SIEBTER ABSCHNITT
Elementare Gefühle

1. Abgrenzung der elementaren oder sinnlichen Gefühle

Was man mit dem Wort Gefühl oder Emotion meint, wird einigermaßen verständlich, wenn man bekannte Erfahrungstatsachen zusammenstellt, wie die Annehmlichkeit des Süßen, die Widrigkeit des Bitteren, die Wonne idealer Begeisterung, die Ergriffenheit der Andacht, der Schmerz des Verlustes, die Freude des Erfolges. Das sind freilich sehr komplexe Erlebnisse, aber wenn wir in Gedanken alles an ihnen wegnehmen, was sie von Sinneseindrücken, Vorstellungen und Gedanken einerseits, an Absichten, Entschlüssen und Strebungen anderseits enthalten, so scheint es, bleibt doch noch etwas übrig, was all diesen Bewußtseinsvorgängen gemeinsam ist, nämlich die eigenartige Affektion des Erlebenden. Oder stellen wir eine Bedeutungsanalyse der Begriffe angenehm und unangenehm an, so finden wir nichts, was mit Recht als Erkenntnis oder als Willensvorgang bezeichnet werden dürfte, und doch ist jeder Unbefangene davon überzeugt, daß mit diesen Worten auf wirkliche Erlebnisse oder Erlebnisbestandteile hingewiesen wird.

Es erscheint nun aussichtslos, alles, was in der Literatur und im Leben als Gefühl genannt wird, miteinander vergleichen und aus diesem Vergleich die elementaren Gefühle ableiten zu wollen. Dafür sind diese Gesamterscheinungen viel zu verwickelt. Da nun normalerweise immer etwas angenehm oder unangenehm ist, gehen wir zweckmäßiger von den einfachsten Erkenntnisgegenständen, den Empfindungen, aus und untersuchen, ob sich Gefühle an sie anschließen. Wir würden solche Gefühle dann als sinnliche bezeichnen. Das Recht, von „sinnlichen oder elementaren“ Gefühlen zu reden, kann uns eine solche Prüfung allerdings nicht geben. Dazu müssen wir hier voraussetzen, was später glaubhaft gemacht werden soll, daß diese Gefühle nicht weiter in Teilgefühle zerlegbar sind und daß sie auch die letzten Bestandteile der sog. höheren Gefühle, wie der logischen, sozialen oder religiösen, bilden.

2. Die Eigenart der sinnlichen Gefühle

Läßt man einen Sinneseindruck möglichst isoliert auf sich einwirken, so wird man in vielen Fällen von einem solchen Eindruck angenehm oder unangenehm berührt, und zwar nicht allein von den Erregungen der niederen Sinne, wie Brentano meinte. Auch eine leuchtende Farbe, ein süßer Ton kann bei der experimentellen Darbietung geradezu wonnig sein. Man hat nun früher die Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit als eine Eigenschaft der Empfindung aufgefaßt; wie man Qualität, Dauer, Intensität als Seiten der Empfindung kennt, so fügte man als weitere den Gefühlston hinzu (Ziehen). Der Irrtum rührt von der Schwierigkeit her, Erlebnisse wie Annehmlichkeit zu beobachten. Unsere Auffassung verbindet nachträglich zu gern die Wirkung eines Eindruckes mit diesem selbst: wir sehen es scheinbar dem Zucker an, nicht nur, daß er süß, sondern auch, daß er gut schmeckt. Bemüht man sich indes, das Erlebnis nicht in seiner nachträglichen Verarbeitung, sondern in seiner gegenwärtigen Erscheinung zu erfassen, so will es nicht gelingen, die Annehmlichkeit des Zuckers uns ebenso gegenüberzustellen wie seine Süßigkeit. Dazu kommen noch die beachtenswerten Einwände Külpes gegen diese Auffassung: Das Gefühl zeigt dieselben Eigenschaften wie die Empfindung, nämlich Qualität, Intensität, Dauer; es kann also nicht selbst Eigenschaft der Empfindung sein. Sodann können die anderen Eigenschaften der Empfindung nie zu null werden, ohne daß die Empfindung selbst null würde; das Gefühl aber kann ohne Beeinträchtigung der Empfindung verschwinden. Endlich ist die Empfindung durch Qualität, Intensität und Dauer hinlänglich charakterisiert; das Gefühl trägt zu ihrer Kenntnis nichts Neues bei, sondern verhält sich in dieser Hinsicht ähnlich wie eine zweite Empfindung, die zu einer andern hinzutritt.

