»Aber doch nicht allein vor diesem jungen Rabattengemüse?«

»Doch!« sagte Cyrill noch um eine Silbe lakonischer, und der Fall war entschieden.

Schlag acht Uhr (das war der festgesetzte Beginn des Konzerts) machte Cyrill Dietrich seine Dirigentenverneigung vor dem Publikum und hielt eine kleine Ansprache:

»Meine Damen und Herren! Ich freue mich, daß insonderheit die Jugend Altenrodas unserer Einladung so zahlreich Folge geleistet hat. Ihr schöner, jung-seliger Idealismus hat Sie hierhergeführt. Nur wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Nur auf die Jugend baue ich meine Hoffnung, daß in Altenroda eine Besserung des Kunstgeschmacks eintreten kann. Ich heiße Sie herzlich willkommen und bitte Sie, auf den leergebliebenen Stühlen des Saales Platz zu nehmen.«

Hei, flog das hübsche Backfischgesindel in seinem jungseligen Idealismus auf die leeren Stühle. Die jungen Herren folgten in gemessenerem Tempo; einige aber blieben »ostentativ« an der Wand stehen. Sie wollten sich »nichts schenken« lassen; sie hätten ja, wenn sie es nur gewünscht hätten, sich leicht einen Talerplatz kaufen können. Sie hatten es aber nicht gewünscht. Sie standen lieber. Sie standen »prinzipiell«, standen »zum Vergnügen«. Und alle Welt ließ sie auch ruhig stehen.

Schlag acht Uhr wurde auf Cyrills Befehl auch die Kasse geschlossen. Zehn Minuten später aber, als der Kassierer noch mit den Aufräumungsarbeiten, insonderheit mit dem Verpacken von dreihundertfünfundsiebzig unverkauft gebliebenen Programmen beschäftigt war, erschien noch ein Sekretär mit seiner Frau und wünschte zwei Plätze.

»Bedaure,« sagte der Kassierer hochmütig; »die Kasse ist geschlossen.«

»Ist es denn so voll?« fragte der Sekretär verwundert.

»Das wohl nicht,« erwiderte der Kassierer; »aber was geschlossen ist, ist geschlossen. Das ist so bei vornehmen Konzerts.«

Das Konzert des »Quartetts Altenroda« war boykottiert worden. Die ganze sangesfreudige Stadt Altenroda war nun einmal in drei Lager eingeteilt, je nach der Zugehörigkeit zu einem der drei Gesangvereine; jedes Lager war bis zur Lächerlichkeit vereinsmeierisch und hielt auf strengste Disziplin. Parole war Parole. Wehe dem, der da nicht Stange hielt! Und hier bei Cyrills Konzert hieß in allen drei Vereinen die Parole: »Nicht hingehen!« Die »Harmonie« haßte Cyrill wegen seines Verhaltens im Harmonie-Konzert. Der Kirchenchor war neidisch auf Liesel Tilgner, die »wohl die Einzige sein wollte, die was könnte«. Der Verein »Frohsinn« hatte »seinen Freund und Ehrenmitglied« August Stumpe wider alle anderslautenden Zusagen eingebüßt; denn August Stumpe hatte sich seit langem dem Verein ferngehalten, nicht einmal an dem großen Schweineschlachtfest-Wettsingen hatte er sich beteiligt.

Also Parole: »Nicht hingehen!«

Die wenigen, die dennoch gekommen waren, es waren sechsundzwanzig, waren Außenseiter. Nur die »unreife Jugend« hatte sich davon, das neue Quartett zu hören, nicht abhalten lassen. »Weil es doch ein Feez ist,« hatte die blonde Käthe Birke zu dem Primaner Erich Mosemmel auf dem Hinwege gesagt.

Als das Konzert aus war, lungerte spazierengehend halb Altenroda in der Nähe des Konzertraumes auf Nachrichten, »wie es eigentlich gewesen sei«.

Käthe Birke, die mit dem Primaner Erich Mosemmel nach Hause ging und ihren Eltern begegnete, erstattete Bericht.

»Es war himmlisch! Ich habe nie geglaubt, daß es etwas so Schönes gibt.«

Das Kind hatte Mühe, zwei halbe Tränen in die Blauaugen zurückzudrängen, als es das sagte.

»Ja,« bestätigte Erich Mosemmel, bedeutend forscher im Ton; »es war tadellos!«

Und es ging noch am selben Abend ein Gesumme in der Stadt, das Konzert sei herrlich gewesen. Und noch am selben Abend erwogen zwei Männer, ob sie nicht am besten Selbstmord verübten: Cyrill und der Dachdecker. Der Apotheker nahm es fast ebenso tragisch wie diese beiden; er betrank sich im Giftgadern ganz unverünftig. Liesel Tilgner flennte sich halbtot, einmal, weil der Tenor in seinem Unglück über das schlecht besuchte Konzert fast gar nicht mit ihr gesprochen hatte, und dann, weil ihr Vater, der Kirchenchordirigent, der noch immer gegen ihre Beteiligung am Quartett war, gesagt hatte, der »Reinfall« wäre eine gerechte Strafe für ihren kindlichen Ungehorsam. Ach Gott, es ist auch schwer, als »Kind« von einunddreißig Jahren immer noch ganz gehorsam zu sein.

Nur Sabinchen aß nach dem Konzert noch einmal tüchtig zu Abend, lutschte eine Tüte Bonbons aus und schlief dann selig, das wunderschöne Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.


In Altenroda gab es eine Sensation.

