Jetzt wenn man ein Herz hätte für die Schuhmacherin und wäre zufällig gerade in Hirzenbach, so möchte man ihr wohl ein bißchen zur Hand gehen. Denn sie muß ruhig dasitzen und den Schorschle stillen, der aufgewacht ist und bloßgestrampft, und der schreit, als ob er die ganze Welt zum Zeugen aufrufen möchte, daß er Hunger hat und daß die Mutter nicht da ist. Für ihn ist alles recht und in Ordnung, so bald er an der Quelle liegt, umfangen von Mutterarmen. Er nimmt sich auch recht herzlich Zeit zum Sattwerden, setzt hie und da ab und guckt ausruhend um sich her. Zum Beispiel der Bändel an der Mutter Leibchen, der ist ihm neu, nach dem langt er und spielt damit. Es wäre am schönsten, wenn man’s grad immer so ließe, wie es jetzt ist. Dem Schorschle gefällt es so am allerbesten.
Aber die Mutter ist heute nicht so bei der Sache wie sonst manchmal. Sie sagt von Zeit zu Zeit: »Mach’, Büble, meinst ich hab’ nur so Zeit zum hinsitzen?« Alle Arbeit rings umher steht auf und ruft: Schuhmacherin komm! Sie sollte drei Paar Hände und Füße haben, daß sie die Großen fertig macht und mit Essen versorgt, die Stuben sauber macht, so daß der Mann, wenn er heimkommt nach so langer Zeit, sieht, sie hat die Sache im Stand. Und so ist’s mit Werkstatt, Stall und Küche. Alles soll grüß Gott zu ihm sagen, wenn er kommt. Da oben sind Spinneweben über dem Fenster, die sieht sie, so lange der Schorschle ganz pomadig schmatzt, und möchte aufstehen und den Besen holen.
»Mach’ ein bißle, Schatzenkind.«
Zum Mittagessen muß sie auch etwas rechtes herschaffen. Denn was mag er draußen gegessen haben? Sie muß ihn jetzt herpflegen, es muß ihm wohl sein. Und daneben muß sie sich regen, daß sie zeitig wieder hinauskommt, nicht bloß weil das Heu gespreitet sein muß, auch sonst, überhaupt. Wenn doch der Mann da ist.
Der Daniel, das Lenele und der Nero stehen um sie herum und staunen, als sie die Botschaft vom Vater hören. Das heißt, der Nero staunt nicht. Er ist bloß zu höflich, als daß er sagt: Ich hab’ dir’s doch schon lang gesagt. Er wedelt ganz anständig mit dem Schwanz, wie ein Diplomat, der in einem Salon von einer Sache hört, die er längst weiß, aber nicht wissen darf sozusagen, und der sich verbeugt: »Ach, was Sie nicht sagen. Das ist mir ja sehr interessant.«
Gern aber sähe man dem Daniel und dem Lenele ins Herz, was wohl in der Zeit seines Fortseins aus dem Vater geworden ist bei ihnen. Sie haben ihn noch nie in der Uniform gesehen. Er ist abgereist mit einem steifen Hut, im braunen Anzug und mit einer blaugrün gestreiften Krawatte, einen Reisesack in der Hand. In dem Reisesack hat er sonst Schuhe ausgetragen auf die Höfe in der Umgegend. Nun aber ist er, dem Hörensagen nach, ein Soldat und wird wohl ein Gewehr haben und einen Säbel, und mit beiden wird er wohl Franzosen oder Engländer oder Russen, oder auch alle Arten, die schwere Menge umgebracht haben. Das ist hochinteressant, aber auch ein bißchen grausig, bloß ein bißchen. Eigentlich ist es prachtvoll; man muß machen, daß man ihn sieht, denn wie er aussieht, das weiß man nicht mehr recht, es ist schon so lang her, daß er fort ist.
Als der Schorschle endlich einmal fertig ist und im Wagen liegt und die zwei Großen zum Waschen und Kämmen drankommen, wundert sich die Mutter, wieso sie denn immer die Köpfe zusammenstrecken, wie ein paar junge Wagengäule, und es miteinander wichtig haben mit Wispern und Flüstern. Aber sie ist zu stark überlenkt mit der Arbeit, als, daß sie viel früge, entläßt den Daniel in die Schule und das Lenele zur Dötlesbas um einen Strauß aus dem Garten für die blaue Blumenvase, und fährt im Haus herum wie auf Rädchen, um allem nachzukommen.
Wenn sie aber die Gabe hätte, ein bißchen weiter hinauszusehen, als bis an die Stubenwand, so sehe sie gleich darnach einen Buben, der listig und verstohlen seinen Schulsack in das Häuschen im Schulhof legt, dann auf seinen Barfüßen springt, so schnell sie ihn tragen wollen, bis an den großen Nußbaum vor dem letzten Haus, und dort umheräugt, ob ihm niemand auf den Fersen ist. Und sähe ein Mädelein mit zwei frischgeflochtenen Zöpfen, das nichts weniger als zur Base, das gleichfalls, durch Grasgärten und Hecken hindurch, zu dem Nußbaum hintrottet und dort den Bruder findet. Sähe, wie die zwei miteinander die Steig hinauflaufen, der Hölzleswiese zu, wo der Vater ist.
Vielleicht ist es gut, daß sie’s nicht sieht. Denn Schand- und ehrenhalber müßte sie ihnen nachlaufen und sie zur Pflicht zurückführen. Auch macht sich’s vor dem Vater immerhin schlecht, wenn sie die zwei Großen so wenig am Leitseil hat, daß sie nur grad durchgehen, wenn’s ihnen einfällt. Und sie hat doch keine Zeit zum Nachlaufen und keine Lust zum Ärgern.
So aber ist’s den zwei flüchtigen zumut, wie sie miteinander durch das Hölzle streichen und sich hie und da umsehen, ob niemand hinter ihnen ist: es gibt eine schöne Geschichte, da wirft sich die Heldin dem Helden an die Brust und sagt: »Ich weiß, daß ich sündige, aber ich tue es willig und gern.«