Nachher ging der Tanz los. Was er denn für ein unsinniges Zeug den Jungen vorschwatze, wo keiner noch rechtschaffen lesen, schreiben und rechnen kann?! Heißt man das nicht Zeit vergeuden? Und den Buben die Köpfe verdrehen? Daß sie erst recht untauglich werden zu dem Bißchen, was sie fürs Leben brauchen! Hol' doch der Kuckuck diese Extravaganzen, hat ein ordentlicher Schullehrer auf den Lehrplan zu schauen oder soll sich zum Teufel scheren!

Das läßt sich Franz nicht zweimal sagen.

»Herr Vater, ich bin nichts für einen Schullehrer. Lasen Sie mich gehen!«

Jetzt ist die Reihe an dem Vater, der Verdutzte zu sein. Er zieht sofort andere Saiten auf in der Meinung, er hätte den Jungen zu hart angelassen. Also:

»Was sind das jetzt für Sachen?! Von was willst denn leben, ha? Ein Geschäft muß der Mensch haben; sei froh, daß du in der Schul' sein darfst!«

Franz schüttelt abwehrend den Kopf.

»Nein, nein, Herr Vater, damit geht's nimmer. Mich müßt' eigentlich der Staat erhalten. Ich bin eben für nichts anderes als fürs Komponieren!«

Dem Vater reißt die Geduld.

»Der Staat soll dich erhalten, meinst?« höhnt er. »Du bist mir ein sauberer Patron! Möchtst wohl den ganzen Tag spazieren gehen und dich zahlen lassen dafür, pfui Teufel! Hast etwa keine Zeit zum Komponieren nach der Schul'? Hast du's bisher gekonnt, wirst es weiter auch können, verstanden?«

Aber der Stein ist bereits im Rollen, da gibt es kein Aufhalten mehr.

»Sind's mir nicht bös, Herr Vater, aber keinen Schritt mach' ich mehr ins Schulzimmer. Ich kann nicht mehr — ich kann's einfach nicht!«

Er will's in Freiheit versuchen, auf eigene Faust. Und pocht auf die hundert Gulden, sein erstes verdientes Geld, das er kürzlich von einem Gönner für eine Kantate erhalten hat. Er wird sich schon durchbeißen. Haben's andere gekonnt, warum sollte nicht auch er?! Und wenn's nicht anders ist, lieber den Bettelstab, aber die Freiheit, das hohe, ersehnte Gut, die Lebensluft, die sein Genius braucht, die Freiheit also, die kann er nicht länger opfern.

Da wird der Alte fuchsteufelswild, die angeborene bäurische Abneigung gegen die Freizügigen bricht in harten Worten hervor. Sein Junge, ein verlorener Sohn, ein herumziehender Musikant ohne festen Halt im Leben, ohne Besitz, ohne Amt — er hat noch vom Dorf her die Verachtung für solche wurzellockere Existenzen — das alles will nicht in seinen kreuzbraven, eigensinnigen, grauen Schädel. Daß der Franz sein Amt vom lieben Gott hat, weiß er wohl, aber um leben zu können, muß man sein Amt von den Menschen bekommen.

»Es leid't mich nimmer zu Haus, Vater, ich muß einmal fort, sonst geh' ich zugrund'!«

Da wird der Vater rauh: »Sollst nicht zugrund' gehen zu Haus, wenn'st lieber in der Fremde zugrund' gehen willst! Dann geh' halt — geh' aber gleich, geh'!«

Der Vater wendet sich ab; der teuerste Sohn hat ihn ins Herz getroffen, man soll nicht sehen, wie weh ihm ist; aber jetzt ist er fertig mit ihm. Der Bruch ist geschehen.

Franz geht. Das Vaterhaus ist zu eng geworden. Er braucht Luft, Freiheit, er will wachsen, in die Welt hinein wachsen. Leben, o Leben!