ZWEITER ABSCHNITT
Die höheren Gefühle

1. Kap. Die Vergleichung

1. Eigenart der höheren Gefühle

Als elementare Gefühle hatten wir Lust und Unlust kennen gelernt. Nur wenige Psychologen setzen außer diesen beiden noch andere niedere Elementargefühle an, und auch sie beschränken deren Zahl zumeist auf einige wenige. An höheren Gefühlen dagegen werden immer eine fast unübersehbare Menge aufgezählt: Liebe, Haß, Furcht, Vertrauen, Kindesliebe, Elternliebe, Gottesliebe, ästhetische, logische, religiöse, soziale Gefühle usw. So wenig es gelingt, diese Mannigfaltigkeit auf einige Fundamentalgruppen zurückzuführen, so scharf lassen sie sich von den niederen Gefühlen absondern: Lust und Unlust schließen sich völlig grundlos an bestimmte Empfindungen an. Es hat innerhalb der psychologischen Betrachtung keinen Sinn zu fragen, warum uns eine Farbe angenehmer sei als eine andere, warum gewisse Klänge lustvoller sind als andere. Das sind letzte Tatsachen. Auch die Zuträglichkeit eines Reizes gibt dafür keine psychologische Erklärung, allenfalls eine teleologische; denn vor jeder Einsicht in die Zuträglichkeit oder Unzuträglichkeit eines Reizes und selbst wider eine solche Einsicht vermag er eine lust- oder unlustbetonte Empfindung zu wecken. Anders bei den höheren Gefühlen. Sie erscheinen, von seltenen Ausnahmen abgesehen, immer als begründet.

Ihre Erscheinungsweise hat Bain gegenüber den niederen Gefühlen treffend gekennzeichnet. Sie steigen langsamer an als die sinnlichen Gefühle; hängen stark von der herrschenden Stimmung ab; sind leichter willkürlich zu unterdrücken; enthalten mehr Reproduktionen und sind gewissermaßen ausgedehnter und unschärfer als jene, darum auch leichter und länger zu ertragen. Die Richtigkeit dieser Bemerkungen leuchtet sofort ein, wenn man einen körperlichen mit einem seelischen Schmerz vergleicht.

2. Theorie und Einteilung der höheren Gefühle

Eine befriedigende Theorie der höheren Gefühle sollte sich eigentlich auf eine erschöpfende Aufzählung, Beschreibung, Gruppierung und Analyse sämtlicher höheren Gefühle stützen. Dazu fehlen jedoch die Vorarbeiten. Wir streben darum auf kürzerem Wege eine vorerst noch hypothetische Auffassung der höheren Gefühle an, die uns zugleich ermöglicht, die Mannigfaltigkeit der Gefühle zu überblicken.

Vor allem fragt es sich, ob es höhere Elementargefühle gibt, ähnlich wie es höhere Erkenntnisleistungen elementarer Natur gibt. Wir verneinen bis auf weiteres diese Frage. Denn bis heute ist es noch nicht gelungen, solche höhere Gefühlselemente aufzuzeigen, ähnlich wie man Lust und Unlust aufzeigen kann. Die Unmöglichkeit, eine befriedigende Einteilung der Gefühle vom inhaltlichen bzw. qualitativen Gesichtspunkt aus zu gewinnen, spricht auch dafür. Die Zahl der höheren Gefühle scheint praktisch unbegrenzt zu sein, da fast jeder Sachverhalt ein besonderes Gefühl nach sich zieht. Neben all den ästhetischen, religiösen, logischen Gefühlen lassen sich mit ebensoviel Recht besondere Gefühle für jeden Stand und jede Lebenslage finden: von einem Hochzeits- und Begräbnisgefühl kann man ebensogut reden wie von einem Sextaner-, Quintaner-Gefühl usw. Das beweist, daß das Charakteristische der höheren Gefühle in der Regel in dem Sachverhalt liegt, auf den sie sich beziehen. Und wären Gefühle, die weder der Einsicht dienen, noch — von Lust, Unlust abgesehen — das Streben leiten sollen, nicht ein wahrer Luxus? Auch die von Bain genannten Eigentümlichkeiten der höheren Gefühle deuten auf ihre Zusammensetzung und Ableitbarkeit hin. Endlich sprechen dafür pathologische Fälle, bei denen die Einsicht in die Erfreulichkeit oder Unerfreulichkeit eines Sachverhaltes klar erfaßt wurde, ohne daß ein merkliches Gefühl zu beobachten war. Wie hier die körperliche Erkrankung, so weist die Förderung und Hemmung auch höherer Gefühle durch Alkohol oder Brom darauf hin, daß das emotionale Moment ebenso wie bei den niederen Gefühlen in enger Berührung mit den physiologischen Vorgängen steht. Es wird aber nicht angehen, sie einfachhin als eine Verbindung von Sachverhaltserfassungen mit den sinnlichen Gefühlen anzusprechen. Dem steht einerseits der bezeichnende Unterschied von Ernst- und Phantasiegefühlen (der nur phantasierte Sachverhalt erweckt andere Gefühle als der wirklich erlebte), anderseits das scheinbare Vorkommen höherer Gefühle, wie Furcht, Anhänglichkeit u. ä. bei Tieren, entgegen, denen wir bekanntlich die Sachverhaltserfassung abstreiten. Wir müssen also einen andern Weg versuchen.

