Jungfer Christiane saß in dem Lehnstuhl, hatte Filzschuhe an und ein Tüchlein um den Kopf gebunden. Denn die Nachtluft wehte kühl herein und das Fenster mußte weit offen sein, sonst konnte der Kranke nicht atmen.

Das Herz wollte nicht mehr recht, die Lunge auch nicht. Wenn der kühle Strom über ihn hinging, so täuschte der ihm unermeßliche Luftreichtümer vor.

»Also schlafen, das lernst du wieder,« sagte Jungfer Christiane.

Das log sie nicht, sie dachte aber ja freilich an den Schlaf, den ihre Pfleglinge daheim in ihren Gärtlein schliefen.

Er war in einer erregten Wachheit und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, ob ich’s lerne,« sagte er. »Probier’s einmal und erzähl’ mir Kindersachen. Keine Märchen, sondern von daheim, von damals, wie ich bei dir und am See daheim war. Nichts von jetzt und nichts vom Krieg, ganz friedliche Sachen. So Sachen zum Zudecken, zum Nicht-denkenmüssen.«

Sie gab ihm ihre gute, hartgeschaffte Hand und er behielt sie.

»Sei nur still, mach’ deine Augen zu. Weißt du noch, wie ich dich einmal mit nach Winggisreute nahm zu meiner Base Döderlein? Da warest du so selig den ganzen Tag und als die Nacht kam, geschah noch das Allerschönste: zwischen den zwei großen Betten, in denen wir Alten schliefen und die hart aneinander standen, war ein Gräbelein und in dem Gräbelein lag ein Tragkissen, ein blaues Kopfpölsterlein und ein Deckbettlein mit lauter rosa Pfingstnägelein darauf. »Für wen ist das?« hast du gefragt. Und ich: »Das ist ein Hasennest, glaubst du’s? oder eins von den sieben Geislein schläft darin? oder wer?« »Oder ich?« hast du ganz glückselig gesagt, denn so etwas Schönes, wie ein Bett in einem Gräbelein zwischen zwei Müttern, das hat es sonst nirgends gegeben, so viel dir bekannt gewesen ist. Und gar die Pfingstnägeleinsdecke: man hat dran riechen können und hat dann niesen müssen, so stark hat sie nach Nägelein geduftet. Und als wir wieder heimgekommen sind und du hast in dein Gitterbett liegen sollen, da hat sich deine Ahne gar nicht zu helfen gewußt, denn du bist neben dem Bett auf dem Boden gesessen und hast an einem fort gejammert: »ich will wieder ins Gräbele liegen.« Es ist aber weit und breit keins dagewesen. Ich bin aber grad am Haus vorbeigegangen, da hat sie mich angerufen: »du hast mir etwas Schönes angerichtet, der Bub’ will partout nicht mehr in sein Bett.«

»Ach warum nicht gar,« hab ich gesagt. »Wo ist er denn? so, Richardle, jetzt machst du einmal deine Augen zu, ganz fest, dann trag ich dich ins Gräbele.« Und hab dich auf den Arm genommen und die Stiege hinauf und wieder hinunter getragen und durch die Stube und Küche hindurch und wieder in die Schlafkammer und ganz sachte in dein Bett gelegt. »Laß die Augen zu, ganz fest,« hab ich gesagt, »und dann riechst du die Nägelein. Ich muß selber schon niesen davon. Hazi.« Und richtig, du hast sie auch gerochen und die Augen fest zugedrückt dabei in der Angst, es sei am End sonst nichts. Dann bist du eingeschlafen, denn die Heulerei ist auch nur Übermüdung gewesen. Am Morgen aber war alles recht: das Gitterbett und das Daheimsein, alles.

Mach’ die Augen zu.

Weil ich grad vom Niesen sage: einmal hast du mich ins Herz hinein gedauert. Ich hab’ deine Ahne in die Kirch’ gehen sehen. Sie ist bald gegangen, schon beim Anderläuten, das hat sie immer so gehabt. Dich hat sie im Höflein gelassen, da hat dir nichts passieren können, denn die Tür ist zugewesen und du hast dort drinnen mit Holzscheitlein gespielt, daraus hast du Häuser und Türme gebaut. Wie ich vorbeigegangen bin, hab’ ich in das Höflein hineingeguckt. Da hat dich grad ein Niesen angewandelt und weil kein Anrufen erfolgt ist, hast du um und um geguckt, ob niemand da ist, und dann hast du ganz gottergeben selber gesagt: helf’ dir Gott, Richardle. Denn so hat sonst immer deine Ahne gesagt. Und hast wieder weiter gespielt.

