Es ist merkwürdig, wie oft die Frage, worin eigentlich der Genuß des Rauchens besteht, unbeantwortet bleibt, denn es erscheint unerfindlich, warum dieser Genuß geheimnisvoller und unerklärlicher sein soll als irgendein anderer. Wenn auch niemand allgemeingültig die Umwandlung der Erlebnisse unserer Sinnesorgane in eine Genußvorstellung formulieren kann, so genügt doch bereits zur Beantwortung der Frage nach dem Genuß des Rauchens der Nachweis, welche Sinnesorgane beteiligt werden, und welche Wirkungen der Tabak auf den Menschen ausübt, sobald eine wirkliche Genußempfindung zum Bewußtsein kommt.

Die vornehmste Aufgabe weist man fast allgemein dem Geschmackssinn zu, ohne eigentlich recht das Kompetenzgebiet dieses Sinnesorgans abzugrenzen. Die Geschmacksnerven werden nur von gelösten Substanzen getroffen, und daraus erkennt man, daß die Zunge eigentlich recht wenig an der Geschmacksvorstellung, die wir vom Tabakrauch haben, beteiligt sein kann. Dies wird jeder leicht feststellen können, der sich beim Rauchen die Nase zuhält, denn die vorher irgendwie vorhandenen Geschmacksempfindungen verschwinden sofort. Nur für eine besondere, jedem Raucher bekannte Erscheinung ist die Zunge verantwortlich, und zwar für den Nachgeschmack. Er läßt sich dadurch erklären, daß der Tabakrauch die Feuchtigkeit im Munde bis zu einem gewissen Grade geschmacklich beeinflußt. Sobald nun die hauptsächlich durch das Geruchsorgan erzeugte allgemeine Geschmacksempfindung vom Tabak nachgelassen hat, und die Empfindungen der Zunge nicht mehr übertönt werden, bringt sich der nach dem Ausstoßen des Rauches noch im Munde zurückbleibende Speichel zur Geltung.

Die eigentlichen Geschmacksnerven können nur wenige einfache Kontrastempfindungen vermitteln. Die einzigen Geschmacksarten sind süß, sauer, bitter und salzig. Aus diesen vier Arten setzen sich alle auch noch so komplizierten Geschmackserlebnisse zusammen, gleichwie aus vier Grundfarben eine unendliche Anzahl von Mischungsfarben und Bildern entstehen kann.

Der größte und wesentlichste Teil der Empfindungen, den wir allgemein Geschmack nennen, wird durch das Geruchsorgan vermittelt. Die Geruchsnerven sind ihrerseits wieder nur in der Lage, gasförmige Stoffe wahrzunehmen, und zwar müssen diese gasförmigen Stoffe an den wie feine Härchen die Schleimhaut überragenden Nervenenden in der dritten obersten Muschelwindung der Nase vorbeistreichen, denn die Gerüche von ruhenden Gasen können nicht wahrgenommen werden. Die Bewegung der gasförmigen Stoffe wird durch die Atmung hervorgerufen. Das menschliche Geruchsorgan ist vielleicht der empfindlichste Apparat, den der Mensch besitzt, denn er übertrifft an Feinheit selbst die besten chemischen Untersuchungsmethoden. So werden auch die wesentlichsten Geschmacksempfindungen beim Tabakrauchen durch die Geruchsnerven vermittelt, vor allem solche, von denen man ganz speziell bei einer Geschmackskritik spricht.

Eine gewisse Rolle spielt bei dem Rauchgenuß auch das Tastgefühl, denn es vermittelt das angenehme Gefühl der Wärme und des Tabakrauchvolumens. Die verschiedene Brennart verschiedener Tabake und das unterschiedliche Format der Brandfläche ergeben ganz unterschiedliche Volumina des bei einmaligem normalen Ziehen gewonnenen Rauches. Vor allem bei milden Cigaretten, die eine größere Rauchmenge ohne Aufdringlichkeit zulassen, ergibt das Tastgefühl die Empfindung der Völligkeit, die besonders im Verein mit dem Gefühl der Wärme angenehm empfunden werden kann. Die Wärmegrade spielen ganz allgemein bei Genußmitteln eine ganz außerordentliche Rolle. Zum Beispiel können auch die raffiniertesten Weinkenner durch geschickte unterschiedliche Temperierung der zu kritisierenden Weine völlig in Verwirrung gebracht werden; und so angenehm der Tabakrauch im warmen Zustand empfunden werden kann, so unangenehm ist die Wirkung des kalten Rauches, wie wir ihn manchmal in schlecht gelüfteten Räumen antreffen oder aus türkischen Wasserpfeifen kennen, wenn bei ihnen das Wasser im Gefäß nicht mehr warm genug ist.