Eine andere Auffassung will in dem Gefühl nicht eine Eigenschaft einer schon vorhandenen Empfindung erblicken, sondern eine neue oder Begleitempfindung, die sich mit der zunächst gegebenen verbindet. So suchte schon James die Gefühle bei den Organempfindungen, und neuerdings will Stumpf, wenigstens für die sinnlichen Gefühle (zentrale) Mitempfindungen einführen. Schmerz und Wohlsein seien die einzigen Qualitäten dieser Mitempfindungen, die sich zu den einzelnen Empfindungen der anderen Sinne hinzugesellten. Dagegen spricht jedoch außer dem ganz hypothetischen Charakter dieser Auffassung und der Fremdartigkeit dieser „Sinne“, für die keine Organe nachzuweisen sind, vor allem der Bewußtseinsbefund. Stumpf läßt die höheren Gefühle, wie Freude am Erfolg, als eine eigene Klasse neben den Erkenntnis- und Willensvorgängen bestehen. Wenn man nun z. B. aus dem Erlebnis der nichtsinnlichen Freude alle Erkenntnis- und Willensmomente hinwegnimmt und auch die Mitempfindung des Wohlseins, die nach Stumpf auch solchen Erlebnissen beigemischt ist, so fragt es sich, ob überhaupt noch ein Erlebnisrest bleibt. Bleibt aber ein solcher, dann ist die erscheinungsmäßige Verwandtschaft, die zwischen ihm und den „Mitempfindungen“ herrscht, eine unvergleichlich engere als die zwischen den Mitempfindungen und den eigentlichen Empfindungen. — Derselbe Gedanke entzieht auch der James-Langeschen Theorie den Boden. Sind wir wirklich nur darum traurig, weil wir weinen (James), oder weil wir irgendwelche Organempfindungen haben (Lange), so bleibt unerklärt, wie denn das merkwürdige Moment des Angenehmen oder Unangenehmen in unser Bewußtsein gelangen soll, da es weder eine Empfindung noch eine Eigenschaft der Empfindung sein kann. Ist doch auch das Gefühl in einer ganz anderen Weise subjektiv, als es irgendwelche Empfindung sein kann.

3. Die Gefühlsdimensionen und -qualitäten

Wie Helmholtz bei den Empfindungen von Modalitäten (die verschiedenen Sinne) und Qualitäten (die verschiedenen Empfindungen desselben Sinnes) sprach, so redet man von verschiedenen Dimensionen der Gefühle überhaupt und von den verschiedenen Qualitäten innerhalb der Dimensionen. Die Zahl der Dimensionen ist nach einigen praktisch unbegrenzt, da die Seele auf jeden Erkenntnisgegenstand anders reagiert. Wundt hingegen zählt drei Gefühlsdimensionen auf: Lust-Unlust, Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung. Die Mehrzahl der Psychologen aber bekennt sich zu der eindimensionalen oder der Lust-Unlusttheorie. Innerhalb der Dimensionen nehmen nun manche Autoren eine Mehrheit von Qualitäten an, so namentlich Wundt, während andere nur je eine Qualität gelten lassen, wie Külpe.

Es wird genügen, hier die Gründe gegen die Dreidimensionalität anzuführen, weil sie gleichzeitig gegen jede Mehrdimensionalität sprechen. Man leugnet nicht, daß es neben Lust-Unlust noch Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung gibt, vermag aber in den beiden letzten Erlebnispaaren nicht elementare Gefühlsvorgänge zu erblicken. Zweifellos herrschen bei diesen Zuständen ausgesprochene Organempfindungen, wie sie schon durch die Beschleunigung und nachherige Verlangsamung des Pulses, durch das Anhalten und nachfolgende Vertiefen des Atmens gegeben sind. Auch gedankliche Momente können namentlich bei der Spannung vorhanden sein. Alle diese Faktoren pflegen von leichten Lust-Unlustgefühlen begleitet zu sein. Sieht man davon ab, so scheint für ein weiteres elementares Gefühl nichts übrigzubleiben.

