Paloppo, der Schlüssel zum gewaltigen Bugireiche Luwu, dessen Gebiet, tief unten im Süden des Boni-Golfes beginnend, fast das gesamte centrale Celebes umfaßt und bis zur Tomini-Bucht im Norden der Insel reicht, lag zum zweiten Male vor mir.
Mit dem »van Spielbergen« von Malili kommend, hatten wir eine unruhige Sturmnacht hinter uns. Ein trüber Morgen dämmerte eben herauf, als die dumpf heulenden Töne der Dampfersirene der Bevölkerung Paloppos das Eintreffen des Postschiffes anzeigten. Die Schönheit des amphitheatralisch aufgebauten Landschaftsbildes, wie sie keinem anderen Küstenplatz von Mittel-Celebes eigen ist, war heut durch graue Dunstschleier stark beeinträchtigt. Dazu kam, daß unter dem bewölkten Himmel die sonst indigoblaue Flut des Golfes von Boni in einem fahlen Graugrün erschien und bei dem hohen Seegange die zahlreichen Boote fehlten, die bei meinem ersten Hiersein die weite Fläche belebten.
Verlassen lag die weite Bucht; weiße Schaumkämme fegten über den Meeresspiegel. Die Küste war wie ausgestorben. Schlief denn noch alles? — Verwundert suchten wir mit den Feldstechern die Küste und das weit hinausgebaute Pier ab. Wieder und wieder ertönte die Dampfpfeife. Da endlich begann es sich an Land zu regen, und ein einzelnes Boot stieß ab. Endlos lange dünkte es mir, bis es näher kam, und nun sahen wir auch deutlich eine — gelbe Flagge vom Stern des Bootes wehen. Wer da weiß, daß Gelb die Quarantänefarbe bedeutet, wird die Gefühle verstehen, die der Anblick dieser ominösen Flagge bei uns allen auslöste. Nicht lange mehr, und das Gefürchtete wurde zur Gewißheit: in Paloppo wütete die Cholera. —
Obschon in diesen Breiten die Cholera fast nie ganz erlischt und als nahezu endemisch bezeichnet werden muß, gehört es doch glücklicherweise zu den Seltenheiten, daß die Seuche in so bösartiger Form auftritt, wie es diesmal in Paloppo der Fall war, wo zur Zeit des Höhepunktes derselben bis 17 Todesfälle täglich vorkamen.
Das war nun allerdings ein recht unerwarteter Empfang. Das Fahrzeug mit der Hiobsbotschaft hatte nur die Postsäcke abgegeben und übernommen; an Bord durfte niemand. Der Dampfer konnte unter den obwaltenden Umständen weder Ladung löschen noch einnehmen, so daß der Kapitän beschloß, unverzüglich die Weiterfahrt anzutreten. Ich befürchtete schon, daß auch meiner Ausschiffung Schwierigkeiten bereitet werden könnten. Doch nein, schon näherte sich eine Schaluppe mit der Regierungsflagge im Heck. Der Herr A.-Resident von Paloppo, Herr Breedveldt de Boer, hatte die besondere Liebenswürdigkeit, mich auch heut wieder abholen zu lassen. Ich kam ja aus dem noch unverseuchten Malili und durfte also ungehindert an Land gehen, stand jedoch nach dem Betreten desselben ebenfalls unter Quarantäne und hatte alle Annehmlichkeiten derselben durchzukosten. Doch da gab es kein langes Besinnen. Eiligst verabschiedete ich mich von dem Kapitän und begab mich, nur von meinem makassarischen Boy Rámang begleitet, in das unser harrende Boot.
Es war gerade ein Monat verstrichen, seit ich die betriebsame Luwu-Residenz zum ersten Male betreten hatte. Damals pulsierte ein frohbewegtes Leben im Orte, und das geschäftliche Treiben spielte sich in echt orientalischer Weise vor den Häusern ab, wo Rotangbündel verschnürt, Kopra verladen, Dammar gehandelt und große Körbe voll Baumwolle abgewogen wurden. In der stets bedenklich trüben Flut des Paloppo durchströmenden Flüßchens tummelten sich Scharen von Badenden beiderlei Geschlechts. Auf dem Marktplatze hatten sich Trupps von Inlandbewohnern — Toradja und Torongkong — gelagert, um ihre heimatlichen Produkte feilzubieten. Malayische Soldaten der kleinen Garnison pilgerten brüderlich, Arm in Arm oder in Begleitung ihrer Schönen, von Tóko (Laden) zu Tóko. In dem mich umgebenden Nationalitätengemisch waren Ambonesen und Timoresen, Chinesen, Japaner, indische Juden und Araber die hervorstechendsten Elemente neben bedächtig schreitenden einheimischen Bugi und den hochmütigen Luwuresen, welche sich bemühten, durch würdevolles Auftreten zu ersetzen, was ihnen seit der Umgestaltung der politischen Verhältnisse an Einfluß verloren gegangen war.
Wie ganz anders war das alles heut! Öde und leer waren die Straßen des Ortes, verschlossen die Türen der Häuser. Aus den Fensteröffnungen aber drangen murmelndes Beten und verhaltenes Weinen dem Vorübergehenden ins Ohr. Viele Läden waren gesperrt, ihre Inhaber der Seuche erlegen. In ganz Paloppo war kaum ein Haus zu finden, an dessen Pforte nicht ein gelbes Fähnchen vor der Krankheit warnte, und viele Häuser waren durch straff zwischen zwei Bambusstecken ausgespannte quadratische weiße Tücher als Sterbehäuser gekennzeichnet. Vor anderen Türen steckten umgekehrte, mit Kalk beschmierte Tontöpfe auf Stangen, — eine Art Abwehrzauber gegen die Cholera. Scheu und gedrückt schlichen die wenigen mir auf meinem Wege zum Fremdenhause begegnenden Leute an den Häusern entlang. Verlassen wie der ganze Ort lag auch der Marktplatz, dessen malerisches Treiben mich vordem so entzückt hatte.