Alle Empfindungen, die durch die drei genannten Nervenarten des Geschmacks, Geruchs und des Tastgefühls vermittelt werden, ergeben zusammen den eigentlichen Geschmacksakkord. Genau wie bei Kunstwerken der Musik, Literatur usw. nicht die einzelnen Teile, aus denen das Erlebnis besteht, für den Wert maßgebend sind, genau so ist das, was wir Geschmack nennen, jeweils aus vielen Einzelempfindungen zusammengesetzt, die vielleicht jede für sich allein unerträglich sein mögen, aber im Zusammenklang die höchste Befriedigung erzeugen können.


Häufig hört man den Gedanken ausgedrückt, daß bei dem Genuß des Rauchens vorzugsweise das Auge beteiligt sei. Man erzählt zum Beweis die Beobachtung, daß man in völliger Dunkelheit ebenso wenig wie ein Blinder am Rauchen Vergnügen finden würde. Zweifellos wird man nicht bestreiten können, daß die Betrachtung der aufsteigenden Rauchwölkchen ein beschauliches Gemüt in den genießerischen Zustand der Gedankenlosigkeit zu bringen vermag. Aber es wäre durchaus verfehlt, hierin einen Hauptgrund des Rauchbedürfnisses suchen zu wollen. Es gibt sehr wohl Blinde, die rauchen, und sehr viele Menschen, die gar nicht den Unterschied kennen, den man nach der vorhergehenden Behauptung zwischen dem Tabakgenuß bei Licht und bei Dunkelheit machen müßte. Gerade für die Geschmackskritik sind die Wahrnehmungen des Auges völlig belanglos. Wenn Gründe gesucht werden sollen, weshalb die Tätigkeit des Auges beim Rauchen nur ungern völlig ausgeschaltet wird, so sind sie sehr leicht darin zu finden, daß jeder Mensch nur mit Unbehagen einen Verbrennungsvorgang ohne vorsichtige Kontrolle der Augen zuläßt, zumal wenn beim Anzünden des Tabaks wie in den weitaus meisten Fällen eine offene Flamme verwendet wird.


Zu den oben genannten mehr unmittelbaren Genußarten kommen noch einige andere hinzu, die wir zwar als mittelbare Genußarten bezeichnen können, die aber keineswegs unwesentlicher sind. Der Tabak würde für den Menschen bedeutungslos sein, wenn er ausschließlich geschmackliche Reize durch die genannten Sinnesorgane auslösen würde. Schon wenn wir den spielerischen Reiz, den das Verfolgen der Tabakwölkchen unter Umständen verursachen kann, als eine positive Genußmöglichkeit des Tabaks erklären, so muß ein anderer ebenfalls vom Geschmack unabhängiger Reiz noch mehr betont werden, und zwar liegt dieser in den automatischen Bewegungen, die der Rauchvorgang mit sich bringt. Das Saugen an dem Rauchobjekt in periodischen Abständen, die automatisch gleichartigen Bewegungen der Hand usw. beschäftigen sehr häufig den Raucher in einem gewissen beruhigenden Maße. Die Beschäftigung selbst ist mühelos und stellt weder körperliche noch geistige Anforderungen, so daß die periodische Tätigkeit eine Entlastung des Körpers und des Geistes ergibt.

Dem gleichen Zweck der inneren Beruhigung dienen beispielsweise auch die verschiedenen Perlenketten, die man vor allem bei arabischen Kaufleuten häufig antrifft. Um jede Übereilung zu verhindern und ein gewisses methodisches Vorgehen des Verstandes anzuregen, lassen sie gedankenlos und automatisch an ihren Perlenketten eine Perle nach der anderen langsam durch ihre Finger gleiten. Dadurch wird die Zeit gewissermaßen fühlbar gemacht und in gleichmäßige Intervalle eingeteilt. Jeder, der bei starker Beanspruchung seines Denkvermögens einmal zu solch einem Hilfsmittel gegriffen hat, wird mit Verwunderung die tatsächlich stark beruhigende Wirkung festgestellt haben. Man kann auch in Europa bei sehr vielen Menschen irgendwelche ganz unwillkürlichen gleichmäßigen Bewegungen bei schwieriger Gedankenarbeit beobachten, so daß scheinbar ein instinktiver Drang nach einer Rhythmisierung des Zeitablaufes a priori im Menschen vorhanden ist. Der eine wippt mit den Fußspitzen, der andere klopft mit dem Finger oder seinem Fingerring gedankenlos an seinen Stuhl oder Tisch, die meisten aber greifen zu einem Rauchmittel, das heute beinahe zu einem unentbehrlichen Konferenzrequisit geworden ist. Man kann deutlich bemerken, daß ein langsam und scheinbar sorgfältig genossenes Rauchmittel in Augenblicken starker geistiger Anstrengung zu einem Instrument gleichmäßiger, automatischer, skandierender Nebensächlichkeit wird, das alle störenden Beeinflussungen von Seiten der Umwelt bindet und somit unschädlich macht.


