Ganz besonders aber sei hier nochmals des Herrn A.-Residenten de Boer und seiner Frau Gemahlin mit herzlichstem Danke für die hervorragende Gastfreundschaft gedacht, die sie mir in ihrem Hause zuteil werden ließen.
Paloppo — Salu Tubu, den 17. Oktober.
Am nächtlichen Firmament glitzerten noch die Sterne, als mich die Stimmen der sich versammelnden Träger weckten. Hastig sprang ich auf und machte mich fertig. Alle Gepäckstücke wurden nochmals untersucht und auf ihr Gewicht hin geprüft, worauf mit der Lastenverteilung begonnen werden konnte, einer Arbeit, die stets geraume Zeit beansprucht. Ich begann meine Tour mit 16 Kulis, welche Zahl sich gegen das Ende meiner Reisen verdreifachte.
Der Abmarsch sollte um 6 Uhr morgens von der Kaserne aus stattfinden, wohin wir uns alsbald begaben. Meine militärische Begleitmannschaft unter Führung eines Sergeanten, sowie 10 Soldatenkulis warteten dort bereits. Ebenso waren die Herrn Offiziere, sowie der A.-Resident anwesend. Letzterer überreichte mir noch einen Geleitsbrief an den Tomakaka (= Fürsten) von Masamba. Nach wiederholter herzlichster Verabschiedung von ihm wurde der Befehl zum Abmarsch gegeben, und von den beiden Offizieren noch bis an die Weichbildgrenze von Paloppo begleitet, trat ich meinen Weg an. Der Traum langer Jahre begann sich mir damit in die Wirklichkeit umzusetzen.
Außerhalb der Wallgräben Paloppos kam ich an einem hochberühmten Fürstengrabe vorüber von der Form einer stumpfen Pyramide, deren Spitze von einem antiken Porzellantopf chinesischer Herkunft eigenartig bekrönt war. Auch die Moschee in Paloppo hatte einen solch merkwürdigen Kuppelabschluß. Unweit des Mausoleums lag nahe am Wege ein sauber gehaltener Kampong, dessen Bewohner aus ausgedienten timoresischen Soldaten bestanden, die sich hier neue Heimstätten gegründet hatten.
Die Witterung war vorerst bei bedecktem Himmel noch sehr angenehm und der Fußweg bei der jetzigen anhaltenden Trockenzeit in bester Verfassung. Derselbe führte zwischen den dem Meere vorgelagerten, ca. 400–500 m hohen waldlosen Bergen und der mangrovenbestandenen Küstenniederung hin. Das Talgelände war mit dichtem Busch und stellenweise mit Wollgras bestanden, dessen weiße Flocken ein anmutiges Wiesenbild vortäuschten. Selten reich war hier die Vogelwelt. Schön gefärbte Vögel huschten im Gezweig des Laubwaldes, Papageien jagten einander mit lautem Gekreisch in den Hochbäumen, Erdtauben lockten melodischen Rufes, und die nirgends fehlenden Turteltauben gurrten vertraut aus dem Geäst dicht am Wege. Aus dem Lalang heraus ertönte Wachtelschlag, und große, schwerfällige Sporenkuckucke strichen hin und wider. Von weitem herüber schallte das Gebell lärmender Affen, das ich im Toradja-Lande niemals zu hören bekommen hatte.
Gegen 8 Uhr kamen wir an den weit auseinander liegenden Hütten des luwuresischen Buschkampongs Pátu vorüber, die fern vom Wege inmitten ausgedehnter Maispflanzungen lagen. Nur die sich den Pfad entlang ziehenden Umzäunungen der Kebons verrieten die Nähe von Wohnungen. Überall, wo sich ein Seitenweg abzweigte, war eine Dämonenscheuche errichtet, die aus einem über zwei mannshohen Pflöcken schräg gelegten Blattwedel der Zuckerpalme bestand, deren Blätter allein zu diesem Zwecke Verwendung finden dürfen. An den einzelnen Blattfiedern waren weiße Hühnerfedern angebunden. Niemals fehlten ein oder zwei daneben stehende weiße Geisterfähnchen, die man an langen in den Boden gesteckten Bambusstangen befestigt hatte. — Das am meisten angebaute Feldprodukt dieses Distriktes war Mais (djagung). Dazu kamen sorgfältig gehaltene Bananenfelder (pisang), hin und wider auch Baumwollanpflanzungen (kapok), neben spärlicher vorkommenden Kokos-, Areng-, Areka- und Sagopalmen.
