Auf dem vom Bambusgebüsch umfriedeten Festplatz waren in rechteckiger Anordnung 3 Reihen kleiner Ataphütten errichtet. Von der offenen Seite des Rechteckes aus betrachtet, war der Tote auf der linken Seite, in einem die nebenstehenden Hütten überragenden Aufbau mit geschweiftem Giebel aufgebahrt. Der prächtig mit Decken geschmückte Sarg stand vorn frei auf einer Plattform. In dem dahinterliegenden Raume kauerten die erwachsenen weiblichen Familienangehörigen und Kinder, die bis zum Ende der Feierlichkeiten hier auszuharren hatten. Die dem Kindesalter entwachsenen männlichen Familienangehörigen hatten ihren Platz in dem offenen Raume darunter, die entfernteren Anverwandten und besten Freunde des Verstorbenen sowie der Paríngin in den daneben befindlichen Hütten. Auf dem Boden unter dem Sarge war der Tau-Tau aufgestellt. Die Puppe war mit schönen bunten Gewändern bekleidet und mit dem Tóra-Tóra, einer ausschließlich für diesen Zweck bestimmten Halskette aus Krokodilzähnen geschmückt. Krokodilzähne, denen besondere geheime Kräfte zugeschrieben werden, stellen hier im gebirgigen Landesinnern einen kostbaren Besitz vor und werden daher vielfach durch hölzerne Imitationen oder durch große Eberzähne ersetzt. Vor der Totenwache waren Schild und Lanze, sowie zwei Ehrenschirme aufgestellt. Auch der Platz des Paríngin war durch einen solchen Schirm ausgezeichnet. Vor dem Tau-Tau hingen an einer Leine die Gewänder des Toten. Die Hütten der gegenüberliegenden Seite waren mit der Schar der sonstigen Festteilnehmer erdrückend gefüllt, und auch auf dem Wiesenplane davor hatten sich beide Geschlechter bunt durcheinander in zwanglosen Gruppen gelagert. Die verbindende Hüttenreihe im Hintergrunde war den Fleischzerteilern vorbehalten, die dort ihres Amtes walteten. Die linke Hauptfront entlang, ungefähr 4 m von den Hütten entfernt, hatte man in Manneshöhe eine Schnur gezogen, an der in Abständen von je 1 m Bündel aus Bambusrohr hingen. Über den Zweck dieser Abgrenzung konnte ich nichts Zuverlässiges erfahren. Unmittelbar dahinter waren die Opferbüffel in regelmäßigen Abständen von einander an starken mit Kokoswedeln geschmückten Pfählen festgebunden. Die Mitte des Festplatzes endlich nahm ein 4–5 m hohes Gerüst aus starken Baumpfählen ein, das eine für 5–6 Menschen berechnete Plattform trug, deren Zweck ich im folgenden erläutern werde.
Der Tote, zu dessen letzter Ehrung dieses Fest veranstaltet wurde, war länger als 6 Monate in seinem Hause aufgebahrt gewesen, bis die Mittel zur Leichenfeier zusammengebracht waren. Das Fest kostete 8 Büffeln, einer großen Anzahl von Schweinen und einer ungezählten Menge von Hühnern das Leben. Es ist hier alter Brauch, daß bei solchen Anlässen der Paríngin einen halberwachsenen Büffel beisteuert. Die Kinder des Toten spenden je einen halberwachsenen, die anderen Familienangehörigen zusammen 3 voll erwachsene Büffel, ungerechnet die enormen Quantitäten Reis, Gebäck, Kaffee und Bálok (Areng-Palmwein), die von der Familie zur Bewirtung der Festteilnehmer aufgebracht werden müssen. Dagegen steuern auch diese reichlich bei, indem jeder nach seinen Verhältnissen entweder ein Schwein oder Geflügel, wohl auch Palmwein als Festgabe mitbringt. Alle kleineren Opfertiere werden von den Spendern selbst geschlachtet, wogegen die Tötung der Büffel nach einem besonderen Ritus erfolgt. Hier sei eingefügt, daß die Toradja zu solchen Opferfesten stets schwarze Büffel auswählen. Weiße oder gescheckte Büffel gelten bei ihnen als hochgeschätzte Seltenheiten. Dagegen werden in anderen Teilen von Central-Celebes, z. B. in Masamba, so gefärbte Tiere verachtet; ja man geht dort so weit, das Fleisch derselben für gesundheitsschädlich anzusehen. In der Landschaft Leboni wieder wählt man nur weiße Büffel als Opfertiere aus.
In Tóndong nun waren die Büffel mittels unzerreißbarer Rotanghalsringe derart an den Pfählen befestigt, daß sie sich frei im Kreise zu bewegen vermochten. Bei unserem Eintreffen auf dem Festplatze waren von den 8 Opferbüffeln bereits 7 getötet worden. Der 8. und letzte sollte eben dasselbe Schicksal erleiden. Mit vor Aufregung weit geblähten Nüstern und vor Entsetzen zitternd, hatte das arme Tier der Abschlachtung seiner Schicksalsgenossen zusehen müssen. Vor seinen Augen wurden die abgehäuteten Körper zerteilt, und ein abscheulicher Blutgeruch erfüllte den Platz. Die Häute lagen zum Trocknen ausgespannt auf dem Wiesengrunde des freien Mittelraumes.