Mit dem eigentlichen Rauchgenuß hat diese Nebenerscheinung nichts zu tun. Die beruhigende Einwirkung, die den eigentlichen Wert des Tabaks ausmacht und weder durch Rosenketten noch durch ähnliche Dinge ersetzt werden kann, beruht in seiner — wenn auch noch so schwachen — narkotischen Wirkung.


Die narkotische Wirkung des Tabaks ist außerordentlich verschieden und nicht unmittelbar von den Qualitätsgraden abhängig. Analytisch ist der Nikotingehalt gerade bei den edelsten Dubec-Blättern prozentual am geringsten und bei den ganz tief am Stamm sitzenden Blättern am stärksten. Die Genußwürdigkeit dagegen steht hierzu im umgekehrten Verhältnis.

Die Einwirkung des Tabakrauchens auf den Organismus erfolgt durch die Atmungsorgane. Man hört häufig den Vorwurf gegen die Cigarette, daß sie das Inhalieren des Tabakrauches gegenüber den früher verwendeten Pfeifen und Cigarren begünstige. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß das Inhalieren bei Pfeifen und Cigarren zwar seltener ist, die effektive Wirkung aber eher umgekehrt; und da sich überhaupt keine andere Möglichkeit der Beeinflussung des Körpers durch den Tabakgenuß auffinden läßt, ist schließlich letzten Endes die Wirkung selbst entscheidend. Die amerikanischen Tabake und vor allen Dingen ihre Gebrauchsformen, die sich durch besonders breite und große Brandflächen gegenüber der Cigarette charakterisieren lassen, wirken bedeutend schwerer als Cigarettentabake, und dementsprechend ist ihre Einwirkung durch die Atmungsorgane auch erheblicher. Außerdem wird jedoch bei jeder Tabakart und Rauchform die unmittelbare physische Wirkung auf die Lunge ganz außerordentlich überschätzt. Man verkennt vollkommen das enorme Anpassungsvermögen des menschlichen Körpers. Wenn den Wirkungen nachgegangen werden soll, die ein unmäßiger Tabakgenuß hervorruft, dann sind diese wohl kaum je in irgendwelchen Schädigungen der Lunge zu suchen, sondern fast ausschließlich in den Beanspruchungen der Nerven, denn durch die Lunge gewinnt der Tabak einen gewissen Einfluß auf das Blut, das Blut selbst teilt diesen den Nervenenden mit, und in den nachweisbaren Einwirkungen auf das Nervensystem müssen wir das einzige sehen, wodurch eine Beeinflussung des menschlichen Organismus durch den Tabakgenuß stattfindet. Wie sich manche törichten Menschen an Lasten überheben, die ihre Kräfte bei weitem übersteigen, und dadurch Schaden an ihrer Gesundheit nehmen, so gibt es auch Menschen, die ihrer Genußsucht keine Grenzen setzen. Aber bei dem Tabakgenuß weiß die Natur Mittel, um den Raucher zur Ordnung zu rufen. Sobald die Beeinflussung des Körpers einen gewissen harmlosen Grad übersteigt, macht der Körper eine erhöhte Anzahl von weißen Blutkörperchen mobil, die eine gründliche Reinigung vornehmen. Dies wird von einer Erhöhung der Körpertemperatur begleitet, so daß der Raucher sich heiß oder sogar fieberig fühlt. Dies ist ein Warnungsruf: »Halt, jetzt hör auf!« Darauf muß der Raucher unbedingt achten, denn wenn er diese Stimme der Natur überhört, wird sie sehr energisch und steigert dies bei außergewöhnlichen Exzessen bis zu wirklichem Fieber, Frösteln, Schwäche und Schwindelanfällen: eine sogenannte Nikotinvergiftung. Gegen sinnloses Übertreiben und die Unvernünftigkeit der Menschen gibt es allerdings keine Mittel, aber daran ist nicht der Tabak schuld. Es ist eben hier auch so wie sonst überall im Leben. Wenn jedoch der Warnung der Natur Folge geleistet wird, dann bleibt sie ohne die geringsten Folgen. Als gutes Gegenmittel merke man sich Kaffee und Tee, die als gerbsäurehaltige Stoffe das Alkaloid Nikotin binden und dadurch unschädlich machen. Deshalb raucht der kluge Türke am liebsten seine Cigarette zu einer guten Tasse Mokka, wobei sich beide Genußmittel gegenseitig in sehr weitgehendem Maße aufheben.