Gegen die Mehrheit der Qualitäten aber spricht folgendes: Wenn die Gefühle etwa mit den Empfindungen wechselten, so müßte es ihrer eine unglaublich große Zahl geben. Dann wäre es aber schwer begreiflich, daß wir nur so wenige Qualitäten feststellen können, während wir doch bei den ebenfalls sehr mannigfachen und nur wenig voneinander verschiedenen Farbentönen eine gar große Zahl mit Sicherheit herausgreifen. Auch bereitet es keine Schwierigkeit, alle Arten der Lust direkt miteinander zu vergleichen. Übrigens dürfte es auch biologisch hinreichen, wenn die Gefühle nur bekunden, daß unsere Natur durch einen Eindruck angenehm oder unangenehm berührt wird, da ja die Mannigfaltigkeit der Eindrücke durch die Empfindungen ausgiebig zu Worte kommt (Külpe). So beachtenswert solche Gründe auch sind, so schließen sie die Möglichkeit nicht aus, daß einmal durch einwandfreie Beobachtungen die Mehrdimensionalität der Gefühle erwiesen wird. Leider stehen viele der bisher angestellten Versuche zu sehr unter der Herrschaft der Schule, der die Beobachter angehören.

4. Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl

Die Abhängigkeit der Gefühle von den Empfindungen wird experimentell durch die Eindrucksmethode geprüft: man läßt eine Empfindung auf die Vp einwirken und von ihr das entstehende Gefühl beschreiben. Andere Methoden erlauben ein mehr objektives Verfahren. So die Methode der Herstellung: die Vp hat etwa am Spektralapparat die ihr wohlgefälligste Farbe einzustellen. Die Methode der Wahl: aus mehreren Gegenständen, die gleichzeitig geboten sind, ist der wohlgefälligste oder mißfälligste herauszunehmen, oder alle Gegenstände sind ihrer Wohlgefälligkeit nach in eine Rangordnung zu bringen. Endlich die Reihenmethode: aus je einem Paar von Objekten ist das Gefälligere zu bestimmen; wenn dann jedes Objekt mit jedem anderen gleich oft verglichen ist, so gibt die Häufigkeit der Vorzugsurteile für die einzelnen Objekte einen gewissen Maßstab für die Lebhaftigkeit des durch sie geweckten Gefühles. Die objektiven Methoden sind allerdings weniger rein und müssen durch die subjektive ergänzt werden, um die Einflüsse der Erfahrung (den assoziativen Faktor) einigermaßen auszuschließen.

Nach den genannten Methoden läßt sich nun die Abhängigkeit des Gefühles von den Eigenschaften der Empfindung, der Qualität, Intensität und Extensität und der Dauer bestimmen. Welche Empfindungsqualitäten lustvoll, und welche unlustvoll sind, ist in der Hauptsache schon aus dem Alltagsleben bekannt: das Süße, Glatte, Warme usw. ist uns angenehm, das Bittere, Kalte, Rauhe eher unangenehm. Wichtiger ist, daß die niederen Sinne lebhaftere Gefühle hervorrufen als die höheren. Ihre Meldungen sind ja auch im allgemeinen von größerer unmittelbarer Bedeutsamkeit für das Leben, während die Gesichts- und Gehörempfindungen als Bausteine umfangreicherer Erkenntnisse zurücktreten: ob das Automobil, das mich zu überfahren droht, rot oder gelb ist, ist mir zunächst gleichgültig. Es steigert sich darum auch die Gefühlswirkung der Farben und Töne, wenn sie im Experiment isoliert geboten werden.