Das Töten der Büffel geschieht bei den Toradja mittels einer starken breitklingigen Lanze, die ausschließlich zu diesem Zwecke benutzt wird. Zum Büffeltöter auserwählt zu werden, gilt als eine Ehre, die immer dem stärksten Manne des Dorfes zuteil wird. Das Zeichen zum Beginne gibt der Paríngin mit den Worten: »rók tedóng!« (= töte den Büffel), worauf sich der hierzu bestimmte Mann dem in Todesangst seinen Pfahl umkreisenden und dumpf brüllenden Schlachtopfer von hinten nähert, um es mit einem einzigen sicheren Lanzenstoß ins Herz zur Strecke zu bringen. — Wie oft aber trifft dieser Stoß nicht sofort die richtige Stelle, und dann beginnt ein entsetzliches Schauspiel, dem die Nerven eines Europäers kaum gewachsen sein dürften, während selbst die jüngsten Toradja-Frauen und Kinder den Zuckungen des vor Schmerzen sich am Boden windenden und wild um sich schlagenden Tieres scherzend und lachend zuzusehen vermögen. Und doch ist diese Art des Tötens noch human gegenüber der geradezu gräßlichen Abschlachtung mittels absichtlich schwach geführter Schwerthiebe, wie ich sie später in Leboni miterleben sollte. — Bemerkt sei hier noch, daß bei Begräbnisfeierlichkeiten für fürstliche Personen die Schlachtbüffel mit Blumen geschmückt und die Hörner derselben gelb gefärbt werden.
Der in Tóndong als Büffeltöter fungierende, herkulisch gebaute Toradja machte seine Sache sehr gut, und das letzte der 8 Opfer stürzte lautlos, wie vom Blitze getroffen zu Boden. Erregtes Beifallsgemurmel belohnte seinen sicheren Blick und seinen starken Arm. Der getötete Büffel wurde sofort abgehäutet und die Haut gleich den anderen auf dem Rasen zum Trocknen ausgespannt. Den Körper schleifte man zu den Fleischzerteilern. Die sich dort abspielenden Vorgänge waren überaus widerwärtig. Die Leute wateten förmlich im Blute und waren über und über mit Blut besudelt. Dieser abstoßende Anblick wurde noch besonders durch eine Anzahl halbwüchsiger Knaben verstärkt, die, vor Lust kreischend, damit beschäftigt waren, das Blut des getöteten Tieres aus der aufgeschlitzten Leibeshöhle mit den Händen auszuschöpfen und gleich den Gedärmen und kleineren Abfallbrocken in Bambusbehälter zu sammeln. Die Fleischmasse der Büffel wurde geviertelt, die von Schweinen halbiert, um auf die bereits erwähnte Mitteltribüne geschafft und von den dort postierten Männern in Portionen zerkleinert zu werden, wie sie zur Verteilung an das Volk gelangten. Die Austeilung geschah auf folgende Weise. Einer der 4 oben befindlichen Leute, der Sprecher, trat vor und rief mit laut schallender Stimme einen der Festteilnehmer beim Namen auf, dem er nach erfolgter Antwort die ihm zugedachte Ration vor die Füße schleuderte. Der den Wurf begleitende Zuruf lautete stereotyp: »Dies dem Paríngin Tandebúa! Dies dem A! Dies dem B!« usw. Stets beginnt man dabei mit dem Fürsten. Ist die Verteilung zu Ende, und hat jeder Festteilnehmer seine Portion erhalten und sorgfältig in grüne Blätter gewickelt oder in Bambusköchern zur Mitnahme untergebracht, so hebt auf dem Festplatze ein großes Kochen und Schmausen an. Die Weiber delektieren sich am Kaffee; bei den Männern kreist die Bálok-Kanne. Kartenspiel und Hahnenkämpfe kürzen die Zeit, und lauter Festjubel erfüllt den Platz, von dem nur die in dem Raume hinter dem Sarge als stumme Teilnehmer untergebrachten Familienangehörigen ausgeschlossen sind.
Die Empfindungen, die uns unbeteiligten Gäste bei dieser seiner ernsten Tendenz hohnsprechenden Totenfeier überkamen, waren nichts weniger als angenehm. Man denke sich nur in die geradezu abenteuerliche Situation hinein! Hoch über der Erde war der geschmückte Sarg mit der Leiche des Verstorbenen ausgestellt, und hinter ihm saßen die trauernden Hinterbliebenen als stille, unbewegte Zuschauer. Vor diesem düsteren Hintergrunde aber wogte das an ein heiteres Volksfest gemahnende Treiben einer festlich geschmückten Menge. Darüber schwebte der süßliche Geruch, den das vergossene Blut der vielen getöteten Opfertiere um sich verbreitete, — und dies Schauspiel genossen wir bei einer Temperatur von mehr als 40° C!
Herr Hauptmann K. war bereits von meiner Seite verschwunden, als die Tötung des letzten Opferbüffels erfolgte. Mich hielt nur die Pflicht des Berichterstatters noch länger fest. Auch meine Nerven bäumten sich gegen die Zumutung längeren Verweilens, und meine Gesichtsfarbe kam und ging. Mit ironischem Lächeln fragte mich der Paríngin, ob mir nicht ganz wohl sei. Tatsächlich hatte ich übergenug und fürchtete jeden Augenblick, ohnmächtig zu werden. Ich ließ mich aus dem Kreise herausführen und legte mich abseits unter ein Bambusgebüsch, glücklich, dieser entsetzlichen, mit Schweiß und Blut durchtränkten Atmosphäre entronnen zu sein. Etwas erholt, eilte ich ohne weitere Verabschiedung meinem vorangegangenen Begleiter nach, dem es ebenso ergangen war wie mir. Es bedurfte geraumer Zeit, ehe wir unser seelisches Gleichgewicht wieder gefunden hatten.
