Franz ist zusammengebrochen. Die Nervenkraft ist erschöpft. Seltene Träume suchen ihn heim. Er fühlt sich als Bruder vieler Brüder und Schwestern, die Vergangenheit wogt daher in phantastischen Bildern, er sieht die Leiche seiner Mutter, der Vater erscheint ihm, er hat Streit mit ihm und entflieht; er wandert in ferne, unbekannte Gegenden, es ist ihm, als ob Jahre in dem Traum vorübergingen, seine Lieder umtönen ihn, die Liebe, die er gesungen, fühlt er als Schmerz, und der Schmerz, den er singt, wandelt sich in Liebe. Ein Traumbild jagt das andere. Sie haften in seinem Gedächtnis, er schreibt sie nachträglich auf wie eine allegorische Erzählung und schließt mit den Worten ».... und ich fühle die ewige Seligkeit wie in einen Augenblick zusammengedrängt. Auch meinen Vater sah ich versöhnt und liebend. Er schloß mich in seine Arme und weinte. Noch mehr aber ich.«
Franz liegt im Spital, er hat alle Haare verloren. Als er nach Wochen das Krankenhaus verläßt, präsentiert er sich seinen Freunden in einer gemütlichen Perücke. Er kommt überdies nicht mit leeren Händen. Die Krankheit war im gewissen Sinne eine Wohltäterin. Es war die Zeit der Ruhe und des Kräftesammelns. Aber die Katz' kann das Mausen nicht lassen, im Spitalbett hat er wieder zu komponieren angefangen. Kleine, leichte Sachen zwar, ein paar Dutzend Deutsche, einer schöner als der andere, galante, liebliche, bacchantische und fugierte — zum Entzücken Schwinds, der alles getreulich an Schober berichtet, der noch immer in der Welt herumirrt und es wieder mit der Schauspielerei hat. Er ist in Breslau und möchte genau wissen, wie es Franz geht.
»Er hat wieder seine Perücke abgelegt und zeigt einen lieblichen Schneckerlanflug,« berichtet Schwind nach Breslau.
Und später heißt es, Franz habe sich einer neuen Behandlung unterzogen, und dann erst habe sich die Krankheit gebrochen. Aber er müsse mit sich vorsichtig umgehen wie mit einem rohen Ei ... »— er lebt noch immer einen Tag von Banaderln, den anderen von einem Schnitzel und trinkt schwelgerisch Tee, dazu geht er öfters baden und ist unmenschlich fleißig ....«
Unmenschlich fleißig, das ist er wohl. Er fühlt sich verjüngt und will wieder losstürmen. Aber halt, so wie früher geht's doch nicht mehr. Rasch tritt die Erschöpfung ein, der alte Zustand ist wieder da. Schlaflose Nächte und ein Hirn, das fort und fort rattert wie eine leere Maschine. Ein tüchtiges Glas Wein abends, ja, das hilft noch — den Tee hat er über, etwas Bettschwere abends hilft ihm eher, heitere Geselligkeit, die Freunde; wie in allen seinen Lebenskrisen sind sie Trost und Rettung. An die Liebe wagt er jetzt kaum zu denken. Er hofft auf später. Alles läßt sich noch einholen, alles Versäumte und Verfehlte. Nur Zeit!
Das Lebensbild in H-Moll liegt noch da, unvollendet.
Rasch entschlossen tut er die unfertige Sinfonie in ein Kuvert und schickt sie nach Graz als Geschenk an den Steiermärkischen Musikverein. Er löst sein Wort ein und gibt ein Werk von erschütternder Gewalt hin für einen nichtigen Wisch Papier.
Anselm Hüttenbrenner als Musikdirektor empfängt es und verschließt es in eine Schublade. Was für ein Dämon hat Freund Anselm behext? Das ist ja gerade so, als wollte er den ergreifenden Aufschrei einer Seele mit einem Bahrtuch ersticken?! Wenn Franz das wüßte ... Aber der ahnt nichts und vertraut dem Freunde.