Das Stadtblatt brachte folgenden Artikel:

»Kunst im Winkel. Ach, ich alter Knabe! Ich habe geglaubt, im Musikleben Bescheid zu wissen. Ich habe in Berlin, in Rom, in Paris, in München mich bemüht, einen Blick hinter den Schleier der Musik der bezauberndsten aller Göttinnen, zu tun, in ihr ewig schönes Gesicht zu schauen. Und dann habe ich so ziemlich alles, was auf Erden an Bedeutung singt, geigt, orgelt, flötet, klavierspielt, opert, operettelt und Laute zupft, gehört. Ich war in einem Jahre bei zweihundertundzwei Musikabenden. (Beileidsbesuche und Kranzspenden dankend verbeten!) Ich hätte geschworen, daß ich nie, nie mehr ganz freiwillig in ein Konzert gehen würde, sondern nur, wenn es höhere Pflicht erheischt: Kritikerpflicht oder die Pflicht, einem Großen in der Musik zu huldigen, indem man sich demütig zu seinen Füßen setzt. Kleinstadtkunst, das war für mich so etwas wie Gurkenbau in Liegnitz, Schnupftabakfabrikation in Ratibor, Stoffweberei in Cottbus. Alles sehr brav, alles sehr brauchbar, ja unentbehrlich, aber mich ging's nichts an, hatte mit ›Kunst‹ nichts zu tun. Kleinstadtkunst ging mich noch weniger an als die vielen Dilettantenstümpereien in den Großstädten, die nichts sind als Legierungen von Schwärmerei und Eitelkeit und vielleicht ein bißchen Sehnsucht.

Ach, ich alter Knabe, ich alter musikalischer Globetrotter! Da bin ich in einem entzückenden Erdenwinkel zur Winterfrische, habe wegen Talentlosigkeit meiner Bauchmuskeln das Skifahren aufgegeben und mich nur auf das Rodeln beschränkt, mußte mal kurz verreisen, las, wie schon vorher tausendundeinmal, also zum tausendzweitenmal den Fahrplan falsch und blieb also in Altenroda fünf Stunden lang ohne Weiteranschluß sitzen. Ein Einheimischer kann sicherlich in Altenroda fünfzig Jahre lang zufrieden und selig sein; aber was soll ein großstädtischer Fremdling mit fünf Stunden in Altenroda anfangen? Alle Ehre der Konditorei unter den Lauben und dem Hotel zum ›Löwen‹, sowie den dort ausliegenden Lesezirkelheften — aber ach, fünf Stunden sind halt grausam lang.

Kurz und gut, ich sah ein Plakat: ›Quartett Altenroda. Konzert.‹ Ich las das Plakat aus lauter Langerweile. Und ich fiel in einen Abgrund von Erstaunen. Das war ein Programm, würdig eines Konzertraums, dessen Vorbedingung aparter Geschmack ist. Wo in aller guter und böser Geister Namen kam ein Mensch nach Altenroda, der ein solches Programm aufstellen konnte? Und wenn nun schon einer war, der solchen Geschmack hatte, wie konnte er die Kräfte zusammen bekommen, solch ein Programm auszuführen? Es mußte doch greulicher Unfug dabei herauskommen.

Ich ging hin. Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen. Ich war — pünktlich, wie es sich geziemt — fünfzehn Minuten vor acht da. Ein leerer Raum. Einige Jünglinge und Jungfrauen an den Wänden. Mir wurde bange wie einem Einsamen in der Wüste.

Und nun sangen vier Leute; ein blasser junger Mann dirigierte. Zwei Damen-, zwei Herrenstimmen. Eine kritische Würdigung des Konzerts will ich nicht geben, nicht etwa, wie man mancherorten sagen würde, eine ›Rezension‹ schreiben; ich will nur als eines meiner seltsamsten Lebensereignisse berichten, daß ich in einer deutschen Kleinstadt eine Kunstgabe fand, die mich in Erstaunen setzte. Glückliches Deutschland, wenn selbst in deine fernsten Täler solcher Kunsteifer und solche Kunstreife gedrungen sind! Der Tenor des Quartetts hat prachtvolles, wenn auch noch nicht zu voller Edelreife gediehenes Material. Die anderen leisten (auch von strengem Gesichtspunkt aus beurteilt) höchst Achtbares. Alle sprechen richtig, alle atmen richtig, alle singen richtig. Der Dirigent ist ein famoser Mann, und ich segne mein Mißgeschick, das mich in Altenroda fünf Stunden aufhielt.«

Dieser Artikel, der im Altenrodaer Stadtblatt erschien, war von einem der gefeiertsten und gefürchtetsten Kritiker der Hauptstadt unterzeichnet.

Jedermann, der behauptet, daß Rezensenten gemeingefährliche Subjekte sind, hat recht. Cyrill Dietrich kriegte einen Weinkrampf vor Jubel, als er den Artikel las. August Stumpe, der ein zerschlätertes Winterdach ausbessern sollte, saß mit dem Zeitungsblatt in eisiger Höhe, wäre beinahe erfroren und tat gar nichts, weder zur Ausbesserung des Daches noch seines Seelenzustandes. Der Apotheker betrank sich drei Tage und drei Nächte lang vor Freude, und nur Sabinchen heulte, und zwar wegen der plötzlich ausgebrochenen Trunksucht ihres lieben Papas.

Daß aber der Artikel der kritischen Großstadtkoryphäe in dem Altenroder Stadtblatt Aufnahme gefunden hatte, erklärte sich einfach daraus, daß der Verleger des Stadtblattes die Bedeutung jener Koryphäe kannte. Er war auf einige großstädtische Zeitungen abonniert. Und wenn er jetzt eine Abonnentenreklame für sein Stadtblatt losließ, vergaß er nie zu bemerken: Mitarbeiter u. a. Herr Dr. X., der gefeierte Musikkritiker erster Weltblätter.


Es ging schon auf den Frühling zu. Im Winter blüht das Geschäft der Dachdecker nicht. Über ein paar Notaufträge, wenn gerade das Schneegestöber schon ins Haus dringt oder sich der Nordwind einen gar zu groben Spaß erlaubt hat, kommt es nicht hinaus. So hatte August Stumpe viel Zeit zum Studium, und es wurde auch jede freie Stunde sorglich genützt. Cyrill war ein unermüdlicher Lehrer. Es war diesem durch und durch musikalischen Manne ein Herzensglück, ein so starkes Talent, wie das des Dachdeckers war, zu immer größerer Reife zu führen. Schon lange waren sie über bescheidene Rollen aus Spielopern wie »Freischütz« und »Waffenschmied« hinaus. Schon waren sie bei Wagner angelangt. Als Cyrill das erstemal zu seinem Schüler über Wagner sprach, stand er vor ihm wie ein begeisterter Priester, und als er ihm die Wonnen und Wunder des »Lohengrin« erschloß, seufzte der Dachdecker und sagte: »Das ist Musik aus dem Paradiese.«

Eines Tages fuhren die beiden miteinander nach der Hauptstadt. Im Wartesaal zu Altenroda trafen sie sich.