Nach dem Hauptdorfe Tóndong zurückgekehrt, machte ich noch eine Reihe von Aufnahmen, worunter sich auch die eines in der Nähe unseres Absteigequartieres auf einem freien Platze stehenden, schönen Ficusbaumes befand, der von den Bewohnern der ganzen Umgegend als Wohnort eines Dewáta verehrt wurde. Die nach Westen gerichtete Stammseite desselben war über und über mit Fetischen und Sirihopfern besteckt. Als ich mit meinem Apparate dahinkam, lagerte im Schatten des Baumes eine Gruppe von Frauen und Mädchen in animierter Unterhaltung mit unseren Soldaten. Ein hübsches Bild, das ich gern festgehalten hätte. Leider verdarben mir die entsetzt davonlaufenden Frauen die Freude. Alle Versprechungen von Geschenken blieben wirkungslos, und die Schönen waren und blieben verschwunden.
Der Kampong Tóndong bestand aus einer bedeutenden Anzahl von Hütten und Häusern, die auf dem hügeligen Gelände zerstreut lagen. Unter ihnen befanden sich ganz prachtvolle, reich bemalte Holzhäuser, wie ich sie in solcher Gediegenheit der Ausführung und Reinheit des Stiles selbst in Néneng nicht gefunden hatte. Die schönsten darunter waren die beiden großen Häuser des Paríngin Tandebúa und seines Sohnes, deren Hörnerschmuck einer ganzen Herde Büffel das Leben gekostet haben mußte. Ebenso herrlich ausgestattet waren die diesen Wohnungen gegenüberstehenden Reis-Vorratshütten. Da so ziemlich das ganze Dorf ausgeflogen war, um der Totenfeier beizuwohnen, konnte ich ungehindert und nach Herzenslust photographieren. Allerdings hatte ich es andererseits derselben Ursache zuzuschreiben, wenn meine ethnographische Ausbeute in Tóndong eine qualitativ zwar hervorragend befriedigende, quantitativ aber bescheidene war. Denn sitzt der Toradja erst bei Schmaus und Spiel, so ist er nicht wieder fortzubringen, und es wurde auch diesmal spät abend, ehe der Paríngin mit einer Anzahl seiner Dorfgenossen zurückkehrte. Sie brachten mir Verschiedenes zum Kaufe mit. Darunter befanden sich einige hochseltene Objekte, deren Erwerbsmöglichkeit zu den besonderen Glücksfällen zu rechnen ist. Hierzu zählten vor allem mehrere Tóra-Tóra, sowie eine Serie von 7 »úru« genannten hölzernen Ceremonialhüten, die, jeder in anderer Art, mit reicher Ornamentenschnitzerei und -Malerei ausgestattet waren. Diese Hüte werden von den Ältesten des Dorfes bei der Mabúa-Feier getragen und sind eine Spezialität der Tóndong-Toradja. Wird der auf dem Halme stehende Reis von Krankheit, Insektenfraß oder dergl. befallen, so beruft der Paríngin eine Mabúa, eine Versammlung zur Beschwörung der Reisgeister, ein. Bei dieser Kulthandlung müssen die Teilnehmer »úru-úru« tragen. Die Beschwörung soll in der Hauptsache in dem Hersagen von Formeln und Gebeten bestehen nebst den unvermeidlichen Opferceremonien.
In Tóndong erhielt ich auch mehrfach kleine, holzgeschnitzte und bemalte Vogelfiguren, wie sie angeblich als Giebelschmuck verwendet, wahrscheinlicher aber als Zierat oder als Spielerei unter dem First aufgehängt werden. Ich selbst habe dergleichen in dieser Anwendung nicht gesehen. Die mir gebrachten Stücke zeigten zwei verschiedene Motive: »búku«, die Taube, und »lóndong«, den Hahn.
Die wundervolle laue Nacht animierte uns zu längerem Aufbleiben. So ließ ich denn nach dem Abendimbiß nochmals den Palólo, den Dorfzauberer, Priester, Medizinmann und was er sonst noch sein mag, zu uns rufen, einen alten, würdigen und in der Geschichte seines Stammes wohlbewanderten Herrn. Zu ihm gesellte sich noch eine kleine Gruppe anderer Dorfältester. Ich regalierte alle erst mit Zigarren, um sie in Stimmung zu bringen, und dann hub ein Fragen und Forschen an, das uns bis nach Mitternacht beisammen hielt. Mein Faktotum Rámang hatte uns dabei in besonders schwierigen Fällen als Dolmetsch zu dienen. Von den Ergebnissen dieser Unterredung sei das Wesentlichste im folgenden wieder erzählt.