Nach einer kleinen halben Stunde hatten wir die Kulturen von Pátu hinter uns. Die Berge zu unserer Linken traten weiter zurück und ließen einer savannenartigen Ebene Raum. Hier fand ich an den Wegerändern eine häufig auftretende, unserem wilden Hopfen ähnliche Pflanze in Strauchform, die von meinen Leuten óra-óra genannt wurde. Die hängenden Doldenblüten derselben, die erst grün und dann gelbbraun werden, dufteten aromatisch und werden von den Luwuresen gern als Füllmaterial für ihre Schlafkissen benutzt.
Nach ungefähr 3stündigem Marsche erreichten wir in dieser Talebene einen Punkt, an dem sich die Wege teilten. Der nach links abbiegende Pfad führte nach Baram-amásse, dessen Kokoshaine den Hintergrund der Landschaft bildeten. Nach rechts führte der ziemlich gerade Weg weiter nach Masamba, meiner ersten Etappe. An dieser Gabelung des Weges fand ein Trägerwechsel statt. Ein von Paloppo vorausgesandter reitender Polizist hatte die neuen Leute aus Baram-amásse hierher bestellt. An die Stelle der islamitischen Luwuresen traten jetzt heidnische Torongkong, deren Gebiet hier beginnt. Viel Besseres hatte ich mit den frischen Trägern nicht eingetauscht. Alle die Niederung bewohnenden Eingeborenen sind schlapp, und auch die aus den Bergen in die Ebene herabgekommenen und hier angesiedelten Baram-ámasse-Torongkong, aus denen sich meine Kulis rekrutierten, waren Mischlinge, die bereits viel von ihrer ursprünglichen Kraft und Elasticität eingebüßt hatten. Das Opium, das auch bei ihnen Eingang gefunden hat, macht bereits seine verderbliche Wirkung geltend. Abgesehen vom Dialekt und der Religion, unterschieden sich die Leute kaum mehr viel von den Luwuresen. Es bedurfte stetigen Mahnens, um die Trägerkolonne beisammen zu halten, und schließlich mußte ich ein paar Soldaten an das Ende des Zuges beordern, die darüber zu wachen hatten, daß keiner der Leute zurückblieb. — Originell waren die Kopfbedeckungen der Torongkong, die aus halbierten Kürbisschalen mit einem strohgeflochtenen Randbesatze bestanden. — Im Verlaufe des Weitermarsches zeigte sich die Küste zu unserer Rechten allmählich halbkreisförmig ausgebuchtet. Welliges Hügelland baute sich vor uns auf, und das Meer, das bisher immer noch stellenweise herübergeleuchtet hatte, entschwand dem Blicke gänzlich. Ich sollte es erst wieder als Golf von Tomini, am Endpunkte meiner Durchquerung, zu Gesicht bekommen.
Was die liebe Sonne bisher versäumt hatte, bemühte sie sich mit dem Vorrücken der Tageszeit gründlich wieder nachzuholen. Stechend heiß sandte sie ihre Strahlen auf den schattenlosen Weg und die unter ihrer Glut stöhnenden Menschen herab. Wo auch nur das kleinste Rinnsal unseren Weg kreuzte, stillten meine Leute daraus ihren Durst, und wenn es die schlimmst aussehende Pfütze war. Davon machten selbst die Soldaten keine Ausnahme, die ihre Feldflaschen trotz meiner Abmahnungen ebenfalls mit bakterienverseuchtem Wasser auffüllten. Abweichend von anderweit angetroffenen Überbrückungen, waren hier sämtliche Holzstege mit durchlaufenden Bänken zum bequemen Absetzen von Traglasten versehen. Über größere Wasserläufe gab es keine Brücken; diese mußten stets durchwatet werden. Der Lamassi-Fluß gab uns zum erstenmale die nicht unerwünschte Gelegenheit, unsere heißgelaufenen Füße zu kühlen. Seinem außerordentlich breiten Geröllbett nach zu schließen, muß dieser Fluß zur Regenzeit ein gewaltiger Strom sein. Gegenwärtig betrug seine größte Tiefe kaum 1 m. Zur Mittagsstunde betraten wir auf eine kurze Strecke hin bewaldetes Gebiet. Prachtvolle Riesenbambusse beherrschten daselbst die Scenerie. Kleine Nashornvögel zogen mit hallendem Rufe über unsere Köpfe weg. Ein erfreuliches Omen; denn der Nashornvogel gilt bei allen Eingeborenen als ein Glücksvogel. Jenseits der Waldenklave gelangten wir zum Makawa-Flusse. Der Makawa mit ebenfalls enorm breitem Geröllbett hatte auch nur geringe Tiefe. An seinem Ufer hatte eine Torongkong-Familie eine Rodung angelegt, bei welcher sie in einem kleinen mit Dämonenscheuchen versehenen Hüttchen wohnte. Dies war weit und breit die einzige Ansiedlung.
