Anton Günthers Leben und Schaffen

(Zu seinem 50. Geburtstag am 5. Juni 1926)

Von Alfred Venter, Chemnitz

I. Wu da Wälder hamlich rauschen

In den Fenstern des großen Fichtelberghauses liegt roter Sonnenglanz. Sanft streicht der Gipfelwind über knorriges Nadelgestrüpp. Da wandern wir auf dem breiten Prinzenweg talwärts durch die tiefe Einsamkeit des erzgebirgischen Waldes. Ein einziges Stimmlein geht mit uns von Wipfel zu Wipfel, und wenn es schweigt, dann hören wir von fern und nah nur das heimliche Rauschen der Wälder. Plötzlich öffnet sich das Land nach Westen. Auf dem breiten Kammrücken liegt, von den höchsten Bergen bewacht, eingebettet im Heideland und düsteren Moorgrund, ein freundliches Städtchen. Hart packen hier die Wetterstürme zu; wie die Kücken um die Gluckhenne scharen sich drum die sauberen, weißen Häuser um die Kirche. Wer kennt nicht die kleine Stadt mit dem frommen, kerndeutschen Namen, die höchstgelegene Stadt Mitteleuropas, die eintausendundachtzehn Meter über dem Tiefland sich erhebt? Wohl gewahrt der Vielgewanderte die Anzeichen des fremden Landes, aber es ist, als ob geheime Stimmen ihn anriefen: »Komm herüber zu uns; denn wir sind deines Stammes und Blutes und haben die Bergheimat lieb wie du! Kehr ein zu Gottesgab im böhmischen Lande!«

Am besonnten Wiesenhang strecken wir uns hin und fühlen den tiefen Frieden des Erzgebirges wie ein unsichtbares Flügelpaar über uns hinrauschen. Hinter uns, zur Linken und zur Rechten, wo bis zum Himmelsrand die Wälder auf- und niedersteigen, klingt es wie eine ewige Melodie. Die Heide ist voll frohen Gesummes. Die Zippen schwatzen, und die Ziemer fallen lärmend in die Vogelbeerbäume an der Straße. Der würzige Duft des Bergwindes umweht die Wange, da hebt im Talgrunde das Ave-Glöcklein an und schallt über Höhen und Wälder und kündet denen, die in den verstreuten Hütten des Moor- und Heidelandes wohnen: ’s ist Feierabend. Und es ist, als ob einer die Harfe nähme und dazu sänge:

»On üwern Wald a Vöchela
Fliecht noch sän Nastl zu.
Von Därfl drüben a Glöckl klingt,
Dos maant: Leecht eich ze Ruh!
’s is Feieromd, ’s is Feieromd,
Es Tochwerk is vullbracht,
’s gieht alles seiner Hamit zu
Ganz sachte schleicht de Nacht.«

Frieden zieht ins unruhvolle Herz, vergessen ist der laute Tag, aus dem wir kamen, fern der Menschen Neiden und Hassen, froh und frei wird die Brust … da klingt von den Straßen der Takt der Wanderschritte, und wie sie an der Waldecke sind, stimmt einer die Laute an. Horcht auf, ihr Herzen, wie ’s über die Höhen und Täler klingt! Kennt ihr das Lied?

»Of da Barch, do is halt lustich,
Of da Barch, do is halt schie,
Do kömmt da Sonn en allererstn,
Scheint se aa en längsten hie.
Wu da Wälder hamlich rauschen,
Wu da Haad su rötlich blüht,
Mit kan Könich mächt ich tauschn,
Weil da drubn mei Heisl stieht.«

Und beim Singen drüben winken sie uns zu, und Busch und Baum singen es mit. Wie oft haben wir es schon gehört, auf den Bergen, in den Hütten, in den Schulen, auf den Bergbahnen, und der es zuerst gesungen, dem es aus dem Herzensgrund gekommen, das ist der Volksdichter des Erzgebirges Anton Günther, der Toler-Hans-Tonl von Gottesgab.

Am Waldhang, wo wir liegen, hat auch er als kleiner Bub gelegen mit dem Hirtenhütl und dem gebirgischen Gewandl und des Vaters Ziegen gehütet, und hat den Waldvögeln gelauscht und mit dem kiesigen Bächlein Zwiesprache gehalten, und das tiefe, heimliche Rauschen der Heimatwälder ist ihm durch Herz und Seele gezogen, daß er es hat nimmer vergessen können.