Wir sahen, Empfindungen sind zumeist von einem stärkeren oder schwächeren Gefühlston begleitet, und zwar faßten wir die Gefühlsreaktion nicht als eine einsichtige Antwort der Seele auf die Empfindung, sondern als den psychischen Parallelvorgang zu einem mit der sensorischen Erregung irgendwie funktionell verbundenen Nervenprozeß auf. Es muß darum auch die Summe von Empfindungen zu irgendwelcher, vielleicht algebraischen Summe von Gefühlen führen. Zwischen den Empfindungen und den Elementen der absoluten Vorstellung (S. 102 ff.) machten wir aber keinen Unterschied. Es wird darum auch die Vorstellung eine Gefühlssumme mit sich bringen. Und die Assoziation von Vorstellungen wird auch die Vermehrung der Gefühlsmasse bedeuten. Wir glauben nun, daß aus diesen Gefühlsreserven unser ganzes emotionales Leben gespeist wird. Also jede Gefühlserregung hätte demnach die Mitarbeit des Reproduktionsapparates zur Voraussetzung. Das wird weniger befremden, wenn man bedenkt, daß bei all unserer geistigen Tätigkeit die Reproduktion weit stärker beteiligt ist, als es die uns auffälligen Reproduktionsinhalte vermuten lassen, und wenn man zweitens berücksichtigt, daß die zu einer Reproduktion gehörigen Gefühle weit schneller in den Blickpunkt des Bewußtseins treten als die sie auslösenden Vorstellungen: Sehr oft überflutet uns ein scheinbar unbegründetes Gefühl, und wenn wir rückschauend das Bewußtsein absuchen, finden wir bisweilen einen eben angeklungenen Namen u. dgl., der das Lust- oder Unlustgefühl mit sich gebracht hat. Die Bedeutung der Vorstellungen als Gefühlserreger wächst nun beim Menschen beträchtlich durch seine Fähigkeit zur Beziehungserfassung. Nehmen wir an, es seien ihm zwei Vorstellungen von verschiedenen unlustvollen Sachverhalten gegenwärtig. Nur auf Grund ihrer Gleichzeitigkeit in einem Bewußtseinszustand würden sie sich vielleicht nicht allzu eng miteinander verknüpfen. Erfaßt das Individuum aber ihre Ähnlichkeit oder sonstige Beziehungen zwischen den beiden Sachverhalten, so werden sie fest miteinander assoziiert. Verknüpft sich mit beiden noch der gemeinsame Name „Unglück“, so ist später dieses Wort imstande, den Gefühlston beider Vorstellungen wachzurufen. So gleicht also das Gefühl einem Strome, der um so gewaltiger ist, je zahlreicher die Flüsse und Bächlein sind, die in ihn münden.