Unter derart veränderten Verhältnissen ging mein diesmaliger Einzug im »Pasangrahan« von Paloppo vor sich. Ich war noch mit dem Unterbringen meines Gepäckes beschäftigt, als ich durch den Besuch des Herrn Hauptmannes Knegtmans erfreut wurde. In seiner Begleitung machte ich mich alsbald auf den Weg, dem Herrn A.-Residenten meine Aufwartung zu machen. Er empfing uns in seinem Bureau und bewillkommnete mich freundlichst. Ich hatte die Absicht, meine Reisen im centralen Celebes mit einem Ausflug in die zum Reiche Luwu gehörenden Toradja-Lande zu beginnen, und der Herr A.-Resident war so liebenswürdig, mir diesbezüglich alle Unterstützung zuzusagen und mit mir die geeignetsten Routen zu besprechen. In Anbetracht der augenblicklichen prekären Verhältnisse in Paloppo, und um allen Komplikationen aus dem Wege zu gehen, beschlossen wir, daß ich gleich am kommenden Tage mit dem frühesten die Expedition antreten sollte. Besondere Vorbereitungen dazu waren für mich nicht zu treffen, da meine Ausrüstung allen Anforderungen genügte. Für die notwendigen Träger aber wollte der Herr A.-Resident freundlichst Sorge tragen. Alles irgend entbehrliche Gepäck konnte in Paloppo zurückbleiben. Da die Herren außerdem ein militärisches Schutzgeleit für notwendig erklärten, so wurden hierzu 15 Soldaten bestimmt, die unter der persönlichen Führung des Herrn Hauptmannes K. stehen sollten. Einen angenehmeren Reisegefährten konnte ich mir gar nicht wünschen.
Im Laufe des Tages machte ich noch einen größeren Spaziergang durch Paloppo, wobei mir speziell die Häuser der adeligen Luwuresen auffielen. Diese trugen als Rangabzeichen am Giebel Ananasfrüchte vorstellende Holzschnitzereien. Je mehr Blattreihen dabei den Fruchtkörper umgeben, desto höher ist die Adelswürde des Hauseigentümers. Die Pfahlgerüste, auf welchen die sehr großen, mit Malerei- und Giebelzieraten reich geschmückten Häuser ruhten, waren außergewöhnlich hoch, gemäß dem luwuresischen Adat, wonach das Haus eines Vornehmen so hoch stehen muß, daß unter demselben ein Krieger bequem durchreiten kann. Auf Gemütstiefe läßt die rührende Sitte schließen, wie die Luwuresen ihrer abgeschiedenen Lieben gedenken. Ist in einem Hause ein Sterbefall vorgekommen, so werden der Hut und das Kopfkissen des Verstorbenen auf das Hausdach gelegt, von wo sie erst durch Verwitterung wieder entfernt werden. Es geschieht dies in dem Glauben, daß die Seelen der Verstorbenen immer wieder nach der gewohnten Heimat zurückkehren.
Am Nachmittag dieses Tages sollte ich noch das seltene Schauspiel einer Pest-Prozession erleben, an welcher sich die vornehme männliche Welt der luwuresischen Bevölkerung stark beteiligte. Interessant war dabei die Verbindung mohammedanischer Religionsübungen mit echt heidnischen Gebräuchen. Der Zweck des Umzuges war die Beschwörung der Cholera. Ein Hadschi und eine steinalte Frau — die Ceremonienmeisterin der Datu — wurden in Sänften vorangetragen. Sie waren von einer Schar Männer umgeben, welche die Reichskleinodien und uralte geschnitzte Ceremonialstäbe trugen. Auf diese Gruppe folgten der Prinzgemahl sowie eine große Menge Edler und Volk. An jeder Straßenkreuzung machte der Zug halt. Die Sänften wurden niedergesetzt, und die Menge warf sich auf die Knie. Gebete und Beschwörungsformeln wurden gesprochen, wobei eine Anzahl den Zug begleitender ehrwürdiger Matronen mittels Blattbüschel der heiligen roten Pflanze die Menge mit Wasser besprengte.
Den Abend verbrachte ich im gastlichen Familienkreise des Herrn A.-Residenten, wo sich auch die beiden Herren Garnisonoffiziere eingefunden hatten. Er verlief äußerst anregend, und erst die Meldung einer Ordonnanz, daß einer der Soldaten urplötzlich erkrankt und ins Lazarett eingeliefert worden sei, gemahnte an den Ernst der Zeit.
Paloppo — Salulimbung, den 30. September.
Noch kämpfte der Tag mit den letzten nächtlichen Schatten, als ich bereits auf den Beinen war, um das zur Mitnahme bestimmte Gepäck einer letzten Revision zu unterziehen. Auch die als Träger bestellten Toradja-Kulis waren pünktlich zur Stelle, so daß ich präzis um 6 Uhr am Rendezvous-Platz bei der Kaserne eintreffen konnte. Hier wartete meiner bereits Herr Hauptmann K. mit seiner Mannschaft, lauter stämmigen, felddienstmäßig ausgerüsteten Timoresen aus der Elitetruppe der Marechausée. Zu uns gesellten sich noch die Träger der Mannschaftsprovisionen, so daß unser Zug auf die ansehnliche Stärke von mehr als 40 Mann anschwoll. Über die Paloppo vorgelagerte Grasebene hinweg strebten wir auf gutem Wege dem am Fuße der Vorberge gelegenen Latúpa zu. Dieses ist ein am Flüßchen gleichen Namens inmitten schöner Fruchtgärten gelegener Regierungsbungalow. Ein idyllisches Fleckchen Erde, wie geschaffen als Ausflugsort und Erholungsstation für die wenigen Beamtenfamilien Paloppos. Kurz vor Latúpa, noch im Wiesenlande, waren wir an einem Punkt vorübergekommen, an welchem sich die luwuresischen Notabeln gelegentlich der hier zu Pferde betriebenen Hirschjagden zusammenfinden. Es ist dies eine für Luwu charakteristische Art des Jagdsportes, die gewandte Reiter und kräftige Männer erfordert. Die Jäger bedienen sich hierbei sehr langer, fein geschafteter und meist kostbarer, gold- und silberplattierter Lanzen, durch deren oberes Zwingenende ein feingeflochtenes Lasso läuft, das am Sattelknopfe befestigt wird. Durch Bracken werden die Hirsche aus den Hügeln in die Ebene herabgetrieben, hier von den Jägern gehetzt und mittels der in vollem Jagen übergeworfenen Halsschlinge zum Stehen gebracht. Trotzdem die Pferde darauf dressiert sind, geschieht es doch nicht selten, daß der Reiter bei dem plötzlichen heftigen Ruck aus dem Sattel geschleudert wird. Ist der Hirsch gestellt, so springt der Jäger blitzschnell vom Pferde und tötet das Tier mittels Lanzenstiches.