Ich begehrte zu wissen, was nach dem Tode eines Menschen mit seiner Seele geschehe, worauf mir die poetisch-innige Antwort zuteil wurde: »Die Seele eines Verstorbenen steigt nach dem Tode sofort in den Himmel auf, in dem die guten Geister ihren ständigen Wohnsitz haben. Dort lebt und stirbt sie noch einigemale, um am Ende ihrer Metamorphose als schwarze Ameise wiederum zur Erde zurückzukehren. Werden von den Menschen die Bergabhänge und Wälder, die diesen Tieren zur Heimat dienen, abgebrannt, so verbrennen auch die Ameisen-Seelen, um mit dem Rauche wieder zum Himmel emporzuschweben und nun für immer dort zu verbleiben.« Die große schwarze Ameise gilt somit dem Toradja als ein heiliges Tier und wird niemals absichtlich getötet. —
Das Liebesleben der Toradja beleuchten einige hier wiedergegebene Äußerungen des Palólo. Vorangeschickt sei, daß die Toradja unter allen Stämmen von Central-Celebes als am meisten erotisch veranlagt gelten, und das sanguinische Temperament dieses Völkchens scheint dies zu bestätigen. Darauf deuten auch die meist obscönen bildnerischen Darstellungen der Toradja hin, vor allem aber auch die für unser Empfinden schwer verständliche Sitte des in einigen Landschaften, wie in Makále, Sengála und Mikindink, noch allgemein verbreiteten Gebrauches von Penispflöcken. Zum besseren Verständnis dieser höchst absonderlichen Genitalienzier füge ich hier die Abbildung eines solchen aus Makále stammenden »Nagels«, wie ihn die Toradja nennen, in Originalgröße bei.
Das Taléde genannte Instrument wird gewöhnlich aus Büffelknochen hergestellt. Um es benutzen zu können, muß das männliche Glied hinter der Eichel schräg von oben nach unten durchbohrt werden. Diese barbarische Prozedur wird meist schon im jugendlichen Alter gleich nach Eintritt der Pubertät vorgenommen, und die Operation muß entsetzlich schmerzhaft sein. Dennoch unterziehen sich wohl alle Jünglinge derselben.
Der mit dem Taléde ausgeübte Coitus scheint den Toradja-Frauen einen so intensiven Genuß zu bereiten, daß für ein Mädchen, das sich verheiraten will, ein Freier ohne solchen gar nicht in Betracht kommt.
Der Pflock wird in der Weise in den Penis eingeführt, daß der eine dickere Endknopf desselben nach unten zu stehen kommt und das obere Ende des Nagels nach vorn zu herausragt. Da die roh ausgeführte chirurgische Manipulation sehr häufig schwere Erkrankungen und sogar Todesfälle nach sich zieht, hat sich das Gouvernement in neuerer Zeit veranlaßt gesehen, derartige Potenzierungen der Männlichkeit mit schweren Ahndungen zu belegen.
Ein Abrasieren der Schamhaare, wie es in Luwu Regel ist, kennen die Toradja-Frauen nicht. Die besseren Frauen und Mädchen unter ihnen tragen ebenso wie die Luwuresinnen unter ihren selbstgewebten Röcken kurze Höschen.
Eine Toradja-Liebeserklärung spielt sich in der Landschaft Tóndong in der Weise ab, daß der entflammte Jüngling seine Schöne ablauert, wenn sie wie alltäglich zu bestimmter Stunde zur Quelle Wasser holen kommt. Hier fragt er sie, ob sie bereit sei, ihn zum Manne zu nehmen. Das Mädchen erwidert nur »ja oder nein« und entfernt sich sofort. Am nächsten Tage wiederholt sich diese Scene in genau derselben Weise. Lautet die Antwort wiederum bejahend, so gilt dies als eine bindende Abmachung, und der Jüngling verbringt noch dieselbe Nacht bei seinem Mädchen, womit der Bund als offiziell besiegelt gilt. Eine Hochzeitsfeier ist ganz unbekannt. — Die Eltern üben auf die Entschließung ihrer Kinder keinen bestimmenden Einfluß aus. Erklären sie jedoch, daß ihnen der Eidam willkommen sei, so ist es gebräuchlich, daß ihnen von diesem ein Geschenk überbracht wird. —
Im Makále-Distrikt erklärt der Jüngling dem zum Weibe begehrten Mädchen seine Liebe dadurch, daß er Sirih aus dem Beutel desselben fordert. Ist der Freier dem Mädchen willkommen, so antwortet sie damit, daß sie um Kalk aus der Dose des jungen Mannes bittet. Damit ist das Jawort ausgesprochen. Unterbleibt das Gegenersuchen des Mädchens, so ist dies eine deutliche Abweisung, ein regelrechter Korb. —
So sehr der Toradja bei Begründung seines neuen Hausstandes alles Ceremoniell verschmäht, auf so einfache Weise löst er Hymens Fesseln. Eins teilt dem andern in aller Freundschaft seinen Entschluß mit, eine andere Ehe eingehen zu wollen, worauf sich das Pärchen in vollster Harmonie trennt. In solchen Fällen verbleiben die unerwachsenen Kinder stets der Mutter. Bei bereits zu selbständigem Denken herangereiften Sprößlingen dagegen bleibt es dem eigenen freien Entschließen derselben anheimgestellt, ob sie dem Vater oder der Mutter folgen wollen. — Es ist jedem Toradja gestattet, sich gleichzeitig mehrere Frauen zu nehmen; nur verlangt es die gute Sitte, daß jede Frau ein Haus für sich bewohnt. Den Luxus, sich mehrere Frauen zu halten, können sich also nur wohlbegüterte Leute erlauben. Untreue in flagranti kann nach altem Adat mit dem Tode des schuldigen Paares bestraft werden; bei der laxen Sexualmoral des Volkes aber wird diese drakonische Bestimmung in allen Fällen in eine Vermögensbuße umgewandelt, für die 1–2 Büffel als ausreichende Sühne erachtet werden.
