»Mein Tyras ist auch so ein Kerle.«
Kein Mensch fragt, was für ein Kerle der Tyras des Landsturmmannes Möschenmoser aus Denglingen im badischen Oberland sei. Es wird schon kommen, wenn man’s abwartet. Der Möschenmoser macht nicht leicht den Mund auf. Es muß schon dunkel sein und es müssen die Sterne scheinen und es muß von Tieren die Rede sein.
Im Frieden ist er nämlich Schäfer.
Wenn er etwas sagt, dann kommt es wie aus einem langen Gedankengang heraus. Es wird wohl auch so sein.
Er ist noch nicht lang im Krieg gewesen. Zwei Brüder sind ihm schon gefallen, einer in Rußland und einer in den Vogesen. Er ist der Letzte. Im Februar ist er ausgerückt und im März verwundet.
Als ihn niemand frägt, hält er’s für ein Zeichen, daß er fortfahren soll.
»Also es gibt nämlich Sachen, die kann kein Mensch erklären. Zum Beispiel, wieso es kommt, daß ein Tier etwas von weitem spürt und ein Mensch nicht. Und der Mensch soll doch das Höchste sein in der Schöpfung. Aber er hat zuviel gelernt, das ist der Fehler, er ist zu gescheit geworden. Er ist von der Natur entwöhnt.
Darum ist ihm der feine Merks verloren gegangen.
Ein Tier hingegen ist ganz Natur und hat gute Augen und Ohren und eine scharfe Witterung.
Und ist auch treu und unveränderlich, weil es nicht so vielerlei bedenkt und will, sondern bloß seinen einen Herrn und was dem recht und lieb ist. Zum Beispiel mein Tyras – jetzt gehört er mir, vorher hat er meinem Kleinen gehört – der hat, seit er von der Mutter weg ist, seiner Lebtag nicht anders geguckt, als mein Kleiner gewollt hat.«
Soviel wußten alle im Saal von den Familienverhältnissen des Möschenmosers, daß sein Kleiner der jüngste Bruder war, der in Rußland gefallene. Möschenmoser hatte ihn aufgezogen, auch »von der Mutter weg« und hatte ihm »sein Herz geschenkt.«
»Also, mein Kleiner ist doch auch Schäfer gewesen und hat immer mit dem Tyras gehütet, seit der erzogen war.
Und er hat immer gesagt: ›Dieses Tier ist klüger als ein Mensch; es versteht rein alles. Man muß es nicht einmal zu ihm sagen, es spürt, was man will und wie es einem ums Herz ist. Es ist auch nicht stumm; es kann reden; mit dem Schwanz und mit den Ohren kann es alles sagen.‹
Und also dann ist der Krieg gekommen. Am zweiten August ist mein Kleiner abmarschiert, mitten in der Nacht. Ich hab’ ihn begleitet bis an den Kreuzweg, Hirzenbach zu, und der Tyras war auch dabei. Dort ist mein Kleiner mit den andern Burschen aus den Raithöfen zusammengetroffen, da haben wir zwei umgekehrt, der Tyras und ich. Der Hund hat gewinselt und gebettelt ums Mitdürfen. Aber sein Herr hat ihm bloß den Kopf gestreichelt und hat gesagt: ›Du bleibst da und folgst dem Xaver. Wenn ich wieder komm’, und sei’s mitten in der Nacht, so kommst du mir wieder entgegen. Und somit b’hüet Gott.‹ Das b’hüet Gott hat uns beiden gegolten.
Der Tyras ist langsam mit mir heimgegangen, aber er hat die Ohren gehängt. Er hat nicht herumgesucht nach seinem Herrn. Er hat’s ja wohl gewußt, daß er fort ist. Aber ein altes Schäferhemd von ihm hat er hinten im Stall gefunden und von seinem Nagel herabgezerrt. Das ist fortan immer sein Lager gewesen.
Die Zeit ist so herumgegangen.
Mein Philipp ist am Donon gefallen, und ich bin natürlich im Kummer drum gewesen und hab’s auch dem Tyras gesagt. Da ist er einen ganzen Tag lang nicht von mir weggegangen, weil er gespürt hat, daß ich eine Teilnahm’ brauchen kann. Aber sonst ist er ruhig geblieben. Elend mager ist er geworden gegen den Winter hin, und seine Kunststücke, die ihn mein Kleiner gelehrt hat, hätt’ er um keine Wurst und keine Liebe mehr gemacht.