Trotz der verlockenden Reize Latúpas marschierten wir ohne Aufenthalt durch. Wir kamen nun in ein reich angebautes Tal, das sich mehrere Stunden weit zwischen den sich sacht verengenden Gebirgsausläufern dahinzog. Die Hänge derselben waren fast gänzlich entwaldet, und weit hinauf zogen sich die Felder und Hütten der Talbewohner. Gut gepflegte Mais- und Pisang-Anpflanzungen breiteten sich zu beiden Seiten des Weges aus. Allerorts ragten die eleganten, hochstämmigen Arekapalmen über das Buschland hinaus, und in erstaunlicher Anzahl fanden sich Zuckerpalmen, deren schwarzgrüne Riesenwedel sich dem Auge besonders bemerkbar machten. Verhältnismäßig sparsam schienen dagegen Clapabäume (Kokospalmen) vertreten zu sein. Große Flüge isabellfarbener Fruchttauben strichen, aus den fernen Waldgebirgen kommend, über das Tal hinweg, um in die Kulturen der Eingeborenen als ungebetene Gäste einzufallen und erst spät nachmittags gesättigt wieder nach ihren Waldrevieren zurückzukehren. Der laute dumpfe Ruf eines Sumpfvogels wurde von den Soldaten als regenverkündend gedeutet. — Um ½9 Uhr erreichten wir bei 300 m Höhe das aus wenigen Hütten bestehende Toradja-Dörfchen Latúpa in bereits recht steinigem Gelände. Die Bewohner waren auf ihren Feldern, und nur in einer engen finsteren Hütte fand ich eine kleine Gesellschaft beisammenkauernder Toradja. Sie nahmen kaum Notiz von meinem Eintreten und ließen alle meine Fragen unbeantwortet. Ich sah, mit Malayisch war es jetzt endgültig Schluß, und mein Boy Rámang würde von nun an Gelegenheit haben, als Dolmetsch seine Sprachkenntnisse zu verwerten. Immerhin dürfte es mit dem apathischen Verhalten der sonst so regsamen Toradja in diesem Falle noch eine besondere Bewandtnis gehabt haben, für die mir die Spuren eines wohl zu lange ausgedehnten Palmweingelages Aufklärung gaben. Nicht umsonst läßt man der Arenga saccharifera hierzulande so liebevolle Pflege angedeihen.
Auf unserem Wege begegneten wir mehrfach Toradja-Männern und -Frauen aus der Umgegend, die alle mit gelbweißen, sackartigen und fast die ganze Figur umhüllenden Umschlagetüchern (ókan) bekleidet waren, erstere außerdem mit den charakteristischen Kopfseilen (tali úlang), letztere mit großen Schattenhüten (sarong súsuk). Die Bevölkerung schien wirklich recht feuchtfröhlich veranlagt zu sein; denn alle führten einen geräumigen Bambusköcher voll süßen Palmweines mit sich, um von Zeit zu Zeit die stets trockene Kehle wieder geschmeidig zu machen. — Für einen europäischen Gaumen ist dieser Toradja-Nektar herb-säuerlich.
Eine geringe Wegestrecke hinter dem Dörfchen Latúpa begann sekundärer Urwald. Die Kulturzone hatte ihr Ende erreicht. Der Fußpfad wurde schmaler und schlechter. An dieser Stelle zog sich quer über den Weg ein torähnliches Bambusgerüst, von dessen Querbalken eine Anzahl fein zerfaserter Palmenblätter mit einzelnen daran befestigten weißen und schwarzen Hühnerfedern tief herunterhing. Daneben am Wegrande war eine größere Anzahl Stäbe in die Erde gestoßen, in deren Enden mundgerecht fertiggemachte Sirihpriemchen steckten. Das Ganze stellte einen Wegezauber vor zur Verhütung einer Einschleppung von Krankheiten. Als Erreger derselben vermuten die Eingeborenen böse Geister (hantu). Um 10 Uhr waren wir am Fuße des quer vor uns liegenden Orásso-Gebirges angekommen, und es galt nun, den 1050 m hohen Gunung-Balúbu zu übersteigen. Durch wundervollen Urwald ging es auf steilen Geröllpfaden in die Höhe. In dem prachtvollen Baumbestande des Balúbu fielen mir vor allem die enorm hohen und kerzengerade in die Höhe strebenden Níbung-Palmen auf, deren Stämme zu den wertvollsten Bauhölzern gezählt werden. — Unterwegs entdeckten die voranmarschierenden Soldaten auf einem sonnenbeschienenen Fleckchen eine träge ruhende Riesenschlange. Statt sie uns Europäern zu zeigen, machten sie einen derartigen Spektakel, daß es dem Python zu dumm wurde und er sich seitwärts in die Büsche schlug. Ich sah das mächtige, an 5 m lange Tier eben noch im Unterholze verschwinden. — Diese Malayen benahmen sich wie Kinder. Jede Blume am Wege wurde geköpft, jedes Tier und jeder Vogel mit Hallo verjagt, vorüberschwebende Falter, wenn irgend möglich, zu Boden geschlagen. Sie machten mir auf diese Weise jede Naturbeobachtung unmöglich und mußten deshalb nun hinter uns marschieren.
Nahe vor der Paßhöhe kamen wir an einer Bergrutschstelle vorüber. Eine schätzungsweise 70 m breite Öffnung klaffte hier im Urwaldgürtel. Wie abrasiert war die Schutthalde, die sich in bedeutende Tiefe hinabzog und in ein wüstes Durcheinander entwurzelter Bäume, Sandmassen und Felsbrocken auslief. Über den nicht sehr breiten Rücken des Balúbu hinweg gelangten wir in steilen Serpentinen ins Tal des Salu Pengiu. Dieses bildet nur eine schmale tiefe Rinne, jenseits welcher das Gebirge wieder ebenso hoch ansteigt wie hüben, nur mit dem Unterschiede, daß die nun quer vor uns liegenden Gebirgszüge statt des Hochwaldes höchstens niederen Baumwuchs, Busch und rohrbestandene Flächen aufwiesen. Die Ursache dieser Waldarmut dürften Waldbrände gewesen sein. Bis hierher war unser Weg verhältnismäßig leicht zu begehen gewesen; nun wurde das anders, da die Eingeborenenpfade Umgehungen von Bergen verschmähen und stets eigensinnig geradeaus führen. Wir sollten diese Absonderlichkeit heut noch reichlich zu kosten bekommen. Dazu kam der erschwerende Umstand, daß auf die bisher durchwanderten Gebirgswälder nun schattenlose, sandige Hänge folgten, die wir in der größten Mittagshitze zu erklimmen hatten. Kein Faden blieb dabei trocken, und Herz und Lunge hatten schwere Belastungsproben auszuhalten. Unsere Marschkolonne löste sich wieder in eine lange Linie auf, und als wir an der Spitze des Zuges den ersten Höhenrücken erreicht hatten, sahen wir die letzten Nachzügler eben das Pengiu-Tal verlassen. Oben belohnte uns ein selten schöner Rundblick, der mich gern die Mühe des Anstieges mit in den Kauf nehmen ließ. Der Pfad folgt in seinem weiteren Verlaufe getreulich der Profilierung des Gebirges, und entzückende Ausblicke in die tief unten gelegenen Täler und auf das zerklüftete Orásso-Gebirge eröffneten sich. Während dieser Wanderung stießen wir ein einzigesmal auf eine bewohnte Stätte, eine altersmorsche, etwas abseits vom Pfade gelegene Berghütte. Eine sturmzerzauste einsame Kokospalme ragte als Wahrzeichen des Platzes hoch in die Lüfte. Wie ich hörte, wurden gerade um dieses Gebiet jahrzehntelange, erbitterte Kämpfe zwischen den Toradja-Stämmen ausgefochten, bis die holländische Regierung hier gründlich Remedur schaffte. — Der von uns begangene Grat fiel an seinem Ende ungemein jäh nach dem Salulimbung-Tale ab. — Um die 3. Nachmittagsstunde betraten Herr Hauptmann K. und ich die kleine Siedelung Limbung. Ein von der Regierung hier errichtetes kleines Unterkunftshäuschen gewährte uns Obdach, während das nachkommende Militär in einem anderen Quartier untergebracht wurde.