Den Toradja-Mädchen ist freie Liebe gestattet. Uneheliche Kinder gelten durchaus nicht als Schande und werden bei einer späteren Verheiratung vom Gatten ohne weiteres anerkannt.
Mit der Schwangerschaft der Frau ist eine lange Reihe besonderer Gebräuche und Regeln verknüpft, die genaue Beachtung finden. So darf zum Beispiel der Boden unter dem von einer schwangeren Frau bewohnten Hause während der ganzen Zeit der Schwangerschaft nicht gekehrt werden, da sonst die bösen Geister, die dort auf Gelegenheit lauern, der Schwangeren etwas anzutun, aufgescheucht werden und sich an derselben rächen würden. Ebenso darf eine schwangere Frau nicht mit dem Rücken gegen die Tür sitzen, da anderenfalls eine Fehlgeburt zu gewärtigen sei. Es ist ihr auch nicht erlaubt, in der Nähe der Tür zu sitzen, da sonst das Kind nicht zur Welt kommen könnte.
Die Wöchnerin darf vor der Geburt des Kindes keine faulen Fische zu essen bekommen, ein im profanen Leben bevorzugtes Gericht und gleich den faulen Eiern eine Toradja-Delikatesse.
Die Geburt wird in sitzender Stellung unter Assistenz einer Hebamme vollzogen, welche das Kind holt und die Nabelschnur mittels eines scharfen Bambusspanes durchschneidet. Die Nachgeburt (lolóna) wird nahe beim Hause vergraben und ein Opfertisch davor aufgestellt. Der Mutter ist einen Monat lang jede Feldarbeit verboten.
Tot geborene Kinder werden immer in Erdgräbern beigesetzt, ebenso nach der Geburt gestorbene kleine Kinder, die noch nicht selbständig Reis essen konnten. Auch sie werden nahe beim Dorfe eingegraben. Dagegen werden schon größere Kinder nach ihrem Ableben in die Familiengrüfte übergeführt.
Es möge mir nun noch gestattet sein, auch einiges über die Justiz der Toradja hier mitzuteilen.
Des Vaters Schulden gehen auf Sohn und Enkel über bis zur restlosen Tilgung. Eine Verzinsung in unserem Sinne kennt der Toradja nicht; dagegen hält sich der Gläubiger in recht ausgiebiger Weise dadurch schadlos, daß er Sawas seines Schuldners, die immer als wertvollstes Besitztum gelten, als Pfandgut in Anspruch nimmt, die der Schuldner zwar zu bestellen hat, deren Erträge jedoch dem Gläubiger zufallen, ohne von der Schuld in Abrechnung gebracht zu werden. Dieses Verfahren wird bis zur gänzlichen Schuldabtragung fortgesetzt und ist wohl geeignet, auch die säumigsten Schuldner zur Eile anzuspornen.
Für Diebstähle, bei welchen das gestohlene Gut dem Diebe wieder abgenommen werden konnte, ist eine 1–2monatliche, öffentliche Fesselung an einem Bambuspfahl festgesetzt, während welcher Zeit das Dorf für die Ernährung des Gefangenen zu sorgen hat. Nicht zurückzuerlangende Diebesbeute dagegen wird mit dem Verkaufe des Diebes in die Sklaverei geahndet, sofern die Überführung gelingt; denn auch in Celebes hängt man keinen, den man nicht hat.
Brandstiftung im eigenen Dorfe ist ein völlig unbekanntes Vergehen. Liegt dagegen solche durch einen Fremden vor, so ergeht an den Kampong desselben die Aufforderung, Schadenersatz zu leisten. Die Verweigerung einer angemessenen Entschädigung wird als casus belli angesehen und führt zum Ausbruche von Feindseligkeiten.
Mit Vorstehendem ist der Sittenkodex der Toradja natürlich durchaus nicht erschöpft. Wer jedoch weiß, was für außerordentliche Schwierigkeiten es verursacht, von den solchem Ausfragen gegenüber höchst mißtrauischen und in abergläubischen Vorurteilen befangenen Eingeborenen derartige Angaben zu erhalten — ganz abgesehen von den sprachlichen Hindernissen —, der wird es verstehen können, daß ich mich über diese, wenn auch unvollständigen Ergebnisse unseres nächtlichen Palavers in Tóndong freute, die unendlich mehr Geduld und Ausdauer gekostet hatten, als das Lesen derselben vermuten läßt.
Tóndong — Rantepáo, den 7. Oktober.