So sind wir auf stillen, reinen Wogen in des Dichters Lande gekommen und ziehen seine Heimatstraße hinab nach Gottesgab. Am »Neuen Haus«, der großen, schönen Einkehrstätte an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmerland, müssen wir vorerst vorüber. Da ist immer ein lebhaftes Gedränge von wanderfrohen Menschen. Aus den Stuben erschallt Saitenspiel, singt man des Toler-Hans-Tonls Heimatlieder. Dann gelangen wir zum Verbrüderungsturm; der trutzige, leider nur halbfertige Bau erinnert wehmütig an jene Tage, da alte Nibelungentreue noch lebte und Alt-Oesterreichs Herrlichkeit noch festzustehen schien wie die Berge ringsumher. Bald sind wir mitten in der schnurgeraden Häuserzeile: Gaststätten und Weinschenken laden uns ein. Ein Hündlein bellt uns an, ein Brunnen rauscht am umgrünten Markt. Erzgebirgischer Stadtfrieden umfängt uns. Der Name Günther ist hier und da zu lesen. Oben am Rande der braunen Heide steht schlicht und einfach das Häuschen des Toler-Hans-Tonl.

II. Un is mr in dr Fremd, uje …

Aus Gottesgab zog einst der Großvater Anton Günthers mit den Seinen hinab ins »Tol«, (Joachimstal) und sein Vater »Dr Tolerhans« kehrte wieder heim in die »Gutsgoh«, nachdem er beim großen Brand der Stadt Hab und Gut verloren. Aus dem armen Bergmann wurde ein ebenso armer Stickmeister. Sein Reichtum bestand in zehn Kindern, einem verschuldeten Häuschen und in einem echtdeutschen Herzen.

Es ist fast wie ein ewiges Gesetz in der Welt: je ernster das Gesicht der Heimat, desto lieber haben sie die Menschen. Längst ist auch hier oben der Bergsegen erschöpft, karg der Boden, die Bearbeitung schwer, gering der Verdienst, den Hausklöppeln und Sticken abwerfen; der Nebel drückt schwer auf die kleinen Schindeldächer, und an die Türen pochte oft die Not. Was wissen von dem allen die Menschen im bequemen Unterland? Da ist es eine Gottesgabe, ein frohes Herz zu behalten. Auch den Tonl, den Zweitältesten daheim, traf das Los des armen Erzgebirglers: es kam der Tag, da er Abschied nehmen mußte vom bunten Wiesenhang, vom lieben Wald mit seinem Singen und Klingen, aus dem der Kuckuck ruft zur Frühlingszeit. Sein Herzenswunsch, Forstmann zu werden, fand keine Erfüllung; er mußte in die Fremde ziehen. Doch zunächst ging es noch nicht allzuweit, gerade so weit, daß er den weißen Schneemantel des Fichtelberges sehen konnte, hinter dem die Heimat liegt. Hier in Buchholz lernte er bei Eduard Schmidt die Kunst des Lithographierens. Aber bald wachte in seinem Herzen auf, was alle Kinder des Berglandes plagt: die Sehnsucht nach daheim. Fast zur Heimkrankheit wurde sie, als er später nach Prag kam. In der Hauptstadt des Böhmerlandes, dem goldenen Prag, wo die Menschen so fremd und stolz, die Straßen so laut, die Herzen so hart, die Worte so liebeleer waren, konnte das rauschende Leben das Herz des stillen Erzgebirglers nicht satt machen. Wohl war er einsam, doch nicht allein. Allerlei Freunde und Bekannte aus der Heimat fanden sich hier regelmäßig zu einem »Gutsgewer Omd« zusammen. Der war wie eine Insel im weiten Meer der Fremde. Hier tauschten sie Heimaterinnerungen aus und stärkten einander im Kampfe um ihr Deutschtum, indem sie alles Undeutsche in Wort und Wesen verbannten und das deutsche Lied sangen. Denn gesungen wird immer, wenn Erzgebirgler beieinander sind; dazu ward die Fiedel gestrichen und die Harmonie gespielt. Wohl sprachen sie miteinander in der Mundart der Heimat, wohl pflegten sie den deutschen Sang, aber eins vermißten sie schmerzlich: ein erzgebirgisch Lied. Und sieh, da geschah es, der Toler-Hans-Tonl erzählt es selbst: »Ich weiß selbst nicht, wie es kam, ich war gerade beim Gravieren, da summte mir eine Melodie durchs Gemüt, meine Gedanken waren im alten Elternhäusel daheim, und ein Lied war fertig. Ich brachte es zu Papier. Es war mein erstes Lied: Drham is drham. Mir war, als sei mir ein Stein vom Herzen gefallen, und je mehr später Lieder entstanden, desto leichter wurde mir.«

