In Schluderbach ging gegen den Spätherbst hin die Rede, die Schmidbergerin tue seit neuerer Zeit, als ob der Krieg ihr gehöre. Geradewegs gesprächig war sie geworden. Zwar wo man im voraus jammerte um böse Dinge, die kommen könnten, und schlechte Aussichten eröffnete, da tat sie nicht mit. »Unsere Männer werden’s schon schaffen,« sagte sie, »es ist mir gar nicht angst. Die stehen hin wie eine Mauer.«
»Unsere Männer,« sagte sie und niemand konnte ihr wehren, sozusagen. Denn sie hatte ja auch einen draußen im Feld, und man mochte sonst über ihn sagen, was man wollte, er hielt sich scheint’s nicht schlecht. Ja, die Meistersfrau, die dazumal den Stein an den Kopf bekommen und dem Gottlieb seither Galgen und Rad zugeschworen hatte, verzog ihr Gesicht zu einem halb ärgerlichen Lachen und sagte: »Da kann er seinen Jäst vertoben.« Denn er hatte bereits das Eiserne Kreuz bekommen, weil er ganz allein seinen Hauptmann aus lauter Farbigen herausgehauen und wie wütend mit dem Gewehrkolben um sich geschlagen hatte.
Der Hauptmann hatte an die Schmidbergerin geschrieben: »Ihr tapferer Sohn,« hat in dem Brief gestanden. »Ihr tapferer Sohn hat mir das Leben und meinen Kindern ihren Vater gerettet.«
Nicht, daß die Schmidbergerin damit groß getan hätte. Sie sagte zu keinem Menschen etwas darüber. Es stand aber in der Zeitung, dafür konnte sie nichts.
Aber sie ging umher, wie eine Junge, mit heiter-hellem Gesicht, besuchte die Soldaten in dem kleinen Lazarett, das in der Turnhalle eingerichtet war, und tat mit ihnen, wie eine Mutter: weil doch meiner auch draußen ist. Sie hielt zwei Zeitungen und las sie andächtig und mit Überlegung und wenn man vom Stand der Dinge sprach, so konnte sie Auskunft geben und hatte eine Meinung darüber, so gut wie der Stadtschultheiß, obgleich sie nicht mit ihm zusammen kam. In ihrem Lädlein ging es oft hitzig zu, denn die Ansichten gingen manchmal auseinander, besonders wenn die Blätter die feindlichen Tagesberichte brachten, die den deutschen zuwiderliefen, oder wenn sie gar Erzählungen von deutschen Greueln im Ausland abdruckten, die irgendwo in Paris oder London erfunden worden waren.
»Ist nur gut, daß es nicht wahr ist,« sagte dann die Schmidbergerin so ruhig als möglich, obgleich es in ihr kochte, daß man »Unseren« so etwas nachsagte. Dann war gewöhnlich einer da, der achselzuckend sagte: »Ha alles wird auch nicht erlogen sein. Unsere sind auch keine Engel. Überhaupt kommt man nicht mehr draus, wer lügt. Meine Frau hat einen Vetter, zu dem hat ein Unteroffizier gesagt, bei uns kommen auch Sachen vor –«
Aber da kam ihm die Schmidbergerin in die Rede.
»Das ist mir ganz eins, was eurer Frau ihr Vetter gesagt hat.« –
»Nein, ein Unteroffizier hat’s zu meiner Frau ihrem Vetter gesagt.«
»Was der Unteroffizier zu eurer Frau ihrem Vetter gesagt hat; wir tun so Sachen nicht, das brächten wir gar nicht übers Herz. Wenn einer einmal im Zorn zuschlägt, wo’s nicht sein müßte, das ist noch lang kein Greuel. Aber mit Fleiß und Bosheit tun wir’s nicht. Und Lügenmeldungen bringen wir auch nicht, das braucht’s nicht bei uns.«
Immer »wir« sagte sie, und darum redeten die Schluderbacher davon, daß die Schmidbergerin tue, als ob der Krieg ihr gehöre.