Mich aber hat’s verbarmt, ich kann’s nicht sagen, wie.

Denn ein Kind, das zu sich selber helf dir Gott sagen muß, wenn es niest, das ist mir als das allerverlassenste vorgekommen. Von da an hab’ ich dich noch viel mehr bei mir gehabt.«

Er schlug die Augen auf. Es lag ein Schein von Kinderglück darin, ein leises, fernes Streiflein Sonne.

»Das ist wie gestreichelt.«

»Schlaf, Kind, mach die Augen zu.

Einmal hat mich’s angewandelt, daß ich dich mit in die Kirch’ genommen habe. Mußt aber ganz ruhig sein, hab’ ich gesagt und hab’ dir ein Helglein aus meinem Gesangbuch zum Ansehen in die Hand gegeben. Das ist auch so weit gut gewesen, so lang man gesungen hat und so lang der Pfarrer am Altar gewesen ist. Aber dann ist er verschwunden und auf einmal hoch an der Wand wieder aufgetaucht auf der Kanzel. Hinter ihm eine Säule und die Kanzel wie angepappt an die Säule, denn man hat die Treppe von uns aus nicht gesehen. Da hast du zuerst eine Weile ganz starr hingesehen und dann hat neben mir eine Unruh’ angefangen, es ist mir angst und bang geworden. Hin und her bist du gerutscht und auf einmal – ich hab’ dir nicht mehr den Mund verheben können – hast du mit deinem hellen Stimmlein hinausgerufen: wie kann denn der wieder runter?

Der Pfarrer ist schier aus dem Text gekommen, er hat sich müssen schneuzen und räuspern, und die ganze Kirch’ hat sich umgedreht und den Hals gestreckt. Es ist mir gewesen, ich solle in den Boden sinken. Aber ich hab’ mich schnell gefaßt. Jetzt in Schanden mit dir abziehen zur Kirche hinaus? hab’ ich gedacht. Grad’ nicht. Und hab’ schnell und leis zu dir gesagt: wenn du ganz ruhig bist und kein Schnäuferle mehr tust, dann zeig’ ich dir’s nachher, wenn er fertig ist mit Predigen. Ich weiß wie, sei ganz leis. Und es ist alles vollends gut vorbeigegangen. Aber in die Kirche hab’ ich dich nicht mehr mitgenommen. Dagegen an den See. Das wirst du alles noch wissen, oder nicht?«

Er nickte nur ein klein wenig, ganz sachte, wie um etwas Schönes nicht zu verscheuchen.

»Du holst mir das alles wie aus einem tiefen Brunnen herauf, da war es zugedeckt und hat geschlafen.

Weck’ es auf. Es wird mir ganz leicht davon, es ist mir viel besser, mein Herz schlägt ganz ruhig, so ruhig hat es lang nicht geschlagen.«

Da hob sie Bild um Bild aus dem treuen Schrein ihres Herzensgedächtnisses.

»Weißt du noch das kleine Brigittlein, es ist ein ganz feines, blondes gewesen und hat eine schöne, schöne Mutter gehabt, die ist mit ihm an den See gekommen zum baden. Und sie hat das Brigittlein auf ihren Rücken genommen, wenn sie hinausgeschwommen ist. Da bist du in deinem dicken Anzug vor mir gestanden und hast begehrt: schwimm auch mit mir hinaus.

Aber ich hab’ mir’s nicht getraut, denn was hätten die Leut’ dazu gesagt? Was aber eine rechte Mutter ist, die nimmt auch zwei Kinder auf den Buckel. Die schöne Frau hat nicht viel Werks gemacht, wie sie dein großes Verlangen gesehen hat. Die Kleider herunter und dich hinter das Brigittlein gesetzt, rittlings auf ihren Rücken. Und hinaus in den blauen See. Das Brigittlein hat sich an ihrem Hals gehalten und du dich an dem Kind. Das ist eine Seligkeit gewesen und ein Bild zum malen. Aber auch ein Gezeter von den Nachbarsleuten, daß ich das erlaube. Sie sei eine berühmte Zirkusreiterin, hab’ ich nachher gehört. Aber eine gute Mutter und eine liebe und schöne Frau ist sie gewesen, mag sein was will.

Mach’ die Augen zu.

Weißt du noch den Schifferhannes? er hat ein ganz krummes Maul gehabt.