Die Abhängigkeit des Gefühles von der Empfindungsintensität hat Lehmann genauer untersucht. Die Empfindung muß die „intensive Schwelle“ übersteigen, d. h. sie muß eine gewisse Stärke erreichen, um überhaupt gefühlsbetont zu sein. Mit wachsender Intensität steigt dann Lust und Unlust. Während aber die Lust bei einem gewissen Intensitätsgrad ihren Höhe- und Wendepunkt erreicht, von dem aus sie abnimmt, um schließlich zur Unlust zu werden, scheint diese nur einfachhin zuzunehmen. Der Umschlag der Lust in Unlust brauchte aber nicht auf der Intensitätszunahme als solcher zu beruhen. Es dürften vielmehr allmählich andere Empfindungen hinzutreten, wie bei der Intensitätssteigerung des Lichtes der Blendungsschmerz, die unangenehm sind. — Zu bemerken ist noch, daß manche Empfindungsqualitäten, die im allgemeinen als unlustvoll gelten, stark herabgesetzt, angenehm werden, so manche Gerüche, während andere, die allgemein als lustvoll bekannt sind, bei größerer Intensität unangenehm werden, so das Süß. Beide Tatsachen lassen sich aber auch den soeben dargestellten Gesetzmäßigkeiten zwischen Gefühl und Empfindungsintensität unterordnen, wenn man annimmt, daß z. B. jene Gerüche sich für gewöhnlich in einem zu hohen Intensitätsgrade befinden.

Ähnlich wie bei der Intensität verläuft die Gefühlskurve bei der Dauer. Nachdem die Zeitschwelle überschritten ist, steigen die Gefühle an. Nach einiger Zeit tritt Abstumpfung ein, jedoch bei der Unlust später als bei der Lust. Der schließliche Wandel der Lust in Unlust scheint auch hier nur auf indirektem Wege bewirkt zu werden.

5. Verbindung und Lösung der Gefühle

Wer mehrere Gefühlsdimensionen annimmt, kann ohne weiteres die Verbindung mehrerer Gefühle aus verschiedenen Dimensionen einräumen: lustvolle Erregung, bange Spannung sind uns aus der Erfahrung wohl bekannt. Umstritten ist jedoch die Vereinigung verschiedener Gefühle derselben Dimensionen. Wundt glaubt an eine solche Verbindung zu einem Totalgefühl. Ähnlich wie nach ihm Empfindungen zu einem wesentlich neuen Eindruck verschmelzen, so vereinigen sich nach dem Prinzip der Einheit der Gemütslage die Partialgefühle nicht wie Summanden, sondern wie die Elemente einer chemischen Verbindung. Die Experimente deuten jedoch eher darauf hin, daß wenigstens Lust und Unlust sich nicht einfachhin mischen. Sie wechseln vielmehr ab, je nachdem der die Lust oder der die Unlust bedingende Eindruck beachtet wird. Dagegen dürfte eine Zusammensetzung von Teilgefühlen gleicher Qualität vorkommen, z. B. in dem Gemein- oder Lebensgefühl, das aus den verschiedenen Organempfindungen entspringt.

Von hoher Bedeutung für unser Willensleben ist die Übertragung der Gefühlstöne. Ein Ort, an dem wir Unwillkommenes erlebt, wird uns selbst unlieb u. ä. m. Man hat diese Tatsache bisweilen nach dem Schema der assoziativen Verbindung zu erklären versucht: wie sich eine Vorstellung a mit der Vorstellung b assoziiert, wenn beide gleichzeitig im Bewußtsein sind, so verknüpfe sich das anderweitig verursachte Gefühl mit der Vorstellung, die zufällig gleichzeitig im Bewußtsein sind, so verknüpfe sich das an der des Ortes. Allein die Gefühle sind nicht als derartig selbständige Bewußtseinsinhalte zu erweisen. Im Gegenteil, die Unmöglichkeit, Gefühle für sich allein oder überhaupt zu reproduzieren — wir können uns wohl gedanklich daran erinnern, ein bestimmtes Gefühl verspürt zu haben, aber wir können uns jenes Gefühl selbst nur dadurch wieder anschaulich vergegenwärtigen, daß wir uns das veranlassende Erlebnis vorstellen — zeigt das Gefühl als eine Folgeerscheinung, nicht als selbständigen Vorgang. Auch die Theorie der Gefühle, zu denen die anderweitigen Beobachtungen hindrängen, verträgt sich nur schwer mit dieser Erklärung. Es dürfte vielmehr durch die Wahrnehmung des Ortes die Erinnerung an jenes Erlebnis mit angeregt werden und aus dieser mehr oder weniger bewußten Erinnerung das Gefühl stammen, das wir dann auf den Ort als seine Quelle beziehen. Denn einerseits steht fest, daß die Gefühle dem vollen Bewußtwerden der zugehörigen Vorstellungen vorauseilen, und anderseits werden wir bei der Besprechung der Assoziationen sehen, wie vielerlei Begleitvorstellungen jede Wahrnehmung wachruft. Es wäre übrigens eine bedeutsame Aufgabe, festzustellen, wieviel nur übertragene Gefühlstöne unsere Umwelt aufzuweisen hat und welches Lebensalter für diese Übertragung am empfänglichsten ist.