Den dritten größeren Flußlauf passierten wir gegen 1 Uhr. Es war der Lino, der völlig den vorher angetroffenen Gewässern glich. Durch den breiten, von waldbedeckten Hügeln flankierten Talgrund marschierten wir noch mehrere Stunden, bis wir das von der Regierung auf einem kleinen Hügel angelegte Biwak Salu-Tubu erreicht hatten. Als in kurzen Zwischenräumen alle Nachzügler eingetroffen waren, stellte es sich heraus, daß die Torongkong-Träger keinerlei Lebensmittel mit sich führten und nun hungernd zusehen mußten, wie es sich alle anderen schmecken ließen. Die Leute hatten angenommen, sie würden in Salu-Tubu abgelohnt werden, und wären dann zum Nächtigen in ein nicht zu fernes Dorf gegangen, wo sie genügende Eßvorräte gefunden hätten. Bei der Unsicherheit jedoch, ob sich die von mir durch vorausgesandte Boten bestellten Wechselkulis auch rechtzeitig einfinden würden, durfte ich die Leute hier mitten im Busche nicht entlassen. Schließlich half ihnen mein gutherziger Boy Rámang mit Reis aus seinem eigenen mitgeführten Vorrate aus; den Betrag dafür sollte ich ihnen an ihrem Trägerlohn in Abzug bringen. Da trotzdem zu befürchten stand, daß ein Teil der Leute Reißaus nahm, ließ ich jedem den Paß abnehmen, den in Luwu jeder Eingeborene mit sich führen muß.
Salu-Tubu — Baëbuntu, den 18. Oktober.
Die neuen Träger trafen um die 4. Morgenstunde bei uns ein. Es waren diesmal 20 Leute, da sich einige meiner Gepäckstücke als Traglast für einen Mann als zu schwer erwiesen hatten. Diese wurden nun an Stangen gebunden und von je 2 Mann geschleppt. Bei der Ankunft der Kulis war es natürlich mit der Nachtruhe vorbei, und die Sache hatte nur das eine Gute, daß pünktlich um 6 Uhr die ganze Kolonne marschfertig war. Im flachen Lande hinter Salu-Tubu führte der Weg durch ausgedehnte Sümpfe, wo sich üppige Sagodickichte fanden. Das erste an diesem Morgen zu durchwatende Flüßchen war der Pónko. Ein unbedeutendes Dörfchen gleichen Namens lag nahe am Flusse. Dort lagerten größere Vorräte Rotang, die auf dem Wasser hinabgeflößt werden sollten. Der nächste zu passierende Ort hieß Pampaniki. Am Dorfeingang und -ausgang waren quer über den Weg Dämonenscheuchen zur Verhütung von Krankheitseinschleppung errichtet. Der Zauber bestand auch hier aus einem riesigen Arengblatte, an dessen einzelne Fiedern Hühnerfedern geknüpft waren, und das mehrfach bastgeflochtenen Ringkettenschmuck trug. An den Seitenpflock war ein Bambusköcher mit Tabak nebst einigen Blättern der heiligen roten Pflanze gebunden.
