Nach zwei Tagen war sie da.
Sie war immer noch die Sonne aus dem Bilderbuch. Sie hatte sich gar nicht verändert.
»Ich hätte dich überall erkannt. Unter tausend Menschen, auf einer Weltausstellung, wo es sei, gleich, ohne Frage,« sagte er.
Sie lächelte ihm etwas mühsam zu.
Sie hätte ihn nicht mehr erkannt.
Das war ihr Büblein, das?
Er lag im Bett oder vielmehr er saß, von allen Seiten gestützt.
Seine Augen glänzten. Der Atem pfiff.
»Das laß’ ich mir gefallen, daß du mir hast schreiben lassen,« sagte sie.
Sie sagten ohne weiteres du zu einander wie ehedem.
»Gestern Abend kam der Brief. Den ganzen Tag ist’s mir gewesen: es kommt etwas, es liegt etwas in der Luft. Ein Floh ist mir auf der Hand gesessen.
Weißt du das nicht, daß man sagt: »Floh auf der Hand, ein Brief im Land?« Darauf kann man gehen. Dann hat mir die Katze den Butterteller hinuntergestoßen. Es hat schon lang ein Stück vom Rand gefehlt, es ist nicht schad drum. Er ist in tausend Scherben gegangen. Das bedeutet ein Glück. Und so noch mehr Sachen. Ich kenn’ mich da aus. Das linke Aug’ hat mich gejuckt. Das soll Tränen bringen. Dann ist der Brief gekommen, da hab’ ich’s gewußt.«
Er lachte leise.
»Das war doch nichts zum Weinen?«
»Nein, nein,« sagte sie, »nicht grad. Aber weißt, ich bin so, mir läuft gleich das Wasser herunter. So hat’s meine Mutter auch gehabt. Weil du doch krank bist, das ist mir nicht recht.
Dann wär ich am liebsten in der Nacht noch fortgegangen.
Ich habe gemeint, es müsse noch ein Zug gehen oder ein Schiff.
Du bist doch immer der gleich’ Hurra, haben die Leut’ gesagt.
Jetzt habet ihr einander vierzehn Jahr’ nicht gesehen, es wird’s morgen auch noch tun. Aber mir ist es gewesen, als seiest du erst vorgestern von mir fort.«
Da breitete sich nach und nach ein glücklicher Schein auf seinem Gesicht aus. Er deutete auf den Stuhl an seinem Bett:
»Da setz’ dich hin und rühr’ dich nicht vom Fleck. Du brauchst mir nichts zu tun, die Schwester tut schon alles; sie ist gut und kann alles. Du brauchst nur da zu sein. Das ist so schön. Es ist, als ob du den ganzen See mitgebracht hättest.«
Er atmete schwer und mühsam. Grau und verfallen sah er aus.
»Er wird nicht sprechen dürfen, gelt Schwester?« fragte Jungfer Christiane.
»O doch, er darf schon, so viel es ihn freut. Er spürt schon, was ihm gut tut.« Da wußte Jungfer Christiane genug, und daß es zu Ende ging.
So hatte der Doktor auch gesagt, als ihre totkranke Mutter noch räsen Most verlangt hatte. »Schaden kann da nichts mehr.«
Das brannte sie tief im Herzen. »Es ist ein Glück zum Heulen,« dachte sie.
»Da haben die Zeichen recht geredet. Nun find’ ich ihn wieder, und so.«
Sie ließ sich aber nichts anmerken.
»Weißt du noch?« sagte sie, »wie du als Kind einmal krank gewesen bist und hast nicht reden sollen, und ich bin die Nacht bei dir gesessen, denn man hat dir wachen müssen. Da hab’ ich dir Geschichten erzählt, eine um die andere, um dich damit einzuschläfern. Und du bist auch ruhig gewesen, solang ich erzählt habe, wenn ich aber gedacht habe: jetzt ist’s gewonnen, dann hast du angefangen: mm – mm – und hast mir einen Puff gegeben; das hat geheißen: weiter. Und so hab’ ich die Nacht mit dir herumgebracht und am Morgen ist’s besser gewesen. Der Doktor hat aber gesagt (er ist keiner von den Feinsten gewesen) – ein paar tüchtige Patscher seien auch ein gutes Schlafmittel und hätten nichts geschadet.
So? hab’ ich gesagt, und wer hat denn gesagt, das Kind dürfe keinen Muckser tun und müsse mäusleinsruhig sein? Das ist von altersher so, daß Kinder schreien, wenn man sie haut. Er ist ein Junggesell gewesen; das ist nichts für einen Doktor.«
Ein Lachen ums andere flog über das blasse Gesicht.
»Das wird heut wieder so,« sagte der Kranke.
»Ich will wieder einmal rücksichtslos sein dürfen und quälgeistig und alles. Immer sich beherrschen, das hält ja kein Mensch aus. Dazu hast du herkommen müssen. Ich habe das Schlafen ganz verlernt. Wenn sie mir Schlafmittel geben, träume ich schreckliche Dinge. Ich will wach liegen und du sollst mir erzählen. Bist du müde, Spielmutter?«
»I wo werd’ ich denn müde sein,« sagte Jungfer Christiane. »Ich bin doch den ganzen Tag in der Eisenbahn gesessen, da hab’ ich mich auf lang hinein ausgeruht.«
Die drei Stunden den Berg herauf zählte sie nicht.
Die Schwester rückte einen Lehnstuhl her.
»Die Nachtwache kommt von Zeit zu Zeit herein,« sagte sie. »Wenn Sie etwas brauchen, so läuten Sie nur. Wollen Sie denn aber wirklich dableiben?«
Ja, ja, natürlich wollte sie.
Da tat die Schwester einen langen Blick über ihren Kranken hin, weil sie nicht wußte, ob sie ihn am Morgen wieder finde.
Sie sah aber, daß hier nun dennoch der Arm voll Freude für ihn war, den sie ihm gewünscht hatte. Und sie machte ihre Hände wieder auf und ließ die liebe Sorge der Frau, die bei ihm war.
Da waren ja auch noch andere, die ihrer bedurften.
Es kam sie aber nicht ganz leicht an. Denn eine Schwester hat auch ein menschliches Herz, sozusagen.