Die dem Mundspeichel durch den Tabakrauch mitgeteilten Stoffe, deren Geschmackseigentümlichkeiten an dem sogenannten Nachgeschmack erkannt werden, gelangen durch das gewohnheitsmäßige Schlucken in den Magen. Man hört infolgedessen häufig die Annahme, daß der Einfluß des Tabakgenusses auf den Raucher vorzugsweise hierdurch erfolgt. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn die dem Speichel mitgeteilten Stoffquanten sind außerordentlich gering (wie wir an der bezeichnenden Geringfügigkeit des Nachgeschmackes sehen), und außerdem würde selbst ein Tabaksud einen gründlich verdorbenen Magen ergeben, aber keineswegs die typischen Genußerlebnisse des Rauchens. Man hört hin und wieder, daß die durch den Speichel aufgelösten Tabakstoffe eine Förderung der Verdauung bewirken, also leicht abführend wirken, aber von Beschwerden könnte nur dann die Rede sein, wenn der Magen nicht in Ordnung und daher überempfindlich war, also sowieso eine ganze Reihe von Dingen nicht vertragen hätte, die für einen gesunden Magen sogar wichtige und unbestreitbar wertvolle Nahrungsmittel sein können. Wenn jemand einen schwachen Magen hat, ist ihm wohl einerseits ein starker Tabakgenuß nicht zu empfehlen, aber andererseits müßte man den betreffenden gleichzeitig vor einer ganzen Anzahl schöner Dinge wie Hummermayonnaise, Plumpudding u. a. warnen. Ähnlich wäre es, wenn man von einem Einwirkungsweg des Tabaks auf den menschlichen Körper reden würde, sobald irgend jemand bei starker Erkältung und übergroßer Empfindlichkeit der Atmungsorgane durch den Tabakrauch Hustenanfälle bekommt. Wenn jemand stark erkältet ist, so wird er tunlichst seinen Tabakverbrauch auf ein Mindestmaß beschränken oder lieber zeitweise überhaupt einstellen, ohne daß dies für die Frage nach der Beeinflussung des menschlichen Körpers durch den Tabak von Bedeutung sein kann.


Die mittelbaren Arten des Tabakgenusses, die den unmittelbaren des reinen Geschmacksgenusses gegenüberstehen, lassen sich in zwei Gruppen teilen. Einmal handelt es sich um Anregungen des reinen Einbildungsvermögens, und weiterhin um die obig beschriebene Einwirkung auf die Nerven. Beide Arten sind sowohl unter sich als auch von dem unmittelbaren Geschmacksgenuß untrennbar. Keine Art tritt irgendwie allein auf, sondern erst alle zusammen ergeben in ihrer außerordentlichen Kompliziertheit und Fülle von unkontrollierbaren Einzelempfindungen dem Kenner den im einzelnen niemals restlos definierbaren, beinahe geheimnisvollen Genuß an einem edlen Tabak.

Dem Menschen ist es nicht gegeben, eine größere Anzahl von unzusammenhängenden Sinneseindrücken gleichzeitig empfinden zu können. Es ist demnach natürlich, daß der Tabakgenuß einen bestimmten Bereich des Vorstellungsvermögens des Menschen in Anspruch nehmen und den Menschen dadurch von vielen störenden Dingen ablenken kann, die ihm zwar vielleicht nicht zum Bewußtsein kommen, die aber in ihm ein Gefühl der Unrast und der Konzentrationsunfähigkeit erregen. Die gleiche Wirkung erzielt der Tabakgenuß durch seine Beeinflussung der Nerven. Bei dem modernen Menschen existiert meistens eine außerordentliche Überempfindlichkeit der Nerven. Der Tabakgenuß vermag nun diese Überempfindlichkeit zu dämpfen. Es ist ähnlich wie bei den vielen allopathischen und homöopathischen Beruhigungsmitteln, die Ärzte zu verschreiben pflegen. Nur ist die rein organische Wirkung ganz unvergleichlich schwächer, denn, wie gesagt, kommen beim Tabakgenuß so viel mehr suggestive Momente hinzu, daß die praktische Wirkung der Beruhigung und Abdämpfung der Überempfindlichkeit der Nerven in den feinsten Graduierungen erreicht wird, ohne daß die tatsächlich physische Beeinflussung der Nerven wesentlich zu sein braucht.