Das war eine Freude, als er es zum ersten Male am »Gutsgewer Omd« seinen Landsleuten vorsang! Jeder wollte es haben. Da vervielfältigte er es auf Postkarten, ließ hundert Stück davon drucken, und jeder schickte davon ein paar in die Heimat. Als er zu Weihnachten heimkam, da ward es schon im Konzert des Gottesgaber Gesangvereins mit hellem Jubel gesungen, und alle sangen es mit. Um die Not im Vaterhause zu lindern, ließ es der jugendliche Dichter abermals drucken, und zwar mit Singweise, und von den Seinen verkaufen. Erzgebirgische Wanderkapellen spielten es. Langsam, aber mit steigendem Erfolg, fand das erste erzgebirgische Lied seinen Weg in die Welt. Ihm folgten bald andere. Sein Herz war stets daheim bei den Seinen, und seine Hand arbeitete in der Fremde für sie. Immer standen der Heimat Bilder um ihn her; er träumte sich in seinen Liedern hinauf an die »Grenz ve Sachsen, wu da Schwarzbeer wachsen«, wo die Lüfte so frisch, frei und rein wehen, wo er zur Gongazeit am Heidehang der Lerche gelauscht, wo der Lenzwind die Schneedecke wegfegt und die Himmelschlüssel weckt, wo im Herbst die Weinbeeren des Erzgebirges glühen, die korallenroten Vogelbeeren, und wo er auf der Heide den toten Vogel fand, der vor Heimweh nach den grünen Wäldern gestorben ist. Der Heimat liebe Gestalten kamen auf allen Wegen ihm entgegen, die Kinder des Waldes und die schlichten Menschen des Gebirges, denen sein Herz gehörte, der »Schwammagieher« der »Muhtstacher«, der alte Musikant der »alta Bordenhannler« und »Hannelsmah«, der mit seiner Hausierkraxe von Tür zu Tür geht. Nicht nur das schlichte Volksdichterwort, auch die Musik klang zugleich in ihm auf, und weil er auch ein Malersmann ist, nahm er den Künstlerstift und zeichnete zu jedem Liede ein liebes, gemütvolles Bildchen dazu. Bald riefen ihn auch andere deutsche Vereinigungen in Prag, selbst in Wien mußte er seine Lieder singen. Zu seiner Freude erlebte er es, daß er dadurch seine Brüder in der Fremde unterstützen und den Seinen in der Heimat helfen konnte. Für sie arbeitete er, zeichnete er, gab Zitherstunden, mußte zwischendurch nach Komotau einrücken, um dem Vaterlande zu dienen, und war »immer zum Singen bereit«. Die Not daheim ward nicht geringer. Er sah den Alten im Vaterhaus, von Sorgen gedrückt, bis tief in die Nacht hinein beim Stickmuster sitzen, sah die »alte Mahm« daheim unermüdlich am Klöppelsack sitzen und Mutter und Schwester nähen. Da entstand in tiefer Nacht eins seiner ernstesten und besten Lieder: »Mei Vaterhaus«.

Do drauß’n in der fremd’n Walt,
Da find ich holt kaa Ruh’,
Da Heiser sei do ganz aus Staa,
Da Mensch’n aa a su.
A jeder singt a andersch Lied,
Doch mitt’n drinna ’raus,
Do klingt’s on ruft’s: Vergaß fei net
Drham dei Vaterhaus!

Dies ist ein tiefsinniges Bekenntnis, das manch einer draußen in der wilden Welt sich zu Herzen nehmen könnte: »Erst kommt mein Vaterhaus und alles, was in ihm lebt und webt, und dann komm ich«. Dem alten Vater rollten die Tränen in den Bart, als er das Lied zum ersten Male hörte, und noch einmal hatte er die Freude, seine drei Söhne und die kranke Tochter in Prag zu sehen … noch einmal …

III. »A Hütt’l, när aus Holz gebaut«

»Barchaufwärts, barchaufwärts,
Barchaufwärts zieh ich ham,
Barchaufwärts, barchaufwärts
Do kenn ich jedn Baam,
On do kenn ich jeden Wach,
Jed’s Flackl, jedn Staach,
Barchaufwärts gieh ich ham,
Do kenn ich jedn Baam.«

Wie manchesmal mag es der Toler-Hans-Tonl gesungen haben, wenn er in guten und in bösen Tagen in die alte Heimat heraufgewandert ist, und immer war er »fruh, wennrs Heisl sah«.