Ich hab’ angefangen, auch mit ihm zu schwätzen, wenn wir an den Winterabenden ganz allein am Ofen gesessen sind.
Wie man halt ist, man braucht eine Ansprach’.
Und der Hund hat doch meinem Kleinen gehört und ich hab’ gewußt, daß er an ihn denkt. Wenn ich gesagt hab: ›Tyras, was macht jetzt auch unser Kleiner?‹ dann hat er gewinselt und mit dem Schwanz auf den Boden geklopft, wie wenn er sagen wollte: ›Ich wär’ selber froh, wenn ich’s wüßte.‹
So ist der Januar gekommen. Ich hab’ schon ein paar Wochen keinen Brief mehr aus Rußland gekriegt und hab’ mir viel Sorgen gemacht.
Aber der Tyras ist ganz ruhig geblieben. Da hab’ ich mir gedacht: vielleicht dürfen sie bloß nicht schreiben. Oder die Feldpost kommt nicht recht nach, oder es ist ein Brief verloren gegangen.
Da, am achtundzwanzigsten Januar, wie es Abend wird und ich will das Haus und die Läden schließen und gehe außen ums Haus herum, hör’ ich den Tyras von weitem bellen, wie er allemal gebellt hat, wenn sein Herr heimgekommen ist. Sonst hat er einen ganz andern Ton gehabt. Mir hat das Herz geschlagen bis an den Hals herauf.
Wenn’s jetzt auch möglich wär, daß er käm’, hab’ ich gedacht, und bin dem Hund nachgegangen bis an den Kreuzweg, wo wir selbigesmal Abschied genommen haben.
Da ist der Tyras gestanden und hat ins Tal hinunter gebellt. Aber auf einmal ist es kein Bellen mehr gewesen, sondern ein Heulen, und er ist fortgeschossen, an mir vorbei, nach einer andern Richtung, weit, bis an den Wald.
Darauf ist er wieder gekommen und hat immer ein Geheul ausgestoßen, wie im höchsten Schmerz, und wieder fort in einer Aufregung. Mir ist’s ganz unheimlich gewesen. Ich hab’ gepfiffen, und als er wieder einmal gekommen ist, hab’ ich ihn am Halsband gefaßt und auch richtig bis ans Haus gebracht.
Aber hinein wär’ er um keinen Preis gegangen.
Ich hab’ ihm gut zugeredet, und als das nichts geholfen hat, hab’ ich kurz befohlen: marsch jetzt, hinein.
Denn das Getue hat mich mehr aufgeregt, als ich sagen kann. Aber er hat nicht gefolgt, so pflichtig er sonst gewesen ist. Es war, als ob er sagen wollte: Begreifst du denn gar nichts? hast du denn gar keinen Merker?
Aber ich hab’ in Gottesnamen nicht gewußt, was er hat und bin ohne ihn ins Haus gegangen und später auch ins Bett. Aber geschlafen hab’ ich nicht, denn das Tier hat die ganze Nacht fortgemacht mit Bellen und Heulen und Suchen. Um ein Uhr bin ich wieder aufgestanden und ums Haus herum gegangen. Da ist ein schöner, heller Sternenhimmel hoch über mir gestanden und gerade auch der große Wagen. Den hat mein Kleiner immer so gern gesehen und ich bin mit meinen Gedanken nach Rußland hinein gegangen, heißt das, in die Karpathen, wo mein Kleiner gegen die Russen gestanden ist, und hab’ gedacht: Am End’ wacht er auch und sieht die Stern’ am Himmel, und denkt heim. Wer weiß?
Aber kein Gedanke, kein einziger hat mir gesagt, daß er in selbiger Nacht ist schwerverwundet irgendwo im Schnee gelegen und hat vielleicht gerufen nach einer Hilfe, und niemand hat ihn gehört, noch gewußt, wo er ist.
Eine Woche später habe ich den Bescheid bekommen, daß er gefallen ist, und ein Kamerad hat mir auch geschrieben, daß man ihn drei Tage nach seiner Verwundung im tiefen Schnee gefunden hat, tot. Er ist erfroren, er ist nicht verblutet.
Mein Tyras ist am selbigen Morgen nach der unruhigen Nacht heimgekommen, matt und müd und ganz still. Von mir hat er gar nichts gewollt, es ist gewesen, als ob er sein Sach hätt’ ganz allein erleben müssen, weil wir zwei nicht haben miteinander hören und riechen und fühlen können.