»Ich habe einstweilen die beiden Fahrkarten gekauft,« sagte Cyrill.

»Ich auch!« sagte der Dachdecker.

Cyrill hatte dritter, der Dachdecker hatte zweiter Klasse gelöst. Schließlich legten sie die vier Karten zusammen, fuhren erster und waren schön allein im Abteil. Der Dachdecker schämte sich halb zu Tode in dem feinen Raume und wünschte nur, daß keine anderen Menschen einsteigen möchten.

Cyrill lächelte wehmütig.

»Sie werden bald immer erster Klasse fahren,« sagte er. »Wenn Sie erst ein Bühnenstern sind! Und ich werde immer dritter Klasse fahren. Ich glaube, ich bin selbst dritter Klasse.«

Dagegen erhob der Dachdecker leidenschaftlichen Protest; aber Cyrill wehrte ab und sagte:

»Lassen Sie es gut sein. Nicht jeder kann ganz vorne stehn. Es genügt schon, wenn er dabei ist. Heute abend im Opernhaus nehmen wir uns ganz gute Plätze. Wohnen können wir ja in einem kleinen Vorstadthotel.«

Sie saßen in einer Loge des Opernhauses.

Lohengrin.

Das silberne Singen der Geigen mit dem Gralsmotiv setzte ein; die Ouvertüre wogte vorüber, der Vorhang hob sich, und ein schönes Bühnenbild zeigte König Heinrich mit den Männern von Brabant am Ufer der Schelde.

Der Dachdecker preßte seine Hand auf Cyrills Knie, als müsse er sich festhalten. So selig erschrocken wie er schaute einst Moses ins Gelobte Land.

Als die Lichtgestalt Lohengrins auftauchte, diese Gestalt, die aus Glanz und Wonnen kommt, ganz Schönheit, ganz Reinheit, ganz Heldenkraft, ganz wundersamste Jugend, rannen dem armen Dachdecker unaufhaltsam die Tränen über die Wangen, das Herz pochte ihm in Seligkeit; alle Glocken klangen, alle Engel sangen; tausend Melodien strömten ihm zu: Du bist glücklich, du bist selig, du bist im Himmel!

Aber als der Vorhang gefallen war, saß der Dachdecker stumm und mit bleichem Gesichte auf seinem Stuhle.

Die Leute gingen nach dem Vorraume.

»Wollen wir nicht auch hinausgehen?« fragte Cyrill.

Der Dachdecker schüttelte den Kopf. Wie konnte man aus diesem Himmel hinausgehen? Aber er war so todblaß und stierte so eigentümlich mit den Augen, daß Cyrill fragte:

»Was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«

»Ach,« sagte der Dachdecker, »ach, ich erbärmlicher Kerl! So etwas werde ich niemals können. Der Lohengrin ist wie ein Gott!«

Cyrill schwieg. Er dachte: Ganz gut, wenn du die Größe und Schwierigkeit deiner Aufgabe erfassest. Im übrigen ist noch jeder, der wirklich etwas kann, nicht einmal, sondern hundertmal an sich verzweifelt. Nur die Stümper sind selbstsicher.

Im zweiten Akte, nach Elsas süßen Nachtgesängen, faßte sich der Dachdecker am Hals und flüsterte Cyrill angsterfüllt zu:

»Mir wird übel!«

Cyrill sah mit einem Blick, daß die Sachlage hier bedrohlich wurde, faßte August an der Hand und führte ihn hinaus. Unwillige Blicke folgten den Störern, und Elsa sang unten auf der Bühne: »Es gibt ein Glück, das ohne Reu,« ohne zu ahnen, daß da oben ein kunstbegeisterter Naturmensch diese Sentenz ad absurdum führte.

August Stumpe mußte sich erbrechen. Kalter Schweiß perlte ihm auf dem Gesichte und auf den Händen.

»Na, hören Sie mal,« sagte Cyrill, der nur unwillig den Samariter spielte, »wenn Sie sich immer im Theater so aufregen wollen, dann taugen Sie freilich nichts für die Bühne.«

»Nein,« schöpfte August Luft, »nein, ich tauge nichts! Ich tauge rein gar nichts! Ich bin eine unnütze Kreatur! Ich bin ein dummer Mensch. Für mich gibt's nur eins — weg von der Welt!«

»Blech!« sagte Cyrill zum Trost und sonst nichts. Dann führte er August an ein Büfett und labte ihn mit einer Flasche Selterswasser. Von drinnen drangen die Hochzeitshymnen des großen Kirchgangs. August strebte wieder hinein.

»Nicht um die Welt!« sagte Cyrill und hielt den Dachdecker zurück.

Da lehnte sich August Stumpe in seinem todjämmerlichen Zustande an eine Säule, und Cyrill stand neben ihm in dem leeren Restaurationsraum, und beide machten einen unvorteilhaften Eindruck.

Wie sie so dalehnten, kam ein kleiner dicker Herr mit einem Hornzwicker auf der Nase vorbei, musterte sie, blieb stehen, ging vorüber, blieb wieder stehen, guckte sich um und kam plötzlich heran.