Die sog. Analogien der Empfindung, das „schreiende“ Rot, das „düstere“ Schwarz, die „freudigen“ Töne usw., beruhen primär nicht auf der Übertragung des Gefühlstones. Es gleichen sich vielmehr die analogen Empfindungen in den Gefühlen, die sie in uns erwecken: düstere Farben und tiefe Töne stimmen ernst, leuchtende Farben und hohe Töne erregen und heitern auf. Diese ursprünglichen Wirkungen bedingen nun ihre zweckbewußte Verwendung, und erst dieser Umstand läßt auch die Übertragung des Gefühlstones ins Spiel treten: Wir verwenden das Schwarz als Zeichen der Trauer, weil es der Trauer entsprechende Stimmungen fördert, aber wegen dieser Verbindung des Schwarz mit den Trauerfällen des Lebens vertieft sich durch Gefühlsübertragung der Stimmungswert des Schwarz.

6. Die physiologischen Begleiterscheinungen der Gefühle

Die Gefühle verschaffen sich auf mannigfache Weise in dem Verhalten des menschlichen Körpers Ausdruck. Sie beeinflussen den Herzschlag (Puls), das Atmen, die Blutverteilung, die Muskelkraft. Es bestand nun die frohe Hoffnung, an bestimmte Gefühle möchte in eindeutiger Weise eine bestimmte physiologische Veränderung gebunden sein. Gelang es dann durch die unmittelbare sinnliche Einwirkung (Eindrucksmethode) oder durch die willkürliche Erinnerung der Vp (Reproduktionsmethode), ein beliebiges Gefühl zu verursachen, so konnte man mit Leichtigkeit die zugehörige körperliche Veränderung als das Symptom jenes Gefühles entdecken, eine Entdeckung, die später den umgekehrten Weg von der Feststellung des Symptoms zur Erkenntnis des herrschenden Gefühles eröffnet hätte. Der Herzschlag ließ sich durch den Kardiographen, der Puls durch den Sphygmographen, die Atmung durch den Pneumographen und die Blutverteilung durch den Plethysmographen nachweisen. Die drei ersten Apparate übertragen den von den verschiedenen Organen ausgehenden Druck pneumatisch oder mechanisch auf einen Hebel, dessen freies Ende mit einer Schreibfeder versehen ist, die einer rotierenden Papierschleife anliegt. Der Plethysmograph ist im wesentlichen ein mit Wasser gefülltes Gefäß, in welches ein Körperglied unter wasserdichtem Verschluß eingeführt wird. Bei manchen seelischen Erregungen drängt nun das Blut in die Extremitäten hinein, bei andern zieht es sich aus ihnen zurück. Dadurch wird das Volumen des Gliedes im Plethysmographen größer oder geringer, was nach außen durch das Fallen oder Steigen des Wassers im Apparate bemerkbar ist. Weiter zeigt das Galvanometer einen Ausschlag, wenn die im Stromkreis befindliche Vp lebhaftere Gefühle verspürt (psychogalvanisches Phänomen). Die Muskelkraft endlich wird durch Hebeleistungen am Ergographen oder durch Druckleistungen am Dynamometer gemessen.