Zum größten Leidwesen meines Boys Rámang, der in Tóndong in aller Geschwindigkeit eine Alliance cordiale mit einer Toradja-Jungfrau eingegangen war, brachen wir früh am Tage auf, um den bedeutendsten Ort des Landes, Rantepáo, noch bei guter Zeit zu erreichen. Wir wandten uns nach rechts, dem mächtigen, 2176 m hohen Sesean-Gebirge zu. Vereinzelt trafen wir in Senkungen der sonst kahlen Höhen Nadelbäume an. Sie ähnelten unseren heimischen Lärchen. Ihr wundervoll gemasertes Holz gilt als kostbarstes Baumaterial. Die Eingeborenen nannten sie Tjamára. — Überall trat roter Laterit zu Tage. Die hohen Hänge weit hinan zogen sich die »djagung ladang« (Maisfelder) der Eingeborenen, während die Talsohle mit Sawas bedeckt war. Bei dem notorischen Holzmangel der Gegend hatte man die außerhalb der Dorfgemeinschaften errichteten Feldhütten aus wenig dauerhaftem Bambusmaterial mit einer Bedachung aus Lalang erbaut. Nach scharfem 2stündigen Ansteigen überschritten wir die Wasserscheide in einer Einsattelung des Gebirgsrückens. Die Paßhöhe betrug hier 1440 m. Kurz zuvor kamen wir an einem durch einen tiefen Wallgraben geschützten Dörfchen vorüber, dessen Abgelegenheit mich hier ethnographische Kostbarkeiten erhoffen ließ. Leider verliefen die angestellten Recherchen durchaus ergebnislos. Ziemlich alle Dorfbewohner waren bei der Feldarbeit, und die wenigen zu Hause gebliebenen Weiber und Kinder erschreckte unser Kommen derart, daß sie Hals über Kopf über die Einfriedigungen hinweg ausbrachen und davonliefen. — Nach dem Überschreiten der Paßhöhe brachte uns ein kurzes Stückchen Weg zu einem Punkte, der einen herrlichen Ausblick gewährte. Unser hoher Standpunkt auf dem Kamme des Sesean-Gebirges gestattete uns, weit über die sich hinbreitende Bergscenerie bis nach Rantepáo fern am Horizonte hinüberzusehen. Leider war das unvergeßlich schöne Bild durch Dunstschleier etwas verhüllt. Rüstig ging es von nun ab eine geraume Weile auf dem Rücken des Gebirges entlang, wobei mir die nach Rantepáo zu abfallende Seite des Sesean-Gebirges unvergleichlich viel üppiger und auch fruchtbarer zu sein schien als die Tóndong-Seite.
An einer Stelle kamen wir durch einen wahren Hain von Zuckerpalmen, die zu einem hoch über uns im Gehänge eingenisteten Dörfchen gehörten. Wie mir die an fast allen diesen Palmen angebrachten Vorrichtungen zum Abzapfen des Palmweines, wie nicht weniger die zahlreichen bereits verbluteten Arengs bewiesen, schien man hier dem Bálokgenusse in recht ausgiebiger Weise zu huldigen. Durch den Marsch über das Gebirge etwas ermüdet und durstig geworden, beschloß ich, an diesem einladenden Orte eine kurze Rast mit einer Palmweinprobe zu verbinden. Dieser Entschluß wurde von meinen Begleitern mit ehrlicher Begeisterung begrüßt, und mit wahrem Feuereifer machte sich einer unter ihnen an das Erklettern eines der hohen Palmenschäfte. Bequem im Schatten an der Dorfumwallung hingelagert, ergötzte ich mich an der affenartigen Gewandtheit des Kletterers. Am Stumpfe einer frisch gekappten Fruchttraube der Zuckerpalme hatte der Eigentümer einen ziemlich voluminösen Bambusköcher kunstgerecht angebunden, welcher bestimmt war, das ausströmende Palmenblut aufzufangen. Dieser eigenartige Humpen wurde nun von meinem Toradja-Manne ohne weiteres entfernt und mir zum Kosten gereicht. Wahrhaftig, dieser baumfrische Arengsaft bietet doch wirklich eine nicht zu verachtende Erquickung, und wenn man den trinkfesten Bálok-Verehrern dieser Gegend nachsagt, daß sie sogar unter ihren Arengpalmen schlafen, um nur ja das Vollsein der Weinbehälter nicht zu verpassen, so kann ich dies nun schon besser verstehen. Da das Getränk stark berauschend wirkt, namentlich wenn man nicht daran gewöhnt ist, so begnügte ich mich mit einem kräftigen Schlucke und überließ den Rest meinen Leuten, die sich durchaus nicht ängstlich zeigten. Schon aber nahte die Nemesis; denn unser Raub war nicht unbemerkt geblieben, und auch das Herz des Palmenbesitzers blutete, als unser Frevel ruchbar geworden war. Jammernd über den Verlust seines Abendtrunkes, kam der Brave herbeigeeilt. Sein Gezeter verstummte erst, nachdem er einen halben Gulden Schmerzensgeld eingesteckt hatte. Dieser Balsam erwies sich so heilkräftig für sein verwundetes Herz, daß er sich sogar freiwillig erbot, uns — natürlich gegen einen weiteren halben Gulden — eine zweite Kanne Bálok zu beschaffen. Aus Sorge um meine Gepäckstücke verbot ich jedoch meinen Leuten streng, von diesem Anerbieten Gebrauch zu machen. Wir hatten noch eine weite Strecke Weges und einen schwierigen Abstieg vor uns, und darum ließ ich sofort aufbrechen.
Der Bergrücken begann nun jäh abzufallen, und an den schwierigsten Stellen hatte man den vom Regierungsvertreter in Rantepáo angelegten Pfad unter reichlicher Anwendung von Sprengmitteln direkt aus dem harten Gestein heraussprengen müssen. Stolz auf sein Werk, hatte dieser gelegentlich die etwas gewagte Behauptung aufgestellt, daß die Herstellung dieses Pfades mehr Pulver gekostet hätte, als die Belagerung von Paris.
