119. Den Wegegeistern errichtete Opferstelle bei Senala.

Seitlich an diesem aufgeschütteten Wege fielen mir wiederholt lange, in den Boden gesteckte Bambusgerten auf, die mit Stofflappen und darangeknüpften Sirihpäckchen behängt waren. In allen Fällen hatte man daneben einige Exemplare des heiligen roten Blattes in den Boden gesteckt. Auch dieser Zauber bedeutete eine Dewátabeschwörung. Jede dieser Bambusstangen kennzeichnete nämlich eine besonders böse Wegestelle. Vielleicht fand hier einmal ein Dammbruch statt, oder einem der Arbeiter war ein Unfall zugestoßen — ein untrüglicher Beweis für die Anwesenheit eines menschenfeindlichen Dämons der durch den hier angebrachten »Zauber« beschwichtigt, resp. unschädlich gemacht werden sollte.

120. Toradja-Feste Tondong-Sueia.

Ziemlich weitab vom Wege sahen wir bald in einem der Talzüge die allseitig von Sawas umgebene Toradja-Festung Tondong-Sueia liegen. Sie stellte ein Gruppengebilde der zahlreichen, diesen Gegenden eigenen, isoliert liegenden Felsengruppen dar, welche die Bewohner dieser Landschaft durch Verhaue und Umwallungen in eine Bénteng umgewandelt hatten. Jeder Vorsprung und jeder freie Fleck auf dem Berge war von einer ihrer Wohnhütten besetzt. In Kriegszeiten mußte diese Felsenburg unschwer gegen feindliche Angriffe zu verteidigen sein. In den vergangenen kriegerischen Zeiten galt es bei den Toradja als Regel, Dörfer auf schwer zugänglichen Plätzen anzulegen. In ursächlichem Zusammenhange mit dieser durch die regelmäßigen Raubzüge ihrer luwuresischen Nachbarn gebotenen Vorsicht dürfte vielleicht auch die Bestattung ihrer Toten in unzugänglichen Felsengrüften stehen. Nach uralter Sitte geben die Toradja vornehmer Herkunft ihren Abgeschiedenen den bei Lebzeiten getragenen Schmuck und außerdem reiche Gaben an Gewändern, Geschirren usw. mit in die Gruft. Diese bildeten somit bei räuberischen Überfällen willkommene Beute. Es hat also wohl einige Wahrscheinlichkeit für sich, daß die Bevölkerung, um ihre hoch in Ehren gehaltenen Gräber vor Schändung durch Feindeshand zu bewahren, auf den Gedanken kam, diese in nicht ohne weiteres erreichbaren Felswänden anzulegen! Im ganzen übrigen Central-Celebes sind diese Liang völlig unbekannt.

Bei der Ortschaft Pásang wurde die Talebene von Tondong-Sueia durch einen Höhenzug mit nahezu senkrecht abfallenden Wänden abgeschlossen. — Sogar auf schmalen Rändern und Vorsprüngen hatten sich Toradja-Hüttchen eingenistet, die gleich Schwalbennestern an den Felsen klebten. Es war schwer zu verstehen, wie Frauen und Kinder diese Gemspfade und Leiterkombinationen auf und nieder zu steigen vermochten. Daß es sich bei diesen für die Bewohner selbst so unbequemen Wohnungsanlagen um nichts anderes als um Sicherung vor Sklavenjägern handelt, war in Pásang leicht festzustellen. Alle diese Berghütten stammten noch aus älterer Zeit, während nach Beendigung der Kriegswirren sofort ein neues Dorf angelegt worden war, und zwar in einer bequem zugänglichen Einsattelung am Fuße des Gebirges.

Ein durch die Felsen gebrochener Hohlweg brachte uns über den Ausläufer hinweg, auf dessen anderer Seite wir bereits die Zinkdächer der Station Makále aus der Ferne herüberblitzen sahen.

Makále ist das zweitgrößte Kulturcentrum des Landes und Sitz eines Regierungsbeamten, der Militär- und Civilgewalt in sich vereinigt. Ziemlich genau in der Mitte des ungefähr eine Stunde langen Tales ist die Station angelegt. Klippenreiche Gebirgszüge umsäumen es, die eine wirkungsvolle Umrahmung des Landschaftsbildes abgeben. Eine Viertelstunde vor Makále liegt das von Reissümpfen umgürtete Felsennest Tondong-Dandelólo, einst Residenz des Puang Taróngkong, des Fürsten von Makále. Gleich Tondong-Sueia ist auch diese Toradja-Feste auf einem das Land ringsum beherrschenden Felsenhügel gelegen.

121. Toradja-Dorf Pásang.

Wir erreichten den behaglich eingerichteten Pasangrahan der Station gegen 5 Uhr nachmittags, kurz vor Ausbruch eines heftigen Gewitters. Nach Restaurierung unseres äußeren Menschen statteten wir dem Platzkommandanten Herrn Hauptmann Nobel unsern Besuch ab und fanden bei ihm freundlichste Aufnahme. Unter seiner Führung besichtigten wir die kleine regelmäßig angelegte Station, die einen vorzüglichen Eindruck machte. Sie besteht im wesentlichen aus den Dienstgebäuden für das hier stehende Militär, einem Lazarett, Bureaus und dem hübschen Hause des Kommandanten. Auch Spielplätze und Anlagen fehlen nicht. Das Militär wird zu regelmäßigen Streifzügen in die entfernteren Bezirke, sowie zu polizeilichen Diensten verwendet. So befriedigend es für den Chef der Station sein muß, an diesem entlegenen Vorposten der holländischen Macht nahezu autokratisch wirken zu können, so wenig dürfte dies eine volle Entschädigung für die Entbehrung des Umganges mit Europäern sein. Es war daher zu verstehen, daß Herr Hauptmann Nobel es bedauerte, daß wir schon am nächsten Morgen unsern Marsch fortsetzen wollten.