Hannes, warum hast du so ein krummes Maul? hast du ihn gefragt.

Da hat mich einmal der Blitz gestreift, hat er gesagt.

Das glaub’ ich nicht.

Dann läßt du’s bleiben.

Hannes, was hast du in deinem Sack? – (Denn er hat immer alle Taschen voll gehabt, mit Schnüren und Angeln und weiß kein Mensch was.)

Was ich in meinem Sack hab’?

Ein Nixle in einem Büchsle und ein silberigs Warteinweile und ein goldigs Haltdeinmäule.

Und im andere?

Im andern? einen Hummeler an einem Faden.

Er hat dich gern mögen. Wie du so krank gewesen bist, hat er dir etwas gebästelt: einen Holzspälter und einen Säger mit beweglichen Gliedern. Wenn man sie auf den Ofen gestellt hat, daß sie warm geworden sind, so haben sie gesägt und gespalten.

Weißt du noch, wie er dich einmal nach Lindau genommen hat im Nachen? Lindau ist eine wüste Stadt, da geh’ ich nimmer hin, hast du am Abend gesagt beim Heimkommen.

So, warum denn? wie sieht sie denn aus?

Ha, zuerst steigt man aus an einem Stäffele, wenn man da hinaufsteigt, dann kommt gleich eine Gasse mit einem Haus, da hängt ein Fisch an einem Stecken heraus. In dem Haus ist eine Stube, da sitzen lauter Männer und trinken Wein und Most und essen Käs.

Und auf der Gasse regnet es den ganzen Tag. Ich geh’ nicht mehr hin. Weißt du’s noch?

Ich hab’ dich dann einmal mitgenommen an einem schönen Frühlingstag, als alles voller Blüten gewesen ist, in den Gärten und überall. Und hab’ dir den Löwen gezeigt am Hafen und am Leuchtturm und die vielen Schiffe, und die Möven. Soldaten sind gekommen, und Musik hat gespielt und viel geputzte Leut’ sind herumgelaufen und alles ist voller Sonne und Leben gewesen.

Da hast du gesagt: der Hannes ist mit mir an einen letzen (falschen) Ort hingefahren, oder du. Oder gibt es zwei Lindau, ein Sonntags- und ein Werktagslindau.

Weißt du’s noch?«

»Daß du das alles noch weißt und alles für mich aufgehoben hast,« staunte der Kranke.

»Mir ist oft etwas eingefallen, eine Geschichte, die du mir erzählt hast, oder ein Mensch oder ein Ding aus jener Zeit. Aber an der Geschichte hat der Schluß gefehlt und an den Menschen etwa grad das Gesicht oder der Name. Es war wie ein zerrissenes Bilderbuch. Deines aber ist noch ganz und wie neu.

Träumst du denn auch noch so merkwürdig wie einst? und kannst es nachher noch erzählen? das weiß ich noch besonders gut. Du hast es mir immer erzählt, und gern, denn ich habe dies abgenommen wie eine Blume oder einen Apfel. Sag?«

Da freute sich Jungfer Christiane aus ihrem Herzen heraus, daß er das noch wußte.

»Ja,« sagte sie, »das hab’ ich an mir behalten. Darüber mag eins sagen was es will, das ist halt so bei mir, daß ich absonderlich träume und auch, daß ich’s oft noch weiß.« Und sie schmunzelte, wie eins, das mit Mühe etwas zurückhält, das heraus will.

»Sag’s,« ermunterte er.

»Also zum Beispiel da neulich ist mir meine Großmutter im Traum begegnet, ganz frisch und vergnügt und hat ein Fest angerichtet in ihrem Haus. Und wie man so heiter beisammen ist, erfahr’ ich, daß sie sich mit einem jungen Soldaten verlobt hat. Der ist auch dagewesen, da bin ich schwer erschrocken und hab’ gesagt: ach ihr Zwei, tut doch das nicht, es gibt ein Unglück und ist eine Unnatur. Meine Großmutter aber hat mich ein bißchen spöttlich angelacht, und er auch, und er hat gesagt: »es ist ein Kreuz, wenn man nichts sieht. Sie ist doch in der Ewigkeit wieder jung geworden. Und jetzt freut sie’s halt wieder.««

Aber weil Jungfer Christiane jetzt schon am Erzählen war und weil um den Mund ihres Bübleins so ein Lachen spielte, lud sie noch ein wenig ab und berichtete noch einmal einen Traum, der war ihr erst vor ein paar Nächten widerfahren, und sagte:

»Vor kurzem ist es so gewesen: es ist ein ganzer Strom von Menschen miteinander ausgezogen, einem Berg zu, durch Wiesen und Felder hindurch. Ich mittendrin. Auf einmal hab’ ich gewußt, daß wir alle miteinander zu meiner Hinrichtung gehen, und daß ich soll geköpft werden. Das ist mir befremdlich gewesen, denn ich bin es grad jetzt erst inne geworden und habe keinen Schimmer gehabt, warum. Also ich hab’ den Schultheißen gefragt, der ist neben mir gegangen. »Ach,« hat er gesagt, »Jungfer Christiane, fraget mich nicht, denn ich darf’s euch nicht sagen, es ist ein Geheimnis. Aber seid nur ganz getrost, denn es wird eure Ehr’ und Ansehen durchaus nicht davon gestört. Es betrifft das Vaterland.« Da ist es mir auch recht gewesen und ich bin ganz getrost dahingewandelt. Es sind aber meine Leut aus der Freundschaft hastig an mir vorbeigestürmt und wie ich gesagt habe, sie sollen doch mit mir gehen, so haben sie vorausgedeutet, daß sie mich dort erwarten und sich einen guten Platz erobern wollten zum Zusehen.

Überdem kommen wir an ein scharfes Eck am Wege und wer steht dahinter? eine ganze Gesellschaft von Männern in roten Kitteln und Hosen, die haben sich tief geneigt. »Darf ich, Jungfer Christiane,« sagte der Schultheiß, »euch euer Henkerkollegium vorstellen?« Und will anfangen, die Namen herzuzählen. »Ach,« sag’ ich, »lasset es gut sein, Herr Schultheiß. Wenn mein Kopf jetzt dann herunterkommt, kann ich’s doch nicht behalten.« Da ließ er’s.

Darauf nach einer Weile flammt ein helles Feuer auf einem Hügel auf. »So soll ich dann verbrannt werden?« frag’ ich. »Ich habe doch gemeint, enthauptet.« »Das sollet ihr auch,« sagt der Schultheiß. »Aber weil ein kühler Morgen ist, so habe ich ein bißchen einbrennen lassen.« Und so kommen wir mit der Weile an eine Wand, davor ist ein schräges Brett gelegen und hat oben an einem Loch in der Wand geendigt. Auf das Brett habe ich mich unverzagt hingelegt und den Kopf wie auf ein Kissen in die Wand hinein und hab’ die Augen zugemacht. »Jetzt kommt’s,« hab’ ich gedacht. Da ist von innen etwas heruntergesaust und hat mir den Kopf abgeschlagen. Den Schlag hab’ ich noch gespürt im Nacken, wie ich aufgewacht war.«

Da kam dem Kranken ein Lachen von innen heraus, so mühsam und hart auch sein armer Leib rasselte und klopfte und die Luft aus- und einzog, wie durch ein rostiges, löcheriges Sieb. Es war doch noch schön auf der Welt, es freute ihn, es lächerte ihn.

Er sah die Jungfer Christiane an und seine Lippen formten ein Wort, das war ihm soeben aus einem tiefen Geheimfach heraus entgegengesprungen.

»G’schichtleslügere,« sagte er zärtlich und innig.

Wenn er gesund gewesen wäre und hätte einen Schatz gehabt und hätte zu ihm gesagt »Herzensschatzele« oder »Seelenmockele«, er hätte es nicht herzlicher und traulicher sagen können.

Und auch: es wäre ihm nicht freudiger abgenommen worden.

Das war das erstemal in Jungfer Christianens Leben, daß ihr das Wort süß einging und gar keinen Stachel hatte und keine Ehrenkränkung war, auch nicht die mindeste, obgleich es diesmal gar nicht paßte. Denn es hatte ihr wirklich und wahrhaftig so geträumt, jedes Wort hell und klar. Aber mochte sie doch so geträumt haben und mochte es doch wahr sein, das kam ja hier gar nicht in Betracht. Fortan war ihr das Wort innerstes Verstehen, Freude, Wundern und zärtliche Neckerei, alles in einem, und ein Ehrentitel, ja Stempel auf ihre eigene Wesenheit.

