Vergleichen wir zwei Linien, zwei Figuren oder sonstige Dinge miteinander, so entdecken wir, daß sie entweder gleich oder ungleich, verschieden oder ähnlich sind. Wir sprechen da von Sachverhalten. Der Satz: A ist größer als B, bezeichnet einen Sachverhalt. Mit den Ausdrücken gleichsein, größersein, oberhalb-, rechts davon sein u. ä. verbinden wir einen ganz bestimmten Inhalt. Wir meinen damit etwas anderes als die bloße Summe der beiden erkannten Dinge: wir meinen eben die zwischen ihnen herrschende Beziehung. Die experimentelle Untersuchung hat gezeigt, daß man an zwei Dinge denken, sie anschaulich vorstellen und sogar beachten kann, ohne gleichzeitig und notwendig auch die Beziehung zu erfassen, die zwischen ihnen obwaltet. Man kann z. B. zwei Figuren unter mehreren sehen und beachten, die objektiv einander gleich sind, ohne deren Gleichheit gewahr zu werden. Die Beziehungserkenntnis ist somit mehr als die bloße bewußtseinsmäßige Erfassung der in Beziehung stehenden Gegenstände: das Relationsbewußtsein enthält mehr als die Termini der Relation.
Der Beziehungsgedanke, wie wir kurz sagen wollen, ist aber zweitens auch ein wahrer Bewußtseinsinhalt: wir sprechen keine leeren Worte aus, wenn wir von Gleichheit, von Ähnlichkeit usw. reden, sondern meinen damit etwas ganz Bestimmtes. Diese Tatsache bliebe bestehen, auch wenn wir Gleichsein, Verschiedensein usw. überhaupt nicht denken könnten, ohne gleichzeitig an Dinge zu denken, die gleich oder verschieden sind. Die eingehendere Forschung machte uns jedoch mit Erlebnissen bekannt, wo der Beziehungsinhalt als solcher im Mittelpunkt des Bewußtseins steht. Es erwächst darum die Aufgabe, zu prüfen, ob sich diese Beziehungsgedanken auf die bisher besprochenen Erkenntniselemente zurückführen lassen, oder ob sie als neue Elemente anzusprechen sind, und wenn sich letzteres ergeben sollte, zu untersuchen, in welchem Verhältnisse diese neuen Erkenntniselemente zu den schon bekannten stehen.
Die von älteren Psychologen oft ausgesprochene Meinung, Beziehungserkenntnisse (wir unterscheiden auch hier zwischen Erkenntnisakt und Erkenntnisinhalt und beschäftigen uns hier zunächst nur mit dem Inhalt) seien kein Plus gegenüber dem Bewußtsein der Termini: mit dem Bewußtsein von zwei Strecken sei auch das Bewußtsein ihrer Gleichheit oder Verschiedenheit unmittelbar gegeben, braucht nach den erwähnten experimentellen Befunden nicht mehr widerlegt zu werden. Man hat sodann hie und da geglaubt, solche Relationen seien nichts anderes als die Worte oder die symbolischen Zeichen, mit denen wir sie zum mündlichen oder schriftlichen Ausdruck bringen. Allein Worte wie Zeichen sind weder Bedeutungen noch wesentlich mit solchen verknüpft. Wir müssen ja die Bedeutung der Worte der Muttersprache wie der fremden Sprachen eigens lernen. Ganz dasselbe gilt für irgendwelche Körperbewegungen. Allerdings schütteln wir zuweilen den Kopf, um den Gegensatz unserer Ansicht zu einer soeben geäußerten kundzutun. Aber das Kopfschütteln als solches besagt doch nicht den Gegensatz. Das Kopfschütteln liefert unserm Bewußtsein nur eine Anzahl von Spannungs- und Bewegungsempfindungen, niemals aber die Bedeutung „nein!“, „falsch!“ oder Ähnliches. (Bei manchen Stämmen bedeutet Kopfschütteln „ja“, Kopfnicken „nein“.) Erfassen wir nicht zuvor selbständig diese Relation, so werden wir niemals das Bedürfnis verspüren, sie durch eine Ausdrucksbewegung kundzugeben.
