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Wenn diese Apostel dem Künstler mißrieten, so wird man die letzte Ursache hiervon im Wesen des Menschen Andrea zu suchen haben. Ihm fehlte, was „ernste Männer“ Charakter und Energie der Lebensführung heißen. Darum vermochte er, wie die Apostel seiner Pietà und der beiden Assuntabilder beweisen, jene höchste Vereinigung zielsicherer seelischer Kraft und physischer Energie, die eben den Apostel ausmacht, niemals zu schildern, darum lag die Darstellung von „Männlichkeit“ überhaupt nicht im Bereich seines Könnens. Die beste männliche Gestalt, die ihm je gelungen, der Johannes Evangelista der „Madonna delle Arpie“, geht auf ein nicht ausgeführtes Modell Jacopo Sansovinos zurück. Blieb er sich selber überlassen wie in jenem späten, aus Vallombrosa stammenden Altarbild der Accademia, das vier nebeneinanderstehende Heilige zeigt, so gibt er nur elegante Gesten und tadellos fallende Draperien. Den Kämpfern der streitbaren Kirche wurde Andrea nicht gerecht; er konnte nur Heilige malen, die, gleich seinem späten, allzu wenig gewürdigten „Jacobus“ der Uffizien, trösten und aufrichten. Kein anderer Florentiner hätte diesen Apostel ersonnen, der, umspielt vom silbergrauen Abenddämmern, sich frauenhaft zärtlich, mit einem Blick unendlicher Güte zu zwei weißgekleideten Knaben niederbeugt und dem einen streichelnd über die Kinderwangen fährt. Vielleicht offenbart sich Andreas feminine Art am meisten in seinem „Opfer Abrahams“ zu Dresden, wo er Kraft unmittelbar neben Schwäche, Hilflosigkeit neben Gewalt darstellen mußte. Furchtbar rollen die Augen des Patriarchen, die pathetisch ausgestreckte Rechte umklammert in eiserner Entschlossenheit das Messer, und doch, wir wissen genau, — kein Blut wird es färben. Aber dem zitternden Ephebenkörper, den halbgeöffneten Lippen, die nicht einmal den Schrei der Angst mehr hervorstoßen können, dem gesträubten Haar, den erstarrten Blicken glauben wir gern die Ehrlichkeit ihres Schreckens ... Solchen Gestalten wie diesem Abraham gegenüber versagte Andreas lyrische Kunst. Dafür schenkte sie uns die sonnigsten bambini, die je ein Florentiner gemalt. Freilich, goldene Strahlenhöhen hat jener lustige Engelsknabe, der dem Erzvater in den mordbereiten Arm fallen soll, nie erschaut. Andrea pickte einem Florentiner Buben einfach zwei Flügel an den Rücken. So hat er’s immer gehalten. Seine Putti, die auf den Assuntabildern Maria zum ewigen Vater geleiten, sind nicht trotzig derb wie jene Donatellos, haben nichts von der robusten Grazie, die Luca della Robbia, nichts von der altklugen Kindlichkeit, die Desiderio da Settignano ihnen gab, haben auch nichts von der schwindsüchtig-traurigen Schönheit botticellesker Engel; aber aus ihren Augen leuchtet die ganze sonnenfrohe Heiterkeit toskanischer Himmel, voll liebenswürdiger Eleganz scheinen sie, keck und doch so bestrickend süß, wie das verzogene Kinder zuweilen sind.

In dem berühmten jugendlichen Johannes des Palazzo Pitti gab Andrea jenen Putti den Schutzpatron. Es ist ein weiter Weg von Donatellos abgemagertem Eremiten und seinem strengen Asketentum zu diesem Heiligen mit dem lachenden Jungenblick und dem prinzenhaften Körper. Man braucht dies Gemälde, das jeder kennt, nicht zu beschreiben, wohl aber sei die Frage gestattet, ob es seine Beliebtheit lediglich malerischen Qualitäten dankt, oder ist es populär, obschon es ein Kunstwerk ist? Denn die nämlichen Leute, die diesen Johannes umdrängen, geraten im selben Palazzo Pitti vor den Madonnen Carlo Dolcis und der Judith Alessandro Alloris genau ins gleiche Entzücken. Hier wie dort begeistert sie lediglich das „süße“ Modell. Nur keine Illusionen! Ein vornehmes Kunstempfinden ist heute eben seltener anzutreffen als in den Tagen der Renaissance, wo Andrea del Sarto ein Madonnenbild „seinem lieben Freunde Becuccio, einem Glaser aus Gambassi“, malte. „Seinem lieben Freunde!“ das heißt einen großen Künstler und den kleinen Handwerker verknüpften die Bande gemeinsamer Anschauungen, gemeinsamer Neigungen, sie hatten die gleiche Kultur ...