Darauf geschah es bald, daß sich trotz der langen Ruhe in der Eisenbahn ein Schlaf auf ihre Augenlider senkte und auch der Kranke, die mütterliche Hand in der seinen, ein Weilchen in sich hinein schlummerte, so daß die Nachtwache, als sie geräuschlos und mit abgeblendetem Licht die Türe aufmachte und hereinsah, dieselbe still wieder schloß, beiden den ruhigen Augenblick gönnend.

Er war ihnen auch zu gönnen und war nicht lang.

Jungfer Christiane kam jäh zu sich an einem Stöhnen, das in ihr Ohr drang und sah ein hilfloses Leiden neben sich.

Ein Gesicht voller Angst und Grauen, ein stürmisch schlagendes Herz und ein kämpfendes Atmen.

Das war erst so recht das Leiden und das heftig sich wehrende Leben. Was sie bislang gesehen hatte, war eine sanfte Pause gewesen, eine kleine freundliche Insel, an der das Schifflein ausruhend angelegt hatte, eh’ es der Strommündung entgegenfuhr, die es in ihre brausenden Wirbel zog.

Sie wollte läuten, die Nachtwache rufen.

»Nein, laß,« keuchte er. »Es läßt nach – es ist im Schlaf gekommen – es ist immer so. – Ich muß dich etwas fragen – sobald ich’s kann. Bleib’.«

Da setzte sie sich wieder nieder und sah hilflos zu, und spürte auch selber ihr angstvoll klopfendes Herz, das mitfühlte, als ob ihr ein leibliches Kind litte.

Nach einer Weile wurde es ruhiger. Die krampfhaften Züge lösten sich in einer großen Mattigkeit, alles war schlaff und lapp und große Schweißtropfen standen auf der blassen Stirn.

Die trocknete sie ihm sorglich ab.

Draußen standen in hoher, stummer Herrlichkeit die Sterne am Sommernachthimmel. In den Föhren rauschte es, es hätte können auch ein Wasserrauschen sein für einen, der es in sich hatte, nach einem Wasser hinzuverlangen.

»Ich meine, ich höre den See,« flüsterte geschlossenen Aug’s der Kranke.

»Ich habe ihn oft gehört im Schlaf. Es ist mir leid, daß ich ihn nicht wieder gesehen habe. Ich wollte immer einmal hinfahren.

Ich habe so vieles tun wollen in meinem Leben. Davon ist nichts geschehen. Ich habe noch gar nicht gelebt.«

Es kam alles so mühsam heraus, es war ihr, sie müsse ihn geschweigen, wie einst als Kind, weil ihm das Sprechen schwere Arbeit war.

Aber sie tat es nicht. Sie neigte nur ihr Gesicht nah zu ihm hin. Er mußte sie ja vollbringen, die Arbeit.

»Immer habe ich studiert. Das war alles Vorbereitung aufs Leben, noch kein Tun, nur ein Aufnehmen. Dann kam der Krieg. Da war ich lauter Begeisterung und wollte siegen helfen, in die Schlacht stürmen, alles. Davon geschah auch nichts. Ich war in keiner Schlacht. Wir haben immer nur Stellung gehalten. Die Granaten schlugen herein in unsere Gräben und nahmen Kameraden weg. Die Hölle tobte über uns hin. Stehendes Wasser war in den Gräben oft und lang, und Schmutz und Kälte. Alles blieb zurück, was das Leben schön gemacht hatte, langsam, langsam entglitt einem alles. Auszuhalten, o vieles, auch Schreckliches genug. Aber keine Tat. Ich wurde krank und verbarg es und schleppte mich hin. Und nun –« er stockte. Er hatte fragen wollen: sag’ mir, ob es wahr ist, daß ich sterbe? ich spüre es, aber täusche ich mich, wenn ich dennoch ans Gesundwerden glaube? oder täusche ich mich, wenn ich den Tod in mir spüre?

Aber er fragte nun doch nicht. Ein scharfes Lüftlein war über ihn hingefahren, vorhin, mitten im ärgsten Kampf und Krampf. Das hatte irgendwo hergeblasen, wo er noch nie gewesen war. Aus einer weiten Ferne, aus einer großen Tiefe oder Höhe. Das geschweigete ihm das Wort im Munde. Ein hoher, gestrenger und bitterer Ernst trat unausweichlich an ihn heran. Er durfte nicht fragen. Er mußte ihn zuerst anhören.

»Nun komme ich nicht mehr hin,« vollendete er seinen Satz.

»Nun kann ich von allem, was ich wollte, nichts mehr tun.«

Da übernahm es ihn, daß er um sein junges Leben weinen mußte.