Wir können nun versuchen, beliebige der uns bekannten Empfindungen oder Empfindungskomplexe in irgendwelcher Zusammensetzung oder Abänderung ins Bewußtsein einzuführen: niemals wird sich aus solchen Elementen ein Beziehungsinhalt ergeben. Allen Empfindungen — und ebenso den später zu besprechenden Gefühlen — versagt gewissermaßen die Sprache, wenn wir sie zum Ausdruck einer Beziehung nötigen wollen. Es ist darum die Beziehungserkenntnis nicht nur ein selbständiger, auf die bekannten Empfindungen nicht zurückführbarer Bewußtseinsinhalt, sondern auch ein Erlebnis, das sich überhaupt nicht mit Empfindungsmitteln wiedergeben läßt. Den Empfindungen ist nämlich, wie wir sahen, die Anschaulichkeit wesentlich: Farben, Gerüche, Töne usw. haben etwas Handgreifliches, während Gleichheit, Verschiedenheit, Gegensatz als Bewußtseinsinhalte abstrakt, schemenhaft sind. Empfindungen haben eine, wenn nicht gar mehrere Intensitätsstufen, von einer Intensität der Beziehungserkenntnisse zu reden, verliert jeden Sinn: Beziehungen werden erkannt oder nicht erkannt. Jeder Empfindungsinhalt ist etwas Konkretes, bestimmt Nuanciertes: Gleichheit, Ähnlichkeit, Lagebeziehung sind als Bewußtseinsinhalte stets etwas Allgemeines, auch wenn wir damit nur das Gleichsein usw. anschaulicher Dinge meinen. Aus all diesen Gründen lassen sich die Relationserkenntnisse mit den Empfindungen und Vorstellungen bzw. deren Komplexen nicht auf die gleiche Stufe stellen. Sie gehören einer von jenen Erlebnissen scharf getrennten Klasse an, und da sich kein Übergang zwischen diesen Klassen aufzeigen oder auch nur ausdenken läßt, ist die Verschiedenheit beider als eine wesentliche zu bezeichnen. Wir behalten für die Erlebnisse der höheren Klasse den Ausdruck „denken“ vor, mit dem ja auch der vorwissenschaftliche Sprachgebrauch eine höhere Erkenntnisweise auszeichnet.
Es empfiehlt sich, schon hier zwei Erlebnisse auseinanderzuhalten: das Entdecken von Beziehungen und das Erkennen von Sachverhalten. Sind die Gegenstände A und B gegeben und ich erfasse zum ersten Mal eine Beziehung zwischen ihnen, und zwar eine Beziehung, die ich nie zuvor erlebt habe, so liegt eine ursprüngliche Beziehungserfassung oder die Entdeckung einer Beziehung vor. Finde ich dieselbe Beziehung dann bei den Gegenständen C und D, so kann ein Erkennen von Sachverhalten vorliegen: ich erlebe die Beziehung zwischen C und D und erkenne sie als gleich mit der früher erfahrenen. Sachverhaltsfeststellungen setzen somit eine doppelte Beziehungserfassung voraus; sie sind uns Erwachsenen geläufiger als die Beziehungsentdeckungen, von denen hier zunächst die Rede ist.