Langsam will er hinaufklimmen zur Höhe seiner alten Kraft. Langsam, langsam. Manchmal hat es ja den Anschein, als wäre er wieder ganz oben, manchmal. Er schreibt schon lange an einem Oktett, es sprüht von Lebenskraft, gerät fast außer Rand und Band, wuchert über an Schönheit und Wohllaut, etwas eigenwillig und barock in der Form, so recht süddeutsch, so recht österreichisch, ein ganzer und echter Schubert. Mit dem größten Eifer schreibt er daran; langsam, langsam geht es vorwärts. Schwind kommt zu ihm, Franz schreibt und schreibt. Er sagt nur, ohne aufzublicken: »Grüß dich Gott! Wie geht's?«
»Gut!« — Jetzt kann aber Schwind lange warten, bis der andere wieder einen Ton von sich gibt. Der schreibt und schreibt und läßt sich nicht beirren. Der liebe Besuch, so lieb er ihm auch ist, er kann getrost wieder gehen. Wenn Franz bei der Arbeit ist, gibt's keine Audienz.
Aber dann kommen Tage, wo er sich wieder von der stolzen Höhe seiner Kraft herabgeschleudert fühlt und wie zerschmettert am Boden liegt.
Vielleicht wenn er aufs Land ginge, die Natur hat verborgene Heilkräfte. Er fühlt etwas Sehnsucht nach Bergen, nach Waldluft. Er möchte sich verkriechen wie ein verwundetes Tier in Einsamkeit. »In Grün will ich mich kleiden ...«
Ein Glück, daß ihn Vogl mitnimmt nach Steyr.
Er fühlt das Leiden wie eine dunkle Nacht über sich, und er findet sich bald ein Gleichnis dazu, dem er aus tiefster Herzensnot eine Stimme geben kann. Ist es nicht, als ob ihm eine Krähe folgt, der sein Leib bereits verfallen ist? Wenn er flieht, dann zieht sie ihm nach.
»Eine Krähe war mit mir aus der Stadt gezogen, ist bis heute für und für um mein Haupt geflogen. Krähe, wunderliches Tier, willst mich nicht verlassen, meinst wohl, bald als Beute hier meinen Leib zu fassen? Nun, es wird nicht weit mehr gehn an dem Wanderstabe. Krähe, laß mich endlich sehn Treue bis zum Grabe!«
Er lebt in Steyr bei Vogl in tiefster Einsamkeit, fast verborgen, und kehrt nach einigen Wochen nach Wien zurück. Die Krähe, die ihm von der Stadt aufs Land gefolgt war, begleitete ihn vom Land in die Stadt.
Franz redet nicht gern über seinen Zustand; er schweigt und brütet vor sich hin, wenn er gefragt wird. Anders ist es, wenn er mit einem abwesenden Freunde brieflich eine Zwiesprache hält. Beim Schreiben drängen die zurückgestauten Gefühle mit Macht hervor, und so kommt der herzergreifende Brief zustande, den er an den Freund Kupel schreibt, der nach Rom gegangen ist, um die Sehnsucht seines Herzens an der Antike zu stillen. Als ob die Entfernung geeignet wäre, die Seelen einander näherzubringen, so schüttet Franz in dem Brief an Kupel sein Herz aus:
».... mit einem Wort, ich fühle mich als den unglücklichsten, elendesten Menschen auf der Welt. Denk' dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will und der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht, denk' dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zu nichts geworden sind, dem das Glück der Liebe und Freundschaft nichts bieten als höchstens Schmerz, dem Begeisterung für das Schöne zu schwinden droht, und frage dich, ob das nicht ein elender, unglücklicher Mensch ist? — Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmermehr — so kann ich wohl jetzt alle Tage singen, denn jede Nacht, wenn ich schlafen gehe, hoffe ich nicht mehr zu erwachen, und jeder Morgen kündet mir nur den gestrigen Gram. So freude- und freundelos verbringe ich meine Tage, wenn nicht manchmal Schwind mich besuchte und mir einen Strahl jener vergangenen süßen Tage zuwendete ....«
Sein Gemüt ist düster umwölkt — er trinkt den Leidenskelch auf seinem Ölberg.
Was wird aus diesem Leben — geht es wieder aufwärts, oder kommt es ganz auf den Hund?