Wenn wir keine elementaren höheren Gefühle anerkennen, sondern die Empfindungen die Quellen, die Empfindungskomplexe die Staubecken aller Gefühle sein lassen, so ist damit auch die Einteilung aller Gefühle für uns gegeben: Die nur durch Empfindungskomplexe ausgelösten Gefühle bezeichnen wir als niedere, während höhere Gefühle alle jene sind, bei denen eine Beziehungserfassung ein neues Staubecken anschließt und eröffnet. So hat der Komplex „Mutter“ seine eigenen Gefühlsmassen. Ebenso der Komplex „Totsein“. Die Beziehungserfassung: Mutter ist tot, bewirkt aber nicht nur eine Summierung beider Gefühlsmassen, sondern öffnet das Staubecken „Verlust“. So denken wir uns, in grober Schematisierung dargestellt, das Zustandekommen der höheren Gefühle.

Auch die höheren Gefühle zerfallen in qualitativer Hinsicht nur in die beiden Hauptgruppen der Lust- und Unlustgefühle, an die sich allenfalls noch die gemischten Gefühle anreihen. Mustert man die Beziehungserfassungen, durch welche eine Gefühlsmasse relaisartig angeschlossen wird, so scheinen es nur zwei Arten zu sein: entweder erfaßt man die mögliche Förderung bzw. Beeinträchtigung des Subjektes durch einen Gegenstand, oder die tatsächliche, sich vollziehende oder schon erfolgte Förderung bzw. Beeinträchtigung. Die erste Art der Beziehungserfassung begründet die Wert-, Unwertgefühle, die zweite die Gewinn-, Verlustgefühle, wie wir der Kürze halber sagen wollen. Man darf wohl annehmen, daß die Erfahrung uns einen größeren Vorrat an Gefühlsmassen für die letztere Beziehungserfassung zu Gebote stellt. Alle vier Gefühlsarten können nun aus Ursachen, die später zu besprechen sind, vorübergehend oder dauernd sein. Weiterhin können sie durch untergeordnete, aber recht charakteristische Begleiterscheinungen ausgestattet sein. Es können Empfindungen, insbesondere Organempfindungen, und vasomotorische Veränderungen hinzutreten, ferner Instinktbewegungen, unwillkürliches und willkürliches Streben, unwillkürliche und willkürliche Ausdrucksbewegungen. Überdies können diese Begleiterscheinungen, insoweit sie nicht willkürlich sind, sich auch mit den niederen Gefühlen verbinden. Es ergäbe sich also folgendes Schema:

Niedere Gefühle
Höhere Gefühle
Lust
Geschweifte Klammer, nach rechts zeigend
aus Empfindungen
Wert-, Unwertgefühle
Unlust
und Empfindungs-
Gewinn-, Verlustgefühle
Gemischte G.
komplexen
Gemischte Gefühle
Verbinden
sich
Große geschweifte Klammer, nach links zeigend
1.
miteinander
 
2.
mit
Organempfindungen
3.
Instinktreaktionen
4.
unwillkürl. Streben
5.
 
willkürlichem Streben
6.
unwillkürlichen Aus­drucksbewegungen
 
7.
 
willkürlichen Handlungen
8.
Empfindungen bzw. Einsichten, die selbst nicht gefühlsbetont sind.[9]
3. Bemerkenswerte Arten der Gefühle

Mit Recht stellt man Schein- oder Phantasie- und Ernstgefühle gegenüber. Es ist nicht das gleiche, ob man sich über Ereignisse in der Phantasiewelt oder über solche in der Wirklichkeit freut oder abhärmt. Es kehren hier übrigens dieselben Betrachtungen wieder, die bei dem Problem Wahrnehmung — Vorstellung angestellt wurden. Der ursprüngliche Zustand ist weder Schein noch Wirklichkeit, sondern einfachhin die Gegebenheit. Alle Gefühle, die diese Gegebenheiten auslösen, sind echt: der seelische Schmerz im Traum des Erwachsenen übertrifft, da alle Hemmungen wegfallen, den im Wachzustand erlebten oft ganz beträchtlich. Das Problem der Schein- und Ernstgefühle besteht hier also noch nicht. Erst wenn wir Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden gelernt haben, sind wir fähig, Scheingefühle zu erleben. Die erkenntnismäßige Grundlage der Ernstgefühle sind dann echte Beziehungserfassungen, die der Scheingefühle nur Annahmen. Darum kann auch niemals ein Scheingefühl dem Ernstgefühl gleichkommen, weil ihm der nur durch eine echte Sachverhaltserfassung mögliche Anschluß neuer Gefühlsmassen versagt bleibt. Und doch enthalten die Scheingefühle mehr als die algebraische Summe der zugrunde liegenden Empfindungskomplexe. Woher dieser Überschuß? Mit den höheren wie mit den niederen Gefühlen verbinden sich gewisse Verhaltungsweisen: man senkt den Blick bei Trauer, erhebt das Haupt bei Freude u. ä. m. Diese Verhaltungsweise lernen wir durch die Erfahrung kennen und führen sie willkürlich ein, insoweit sie sich nicht rein assoziativ von selbst einstellt. Diese Verhaltungsweise selbst aber ist wiederum assoziativ mit Vorstellungen von demselben Gefühlston verbunden: so oft wir diese oder jene Verhaltungsweise einschlugen, beschäftigten uns ja fröhliche oder traurige Dinge.

