Die Verfeinerung des Geschmacksempfindens, die in Deutschland seit dem Kriege registriert werden kann, scheint eine Kultivierung der Cigarette gewährleisten zu können, die eine segensreiche Bedeutung dieses Genußmittels für das 20. Jahrhundert erhoffen läßt. In den außerdeutschen Ländern sind die Verhältnisse etwas anders. Heute steht Deutschland von den größeren Völkern bezüglich der Qualitätsforderungen an der Spitze, wenn auch diesen Forderungen vorläufig noch infolge mangelnder Kaufkraft der Konsumenten nur von wenigen qualitätsstolzen Fabriken in einem wirklich ausreichenden Maße entsprochen werden kann.
Die Cigarette ist in Deutschland noch nicht seit sehr lange bekannt, und erst in den letzten zwei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts gewann sie für Deutschland eine stetig anwachsende Bedeutung. Da wir die Cigarette in ihrer heutigen Form aus dem Osten bekommen haben, nennen wir sie zum Unterschied zu später in Deutschland bekannt gewordenen Abarten »Orientcigarette«. Wir bezeichnen mit diesem Namen eine ganz bestimmte Art von in Papier gehüllten Tabakfabrikaten, deren Herkunftsländer für uns im Orient liegen. In Wirklichkeit ist die Kenntnis des Tabaks und der Cigarettenform auch nach dem Orient erst vor wenigen Jahrhunderten gelangt. Sie stammt aus Amerika, wo bereits Columbus Cigaretten in Form von maisblattumwickelten Tabaken gesehen hat. Als die Kenntnis des Tabaks nach dem Orient kam, wurde dieses Genußmittel mit einer erstaunlichen Sicherheit den Bedürfnissen des Landes angepaßt. Es entwickelte sich im Orient eine Kultur des Tabakanbaus, die sehr bald an Differenzierung die Erzeugnisse der amerikanischen Ursprungsländer weit übertraf. Mag auch der orientalische Tabak ursprünglich vorzugsweise in Pfeifen unterschiedlicher Art geraucht worden sein, so wurde auch die Gewohnheit, den Tabak in Papierhüllen zu fassen, übernommen, und damit entstand im Orient zugleich eine Kultur der Cigarette, die so groß wurde, daß für uns der eigentliche Cigarettenbegriff mit dem der Orientcigarette völlig identisch wurde. Wenn der deutsche Raucher amerikanische Tabake zu Cigaretten verarbeitet findet, so pflegt er diese als minderwertig abzulehnen und den Inhalt der Papierhülse mit »schwarzem« Tabak zu bezeichnen. Eine Cigarette mit schwarzem Tabak erscheint dem deutschen Raucher nicht als eine richtige Cigarette. Wenn dies geschichtlich auch nicht zu vertreten ist, so wird es eben dadurch verständlich, daß die uns bekannte Orientcigarette an Verfeinerung und Veredlung des Genusses den Tabaken der Neuen Welt so außerordentlich überlegen ist, daß ein Wettbewerb beider Tabakarten wenigstens in der Form einer Cigarette in Deutschland ausgeschlossen erscheint.
Die Tabake, die der Cigarettenraucher als schwarze Tabake bezeichnet, sind uns unter der Vorstellung von Cigarren- oder Pfeifentabaken geläufiger. In den außerdeutschen Ländern ist diese Einstellung den Tabaken gegenüber nicht allgemein. Beispielsweise werden in Frankreich, Spanien, Belgien, Argentinien und anderen stark romanisch gefärbten Ländern die sogenannten schwarzen Tabake den Orienttabaken vorgezogen. Es mag dies teilweise durch die Wirtschaftspolitik der Länder, wie z. B. Frankreich, wo für die Regiecigarette ein hoher Prozentsatz französischer Tabake verarbeitet wird, begründet werden können. Aber in anderen Ländern wieder neigt das Bedürfnis der Raucher so offensichtlich zu dem einfacheren und herberen Genuß der sogenannten schwarzen Tabake, daß von ganz individuellen Bedürfnissen verschiedener Rassen gesprochen werden kann.
In Nordamerika wurde durch das Alkoholverbot der Tabakverbrauch ganz wesentlich verstärkt. Es werden dort Orientcigaretten fabriziert, die an Qualität unübertrefflich sind; doch für die breite Masse des Volkes kommen vorzugsweise amerikanische Tabake zur Verarbeitung. Allerdings entspricht der in Amerika zu Cigaretten verarbeitete Tabak nicht unmittelbar den in Europa bekannten schwarzen Tabaken, sondern es werden vorzugsweise Virginia-Tabake verbraucht, die ursprünglich wie alle anderen amerikanischen Tabake charakteristische Pfeifen- oder Cigarrentabake sind, aber durch bestimmte Prozesse für den Konsum in Cigarettenhülsen zubereitet werden. Diese Virginiacigaretten sind in Deutschland aus dem Jahre 1919 besonders unter der Bezeichnung »englische Cigaretten« bekannt, denn sie wurden vorzugsweise von englischer Seite aus in Deutschland durch das »Loch im Westen« eingeführt. In England selbst nimmt der Verbrauch von Virginiacigaretten ebenfalls einen großen Raum ein, da er durch die dortigen klimatischen Verhältnisse begünstigt wird. Außerdem gibt es in England, vor allem auf Grund der guten Beziehungen zum Orient und besonders zu Ägypten, auch sehr wertvolle Orientcigaretten, die sich jedoch bei weitem noch kein so großes Publikum verschafft haben wie die entsprechenden Fabrikate in Deutschland.