Ähnliche Abwehrzauber, Geister- oder Dämonenscheuchen, wie man sie nennen will, fanden sich von Pampaniki ab besonders häufig. Jeder Seitenweg und jeder Hüttenzugang war damit versehen. Nach zweistündiger Wanderung gelangten wir in ein Waldrevier mit schönem alten Baumbestand. Leider profitierten wir hiervon wenig; denn zu beiden Seiten des Weges hatte man überflüssigerweise noch je einen ca. 5 m breiten Waldstreifen gerodet. Quer über einen Höhenzug hinweg erreichten wir die Ortschaft Teruë. Auf die Kunde von meinem Eintreffen wartete bereits das gesamte Dorf unserer Ankunft. Der Vorsteher kam mir zur Begrüßung entgegen, und eine Anzahl bereit gehaltener Kokosnüsse wurden mir zur Erfrischung überreicht. Die hiesigen Torongkong, die durchgehends auffallend große geflochtene Sitzmatten trugen, machten einen bedeutend besseren Eindruck als die bisher kennen gelernten. Ihre tiefbraune Hautfarbe, wie ihre stämmigeren Gestalten und grob geschnittenen Gesichter unterschieden sich auf den ersten Blick von den hellfarbigeren und schmächtiger gebauten Luwuresen. In Teruë wurden wiederum die Kulis gewechselt, und ich benutzte die kurze Frist zum Einkauf einiger ethnographischer Gegenstände. Das Hauptdorf der Torongkong liegt im Gebirge und heißt Séko. — Auf meine Frage nach der Herkunft der erworbenen Gegenstände wurde mir stets nur Séko genannt. Diesen Objekten nach zu urteilen, müssen dort recht geschickte Silber- und Messingarbeiter ihr Gewerbe treiben. Kurz nach dem Verlassen von Teruë sprengten uns zwei Reiter entgegen. Es war der Sulewátang des Dorfes Rongkong mit einem Begleiter, der mir zum Empfang entgegengeritten kam. Beim Ansichtigwerden unseres Zuges sprangen sie sofort von den Pferden, und der Sulewátang näherte sich mir ehrerbietig, um mir eine vermutlich sehr schöne Ansprache zu halten, die ich nur leider nicht verstehen konnte. Dieser bedauerliche Umstand tat aber unserer Freundschaft weiter keinen Eintrag. Wir schüttelten einander die Hände und rauchten eine Friedenscigarette. Beim Weitermarsch ließ der Häuptling die Pferde nachführen und gab mir das Geleit bis zum Salu Rongo. Interessant war mir die Sache schon deshalb, weil sie ein Schulbeispiel dafür ist, mit welch unglaublicher Schnelligkeit sich Nachrichten auch in entlegenen Gegenden weiter verbreiten. Doch es sollte noch besser kommen. — Ungefähr eine Stunde später gelangten wir in ein Kulturgebiet größerer Ausdehnung, und hier, in der Nähe des Kampongs Buwángin war es, wo mich zu meiner nicht geringen Überraschung unter einer kleinen Feldhütte eine reguläre Torongkong-Deputation erwartete. Der Dorfhäuptling mit einem Gefährten und 5 weiblichen Vertretern aller Lebensalter von der Jungfrau bis zur Greisin war hier zu meiner Bewillkommnung erschienen. Alle prangten im Festschmuck, das schöne Geschlecht sogar mit chromgelb gepuderten Gesichtern. Zwei der Mädchen überreichten mir sauber geschälte und mit Trinköffnung versehene Kokosnüsse. Gerührt über soviel Aufmerksamkeit, ließ ich Halt machen und öffnete eines meiner Gepäckstücke, um sie alle mit Fingerringen und süßen Cakes zu beschenken. Zu meiner eigenen Erinnerung aber an das niedliche Intermezzo wurde die ganze Gesellschaft photographiert.
Abermals ging es weiter. Die Sonne stand nahezu im Zenith, als wir an einem kleinen Biwakhäuschen am schön bewaldeten Ufer des breiten und tiefen Rongoflusses anlangten. Der Platz hieß Maróbo. Das Wasser des Rongo war durchschnittlich 1½–2 m tief und nur auf einer schwer aufzufindenden Furt zu durchschreiten. Zur Regenzeit war es jedenfalls gänzlich unmöglich, den Fluß zu durchwaten, und auch jetzt recht bedenklich, da der Salu Rongo viele Krokodile beherbergen soll. Aus diesen Gründen haben sich die Eingeborenen dazu aufgeschwungen, eine einfache Rotangseilfähre zu errichten, die aber nach jedem Hochwasser erneuert werden muß. Auch bei meiner Ankunft war das Seil wieder einmal gerissen. Das Übersetzen geschah also auf die Weise, daß eine Anzahl von Torongkong-Leuten, schwimmend oder bis zum Halse watend, das Fährboot ans andere Ufer hinüberschoben. Dies mußte verschiedene Male wiederholt werden, ehe auch die Soldaten übergeführt waren. Meine Träger durchwateten den Fluß, wobei sie ihre Lasten auf den Köpfen balancierten. Ich stand dabei eine heillose Angst um mein Gepäck aus; doch kamen alle glücklich hinüber. Vor den Krokodilen suchen sich die Eingeborenen dadurch zu schützen, daß sie vor dem Betreten des Wassers mittels langer Bambusstangen darin herumstachen, und ein kräftiges Steinbombardement auf dasselbe eröffneten, um die gefährlichen Tiere zu verscheuchen. Immerhin ein recht unzuverlässiges Mittel. — Auf dem Wege nach Baëbuntu begegnete mir ein Mann aus diesem Orte, welcher mit tiefgebeugtem Kopfe so lange am Wegrande niederkniete, bis ich vorüber war. —
Nach etwa ¾ Stunden kreuzte abermals ein Flüßchen unseren Weg, der Lebunta-Fluß, welcher auf schadhaftem Knüppelsteg überschritten wurde. Unmittelbar dahinter lag der große Luwuresen-Kampong Baëbuntu.
