Das Singen wurde mächtiger und schwoll ungeheuer an.
Kam der Gesang wohl auch aus Belgien her mit dem Wind?
Gestern war im Tagesbericht ein Satz gestanden, der kam der Schmidbergerin nun wieder in den Sinn. Er sprach von Flandern: Heute drangen unsere jungen Regimenter, »Die Wacht am Rhein« singend, unaufhaltsam in die Stellungen des Feindes ein und nahmen dieselben.
Da, als sie die vielen, vielen Gesellen singend in den Kampf und in den Tod gehen sah und den Gesang aus dem Wald heraus zu hören meinte, und ihr Herz sich wieder weitete, daß es nicht mehr an den Gottlieb allein dachte, da brach auf einmal das Grundwasser aus der Tiefe herauf mit Macht; warme Tränen flossen ihr stromweis übers Gesicht, ohne daß ihnen gewehrt wurde, und während sie flossen, fand die Schmidbergerin wieder ihr altes Wörtlein »wir« und »unser« und sagte in ihrem Herzen ganz von selber:
»Es sind doch Prachtskerle, unsere. Mit Singen gehen sie ins Feuer. Da müssen wir freilich siegen.«
Das Grundwasser aber trug auch das hinweg, bis nichts mehr war, als ein großes Wohlmachen und ein Leichtwerden, ein Getröstet- und ein Beruhigtsein, da versiegte es nach und nach und zuletzt hing nur noch die eine oder andere Träne an den Wimpern und erglänzte matt im Sternenlicht.
Die Schmidbergerin ließ mit sich geschehen, was geschah und tat nichts dazu und nichts davon.
In die letzten Tränen hinein lachte sie ein bißchen und sagte gutmütig zu sich selber: »Jetzt das sollte die Lene gesehen haben.«
Darauf fing sie sachte an, niederzusteigen und war froh, daß niemand kam und fragte, was sie da oben so spät noch geschafft habe, da sie es ja doch niemand hätte sagen können.
Es war jetzt alles still und von einer linden Gelassenheit in ihrem Innern, sie meinte, ihrer Lebtag noch nie so wohlmachend geweint zu haben, und ihr Gottlieb samt seinen Kameraden hätte spüren müssen, wie sie ihnen ein »gut Nacht« hinüber sandte in das fremde Land, wenn nicht eben der Wind in umgekehrter Richtung gegangen wäre.
Als sie in ihrer Kammer lag, hob es sachte an, zu regnen. Da horchte sie, wie es leise plätscherte, und sagte: »Es hat’s gebraucht. Es hat schon den ganzen Tag regnen wollen und nicht können.«
Am andern Tag kam ein Brief vom Gottlieb, den die Mutter niemand lesen ließ, so dringlich auch die Lene danach fragte.
»Nimm mir’s nicht übel,« sagte sie, und ihr Gesicht hatte einen seltsamen Glanz, »er ist bloß für mich. Weißt, wenn dein Büble einmal groß ist, und wer weiß, vielleicht auch fort, oder, kann sein, im Krieg, dann gibt’s einmal eine Stund’, da redet er mit seiner Mutter ganz allein. Mutterseelenallein. Und das ist vielleicht das Schönste, was du überhaupt erlebst an ihm.«
Die Lene schüttelte den Kopf. Vielleicht ging eine Ahnung künftiger Schmerzen und Schönheiten durch ihr Herz. Es ging nur, wie die Mutter sagte, alles langsamer in sie hinein.
»Schreibt er denn gut?« fragte sie. »Bloß, daß ich’s sagen kann, wenn mich die Leut’ fragen.«
»Er schreibt gut,« sagte die Mutter. »Paß auf, was wir noch an ihm erleben. Er ist nicht umsonst im Krieg gewesen.«
Sonst kam nichts mehr. Da trat der Besitzer vom Wochenblatt in den Laden. Er kaufte Zigarren und zündete gleich eine an.
»Was ich noch sagen wollte, Frau Schmidberger, haben Sie gute Nachrichten von Ihrem Sohn?«
»Dank’ der Nachfrage, ja das hab’ ich.«
»Da ist man froh in solchen Zeiten.«
»Jawohl, das ist man schon.«
»Wäre es unbescheiden – es interessiert einem doch auch, was die tapferen Söhne der Stadt angeht – er hat gewiß viel erlebt in letzter Zeit?«
»Ja,« sagte die Mutter, »er schreibt, was man jetzt erlebt, das wäre genug für ein ganzes langes Leben.«
Da sah der Zeitungsmann, daß nichts mehr folge und empfahl sich höflich und ein bißchen ärgerlich. Denn er brachte gern gutgeschriebene Feldpostbriefe in seinem Blatt und wer wußte, ob ihn jetzt nicht die Konkurrenz bekomme?