Es ging ein stiller Zug durch Wald und Wiesen und grünes Gelände talabwärts zu einem Kirchhof, der lag an einer sonnigen Halde und war anzusehen wie ein freundlicher Garten.
Kameraden trugen den Sarg, der war mit ein paar Kränzen geschmückt. Was gehen konnte, ging mit. Mit den Schwestern ging Jungfer Christiane. Im Tal unten gesellten sich Leute dazu, viele Frauen und auch ein paar Männer und ein Lehrer mit Schulkindern, die sangen am Grabe ein andächtig schönes Lied.
Neben ein paar frischen Hügeln war ein Bett gemacht, da hinein senkten sie den Sarg. Es sei Heimatboden, sagte der Pfarrer und gedachte auch derer, die draußen starben in der Fremde und im Feindesland. Da hoben die Weiber an zu schluchzen, denn die Ehre, die sie dem Fremden antaten, war auch den ihrigen vermeint. Es waren ihrer schon viele gefallen, die hatten sie nicht zur Ruhe geleiten können. Nun ließen sie ihr Herz walten und weinten über die Gräber der Unbekannten hin und gelobten sich auch, sie zu pflegen. Das alles, und daß man über das Grab hinschoß, Beten und Singen und Glockenläuten, und die Blumen, die hinunterfielen, nahm Jungfer Christiane als einen reichen Zins ihrer Reise und ein Erbe in sich hinein, da sie die Einzige war, die ihm nahe stand, den man hier begrub mit Dank und Ehren.
Als sie aber vom Grab hinweggingen, hörte sie hinter sich eine Stimme sagen: »Das wird, denk’ ich, die Mutter sein?« und eine andere antworten: »Behüte, es sind keine Verwandten gekommen. Es ist, soviel ich weiß, eine alte Kindsmagd oder Nachbarin von früher her, sie geht ihn nicht näher an.«
Da hatte sie gleich ihr Teil und einen kleinen Stich ins Herz.
Der Lehrer kam aber zu ihr her und fragte, ob sie nicht wolle in die Kirche kommen, es sei da eine schöne Musik zu hören auf der Orgel und Gesang von einer Sängerin, lauter ernste, schöne Lieder, und es sei noch Zeit vor dem Zug. So etwas höre man nicht alle Tage.
Da ging sie hinter den Leuten drein und saß andächtig unter ihnen und die brausenden Orgeltöne strömten über sie hin.
»Das ist,« sagte sie zu sich selber, »vorhin gewesen, daß du nicht hochmütig wirst.«
Und zog sich den Splitter aus dem Gemüte.
»Das tät dir passen, wenn man dich als die Mutter ansehen möchte. Oder auch gar, wenn du sie wärest.«
Mit dem kam die Sängerin und sang mit einer Stimme wie eine Glocke ein Halleluja übers andere in die Kirche hinein.
Und dann wieder die Orgel, ganz zart und fein und manchmal wie aus weiter Ferne.
In diese linden Töne eingehüllt, zog Jungfer Christiane das Fazit ihrer Kriegstätigkeit.
»Also es ist eine Gnad’ von Gott, daß ich hab’ dürfen dem Büblein helfen seinen Abschied machen.
Soviel hätt’ ich mir gar nicht geschätzt.
Wir können nicht alle große Dinge tun.
Und jetzt geh’ ich heim an meinen Platz. Weil doch alle müssen helfen Stellung halten.«
Über dem allem vergaß sie die Leute um sich her und auch ein wenig die Musik, doch aber nicht so, daß ihr nicht etwas tröstlich und hoch den Sinn erhoben hätte. Sie wurde es nur nicht so recht gewahr.
Es war auch wie ein Strom, der trug sie durch eine Stunde hindurch lind auf seinen Wellen dahin.
Auf einmal aber brauste ein Jubelsturm von oben herunter und nach dem Sturm gingen die Türen auf, da strömte Licht und Sonne hinein und die Leute standen auf und verliefen sich.
Da stand auch Jungfer Christiane auf und ging durch die Leute hindurch an die Bahn.
Dann kam der Zug, der trug sie heimzu.