Unter den Verhaltungsweisen, die sich an Lust oder Unlust anschließen, sind viele angeboren, manche sind sogar eigentliche Instinkte, nur wenige sind anerzogen oder gar von dem Subjekt absichtlich gewählt. Die Verbindung der Empfindungskomplexgefühle mit angeborenen Verhaltungsweisen oder Instinkten täuschen nun die Wesensgleichheit gewisser höherer menschlicher Gefühle mit denen der Tiere vor: ein Hund scheint sich in gleicher Weise zu freuen und zu fürchten wie ein Mensch. Und doch dürfen wir ihm nach unserer Sprechweise keine höheren Gefühle zuschreiben. Es fehlt ihm eben die Beziehungserfassung, welche Freude oder Trauer begründet erscheinen läßt und darum dem Erlebnis neue Gefühlsströme zuleitet. Es ist darum auch das Gefühlsleben der Tiere höchstwahrscheinlich weniger tief als das der Menschen, wenn schon die zu Lust und Unlust gehörenden Instinkte sich hemmungsloser und darum auch lebhafter austoben als beim Menschen. Das Kind nähert sich in dieser Beziehung mehr dem Tiere.

Starke Gefühle, verbunden mit einer Störung des normalen Vorstellungsverlaufes und begleitet von merklichen körperlichen Veränderungen, nennt man Affekte, die passiones der Alten. Der Affekt setzt mit einem Gefühlsstoß ein, dann wird er zumeist stumm, die Vorstellungen werden für Augenblicke gehemmt, um dann bei Lust rascher zu verlaufen und bei Unlust gehemmt zu bleiben. Bei Lustgefühlen ist sodann ein Steigen, bei Unlust ein Sinken der Pulse zu beobachten. Bei manchen Affekten steigert sich die Muskelspannung (sthenische Affekte), so beim Zorn, während sie beim Schreck gehemmt wird (asthenischer Affekt). Bei sthenischen Affekten erhöht sich nach Wundt das Volum der Blutgefäße, die Pulse sind kräftig, die Atmung heftig und unregelmäßig. Im asthenischen Affekt hingegen erscheint die Atembewegung beschleunigt und flach, die Pulse herabgesetzt, das Gesamtvolumen der Gefäße verringert. Einzelne Affekte haben zudem noch ganz charakteristische Begleiterscheinungen, so die Furcht das Herzklopfen, starker Schreck die Erschlaffung der Muskeln.