Über diese alte bedeutende Siedelung herrschte ein Radja mit dem Titel Mákole, dem ein Kapala Kampong (Dorfvorsteher), auch Orang tuah genannt, zur Seite stand. Die durchwegs großen, hochstehenden Häuser lagen weit auseinander unter einem Haine riesenhoher Kokospalmen. Das Fremdenhaus des Ortes war sehr bescheiden. Dem Militär standen daneben errichtete Baracken zur Verfügung. Es dauerte nicht lange, so wurde mir der Besuch des Mákole gemeldet, der in Begleitung des Kapala Kampong mit größerem Gefolge erschien. Als Hoheitszeichen wurde ihm eine Prunklanze nachgetragen. Ich placierte die illustre Gesellschaft, so gut es ging, und ließ Cigaretten verteilen, die mit großer Andacht geraucht wurden. Leider sprachen der Mákole wie der Vorsteher nur Luwu und Barée. Letzteres gilt als die allgemeine Verkehrssprache von ganz Inner-Celebes. Von meinen Begleitern beherrschte es niemand, und ein Dolmetsch dafür sollte erst in Masamba beschafft werden. Die Übertragung unserer Unterhaltung aus dem Luwuresischen ins Malayische übernahmen mein Boy Rámang und der Sergeant in befriedigender Weise. Ich zeigte meinen Besuchern Abbildungen ethnographischer Gegenstände, an deren Erwerbung mir gelegen war. Sie wurden mit Ausrufen des Erstaunens besichtigt; auf meine Nachfrage aber wurde mir erwidert, daß vor Jahresfrist der ganze Kampong abgebrannt sei und es deshalb keine Gegenstände aus alter Zeit mehr in Baëbuntu gäbe. Man brachte mir nur Matten und gewöhnliche dunkelgrau glasierte Tongefäße als die einzigen Erzeugnisse hiesiger Hausindustrie. Vom Mákole erwarb ich ein altchinesisches Salbtöpfchen für ein paar Gulden.
Von meinen Soldaten lahmten heut mehrere Mann, und die nachmittägige Rast kam daher allen recht willkommen.
Baëbuntu — Masamba, den 19. Oktober.
Nach schlecht verbrachter Nacht frühzeitig auf den Beinen, fand ich es unverantwortlich, daß die neuen Träger warten ließen. Der Kapala Kampong, dessen Pflicht es gewesen wäre, für das rechtzeitige Antreten derselben zu sorgen, mußte sich vom Sergeanten eine geharnischte Rüge gefallen lassen, die aber ihren Zweck erfüllte. In der nächsten halben Stunde schon waren die Leute zur Stelle. Kurz vor meinem Aufbruch um 7 Uhr erschien noch der Mákole mit seinem Lanzenträger zur Verabschiedung.
Der bis Masamba erforderliche Marsch war als ein 2stündiger Spaziergang durch ein reiches Kulturland aufzufassen. Soweit das Auge reichte, fiel der Blick auf sorgfältig unterhaltene Sawas, nur unterbrochen von kleinen Waldparzellen mit prächtigen Sago- und Nibungpalmen, Rotangbüschen und Pandanaceen. In großer Zahl über die Reisebene hin zerstreute Hüttchen dienten den Feldeigentümern während der Erntezeit zum Aufenthalt. Sie allein brachten etwas Abwechslung in die Landschaft. Unter dem Pfahlgerüst einer dieser Hütten sah ich einen interessanten Reistrog in Kahnform, dessen eine Hälfte einen rechteckigen Ausschnitt zum Stampfen der Ähren, dessen andere dagegen runde Löcher zum Enthülsen der Körner aufwies. Ähnliche Reiströge hatte ich im Rantepáo-Distrikte bei den Toradja gefunden.
Eine bemerkenswerte Besonderheit zeigte auch eine am Wege liegende Torongkong-Behausung. Aus dem Innern derselben führten nämlich vom Feuerplatze ausgehende lange, aus Sagoholz geschnittene Abflußrinnen nach außen, die einem hier kaum vermuteten Reinlichkeitsbedürfnis dienten.