»Also, da möchte ich doch wetten, Sie beide sind aus Altenroda.«

Cyrill und August erschraken, als ob sie entlarvte Verbrecher seien, und einer von beiden sagte: »Ja, ja, ja!«

»Habe ich Sie doch erkannt,« schmunzelte der alte Herr vergnügt. »Ja, mein Physiognomiengedächtnis! Also die Leute vom Quartett Altenroda. Sie der Dirigent, Sie der Tenorist! Weiß alles, weiß alles! War ja in Ihrem Konzert. Sind also da mal hergekommen in die Oper — was? Und da ist Ihnen wohl schlecht geworden? Sehen ja ganz verdaddelt aus?«

»Ja,« sagte Cyrill, der den gewaltigen Musikkritiker von dazumal inzwischen erkannte oder wenigstens ahnte, »meinem Freunde wurde übel.«

»Er ist doch nicht Sänger von Beruf? Was ist er denn?«

»Dachdecker.«

»Dachdecker? So, so — Dachdecker! So — heidi — ganz oben! Ganz oben, direkt am Kirchturmknopf! Dachdecker! Und singt! Und fährt mal in die Oper! Opfert Geld! Siebzehn Mark zweiter Klasse hin und her! Weiß ich! War ja doch in der Gegend. Siebzehn Mark! Und dann die sonstigen Spesen. In die Oper! In den ›Lohengrin‹! Und hört dann hier solches — solches — und wird ihm schlecht.«

Der kleine dicke Herr mit der Hornbrille nahm Cyrill etwas auf die Seite.

»Sagen Sie mal — der Mann hat sich wohl direkt erbrochen? Das sieht man ihm doch an!«

»Ja,« sagte Cyrill, »es wurde ihm übel. Schon nach dem ersten Akt wurde ihm ganz benommen.«

»Hatte er denn vorher getrunken oder sich den Magen verdorben?«

»Durchaus nicht! An der Übelkeit ist nur die Oper schuld.«

Der Dicke funkelte Cyrill mit den Brillengläsern an.

»Die Oper! War denn — dieser — dieser Dachdecker schon öfter in der Oper?«

»Nein, es ist die erste, die er hört.«

Der Dicke rieb sich die Glatze.

»Das ist fabelhaft! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehen Sie, man müßte doch annehmen, auf eine so naive Haut, wie es ein Dachdecker aus Altenroda ist, müßte die erste Oper, die er hört, mächtigen Eindruck machen, sie müßte ihn begeistern. Aber nein! Wenn er ein musikalisches Talent ist (und das ist Ihr Dachdecker in ganz hervorragendem Maße), wenn er ein musikalisches Innenleben hat, wird ihm bei einer solch gottserbärmlichen Aufführung, wie die heutige ist, einfach schlecht. Er kotzt! Er verachtet die ganze Bande. Der ›Lohengrin‹, der heute hier auf Engagement zu singen die Verbrecherstirn hat, soll sich auf einen Misthof als Kikerikihahn vermieten. Ja, das soll er! Das schreibe ich morgen in meine Kritik. Als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten! Selbst ein wirklich musikalischer Dachdecker aus Altenroda hat das herausempfunden.«

Auf diese Rede hin sagte Dietrich Cyrill weder »ja« noch »nein«. Er war zu erstaunt über diese Wendung der Dinge.

»Also,« fuhr der Dicke fort, »ich habe damals über Ihr Konzert an Ihr Stadtblatt einige Zeilen gerichtet. Es machte mir Spaß. Ich wollte auch den Spießern aus Altenroda, die Ihrem Konzert ferngeblieben waren, eines auswischen. Ich habe mich damals über Ihre Leistungen gewundert. Aber noch mehr wundere ich mich heute. Daß einem Naturkinde bei der ersten Oper, die es hört, schlecht wird, nur weil schlecht gesungen wird — sehen Sie, das ist ein psychologisch rasend interessanter Fall. Das ist ein Testimonium so elementaren Schönheitswillens, daß ich erstaunt bin.«

Der Dicke ging nun zu dem Dachdecker, der mit einem weidlich dummen Gesicht immer noch an der Säule stand, und sagte:

»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Übelkeit! Wundern Sie sich nicht, daß mir nicht auch übel geworden ist! Verachten Sie mich deswegen nicht! Ich bin abgehärtet bis aufs äußerste. Ich kann Seifenlauge vertragen, weil ich berufshalber tausendmal habe Seifenlauge schlucken müssen. Verstehen Sie das?«

August wußte nicht, was der ›Lohengrin‹ mit Seifenlauge zu tun habe, aber er nickte mit dem Kopf. Ihm war alles egal.

Nun war drinnen der zweite Akt zu Ende; die Leute strömten in den Restaurationsraum. Der kleine Dicke zog eine Visitenkarte aus der Tasche, überreichte sie Cyrill und sagte:

»Da ist meine Adresse! Es würde mich freuen, wenn Sie mich mit Ihrem Freunde morgen besuchten. Am besten zwischen elf und zwölf Uhr.«

Dann ging er.

Während des dritten Aktes saß August Stumpe wieder in seligen Schauern da. Es wurde ihm nicht mehr übel. Am Schluß nur, bei der Gralserzählung, rannen ihm heiße Tränen über die Wangen. Er klatschte keinen Beifall. Ganz still saß er noch, als die meisten Leute schon gegangen waren, und verließ als einer der letzten das Theater, Leuchten in den Augen und einen Schimmer von Verklärung auf dem Gesicht.

In einem kleinen Vorstadthotel hatten Cyrill und August ein gemeinsames Zimmer inne. Der Dachdecker saß auf seiner Bettkante und träumte. Cyrill störte ihn nicht.

»Wie ein Gott hat er gesungen — wie ein Gott!«

Da meinte Cyrill:

»Lieber Freund, ich gebe Ihnen einen guten Rat; wenn wir morgen bei dem kleinen Doktor sein werden, sagen Sie kein Wort über die heutige Aufführung, kein einziges Wort!«

»Warum nicht?« fragte Stumpe.

»Weil es sich nicht ziemt, daß ein Anfänger in Gegenwart einer solch anerkannten Größe seine eigene kritische Meinung zum Besten gibt.«

»Das ist richtig!« sagte der Dachdecker. Nach einem Weilchen stand er auf.