Zweifellos müssen diese organischen Begleiterscheinungen den Affekten ein ganz eigenartiges Gepräge verleihen. Die James-Langesche Theorie der Affekte ging in ihrer Bewertung sogar so weit, in ihnen das Wesen dieser Gemütsbewegungen zu sehen: wir weinen nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Diese Theorie schoß in doppelter Hinsicht über das Ziel hinaus. Zunächst übersah sie die von allen Organempfindungen wesentlich verschiedenen Gefühlstöne der Lust und Unlust. Sodann beachtete sie nicht das Begründungsverhältnis, das tatsächlich in jedem Affekt normalerweise vorhanden ist: wir sind uns dessen bewußt, daß wir wirklich wegen des Verlustes traurig oder wegen des Gewinnes freudig sind. Gleichwohl nähert sich unsere Auffassung der Affekte in beiden Rücksichten wieder mehr der James-Langeschen Theorie. Da wir die unterscheidenden Merkmale der verschiedenen höheren Gefühle nicht in spezifischen Gefühlsqualitäten, sondern in den sie begleitenden Bewußtseinsvorgängen suchen, schreiben wir notwendig den organischen Erscheinungen beim Affekt eine größere Bedeutung zu. Sodann erkennen wir zwar das Begründungsverhältnis des unbefangenen Bewußtseins an: ich freue mich, weil ich Erfolg habe, aber wir teilen nicht die Ausweitung dieses Zusammenhanges, die das naive Bewußtsein vornimmt. Dem naiven Menschen erscheint die gefühlsmäßige Freude oder Trauer ebensosehr als die unmittelbare und notwendige Antwort der Seele auf die Einsicht in den vorausgehenden Erfolg oder Mißerfolg, wie die Erkenntnis der Gleichheit oder Ungleichheit die unmittelbare und notwendige Reaktion der Seele ist, wenn ihr zwei gleiche oder verschiedene Inhalte mit der Aufgabe zu vergleichen gegeben sind. Es braucht aber nur wenig kritischen Blick, um zu erkennen, daß zwischen den Inhalten „Erfolg“ und „Freude“ ebensowenig ein denknotwendiger Zusammenhang besteht wie zwischen einem Rot und dem mit ihm kontrastierenden Grün. In der Tat kann ja auch infolge krankhafter Störungen die normalerweise zu erwartende Gefühlsreaktion bei der Wahrnehmung eines Erfolges oder Mißerfolges ausbleiben. Die Grundlage zu einer jeden Gefühlsreaktion bildet eben nicht ein logischer, sondern ein physiologischer Zusammenhang, nämlich der zwischen Empfindung und Empfindungsgefühl.

Den Affekten stellt man die Stimmungen gegenüber. Während man unter Affekt einen stärkeren, aber akuten Seelenzustand versteht, denkt man bei Stimmung an eine mäßigere, aber dauernde Verfassung ähnlicher Art. Dabei ist dem Affekt der Sachverhalt, um dessentwillen er sich entwickelt hat, gegenwärtig, während er der Stimmung wieder entschwunden sein kann. Zumeist dürfte die Stimmung aus einem Affekt hervorgehen. Die charakteristischen Organempfindungen pflegen nämlich länger standzuhalten als die sie hervorrufenden Erkenntnisse, und da sie selbst zumeist von ähnlichem Gefühlscharakter sind, rücken sie teils immer wieder, sobald man sie beachtet, das betreffende Gefühl in den Vordergrund des Bewußtseins, teils führen sie die Erinnerung an den die Stimmung auslösenden Sachverhalt herbei.

Die Leidenschaften sind nicht mehr den Gefühlen oder Affekten beizuzählen. Unter Leidenschaft versteht der Sprachgebrauch vielmehr ein vorherrschendes Interesse, das stark genug ist, um zu schwierigen, gelegentlich auch zu wenig überlegten Handlungen anzutreiben.

Das Vorhandensein von Gefühlsdispositionen zeigt sich darin, daß einzelne Individuen zu bestimmten Gefühlen mehr hinneigen als andere. Die Ursache hiervon wird an physiologischen Zuständen liegen. Es läßt sich denken, daß die beiden Funktionsweisen des nervösen Apparates, an welche Lust bzw. Unlust gebunden ist, nicht bei jedem Individuum gleich gut entwickelt seien. Sodann können abnorme Körperzustände dauernd eine gewisse Menge einseitig gefühlsbetonter Empfindungen liefern und somit eine Steigerung der Gefühle in der einen oder der anderen Richtung veranlassen. So sind Schwindsüchtige mehr zur Heiterkeit, Diabetiker zur Verdrossenheit disponiert. Endlich dürfen auch die psychischen Dispositionen nicht übersehen werden. Wer sehr viel Leid erfahren hat, dem stehen mit diesen Erinnerungen ebensoviele Quellen zu Unlustgefühlen zur Verfügung.

4. Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens

Nach unserer Auffassung sind die höheren Gefühle etwas sehr Kompliziertes. Man wird darum bei ihnen auch keine einfachen und klar umschriebenen Gesetze erwarten dürfen. Außerdem werden sich diese Gesetze häufiger auf den dem Gefühle zugrunde liegenden Sachverhalt als auf das emotionale Moment beziehen.

