O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt!
Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel:
Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger
Das große Wundmal unterm Herzen schützen,
Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen
Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.
O Tag voller Wut und Ohnmacht!
O Tag der Bitternis, da ihm die Hand,
Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
Zum ersten Male
Erlahmte vor der Übermacht des Neides,
Des weltbeschattenden, der Götter all!
O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
Doch nun war alles überwunden.
Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.
Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft
Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,
Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt,
Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.
Um seine schmerzgeübte Stirne zauste
Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.
So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.
Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.
Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.
Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,
Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
Seit er den unstet Irrenden
Den ersten warmen, festen Herd gebaut.
Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,
Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier
Einst um das nackte Leben markteten,
Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
Ins ebne Land; da sah er blühende Triften,
Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus,
War das nicht wert der tausendjährigen Pein?
Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“
Und in die Dörfer ging er, in die Städte,
Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben,
Und ging und ging, und suchte hin und her,
Und fand:
Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor.
Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen
Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.
Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid —
Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,
Den Neid der Menschen um Besitz —
Und war genug doch da, genug für alle.
In Hütten sah er, in die Burgen sah er,
Doch es war alles eines,
War alles wie zuvor — und schlimmer noch.
Zuletzt und matt betrat er eines Priesters
Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,
Den er vergebens bei den andern suchte;
Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes
Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,
Wollt er noch einmal unter Menschen rasten
Und dann auf immer in die Einsamkeit.
Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er:
„Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
Dem großen Mann ins seltsame Gesicht,
Und schlich geduckt davon und schloß sich ein,
Und durch die Tür quoll eine fette Stimme:
„Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!
Prometheus, der ist tot — und kommt nicht wieder.
Ja, damals waren bessre Zeiten noch
Als heute!“
Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.