Drei Tage nachher bekam die Schmidbergerin wieder zwei Briefe, die konnte jedermann lesen, der Lust dazu hatte.

Der eine kam von des Gottliebs Regiment und meldete, daß der Unteroffizier Schmidberger am 28. des Monats bei einem Sturmangriff gefallen sei, und es tue seinen Vorgesetzten und Kameraden leid, denn er sei ein tapferer und beliebter Soldat gewesen.

Der andere war von schreibungewohnter Hand, die mühsam die Buchstaben nebeneinander hingestellt hatte und hieß:

»Indem wir es einander versprochen haben, daß der eine dem andern den Dienst tut, und wenn er fällt für ihn heimschreibt, so schreibe ich Ihnen, daß mein Kamerad Schmidberger heute Abend um sieben Uhr einen Schuß in die Brust bekommen hat, und in einer Viertelstunde tot gewesen ist. Ich habe nicht bei ihm bleiben können, denn wir haben müssen die Stellung vollends nehmen, aber wie wir sie gehabt haben, bin ich zu ihm hingegangen, da war er schon verschieden ohne Kampf, denn er lag ganz freundlich da. Und haben wir ihn mit zwölf andern sogleich begraben und das sind lauter gute Kameraden gewesen und liegen gut beieinander im Feindesland.

Und umsonst sind sie nicht gefallen, denn die Stellung haben wir, und haben sie nötig gebraucht. Nun schreibe ich Ihnen bloß noch das, daß mein Kamerad Schmidberger für das Vaterland gestorben ist, einen schönen Tod.

Mit freundlichen Gruß Ihr
Paul Seidenschwanz, Musketier.«

Die Tochter Lene empfing die Leute, die kamen in die Ladenstube, hatte ein schwarzes Kleid an, und schluchzte hie und da ein bißchen.

»Erst vorige Woche hab’ ich ihm noch ein Feldpostpaket geschickt,« sagte sie, als einmal ein Häuflein beisammen war. »Das wird er wohl nicht mehr bekommen haben.«

»Jetzt hätt’ er’s erst noch zu etwas bringen können,« sagten die Schluderbacher, und das war das Höchste, was sie sagen konnten.

Der Weber Boßhardt war auch grad gekommen, um der Mutter die Hand zu geben, als sie das sagten. Die Schmidbergerin war aber nicht in der Stube, sie war ins Gärtlein gegangen, um einen Augenblick für sich zu sein, obgleich das Gärtlein kahl und abgeblüht dalag. Da ging er ihr nach, denn er wollte nicht vor vielen mit ihr reden.

Und er besann sich im Hinausgehen auf ein gutes Wort, das er ihr sagen wollte. Er hatte einen Zettel aus seinem Kästlein gezogen, suchenderweise. Darauf stand: wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen.

Aber der Weber kam sich nicht stark vor und wußte nicht, ob die Schmidbergerin schwach sei. So legte er den Zettel wieder beiseite. Je länger sein Sohn draußen im Feuer stand, je sparsamer wurde der Vater mit allen großen und hohen Worten.

Als er das Gartentürlein aufklinkte, sah er, wie sie den Nelkenbusch mit der Hand streichelte und hörte sie mit schwerer Stimme sagen: »O Gottlieb! O mein Büble!«

Da wußte er, daß sie nun klagen mußte um ihr Kind, wie reiche und stolze und glückliche Mütter klagen müssen, wenn sie beraubt werden. Und er wußte, daß das ihr Reichtum werde, später dann, daß sie solchermaßen um ihren Sohn klagen konnte.

Sie sah ihn aber zögernd herkommen, richtete sich auf und sagte, wie wenn sie ihn erwartet hätte:

»Weber, ich muß Euch etwas zeigen von meinem Buben, das hat er mir zuletzt geschrieben. Ich hab’s wollen für mich behalten. Aber er braucht’s nicht mehr, daß man’s ihm hütet.«

Sie zog ein Blatt aus ihrer Schürze, zeigte mit dem Finger auf eine Stelle, und der Weber las:

»Das eine muß ich Dir auch noch sagen, liebe Mutter, daß ich mir heut nacht auf der Wache, als ich habe eine Sternschnuppe fallen sehen, schnell gewünscht habe: einen ehrlichen Soldatentod. Denn ich passe nicht in den Frieden hinein, es wird mir oft alles zu eng und dann muß ich in etwas dreinschlagen. Jetzt weiß ich nicht, wie es wird. Denn aufs Wünschen kann man nicht gehen.

Wie aber der Morgen gekommen ist, hätt’ ich doch auch gern noch gelebt, denn ich bin doch auch noch jung. So ist es hin und her gegangen. Wie der Feldgeistliche am Sonntag gesagt hat: es hat ein jeder noch extra seinen Krieg in sich selber. Da hab’ ich’s mit dem Herrgott ausgemacht: meine Mutter soll noch eine Freud’ an mir haben. Sonst soll mir’s gleich sein.«

»Und jetzt?« fragte der Weber, als er gelesen hatte.

»Und jetzt muß ich halt eine Freud’ an ihm haben. Kann ich denn anders?« sagte die Schmidbergerin und lächelte in ihre Schmerzen hinein.

Da war der Weber froh, daß er seinen Zettel daheim gelassen hatte.

Er ging still wieder in die Stube zurück, um seine Kappe zu holen.

Dort waren sie immer noch an den Zukunftsaussichten, die der Gottlieb vielleicht gehabt hätte.