Die Gegend wurde immer üppiger. Im saftigsten Grün prangende Wiesen und Reisfelder mit kunstvollen Bewässerungsanlagen breiteten sich weithin aus. Auf den Stautümpeln trieben sich Scharen der großen australischen Wildente (Anas superciliosa) herum. Ein Wald von Kokospalmen begrenzte den Blick nach allen Seiten. Alles atmete Ordnung und Wohlhabenheit. Aus den hinter Bäumen verborgenen Dörfern erscholl taktmäßiges Reisstampfen. Diese gesegneten Gefilde gehörten bereits zum Fürstentum Masamba, einer der reichsten Reisprovinzen des Luwureiches. Der von meinen Leuten mit lautem Jubel und übermütigem Freudengejauchze begrüßte Hauptort Masamba lag vor uns auf etwas höherem Terrain, und nur der breite, jetzt halb ausgetrocknete Salu Kúlang, auch Masamba-Fluß genannt, trennte uns noch davon.
Masamba hat eine luwuresisch-islamitische Bevölkerung, deren Oberhaupt ein »Tomakaka« titulierter Radja ist. Zur Zeit meines Dortseins zählte die Ortschaft mehr als 180 Häuser mit rund 800 Einwohnern. Ein abgegrenztes Stück Land an der Dorflisière war für Biwakzwecke des Militärs, nebst separiertem Fremdenhause reserviert. Dorthin begaben wir uns sofort.
Der Tomakaka, ein würdiger und sympathischer, ordenbesternter alter Herr, harrte daselbst bereits zu meiner Begrüßung. Vor meinen Augen ließ er das winzige Fremdenhäuschen, das ich bewohnen sollte, mit Zweigen rein fegen und aus seinem eigenen Hause zu meiner Bequemlichkeit einen Tisch und 2 Schaukelstühle herbeischaffen. Mehrere riesige Trinknüsse waren für mich bereitgestellt. Gleich nach dem Empfange zog sich der Tomakaka zurück, um mir Zeit zu einem Bade und zum Kleiderwechsel zu lassen. Ich war damit kaum fertig, als er abermals erschien, jetzt mit großem Gefolge zur offiziellen Bitjara (Besprechung), wobei er mir als Gastgeschenk ein Huhn und einen Korb Reis mit 7 darin liegenden Eiern überreichen ließ. — Ich händigte ihm jetzt den Brief des A.-Residenten ein, worauf er mir versicherte, alles tun zu wollen, was in seiner Macht stehe, um meine Weiterreise zu fördern. Das Schwierigste hierbei war, wie sich herausstellte, den unerläßlichen Dolmetsch zu finden, der neben Malayisch und Barée auch möglichst noch die Idiome der Inlandstämme beherrschte. In Paloppo war es unmöglich gewesen, einen so sprachgewandten Menschen aufzutreiben, und in Masamba schien es die gleichen Schwierigkeiten zu machen. Im Laufe der Verhandlungen wurde festgestellt, daß einzig und allein der jüngste Sohn des Tomakaka über die erforderlichen Sprachkenntnisse verfüge. Der 15–16jährige Prinz zeigte sich aber durchaus nicht entzückt von der Aussicht, in meiner Begleitung die beschwerlichen Märsche über das Gebirge machen zu sollen, und zog sich schmollend zurück. Diese Angelegenheit blieb also einstweilen unerledigt. Nun legte ich auch dem Tomakaka meine Photographiensammlung vor. Als sich darunter eine Abbildung der in Masamba gebräuchlichen Reismörser in Form von Riesenbechern befand, klatschte er vor Vergnügen in die Hände und rief seine Begleiter herbei, die sich das Bild ebenfalls ansehen mußten. Unmittelbar darauf gab der Fürst einigen seiner Leute einen Befehl, und wenige Minuten später brachten diese ein solches Mörserungetüm angeschleppt, das mir der Fürst als Geschenk zur Verfügung stellte. Ein derartiges Souvenir, das allein 3 Kulis zur Fortschaffung nötig gemacht hätte, war durchaus nicht nach meinem Sinn. Um dies aber dem Tomakaka erklärlich zu machen, ohne ihn zu kränken, hieß es eine gewichtige Menge von Gründen ins Treffen zu führen, und ich atmete erleichtert auf, als es mir endlich gelungen war, ihm diese plausibel zu machen, und der verschmähte Reismörser wieder fortgeschafft wurde. An Stelle desselben erbat ich mir einen der klingenden Stampfkolben, und dieser Wunsch wurde mir augenblicklich erfüllt. In die dicken Enden dieses eigenartigen Gerätes waren schmale rechteckige Rillen geschnitten, die lose Holzklötzchen enthielten. Beim Stampfen fliegen diese in den Hohlräumen auf und nieder, wodurch ein tönendes Geräusch entsteht, und wenn mehrere Frauen gleichzeitig stampfen, vereinen sich die Töne zu Harmonien, die weithin zu hören sind und Unterhaltung bei der Arbeit gewähren. Derart konstruierte Klöppel fand ich nur im Masamba-Gebiet. Das mir überlassene Exemplar zeigte leichte Ansätze von Schnitzarbeit.
