Nun endlich glaubte auch ich, mich der wohlverdienten Ruhe erfreuen zu dürfen; aber wieder sollte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Puang Marámba, der Fürst von Rantepáo, erwies uns mit Gefolge die Ehre seiner Aufwartung. Da mußte Herr Hauptmann K. helfend einspringen, damit ich wenigstens das mir eben aufgetragene Souper in Gestalt eines gebratenen Hühnchens, mit einiger Ruhe verzehren konnte. In liebenswürdiger Weise übernahm er die Pflichten des Wirtes, und als ich mich nach kurzer Weile zu ihm gesellte, hieß es, den hohen Gästen wieder einmal alle Tauschobjekte auskramen. Puang Marámba war ein untersetzter Herr von recht pfiffigem Aussehen. In der Tat sollte er ein sehr gewiegter und reicher Produktenhändler sein. Kostümiert wirkte er ähnlich wie sein Kollege von Makále. Auch seine Staatsjacke schmückten mehrere Reihen sternförmiger Messingnägel, von denen der auf seiner Brust prangende Oranje-Orden seltsam abstach. Ich hatte ihm erlaubt, sich eines der gezeigten Schmuckstücke als Andenken auszusuchen; aber die Wahl wurde ihm schwer. Immer und immer wieder wanderten die vorgezeigten Ketten und Armbänder von einer Hand in die andere, und ich wünschte die ganze Gesellschaft sehnsüchtig — zu ihren Penaten zurück. Erst zu später Stunde wurde der Wunsch Erfüllung. Mit der erkorenen Uhrkette und dem unaufgefordert gegebenen Versprechen, morgen vor unserem Abmarsche nochmals zu kommen, um mir ein Gegengeschenk zu überreichen, verabschiedete sich der Besuch, und wir waren — endlich allein!
Zu müde zum Auskleiden, fiel ich so, wie ich war, auf das Bett, unbekümmert um die greuliche Unordnung in allen geöffneten und durchwühlten Koffern. Meine Seele weilte schon im Traumlande, als ich im Halbschlafe gellende Rufe durch die Nacht schallen hörte. Es waren Boten Marámbas, die Rantepáo durcheilten, um die für Tagesanbruch nötigen Kulis zusammenzuholen.
Rantepáo — Salulimbung, den 8. Oktober.
Beim ersten Tagesgrauen war ich wieder an der Arbeit, Ordnung in das Gepäck-Chaos zu bringen. Um 6 Uhr marschierten unsere Soldaten im voraus ab, während Hauptmann K. und ich des angekündigten Morgenbesuches Puang Marámbas warteten, der gegen ½7 Uhr auch wirklich erschien. Er ließ mir vorweg durch einen Mann seiner Begleitung eine feierlich vorangetragene, aber leider gewöhnliche Lanze, sowie ein Stück Büffelleder als Geschenk überreichen, von dem er behauptete, daß es ein Schild sei. Ich war ihm dankbar für seinen guten Willen, bat ihn aber, statt dessen sich von mir photographieren zu lassen. Auf Basis dieses Vorschlags einigten wir uns denn auch (s. Abbildg. 163). Nach Verabschiedung von dem Fürsten verließen wir den Pasangrahan und Rantepáo viel früher, als dies in unserer ursprünglichen Absicht gelegen hatte.
In aller Kürze sei hier noch das Wenige, was ich über Rantepáo zu sagen vermag, mitgeteilt. Im allgemeinen ist es eine ziemlich getreue Kopie der Station Makále, in vielleicht doppeltem Maßstabe. Hier wie dort fungierte ein Hauptmann gleichzeitig als Verwaltungsbeamter. Der Herr »Civielgezaghebber« von Rantepáo war zur Zeit unserer Ankunft abwesend. Das ständig daselbst garnisonierende Militär-Detachement war bedeutend stärker als das von Makále, die Militärstation auch räumlich viel ausgedehnter und sehr hübsch angelegt. Nicht wenig trug die ungleich romantischere Lage zur Schönheit des Ortes bei. Da Rantepáo Handelscentrum ist, hat sich hier auch bereits eine Anzahl fremder Händler niedergelassen, die gut ausgestattete Kaufläden unterhalten, und von denen speziell die Buginesen zum Teil recht ansehnliche, schmucke Häuser bewohnen.