Die Abdämpfung der Überempfindlichkeit der Nerven zusammen mit der Ablenkung, die alle physischen und psychischen Wirkungen des Tabaks ergeben, lassen den Menschen eine Ruhe und eine Behaglichkeit kennen lernen, die er anders sich nur durch stets recht wenig empfehlenswerte Drogen verschaffen könnte. Es ist zu allen Zeiten bekannt gewesen und auch gerade in dem letzten Kriege immer wieder bestätigt worden, wie sehr der Tabakgenuß den Menschen über die Mangelhaftigkeit einer Situation hinwegzubringen vermag. Er stillt Schmerzen, beruhigt den Hunger und läßt die größten Aufregungen überwinden. Wie häufig bringen starke geistige Beanspruchungen das menschliche Gehirn in eine Unruhe, die schließlich keinen geschlossenen Gedanken ganz mehr aufkommen läßt. Das durch starke Stöße angetriebene Räderwerk des Gehirns kommt nicht zum Stillstand; selbst dann nicht, wenn die Aufgabe vollbracht ist, also Hoffnung und Anrecht auf Ruhe und Erholung besteht. Der Tabak dämpft die Unrast des Räderwerkes. Er verschließt die vielen Pforten zu den Nebenwegen haltloser Gedankenabschweifungen und beseitigt die ununterbrochene Ablenkung von beabsichtigten großen Gedankengängen, die der moderne Mensch mit seinem häufig so mangelhaften Konzentrationsvermögen, der Überreiztheit seiner Nerven und der daraus sich ergebenden Zerstreutheit und gedanklichen Zersplitterung dauernd erlebt. Der Tabakrauch wirkt wie das Öl im Kompaß; es verhindert nicht die Zielrichtung der Kompaßnadel, aber es sorgt dafür, daß die Nadel nicht von jeder Kleinigkeit abgelenkt wird und ununterbrochen unruhig hin und her zittert, sondern daß sie ruhig, sicher und beständig ihre Aufgabe erfüllt.

Die Schönheit des kultivierten Tabakgenusses liegt aber vor allem in der sich aus dem Vorhergehenden ergebenden Anpassungsfähigkeit der Wirkung an die jeweiligen Bedürfnisse. Demjenigen, der sich behaglich ausruhen will und Ablenkung von allen vorhergehenden Beschäftigungen sucht, ermöglicht er eine ruhige innere Behaglichkeit. Andererseits ermöglicht der Tabakgenuß demjenigen, der die Anregung zu intensiver Arbeit sucht, die notwendige Konzentration der Gedanken und die Erfrischung seines körperlichen Befindens. Selbstverständlich ist physisch die Wirkung des Tabaks immer wieder dieselbe, und nur nach Stärkegraden abstufbar, aber gerade weil die Wirkung nicht wie bei Schlafmitteln oder ähnlichen Drogen in starker physischer Beeinflussung beruht, sondern weil sie beinahe nur andeutet und anregt, ermöglicht sie die ruhige, sichere Grundfläche, auf der sich ungestört alles das aufbauen läßt, worauf die Wünsche des Rauchers abzielen. Selbstverständlich spielt hierbei die Einbildung eine große Rolle, aber sie ist ein wichtiger Bestandteil des Tabakgenusses. Es ist keine Einbildung, die auch ohne den Tabakgenuß konstruiert werden könnte, sondern sie kann eben nur durch die wenn auch geringen Einwirkungen auf die Nerven zusammen mit den wichtigen Geschmacksmomenten entstehen. So ist es tatsächlich möglich, daß man in einem Falle durch den Tabakgenuß lebhaft angeregt wird und in einem anderen Falle gerade gegenteilig beruhigt wird. Diese mit verschiedenen Differenzierungen möglichen verschiedenen Wirkungen kann der kultivierte Raucher durch bestimmte Geschmacksdifferenzierungen unterstützen. Die Wichtigkeit der verschiedenen Geschmacksarten ist gerade darin zu suchen, daß sie das jeweilige Endergebnis der verschiedenen praktischen Wirkungsmöglichkeiten bis zu einem gewissen Grade bestimmen.