Das Kontrastgesetz: ein Gefühl wird durch sein Kontrastgefühl gesteigert. Die Lust am warmen, erleuchteten Zimmer wird gesteigert durch die Wahrnehmung des unfreundlichen Wetters; die Unlust über solches Wetter, durch welches man marschieren muß, infolge des Anblickes einer gemütlichen Wohnung. Man erkennt hier leicht, daß bei solchen Kontrasten auch ganz neue Sachverhalte erfaßt werden, die dann ihrerseits den Zuwachs des Lust- oder Unlustgefühles verschulden. — Der Folgesatz: eine Reihe von Lust- oder Unlustgefühlen bedeutet nur dann eine merkliche Steigerung des betreffenden Gefühles, wenn jedesmal ein stärkeres Gefühl erzeugt wird. Der Satz gilt zweifellos nur im allgemeinen und ist in der Hauptsache wohl psychologisch durch die Herabsetzung der Bewertung häufig erscheinender Dinge zu erklären, wenn auch die Abstumpfung gegen den Gefühlston, die er auch voraussetzt, physiologisch bedingt sein muß.

Noch wenig geklärt sind die Gesetze der gleichzeitigen Verbindung mehrerer Gefühle. Gleichartige Gefühle scheinen sich irgendwie zu summieren. Doch nicht in einfacher algebraischer Weise. Sie behalten stets eine gewisse Selbständigkeit. Ihre Vereinigung ist um so inniger, je mehr die Erkenntnisgrundlagen miteinander verschmelzen. Das Gefühl wird eben stärker, je mehr sich unsere Aufmerksamkeit dem Gefühlserreger zuwenden kann, was bei der Abhängigkeit des Gefühls von seinen Reproduktionsgrundlagen leicht verständlich ist. Die mannigfachen Reize eines Festmahles kann man nicht alle gleichzeitig in größter Intensität auf sich einwirken lassen. Darum scheinen die von ihnen erweckten Gefühle eher nebeneinander zu stehen. Bei einem Ornament hingegen kann Form und Farbe gleichzeitig und fast in vollster Intensität im Blickpunkt der Beachtung stehen, und darum scheint es ein einheitliches Gefühl hervorzurufen. Aus demselben Grunde will sich Lust und Unlust aus verschiedenen Quellen nicht recht mischen. Sie treten vielmehr abwechselnd in den Vordergrund, je nachdem wir dem einen oder dem andern mehr Beachtung schenken. Dennoch erscheinen sie nicht einfachhin voneinander getrennt, sondern die Unlust verleidet uns die Freude, und die Lust läßt vermutlich das Leid nicht zur vollen Entwicklung gelangen. Anders bei den sog. gemischten Gefühlen, wie dem Spannenden, Romantischen, Tragischen, wo die Unlust eine notwendige Vorbedingung des angenehmen Gefühles ist. Allerdings darf man hier nicht übersehen, daß diese vorausgehende Unlust eher ein Scheingefühl ist oder doch wenigstens durch die bestimmte Erwartung des glücklichen Ausganges gemildert wird. Sonst zerfällt das gemischte Gefühl in zwei gesonderte Phasen, der Unlust und der Lust.

Praktisch bedeutsam ist die zeitliche und gegenständliche Verschiebung des Gefühles. Zeitlich verschiebt sich das Gefühl, indem es einer Erinnerungsvorstellung vorauszueilen scheint. Genauere Beobachtung und der Vergleich mit erstmaligen Wahrnehmungen, die Gefühle wecken, noch ehe sie selbst zur klaren Entfaltung gelangt sind, lehrt indes, daß diese Verschiebung nur eine scheinbare ist. Es genügt aber eine gerade überschwellige Reproduktion, damit schon ein merkliches Gefühl verspürt werde. Dieses lenkt nun sofort die Aufmerksamkeit auf sich, wodurch dann häufig die angefangene Reproduktion wieder versagt und das Gefühl als ein völlig unbegründetes erscheinen läßt. Die gegenständliche Verschiebung ist unter dem Namen der Gefühlsübertragung oder der Irradiation des Gefühlstones bekannt und schon bei den elementaren Gefühlen besprochen worden (S. 141 f.).