Das Interessanteste des Makále-Tales war für mich die Benteng Dandelólo und ihr Beherrscher, der Puang Taróngkong. Bei der Kürze unseres Aufenthaltes war es schwierig, die Bekanntschaft des Fürsten zu machen; doch dank der Verwendung des Herrn N. kam ein Arrangement zustande, demzufolge der Fürst noch im Laufe des Abends mit Gefolge nach Makále herüberkam und uns im Pasangrahan aufsuchte.

122. Regierungsstation Makále.

Puang Taróngkong wird von seinen Untertanen hochverehrt und von ihnen als ein Sohn des obersten Himmelsgottes angesehen. Er war ein kleiner untersetzter Herr mit schlauem Gesichtsausdruck. Trotz redlichsten Bemühens vermochte ich nichts Göttliches an ihm zu finden, wenn man nicht vielleicht sein joviales Wesen als solches ansehen will. Seinen Stammbaum führt er, wie schon erwähnt, bis auf Puang Matówa, den obersten Himmelsgott, zurück. Nach der Toradja-Legende kam Puang Matówa bei Makále vom Himmel zur Erde herab, um hier eine Prinzessin der Unterwelt zu heiraten. Dieser Ehe entsprossen 3 Söhne und mehrere Töchter. Als die Kinder groß geworden waren, kam es zu einem Riesenkampfe zwischen den Himmelsgöttern und den Geistern der Unterwelt, welch letztere die Gemahlin Puang Matówas mit Gewalt in ihre Heimat zurückholen wollten. Wirklich gelang es ihnen, die Prinzessin und deren Töchter in die Unterwelt zu entführen. Von den zurückgebliebenen Söhnen aber ging der eine nach Góa und herrschte dort als Fürst über ganz Süd-Celebes bis Duri. Der zweite ergriff Besitz vom Königreich Luwu bis Koláka; während der letzte und älteste die Toradja-Lande und die im Norden von Celebes gelegenen Fürstentümer als Erbe überkam. Zugleich erhielt dieser älteste als Zeichen seiner göttlichen Abkunft das Himmelsschwert Dóso. Von den 3 Brüdern erhielt nur er sein Blut rein, und die Toradja behaupten deswegen, daß im kleinen Finger ihres Fürsten weißes Blut fließe. Bei ceremoniellen Anlässen trägt der Puang Taróngkong silberne Schutzhüllen an beiden kleinen Fingern.

Der hohe Besuch wurde von uns natürlich auf das beste empfangen. Alle mitgebrachten Schätze wurden dem Fürsten vorgelegt, und einige Geschenke erregten seine besondere Freude. Der Landessitte gemäß ließen wir als Getränk den Fruchtsaft der Arengpalme kredenzen. Das von den Toradja sehr geschätzte, leicht säuerlich schmeckende Getränk (bálok) mundete in der Tat ganz angenehm und erinnerte etwas an guten Most. Nach der Gärung ist der Palmwein herb und bitter, wirkt stark berauschend und ist schließlich nur noch für Eingeborene genießbar. In vorgeschrittener Stunde erst verließen uns unsere Besucher, nicht ohne daß der Fürst mir bereitwilligst die Erlaubnis erteilt hatte, ihn bei unserem Gegenbesuche in Dandelólo photographieren zu dürfen.

Makále — Bilálang, den 2. Oktober.

123. Puang Taróngkong, Fürst von Makále.

Die Halme der Reisfelder waren noch schwer vom Morgentau, als wir uns bereits auf dem Wege zur Feste Tondong-Dandelólo befanden. Gewiß waren die dahinführenden Pfade durch die Reissümpfe wenig angenehm; was aber wollte dies heißen gegenüber dem schauderhaften Aufstieg zur Benteng selbst! Da hausten nun diese Menschen seit Generationen hinter ihren Felsenmauern, ohne daß einer auf den Gedanken gekommen wäre, einen halbwegs gangbaren Pfad zu schaffen. Unverdrossen schleppen die Frauen der hier wohnenden Familien tagaus tagein die schweren Wasser-Bambusse oder Lasten vom Felde die steilen Felsenhänge hinan. — Um den unteren Gürtel der Feste zog sich eine Art Bastion, hinter welcher meterhohes Unkraut wucherte. Ziemlich weit oben erst standen regellos zerstreut die hochgiebeligen, eigenartig aussehenden Wohnhütten, um die sich künstlich errichtete Steinwälle herumzogen, die nur einen schmalen Gang um die Behausungen freiließen. Dürftigkeit und Raummangel drückten den Hütten ihr Signum auf.