Nach den Gepflogenheiten des deutschen Rauchers können wir die Orienttabake als eigentliche Cigarettentabake glatt von sämtlichen anderen Tabaken abtrennen, da die letzteren innerhalb Deutschlands fast ausschließlich für Pfeifen und Cigarren verwendet werden. Zu diesen Pfeifen- und Cigarrentabaken gehören auch die Erzeugnisse des deutschen, überhaupt des westeuropäischen Tabakanbaues.
Mangels einer größeren Einfuhrmöglichkeit von Orienttabaken während des Krieges wurden vielfach Versuche gemacht, die Restbestände an wirklichen Orienttabaken durch deutsche Tabake usw., also sogenannte schwarze Tabake zu strecken oder auch ausgesprochene Surrogate zu verwenden. Die außerordentliche Abneigung, die diese Cigaretten bei dem Raucherpublikum gefunden haben, hat noch bis heute die Meinung bestehen lassen, daß der Qualitätsgrad einer Cigarette an der hellen Farbe des Tabaks erkannt werden kann. Wenn es auch richtig war, daß der Raucher seinen Augen trauen konnte, sobald er in den Zeiten der Zwangswirtschaft an der dunkleren Färbung einheimischer oder amerikanischer Tabake die Minderwertigkeit eines Fabrikats erkennen wollte, so trifft diese Farbgraduierung keineswegs zu, sobald es sich um eine Kritik innerhalb verschiedener Sorten wirklich echter Orientcigaretten handelt. Es gibt sehr wertvolle Orienttabake, die dunkel gefärbt sind; andere sind wiederum rötlich, und das eigentümliche Mittelding zwischen dem echten Orienttabak und den amerikanischen Pfeifentabaken, nämliche der Virginiatabak, hat gerade eine besonders helle Farbe, ohne daß er an Qualität auch nur im entferntesten mit irgendeinem echten Orienttabak verglichen werden kann. Abgesehen von einer Feststellung der Verwendung von Misch- oder Ersatztabaken, die man sehr wohl noch dem Auge zutrauen kann, ist es ganz außerordentlich schwer, bereits beim Anblick einer Cigarette ein Urteil abgeben zu können. Die Anhaltspunkte zur Beurteilung sind allzu gering. Neben Erwähnung der Farbe hört man häufig für dieses oder jenes »Format« plädieren. Aber auch ein Format kann niemals für die Qualität einer Cigarette ausschlaggebend sein, denn es steht in den weitaus meisten Fällen in unmittelbarer Abhängigkeit von der Art der verwendeten Tabake und ihrem Mischungsverhältnis. Wenn es sich um schwere und gehaltvolle Tabake handelt, so wird das Format relativ schmal und klein sein müssen. Ist der Tabak leicht und sehr milde, so wird das Format der Cigarette sehr voll sein müssen, damit die größere Brandfläche, die jeweils dem Querschnitt der Cigarette entspricht, einen volleren Geschmack auslöst. Je wertvoller und je sorgfältiger Cigaretten hergestellt werden, desto bestimmter wird das entsprechende Format festgelegt werden müssen. Die Abhängigkeit von Tabak und Tabakmischung vom Format und umgekehrt ist so weitgehend, daß ein und dieselbe Füllung in dem einen Format fast ungenießbar sein kann, dagegen in einem anderen Format einen überraschend schönen Charakter zur Geltung bringt.
Die einzige wirkliche Möglichkeit zur Beurteilung einer Cigarette ist eine gewissenhafte Rauchprobe, und selbst dann sind noch eine Anzahl Umstände zu beachten, deren Einwirkung häufig unterschätzt wird.