Wie in Südost-Celebes ist auch in den Toradja-Landen das Bestreben des Gouvernements darauf gerichtet, die im Gebirge zerstreut lebenden Familien zu Dorfschaften zu vereinen. Das am Knotenpunkte mehrerer ausstrahlender Gebirgstäler in 516 m Höhe gelegene Limbung ist so entstanden. Die Häuser der hier angesiedelten Toradja-Familien sind auf Veranlassung des Gouvernements nach hygienischen Grundsätzen erbaut, also nüchtern und ohne jede Originalität. Allmonatlich zweimal findet in Limbung ein Markt (pásar) statt. Wir hatten das Glück, gerade an einem solchen Markttage einzutreffen. Der Höhepunkt des geschäftlichen Treibens war zwar bereits überschritten; doch waren noch gegen 200 Menschen anwesend. Ungeachtet meiner Müdigkeit begab ich mich in das Gewühl der zur Heimkehr rüstenden Marktbesucher, die heut aus den entlegensten Ortschaften hier zusammengekommen waren. Auf dem freien Rasenplatze vor unserem Quartier hatten die Verkäufer ihre Waren vor sich ausgebreitet. Wer kein schattiges Plätzchen gefunden hatte, suchte sich durch Matten oder belaubte Zweige gegen die Sonne zu schützen. Überwiegend waren es Frauen und junge Mädchen, die Waren feilboten. Sie saßen in dichten Reihen und streng nach Warengruppen geordnet. Die Mehrzahl unter ihnen bildeten die Reisverkäuferinnen, hinter welchen eine zweite Reihe mit Gemüse und Früchten, Geflügel, Eiern usw. folgte. In einer Ecke des Platzes waren roh gearbeitete Tongeschirre aufgeschichtet, in einer anderen Sonnenhüte, Gewebe, Korbwaren, die viel gekauften geflochtenen kleinen Dosen für Tabak, Gambir usw. — Der Reis wurde in gebündelten Ähren verkauft, der Mais in Kolben. Eine angeregte Stimmung herrschte unter der Menge, und munteres Gekicher erscholl aus den Reihen. Zwischen den einzelnen Gruppen trieb sich die junge und ältere Männlichkeit herum, und es schienen durchaus nicht nur geschäftliche Angelegenheiten erörtert zu werden.
Die Bekleidung der Männer bestand durchgehends aus der kurzen Bugihose, zu der heut als an einem Festtage noch einfache Kattunjacken kamen, über die sich das gelbe Schultertuch, Okan genannt, togaähnlich herumschlang. Keinem männlichen Wesen durfte das Kopfseil fehlen, das in allen Stärken getragen wurde. Es wird damit das lange Haupthaar festgehalten, und gleichzeitig ersetzt das »tali úlang« jede andere Kopfbedeckung. Wirkliche Hüte trugen nur die Weiber, und zwar weite, gerundete Bastgeflechte mit gefälligem Sternmuster. Junge Frauen und Mädchen waren in prall anliegende Kattunjäckchen gekleidet, die sich in ihrer Ausführung wenig von Männerjacken unterschieden. Vorgeschrittenere Jahrgänge trugen die Brüste unverhüllt, wie dies bei den Toradja-Frauen im Alltagsleben die Regel ist, im Gegensatze zu den unverheirateten Mädchen, welche den Oberkörper stets bedeckt tragen. Die Hüften der Schönen umhüllten Röcke aus ungefärbtem Stoffe, den sie selbst weben. Die niemals durch eine Wäsche gefährdete Widerstandsfähigkeit derselben wird bis ins unendliche ausgenutzt. Ich bekam altehrwürdige Exemplare zu sehen, zerfranst und durchlöchert wie eine alte Sturmfahne und von der undefinierbaren Farbe langjährigen Gebrauches. Dabei tragen gerade die ältesten Semester die kürzesten Röckchen, — oft so kurz, daß sie kaum noch die Knie bedecken, während sich die jüngere Generation schamhaft bis zu den Knöcheln verhüllt. Die schon erwähnten Schultertücher bestehen aus zwei zusammengenähten, ungefähr je 2 m langen und ¾ m breiten Tüchern aus demselben Gewebe wie die Weiberröcke. Ihre Verwendung ist vielseitig. So werden sie von Männern wie Weibern als Schlafdecken benutzt. Tagsüber dienen sie erstlich als Überwurf, ferner taschenförmig zusammengelegt als Rucksack. Locker gewickelt und hochgebauscht um die Lenden gewunden, mit weit überhängenden Rändern, werden sie von den Männern als Überkleid benutzt, wobei tiefere Falten als Taschen dienen. Fest gerollt und von der Achsel aus schräg über die Brust geschlungen, werden sie meist auf Märschen getragen.