Der Puang Taróngkong in höchsteigener Person erwartete uns auf der ersten Plattform der Benteng. Umgeben von einigen Vertrauten und 2 Lanzenträgern empfing uns der Fürst in vollem Ornate. Es kostete uns Mühe, angesichts seiner Ausstaffierung die Fassung zu bewahren. Der wohlbeleibte hohe Herr steckte in kurzen Kniehöschen, deren Farbe noch schüchtern an einstiges unschuldsvolles Weiß erinnerte. Den robusten Oberkörper umhüllte schamhaft ein auf dem bloßen Leibe getragener dicker dunkelblauer Tuchrock, vermutlich ein älteres holländisches Uniformstück, das dunkles Schicksalswalten nach Central-Celebes verschlagen hatte, um es hier zu neuen, hohen Ehren erstehen zu lassen. Die Brustseite dieser Galajacke war mit messingnen Zierknöpfen in phantasievoller Anordnung benäht. Über dem Rocke trug Puang Taróngkong den Lámbung, das weiße Hüftentuch, schärpenartig um die Lenden gewunden, darunter, vom Tuche völlig bedeckt, das Himmelsschwert Dóso. Bei den Toradja wie bei den Luwuresen gilt das Offentragen des Schwertes als ein Zeichen kriegerischer, wenn nicht feindlicher Gesinnung. Es bedurfte daher wiederholter Bitten, ehe sich der Fürst zu dem etikettenwidrigen Vorzeigen des Himmelsschwertes, seines kostbarsten Besitzes, entschloß. Meine schon nicht großen Erwartungen, eine Prunkwaffe sehen zu können, sollten enttäuscht werden. Es handelte sich bei dem Staatsobjekt um ein nach europäischen Begriffen recht unscheinbares Stück, dessen kurze gerade Klinge sich allerdings durch sehr schönen Pamur auszeichnete. Historisch und von allen anderen in Celebes existierenden Formen abweichend war an dem Schwerte nur der aus feinem Pelée-Holze geschnitzte Griff. Der Tradition nach wurde dieser absonderlich gekrümmte Schwertknauf einst in einem heiligen Waringinbaume gefunden. Seit dieser Zeit wurden Schwerter mit dieser Grifform von den Fürsten und Vornehmen der Toradja für ihren ausschließlichen Gebrauch in Anspruch genommen, und kein gewöhnlicher Mann darf eine solche Waffe tragen. Derartige Pusáko-Objekte (uralte Erbstücke) gelten als unveräußerlich, und kein Preisangebot vermag den Besitzer zur Hergabe eines solchen zu bewegen. Die Zähigkeit, mit welcher derartige Objekte von ihrem Eigentümer festgehalten werden, erklärt sich daraus, daß in Ermangelung schriftlicher Urkunden adelige oder fürstliche Abstammung nur durch solche wertvolle Familienerbstücke bewiesen werden kann.

Die Vervollständigung der originellen Kostümierung Puang Taróngkongs bildete ein Unikum von Kopfbedeckung. Ein alter Tropenhelm europäischer Provenienz war anläßlich seiner neuen Bestimmung, ein Fürstenhaupt zu schmücken, rot angestrichen worden. Den derart veredelten Filz hatten Künstlerhände über und über mit kleinen, aus Goldpapier geschnittenen Hahnenfiguren beklebt, während an der Stirnseite ein paar stilisierte Büffelhörner aus demselben Material prangten. Unter dem Helme trug der Fürst noch das gewohnte Kopftuch (úlang) um die Stirn gewunden, dessen 4 Zipfel seitlich und rückwärts hervorstanden. Im drolligen Gegensatze zu dem feierlichen Aufputze des Fürsten standen seine nackten dicken Waden und bloßen Füße, und man wird zugeben, daß es nicht ganz leicht war, dabei ernst zu bleiben. Lediglich der die Brust Puang Taróngkongs schmückende Oranje-Orden enthob mich jeden Zweifels, einen anerkannten Landesfürsten vor mir zu haben.

Nach den Empfangspräliminarien beeilte ich mich, meine mitgebrachten Geschenke, eine Halskette für den Fürsten und einige Perlenketten für seine Frauen, zu überreichen. Ich erwarb mir dadurch seine Huld in so hohem Grade, daß er mir als Gegengabe sofort eine Lanze und einen interessanten alten Schild aus Büffelhaut mit Muschelschmuck überreichen ließ. Nunmehr erfolgte die photographische Verewigung des Herrschers und hernach unter seinem persönlichen Geleit die Besichtigung der Benteng.

Die frühere Bedeutung Tondong-Dandelólos ist seit Begründung der Regierungsstation Makále stark im Zurückgehen begriffen. Der Fürst und die angeseheneren Familien haben sich im Tale neue, bequemere Wohnhäuser erbaut, so daß die gegenwärtigen Bewohner des Felsennestes fast durchgehends der weniger bemittelten Klasse angehörten. Außer einigen wenigen ansehnlichen Holzhäusern mit schön und kühn geschweiften, weit vorspringenden Dächern fand ich daher nur gewöhnliche Bambushütten, unter denen sich Rudel kleiner Schweine herumtrieben. Als Wohnstättengebiet hinterließ mir Tondong-Dandelólo somit keinen besonders erfreulichen Eindruck. Die Dürftigkeit der Hütten wurde jedoch wettgemacht durch die hochinteressanten Felsengräber, welche ich hier besichtigen konnte. Überall in den hohen Gneiswänden waren Grüfte mit quadratischer oder rechteckiger Eingangsöffnung ausgemeißelt. Die Himmelsrichtung scheint bei der Anlage der Liang von keinerlei Bedeutung zu sein. So öffneten sich die bei Mápak gefundenen Gräber in südöstlicher Richtung, die später bei Tondong-Sueia gesehenen in nördlicher und die hier befindlichen hauptsächlich nach West und Nordwest. Die Herstellung der Felsengräber ist außerordentlich mühsam und zeitraubend, und daher lassen die begüterten Toradja ihre Familiengrüfte schon zu Lebzeiten ausmeißeln.