Nach längerem Verweilen verabschiedete sich der Fürst in bester Stimmung. Für den Nachmittag hatte ich ihm meinen Gegenbesuch vorgeschlagen und gebeten, einige photographische Aufnahmen von ihm machen zu dürfen. Dies schmeichelte ihm augenscheinlich; denn er sagte sofort zu und erkundigte sich sehr eingehend, ob die Bilder dann auch in ein Buch kämen und dieses auch von den »weißen Radjas« durchgesehen würde.
Begleitet von meinen Apparatträgern, begab ich mich gegen 3 Uhr nachmittags zum Hause des Tomakaka. Auf dem Wege dahin bekam ich einen größeren Teil des Hauptkampongs zu sehen und war überrascht von der Ansehnlichkeit der Häuser und der Sauberkeit und dem Wohlstand, die überall zutage traten. In den meisten Fällen bewohnten mehrere verwandte Familien ein Haus gemeinsam. In unmittelbarer Nähe der Wohngebäude standen die dazu gehörigen Reisspeicher, deren gefällig aussehende Aufbauten auf hölzernen Säulen ruhten. Die einzelnen Gehöfte waren durch Fruchtgärten getrennt und lagen so weit auseinander, daß es mir unmöglich war, eine übersichtliche Dorfaufnahme auf die Platte zu bekommen. Viele der Wohnhäuser waren im Schatten wundervoller alter Waringinbäume erbaut. Die Obstgärten waren zum Schutze gegen Büffel und Ziegen mit soliden Umzäunungen versehen. Mangos, Mangustinen, Pisangs, Djeruk assam und Djeruk manis (unseren Zitronen und Orangen zu vergleichen) waren die vorherrschenden Fruchtsorten.
Das Haus des Fürsten stand auf dem großen freien Dorfplatze, auf welchem die Beratungen, Dorffeste und Spiele abgehalten werden. Es war das größte Gebäude des Dorfes, und zierlich bemalte, vergitterte Fenster, hübsch bemusterte Flechtwände der Vorderfront des Hauses sowie ein Treppenvorbau zeichneten dasselbe vor allen andern aus.
In Anlehnung an die weiter im Innern, in Leboni, Rampi usw. allgemeine Sitte, unter den Häusern sowie unter den Aufbauten der Reisspeicher noch eine zweite Plattform zu errichten, welche den Frauen und Kindern tagsüber als bevorzugter Aufenthaltsort dient und beliebte Plauderwinkel bietet, pflegen auch die Orang Masamba ihre Häuser mit solchen Veranden auszustatten. Auf diesen haben die Frauen ihre Webstühle aufgestellt, während der niedere Raum darunter als Depot für Ackergeräte, Brennholz usw. benutzt wird. Die Stützpfeiler des Hauses ruhten auf großen Steinplatten. Neben dem Treppenvorbau flatterte ein an hoher Stange befestigtes windbewegtes Geisterfähnchen zur Verhütung einer Einschleppung von Krankheiten.
Der Wiesenplan vor dem Hause war bei meinem Kommen von einer hundertköpfigen Menge besetzt, die sich versammelt hatte, um dem Photographiertwerden ihres Oberhauptes beizuwohnen. Der Fürst mit seiner gesamten Familie, der Fürstin, 2 Söhnen, einer Tochter und dem Schwiegersohne, erwartete mich im Freien. Der Tomakaka hatte Gala angelegt: den starren Prunksarong, goldbestickte Jacke und golddurchwirkte Mütze. Seine Söhne und der Schwiegersohn trugen die »tjelana« genannten kurzen Hosen und um den Leib den schärpenartig getragenen »lambung«, das Hüftentuch. Als Kopfbedeckung benutzten sie Haupttücher, die derart geschlungen waren, daß ein Tuchende flügelartig hochstand. Fürstin und Tochter trugen gleichfalls ölgetränkte steife Sarongs. Ihre Oberkörper umhüllten rosa Tülltücher. In den Ohren trugen beide Frauen lang herabhängendes Goldgeschmeide, an den Fingern dicke Ringe. Das Merkwürdigste aber waren ihre phantastischen, mit Rubinen besetzten Armreife. Wie fast in allen Fällen bei derartigen Schmuckstücken handelte es sich auch hierbei um eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. In massivem Golde hätten diese Armreife einen ungeheuren Wert besessen; in Wirklichkeit bestand der dicke Kern aus Dammar, und der Goldbelag war dünn wie Papier. Dessenungeachtet waren es ethnographisch sehr interessante Stücke, schon deswegen, weil diese Form nur von der Fürstenfamilie getragen werden darf und außer in Masamba wohl kaum mehr zu finden sein wird. Daß die Armbänder mehrfach gebrochen und mittels ordinären roten Bindfadens notdürftig zusammengehalten wurden, schien dem Erbschmuck in den Augen der glücklichen Besitzer, wie der bewundernden Untertanen keinerlei Abbruch zu tun.