Den Europäer berührt es eigentümlich, die Toradja-Frauen völlig schmucklos oder, wenn es hoch kommt, mit einer Blüte hinter dem Ohr oder einem Farnbüschel im Haar zu sehen, während die Männer aufgeputzt waren wie anderwärts junge Mädchen. Das Prunkstück der Männer bildete stets der Tabaksbeutel vom einfachen Tuchsäckchen an bis zur goldplattierten Tasche, die vorn am Gürtel zur Schau getragen wird. Je nach Wohlhabenheit waren ihre Fingerringe und Armbänder aus dickem Silber, aus Messing oder aus Muscheln hergestellt. Diese Schmucksachen waren vorwiegend Erzeugnisse buginesischer Herkunft, wie auch die zum Teil sehr geschmackvoll gearbeiteten silbernen Kalkdosen. Die Leistungen unbeeinflußter Toradjakunst veranschaulichten die bis ins kleinste sauber gefertigten Behälter aus Bambus mit reizenden eingeschnittenen Dessins. Die zum Teil künstlerischen Geschmack verratenden Muster scheinen Gegenstand der Überlieferung zu sein, da bestimmten Distrikten beharrlich wiederkehrende Zeichnungen eigen sind. Dem Geschmacke des Verfertigers bleibt dabei natürlich ein weiter Spielraum. Die Ornamente werden ohne Benutzung einer Schablone aus freier Hand eingeschnitten, und in Anbetracht des hierzu benutzten primitiven Werkzeuges — eines gewöhnlichen Messers — verdient die Arbeit alle Anerkennung. Früher sollen figürliche Darstellungen nicht selten gewesen sein. Trotz ausgesetzter hoher Belohnungen gelang es mir jedoch nicht, auch nur ein Belegexemplar zu erhalten, so daß ich diese Kunst gegenwärtig als erloschen ansehen muß. Es ist dies um so seltsamer, als gerade bei den Toradja Darstellungen aus dem Menschenleben sonst durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören und die Malereien auf ihren Häusern, Reisscheunen und Brückenköpfen, sowie auf ihren Schilden Motive dieser Art in reicher Fülle aufweisen.
Kurz nach 4 Uhr, als sich schon die meisten Marktbesucher auf den Heimweg gemacht hatten, fiel ein kurzer, heftiger Gewitterregen und trieb die Zurückgebliebenen zur schleunigen Flucht. Mit hochbeladenen Rückenkörben traten die Frauen und Mädchen die Heimkehr an, und binnen wenigen Minuten hatte sich die Menge zerstreut.
Ich hatte meine Zeit redlich benutzt, und eine ansehnliche Menge ethnographischer Gegenstände füllte den Vorraum unseres Häuschens. Mittlerweile waren auch das Militär und die Trägerkolonne nachgekommen, und als dem erfrischenden Regenschauer ein herrlicher lauer Abend folgte, entwickelte sich auf dem freigewordenen Marktplatze ein höchst interessantes Leben und Treiben. Die Mannschaften kochten im Freien ab, und die ganze Dorfbewohnerschaft gesellte sich zu den Soldaten. Friedlich lagerte alles bei- und durcheinander, und die Dorfschönen verstanden es gar bald, unsere Soldaten für die Mühe und Entbehrungen auf dem heutigen langen Marsch zu entschädigen.
Salulimbung — Makále, den 1. Oktober.
Mit frischen Trägern verließen wir um 7 Uhr morgens Salulimbung, (= Kesselloch), das seiner Lage den Namen verdankt (limbung = Loch, Kessel; sálu = Fluß; also »Kessel am Flusse«). Auf gutem Stege wurde der nahe Fluß überschritten, dessen vielgewundenem malerischen Tale wir nun mehrere Stunden folgten. Der Pfad zog sich eine Hügelkette entlang, in allzu reichlichem Wechsel steigend und fallend. Die Gegend war absolut waldlos, eine Folge der uneingeschränkten Raubwirtschaft der Talbewohner. Die Äcker zogen sich weit die Hänge hinauf. Häufig bemerkte ich wallumringte kleine Siedelungen, die stets auf isolierten Kuppen angelegt waren, eine Erscheinung, die auf die früheren unsicheren Zustände zurückzuführen ist, als noch Überfälle und Raubzüge durch sklavenjagende buginesische Händler zu den Alltäglichkeiten gehörten. Eine auf einem Hügel errichtete Doppelreihe großer kegelförmiger Steinblöcke ließ eine alte Kultstätte vermuten. Große Talflächen waren intensiv bewirtschaftet und ließen überall deutlich die künstlichen Terrassen von Reisfeldanlagen erkennen. Interessant waren auch die Ufer des Limbung-Flusses, der sich hier tief in die weichen Gesteinsschichten eingewühlt hat. Diese zeigten die verschiedensten Farben: Violett und dunkles Schieferblau, Serpentingrün, Rot, Gelb und kreidiges Weiß aller Schattierungen. Tief ockerfarben erschien auch das Gewässer selbst, und die blank gespülten Böschungen schimmerten metallisch im Sonnenglanze. An der Lisière eines rechts auf einer Anhöhe gelegenen Dörfchens lag ein ungeheuerer Findling von malachitgrüner Färbung. Wie von Titanenfäusten schien er mitten in die Fluren geschleudert zu sein, und deshalb wie seiner merkwürdigen Gestaltung wegen, die an das Vorderteil einer buginesischen Prau erinnert, dünkt er den Eingeborenen dem Himmel zu entstammen. Sie nennen den Felsblock »kápal« (= Schiff) und verehren ihn als Wohnplatz der Geister.