In ihrer äußeren Gestaltung wichen die hier besichtigten Liang von den früher gesehenen etwas ab. Die Holztüren der letzteren schlossen glatt mit der Felswand ab; in Tondong-Dandelólo dagegen waren die Holztüren so tief eingerückt, daß vor ihnen geräumige Nischen freiblieben, deren Bestimmung es war, die Tau-Tau (Totenwachen) aufzunehmen. Mit dieser im Makále-Tale üblichen Aufstellung von Totenwachen hat es eine eigene Bewandtnis. Diese mit kriegerischen Attributen ausgestatteten menschlichen Figuren symbolisieren einen von den Toradja sehr gefürchteten Gott, richtiger: bösen Geist, dem die Bevölkerung den größten Einfluß auf ihre Geschicke zuschreibt, und dem man daher die meisten Opfer darbringt. Damit nun der Dewáta sich überzeugen könne, daß ihm bei den Totenfeierlichkeiten alle gebührenden Ehrungen und Opfer von den Hinterbliebenen dargebracht worden sind, stellt man eine denselben vorstellende Puppe in den Grabnischen auf. Die Größe dieser Figuren ist recht verschieden und richtet sich nach der des Vorraumes. Ich fand solche von ½ m Höhe bis zur vollen Lebensgröße. Es war mir aber nicht möglich, zweifelsfrei festzustellen, ob mit der Bezeichnung »tau-tau« der Name des Dämons gemeint ist, oder ob nur die diesen darstellende Puppe so genannt wird.

124. Felsengruften in Dandelólo.

Es traf sich glücklich, daß ich in Tondong-Dandelólo ein im Entstehen begriffenes Felsenmausoleum besichtigen konnte. Die in Arbeit befindliche Gruft lag in einer Höhe von ca. 15 m über der Talsohle. Trotz dringenden Abratens meiner Umgebung ließ ich mir die Gelegenheit zu einer Besichtigung aus nächster Nähe nicht entgehen. Auf einer bedenklich schwankenden Bambusleiter, deren mit Arengfasern festgebundene schräg stehende Sprossen je ¾ m voneinander entfernt waren, kletterte ich vorsichtig in die Höhe. Mit einiger Mühe gelang es mir, mich auf die vor der Aushöhlung hergerichtete Plattform zu schwingen, auf welcher die Arbeiter ihr Werk begannen. Leider war die Arbeit noch zu wenig vorgeschritten, als daß sich viel darüber berichten ließe. Im grobkörnigen Granit war ein ca. 2 m tiefer und 1 m hoher Stollen mit rechtwinklig zusammenstoßenden Flächen ausgemeißelt, der, wie man mir sagte, bis auf Manneshöhe erweitert werden sollte. Dies war alles und die Klettertour der Mühe nicht wert. Ich war froh, als ich mit heilen Gliedern wieder unten war.

Alles Sehenswerte in Dandelólo war nun gewürdigt, und wir verabschiedeten uns dankend vom Puang Taróngkong, der mir noch versprach, mir das Modell eines Tau-Tau und einer Leichenbahre anfertigen zu lassen und nach Rantepáo nachzusenden.

Auf dem Rückwege zur Station kamen wir an einem interessanten Reisfeld-Fetisch von seltener Größe vorüber, der photographiert wurde. Als wir Makále wieder erreicht hatten, war es bereits 9 Uhr geworden, und lange schon harrten die neuen Träger des Aufbruches.

Rasch empfahlen wir uns bei Herrn Hauptmann N., und dann ging es auf unser neues Ziel, Bilálang, zu.

Der Morgen war prächtig, aber bereits sehr heiß. Kein Lüftchen regte sich, und unbeweglich, wie eingemauert standen die Bambusfetische, welche hier in erstaunlicher Menge auftauchten. Allenthalben ragten die bewimpelten Stangen in die Höhe; jedes kleine Reisfeld wies einen solchen »Zauber« auf, da eben die Neubepflanzung stattgefunden hatte. Die meisten der Sawas waren auch hier bereits unter Wasser gesetzt. In das ewige Einerlei brachten nur die zahlreichen Fischtümpel etwas Abwechslung. Diese waren künstlich hergestellte, tiefe, kreisrunde Wasserlöcher, die mit hohem Schilf eingefaßt waren. Beim Entwässern der Felder werden die kleinen Fische, welche die Reissümpfe in ungeheuren Mengen bevölkern — Aale und Welse — in diese Wasserreservate zusammengetrieben. Sie bilden die Zukost zu dem täglichen Reisgericht der Bevölkerung.

125. Reisfeld-Fetisch.
126. Felsengräber am Sádang-Fluß.

Schon nach kurzem Marsche kamen wir an das Ufer des tiefen und reißenden Sádang-Flusses. Dieser bedeutende Wasserlauf entspringt im Sesean-Gebirge. Seine periodisch wiederkehrenden Hochwasser und seine hier flachen und sumpfigen Ufer bildeten für einen Brückenbau bisher unüberwindliche Hindernisse, so daß eine Bambusfähre den Verkehr vermitteln muß. Es dauerte lange und kostete viele Mühe, ehe wir auf diesem Fahrzeuge den Sádang passiert hatten. Der Fluß bildete gleichzeitig die Grenze des angebauten Landes. Drüben betraten wir zuerst wüstes Überschwemmungsgebiet, das alsbald in buschbestandenes Hügelland überging. Hart am Fuße des ansteigenden Terrains ragten Felsen aus dem Ginstergestrüpp heraus, die einzigen im Umkreise. Just der kleinste von ihnen, eine Steinbank von kaum 2 m Höhe bei ca. 8 m Länge, enthielt eine Anzahl Grabkammern, die mir in mehr als einer Hinsicht bemerkenswert erschienen. War es schon auffallend, in so exponierter Lage überhaupt Liang anzutreffen, so war es noch unerklärlicher, daß man dafür nicht zum mindesten einen der dicht daneben gelegenen, viel größeren und vor den Überschwemmungen des nahen Salu-Sádang gesicherten Felsen gewählt hatte. Was diese Grüfte aber noch besonders vor allen anderen bisher gesehenen unterschied, war ihre auffallende Kleinheit, die wenig sorgfältige Bearbeitung des Gesteins und die geringe Zuverlässigkeit der Verschlüsse. Das Allersonderbarste aber waren die zu diesen Miniaturgräbern gehörigen Totenwachen. An einem den Liang gegenüberliegenden riesigen Steine hatte man ein Bambushäuschen errichtet, das nicht weniger als 7 lebensgroße Tau-Tau enthielt. Zur besseren Würdigung dieser merkwürdigen Gräber am Sádang füge ich eine Photographie derselben bei. Ein Grund für die weder vorher noch später jemals wieder angetroffene Vergesellschaftung der Totenwachen in einem besonderen Hause ließ sich nicht finden; denn der Erklärung, vor den einzelnen Grabkammern sei kein Platz und eine Verkleinerung der Figuren könne die Dewáta erzürnen, widerspricht die auf der Photographie deutlich erkennbare, in der Gruft außen links untergebrachte Tau-Tau-Figur.