Aber sie rechnete sich nur ehrlich mit Leib und Leben dazu. Sie stand hinter ihrem Ladentisch mitten drin in den Schützengräben, in die das Wasser hineinlief, daß die Stiefel nicht mehr trocken wurden, und patrouillierte freiwillig auf gefährlichen Pfaden gegen die feindliche Stellung hin, und hörte das höllische Geknatter der Maschinengewehre und der großen Geschütze, bei dem man sein eigenes Wort nicht verstand, und stand nachts einsam auf vorgeschobenem Posten Wache, und litt tausend Schmerzen mit den Verwundeten, und suchte verborgene Gräben und Hecken ab, ob nicht einer drinnen liege, der sich verblute, wenn man ihn nicht bald finde. Das alles tat und erlitt sie durch die tausend Fäden, die von ihrem Herzen hinausgingen zu den Söhnen ihres Volkes, von denen einer ihr eigener war, wie das die Mütter so tun und erleiden, denen in ihren wachen, hinaushorchenden Herzensgedanken allmählich alle, die draußen sind, so zu eigen werden, als wären sie alle ihres Blutes Kinder, unter sich verbunden, und ihnen innig nah verwandt.
Es war an einem Abend am Ende des Oktobers, da kam grad als die Schmidbergerin schließen wollte, noch ein kleines Dirnlein in den Laden und holte, was ihm die Mutter auf einen Zettel geschrieben hatte und gab das Geld dazu aus seinem zusammengepreßten Fäustlein her.
Die Schmidbergerin machte ihm die Tür auf zum Hinausgehen, denn es hatte Düten in beiden Armen, da flog ein lauer, starker Windstoß die Gasse herauf, der das Kind schier umgeblasen hätte. Es taumelte gegen die Schmidbergerin hin und diese sagte: »Ei, was für ein Wind auf einmal. Geh’ nur ganz nah an den Häusern hin, Dorle, sonst kommst du nicht heim.«
»Der Wind kommt von Belgien her,« sagte das Kind wichtig, und lachte, als ob es etwas Schönes wisse.
»Von Belgien? woher weißt du denn das?« fragte die Schmidbergerin erstaunt.
»Von meiner Mutter. Sie hat gesagt: Immer wenn der Wind über den Kälberkopf herbläst, dann kommt er von Belgien. Da ist mein Vater. Vorhin hat sie gesagt: Laß dich nur durchblasen, das tut dir nichts, den Vater bläst er auch durch.«
Das Kind sprang unverzagt in den Wind hinaus und die Schmidbergerin fühlte eine seltsame Lust, sich auch von dem Wind aus Belgien her durchblasen zu lassen. Sie tat ein Tuch um und schloß den Laden. Ihr Lämplein stellte sie brennend in den Hausflur, dann ging sie dem Wind entgegen die Gasse entlang.
Am Haus ihrer Tochter stand sie still. Aus der Schlafstube kam das klägliche Weinen des Kleinen; die Lene war scheint’s bei ihm und trug ihn herum, man hörte sie hin und her gehen. Im Wohnzimmer saß der Tochtermann am Tisch und las die Zeitung. Man konnte von der Straße her die Stube übersehen. Einen Augenblick dachte sie daran, einzutreten. Aber sie ging weiter. Es war den ganzen Tag schon etwas in ihr, dem mußte sie jetzt ins Gesicht sehen, ganz allein für sich. Gleich hinter dem Städtlein ging eine stille Staffel in die Höhe, die stieg sie hinan. Als die Staffel aufhörte, breitete sich ein freier Platz aus, der war mit Gebüsch und Ruhebänken angelegt. In der Mitte stand eine junge Linde, die bog der Wind hin und her und sie ließ es sich schlank und ruhig gefallen, daß er mit ihrem Stamm und mit ihren weichen, fast nackten Ästen ein derbes Spiel trieb und ihr die letzten gelben Blätter entführte.
Die Schmidbergerin setzte sich auf die Bank unter der Linde und tat ein paar tiefe Atemzüge. Aber aus dem Haus, das den freien Platz auf einer Seite begrenzte und das allein von allen im Städtlein so hoch gestiegen war, fielen Töne einer Ziehharmonika, die sie wieder vertrieben, denn sie mußte jetzt gerade etwas anderes hören. So stieg sie noch höher hinan, den schmalen Fußweg bis zu der Eiche, die oben an der Anhöhe mit weit ausladenden Ästen stand und über das Tal hinblickte. Hinter ihr ging ein Weglein an den Wald hinüber, der schwarz dastand, eine dunkle, lebendige Mauer. Der Vordergrund war ein breiter, großer Acker. Er war umgebrochen und die Schollen rochen herb und stark. Am Himmel flogen die Wolken hin, große, zerrissene, eilige Heerhaufen. Der Wind aus Belgien trieb sie vor sich her. Wie ein geschlagenes Heer. Oder war es anders? Mußten sie sich sammeln zu einem großen, gemeinsamen Angriff? Zwischen den flüchtigen Gebilden sahen die Sterne heraus, ruhig, groß und klar. »Die sehen über alles hin und lassen sich’s nicht anfechten,« dachte die Schmidbergerin. Sie zog ihr Tuch fester an sich, daß es der Wind nicht fortnehme. Also das war es, was sie umtrieb und was sie nicht zwischen Schmierseife und Heringen ausdenken konnte: seit sich ihr Gottlieb so wacker hielt im Feld draußen und auch anerkannt wurde von seinen Mitkämpfern und Vorgesetzten, wuchs immer stärker der Wunsch und das Verlangen in der Mutter, daß er möchte am Leben bleiben und ein rechter, tüchtiger Mann werden in der Heimat. Jetzt war dann doch ein dicker Strich zwischen seinem früheren und seinem neuen Dasein. Die Mitbürger würden ihn achten lernen, und er würde es auch verdienen, gewiß, wenn er jetzt im Krieg so den Ernst und den Tod kennen gelernt hatte. Die Lene sprach schon jetzt in einem anderen Ton von ihm und ihr Mann auch. »Mein Bruder hat das und das geschrieben, das ist einer, der.« »Mein Schwager ist Unteroffizier geworden, er meint, mit Belgien werde es vollends schnell gehen.«
Ihr, der Mutter, schrieb er fleißig Postkarten, wie andere Söhne ihren Müttern auch. Sie hatte sich noch nie so an ihm freuen dürfen, wie jetzt. Darum wallte eine Leidenschaft in ihr auf: sie wollte ihn behalten. Und neben der Leidenschaft eine zunehmende Angst: es trifft ihn. Du wirst sehen, es trifft ihn.
Das war vorher nicht gewesen. Da war alles lauter Freude und Stolz, daß er mittat, und daß sie nicht nebendraußen stehen mußte, wenn alle dem Vaterland ihre Söhne gaben.
Mit den Wolken flog schnell, in gleitenden Bildern und ohne Aufenthalt, ihr Leben an ihr vorbei. Ihre Mädchenjugend und der Dienst in der Stadt, und die hitzige Verliebtheit in den »besseren Bürgerssohn« und ihr Glaube an ihn. Und seine Heirat mit einer Kaufmannstochter, und das Büblein, das keinen Vater hatte, und das Abfindungsgeld, das sie dem Treubrecher gern an den Kopf geworfen hätte, und der junge Schmidberger, der das Geld und das tüchtige Mädchen gut in seinem Geschäft brauchen konnte und der nach langem Sträuben auch das Büblein dazu nahm und ihm sogar seinen Namen gab. Das hitzige Blut, das der Bub geerbt hatte, nur im höheren Grad, und der Vater, der »es ihm austreiben wollte«. Die tausend Streitigkeiten um ihn, die brave Lene, die schon mit fünf Jahren ein Tugendböldlein war und den Bruder beim Vater verpetzte; sie selber, die Mutter, die sich nicht recht zu helfen wußte, weil man ihr tausendmal sagte, sie solle Gott danken, daß der Bub eine feste Hand über sich habe, er könne es brauchen, wahrhaftig.
Gott danken dafür, das tat sie nicht, denn sie meinte oft, die feste Hand mache ihr den Buben noch ganz zunichte. Aber sie wurde still und verschlossen, und bat nur ihren Gottlieb von Zeit zu Zeit: »Gelt, werd mir recht. Werd’ mir brav, Gottlieb. Der Vater meint’s gut, er meint’s gewiß gut.«
Einmal, als sie das sagte, streckte der Bub die Zunge heraus, breit und lang, da erschrak sie im tiefsten Herzen, denn es war wie eine lange Antwortrede auf alles, was sie gesagt hatte. Da tat sie ihrem Herzen Gewalt an und gab ihrem Buben eine Maulschelle von großer Kraft und er lief fort und kam vor Abend nicht wieder.
Tausend Bilder, mehr als tausend, vorüber mit Gedanken-, Wind- und Wolkenschnelle.
Also ja, sie hatte viel um ihn gelitten, um ihren Buben, und am meisten dadurch, daß sie wußte: Er hat selber nichts Gutes. Gar nichts.
Wer weiß, vielleicht käm’s jetzt? Vielleicht dürfte sie, die Mutter, ihm noch Liebe antun, und er ihr, und es würde noch schön, und er brächte eine brave, gute Frau ins Haus, die mit ihr, der Mutter, auch gut wäre.
Und darum, weil noch so viel zu richten und zu schlichten wäre in des Gottlieb Schmidbergers Leben, und alles im besten Zuge damit, darum soll das Vaterland so gut sein und soll ihn wieder hergeben. Nicht jetzt, behüte, erst nach dem Krieg. Die Mutter hat so eine große Angst in sich, die läßt sie nicht im Haus, und läßt sie nicht schlafen bei Nacht. Sie hat ihren eigenen Krieg in sich, von dem die Schluderbacher nichts wissen, und überhaupt niemand als, ja, vielleicht unser Herrgott. Mit dem probiert sie als einmal drüber zu reden. Sie paktiert sogar mit ihm: »Verwundet, wenn er das würde, da wollte ich nichts sagen. Durch Kreuz zur Krone, sagt man allemal; es muß ihm nichts geschenkt sein. Grad einen Arm oder Fuß wird’s ja nicht kosten. Obgleich, ich will gar nichts verlangen, im Notfall hat er ja eine Mutter. Nur grad, daß er heimkommt, weil ich auch gar nicht weiß, wie er aussieht, seit er ein Mann ist.«
Aber unser Herrgott, oder was da in ihrem Herzen sich regt, geht auf gar nichts ein.
»Ich versprech dir nichts, gar nichts. Die Sachen, die ich verspreche, sehen ganz anders aus. Was weißt denn du, was ich mit dem Gottlieb Schmidberger im Sinn habe?«
Das ist oft so eine Antwort, die sie in sich spürt.
Darauf getraut sie sich’s und sagt, sie sei halt doch die Mutter und habe so viel Schmerzen um ihn gehabt und sie müsse es zugeben, sie habe auch manches versehen an ihm, das müsse sie wieder gut machen. Zum Beispiel, daß sie ohne alle Liebe den Schmidberger genommen habe, bloß um eine Frau zu werden, da sie doch gesehen habe, daß er das Büblein als Last empfinde.
Und daß sie nicht besser für den Gottlieb eingetreten sei, wenn der Mann ihn geschlagen habe. Auch habe er das heiße Blut von ihr geerbt, dafür könne er nichts. Solche Sachen hält sie in ihrem Herzen dem Herrgott vor und horcht begierig, was er sagt.
Aber er sagt gar nichts. Er schweigt.
Heut abend, da oben, ist ihr’s, er fahre auf dem Wolkenwagen dahin und sei der Feldmarschall und übersehe das Ganze.
Es wird ihr, als müsse sie knieen und schier ohne daß sie es weiß, tut sie es auch.
Die Wolken bilden jetzt ein großes Heerlager auf der einen Seite des Horizonts. Da scheinen sie stillzustehen und auf etwas zu warten. Dann kommt eine große, lichte Stelle, von der die Sterne niederfunkeln und die sich zusehends vergrößert. Ein langes, schmales Wolkenschiff aber löst sich aus der Gruppe, die hinten über den Wald hängt, segelt langsam durch das dunkle Blau und über die Sterne hin, und gesellt sich zu dem stummen Heer.
In der lebendigen Mauer des Waldrandes regt es sich gewaltig. »Singen!« befiehlt der Wind, da stimmen die Wipfel einen mächtig brausenden Chorgesang an, der pflanzt sich weiter, tausendstimmig.
Die Schmidbergerin spürt, wie ihr eine Welle mächtig vom Herzen nach den Augen emporsteigt und auf der Welle zittert etwas: ein sich Hingebenwollen, ein Stillseinwollen, ein Drang, das bißchen Ich mitsamt den großen Schmerzen und der großen Liebe da mitströmen zu lassen.
»Ich bin ein dumm’s Weib,« denkt sie in ihrer Kleinheit. »Für mich könnt’ ich’s ja nicht verlangen, aber auf den Gottlieb wird unser Herrgott schon ein Aug’ haben, von ihm selber aus, wenn’s auch schon« – da wallt es doch bedenklich im Innern – »wenn’s auch schon so viele sind, auf die er achten muß.«