Dort oben sang es und klang es aus den kleinen Hütten, trotz Sorgen und großen Plagen, wenn am Feierabend die Sternlein über den Wäldern standen; doch an jenem Novemberabend, als er mit pochendem Herzen heimkam, war es finster im Vaterhaus, und alle weinten. Der Vater war tot –. Erst fünfundzwanzigjährig, mußte Anton nun an dessen Stelle für die Seinen sorgen. Doch das Schicksal konnte ihn nicht niederdrücken. Er nahm die Arbeit und Fürsorge um so tapferer auf, als er doch endlich nun daheim war. Wenn aber der Abendfriede über den Bergen der Heimat lag, nahm er nach des Tages Mühen die Gitarre zur Hand und sang sich das Herz frei. In dieser Wehstimmung nach des Vaters Tod entstand eines seiner innigsten und musikalisch bedeutsamsten Lieder, der vielgesungene »Feieromd«, dessen letzte Strophe lautet:

»Gar manichs Herz hat ausgeschlogn,
Verbei is Sorg on Müh’,
On üvern Grob ganz sachta zieht
A Rauschen drüwer hie,
’s is Feieromd, ’s is Feieromd,
Es Tochwark is vullbracht,
’s gieht alles seiner Hamit zu,
Ganz sachte schleicht de Nacht.«

Um diese Zeit, als er sich im »Tiroler« eine kleine Verkaufsstelle seiner Lieder eingerichtet hatte und des Sonntags oft mit einem Rucksack voll hinauszog über die Berge, floß reich der Liederquell in seinem Innern, wenn er mit Freunden aus fern und nah zusammensaß, dann rollte froh und heiter das alte österreichische Musikantenblut in ihm, dann ward wohl auch mal »derzehlt on Hetz gemacht bis oft nach Mitternacht«. Aber dann zog es ihn wieder hinaus in die heilige Ruh des Waldes, wo so »stad« der Wind weht – und das »Zäßichla« singt. »Ja frei ist der Mensch när do draußen in Wald«, wo »der Wilpertschütz hie dorch de Fichten schleicht« und im Dickicht die Schwämme sich verstecken. Dort draußen in der tiefen Einsamkeit stieg ihm auch einst aus seines Herzensgrund eines seiner lustigsten und volkstümlichsten Lieder: »Da Draakschenk«. Immer wieder kehrte er heim zum liebsten Erdenfleck, ins Vaterhaus zu den Seinen; denn sie brauchten ihn und seine Hilfe. Er fühlte, daß hier die Wurzeln seiner Kraft und seiner Lieder waren; nimmer vergaß er in Dankbarkeit das »arme Stüwel«, aus dem all seine Heimatsänge stammen.

Wie viele zogen von Gottesgab, Preßnitz, Reitschdorf und Kesselwald aus ihrer Heimat in die Fremde. Die Gabe der edlen Musika und das wanderlustige erzgebirgische Gemüt steckte in ihnen und trieb sie von Ort zu Ort, aber glücklich sind sie draußen nicht geworden. Vöglein, die sich in die Welt verflogen. Im Volksmund wurden die böhmischen Musikanten die »Fatzer« genannt. Mit dem Lammetierholz (Klarinette), der Harmonie, der Fiedel und dem Waldhorn zogen sie in fremden Städten, auf Jahrmärkten, unter fremden Menschen rast- und ruhelos umher, abgesprengt von ihrem Volkstum. – –

Im Gasthaus am Fuße des Fichtelberges, von den Einheimischen das »Neue Haus« genannt, ging es vor zwei Jahrzehnten schon immer lustig zu. Da sangen zur Fremdenzeit die alten Schubert-Leute, das »blinde Madl«, der Wolf Tonl und der alte, blinde Vater Lehnhardt. Aber was sie sangen, waren zumeist bayrische, Wiener und Tiroler Lieder. Wohl waren das frohe, muntere Weisen; das erzgebirgische Lied gab es damals noch nicht. Das hat als erster Anton Günther, der erste und beste Volkssänger des Erzgebirges, geschaffen. Bald verlangten die Fremden, die immer zahlreicher, selbst in sturmbrausender Winterszeit heraufkamen, nur noch die lieben, anheimelnden Sänge des Erzgebirges zu hören, sangen sie begeistert mit, trugen sie weiter und erhoben damit manches Gemüt, das durch das seichte Operettenlied schon angekränkelt war. Namentlich am Heimatorte des Dichters selbst erklangen sie aus allen Schankstätten. Wer erinnerte sich da nicht des kleinen »Annl«, im Tiroler, die dem Dichter alle seine Lieder ablauschte und so rührend auf der Gitarre den Gästen vortragen konnte? Musikkapellen und Harfinisten sangen sie auf ihren Reisen, so daß sie heute in ganz Deutschland und weit darüber hinaus bekannt sind. So ward Anton Günther mit seinen Liedern der Lobkünder seiner erzgebirgischen Heimat draußen in der weiten Welt, und der Segen kam von einem kleinen, schlichten Haus und kehrte wieder dahin zurück, ins Vaterhaus, einem »Hüttl, när aus Holz gebaut«.