»So hat er dagestanden!« sagte er in seliger Versunkenheit, »so die Augen ganz in die Ferne gerichtet nach Monsalvat, weit über alle Länder und Menschen hinweg. Und so hat er gesungen: ›Im fernen Land, unnahbar Euren Schritten, steht eine Burg, die Monsalvat genannt ...‹«

Und nun sang August Stumpe erst leise, dann mit immer vollerer Stimme die Gralserzählung, und Cyrill hörte ihm glückselig zu. Sein Schüler sang die Gralserzählung wirklich viel schöner als der Tenor auf der Bühne, und was den Dachdecker heut so begeistert hatte, war ja auch nicht die wenig hohe Kunst jenes Bühnentenors gewesen, sondern das Theater selbst, in das dieser begnadete Künstler als ein verbannter Königssohn zum erstenmal wie in eine Heimat gekommen war, in die er gehörte.

»Mein Vater Parsival trägt seine Krone, sein Ritter ich, bin Lohengrin genannt ...«

In einer Gloriole glühender Tonfarben sang der Dachdecker den Schluß der Gralserzählung.

»Ruhe dort drin! Die Herrschaften schlafen schon!«

Das war der Nachtportier.

»Nein!« brüllte ein Handlungsreisender, der im linken Nebenzimmer schlief, »er soll weitersingen. Der Mann singt großartig.«

Die Tür zum rechten Nebenzimmer öffnete sich; die Nachthaube einer alten Jungfer erschien, und eine Stimme flötete:

»O, Herr Portier, bitte, lassen Sie ihn weitersingen. Es ist himmlisch!«

»Nein,« sagte der grobe Portier, »es ist nicht himmlisch, sondern es ist Nacht. Die Leute wollen schlafen.«

Aus dem oberen Stockwerk rief einer grob die Treppe herunter:

»Was ist denn das für ein Radau da unten? Ruhe will ich!«

Das war August Stumpes erster Erfolg und Mißerfolg in der großen Stadt.

»Publikum!« sagte Cyrill. »Publikum!«


Am nächsten Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr war August Stumpes Schicksalsstunde. Der kleine Doktor hatte die beiden mit den Worten empfangen:

»Über gestern wollen wir nicht mehr reden. Wir wollen in diese Stimmung nicht zurückfallen. Ich habe mir den Ärger in meiner Nachtkritik von der Leber heruntergeschrieben, und Ihnen ist, wie ich sehe, ja auch wieder besser.«

Er führte sie in ein schönes Musikzimmer.

»Sie sollen mir was erzählen,« sagte er; »von dem Musikleben in Altenroda sollen Sie mir was erzählen.«

Cyrill erzählte kurz und schlicht von der Gründung und Ausbildung des Quartetts.

»Wo und bei wem haben Sie studiert, Herr Dietrich?«

Cyrill gab Auskunft, und der Doktor brummte.

»Und da sitzen Sie in Altenroda? Was machen Sie denn da?«

»Ich warte auf eine Anstellung als Kapellmeister. Ich bin arm und muß bei meiner Tante wohnen, die meine einzige Verwandte ist. Einige Angebote habe ich gehabt; es waren aber so untergeordnete Institute, daß ich lieber in Altenroda weiter darbe. Ich habe auch eine Oper geschrieben.«

Der Doktor stand auf und unterbrach Cyrill.

»Oper geschrieben? Als Kapellmeister? Das ist nichts! Kapellmeister sollten nie Opern schreiben, Theaterdirektoren und Bühnenleute nie Dramen dichten. Wissen Sie, was das ist? Inzucht ist das! Kommen meist Wechselbälger heraus! Mache! Technik! Kulissenverwendung! Gebrauchsgegenstände pro loco! Nein! Ist nichts! Jeder bei seinem Fach! Ein General soll nicht zugleich Armeelieferant sein.«

Damit war Cyrill abgefertigt, und August Stumpe kam an die Reihe.

»Singen Sie mir was vor! Die Tonleiter!«

August Stumpe sang die Tonleiter auf do, re, mi ...

»Na weiter! In die zweite Etage! Noch mal von unten an!«

Stumpe sang zwei Tonleitern.

»Also,« sagte der Doktor, »das war in ›a‹. Nun versuchen Sie es mal einen halben Ton höher, in ›b‹«.

Als August Stumpe sofort das »b« richtig traf, unterbrach ihn der Doktor und sagte:

»Gut! Ich weiß Bescheid! Nun singen Sie mir noch irgend etwas aus einer Oper. Was möchten Sie sich wählen?«

»Die Gralserzählung!«

Darüber machte der Doktor ein saures Gesicht. Diese Wahl mißfiel ihm. Aber er sagte:

»Meinetwegen. Nach der Seifenlauge gestern ...«

Und er schlug den Klavierauszug zum »Lohengrin« auf. August Stumpe sang. Nicht ganz so in Verklärung und Entzückung wie gestern Abend, aber doch gut.

Am Schluß sagte der Doktor, dem hinter der Brille die Augen funkelten:

»Also — das können Sie noch nicht. Selbstverständlich noch nicht. Aber in einem Jahre werden Sie es wahrscheinlich können. Nun, mein Lieber, das Dachdecken hört jetzt auf, und wenn es allen Bürgern in Altenroda in die Bude regnet. Und wenn in der Konditorei unter den Lauben der Kaffee verwässert, und wenn alle Journale im ›Löwen‹ verfaulen — das Dachdecken hört auf! Absolut und sofort! In einem Monat sind Sie hier. Ich werde für einige Mäzene sorgen, die Ihren Unterhalt bestreiten und Ihnen die geeigneten Lehrer verschaffen. Alles andere findet sich dann für Sie von selbst.«

Nach einigen Abschiedsworten waren die beiden entlassen.


Sie saßen in einer kleinen Weinstube. August Stumpe hatte ein knallrotes Gesicht. Er hatte Fieber. Seine Lebensstraße war plötzlich von glühweißem Sonnenlicht übergossen. Das blendete ihn, der so lange im Schatten gelebt hatte. Völlig verwirrt war er. Er tastete nach Cyrills Hand; die war eiskalt. Cyrills Aussichten auf eigenes Glück waren vernichtet. Der kleine Doktor hatte ihn fallen lassen, und der bunte Vogel, den er gezüchtet und gepflegt, auf den er seine Hoffnungen gesetzt hatte, flog davon.