Die Erwartungen, die man an diese Methoden geknüpft hatte, schienen zunächst durchaus erfüllt, bei tieferem Eindringen aber völlig enttäuscht zu werden. Die Versuchsresultate widersprachen sich. Je mehr indes die Selbstbeobachtung der Vp herangezogen wurde, um so mehr lösten sich die Widersprüche. Zunächst sind die physiologischen Schwankungen nicht allein an die Gefühle gebunden, sondern auch an die psychische Tätigkeit, insbesondere an die willkürliche Bewegung. Außerdem ist das Verhalten der Vpn bei den in ihnen erzeugten Erlebnissen nicht immer das gleiche, wodurch notwendig auch die äußere Reaktion eine andere werden muß. Berücksichtigt man diese und andere Fehlerquellen, so ergibt sich doch eine verhältnismäßig hohe Übereinstimmung der Versuchsresultate (Leschke). Es mag genügen, folgende zu erwähnen. Die Lust beschleunigt die Atmung und macht sie flacher, erhöht und verlängert in der Regel auch den Puls; das Blut wird gegen die Peripherie und zum Gehirn verschoben. Diese Veränderungen lassen sich als eine Tendenz zur Erhaltung der Lust deuten; denn „die bessere Blutversorgung in Peripherie und Gehirn bewirkt eine größere periphere wie zentrale Aufnahmefähigkeit für den lustbetonten Reiz“ (Fröbes). Bei Unlustreizen verhalten sich die Vpn verschieden, entweder abwehrend oder sich ergebend. Demgemäß ist die Atmung entweder flach und gehemmt, oder nach anfänglicher Stockung tiefer und langsamer. Die Pulse sind verkürzt und erniedrigt; das Armvolum sinkt; im Gehirn herrscht Anämie, wodurch die Unlustreize schließlich unwirksam werden[6].

7. Theorie der sinnlichen Gefühle

Wir dürfen hier von jenen theoretischen Anschauungen absehen, die wie die James-Langesche oder Stumpfsche Theorie die Gefühle überhaupt als besondere Bewußtseinserscheinungen beseitigen. Auch die Bestimmung älterer Philosophen, das Gefühl sei die Erkenntnis des Nutzens oder Schadens eines Reizes, leugnet die Eigenart der sinnlichen Gefühle, indem sie diese zu Erkenntnisvorgängen macht. Man wird zwar behaupten können, daß sich die Lust im allgemeinen an förderliche, die Unlust im allgemeinen an schädliche Reize anschließe, aber darum ist das Gefühl noch keine Erkenntnis dieser Zweckmäßigkeit. Dasselbe gilt von der Herbartschen Meinung, das Gefühl sei das unmittelbare Innewerden der Hemmung oder Förderung der Vorstellungen (Nahlowsky). Auch diese Theorie ist nicht aus der Beobachtung der Wirklichkeit geschöpft.

Der Grundgedanke der heutigen Theorien lautet: Lust ist Funktionslust, Unlust ist Funktionsunlust, d. h. dem Gefühl entspricht nicht ein besonderer physiologischer Vorgang, sondern eine bestimmte Weise jener physiologischen Prozesse, die der Empfindung dienen. Und zwar kommen dabei die zentralen, nicht die peripheren Prozesse in Betracht, da zwischen den peripher und den zentral erregten Gefühlen kein Unterschied besteht. A. Lehmann hat diese Theorie etwas weiter ausgebaut: Wird der Energieumsatz durch den Stoffwechsel ausgeglichen, dann ist der psychophysische Prozeß von Lust begleitet, andernfalls von Unlust. Einzelne Psychologen schränken diesen Gedanken auf die Organempfindungen ein: nicht etwa die Farbenempfindung selbst, sondern die mit der Farbenempfindung vorhandene Organempfindung ist lust- oder unlustvoll. Je nachdem man nun annimmt, daß die Seele nur auf die Funktionsweise der der Empfindung dienenden Prozesse mit einem Gefühl reagiert, oder daß auch die Funktionsweise anderer Vorgänge ihren Widerhall im Gefühl findet, wird man berechtigt sein, Gefühle ohne Vorstellungsgrundlage anzuerkennen oder nicht. Die bisher beigebrachten Beobachtungen von völlig grundlosen Gefühlen der Angst oder der Freude schließen diffuse, wenig beachtete Organempfindungen nicht mit Sicherheit aus, um so weniger, wenn man auch hier die Möglichkeit berücksichtigt, daß die Gefühle früher klar bewußt werden als die Vorstellungen. Läßt man sie nun gar (im pathologischen Zustand) die Bewußtseinsschwelle vor den Empfindungen erreichen, dann hat man wohl den besten Ausgleich beider Ansichten.

Literatur

A. Lehmann, Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens. 2. Aufl. 1914.

G. Störring, Psychologie des Gefühlslebens. 1916.

[6] E. Küppers (Über die Deutung der plethysmographischen Kurve). ZPs 81 [1919] ordnet die Blutverschiebungen nicht den Gefühlen, sondern den Verhaltungsweisen des Erlebenden zu.