Jetzo begann das Gespräch der Menschen und Ewigen Vater:
„Wehe doch! Einen Geliebten, verfolgt um die Mauer von Troja,
Seh ich dort mit den Augen; und ach, sein jammert mich herzlich,
Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier auf dem Altar
Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida,
Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus,
Rings um Priamos’ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend.
Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß,
Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo
Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.“
Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
„Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede!
Einen sterbenden Mann, der bestimmt längst war dem Verhängnis,
Denkst du anitz von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen?
Tu’s; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!“
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
„Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein.
Tue, wie dir’s im Herzen genehm ist; nicht so gezaudert.“
Also Zeus und erregte die schon verlangende Göttin;
Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
Hektorn drängt’ in die Flucht rastlos der Verfolger Achilleus,
Wie wenn der Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget,
Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal und Gebüsche;
Ob auch jener sich berg und niederduck in dem Reisig,
Stets noch läuft er umher, der spürende, bis er gefunden:
So barg Hektor umsonst sich dem mutigen Renner Achilleus.
Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore
Hinzuwenden den Lauf, an der Türm hochragende Schutzwehr,
Ob sie oben vielleicht mit Geschoß ihn verteidigen möchten;
Ebenso oft flog jener zuvor, und wendet ihn abwärts
Nach dem Gefild; er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend.
Wie man im Traum machtlos den Fliehenden strebt zu verfolgen;
Nicht hat dieser die Macht zu entfliehn, noch der zu verfolgen.
So konnt er nicht haschen im Lauf, noch enteilete jener.
Doch wie wär itzt Hektor entflohn vor den Keren des Todes,
Wenn nicht einmal noch und zuletzt ihm Föbos Apollon
Nahete, welcher ihm Kraft aufregt und hurtige Schenkel?
Aber dem Volke verbot mit dem Haupt zuwinkend Achilleus,
Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse;
Daß kein Treffender raubte den Ruhm, und ein Zweiter er käme.
Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet,
Siehe, hervor nun streckte die goldene Wage der Vater,
Legte hinein zwei Lose des langhinbettenden Todes,
Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor.
Faßte die Mitt und wog: Da lastete Hektors Schicksal
Schwer zum Aides hin; es verließ ihn Föbos Apollon.
Doch zu Achilleus kam die Herrscherin Pallas Athene;
Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
„Jetzt doch hoff ich gewiß Zeus’ Liebling, edler Achilleus,
Bringen wir großen Ruhm dem Danaervolk zu den Schiffen,
Hektors Kraft austilgend, des unersättlichen Kriegers.
Nun nicht länger vermag er aus unserer Hand zu entrinnen,
Nein, wie sehr auch sich härme der treffende Föbos Apollon,
Hingewälzt vor die Knie des ägiserschütternden Vaters.
Aber wohlan, nun steh und erhole dich; während ich selber
Jenem genaht zurede, dir kühn entgegenzukämpfen.“
Also Pallas Athen’; er gehorcht’ ihr freudigen Herzens,
Stand und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche.
Jene verließ ihn dort und erreichte den göttlichen Hektor,
Ganz dem Deiphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme;
Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
„Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus,
Rings um Priamos Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend!
Aber wohlan, hier stehn wir in fest ausharrender Abwehr!“
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
„Stets, Deiphobos, warst du zuvor mein trautester Bruder,
Aller, die Priamos zeugt, und Hekabe, unsere Mutter;
Doch nun denk ich noch mehr im Innersten, dich zu ehren,
Daß du um meinetwillen, sobald dein Auge mich wahrnahm,
Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.“
Ihm antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
„Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter,
Die umeinander die Kniee mir rührten, jeder Genoß auch,
Dort zu bleiben: so sehr erbeben sie all in Bestürzung.
Doch mein Herz im Busen durchdrang tiefschmerzender Kummer.
Nun denn grad in Begierd ankämpfen wir! Länger hinfort nicht
Unserer Lanzen geschont! Damit wir sehn, ob Achilleus
Uns in den Staub ausstreckt und blutige Waffen hinabträgt
Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz er dahinsinkt!“
Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Jetzo rief er zuerst, der helmumflatterte Hektor:
„Nicht fortan, o Peleid, entflieh ich dir, so wie bis jetzo!
Dreimal umlief ich die Veste des Priamos, nimmer es wagend,
Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an,
Fest dir entgegenzustehn, ich töte dich, oder ich falle!
Auf, laß uns zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten
Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer.
Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir
Zeus, als Sieger zu stehn und dir die Seele zu rauben:
Sondern nachdem ich entwand dein schönes Geschmeid, o Achilleus,
Geb ich die Leiche zurück an die Danaer. Tue mir Gleiches!“
Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:
„Hektor, du Unsühnbarer, mir nicht von Verträgen geplaudert!
Wie kein Hund die Löwen und Menschenkinder befreundet,
Auch nicht Wölf und Lämmer in Eintracht je sich gesellen,
Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander:
So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis,
Mich zu befreunden und dich, bis wenigstens einer im Hinsturz
Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
Jeglicher Art von Tugend erinnre dich! Jetzo gebührt dir,
Lanzenschwinger zu sein und unerschrockener Krieger!
Nicht mehr kannst du entrinnen; sogleich schafft Pallas Athene,
Daß mein Speer dich bezwingt! Nun büßest du alles auf einmal,
Aller der Meinigen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!“