127. Totenwachenhaus der Felsengräber am Sádang-Fluß (oben) mit dazugehörigen Puppen (vergrößert, unten).

Aus den unserer Wegerichtung vorgelagerten Hügeln wurden bald ansehnliche Bergzüge, über welche hinweg wir dem Tale des Taparang, eines Nebenflusses des Sádang, zustrebten. Unterwegs begegnete uns ein Trupp Toradja, die ein großes Schwein zum Verkaufe nach Makále brachten. Dieses hing ganz gemächlich in breiten Fasergurten, die an zwei langen Stangen befestigt waren. Vier Mann hatten schwere Mühe, das Ungetüm über die Berge zu schleppen. Vier andere begleiteten sie, um sie beim Tragen abzulösen. — Dieses echt schildbürgerliche Stückchen amüsierte uns sehr, da das Borstenvieh auf eigenen Beinen ebenso gut nach Makále gekommen sein würde.

Gleich dem Sádang-Flusse ist auch der Taparang ein ansehnliches Gewässer. Den Übergang vermittelt eine im ganzen Lande bekannte Brücke, welche den Fluß in der stattlichen Länge von 150 m überspannt. Sie gilt als ein Meisterwerk der Toradja-Baukunst, die es hier verstanden hatte, die auf hohen Steinborden errichteten Brückenlager gegen jedes Hochwasser zu sichern, während die Uferböschungen durch geschickt angebrachte, mit Steinen gefüllte Korbfaschinen gegen Unterspülung geschützt sind. Die Malereien an den Brückenköpfen schwelgen in den derbsten Obscönitäten. In Übereinstimmung mit anderen Toradja-Bauwerken im Centrum des Landes hatte auch die Taparang-Brücke ein in der Mitte schwach niedergebogenes Dach mit weit vorspringenden Giebeln. Die Holzverschalungen unter diesen Dachgiebeln nun waren über und über mit Darstellungen oben erwähnter Art und anderen Malereien bedeckt. Neben traditionellen Ornamenten, wie mäandrischen Mustern, Sonnenrädern usw., sowie symbolischen Zeichnungen, durch welche sich immer wieder der Haß gegen die alten Erbfeinde der Toradja, die Luwuresen, Luft macht, spielte auch der Priapismus, wie die beigegebene Photographie ersichtlich macht, eine große Rolle.

128. Brücke über den Taparang-Fluß.

Über sterile Höhenzüge hinweg schnitten wir eine gewaltige Schleife des Taparang-Flusses ab, um denselben weiter oben, beim Dorfe Rimbung ein zweites Mal, auf einer ähnlichen Brücke zu überqueren. Die Malereien am Brückenkopf behandelten diesmal Scenen aus dem letzten Aufstande gegen die Holländer. — In Rimbung überreichte man uns als Dorfgeschenk eine Anzahl Kokosnüsse, die uns nach den heißen Wegen eine recht willkommene Erfrischung boten. Von hier ab trennte uns noch ein dreistündiger Weg von Bilálang, wo wir zu nächtigen gedachten. Der Marsch dorthin über ödes, baumloses Bergland und zur Zeit der größten Mittagshitze war ziemlich unerquicklich. Wir kamen dabei in beträchtliche Höhen und hatten alle Launen des zerklüfteten Geländes, denen der Fußpfad sklavisch nachgab, in vollem Maße zu ertragen. Auf einer felsenübersäten Kuppe stießen wir auf eine alte Kultstätte. Ein Dutzend spitz zulaufender Granitblöcke von Kindergröße bis Manneshöhe waren daselbst in Abständen von je 4–5 m im Kreise aufgestellt. Diese Steine dienten zum Anbinden der Opferbüffel, und ihre verschiedene Höhe versinnbildlichte den Rang der opfernden Familie, deren jede ihren eigenen Stein besitzt. In geringer Entfernung um diesen Steinkreis waren noch Feuerstätten und Überreste von Laubhütten zu erkennen, die während des letzten Opferfestes den Teilnehmern als Lagerplätze gedient hatten. Bei der späteren Beschreibung einer Toradja-Totenfeier in Tóndong werde ich auch auf diese Opferplätze ausführlicher zu sprechen kommen.

Wieder einmal standen wir auf eines Berges Höhe, und diesmal sollte meine Erwartung nicht getäuscht werden: Bilálang lag tief unter uns in einem von dem ungestümen Lédo durchströmten Kesseltale voll romantischer Schönheit. Dieses glich inmitten 700–800 m hoher Randgebirge einem ungeheuren Cirkus. Auf einer kleinen Anhöhe lag die leerstehende Militärstation und über derselben auf einem Hügelrücken das kleine Dorf Bilálang. Mit neubelebtem Eifer eilten wir den steilen Fußpfad hinab, dem einladend aussehenden Quartiere entgegen. Bei unserer Ankunft dort mußte erst der Häuptling des Dorfes herbeigeholt werden, dem von der Regierung die Schlüssel zu den Unterkunftsgebäuden anvertraut waren.