Die gesundheitlichen Verhältnisse sollen in dem 784 m hoch gelegenen Rantepáo-Tale nicht besonders gut sein, da über dem von Bergen eingeschlossenen Becken gewöhnlich eine brütende Hitze lagert und die unabsehbaren Reissümpfe das Auftreten der Malaria begünstigen.
Über die mir nur bis Kambútu neuen Wege, die wir auf dem Rückmarsche von Rantepáo aus zu begehen hatten, ist relativ wenig zu berichten. Fürs erste kamen wir durch stark bevölkerte, fruchtbare und gut kultivierte Landstriche. Allmählich verengten sich die Täler zwischen den sich nähernden Gebirgszügen und führten launenhaft gewunden dazwischen hin, bis wir am Ende des Baubúntu-Tales schließlich das Maróngka-Gebirge vor uns aufsteigen sahen. Unterwegs war mir nur eine epiphytische Pflanze aufgefallen, deren Gerank einzelne Bäume förmlich umspann, und deren süß duftende, weiße Blumenbündel denselben den Anblick von Blütenbäumen verliehen. Ein hier zu Lande recht seltenes Bild.
Neu war mir desgleichen die hier geübte absonderliche Methode des Fanges kleiner, die Reissümpfe bewohnender Aale. Splitternackte Jungen stapften, mit reusenähnlichen Geflechten (salánka) ausgerüstet, im Moraste herum und stießen die am Ende mit vorstehenden Dornen versehenen Körbe möglichst tief in den Schlamm. Nun fühlten sie, von oben durch den Korb hinablangend, mit den Händen im Boden herum, ob sich etwa Fische darin eingewühlt hatten, die dann leicht zu greifen waren.
Viel Ärger bereiteten mir die Rantepáo-Träger. Sie erwiesen sich als viel weichlicher und lässiger als die Gebirgs-Toradja, und da sie immer wieder zurückblieben, bedurfte es fortwährenden Antreibens, um sie nicht ganz aus dem Gesicht zu verlieren. Da mir das Militär und auch der demselben nachgeeilte Herr Hauptmann K. weit voraus waren, lag immerhin die Gefahr vor, daß einige der Kulis das Gepäck einfach im Stiche ließen und entwischten. Um dies zu verhindern, blieb ich stets in der Nähe der Leute, während mein Boy den Beschluß der lang auseinandergezogenen Reihe zu bilden hatte.
Gegen Mittag beim Kampong Káta im Baubúntu-Tale angelangt, begannen wir auf guter Straße mit dem Anstiege zum vorgelagerten, etwa 1200 m hohen Gunung-Konghang. An gewissen Wegebiegungen trug uns der schwache Luftzug einen entsetzlichen Geruch zu, so daß ich kaum Atem zu holen wagte. Wie mir meine Begleiter erzählten und ich mich später selbst überzeugte, rührte dieser Leichengeruch von einem abseits im buschigen Gelände auf einem Hügel errichteten Begräbnisplatze her, wo unter einem rings offenen Häuschen eine Leiche im hölzernen Sarge über der Erde beigesetzt war. Es sei dies die im Baubúntu-Tale übliche Bestattungsweise, wurde mir gesagt, da der Regierungsvertreter von Rantepáo das Aufbahren von Leichen in den Wohnhäusern, wie es dem alten Adat entspräche und in anderen Distrikten noch üblich ist, streng verboten hätte.
Auf dem Wege zur Gipfelhöhe des Konghang begegneten uns mehrfach Tal-Toradja mit schweren Brennholzlasten. So herrlich weit hat es die Bevölkerung also dank ihrer wahnsinnigen Waldverwüstung schon gebracht, daß sie aus beträchtlichen Entfernungen ihr Feuerholz heranholen müssen, und doch scheinen sie dadurch nicht klüger geworden zu sein; denn nach welcher Himmelsrichtung sich im Toradjalande der Blick auch wendet, stets verkünden irgendwo aufsteigende Rauchsäulen die Vernichtung auch der letzten kümmerlichen Waldreste. Als Grund, warum selbst abseits in Schluchten liegende Waldparzellen, welche dem Feldbau in keiner Weise hinderlich sind, ausgerottet werden, wurde mir angegeben, daß sich dahin die den Kulturen schädlichen Wildschweine zurückzögen, — eine wenig stichhaltige Ausrede, da es in den entwaldeten Lalang-Wüsten mindestens ebensoviele Wildschweine gibt als in Waldgebieten.