August Stumpe versuchte ein Gespräch herbeizuführen, es mißlang.

»Lassen Sie mich!« sagte Cyrill verstört, »ich muß mich erst darein finden!«

»In was müssen Sie sich finden?«

Cyrill gab keine Antwort. Er sank in die Sofaecke der kleinen Nische, in der sie saßen, und schloß die Augen. Ganz ruhig saß er. Nur die Brust zuckte manchmal in innerem Krampf.

Der Kellner legte leise ein paar Zeitungen hin. Der Dachdecker sah eine Weile bestürzt und verängstigt auf Cyrill, dann glaubte er, der schlafe, und er blätterte vorsichtig, um kein Geknittere zu verursachen, in einer Zeitung. Da fand er die Nachtkritik des Doktors über die »Lohengrin«-Aufführung.

»In einer kleinen Dingsda-Stadt lebt ein Dachdecker, der musikalisch ist und durch einen Zufall zu einer sachgemäßen musikalischen Ausbildung gekommen ist. Dieser Mann wandte seinen kargen, auf halsbrecherischem Höhengelände erworbenen Lohn an, um mal in unserer Oper den ›Lohengrin‹ zu hören. Der Unglückswurm geriet in die Aufführung, in der gestern Herr Edmund Tolschmusen auf Engagement als Lohengrin debutierte. Und dem musikalischen Dachdecker wurde schlecht. Man stelle sich vor: ein Dachdecker, ein reiner Tor, ein Hans Kuckindiewelt, einer, der auszog, um das selige Gruseln zu lernen, dem wurde schlecht, der mußte sich in die Retirade flüchten, weil Herr Edmund Tolschmusen so übererbärmlich sang, daß dem musikalischen Naivling die Magenwände rebellierten. Herr Edmund Tolschmusen soll mal nach Dingsda fahren und sich ein Konzert anhören, in dem der Dachdecker singt, damit er eine Ahnung kriegt, wie gesungen werden muß. Oder wenn er so viel Kunsteifer nicht aufbringt, soll er sich kurzerhand als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten. Vielleicht zieht unser Herr Intendant, der ihn zum Probesingen einlud, als Hühnerwärter gleich mit. Fürs Krähen und Gackern interessiert er sich ja sicherlich.«

Großstädter sind an solche deutliche und witzige Kunstkritiken ja gewöhnt; aber dem Kleinstadtmann verschlug's den Atem.

Mit entseeltem Gesicht starrte August Stumpe das Zeitungsblatt an. Er las die »Kritik« ein zweites und drittes Mal, spuckte, kratzte sich am Halse und an den Beinen und wurde nur immer verwirrter. Himmelangst wurde ihm; als sei er verhext, so kam er sich vor. Was war denn das? Was bedeutete denn das? Der Dachdecker war ja doch wohl er selbst? Aber wer war denn der Kikerikihahn?

Cyrill Dietrich erhob sich plötzlich.

»Also, lieber Stumpe, ich bin wieder bei mir. Ich hoffe, ich werde darüber hinwegkommen. Stoßen Sie mit mir an. Ich gratuliere Ihnen aufrichtig und herzlich. Ich freue mich, daß ich der Kunst einen solchen Jünger wie Sie habe zuführen können. Sie werden nun bald ganz im Lichten sein, und ich werde in Altenroda Klavierstunden geben müssen. Ich sagte es Ihnen schon gestern — der eine erster, der andere dritter Klasse. Das ist nun mal so im Leben.«

Da faßte August Stumpe ein unsinniger Zorn, als ihm klar wurde, daß er aufsteigen, sein bisheriger Lehrer aber in der Tiefe bleiben solle. Er verschüttete sein Weinglas und sagte:

»Wissen Sie, was der Doktor ist? Ein Schuft! Wissen Sie, was er in seiner Zeitung geschrieben hat? Ich bin ein Tor, der Tenorist von gestern Abend ist ein Kikerikihahn. Und Sie läßt er sitzen! Und von mir sagt er, mir sei schlecht geworden, weil es im Theater so schlecht war; dabei ist mir schlecht geworden, weil es überaus herrlich war. Der Idiot! Ich gehe jetzt zu ihm und hau ihm eins in die Schnauze.«

Der zarte Cyrill bemühte sich ganz vergebens, den riesigen Dachdecker aufzuhalten. Der empörte Mann riß sich los und stürmte davon. Die Kellner wunderten sich sehr über diesen Gast.

Cyrill konnte nichts tun, als den Doktor telephonisch auf das vorbereiten, was ihm bevorstand. Ein kollerndes Lachen rollte Cyrillen durch den Telephonhörer als Antwort ins Ohr.

»Na, also, wenn er aufbricht, um einen Kritiker zu hauen, ist er ja doch der geborene Bühnenkünstler! Das ist eine neue Talentprobe. Lassen Sie ihn kommen! Und Sie, kommen Sie auch noch mal zu mir, Sie sind ja eigentlich der spiritus rector von der ganzen Geschichte. Einer, der aus einer Dilettantensache so etwas machte, wie Ihr Quartett, der ist ja sicher ein Kapellmeister. Der muß intelligent und vor allem sehr fleißig sein. Fleißig — das ist eine gute Eigenschaft für einen Kapellmeister. Nur das eine tun Sie sich selbst zu Gefallen: sagen Sie niemand, daß Sie eine Oper komponiert haben.«

Nach einer Stunde saßen Cyrill und August wieder zusammen.

August Stumpe hatte ein friedliches Gesicht.

»Na,« sagte er, »es war ganz nett. Gehauen haben wir uns nicht. Ich habe ihm bloß ordentlich meine Meinung gesagt, daß es gestern im Theater großartig war, und daß mir so schlecht geworden ist, weil es eben so großartig war. Und da hat der Doktor so gelacht, daß ich dachte, er erstickt. Aber dann hat er gesagt: ›Stumpe, Irren ist menschlich. Ich habe mich in Ihnen geirrt. Wenn Sie mir gestern abend das gesagt hätten, was Sie mir jetzt sagen, hätte ich Sie nie und nimmer eingeladen. Ich hielt Sie aber für ein psychologisches Monstrum. Stumpe, Sie sind kein Monstrum. Doch ein guter Sänger können Sie werden; das habe ich inzwischen festgestellt. Und so bleibt alles beim alten, und Ihren Meister Cyrill werde ich auch unterbringen. Ich hab' schon was für ihn in Aussicht.‹

Schön wurde es in der kleinen Weinstube! Nachmittags um vier machten Cyrill und August Bruderschaft.