Nie bereitete mir ein Bad einen höheren Genuß als heut in dem kühlen Lédo-Flusse, nach dem anstrengenden Marsche; kaum je habe ich mit größerem Appetit des rasch zubereiteten Mahles geharrt als hier in Bilálang. — Erst nach längerer Ruhe kam mir die wundervolle Lage des Ortes zum Bewußtsein. Man konnte sich in einen riesigen erloschenen Krater versetzt glauben. Die rings emporsteigenden Höhen waren bis weit hinauf mit Felder-Terrassen bedeckt; zahlreiche Hütten lagen dazwischen in malerischer Unregelmäßigkeit zerstreut.

Ich hatte gleich nach unserer Ankunft dem Dorfhäuptlinge meine auf den Erwerb ethnographischer Objekte gerichteten Wünsche bekannt geben lassen und auch meine eigenen Leute durch Versprechung angemessener Gratifikationen angespornt, in den zerstreut liegenden Hütten Nachfrage zu halten. Der Erfolg war recht günstig, und bald entwickelte sich auf der Station eine Art Pásar. So weltentlegen diese Bilálang-Toradja auch lebten, auf den Handel verstanden sie sich meisterhaft und waren durchweg redlich bemüht, die seltene Gelegenheit gründlich auszunutzen. So forderte man beispielsweise für Schwerter, die mir in solch typischen Formen — nach Art des Himmelsschwertes Dóso in Makále — allerdings bisher noch nirgends angeboten worden waren, Preise von 35–50 Gulden pro Stück. Schweren Herzens verzichtete ich auf diese Kostbarkeiten. Dagegen gelang es mir hier, neben einer Menge diverser Wirtschaftsgeräte einige höchst interessante Lederschilde zu erwerben, die schönsten dieser Art, die ich in diesen Gebieten zu sehen bekam.

129. Toradja-Schilde.

Die fremden Besucher blieben bis in die Nacht hinein bei uns im Lager, und ich denke mit besonderer Freude an diesen lebhaften, mit Gesprächen, Gesängen und Scherzen unserer Leute ausgefüllten Abend zurück. Grandios, düster hoben sich die Silhouetten der den Talkessel umrahmenden Gebirge gegen den klaren gestirnten Himmel ab. Lodernder Fackelschein erhellte die in nachtschwarze Schatten getauchte nähere Umgebung und blitzte vom nahen Flusse herauf, wenn die mit Feuerbränden hin und wider gehenden Träger Wasser schöpften. In zwanglosen Gruppen lagerten unsere Soldaten um ihre schwelenden Feuer. Einzelnen Leuten mit wundgelaufenen Füßen erwiesen Kameraden Samariterdienste. Andere frönten mit Leidenschaft dem Karten- oder Würfelspiel. Dazwischen zeichneten sich, beleuchtet vom ungewissen Scheine der Lagerfeuer, in scharfen Linien die in Pyramiden zusammengestellten Gewehre ab. Schweißdurchtränkte Uniform- und Wäschestücke hingen an langen Stangen zum Trocknen. Abgesondert von der Mannschaft, bildeten die aus Sträflingen mit guter Führung bestehenden Soldatenkulis ähnliche Gruppen, während meine eigenen Träger, die von der ungewohnten Last meiner Stahlkoffer sehr ermüdet waren, sich meist schon zur Ruhe begeben hatten und, in ihre Schlaftücher eingemummt, mehr niedergelegten großen Ballen als menschlichen Schläfern glichen. Nur die ruhelos auf und ab wandernden Wachposten gemahnten daran, daß wir uns auf heißem Boden befanden, wo den kaum beruhigten Gemütern gegenüber noch größte Vorsicht geboten war.

130. Toradja-Eßlöffel.

Bilálang-Bituáng, den 3. Oktober.

Die Landschaft Bituáng, die wir heut zu erreichen gedachten, war durch das hohe Lédo-Gebirge von unserem Lagerplatze Bilálang geschieden. Sollten wir nicht wieder beim Steigen dem ärgsten Sonnenbrande ausgesetzt sein, so hieß es frühzeitig aufbrechen. Leider verursachte der Kuliwechsel in Bilálang eine längere Verzögerung des Abmarsches. Ich wechselte nämlich von Station zu Station die Träger, wobei es dem Häuptling der zuletzt erreichten Ortschaft oblag, für eine genügende Anzahl frischer Leute zu sorgen. Die Zahl der für meinen Gepäcktransport nötigen Kulis steigerte sich aber progressiv, da täglich von mir unterwegs angekaufte Objekte hinzukamen. In Bilálang nun ließen die Träger auf sich warten, und es dauerte ziemlich eine Stunde, ehe alle Mann zur Stelle waren. Aber auch dann noch gab es viel Verdruß. Trotzdem es durchwegs muskulöse, hochgewachsene Leute waren, konnten sie sich nicht zur Übernahme der größeren Gepäckstücke entschließen. In solchen Fällen hilft nur physische Überlegenheit, und ich hatte mich also dem nicht zu unterschätzenden Morgenexercitium zu unterziehen, jedem der 16 Mann durch Anheben seiner Last plausibel zu machen, daß dieselbe nicht zu schwer sei. Dies genügte in den meisten Fällen; andernfalls halfen ein paar Soldaten mit sanftem Zuspruch nach.