Nach dem Erreichen der völlig kahlen Höhen des Maróngka-Gebirges zog sich der Fußpfad stundenlang an den Lehnen desselben hin. Wohl reichlich 700–800 m unter uns sahen wir den Salu Limbung heraufglänzen. Die grasreichen Steilgehänge mit ihrer narbigen Oberfläche erinnerten mich stark an Schweizer Almen, — und die sparsam verteilten, kleinen Wohnhütten der hier lebenden Toradja-Familien vervollständigten dieses Bild.
Um die dritte Nachmittagsstunde betraten wir Kambútu zum zweiten Male. Auf dem mir schon bekanntem Wege ging es von hier aus hinab zum Salu Limbung, dessen heut lehmfarbenes, trübes Wasser auf schwere Regengüsse in seinem Oberlaufe schließen ließ. Um ½6 Uhr kam ich als erster im Kampong Limbung an. Herr Hauptmann K., meines verzögerten Ausbleibens wegen schon besorgt geworden, war mir eine Strecke weit entgegengegangen. Ich erzählte ihm von den Schwierigkeiten, die mir die Rantepáo-Träger verursacht hatten, denen ich erst von Kambútu an vorausgeeilt war, und die es dennoch fertig brachten, um mehr als eine Stunde verspätet in Limbung einzutreffen.
Der letzte Abend unseres gemeinsamen Zusammenseins im Kamp wurde von uns beiden Europäern mit einer sorgsam aufgesparten Flasche Heidsick gebührend gefeiert.
Salulimbung — Paloppo, den 9. Oktober.
Um 5 Uhr morgens marschierte Herr Hauptmann K. mit dem Militär ab, um so frühzeitig als möglich Paloppo zu erreichen. Ich hatte es nicht so eilig und ließ mir vor meinem Aufbruche erst noch den Dorfhäuptling rufen, um von demselben einige schon früher bei ihm bewunderte Schmucksachen zu erwerben. Um 7 Uhr sagte auch ich dem Orte Adieu und diesmal wohl für immer.
Ohne Aufenthalt legten wir die Strecke über das Gebirge bis zum jenseits gelegenen Salu Pengiu-Tale zurück. Hier lagerte eine kleine Gesellschaft von Toradja-Männern und -Frauen, die nach Paloppo zu Markte wollten, und die mir ein willkommenes Aufnahme-Objekt boten (s. Fig. 4). — Nach kurzem Verweilen ging es weiter den Balúbu hinan. Anschließend folgte die Wanderung durch den herrlichen Urwald desselben, bis um die Mittagsstunde das Gebirge endgültig hinter uns lag und das liebliche Latúpa-Tal uns aufnahm. Bei fürchterlicher Hitze wurde die letzte Wegestrecke über die Ebene nach Paloppo zurückgelegt, und kurz nach zwei Uhr bezog ich, zwar stark übermüdet, sonst aber heil und gesund, wieder mein früheres Quartier im Pasangrahan der Luwuresidenz.
In einer verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit hatte ich eine an Eindrücken und wissenschaftlichen Ergebnissen überaus reiche Rundreise durch die Toradja-Lande zurückgelegt und dabei die wichtigsten Punkte derselben kennen gelernt. Meine Sympathien für das immer lustige und sorglose Toradja-Völkchen hatten sich vertieft, und ich zähle die unter ihnen verlebten Tage zu den erinnerungsreichsten meiner Reisen in Central-Celebes.
Was die so häufig gehörte generelle Bezeichnung »Toradja« für alle Stämme der centralen Inselteile betrifft, so halte ich eine so verallgemeinernde Benennung für irreführend. Dieser Name gebührt einzig und allein den Stämmen, welche die im Osten von Luwu, im Süden von Boni und Enrekang, im Westen von Mándar und im Norden von Mamúdju und Róngkong umschlossenen Gebirge und Landstriche bewohnen.
Zum Schlusse dieses Reiseabschnittes ist es mir noch eine liebe Pflicht, der mir so überaus wertvollen Unterstützung meiner Forschungen und Sammeltätigkeit durch Herrn Hauptmann Knegtmans rühmlichst zu gedenken, dessen genaue Landes- und Sprachkenntnis mir von hohem Nutzen war.