Darauf ging August Stumpe an einen Kellner heran, zerrte ihn am Ärmel in eine Ecke und sagte:

»Ach, verzeihen, Sie, Herr Nachbar, können Sie mir sagen, wieviel eigentlich so eine Flasche Champagner kostet?«

Der Kellner grinste.

»Das kommt auf die Marke an. Französischer Sekt etwa achtzehn Mark.«

»Warten Sie mal!« sagte August Stumpe, zog sein Portemonnaie heraus, zählte sein Geld, rechnete umständlich auf einem Zettel mit Bleistift etwas aus und sagte dann:

»Es langt! Bringen Sie eine!«

Der Kellner berichtete am Büfett, daß ein solch ländlicher Blödling, wie dieser Gast war, der den Sekt bestellte, noch in keiner Weinstube der Welt aufgetaucht sei. August und Cyrill aber saßen sich glückselig gegenüber, nannten sich du, hatten miteinander und durcheinander gesiegt. Und einmal bückte sich August schnell nieder und küßte dankbar Cyrills feine weiße Dirigentenhand.


Als die beiden nach Altenroda heimkamen, fand jeder auf seiner Stube eine gedruckte Mitteilung vor, die niederschmetternd war.

Der Apotheker zeigte die Verlobung seiner einzigen Tochter Sabine mit dem Provisor seiner Firma an.

Sie waren mit dem Abendzug spät eingetroffen. Nun kam eine trostlose Nacht. Jeder war einsam für sich mit seiner Verzweiflung. Jeder saß vor dem schrecklichen kleinen Blatt, das den Verlust des Liebsten auf der Welt kundtat; jeder hatte wildes Weh im Herzen; jeder war vom Himmel in die Hölle gefallen.

Was war der herrlichste Weg, der sich wie durch ein Wunder erschlossen hatte, wenn das selige Ziel, zu dem er führen sollte, für immer verschwand?

Das Naturkind, den Dachdecker, packte es am schlimmsten. Er dachte an nichts weiter, als daß es aus sei mit aller Lebenshoffnung, daß er nie mehr singen würde, daß er sterben müsse.

Gegen Mitternacht hielt es August nicht mehr aus in seiner Einsamkeit. Er wußte niemand, dem er sich anvertrauen konnte, als Cyrill. So verließ er das Haus, um, wenn es möglich wäre, noch zu Cyrill zu gelangen. Und August begegnete Cyrill auf der menschenleeren, nächtlichen Straße.

Sie erschraken vor einander.

»Ich wollte zu dir!«

»Und ich zu dir!«

Cyrill erkannte blitzschnell, wie es um den Dachdecker stand; der Natursohn ahnte von dem andern auch jetzt noch rein nichts. Er war nur von seinem eigenen Herzeleid überwältigt, fiel Cyrill um den Hals und begann laut zu schluchzen. Wie weichmütig war doch dieser starke junge Mann!

Cyrill stand steif und still. Wie ein Steinbild stand die feingliederige Gestalt, an die sich der weinende Riese lehnte.

»Komm mit mir!« sagte er erst nach einer ganzen Weile.

Sie gingen durch den Frühlingssturm. Wolken jagten über ihnen, löschten alte Sterne aus und enthüllten neue Sterne.

In Cyrills Stube saß der Dachdecker auf dem kleinen roten Plüschsofa. Er saß mit gefalteten Händen und sagte mit ernster Feierlichkeit in der Stimme:

»Cyrill, du bist mein Freund geworden. Dir allein kann ich mich anvertrauen. Ich kann nicht mehr leben. Ich kann es nicht ertragen, daß Sabine einem andern gehört. Ich muß sterben. Aber ich habe noch eine alte Mutter. Die ist fromm. Die würde es nicht überleben, wenn der Sohn so ein — ein Selbstmörder wäre. Sie würde glauben, daß mich dann der liebe Gott auf ewig verwirft.«

Er machte eine Pause. Cyrill saß ihm schweigend und düster gegenüber.

»Ich habe die Sabine zu sehr geliebt,« fuhr der Dachdecker fort. »Ich habe die ganze Sache beim Quartett nur ihretwegen mitgemacht; ich habe auch bloß ihretwegen zur Oper gewollt. Das ist nun alles aus. Cyrill, du weißt, ich habe einen gefährlichen Beruf. Wenn du nun mal hörst, der August Stumpe ist abgestürzt, da weißt du Bescheid. Du sollst es wissen, sonst soll es niemand wissen, vor allen Dingen nicht meine Mutter. Aber eine soll es noch wissen — Sabine! Der sollst du es einmal heimlich sagen. Sie soll wenigstens einmal eine halbe Stunde um mich leiden.«

Cyrill sagte auch jetzt noch nichts. Er setzte sich an sein altes Klavier und begann ganz leise zu spielen. Der Dachdecker lag lang auf dem Sofa. Was sich bei ihm in naturwüchsiger Heftigkeit entlud, ging in stiller Qual auch durch Cyrills Seele. Der spielte wohl eine Stunde und länger. Dann stand er auf. Er war sich seiner Dirigentenpflicht bewußt geworden. Er durfte nicht dulden, daß jener andere dort die schöne Symphonie seines Lebens umwarf und vernichtete. Er war wie jener in Irrnis und Wirrnis, aber er war der berufene Führer, der den andern befreien mußte.

Cyrill zog eine Schublade auf, nahm ein Notenblatt heraus und legte es vor August Stumpe hin.

»Da — lies das!«

Der starrte erst geistesabwesend auf das Blatt. Als er aber den Namen Sabine sah, griff er gierig zu.