Weiter unten wurde der Weg bedeutend besser und breiter und gestattete, der Umgebung mehr Aufmerksamkeit zu widmen als bisher. In diesen tiefer gelegenen Partieen hatten es die Eingeborenen mit bemerkenswertem Geschick verstanden, die immer noch steilen Gehänge mittels eines mühsam angelegten Terrassensystems für den Feldbau zu gewinnen. Bergreis-Felder und Maiskulturen neben Tabaksgärten und Gemüsebeeten zeigten alle Stadien des Wachstums und verliehen dieser Gegend im Verein mit den allenthalben eingestreuten Arengpalmen den Charakter eines wohlgepflegten Kulturlandes. Gesellschaften lärmender Krähen, pfeilschnell dahinschießende, kreischende Papageien und kreisende Raubvögel trugen viel zur Belebung des heiteren Landschaftsbildes bei. Je tiefer wir kamen, desto reicher wurde die Natur, und desto häufiger trafen wir Dörfer an. Keinem derselben fehlte ein Festplatz mit den uns schon bekannten Steinreihen zum Anbinden der Opferbüffel. Auffallend waren mir ferner die in dieser Gegend gebräuchlichen großen Stein-Reisstampfen, die vor allen Häusern standen, sowie eine Art langer Trogmörser in Kanoeform mit separierten Stampflöchern für Reis und Mais. Allenthalben sah ich webende Frauen im Freien arbeiten, jedoch nur an gewöhnlichen ungemusterten Tüchern. Ein Färben der Stoffe scheint den Toradja unbekannt zu sein.
Endlich betraten wir das Tal von Rantepáo, das weitaus größte aller Kulturtäler des Landes. In noch stundenweiter Entfernung sahen wir die Häuser der Station vor uns liegen. Soweit der Blick reichte, nichts als Sawas, weit im Hintergrunde begrenzt von zackigen Gebirgen, ähnlich denen von Makále. Der Talmarsch, auf teilweis beschwerlich zu begehenden Reisfelddämmen und bei einer unheimlich brütenden Hitze, gehört nicht gerade zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Dreimal mußten wir die breite Ebene kreuzen, um uns dem etwa 20 Minuten vor Rantepáo gelegenen großen Marktplatz Kalámbi zu nähern. Auf den Feldern wurde fleißig gearbeitet. Zum Ausheben der Grasnarbe benutzten die Toradja hier schmale, am Ende mit gegabelter Eisenspitze versehene Spaten. Zum Umbrechen des Erdreiches bedienten sie sich schwerer Holzpfähle mit zugespitzten Enden und zum Zerkleinern der damit losgebrochenen Schollen ebenso gestalteter Pflöcke kleineren Formats. Zum Ausjäten des Unkrautes in bereits bewässerten Sawas wurden dieselben Werkzeuge verwandt wie zur Entfernung der Rasendecke. Bei ihrer Beschäftigung trugen die Männer höchst sonderbare weiß und schwarz geflochtene, den Bischofsmützen ähnliche Strohkappen. Je näher wir Kalámbi kamen, desto häufiger begegneten uns Trupps festlich gekleideter Männer und Frauen, die vom Markte zurückkehrten. Immer waren es die letzteren, welche sich mit den erhandelten Gegenständen abzuschleppen hatten, die sie in großen Bündeln auf dem Rücken trugen oder frei auf dem Kopfe balancierten. Eine seltene Erscheinung waren Reiter auf kleinen struppigen Ponys. Drollig anzusehen waren Fußgänger, die in grüne Bastgeflechte eingesponnene Ferkel über die Schultern gehängt hatten.
In der Nähe unseres Zieles erblickten wir in den Klüften der rechtsseitigen Randgebirge hoch über uns die großartigsten Felsengräber, die es in den Toradja-Landen überhaupt gibt. Gruft befand sich dort neben Gruft, wo sich nur irgend ein geeigneter Platz gefunden hatte. Mein Entschluß, von Rantepáo aus nochmals zu diesen Liang zurückzukehren, um sie zu photographieren, stand sofort fest. Vorher aber sehnte ich mich danach, ein Unterkommen zu finden und mich etwas zu erholen.
Beim Passieren von Kalámbi konnte ich es mir trotz großer Ermüdung nicht versagen, das außerordentlich bewegte Leben und Treiben der 500–600 hier versammelten Toradja in der Nähe zu beobachten. War es doch ohnehin nur einem Zufalle zu verdanken, daß ich zu dem alle 5 Tage stattfindenden Markte zurechtkam. Das Haupttreiben des Marktlebens war zu dieser Zeit allerdings schon vorüber; dennoch gab es noch genug des Interessanten zu sehen. Das Willkommenste waren mir die zu duftenden Pyramiden aufgehäuften Vorräte der Fruchtverkäuferinnen, und erst der Genuß einer halben Traube saftiger Pisangs befähigte mich, auch den übrigen Marktherrlichkeiten meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. Die auf ausgebreiteten Matten auf dem Boden eng zusammenhockenden Marktweiber trugen weitrandige, nach oben spitz zulaufende Basthüte, unter denen ihre Gesichter völlig verschwanden, und die ihnen aus einiger Entfernung das Aussehen von Riesenpilzen verliehen.