Man merkte an dem störrischen Benehmen dieser Leute, daß sie sich in ihren entlegenen Bergen noch sehr unabhängig fühlten, und nun verstand ich auch die weise Voraussicht der Paloppo-Herren, wenn sie auf einer militärischen Begleitung für mich bestanden hatten. Ohne eine solche hätte ich einfach umkehren müssen; denn kein Mann der Bevölkerung hätte mir freiwillig Trägerdienste geleistet, zumal zu den vom Gouvernement bestimmten Lohnsätzen von einem halben bis einen Gulden pro Tag und Mann. Das freie und ungenierte Auftreten der Bilálang-Leute war bereits grundverschieden von dem unterwürfigen Benehmen der Bewohner des Makále-Gebietes.

Nach vielem Spektakel, ohne den es einmal bei derlei Anlässen nie abgeht, waren endlich sämtliche Träger auf den Beinen, und ich konnte an mich denken. Bevor ich jedoch der Trägerkolonne folgte, stattete ich erst noch in Begleitung meines Boys und eines Apparatträgers dem höher gelegenen Dorfe einen Besuch ab.

Es schien mir aus älterer Zeit zu stammen und bestand aus einer Doppelreihe festgefügter, schöner Holzhäuser mit prachtvollen Giebelaufbauten und reicher Bemalung, die aber durch das Alter schon sehr gelitten hatte. Diese Häuserzeile erinnerte mich an ähnliche merkwürdige Haustypen in Toba im centralen Sumatra. In der Bauart wie in der Ausschmückung wiesen die Häuser dort eine unverkennbare Ähnlichkeit mit den hiesigen auf. Das Seltsame in Bilálang nun war, daß ziemlich das ganze Dorf von seinen ehemaligen Bewohnern verlassen war. Ob Krieg oder Seuchen die Entvölkerung verursacht hatten, vermochte ich nicht in Erfahrung zu bringen. Jedenfalls standen im Dorfe die meisten Hütten leer und waren dem Verfalle preisgegeben. Hohes Unkraut überwucherte Weg und Steg, und halbwilde, schwarze, spitzköpfige Schweine trieben sich unter dem Gebälk der verlassenen Bauten herum. Die drei oder vier noch bewohnten Häuser nahmen sich in solcher Umgebung doppelt traurig aus. Der Gesamteindruck dieses in früherer Zeit wohl menschenreichen Dorfes wirkte verstimmend, wozu wohl auch das scheue und abweisende Benehmen der wenigen Bewohner beitrug, die sich bei unserer Ankunft in überstürzender Eile in ihre Hütten zurückzogen. Kein Zuruf und keine Versicherung vermochte die Leute hervorzulocken, so daß mir nach einer photographischen Aufnahme nur übrig blieb, diesem unheimlichen Orte den Rücken zu kehren. Eigentümlicherweise gehörte auch diese Aufnahme, wie sich später herausstellte, zu den wenigen mißglückten.

In forciertem Tempo eilten wir nun unseren Leuten nach. Der Weg war vorerst einfach eine Fortsetzung des gestern begangenen, indem er weiterhin an den Berglehnen entlang führte, nur daß diese von Bilálang an unter dem Namen Lédo-Gebirge zu bedeutenderen Höhen anstiegen. Ungefähr in halber Höhe der jäh abstürzenden Hänge zog sich der Pfad hin. In der Tiefe stürmte in enger Schlucht der wilde Salu-Puti tosend über die Felsen, als könnte er es nicht erwarten, sich mit dem Lédo-Flusse zu vereinen. Unendliche öde und Trostlosigkeit atmete die uns umgebende alpine Landschaft. Früher hatten wohl auch diese Berge üppigen Wälderschmuck getragen, ehe es menschlicher Unverstand fertig brachte, die jetzige Steinwüste daraus zu machen. Noch verrieten verschiedentlich stehen gebliebene, schwarz gebrannte Stümpfe von Areng- und Arekapalmen die Stellen, wo früher einmal Dörfer gestanden hatten. Die Eingeborenen haben von der Bedeutung des Waldes leider nicht die geringste Ahnung, sonst würden sie nicht immer wieder, um ein kleines Stück Land urbar zu machen, den Wald darauf niederbrennen, ohne dem Feuer Grenzen zu setzen. Wenn nicht zufällig eintretende Regengüsse dem entfesselten Element Einhalt gebieten, fressen die Flammen wochen- ja monatelang weiter, und die Waldbestände ganzer Bergrücken sind der Vernichtung preisgegeben. Was dann noch zu tun übrigbleibt, verrichtet in kürzester Zeit die Gewalt der niederstürzenden Wassermengen während des Regenmonsuns. Auch die letzte Krume Humus wird davon hinweggespült und meerwärts getragen, und was zurückbleibt, ist nacktes Felsgerippe.

Ziemlich an jeder der zahlreichen Wegebiegungen waren wieder die bekannten Bambus-Zauber aufgestellt, Zeugen der mühevollen und gefährlichen Arbeit, die die Anlage dieses Saumpfades gekostet hatte. Ein Schlaglicht auf die immer noch unklaren politischen Verhältnisse in diesen Landesteilen wirft der Verlauf eines Zusammentreffens mit einem Bergbewohner. Derselbe tauchte an einer unübersichtlichen Wegebiegung dicht vor mir auf. Kaum hatte er mich erblickt, als er mit allen Anzeichen tiefsten Erschreckens vom Wege absprang und den halsbrecherischen Hang hinabzuklettern begann. Dabei stieß er, lebhaft gestikulierend, fortwährend laute Rufe aus: »saya tida tau-lá, saya tida tau-lá« (ich weiß von nichts, ich weiß von nichts)! Momentan dachte ich, der Mann sei nicht klar im Kopfe, bis mir mein herbeigeeilter Boy erklärte, daß der Sohn der Wildnis nur deshalb verschwand, weil er befürchtete, von mir als Führer gepreßt und zu Auskünften über seine Landsleute gezwungen zu werden. Derartiges war während der letzten Aufstände gegen die Holländer öfter vorgekommen, und um sich einem gleichen Schicksal zu entziehen, bequemte er sich zu der verwegenen Escapade den Abhang hinunter.