Jungfer Christiane wußte ihm keinen Widerspruch. Allzutief verstand sie seine große Not. Auch war sie, mochte sie nun G’schichtleslügere heißen oder nicht, von großer Wahrhaftigkeit und hätte um keinen Preis ihr liebes Kind belügen können, es werde schon bald wieder gesund sein und dann an den schönen See gehen.

Sondern sie sagte zu ihm: »Komm, komm, sei ruhig, mach’ deine Augen zu. Jetzt bin ich doch zu dir gekommen. Alles will ich dir sagen, wie es am See aussieht und wie es da zugeht, dann ist dir’s, du sehest ihn und seiest dran. Stellung halten, das ist auch geschafft. Das müssen viel Leut. Die daheim müssen auch Stellung halten. Wär’ traurig, wenn das für nichts gälte.«

Und sie nahm schöne, zarte und kräftig leuchtende Farben aus ihrem Herzen heraus und malte ihm alles vor Augen.

Wie die Möven mit ihren weißen Schwingen über das blaue Wasser hinfliegen und in der Sonne glänzen und wie sie schreien in den frischen Morgen hinein.

Wie die Rebgelände so grün und lustig dastehen, und wie sie vor Kurzem in der Blütezeit so starken Duft ausgehaucht haben, daß man meinen mußte, ein Krankes, wenn es ihn einatme, müsse dran gesunden. Und wie die Stöcke jetzt voller Trauben hangen, klein und grün noch, aber im Herbst – weißt du’s noch? – durchsichtig, goldengrün und blauschwarz, süß und kräftig.

Wie die Kornfelder, landeinzu, in schweren Ähren stehen. Wie eine Mauer, noch nie sind sie so gestanden, jetzt sind sie gelb wie altes Gold und erntereif.

Wie die Lindenbäume in Blüten sind und duften, stark und gewürzig und wie vieltausend Bienen darin summen und konzertieren, dieweil sie den Honig in ihre Stöcke sammeln.

Und als sie sah, daß die bittere Trauer und die scharfe, angstvolle Spannung in dem jungen Gesicht sich milderte und ein liebes Aufhorchen Platz nahm, da gewann sie größeren Mut und bessere Worte und sagte ihm von den friedlichen Gassen, auf denen Nachts der Lichtschein aus den Heimaten liegt, und von dem Kirchlein, um das sich die Schlafenden unter ihren Gärtlein gesellen. Jetzt blühen da die Rosen, Lilien, Rittersporn und Akeley. Von der hohen Mauer mit den Fensterbögen, durch die man auf See und Himmel hinaussieht und von der goldenen Bahn der sinkenden Sonne.

Von sonnigen Wiesen, Brunnen und Kindergeschrei. Ganz tief hinunter langte sie in ihr Herz und Gemüt. Alle Sinne und Gedanken mußten ihm dienen und Farben, Bilder und Worte herzutragen.

Wenn sie sich selber nicht ganz und gar vergessen hätte, sie hätte wohl staunen müssen über sich selber und daß sie zu dieser Stunde mit allen Dichtern in der Welt hätte Hand in Hand gehen können, und war doch alles lautere Wahrheit, was sie sagte.

Sie hielt aber inne, als der Kranke auf einmal lächelte wie erlöst und wie ein Mensch, von dem eine große Qual abgefallen ist.

»Das habe ich alles beschützen helfen,« sagte er glücklich.

»Daß das alles im Frieden liegt –«, er atmete befreit auf.

»Das ist doch auch der Mühe wert.«

Da hatte Jungfer Christiane nun ihren großen Wunsch erfüllt und aus ihrem Herzen heraus etwas getan, was sonst niemand als sie tun konnte, und es war ein Soldat gewesen, dem sie es getan hatte, ganz wie es sein mußte. Und sie war in dieser Nacht in den Strom untergetaucht, dessen Wellen aus rotem Herzblut bestehen, da war sie auch darin zu einer Welle geworden und hatte auch ihr Büblein zu einer werden lassen.

Aber sie dachte nicht daran, daß es so sei und wußte es nicht. Doch aber sah sie aus der Ferne das Schiff daherfahren, das den Sieg und den Frieden bringt und sah das beides, Sieg und Frieden, noch einen Tag lang sich in den Augen und auf dem Gesicht des jungen Kämpfers ausbreiten, dem sie den schweren Stein aus dem Weg geschafft hatte. Dann, als der nächste Abend niedersank, drückte sie ihm die Augen zu.