Die Fürstin war »Herr im Hause«. Selbst die geringfügigsten Angelegenheiten wurden ihrer Begutachtung unterbreitet. Wollte ich von dem Herrn Gemahl irgend ein Objekt erwerben, so bekam ich unfehlbar zur Antwort: »Gern, wenn es die Fürstin erlaubt!« — eine bei Mohammedanern ziemlich seltene Ausnahme von der Regel, daß die Frauen auf die Entschließungen der Männer keinerlei Einfluß ausüben.
Daß sich die Tomakaka-Familie so willfährig zeigte, sich photographieren zu lassen, war mir natürlich sehr angenehm, und ich nutzte die Gelegenheit reichlich aus. Später besichtigte ich das Innere des Hauses, dessen vorderes Drittel von den dahinterliegenden Familienräumen durch ein quergespanntes Tuch abgetrennt war. In jenem gab es nichts zu sehen, und diese blieben mir verschlossen. Als einziges Beutestück nahm ich einen artig geschnitzten Schemel mit, der mir auf meine Bitte tauschweise überlassen wurde. Auch einen kompletten Webstuhl konnte ich von der Fürstin auf gleiche Weise erwerben. Bezüglich meiner Weiterreise teilte mir der Tomakaka mit, daß er sich entschlossen hätte, mir den jungen Prinzen als Dolmetsch mitzugeben (auf dem Gruppenbilde links stehend). Da jedoch die Vorbereitungen zur Abreise desselben nicht so schnell getroffen werden könnten, würde unser Aufbruch sich um 2 Tage verzögern. Ich gab mich um so lieber damit zufrieden, als am kommenden Tage im Dorfe große Hahnenkampfspiele stattfinden sollten.
Am Abend genoß ich in Muße die herrliche Aussicht auf den Kúlang-Fluß mit dem lebhaften Treiben der aus allen umliegenden Kampongs zum Baden gekommenen Dorfbewohner. Nach Einbruch der Dunkelheit jedoch verleideten mir Schwärme kleiner geflügelter Ameisen, übelriechender Blattwanzen und bösartiger Moskitos den Aufenthalt im Freien. Aber auch um meine Lampe schwirrten Wolken dieser Plagegeister, so daß ich den aussichtslosen Kampf aufgab und mich unter mein Mückennetz flüchtete.
Masamba, den 20. Oktober.
Am frühen Morgen leichter Regenfall. Mit dem Höhersteigen der Sonne wurde das Wetter klar, und bald stieg die Temperatur auf die in Masamba übliche Backofenhitze. Für meine Soldaten war heut ein doppelter Festtag; sie brauchten nicht zu marschieren, und im Dorfe war ein Büffel geschlachtet worden, von dem große Fleischquantitäten zu ihnen hinüber gewandert waren. Zu alledem brachten einige Torongkongleute noch ein fettes Schwein an, das ich kaufte und ihnen überließ. Der Tomakaka schickte mir abermals ein Huhn, sowie eine Lanze und eine Anzahl Fuja-Gegenstände aus Leboni. Als Gegengeschenk für ihn und Familie sandte ich ihm eine Auswahl aus meinen mitgebrachten Tauschartikeln. Bald darauf kam er selbst, um sich zu bedanken, und nun sprach ich den Wunsch aus, eines der gestern gesehenen Armbänder zu kaufen. Er schickte sofort zur Fürstin, ob sie damit einverstanden wäre. Die spekulative Dame forderte schlankweg 150 Gulden für das schlechteste, schwer beschädigte Stück. Ich zählte dem alten Herrn die Hälfte dieses Betrages in blanken Silberdollars auf den Tisch, und wahrlich, es war ihm anzusehen, wie gern er zugegriffen hätte. Aber Madame Tomakaka ließ nicht handeln, und so wurde nichts aus dem Geschäft. — Für den nächsten Tag wurde der Aufbruch nach Leboni fest beschlossen, und der Tomakaka versprach mir, für die notwendigen Träger rechtzeitig zu sorgen.