»Daß ich dich liebe ...« — »Sabine gewidmet.«

Und er las den Text. Verwirrt fragte er.

»Was bedeutet das? Ist das Lied von dir?«

»Ja.«

»Und es ist auf Sabine gemacht? Dieses Liebeslied?«

»Ja.«

Der Dachdecker sprang auf.

»Dann hast du ja auch — du auch ...«

Seine Augen glommen feindselig, seine Fäuste ballten sich. Cyrill stand ganz ruhig da.

»Ja, ich habe sie auch geliebt. Ebenso sehr wie du. Und bin nun ebenso um mein Glück betrogen wie du.«

»O Gott! — O Gott!«

Der Dachdecker sank auf das Sofa zurück.

»Und — und was wirst du tun?«

»Ich werde mir nicht das Leben nehmen. Ich habe eine andere Ansicht von dem, was ich noch im Leben zu tun habe, eine andere Ansicht von der Kunst als du. Gewiß, ich habe jenes Mädchen geliebt, aber ich liebe noch viel mehr die Musik. Der werde ich treu bleiben; die wird jetzt meine Braut sein. Die ist jeden Tag schön, jeden Tag lieb, jeden Tag tröstlich, jeden Tag die beste Gefährtin. Die wird nie alt.«

»Ja du — ja du!« rief der Dachdecker leidenschaftlich. »Du bist ein großer, gelehrter Künstler. Ich bin ein Stümper, ein Anfänger. Außer dem, was ich von dir kann, kann ich nichts. Für mich ist's aus!«

»Für dich ist's nur aus, wenn du ein ganzer Narr bist! Du bist ein Anfänger. Aber in zwei Jahren wirst du schon an erster Stelle stehen und ich an einer zweiten oder dritten Stelle. Wer weiß, ob ich je eine erste Stelle erreiche. Aber selbst das, was ich bin und was ich kann, werfe ich nicht weg um das schöne Gesicht eines Mädchens.«

August Stumpe saß ganz still da. Nach einiger Zeit sagte er:

»Cyrill, du bist mein Freund, der einzige wahre Freund, den ich habe. Du bist hundertmal klüger als ich. Dir werde ich folgen.«

»Sieh,« sagte Cyrill, »wir sind wirklich Freunde. Als uns heute unerwartet dieses Unglück traf, lief einer zum andern in seiner Not. Und wir begegneten uns mitten in der stürmischen Frühlingsnacht. Das hat was zu bedeuten! Wir sollen beieinander bleiben.«

»Ja, das sollen wir,« rief August Stumpe. »Das sollen wir! Ich werde alles tun, was du willst!«

Da hatte die Dirigentenseele Cyrills eine zarte Freude über den gefügigen Sänger.

»Ich will ganz aufrichtig zu dir sein,« sagte Cyrill; »du warst mir anfangs auch nur ein Mittel zum Zweck. Ich erkannte deine Begabung und sagte mir, durch dich könne ich wohl selbst zu etwas kommen. Und so ist es ja auch geworden, wenn auch etwas anders, als ich es anfangs dachte. Wir sind uns auf dem Lebenswege begegnet, und ich glaube, es war für beide ein Glück. Und wenn es nun mit Sabine so ganz anders gekommen ist, als wir beide es wünschten — jeder ganz für sich selbst — so ist doch in dem Unglück das Glück, daß wir beide Freunde bleiben können.«

»Ja, richtig,« rief August Stumpe, »wenn ich die Sabine bekommen hätte, dann hätte ich ja dich wohl verloren. Und umgekehrt auch. Und das wäre schrecklich gewesen.«

»Ja,« sagte Cyrill, »und nun wollen wir beraten, was zu tun ist.«


Um vier Uhr früh ging der Dachdecker nach Hause und fing sofort an, seine Sachen zusammenzupacken. Um neun Uhr hoben die beiden Freunde ihre Sparkassenguthaben ab. Um zehn schickten beide einen Blumenstrauß mit einer kurzen Gratulation nach der Apotheke.

Gegen Abend verließen Cyrill Dietrich und August Stumpe Altenroda. Ein Bote brachte einen Brief in die Apotheke:

»Sehr geehrter Herr Apotheker!

Mein Freund August Stumpe hat Aussicht, bei der Oper anzukommen; ich werde wahrscheinlich eine Kapellmeisterstelle erhalten. Wenn Sie diesen Brief lesen, haben wir beide Altenroda bereits verlassen. Einen Abschiedsbesuch wollten wir nicht machen, um das Glück der jungen Braut nicht zu stören. Wir danken Ihnen für die in Ihrem Hause empfangene Gastfreundschaft und wünschen, daß es Ihnen gelingen möge, die durch unseren Fortzug im Quartett Altenroda leergewordenen Plätze neu zu besetzen.

Cyrill Dietrich.«

Über diesen Brief war sich der Apotheker noch nicht im klaren, als er in Zorn und Schmerz bereits die dritte Flasche Burgunder getrunken hatte.

Das Sabinchen lag im Bettchen und flennte. Es waren so nette Leute gewesen, der Cyrill und der Dachdecker. Und so schöne Musik hatten sie gemacht. Eigentlich waren sie netter als der Provisor, den sie bloß nahm, daß die Apotheke später nicht in fremde Hände kommen sollte. Jetzt würden die beiden berühmte Künstler werden in der großen Stadt. Und sie mußte in Altenroda versauern.

Sabinchen flennte.

Und über allem Flennen schlief sie ein, das herzige Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.

Ein kleiner Gott saß auf dem Bettende. Er lächelte ein wenig spöttisch und wunderte sich gar nicht, als auch das Sabinchen im Schlaf plötzlich mit dem Flennen aufhörte und zu lächeln begann. Der kleine Gott wußte: jetzt träumt sie von dem schönen Brautkleide, das sie haben wird. Das ist ihr die Hauptsache. Und das hat sich doch gut gemacht, daß die keine Künstlerfrau geworden ist. Inzwischen trug der Schnellzug Cyrill Dietrich und den Tenoristen August Stumpe fort aus dem Musikleben Altenrodas ins Leben der großen Welt.