Unweit davon hat sich der Volksdichter ein eigenes Heim geschaffen. Es ist ebenso schlicht wie das alte Haus, aber es ist umklungen von seinen Liedern. Wie oft kommen nicht eine fremde Wanderschar oder eine Schulklasse und singen vor seiner Tür das volkstümlichste seiner Lieder: »Wu da Wälder hamlich rauschen« oder ein paar alte Musikanten kehren heim und singen ihm: »Vergaß dei Hamit net«. Auch allerlei neugierige Leute tauchen hin und wieder auf, die da meinen, einen Dichtersmann mit der Brille, immer mit Büchel und Feder bewaffnet, zu sehen, und sie finden einen biederen, schlichten Erzgebirgler im Ehrenkleid des Werktags, der für Weib, Kinder und Heimatscholle schafft, getreu seinem Wahlspruch:

»Aafach on racht,
Gerod raus on net schlacht,
Dr Hamit, on Volk trei,
A su will ich sei.«

IV. »Wie dr Schnawl stieht – Deitsch is mei Liedl«

Es ist doch wundersam: Gar mancher mit und nach ihm hat Volks- und Heimatlieder gesungen und ersonnen, aber nur wenigen sind sie gelungen. Wer Anton Günthers Lieder hörte, vergißt sie nicht gleich wieder. Sie kommen aus dem Herzen und gehen zu Herzen. Das könnte vielleicht als billige Redensart angesehen werden, aber man fühlt: diese Worte in der Mundart des Erzgebirgsvolks, die er vorerst gar nicht aufs Papier zu bringen und in die Welt zu schicken sich traute, sind echt, wahr und klar, schlicht und einfach, treffsicher, ohne Schnörkel und Künstelei, und zu ihnen paßt die Melodie. Sie erscheint, wie bei jeder guten Vertonung, als die Fortsetzung, die Ergänzung und Verinnerlichung. Sang und Klang sind eins geworden. Mit ein paar einfachen Akkorden drückt er aus, was vielen in umständlicher Rede kaum zu sagen gelingt. Hier ist erfüllt, was einst ein großer Dichter über den echten Volkssänger sagt: »Er wecket der dunklen Gefühle Gewalt, die im Herzen wunderbar schliefen.« Wie in dem Meistererzähler des österreichischen Volksstammes Peter Rosegger lebt in ihm die aufgespeicherte, unverbrauchte Gemütskraft der Bergkinder. Ein stilles Flämmlein wird zum Lichtschein, der vielen leuchtet. Schlichte Lieder nur wollen seine Sänge sein, aber sie tragen die Merkmale echter Dichtung: sie sind aus einem Erlebnis erwachsen, sind eine Eingebung und ein Stück Bekenntnis. Mit feinem natürlichem Empfinden ist auf den meisten seiner Karten zu lesen: Dies Lied entstand 1907 usw. Er kann keine auf Bestellung machen, wie etwa die Reklamedichter der modernen Zeit. In seinen Liedern leben die Düfte des Heidelands und der Morgenwind, der darüber weht, das Echo der Bergwälder und das Rauschen der Bäume, jenes unsagbar heimliche und tiefe Rauschen des erzgebirgischen Waldes, dem kein anderes vergleichbar ist. Aus ihnen steigt der herbe Duft der Erzgebirgsscholle, der gesunde Anhauch des Fichtengrünes; das Murmeln des kiesigen Waldbächleins flüstert in ihnen und der Liebeszwiegesang der gefiederten Sänger, die in den Zweigen wohnen. Frage den Wald, warum er rauscht, frage den Wind, warum er weht und wohin er geht, frage den Toler-Hans-Tonl, warum und wie er singt:

»Weils Vöchela singt wie sei Schnawela stieht,
Nooch seiner Art a jed’s Blümela blüht,
Will ich aa singa, weils en bestn a su gieht,
Wie mr dr Schnawl halt stieht.«

So sind bis heute über hundert herzinnige Lieder entstanden, davon sind vierundsiebzig zu singen und mit Bildern geschmückt, und klingen in den Bergen und in gar manchem Menschenherzen.