Ebenso stimmt es zu unseren theoretischen Anschauungen sehr wohl, daß sich ein eigentliches Gefühlsgedächtnis nicht nachweisen läßt. Ein Gefühlserlebnis ist immer nur durch die Vergegenwärtigung seiner erkenntnismäßigen Grundlage zu erneuern. Dabei werden bezeichnenderweise die einfacheren Gefühle schwerer reproduziert als die zusammengesetzten: die Vergegenwärtigung der Lust an einer Speise ist weit schwächer als die an einer Melodie oder an einem Erfolg. Die Lust an einem Sinneseindruck gründet sich nämlich einzig auf diesen isolierten Reiz, und dieser ist bekanntlich nicht mehr in gleicher Stärke zu reproduzieren. Die Lust an einem Erfolg hingegen ist in der Hauptsache eine Beziehungslust, die schon beim ersten Erleben nicht aus dem unmittelbaren Sinneseindruck, sondern reproduktiv aus den Gefühlsvorräten geschöpft wurde. Diese sind aber heute noch ebenso reichhaltig wie beim ersten Erleben.

5. Die Beziehungen des Gefühls zu andern Funktionen

Gefühle schaffen Werte, sobald sie sich mit einem Gegenstand verbinden, mag diese Verbindung eine ursprüngliche oder durch Gefühlsübertragung entstandene sein. Dementsprechend beeinflussen sie auch alle Werturteile, d. h. sie begründen Werturteile. Ebenso unmittelbar ist ihr Einfluß auf das Streben, das ja stets auf einen Wert gerichtet ist. Wenig geklärt ist jedoch ihre Bedeutung für die Entstehung eines Entschlusses oder einer Willenshandlung, wenn die Gefühle sich nicht mit dem Ziel des Strebens verbinden, sondern gewissermaßen das Milieu sind, in dem die Willenshandlung geboren wird. Erregende Gefühle, Unlust ebensowohl wie Lust, scheinen zum Entschluß und zur Handlung anzutreiben, niederdrückende scheinen sie zu hemmen.

Deutlich ist die Einwirkung der Gefühle auf die Vorstellungen. Lustgefühle vermehren den Reichtum an Vorstellungen, Unlustgefühle erschweren die Vorstellungsreproduktion, vermutlich deshalb, weil Lust die Blutzufuhr nach dem Gehirn steigert, Unlust sie herabsetzt. Die Gefühle wirken sodann stark konstellierend, d. h. sie bestimmen die Auswahl der Vorstellungen. Ein Affekt läßt nur solche Vorstellungen aufkommen, die ihm entsprechen: ein Unglück weckt traurige, ein Glücksfall fröhliche Erinnerungen. Das erklärt sich teils aus der assoziativen Verbindung, welche Vorstellungskomplexe gleicher Gefühlsbetonung eingehen, teils aus den gleichartigen Affekten gemeinsamen Organempfindungen, die ihrerseits wieder zu Reproduktionsmotiven der früheren Erlebnisse werden, teils daraus, daß uns in einem Affekt Erinnerungen bzw. Vorstellungen von andersartigem Gefühlston unwillkommen sind und darum schon auf der Schwelle unterdrückt werden.

Sodann sind die Gefühle bedeutungsvoll für die Erinnerung. Erlebnisse, die gefühlsbetont sind, haben, wie experimentelle Untersuchungen lehrten, größere Erinnerungsfestigkeit als indifferente, vielleicht weil sie größere Aufmerksamkeit fanden, vielleicht weil man sich willkürlich mehr mit ihnen beschäftigte. Dabei werden lustbetonte häufiger erinnert als unlustbetonte (Erinnerungsoptimismus), wohl darum, weil wir uns willkürlich von der aufsteigenden Erinnerung unlustvoller Erlebnisse abwenden. Nur wenn das unliebsame Geschehnis von sehr großer Bedeutung für den Erlebenden war, verschafft es sich eine bevorzugte Stelle unter den Erinnerungen.

Literatur

Th. Ribot, Psychologie der Gefühle. 1903.

G. Störring, Psychologie des menschlichen Gefühlslebens. 1916.

A. Mosso, Die Furcht. 1899.

[9] Die besonderen Formen der Zusammensetzung dieser Inhalte berücksichtigt die phänomenologische Einteilung Schelers, der sinnliche Gefühle, Lebensgefühle (Gefahr), seelische Gefühle (Freude) und geistige Gefühle (Seligkeit) unterscheidet. Vgl. Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik.