Wie die Tage nun kamen, einer nach dem andern, schwoll ihr Inhalt und das Geschehen, das sie brachten, zu einer unerhörten, ungeheuren Fülle an. Wer hat sie miterlebt und wird sie je vergessen? Da sei Gott vor, daß aus Deutschlands Herzen jemals schwinde, was da Offenbarung wurde aus den Tiefen der Volksseele herauf: wir gehören zusammen; wir stehen, wie eine Mauer gegen die Feinde. Laßt sie zuhauf kommen, so viele ihrer sind, Deutschland geht nicht unter. Es ist ein innerstes Wissen geworden, daß wir siegen werden. Ein leidenschaftliches Sich-Hingeben von allen, ein Sich-Opfern können, ein stilles, tiefes Gott-Gedenken: Du hilfst uns.

Der alte, engbrüstige Schneider Merz, der schon lang nach dem Tod gejammert hatte, machte sein Fenster auf, wenn die singenden Militärzüge an seinem Haus vorbeifuhren, und sagte zu dem Weber Boßhardt, der ihn besuchte: »Jetzt das muß ich sagen, das tät mich jetzt reuen, wenn ich schon gestorben wäre. Daß ich das noch erleben darf, das freut mich. Jetzt bloß noch so lang, wenn’s Gottes Will’ ist, bis man sieht, wie’s geht.«

»Gehen tut’s gut,« sagte der Weber Boßhardt. »Grad weil’s so viel Feind’ sind, denen wir nichts getan haben, und die sich alle ins Unrecht setzen gegen uns, darum muß es gut gehen. Daß das Wunder und die Hilf’ um so größer ist. So ist’s im Alten Bund auch gewesen. Gib einmal das Buch her.«

Der Schneider gab »das Buch« her und der Weber las:

»Wohl her, sprechen sie, laßt uns sie ausrotten, daß sie kein Volk seien, daß des Namens Israel nicht mehr gedacht werde. Denn sie haben sich miteinander vereinigt und einen Bund wider uns gemacht.

Die Hütten der Edomiter und Ismaeliter, der Moabiter und Hagariter, der Gebaliter, Ammoniter und Amalekiter, die Philister samt denen zu Tyrus.«

Da ging die Tür auf und die Schmidbergerin kam herein mit einer Suppe für den Schneider, der ihr nächster Nachbar war.

»Wißt ihr’s schon?« fragte sie, »die Japaner tun jetzt auch mit und der Landsturm muß fort.«

»Assur hat sich auch zu ihnen geschlagen und helfen den Kindern Lots,« murmelte der Weber.

»Es ist, wie ich sag’! Für das deutsche Volk ist’s eine Heimsuchung, keine leichte. Aber wenn’s wettert, so machen die Kinder, daß sie unter Dach kommen und heim, und so ist’s bei uns auch. Sie kommen alle, man sieht’s jetzt schon. Nicht bloß zum Militär, auch zu unserm Herrgott. Aber für die Feinde ist’s das Verderben.«

Als er das sagte, da glänzte sein trockenes, verknittertes Webergesicht über alle tausend Fältchen hin, wie von einem inwendigen, starken Licht und der Schneider sah ehrfürchtig zu ihm auf.

Die Schmidbergerin ging gleich wieder, denn sie mußte ihren Laden versorgen, und hinter sich drein hörte sie noch den Weber sagen: »Gott, mache sie wie einen Wirbel, wie Stoppeln vor dem Winde.«

Aber sie hatte ein anderes Wort ins Herz gefaßt, das was der Weber von den verlaufenen Kindern gesagt hatte, die heimkommen, wenn’s wettert. Das kam zu einer heimlichen Hoffnung, die schon all die Tage daher in ihrem Herzen das Wort haben wollte, und die Hoffnung wurde stärker und froher daran, so still sie auch vor andern Leuten sein mußte.

Es kamen die Nachrichten von draußen herein, von Schlachten und Siegen und von vielen Verlusten. Die Verluste sah man nicht, man hatte nur ein blutiges und feuriges Bild von so einem Schlachtfeld vor den Sinnen, bis einmal ein Sanitäter auf einen Tag heimkam, der junge Provisor Mergentaler, der einen Lazarettzug begleitet hatte und der im Ochsen den aufhorchenden Männern erzählte, wie es da eigentlich herging. Die Wirtstochter, die ihn gern hatte, sah, daß sein Gesicht sich stark verändert hatte, es sah immer so gerade vor sich hin, wie in eine Ferne, und in der Ferne war Grausiges. Vom Ochsen kam es im Städtlein herum, was er erzählt hatte: ganze Bäche von Blut sah man rinnen, und am Abend, wenn man das Schlachtfeld absuchte, lagen viel stille Leute da unter den jammernden Verwundeten drin. Einer hatte ein Bild von seiner Frau in der Hand. Und neben einem andern lag ein Büchlein, das war rot gefärbt mit seinem Blut, und manche hatten sich in den Grasbüscheln festgekrallt. Aber das Ärgste war, daß der Sanitäter gesagt hatte: »Ihr Leut, es sind da Sachen, die kann kein Mensch wiedersagen, wer die sieht, der verlernt das Lachen für immer.«

Jetzt hätten die Weiber gern die Sachen gewußt, die man nicht sagen kann, denn wer konnte wissen, ob sie nicht gerade einen von den ihrigen angingen. Davon redeten sie hin und her und machten sich schwere Gedanken. Es war aber nicht nur eine, die, wenn sie die Schmidbergerin ansah, dachte, die habe es gut, und habe ihren Buben weit vom Schuß, und sie brauche ihre Lippen nicht so fest zusammenzupressen, sondern könne froh sein, obgleich es wahrhaftig nicht schad wäre um ihr Früchtchen.

Aber am selben Tag, als die Nachricht kam, daß von den vier Enkeln der alten Schulmeisterin zwei gefallen seien, bekam die Schmidbergerin auch einen Brief, und als sie ihn gelesen hatte, ging sie merkwürdig aufrecht und hellsichtig herum, und das Pfarrersbüblein, das Essig holte, hörte sie hinten im Laden am Essigfaß vor sich hinsummen:

»Frankreich, o Frankreich, wie wird es dir ergehen,
wenn du die deutschen Soldaten wirst ersehen.«

Da wunderte sich das Büblein, weil die Schmidbergerin sonst nie so etwas tat, und weil sie aussah, als ob sie etwas von Herzen freue.

Am Abend aber, als sie den Laden geschlossen hatte, ging die Schmidbergerin auf das Bänklein unter dem Fenster des Webers Boßhardt und wartete, bis er heraussah. Da reichte sie ihm fast verschämt den Brief, den sie hinter ihrem Schürzenlatz stecken hatte, und sagte: »Wenn Ihr ihn lesen wollet, Boßhardt; der Mensch braucht einen Menschen, nicht bloß im Leid, auch wenn er eine Freud’ erlebt.«

Der Weber sah sie mit seinen kleinen, hellblauen Augen freundlich an. Denn sein Herz ging über die kleine Gemeinde der Stundenleute hinaus und spürte, wo etwas Lebendiges um ihn her gleich ihm aus unsichtbaren Quellen trank oder sich nach ihnen hinsehnte.

»Kommt aber doch ins Haus, Nachbarin,« sagte er. »Die Lampe brennt schon und ich brauch’ meine Brille zum Lesen.«

Gleich darauf saß die Schmidbergerin auf der langen Bank, die drinnen in der Stube an der Wand hinter dem Tisch entlang lief, neben der Haushälterin, und der Weber saß oben am Tisch bei der Lampe, hatte die Brille auf und las mit der gleichen tiefen Stimme, wie er ein Kapitel aus der Bibel las:

»Lissabon, den …

Liebe Mutter!

Da wirst Du staunen müssen, daß ich hier bin im Königreich Portugal, das in Europa liegt. Ich bin aber bloß auf der Durchreise hier, denn Du kannst Dir denken, daß ich heimpressiere und zwar nicht nach Schluderbach, sondern sogleich zum Militär, wo man jetzt hingehört. Denn, liebe Mutter, wenn man im Ausland hört, daß alle zusammenstehen und wollen einem sein Vaterland verhauen, dann schießt einem das Blut in allen Adern herum und sucht einen Ausweg, so heiß wird es einem, und man merkt auf einmal, daß man ein Deutscher ist, an was man vorher oft nicht gedacht hat. Und man muß sich keinen Augenblick besinnen, daß man heim muß und mittun.

Liebe Mutter, als ich erfahren habe, daß Krieg ist, da bin ich mit meinem Herrn, der ein Ingenieur ist, hoch im Gebirge in Argentinien gewesen, wo mein Herr eine große Wasserleitung hat bauen sollen. Er ist auch ein Deutscher; ich bin außer ihm der einzige Deutsche an dem Werk gewesen. Als die Botschaft kam, da sind wir beide die Nacht durch gelaufen, manchmal in Sprüngen den Berg hinunter und weiter, immer weiter, und haben fast nichts geredet. Nur einmal hat mein Herr gesagt: »Jetzt kann ich’s wieder wett machen.« Aber was er wett machen wollte, daß weiß ich nicht, bloß das von mir selber.

Liebe Mutter, es hat mich schon oft umgetrieben, das muß ich jetzt sagen, daß Du hast um mich leiden müssen. Das reut mich, weil ich spüre, daß Du und ich zusammengehören und sonst zu niemand. Wenn man in der Fremde ist und hart durch muß, fallen einem viele Sachen ein. Ich hätte Dir auch oft gern geschrieben. In der Nacht hab’ ich’s mir oft ausgedacht, was ich Dir schreiben will. Aber bei Tag hab’ ich gedacht: wartest noch eine Weile, bis du sagen kannst: das und das bin ich geworden. Liebe Mutter, ich hätt’ es schon lang weiter gebracht, aber es ist mir immer wieder zur Unzeit der Zorn aufgefahren und habe ein paarmal meine Stellen verloren und einmal bin ich auch gesessen, weil ich einen halbtot geprügelt habe. Lügen will ich nicht, darum sage ich es Dir. Er ist aber ein Schuft gewesen, er hat es verdient.

Jetzt aber, liebe Mutter, wie wir nach ein paar Tagen an den Hafen gekommen sind, mein Herr und ich, da haben wir erfahren, daß die Deutschen nirgends durch können, weil die Engländer alle Schiffe absuchen und die Deutschen gefangen nehmen. Es sei alles umsonst. Da ist mein Herr ganz still hingesessen und hat vor sich hingebrütet und übers Meer hinausgesehen. Aber ich habe gesagt: »Es muß zu machen sein, daß wir hinüber kommen, da soll uns kein Teufel und kein Engländer hindern.«

Liebe Mutter, es ist das einzigemal, daß ich gestohlen habe, nämlich zwei Pässe von Portugiesen, die mit mir in der Kammer geschlafen haben. Es reut mich aber nicht, denn die können wieder Pässe kriegen. Als ich damit zu meinem Herrn kam und ihm sagte, daß ich mir ausgedacht habe, wie wir reisen wollen, sah er mich traurig an und sagte: »Nein, nein, so kann ich nicht heimfahren, es würde nicht gut ausfallen bei mir. Ich kann nicht Komödie spielen; es liegt nicht in mir. In Gibraltar gefangen sitzen möchte ich aber nicht.«

Dabei sah er aber aus, wie das Heimweh selber, und wenn ich an ihn denke, so sehe ich ihn immer so sitzen, den Kopf in der Hand, da brennt es mich im Herzen für ihn.

Aber ich bin anders. Wenn ich etwas muß, so muß ich. Den einen Paß warf ich ins Feuer, denn zurück konnte ich nicht mehr. Mit dem andern habe ich mich als Kohlenschaufler auf einem Schiff anwerben lassen, das nach Europa gefahren ist. Portugiesisch kann ich zur Not und auch ein bißchen Englisch. Die Haut und das Haar habe ich mir dunkel gemacht und habe einen alten Seemannsanzug gekauft und dann ging es los. Als das Schiff heimzu schwamm, da hätte ich jauchzen mögen; denn das weiß kein Mensch, wie ich Heimweh gehabt habe in der Zeit vorher. Aber ich habe mich nicht mucksen dürfen und kein deutsches Wörtlein verlieren, sonst wäre ich verloren gewesen, denn überall waren Aufpasser von den Engländern.

Liebe Mutter, da habe ich mich aber zusammennehmen müssen, bei Tag und Nacht. Es ist mir oft angst gewesen, ich könnte im Traum deutsch reden. Oder wenn die Leute auf dem Schiff über Deutschland geschimpft haben, dann habe ich meine Fäuste im Sack ballen müssen, daß ich nicht losgefahren bin. Denn je näher heimzu, desto besser habe ich gespürt, daß ich eine Heimat habe und ein Vaterland.

Liebe Mutter, es ist das allerärgste, wenn man nirgends hingehört. Es ist schwer gegangen mit dem Verstellen, aber dennoch habe ich es fertig gebracht. In den Häfen, wo englische Offiziere aufs Schiff gekommen sind, da ist es am schwersten gewesen. Denn sie haben Verdacht auf mich gehabt und haben mich deutsch angeredet, ob ich mich vielleicht verrate. Aber ich habe getan, als ob ich sie nicht verstehe und habe den Kopf geschüttelt, da haben sie mich gelassen.

Es ist ein Heizer auf dem Schiff gewesen, der hat mir nicht getraut und hat mich immer den Engländern angezeigt. Ich habe ihn aber hier in Lissabon, als wir glücklich an Land waren, in eine stille Seitenstraße geführt und habe ihm vor Gott eine solche Ohrfeige hingehauen auf deutsch und ohne Worte, daß er an ein Haus hingetaumelt ist. Liebe Mutter, das reut mich auch nicht. Denn wenn ein Mensch heim will und seinem Vaterland beistehen, so soll man ihn lassen; das geht niemand etwas an.

Einen solchen langen Brief habe ich in meinem Leben noch nicht geschrieben und schreibe auch keinen solchen mehr. Morgen fahre ich mit der Eisenbahn heimzu. Sobald ich an der deutschen Grenze bin, stelle ich mich beim Militär. Eingelernt will ich bald sein, denn ich kann schießen und reiten wie ein Alter, und Strapazen bin ich auch gewöhnt.

Wenn ich im Feld bin, schreibe ich Dir eine Karte. Wenn der Krieg aus ist und ich lebe noch, dann komme ich zu Dir.

Dein Sohn Gottlieb.«

Der Weber hatte zu Ende gelesen. Er gab der Mutter den Brief zurück und sah sie freundlich an.

»Der Herr wolle ihn segnen und heimbringen,« sagte er.

Die Schmidbergerin war seine Sprache nicht recht gewohnt, denn sie ging nicht in die Stunde, aber es war ihr doch, als gebe ihr der Weber etwas Heiliges mit für ihren Gottlieb. Doch wußte sie nicht gewiß, ob mit dem Heimbringen das Wiederkommen nach dem Krieg gemeint sei und sie sagte fast schüchtern: »Man darf es schier nicht verlangen, daß man grad den seinigen gesund behält, wo so viele fallen; wenn er aber nur seine Schuldigkeit tut, das ist jetzt die Hauptsache. Ich bin ja froh genug, daß er überhaupt noch lebt, und daß er heimkommt und weiß, wo er hinstehen muß, jetzt.«

Sie sah so froh aus, als sie ging, daß die Haushälterin, die ihr leuchtete, nicht das Herz hatte, ihr zu sagen, daß in dem ganzen Brief nichts von einer Bekehrung des Buben oder auch nur von einer bürgerlichen Tüchtigkeit stehe, und daß die Schmidbergerin scheint’s noch lange nicht wisse, was die Hauptsache sei. Die Haushälterin hatte ein etwas säuerliches Gemüt, aber seit sie dem milden Weber den Haushalt führte, schluckte sie hie und da eine Schärfe hinunter, die ihr sonst leicht über die Lippen trat.

So sagte sie nur: »Er hat’s schlau angestellt, dein Gottlieb, daß er die Engländer getäuscht hat, es hätt’ ihm können schlecht gehen unterwegs. Leut’ wird man brauchen können da draußen im Krieg. Auf dem Berg, sagt der Sailer, habe man heut wieder den ganzen Tag schießen hören vom Elsaß her.«

»Ich denk’s, daß man Leut’ brauchen kann,« sagte die Schmidbergerin so stolz und heiter, daß es der Haushälterin schier leid tat, ihren Stich nicht angebracht zu haben. Stolz brauchte sie nicht zu sein, die. Man wußte schon noch etwas von ihr, aus der leichtsinnigen Jugend her.

Aber da schritt sie schon die Gasse hinunter, dem Haus ihrer Tochter zu, die im Kindbett lag und einen Buben an der Brust hatte.

Und die Haushälterin schützte ihr Lämplein vor dem Nachtwind und ging ins Haus zurück, denkend, daß Reden Silber gewesen wäre, und daß es nicht allemal Gold sein müsse.