Es ist nur eine engbegrenzte Welt, die sein Lied besingt, aber im Leben und Weben der ewigen Natur und im armen Menschendasein dort oben erscheint ihm nichts zu gering und unbedeutend, daß es nicht eines Liedertones wert sei, ob er nun das Aufblühen des Vergißmeinnichts im Wiesengrunde sieht, oder das Finkenpaar im Nachbarbaum belauscht oder dem kleinen »Grünents« und »Hanftlich« nachblickt, die über den düsteren Moorgrund fliegen, oder das Sommergesumm am würzduftenden Waldrand vernimmt, ob der Glockenschall der kleinen Waldkapelle an sein Ohr dringt oder ob er zur »Harwistzeit« das Aufbrausen des Höhensturmes und das Weihnachtsahnen im Winterwalde erlebt. Wie schlicht und innig ist das Zum-Gleichnis-werden alles Vergänglichen in dem kleinen Liede: »Blüh, Schwarzbeer, blüh« zum Ausdruck gebracht! Alles Süße und Liebe der armen Heimaterde ist eingefangen in seine anspruchslosen Verse. Sie ist ihm, gleich dem Leben, ein heiliges Buch, das auf allen Seiten großen Inhalt zeigt und zeigen soll, und über dieser Erde leuchtet ihm ein schöner, unbeweglicher Stern: das ist die Liebe zur Berg- und Waldheimat. Ihr gilt sein erstes und sein letztes Lied. In der Lebensbeschreibung, die er dem ersten Bande seiner Lieder vorausschickt, bekennt er es: »Aus ärmlichen Verhältnissen sind meine Lieder entsprungen zum Wohle einer ganzen Familie und nicht minder zum Wohle unseres Gebirges.« Und wer sollte nicht lieb haben diese schlichten, geraden und selbstgenügsamen Menschen, die vom Sonnenaufgang bis -niedergang eingespannt sind in den Tageslauf! Viele von ihnen haben noch etwas vom knorrigen Geschlecht der Vorzeit in sich, sind Leute vom »alten Schlag«, gesund am Mark und in ihrer Lebensweisheit, voll Hingebung an die Arbeit und voll Ehrfurcht vor dem Alter. In ihrer Bedürfnislosigkeit können sie dem neuen Weltmenschen ein Vorbild sein. An einem Stück Brot, ein paar Kartoffeln, einem geringen Kaffee, mit der Schwammabrüh im Topf und einer Pfeife Tabak finden viele ihr Genügen. Sie sind die Nachfahren der rauhen, aber wackeren Hammerschmiede und Bergwurzeln des erzgebirgischen Volkes, in denen der Erdsegen und die Lichtsehnsucht der alten Zeit fortleben. Der in der Weltverlassenheit schaffende Holzknecht, der arme »Großhaaner«, selbst der alte »Bettelmah«, der im Kampf um die Heimatscholle unterlag, stehen unserem Toler-Hans-Tonl höher, als die, die in »Grustu an Olmerichkeit« draußen in der Welt verdarben und die Heimat vergaßen. Unter dem Sammelruf: »Vergaß die Hamit net!« sendet er auch diesen Verlorenen und Wankenden seine Lieder. Hört ihr es? … »Ach wie schü wars daham of der Uf’nbank« … wenn Heimatfriede in Hütten und Herzen einkehrte und in die Spinnstuben zum »Hutznomd« die heilige, heimliche Weihnachtsstimmung sich ausbreitete.

In dieser langen, dunklen Winterzeit rücken sie alle näher aneinander; ihre Herzen tun sich auf, und ihr Mund singt es heraus, was an Leid und Freud tief innen wohnt. Ihr Volksdichter ist immer mitten unter ihnen, wenn auch nicht in Person, so doch in seinen Liedern. Wie der Bergmann, der mit seiner Blende den dunklen Schacht der Erde ableuchtet, so findet er im Herzen des Volkes manchen Schatz, den die neue Zeit verschüttet hat, die alte Treue und gebirgische Art, die Rechtschaffenheit, Biederkeit und Zufriedenheit, »das beste Kraitl«, das in der Welt gedeiht. Ist es nicht schlichteste, aber unzerstörbare Lebensweisheit, wenn er das Leben als Büchel besingt, in dem nur Gutes stehen soll, wenn er sagt:

»Drem war a Herz gefondn hat,
Dar sell net meh begarn,
A Harz, wos schleecht vull Lieb on Trei,
Werd of dr Walt wuhls Beste sei –
Doch ’s muß verstandn warn.«

Aber immer klingt in seinen Liedern jene wunderbare Mischung zwischen tiefem Lebensernst und Scherz auf, der allen Großmeistern der Freude eigen ist.

»Jeder Baam hot sei Astl, jeder Barch hot sa Spitz,
Jed’s Vöchla sei Nastl, jed’s Flamml sei Hitz,
’s hot alles sei Ordnung, ’s hot alles sei Zeit,
Jeder Mensch macht wos andersch,
’s hot halt jeder sei Freid.«

Und der Gottesgaber Sänger ist der letzte, der gegen diese echte – Gottesgabe predigen will. Wie die Sonne durch dunkles Gewölk lächelt, so blitzt hier und da ein Strahl echten, goldenen Humors in seinen Liedern auf, bricht der Schalk durch, lacht das lustige oesterreichische Gemüt, das ein unvergängliches Erbteil dieses schwergeprüften deutschen Volksstammes ist. Nimm und sing nur seine heiteren Lieder: Da Ufnbank, ’s fallische Nannel, Da Pfeif, Da zwaa Finken, ’s Annl mit’n Kannl, Dr Grenzschutz, Allerhand ve dr Gutsgoh!