Die Landschaft nahm langsam einen freundlicheren Charakter an. Wasseradern drängten sich zutage, und schüchtern wagten sich die ersten Kräuter heraus. Der Weg führte uns zum Flusse hinab, in dessen engem, heißem Talgrunde die Vegetation wieder voll zu ihrem Rechte kam. Wir kamen bald in bewohnte Landschaften. Diese vorgeschobenen niederen Ausläufer des Lédo-Gebirges waren hier dicht besiedelt. Die stets hoch gelegenen Dörfer waren hinter Bambuswäldchen versteckt. — Eine uns begegnende Toradja-Frau hielt sich beim Vorübergehen die Hand mit weit gespreizten Fingern vor das Gesicht. Es war dies eine Beschwörungsgeste gegen den bösen Blick, die ich meinem sehr verwilderten Vollbarte zu verdanken hatte. Bärtige Gesichter sind eben den Toradja etwas ganz Fremdes und Unbekanntes und flößen ihnen Furcht und Entsetzen ein.

131. Lédo-Gebirge.
132. Landschaft Bituáng.

Wir näherten uns nun rasch der Tiefebene von Bituáng, und um eine letzte Biegung herumkommend, sahen wir diese von fremden Einflüssen bisher unberührt gebliebene Landschaft in weiter Ausdehnung vor uns liegen. Die Lage von Bituáng, das vom hohen Balían-Gebirge und den Waldbergen von Mándar flankiert ist, war hervorragend schön. Im Tale angekommen, passierten wir den vielgewundenen Salu Bela auf einer schmucklosen Holzbrücke. Vor uns auf einer kleinen Anhöhe lag die jetzt unbewohnte Militärstation Bituáng, deren Holzbaracken wir bezogen. In Büchsenschußweite von der Station entfernt ragte das merkwürdigste geschichtliche Baudenkmal, das die Toradja-Lande aufzuweisen haben, in die Höhe — die Toradjaburg Néneng (s. Taf. VII). Der Ausblick auf diese war uns bisher durch den Stationshügel verdeckt gewesen; um so verblüffender wirkte der Anblick. Néneng ist eine in ihrer Art einzige, hoch interessante Eingeborenenfestung. Sie galt früher als die stärkste strategische Position der Toradja und ergab sich im letzten Kriege den Holländern erst nach längerer Belagerung, nachdem diese Kanonen herangeschafft hatten.

Unsere häusliche Einrichtung war beendet; die Kulis waren abgelohnt, und eine kurze Ruhe hatte meinen Unternehmungsgeist neu belebt. Ich überlegte gerade, was nun als erstes zu beginnen sei, als eine Deputation aus Néneng angemeldet wurde, die uns die üblichen Gastgeschenke überreichen wollte. Diese bestanden aus je einem Huhn für Herrn Hauptmann K. und mich, sowie aus flachen, mit Reis gefüllten Körben mit je 7 Eiern. Durch frühere Erfahrungen gewitzigt, überließen wir nicht nur den Reis, sondern auch die Eier, die uns unter normalen Umständen eine willkommene Gabe gewesen wären, unseren Leuten. Eine eigenartige Geschmacksverirrung nämlich läßt den Toradja das Ei erst dann schmackhaft erscheinen, wenn es vor Fäulnis bereits schwarz durch die Schale schimmert. Leider verstanden wir die Courtoisie, uns ganz besonders faule Eier zu senden, nicht voll zu würdigen und versagten uns einen Genuß, für den ich niemals die nötige Energie aufgebracht habe. Eine andere Ausgeburt der Toradja-Gastronomie besteht darin, das angebrütete Ei mit möglichst weit entwickeltem Embryo zu verzehren, wobei es mir immer eiskalt über den Rücken lief.

Der Führer und Sprecher der Dorfabgesandten war der Häuptling Ledóng, der den Titel Paríngin führt. Er überragte seine Stammesgenossen weit an Intelligenz, sprach geläufig malayisch und war sehr lebhaften und heiteren Temperamentes. Der ganze Bituáng-Distrikt erkannte ihn als Oberhäuptling an, und er erfreute sich bei seinen Landsleuten hohen Ansehens und allgemeinster Beliebtheit. Seinen Bemühungen ist es zu verdanken, daß ich in Bituáng eine wahrhaft glänzende ethnographische Ausbeute zusammenbringen konnte.

Nach dem üblichen Höflichkeitsaustausch machten wir, Herr Hauptmann K. und ich, uns unter der Führung des Paríngin auf, der Burg Néneng einen Besuch abzustatten. Die Benteng wurde von einem der Vorfahren des Paríngin Namens Bong Ledóng erbaut, und dieser hatte es verstanden, den außerordentlich günstig gelegenen, auf 3 Seiten isolierten Bergvorsprung zu einer Verteidigungsposition umzugestalten, deren Ausgestaltung für Toradja-Verhältnisse geradezu beispiellos ist. Von den Eingeborenen als ein Wunder angestaunt, galt sie bis zu ihrer Übergabe an die holländischen Truppen für uneinnehmbar. Bong Ledóng wurde nach seinem Tode von seinen dankbaren Untertanen unter die Götter versetzt, also zum Dewáta erhoben, als welcher er von der jetzigen Generation verehrt wird. Hiernach zu schließen, muß er auch als Persönlichkeit ein überragender Geist gewesen sein; denn nur ganz hervorragenden Menschen ist es nach Toradja-Glauben beschieden, nach ihrem Ableben einer solch außerordentlichen Ehrung teilhaftig zu werden.