Er hat’s damals schon gewußt, sag’ ich.
Vielleicht hat er ihn rufen gehört, oder was weiß ich?
Er hat mich manchmal so angeguckt, als ob er sagen wollte: das muß man noch erfinden, daß wir miteinander reden können; vorderhand hat’s keinen Wert, wenn ich mich mit dir abgebe, denn du verstehst mich ja doch nicht.
Jetzt ist mir’s immer, der Tyras sei noch näher verwandt mit meinem Kleinen, als ich.
Ich sag’ bloß, es gibt Sachen. Sachen gibt es –« – – – –
In die entstandene Pause hinein sagt eine junge Knabenstimme:
»Der, wenn er mit in den Karpathen gewesen wär’, der hätt’ ihn gefunden.«
Ganz begeistert sagt es die junge Stimme. Sie gehört dem Kriegsfreiwilligen Rau, einem frischen, blonden Buben, den die Kameraden mit einer gewissen Zärtlichkeit »Bürschle« heißen.
Er steckt in Gips bis über die Hüften, aber er ist vergnügt, daß er wenigstens die Hände frei hat. In den Händen hat er immer entweder eine Mundharmonika oder einen Band Gottfried Keller.
So eine dämmerige Plauderstunde aber ist ihm noch lieber als ein Buch.
»Mein Bruder ist auch in den Karpathen. Er ist Arzt,« fährt Bürschle fort, »und er hat mir geschrieben, – ach was, es ist gleich, halt auch von einem Hund.«
Denn auf einmal kommt es ihm vor, als ob das, was der Bruder geschrieben habe, nicht ganz direkt auf die geheimnisvoll-dunkle Geschichte des Möschenmosers hin zu genießen sei.
»Sag’s doch, Bürschle, wirst dich doch net schenieren,« ermunterte ihn sein Nebenmann. »Jetzt hast gegackert, jetzt mußt auch legen.«
Da nimmt er einen neuen Anlauf.
»Von einem Sanitätshund hat er geschrieben, der ganz neu zu seiner Sanitätskolonne gekommen ist.
Es war an einem späten Abend, da waren sie alle, die Ärzte und die Sanitäter, sehr müde, und draußen stürmte es, als ob der Wind ihre Baracke wegtragen wollte. Und sie meinten, sie wären für heute fertig. Aber der neue Hund wollte durchaus noch einmal hinaus und begehrte sehr heftig, daß jemand mit ihm gehe. Da waren zwei Sanitätsmänner, an denen war die Reihe für den Nachtdienst, die gingen mit, aber nicht gern, und mein Bruder ging auch mit, weil es ihn interessierte, was da noch lebendig sei heute nacht.
Der Hund führte sie durch dichtes Gestrüpp und dann einen steilen Hang hinunter, und wieder hinauf, und endlich blieb er bellend an einem tiefen Graben stehen. Und in dem Graben lag ein verwundeter Mann, der streckte flehentlich die Hände nach ihnen aus.
Der eine von den Sanitätern aber war mißgelaunt aus irgend einem Grund und ärgerte sich über den späten Weg und sagte, als er in den Graben sah: »’s ist ein falscher, ein Russ’. Der dumm’ Kerle kennt sie noch nicht auseinander.«
Da sagte der andere: »Sei still, schimpf nicht. Der wird recht, der Hund. Der hat’s wie unser Herrgott, der ist auf diese Weis’ auch neutral.««
So weit das Bürschle.
Sie loben es aber um seine Geschichte, denn sie haben es auch wie der Hund und der Herrgott. Gegen verwundete Leut’, die ihre Hände ausstrecken, sind sie auch neutral.
Davon wüßte ein jeder zu sagen.
Aber eh’ noch ein Wort fällt, geht die Tür auf und die Schwester kommt herein mit der Lampe, und hinter ihr der Doktor.
Der spürt den frischen Lufthauch vom Fenster her, in dem der Pfeifenrauch sich sachte verdünnt und verzogen hat, und sieht in lauter blinzelnde, zufriedene Gesichter, und sagt – er ist ein Bayer –:
»Habts an Guat’n g’raucht, ihr Leut’?«
Und fängt an, pflichtlich von Bett zu Bett zu gehen.