Aber diese Stunden der Freude und des Lachens sind nur Ruhepausen im Kampfe des Lebens. Denn nicht nur die Not des eigenen Daseins, auch die Not seines ganzen Volksstammes hat bei seinen Liedern Pate gestanden. So wie sich der Geleitsspruch: »War sei Hamit liebt, liebt a sei Volk« durch alle Lieder hindurchzieht, so gewiß ist auch, daß diese Liebe nur durch harten Kampf erworben ward. »Deitsch on frei wolln mr sei!« ist Notruf und ewige Losung des deutschböhmischen Bruderstammes hier oben. Gerade das ist es, was dem Heimatvolk des Sängers so furchtbar schwer gemacht wird durch Jahrhunderte hindurch, so lange hier deutsche Herzen schlagen. Notzeiten hat es im Gebirge immer gegeben, als der Bergsegen erstarb, wenn die Ernte verdarb, wenn der Verdienst im Wechsel der Zeiten karg ward, aber nie waren die Wasser der Not so hoch gestiegen als in den letzten Kriegsjahren, da das Hungergespenst diesseits und jenseits der abgebrochenen schwarz-gelben Grenzpfähle umging und in den kleinen Hütten auf den Bergen das Licht erlosch. Ergreifend klingt dies in dem Gedicht »Kaa Licht« wieder, für das der Sänger weder Bild noch Weise fand. In stillem, zähem Behaupten und unwandelbarem Vertrauen ward der Grenzstamm zum Duldervolk, aber daß es nicht mit Seufzen und Bangen unterlag, hat es nicht zum geringsten Teile seinen treudeutschen Führern zu verdanken, zu denen auch Anton Günther zu zählen ist. Auf den Flügeln seiner Lieder geht die Klage der Väter und der Weckruf der Brüder zu uns ins Reichsland. Nichts Undeutsches ist in seinem Wesen und seinen Weisen.

»Deitsch is mei’ denk’n
On deitsch mei’ Gemüt,
Deitsch is mei Hamit,
Mei Vater sei’ Hütt’ …
Deitsch is mei’ Tracht’n,
Mei Tu on mei’ Treib’n,
Deitsch on frei bie ich
On wills immer bleib’n …«

Und die Lauen rüttelt er auf:

»Scham dich fei, scham dich fei,
Du willst aa a Deitscher sei?
Denkst wuhl, weil du deitsch tust redn,
Schüna Wärter sochst en jedn,
On drbei, als wie a Kind,
Drehst du en Mantl noch na Wind,
Denkst wuhl, weil du deitsch mich grüßt,
Doß du schu a Deitscher bist?« …

Aber nicht nur mit dem Wort – auch mit der Tat, mit Gut und Blut trat er für sein Volk ein, zog in den Krieg und trug schwere Wunden mit heim. Draußen am Isonzo richtete er die verzagten Kameraden mit seinen Liedern auf und ist bis heute nicht müde geworden, die Getrennten zu sammeln, zur Einheit zu mahnen und die »niedertrachticha, waggeschmissina, falischa Politik« in die »Feirist« zu hängen.

»Ich bin net schwarz, ich bin net weiß, ich bin net rut, ich bin net grü.
Ich halt zer Hamit, ze mein Volk, weil ich a Arzgebircher bin.«

Aber nicht nur als Volksdichter, Volkserzieher, sondern auch als praktischer Volkswirt erweist er sich, wenn er aufruft:

»Schafft Vieh in Haus, ’s werd Wuhlstand drauß,
Da Nut die huppt zen Fenster naus.
Host du a Flackl Ard,
Bebau dei Fald mit frischem Mut,
Weil dr Segn när in dr Arweit ruht.
Nort hot erst ’s Labn en Wert,
Bebau dei Flackl Ard!«

Er selbst gibt den Seinen darin ein gutes Vorbild und zeigt, auch wenn seine Lieder nicht klingen: Wer der Heimatscholle treu bleibt, dem bleibt auch die Heimat.