Eine kurze Strecke weiter überschritten wir ein Nebenflüßchen des Salu-Limbung auf einer im Toradja-Stil erbauten Brücke mit einfachen Ornamenten. Bald darauf verließen wir das Salulimbung-Tal um sofort die kahlen Höhen des Kambútu-Gebirges hinanzusteigen. Letzteres trug ausgesprochen vulkanischen Charakter. Regellos liefen die Bergzüge durcheinander. Riesige Erdrisse legten Zeugnis ab von der Tätigkeit gewaltiger Naturkräfte. Nacktes Gestein trat überall zutage, reizvoll durch die Mannigfaltigkeit seiner Farben vom leuchtenden Zinnoberrot bis zum fahlen Grau. Auf der Höhe eines Bergrückens entdeckten wir in windgeschützter Mulde eine einzelne Toradjahütte. Die ganz aus Bambuslatten hergestellte niedrige Kate ruhte auf einem kaum 50 cm hohen Pfahlgerüst mit untergelegten flachen Steinen. Das weit vorspringende, mit Geröllstücken beschwerte Grasdach berührte fast den Boden. Eine niedere schmale Tür vermittelte den Zugang ins Innere. Dieses bestand aus einem einzigen, äußerst beschränkten Gemache, in dem ich nur gebückt zu stehen vermochte. Dabei sind die Gebirgsbewohner durchaus nicht etwa klein, und auch sie vermögen sich nicht aufrecht darin zu bewegen. Der fensterlose Raum empfing einen spärlichen Lichtschimmer nur durch die Türluke, sowie den zwischen Hüttenrand und Dach ringsherum freigelassenen Spalt. Ein beißender Qualm erfüllte die Behausung. — Zuerst war es mir unmöglich, auch nur das geringste zu erkennen, und erst nach und nach unterschied ich im Halbdunkel mehrere halbnackte Weibergestalten, die um den Feuerplatz in der Mitte herumkauerten und mit Gemüseputzen beschäftigt waren. Mein Eintritt schien sie in Angst versetzt zu haben; denn keine von ihnen wagte aufzublicken. Mein freundliches Zureden in malayischer Sprache wurde wahrscheinlich gar nicht verstanden; jedenfalls fuhren die Frauen in stumpfer Resignation fort, ihre Arbeit zu verrichten, während ein paar kleine Kinder ein mörderisches Geschrei erhoben. Um mich genauer umzusehen, war ich gezwungen, mich ebenfalls auf den Boden niederzuhocken, und was ich dann zu sehen bekam, war auch noch wenig genug. Die unentbehrlichsten, jeder Verzierung ermangelnden Wirtschaftsgeräte, Bündel kleingespaltenen Brennholzes, einige an den Wänden hängende Kleidungsstücke, mehrere Sonnenhüte, einige Fischreusen, Ackergeräte und zwei einfache Lanzen bildeten den Gesamtbestand. Durch einen Querbalken konnte die Tür verriegelt werden. Daß diese Menschen in einem solch engen und finsteren Loche leben mögen, erklärt sich wohl daraus, daß in dieser Gegend häufig Erdbeben und Stürme auftreten, die den hochgebauten, größeren Häusern leicht verderblich werden. Außerdem fehlt diesen völlig abgeschlossen in den Bergen lebenden Leuten jeder Sinn für Behaglichkeit, während ich diese Eigenschaft bei den Toradja in den später von mir besuchten reichen Kulturtälern wohl entwickelt fand. Der armen Gebirgsbevölkerung scheint ein Unterschlupf wie der geschilderte als Schutz gegen die Witterung und als sicherer Schlafplatz für die Nächte gerade zu genügen.
An ethnographischen Gegenständen war hier nichts zu holen. Wieder ins Freie gelangt, atmete ich mit tiefem Behagen die reine Gebirgsluft. Ebenso prachtvoll wie eigenartig war die Aussicht von hier oben. Fast jede der benachbarten Bergkuppen trug auf ihrem höchsten Punkte ein Miniaturdörfchen, das stets von einem dichten Bambuswall umgeben war. Das Ganze erinnerte an die kahlen Kämme der Apenninenausläufer mit ihren uralten römischen Befestigungsanlagen. Der Grund dafür, Wohnungen gerade an so exponierten Punkten anzulegen, war wohl die Angst vor Erdbeben oder wahrscheinlicher vor feindlichen Überfällen. — Diese hohen Warten gewähren jedenfalls eine unvergleichliche Fernsicht und die Möglichkeit, Feindesnahen zu erkennen. Die zu diesen entlegenen Weilern gehörigen kargen Felder, von denen allein die Eingeborenen ihre Existenz fristen, lagen in versteckten Seitentälern. Mais und Gemüsearten, wie Bohnen, Erbsen, Gurken, Kürbisse und Bataten, sind so ziemlich das einzige, was hier oben angebaut wird.
Bei nicht ganz 1000 m erreichten wir die Kammhöhe, von wo aus wir zu der etwas tiefergelegenen Regierungsstation Kambútu (822 m) niederstiegen. Kambútu bildet den Kreuzungspunkt der Wege nach Makále und Rantepáo, und das Gouvernement hat an dieser Stelle eine schöne Unterkunftshütte nebst Militärbaracken errichtet. Dicht hinter diesen Bauten stürzt aus dem Geklüft des Kambútu-Gebirges ein Wasserfall, welcher die Station mit köstlichem gesunden Quellwasser versorgt. Bei der leerstehenden Hütte wurde ein halbes Stündchen gerastet und das Frühstück eingenommen; dann aber ging es abermals einen steilen Saumpfad hinan, bis wir bei 1120 m auf dem höchsten Rücken des Kambútu-Gebirges standen. — Ein schwer zu beschreibender, unvergleichlicher Ausblick auf die in ihren höchsten Erhebungen mehr als 3000 m hohe Latimódjong-Kette erschloß sich uns von hier aus. Das mit einer spärlichen Grasnarbe bedeckte Plateau war gleich dem bisher durchwanderten Berggelände kreuz und quer mit Schründen und tiefen Rissen durchsetzt, die eine intensiv violettblaue Färbung der Erdmassen erkennen ließen. Aus dem fahlen Grün des Lalang ragten schwarze Felsblöcke in Kugelform. Auch dieser ungefähr eine halbe Stunde breite Höhenrücken lag bald hinter uns, und nun ging’s talwärts. Aus den Mulden der Tiefe herauf erglänzten silbern schimmernde Wasseraugen; junge Sawas prangten dort in ihrem ersten frischen Grün. Fast jeder Hügel trug auch hier sein Dörfchen, das, eingebettet in hochragende Kokoshaine, uns den baldigen Genuß junger Früchte verhieß. Alles deutete darauf hin, daß wir uns einem dicht bevölkerten Kulturtale näherten. Es war dies die Landschaft Simbuang-Mápak, deren Reisfelder zu uns heraufgrüßten.
Durch die von der See trennenden Gebirgszüge vor den unmittelbaren Übergriffen und Vergewaltigungen der luwuresischen Machthaber etwas geschützt, begann hier das eigentliche Reich des harmlosen und gutmütigen Toradja-Völkchens, das jahrhundertlange Bedrängnis zu überstehen vermocht hatte, ohne eine merkliche Einbuße seiner glücklichen sanguinischen Veranlagung zu erleiden. —
Die Behauptung der Luwu, jeder Toradja trage den Strick schon mit sich, an welchem man ihn als Sklaven fortführen solle — eine höhnische Anspielung auf die Kopfseile der Toradja-Männer — zeigt deutlich genug die Gefahren, welchen der Toradja-Stamm gegenüber den zahlreichen und besser bewaffneten Luwu ausgesetzt war. Am eindringlichsten aber predigten in den hier beginnenden volkreichen Distrikten die zahlreichen Bénteng (Felsenburgen) von den Leiden und Kümmernissen vergangener Zeiten, von den unaufhörlichen Angriffen und Kämpfen, welche die Schwächeren gezwungen hatten, auf unzugänglichen Höhen Schutz zu suchen.