Sehr oft drängen sich uns die zwischen den Dingen herrschenden Beziehungen ganz von selbst auf. Die Verschiedenheit eines roten Papierstreifens von einem grünen kann kaum übersehen werden. Stellt man uns aber die Aufgabe, zu einer bestimmten Farbe aus einer Reihe von Farben und Farbenstufen die jener ersten gleichartige herauszufinden, dann werden wir vielleicht jede einzelne Vergleichsfarbe mit dem Muster in Beziehung bringen; sei es, daß wir beide nebeneinander legen, sei es, daß wir nur den Blick von der einen zur andern wandern lassen, sei es, daß wir mit ruhendem Blick unsere Beachtung bald dem einen, bald dem andern Vergleichsobjekte zuwenden. Dieses Aufeinanderbeziehen ist ein wirklicher Vorgang, ein reales Erlebnis, das z. B. in den Denkexperimenten eine hervorragende Rolle spielt. Es ist ferner etwas ganz anderes als die zuvor behandelte Beziehungserfassung. Denn diese kann aufleuchten, ohne daß wir die Termini zuvor aktiv in Beziehung bringen müßten, und umgekehrt kann das aktive Beziehen vorgenommen werden, ohne daß sich unserem Geiste ein Verhältnis zwischen den Beziehungsgegenständen offenbart. Am meisten Ähnlichkeit hat dieses Erlebnis mit der aktiven Blickwanderung, aber man kann auch bei ruhendem Blick, ja sogar ohne jede Beteiligung des Auges oder irgendeines anderen Sinnes aktiv beziehen, z. B. wenn man Begriffe wie Tapferkeit und Geduld miteinander vergleicht. Das Beziehen ist auch nicht identisch mit willkürlicher Aufmerksamkeit. Zwar wird man in der Regel den aufeinander bezogenen Dingen Aufmerksamkeit widmen, doch können wir selbst mehreren Gegenständen unsere Aufmerksamkeit zuwenden, ohne sie deshalb schon aufeinander zu beziehen. Man denke etwa an die Versuche über den Umfang der Aufmerksamkeit, bei denen mehrere Einzelobjekte bei raschester Darbietung von der Aufmerksamkeit umspannt werden müssen. Endlich ist das Beziehen nicht gleichbedeutend mit dem Wollen. Wir können freilich das aktive Beziehen wollen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß das aktive Beziehen immer von dem Wollen abhängig ist, aber der Wille betätigt sich auch in andern Funktionen, z. B. in der Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Objekt oder in einer Körperbewegung u. dgl.
Vielleicht eröffnet jedoch folgender Gedankengang ein Verständnis des aktiven Beziehens ohne Annahme einer neuen elementaren Denkfunktion. Haben wir dank der elementaren Fähigkeit der Beziehungserfassung mehrmals Beziehungen zwischen verschiedenen Gegenständen entdeckt, so kann eine solche Entdeckung ein Ziel unseres Wollens werden. Richten wir darum willkürlich mit dem Wunsche, eine etwa vorhandene Beziehung zu erfassen, unsere Aufmerksamkeit auf die Gegenstände — wie dies möglich ist, hat die Willenslehre zu zeigen —, so üben wir das einfachste aktive Beziehen. Die weitere Erfahrung belehrt uns, daß ein Wandern der Aufmerksamkeit von einem Glied zum andern hier zweckdienlich sein kann, und wir lernen so eine höhere Art des aktiven Beziehens. Sind wir sodann mit den verschiedenen Arten der Beziehungsinhalte, wie Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit, vertraut geworden, so wird auch der allgemeine Wunsch, eine etwa vorhandene Beziehung aufzufinden, durch die besonderen Gesichtspunkte, ob Gleichheit, Verschiedenheit usf., ersetzt.