V. Traute Lieder hör ich wieder
Hamlich in dr Mottersproch

In der großen Stadt ist Stiftungsfest des Erzgebirgsvereins. Dort finden sich Leute zusammen, die vom Gebirge her stammen oder Freunde der Berge sind, die das Erzgebirge aufschließen helfen, Wege bauen, Wanderheime und Jugendherbergen gründen und, wenn sie zusammenkommen, erzgebirgische Art und Sitte pflegen. Da werden mundartliche Volksstücke aufgeführt, heitere, gebirgische Geschichten vorgetragen und Lieder gesungen. Wie oft heißt es da nicht hier und da: Wir wollen den Toler-Hans-Tonl bitten, daß er selbst einmal zu uns komme, und wenn er in seiner grünen Gebirgstracht leibhaftig vor ihnen steht und seine Lieder zur Laute singt, dann ist es, als wenn die grünen Fichten rauschten und die Waldharfen aufklängen im großen Lichtersaal, als wenn der Bergquell spränge, als wenn das liebe Erzgebirge in seiner biederen Frömmigkeit selbst zu ihnen gekommen wäre, und mancher Mund summt, der »Gongazeit« gedenkend, leise mit:

»Grüß dich Gott, o du mei Arzgebirch,
Grüß dich Gott, du grüner Wald.
O wie garn kehr ich zu dir zurück,
Wus su hamlich klingt on schallt.« – –

Es war zur Hauptversammlung des Erzgebirgsvereins, die 1905 zu Zwönitz stattfand. Bei der Erstaufführung des erzgebirgischen Volksstückes »Heimkehr« von Pfarrer Löscher, dem verdienten Freund und Förderer des Vereins, wirkte auch Anton Günther mit und ward zum ersten Male einem größeren Kreise bekannt. Seitdem war er gewissermaßen entdeckt, und trat in der Folgezeit auf besondere Einladung hin in Landsmannschaften, Heimatvereinen, deutschen Sprachvereinen, Vereinen für Volkskunde, Gesangvereinen, literarischen Verbänden und Erzgebirgszweigvereinen als hochwillkommener Gast auf. Nicht nur in Sachsen und Böhmerland, auch in Wien und Berlin erwarb er sich begeisterte Freunde. Erzherzöge und Könige begehrten ihn zu hören. Im Jahre 1913 sang er auf dem Fichtelberge vor dem ehemaligen König Friedrich August, der durch die Liedstelle

»Mit kan Könich mächt ich tauschen,
Weil do drubn mei Heisl stieht.«

zu Tränen gerührt ward und den Sänger durch das Ehrenkreuz mit der Krone auszeichnete. Wohl war des Toler-Hans-Tonls Freude darüber groß, aber in seiner schlichten Art sagt er später:

»Das Kreizl ehr net mich allaa on aa net när mei Lied,
Das ehrt es ganze Arzgebarch, es Volk mit sein Gemüt.«

Wie oft ist er bis zum heutigen Tage gesucht und zu Gast gebeten worden, aber er kann nicht auf allen Bergen sitzen und singen. Das Leben ist ernst und verlangt noch andere Pflichten von ihm, und wo er selbst nicht hinkommt, da sind als Boten seine Liedergrüße gegangen. Auf tausenden von Postkarten sind sie in die Welt geflattert, aus dem stillen Gottesgab, vom Fichtel- und Keilberge, von den Sommerfrischen des Gebirges, aus den Schaukästen der Großstädte. Fürstenkinder und schlichte Leute kennen und singen sie, selbst nach Amerika gingen sie – ein Strahl der Heimatsonne übers ferne Meer. Und sie werden bleiben, wenn schon mancher Sang verschollen, den heute die Welt liebt. Drum kauft seine Lieder! Sie sind ein Quell reiner Freude, ein Wegweiser ins Erzgebirge, eine ausgestreckte Bruderhand, ein Gruß aus der Heimat, denen, die sie verloren, ein Bollwerk gegen alles Undeutsche in und um uns.

Aus dem stillen Heimatglück des Vaterhauses, woher sie gekommen, kehren zurück alle seine Lieder, und in der Heimat ist auch der Toler-Hans-Tonl am liebsten. Er selbst bekennt es: … ’s werd aus ’ner Ficht kaa Birnbaam draus, dort, wu ich harstamm, halt ich hie … Seinem lieben Gottesgab, dessen Ehrenbürger er ist, hat er Treue geschworen, ihm gehören alle seine Lieder, er nimmt Anteil an seinem Geschick in guten und bösen Tagen, leitet ihre Jugend und hilft nach Kräften den Gebirgsarmen, für die er eine Toler-Hans-Tonl-Stiftung gegründet hat.

»Drham is drham!« so sagte er, als er mir zum Abschied die Hand reichte, aber wir wissen: Kein Grenzpfahl kann uns scheiden; denn sein Volk ist unser Volk, und seine Lieder leben, so lange die deutsche Treue und gebirgische Art in Hütten und Herzen leben; so lange die Berge stehen und die Wälder heimlich rauschen. Glück auf, du treuer deutscher Grenzwächter im Böhmerland!