Nach den bisherigen Wanderungen durch menschenarme Gegenden war der Anblick auf die sich zu unsern Füßen ausbreitende Landschaft von Simbuang-Mápak überraschend, und mit freudigem Staunen gewahrte ich das rege Leben, dem wir jetzt auf Schritt und Tritt begegneten. Auf allen Feldern und Sawas schafften die Leute. Hier bearbeitete ein nur mit dem Lendenschurz bekleideter stämmiger Mann, mit roh zugespitztem Holzstocke die Erde aufwühlend, das Feld neuer Aussaat. Dort waren ebenso dürftig bekleidete Weiber beschäftigt, die jungen Reispflanzen aus den Saatbeeten in die Sawas zu versetzen, während andere damit beschäftigt waren, Dämme für die Reisbeete aufzuwerfen, wobei sie bis fast zu den Hüften im schlammigen Wasser standen. Halbwüchsige, völlig nackt herumlaufende Kinder beschäftigten sich mit dem Ausjäten des zwischen der Saat wuchernden Unkrautes. Kurz: Leben, wohin man blickte. Alle Stadien des Reisbaues waren zu beobachten. Besonders prächtig wirkten die im jungen Grün prangenden Pflanzenbeete der Reis-Setzlinge; »pady, bras und nasi«, diese drei verschiedenen Benennungen hat die sonst so wortarme malayische Sprache für den Reis. Bereits hieraus geht hervor, welche vielseitige Bedeutung dieses Volksnahrungsmittel im weitesten Sinne des Wortes für den Ostasiaten hat. Pady ist der Reis in der Ähre; Bras wird die bereits entkörnte Frucht genannt; Nasi heißt der geschälte und schon gekochte Reis. In Central-Celebes ist der Reis, der in durchweg gebirgigen Gegenden durch die Maispflanze ersetzt wird, eine verhältnismäßig noch wenig anzutreffende Feldfrucht, und die Distrikte, in denen er gebaut wird, gehören daher stets zu den reichsten des Landes. Im Inneren ursprünglich unbekannt und erst von der Küste her eingeführt, hat derselbe bei den Toradja seine malayischen Namen behalten, wird aber auch »paré« genannt. Der in animistischen Ideen befangene Toradja erblickt auch in der Reispflanze ein beseeltes Wesen, und vom Beginn der Sawabereitung an bis zur glücklich eingebrachten Ernte sind alle Arbeiten mit einem streng zu beobachtenden Ceremoniell verknüpft. Unzählige Mythen knüpfen sich an den Reisbau, und die Reisgötter stehen bei den Toradja in höchstem Ansehen. Tatsächlich gibt es kaum etwas im Leben derselben, wobei der Reis nicht in irgend einer Form eine Rolle spielte, sei es bei der Geburt, bei der Erschließung, bei der Leichenfeier oder im Kriege.
Das Kulturtal von Simbuang-Mápak bildete die Eingangspforte zum Herzen der Toradja-Lande, und es drängte mich, rasch ins Dorf zu kommen. In hastender Eile wurde die letzte kurze Strecke zurückgelegt. Das erste, was mir in der Niederung in die Augen fiel, waren Toradja-Felsengräber. Diese »liang« sind nicht zu verwechseln mit den in Südost-Celebes gefundenen Totenhöhlen der Tolambátu. Dort handelte es sich um keine eigentlichen Gräber, sondern um Gebeinstätten, die dem ganzen Stamme gehören, während ich hier wirkliche, in das Gestein eingemeißelte Grüfte vor mir hatte. Da ich noch öfter Gelegenheit haben werde, auf den in vieler Beziehung merkwürdigen Totenkult der Toradja zurückzukommen, beschränke ich mich jetzt auf eine kurze Beschreibung. An einer steilen, glatten Wand des eben üherschrittenen Berges befanden sich in einer Höhe von 6–10 m über der Talsohle ungefähr ein Dutzend Felsenkammern. Angesichts ihrer Unzugänglichkeit konnte von einer Besichtigung derselben keine Rede sein. Ersichtlich war nur, daß die einzelnen Kammern durch sorgfältig der Felswand eingefügte, weiß und rot bemalte Holztüren verschlossen waren. Die Türöffnungen bildeten Quadrate von etwa ¾ m Seitenlänge. Von einer Planmäßigkeit in der Anlage war nichts zu bemerken. Die Gräber befanden sich regellos über- und nebeneinander, je nachdem sich die Felsenfläche gerade zur Bearbeitung geeignet erwiesen hatte.
Die Felsenvorsprünge oberhalb der Liang waren mit Scharen weißer Kakadus (Cacadua sulfurea) bevölkert. Dem Vernehmen nach stehen diese Vögel in einem gewissen Zusammenhange mit der Totenverehrung der Toradja und werden durch regelmäßiges Füttern an die Nähe der Felsengrüfte gewöhnt. Die unleugbare Bevorzugung dieser Plätze läßt sich jedoch auch ganz gut anders erklären, indem die hungrigen Vögel sich rasch genug mit den bei den Liang niedergesetzten vollen Reis- und Maisschüsseln befreunden werden. Die gewöhnlich scheuen und wilden Kakadus sind an derartigen Lokalitäten ganz zutraulich, und ließen uns auch hier nahe herankommen. Ebenso zahm benahm sich ein großer Habicht, als wir uns den Liang gegenüber unter einem alleinstehenden Baum lagerten. Der Raubvogel ließ sich durch die Menge lärmender Menschen direkt unter seinem hohen Sitz durchaus nicht in seiner Ruhe stören. Flüge von Kakadus, die von den Felsenwänden herübergestrichen kamen, ließen sich dicht neben dem sonst so gefürchteten und gehaßten Räuber nieder, ohne daß dieser die geringste Notiz von ihnen zu nehmen schien. Raubvögel traten vom Mápak-Tale an überhaupt häufig auf; ich konnte während unseres Durchmarsches wenigstens 8 verschiedene Arten unterscheiden.