Erfassen einer Beziehung und aktives Beziehen haben beide zur Voraussetzung, daß die Gesamtheit unserer Eindrücke nicht ein unauflösbares Ganzes sind, sondern daß sich aus dieser Gesamtheit Teileindrücke herausheben oder doch herauslösen lassen. Nur so erhalten wir eine Mehrheit von Erkenntnisdingen, die wir miteinander in Beziehung bringen können. Man könnte meinen, das sei durch die Verschiedenheit der Sinneseindrücke schon hinreichend sichergestellt; ein blauer Farbring, der um einen gelben gelegt ist, hebt sich von selbst von diesem ab. Ganz gewiß bedeutet die objektive Verschiedenheit der sinnlichen Eindrücke, der Sinnesdinge, eine namhafte Hilfe für das Herauslösen von Teileindrücken. Bedenkt man indes, daß wir auch aus einer ganz gleichmäßig gefärbten Fläche beliebige Partien allein durch die Beachtung herausgreifen können, so legt das nahe, daß wir es mit einer anderen Funktion als dem rein sinnlichen Erfassen zu tun haben; ganz abgesehen davon, daß sich dieses Herausgreifen nicht notwendig auf Sinnesdinge erstrecken muß.
Auch die Abstraktion können wir versuchsweise auf andere Funktionen zurückführen, so daß von den drei genannten nur die Beziehungserfassung als einzige elementare Denkfunktion übrigbleibt. Zu diesem Zwecke setzen wir voraus, die unwillkürliche Aufmerksamkeit sei eine psychische Verhaltungsweise, die auch willkürlich eingenommen werden kann. Bei der Lehre von der Aufmerksamkeit haben wir dies näher zu klären und zu beweisen. Ist uns nun zum erstenmal die Verschiedenheit eines blauen von einem gelben Farbenton aufgefallen, so mag die blaue und die gelbe Farbe die Aufmerksamkeit auf sich lenken, und zwar nur auf sich und ohne Zutun unseres zielsetzenden Wollens. Ist das mehrmals geschehen, so haben wir ein Verhalten kennen gelernt, das wir nun auf jeden Teilinhalt des Bewußtseins anwenden können: wir haben abstrahieren gelernt. Somit wäre die Abstraktion nichts anderes als die Zuwendung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand. Neueste Untersuchungen (M. v. Kuenburg) über die Abstraktion des Kindes sind dieser Auffassung günstig.
Wir haben soeben die Abstraktion in ihren ersten Anfängen geschildert. Der Erwachsene abstrahiert in der Regel, indem er einen Gesichtspunkt an die Gegenstände heranbringt, z. B. in der Form einer Frage: wo ist der Eingang? Ein solcher Gesichtspunkt wirkt als antizipierendes Schema (siehe unten S. 173), er gibt der Aufmerksamkeit eine bestimmte Richtung und bereitet die Wahrnehmung der Relationsfundamente vor, indem er verwandte Vorstellungen in Bereitschaft setzt.
Über die Leistung der Abstraktion haben die Experimente schon mancherlei ergeben. Külpe bot seinen Vpn verschiedenfarbige in einer bestimmten Figur angeordnete Buchstaben. Die Vpn hatten bald auf die Gesamtanordnung, bald auf die Farbe der Buchstaben, bald auf deren Form zu achten. Es zeigte sich nun, daß die sogenannte positive Abstraktion, das Herausgreifen der zu beachtenden Teile, außerordentlich gut gelingt. Wenn die Beobachter auch gar nichts oder nur sehr wenig von der Form und der Farbe der Buchstaben zu berichten wußten, so konnten sie doch die Gesamtanordnung sehr genau angeben und umgekehrt. Das Absehen von den nicht zu beachtenden Momenten kann auch willkürlich geschehen und heißt dann negative Abstraktion. Sie scheint mehr zu sein als ein einfaches Nichtbeachten der Elemente, vermutlich handelt es sich dabei um eine Unterdrückung oder Hemmung. Die Abstraktion wird freilich um so schwerer, je enger zwei Elemente miteinander verbunden sind. So ist Form und Farbe der Buchstaben abstraktiv schwerer zu trennen als Form und Gesamtanordnung.
Literatur
J. Lindworsky, Das schlußfolgernde Denken. Freiburg 1916. II. Teil, 4. Abschnitt: Beiträge zur Psychologie der Beziehungserkenntnis.
F. Seifert, Zur Psychologie der Abstraktion und Gestaltauffassung. ZPs 78 (1918).