Kalámbi ist der bedeutendste Pásarplatz des Landes. Da hier von weit und breit alles zusammenströmt, so gewinnt man einen ziemlich vollständigen Überblick über das Produktionsgebiet ringsum. Nur auf diesem Markte werden Großtiere, wie Pferde und Büffel, aufgetrieben. Äußerst originell fand ich die schon erwähnte Gepflogenheit, die zum Verkaufe gestellten Ferkel und größeren Schweine mit einem am Tragbande hängenden Netze aus Grasgeflecht derart zu umstricken, daß das Tier völlig bewegungslos darin verharren muß. Auf diese Weise kann es bequem betastet und auf seinen Wert geprüft werden, und auch für den Transport ist es sehr praktisch: man brauchte sich nur das Tragband mit dem quiekend protestierenden Tiere gemächlich um die Achsel zu schlingen. An Getreide, Gemüse und Fruchtarten war alles zu bekommen, was das Land hervorbringt. Einer der wichtigsten Handelsartikel in Kalámbi war Salz. — Sehr reich vertreten sah ich Flechtwaren, speziell Matten in bunter Mannigfaltigkeit, von der quadratmetergroßen Hüttenmatte an bis zur kaum handgroßen Tellermatte zum Bedecken der Speiseschüsseln. Groß war die Auswahl in Körben und Tragen aller Dimensionen und Formen, sowie in Mützen und Hüten für Mann und Weib. Einen großen Raum nahmen Holzarbeiten ein, wie Küchengeräte, Feuer- und Topfzangen, Kochlöffel, Schüsseln, Teller, Tröge, aus Bambusrohr hergestellte Kalk-, Tabak-, Zunderdosen u. a., mit den der Landschaft Rantepáo eigenen Verzierungsmustern. Nicht zu vergessen sind die verschiedenartigsten Erzeugnisse der Töpferei und Weberei, während die Eisenindustrie nur durch importierte Artikel vertreten war, wie Messer und Ackergeräte. Die diversen Abteilungen waren nach Gruppen gesondert; auch standen den Verkäufern mehrere große mit Wellblech gedeckte Hallen zur Verfügung, in denen eine beängstigende Hitze herrschte. Besetzt waren diese letzteren ausschließlich mit buginesischen und chinesischen Händlern, die Importartikel zum Verkaufe brachten. Viele der unter freiem Himmel ihre Waren feilbietenden Toradja-Weiber suchten sich gegen der Sonne heißes Werben dadurch zu schützen, daß sie ihre Basthüte auf Stangen gesteckt hatten und wie Sonnenschirme benutzten.
Ich hatte mich über eine Stunde in Kalámbi aufgehalten, und Herr Hauptmann K., sowie alle meine Leute waren längst in Rantepáo. Über eine kühn konstruierte Bambusbrücke folgte ich jetzt nach, und kurz vor 4 Uhr konnte auch ich es mir in dem gut eingerichteten Pasangrahan der Station bequem machen. Leider sollte die mir vergönnte Erholungspause nur von sehr kurzer Dauer sein. Herr Hauptmann K. hatte in Rantepáo schlimme Nachrichten aus Paloppo vorgefunden, worin er aus dienstlichen Gründen so rasch wie irgend angängig zur Rückkehr aufgefordert wurde. Unter diesen Umständen waren wir bedauerlicherweise gezwungen, die ursprünglich für den Rückweg in Aussicht genommene Route zu ändern. Es wurde beschlossen, von Rantepáo aus auf kürzestem Wege nach Kambútu und von dort, auf uns schon bekannten Pfaden über Salulimbung und das Balúbu-Gebirge, nach Paloppo zurückzukehren. Die Strecke Rantepáo — Salulimbung, ein fast 12stündiger Weg, sollte dabei an einem Tage zurückgelegt und deshalb morgen mit dem frühesten aufgebrochen werden. Da galt kein Besinnen mehr, wollte ich von Rantepáo wenigstens noch die mir wichtigsten Aufnahmen erlangen. Trotz meiner Ermüdung raffte ich mich also nochmals auf, um vor allem den etwa ¾ Stunden entfernten Felsengräbern einen Besuch abzustatten. Mein Boy mußte mich dabei begleiten und zeigte sich über diese Extratour nicht gerade sonderlich erbaut. Einige Jungen aus Rantepáo dienten uns als Führer, und bei schon tief stehender Sonne, einer glücklicherweise gerade günstigen Beleuchtung für den Aufnahmeort, photographierte ich die Kultstätte (s. Taf. X). Erst in unmittelbarer Nähe derselben konnte ich bemerken, daß der die Liang bergende Gebirgsvorsprung gleich anderen Begräbnisfelsen eine Benteng darstellte. Die Wohnhäuser derselben lagen sehr gut versteckt und kaum bemerkbar auf dem Gipfelplateau des Berges.
Während des Rückweges nach Rantepáo hatte ich noch ein recht unangenehmes Abenteuer mit einem der halbwilden Wasserbüffel zu bestehen, von denen eine Herde in der sumpfigen Talniederung weidete. Aus irgend einer Ursache, vielleicht durch meine weiße Kleidung erregt, stürmte der Bulle der Herde ganz unvermutet auf mich ein, und nur ein gewagter Sprung rettete mich vor dem Gespießtwerden durch das wütende Tier, das nun von meinen Begleitern mit Steinwürfen zurückgetrieben wurde. Da zuweilen Eingeborene, ja selbst die eigenen Besitzer von diesen unberechenbaren, tückischen Tieren zu Tode getrampelt werden, wird man es begreiflich finden, daß ich seit dieser Attacke einen durch spätere Vorfälle ähnlicher Art noch vertieften, höllischen Respekt vor diesen Biestern habe.
Glücklich wiederum im Pasangrahan angelangt, fand ich daselbst soeben eingetroffene Abgesandte des Taróngkong von Makále vor, der treulich Wort gehalten und mir die versprochenen Modelle einer Leichenbahre (sarígan) mit dem dazu gehörigen Tau-Tau nach Rantepáo nachgesandt hatte. Ein seidener Sarong und eine Uhrkette bildeten meine Gegengaben.