Um zu dem auf einer kleinen Anhöhe gelegenen Dorfe hinüberzugelangen, hatten wir die vor uns liegenden Reissümpfe auf kaum fußbreiten Dämmen zu überschreiten, wie sie die einzelnen Reisbeete voneinander trennen. Die Hütten waren nach dem von der Küste her eingeführten Typ erbaut und boten nichts Außergewöhnliches. Da wir noch Makále erreichen wollten, durften wir uns ohnedies nicht lange aufhalten. Rasch wurde noch der nächstbeste Mann im Dorfe veranlaßt, uns ein paar junge Kokosnüsse herunterzuholen, für welchen Liebesdienst er mit einem Silberling belohnt wurde. Der vielfach gehörten Behauptung, daß der Genuß junger Clapas (Kokosnüsse) der Gesundheit unzuträglich sei und Fieber und Dysenterie herbeiführe, kann ich nicht beipflichten. Trotz häufigen und reichlichen Genusses junger Nüsse auf allen meinen Expeditionen hatte ich niemals unter der geringsten unangenehmen Nachwirkung zu leiden. Allerdings genoß ich stets nur das Fruchtwasser und nie das Mark.
In geringer Entfernung von Mápak kamen wir an dem Pásarplatz Leálung vorüber. Die Fortsetzung der sich weithin erstreckenden Ebene bildeten Sawas, die hier bereits unter Wasser gesetzt waren, so daß man glauben konnte, einen seichten See vor sich zu haben. Die Eigenart des ungewöhnlichen Landschaftsbildes wurde außerdem durch mittelhohe Randgebirge bedingt, aus deren weichem Gestein die Erosion bizarr geformte Spitzen und scharfe Grate herausgearbeitet hatte. Die abenteuerlich gestalteten Felsen verliehen der Scenerie ein seltsames und äußerst eindrucksvolles Gepräge. Besonders auffallend waren frei in der Ebene stehende und gegenwärtig wasserumspülte Kegel, die steil aus dem Reissumpfe emporragten. Einer derselben, auf dessen kleiner Plattform gerade noch ein knorriger Baum Platz gefunden hatte, war einem Dewáta (Gott) geweiht, und seine steilen Wände waren von Gläubigen über und über mit Bambusstäbchen besteckt, in welchen Sirihopfer eingeklemmt waren.
Immer die Mitte des sich mehr und mehr verengenden Talgrundes einhaltend, gelangten wir zuletzt in ein wahres Felsen-Defilé. — Während des erst kurze Zeit zurückliegenden Aufstandes gegen die holländische Regierung hatten die Toradja die strategischen Vorzüge dieses Engpasses wohl zu nutzen verstanden. Das durchmarschierende Militär wurde hier mit heruntergerollten Felsenstücken bombardiert und hatte einen harten Stand gegen die in unangreifbarer Position eingenisteten Feinde.
In diesen Schluchten gab es Unmengen zierlicher und herrlich gefärbter Bienenfresser (Meropogon centralis), die hier ideale Nistgelegenheit fanden.
In den Randgebirgen dieser Gegend waren überall zahlreiche Felsengräber. So sah ich unweit unseres Pfades wohl 20 m hoch an einer senkrecht emporsteigenden Berglehne eine bedeutende Menge solcher Grüfte. Diesen benachbart, klaffte hoch oben in der Wand ein tiefer Schlund, eine äußerlich schmale, sich nach innen zu beträchtlich erweiternde Gesteinspalte. Diese Schlucht diente der schauerlichen Bestimmung eines permanenten Massengrabes. Nicht alle Toradja sind in der Lage, sich Mausoleen ausmeißeln zu lassen; ärmere Leute bestatten ihre Toten an dieser Stätte. Man hüllt zu diesem Zweck die Leichen, gleichviel ob Mann, Frau oder Kind, in weiße Laken und schnürt sie auf ein schmales Brett. So verpackt, werden sie von ihren Angehörigen nach der erwähnten Schlucht transportiert, dort an Seilen hochgezogen und sonder Ceremonie in die gähnende Tiefe geworfen! — Unmittelbar neben diesem Orte des Schreckens hebt sich von einer Felsenplatte, wie mit dem Glase deutlich zu erkennen war, eine tiefschwarz erscheinende sitzende menschliche Figur ab, die anscheinend ein Kind in den Armen hält. Die Proportionen dieser Figur sind weit über lebensgroß, und die Toradja halten das Bildnis für einen Dewáta. Der immerhin beträchtlichen Entfernung halber konnte ich nicht feststellen, ob es sich dabei um eine Malerei oder ein Spiel der Natur handelte. Die Eingeborenen glauben jedenfalls an eine übernatürliche Entstehung dieses Bildnisses, und vor allem sind es Frauen, welche hierher pilgern, um dem Gotte zu opfern und ihm ihre Wünsche und Sorgen zu offenbaren.
Im weiteren Verfolge unserer Marschrichtung nach Makále zu überschritten wir einen niedrigen Höhenzug, wobei wir an einer dicht am Wegerande befindlichen Opferstelle vorbeikamen, die den Wegegeistern errichtet worden war. Der Pfad führte hier an einer niedrigen, von Reissümpfen begrenzten Lehne entlang. Im weichen Sandstein der steilen Böschung hatte man eine Menge kleiner, ovaler oder halbkugeliger Höhlungen ausgemeißelt. Jedes einzelne dieser Löcher enthielt eine Opfergabe an Tabak oder Sirih. Alle hier vorüberkommenden Wanderer haben der Opferpflicht nachzukommen, sollen die nach Toradja-Glauben an diesem Orte hausenden Dewáta nicht erzürnt werden. Sämtliche uns begleitenden Toradja brachten den Wegegeistern ihren Tribut. Auf meine Frage, ob wir anderen denn nicht auch opfern müßten, meinten sie naiv: wir hätten es nicht nötig; denn wir seien den Dewáta fremd, und diese fürchteten sich vor uns. Ihre Rache würden sie jedoch an den Eingeborenen auslassen, und um dem vorzubeugen, wurde der Sirihgabe noch ein kurzes Stoßgebet — eine extra starke Beschwörung — hinzugefügt. Der Gebrauch basiert auf der Gepflogenheit der Toradja, alle Unannehmlichkeiten und Widrigkeiten des Lebens dem Einflusse böser Geister zuzuschreiben. Im vorliegenden Falle hatte die Anlage des von der Opferstelle ab beginnenden Knüppeldammes mitten durch die Reisfelder der Bevölkerung zweifellos harte Arbeit gekostet. Schwierigkeit aber ist dem Eingeborenen gleichbedeutend mit Widerstand der am Orte hausenden Geister. Diese also mußten versöhnt werden und in guter Stimmung erhalten bleiben, und deswegen spendet jeder Passant sein Scherflein.