Man stelle sich beispielsweise die Stimmung vor, in der man sich nach einem guten und reichlichen Essen, zu allen edlen und schönen Dingen bereit, einer fast körperlich übertriebenen Behaglichkeit hingibt. Würde man sich dann eine Cigarette anzünden, die sehr aromatisch und auf Grund einer gewissen Herbigkeit sehr anregend wirkt, so würde man zweifellos sehr enttäuscht sein und diesen Mißklang zur augenblicklichen Stimmung zu einer Verurteilung der Cigarette umbiegen. Die meisten Menschen benötigen in einer solchen behaglichen Stimmung eine weiche, milde, aber sehr volle und blumige Cigarette, die den durch das Essen bereits gewonnenen seelischen Ausgleich erhöht und jegliche Aufregung verhindert. Man stelle sich jedoch andererseits einen Geistesarbeiter vor, der nächtelang über kniffligen Problemen sitzt, und dessen unbedingt zur Arbeit erforderliche Konzentration durch langsames Ermüden nachläßt. Wenn er dann zu einer milden, weichen, versöhnlichen Cigarette greifen wollte, so würde gerade das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung eintreten, und die erhoffte Spannung würde sich ganz auflösen. In solchen Augenblicken benötigt er eine herbe, kräftig-aromatische Cigarette von momentaner anregender Wirkung und möglichst kurzer Brenndauer, da die Muße für einen langen und stillen Genuß des Tabaks nicht vorhanden ist.
Es gibt Cigaretten, die man eigentlich nur in einem bequemen Sessel richtig genießen kann, und die an anderer Stelle, beispielsweise auf der Straße einfach deplaziert wirken. Es gibt andere Cigaretten, die den hastigen, kurzen Augenblicken einer Konzert- oder Theaterpause angepaßt sind, wieder andere, die nach langen Anstrengungen körperlicher Art eine erfrischende, anregende Wirkung auslösen, usw.
Neben diesen verschiedenen Wirkungsmöglichkeiten, die der raffinierte Raucher kennt, gibt es natürlich für jeden einzelnen eine eigentliche Leib- und Magencigarette, die man als die typische Gewohnheitscigarette bezeichnen kann. Da die Menschen mit ihren Bedürfnissen außerordentlich verschieden sind, sind natürlich auch die Cigaretten verschieden, die den jeweiligen individuellen Bedürfnissen entsprechen sollen. Wat den enen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall. Eine süße Smyrna-Cigarette, die dem einen den ganzen Tag über ein immerwährendes Vergnügen bereitet, würde dem andern völlig unerträglich werden können. Natürlich sind dies Differenzierungen, wie sie nur der sehr verwöhnte Raucher kennt, aber bei der Beurteilung von Cigaretten ganz allgemein spielt der ganz persönliche Geschmack eine so große Rolle, daß man häufig ein sehr schlechtes Urteil über eine Cigarette erleben kann trotzdem diese eigentlich nur den jeweiligen Geschmacksforderungen widerspricht, aber im übrigen qualitativ unantastbar ist. Ein extremes Beispiel ergibt die bereits erwähnte Cigarette mit sogenanntem schwarzem Tabak, die von manchen Ausländern als die einzig mögliche Cigarette bezeichnet wird, und die der größte Teil der deutschen Raucher mit dem besten Willen nicht verträgt, ohne daß man deshalb sagen dürfte, die Cigarette wäre an sich schlecht.
Die Schwierigkeit für das Auffinden einer richtigen Leib- und Magencigarette beruht vor allen Dingen in der Gefahr der Geschmacksübermüdung. Je wertvoller die Tabake sind, desto charakteristischer sind sie in ihren Geschmackseigenarten, und es ist eine sehr schwere Aufgabe des Fabrikanten, die Geschmackseigenarten derart abzudämpfen, daß eine Geschmacksübermüdung bis zu einem gewissen Grade ausgeschaltet bleibt. Ganz und gar wird sich die Gefahr nicht beseitigen lassen, denn es dürfte wohl überhaupt kein menschliches Genußmittel geben, das nicht doch hin und wieder eine Abwechslung erfordert. So haben sich bereits viele Raucher daran gewöhnt, mit bestimmten gegeneinander abgeglichenen Cigaretten hin und wieder abzuwechseln, um sich die Lebendigkeit der Wirkung zu erhalten und eine Übermüdung zu vermeiden. Andererseits kann man sich allerdings auch an eine bestimmte Cigarette oder einen bestimmten Cigarettencharakter so gewöhnen, daß man kaum noch in der Lage ist, anderen Arten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Jede wirklich wertvolle und eigenartige Mischung verlangt auch ein gewisses Einleben, und man kann sich manchmal an eine anfangs abgelehnte Cigarette durch gewissenhaftes Nachprüfen so gewöhnen, daß man gegen diese wiederum keine andere eintauschen möchte. Man kann eben manchmal erst langsam auf den richtigen Geschmack kommen.
Die einzige Anforderung, die man bei Voraussetzung unterschiedlichster Arten an eine Cigarette immer stellen muß, ist die jeweilig ihrer Art entsprechende wirkliche Reinheit und Qualität. Wenn jemand an den Genuß reiner Orientcigaretten gewöhnt ist, wird er stets sofort auch den minimalsten Prozentsatz der Verwendung unedlerer Tabake feststellen können. Außerhalb reiner Qualitätsfragen ist ein Streit nicht möglich. De gustibus non est disputandum.