Aber was der Schuhmacher in der Nacht herausgestöhnt hatte, das war nicht alles gewesen, was er aus dem Krieg mit heimgebracht hatte und was er davon zu sagen wußte.

Es kam ein Weib drei Stunden weit über Berg und Tal daher, um ihn zu fragen. Da fand sich’s, daß er Dinge erlebt und in sich gesammelt hatte, von der Art, die die Engel Gottes gelüstig machen könnte, Mensch zu sein auf Erden, weil sie in ihrer friedlichen Seligkeit nicht wissen können, was es ist, wenn Brüder das Leben für einander geben, und wenn blutige Streiter noch Herz und Milde für den Feind haben, und wenn Väter überall Väter sind, wo sie auch hinkommen und wo Kinder sind auf der Welt.

Es war am Sonntag nachmittag auf der Hölzleswiese. Der Kirschenbaum bot seine braunroten Früchte an zur Schnabelweide. Auf der Leiter stand der Vater und über ihm in einer Gabel saß der Daniel und ließ die Füße baumeln. Beide brockten eifrig, ohne zu dem Baum zu sagen: mit Verlaub, ich bin so frei, aber mit dem Unterschied, daß der Daniel alles gleich da hinein versorgte, wo es am sichersten ist und nur die Steine hinunterspuckte, und der Vater ein Weidenkörblein anhängen hatte, das sich nach und nach füllte, für die Familie nämlich, die unter dem Baum saß. Von Zeit zu Zeit rief er: »Paß auf, Lenele,« und warf eine Handvoll als Abschlagszahlung in das aufgehobene Schürzlein, versprechend, bald komme er hinunter, es sei jetzt einstweilen genug.

Die Mutter hatte den Schorschle im Schoß und ließ ihn, der seine Füße in Gebrauch nehmen wollte, auf sich herumsteigen, gab ihm liebe Namen und dachte drunterhinein, wenn es morgen nicht Tag würde und sie könnten alle miteinander schlafen bis zum Friedensschluß, so hätte sie nichts dagegen. Denn morgen war derjenige Tag, man weiß schon welcher.

Da kam ein Weib aus dem jenseitigen Wald heraus, nicht aus dem Hölzle, sondern aus dem Frauenzeller Staatswald, der sich lang und dunkel auf der Hochfläche hinstreckt. Es trug schwarze Kleider und hatte ein Körblein am Arm, ging so sachte für sich hin und wiegte manchmal den Kopf, wie wenn es seinen Gedanken im stillen Red’ und Antwort stände. Das sahen sie unter dem Kirschenbaum und dachten: wo mag sie auch hinwollen? sie sieht aus, als ob sie mit einer Leich’ gehen wollte. Es ist aber unseres Wissens keine in der Nachbarschaft.

Als die Wallerin – sie mußte nämlich an dem Kirschenbaum vorbei – herzu kam, bot ihr die Schuhmacherin die Zeit mit der Frage: »Auch unterwegs heut?« und empfing mit dem Dank die Gegenfrage: »Da bin ich doch recht nach Hirzenbach?«

Die Schuhmacherin wies ihr Weg und Steg, nicht ohne auf den Busch zu klopfen, wem etwa in Hirzenbach der Besuch zugedacht sei, schon wegen der Wegweisung ins Unter- oder Oberdorf.

Aber sie staunte nicht schlecht, als sie vernahm, daß ihr eigenes Haus vermeint sei, und daß der Weg ihrem Mann zulieb gemacht sei.

»Da könnet Ihr gleich dableiben, Weib,« sagte sie, »der Johann Berner, das ist mein Mann, und er steht da oben auf der Leiter.«

Eh’ sie aber den Mann herunterrief, kam er, der alles gehört hatte, schon Schritt für Schritt die Leiter herunter, machte im währenden Absteigen die Hemdärmel zu und stand gleich darauf vor der Fremden.

»Drum bin ich die Hansenbäuerin von Bergzell,« sagte diese, »und meines Manns selig Vetter hat mir geschrieben, Ihr seiet im Urlaub und Ihr seiet dabei gewesen, wie man meine Buben begraben hat. Jetzt, wenn Ihr mir halt sagen könntet, wie es gewesen ist,« – sie sah mit kummervoll fragenden Augen dem Mann ins Gesicht: sag’ mir alles, was du weißt, aber gelt sag’ mir nicht so Schreckliches, daß ich’s nicht zu tragen vermag. Tot sind sie, das weiß ich, aber ob sie halt schwer gelitten haben, wenn ich das wüßte.

Sie saßen miteinander unter dem Kirschbaum. Der Daniel lag im Gras dabei, stützte den Kopf mit Ellenbogen und Fäusten und hörte zu mit Augen, so groß und rund wie Pflugräder.

»Brave Buben habt Ihr gehabt,« sagte der Vater, »rechte Buben.

Ich werd’s doch wissen, wir sind ja in einer Kompagnie gewesen. Alle haben sie gern gehabt. Das Zwiegespann hat man sie immer geheißen, weil sie immer gewesen sind wie zusammengeschirrt. Keinen hat man gesehen ohne den andern.«

»So sind sie von klein auf gewesen,« sagte ihre Mutter und sank in die Vergangenheit hinein, wie in einen tiefen See.

»Ich habe einmal dem Joseph den Hintern verhauen, da hat der Vinzenz überlaut geschrieen: Mutter, gib mir auch. Und wenn der Große ins Feuer und Wasser gegangen wär’, so wär’ der Kleine auch hinein.

Wie sie in den Krieg gegangen sind, hat der Joseph zu mir gesagt: »Mutter, ich paß’ dir auf deinen Kleinen auf, so wahr ich leb’.««

»Das hat er auch getan,« bestätigte der Berner. »Da ist nichts dran auszusetzen. Also so ist es gegangen: Wie wir im ärgsten Feuer gewesen sind bei einem Sturmangriff und auch das Zwiegespann wie wild drauf los, fährt auf einmal dem Vinzenz« – »das ist mein Kleiner« – schob die Mutter ein, »fährt ihm auf einmal eine Kugel durch den Fuß, daß er stolpert und hinfällt und auch nicht mehr aufstehen kann.

»Joseph, verlaß mich nicht,« schreit er hell hinaus.

»Was werd’ ich dich denn verlassen,« sagt der Joseph, wie wenn nichts wär, ganz ruhig. Der Feldwebel schreit: voran, drauf! Aber der Joseph sagt bloß: »Der muß auch mit« und lädt den Bruder auf den Rücken. Und wie das jetzt der Fall sein mag, ob der Feldwebel gedacht hat: mit dem ist doch vorher nichts anzufangen, eh’ der andere versorgt ist oder ob’s ihm grad so natürlich vorgekommen ist wie uns, kurzum, er läßt ihn richtig laufen. Und der Joseph schleppt den Vinzenz – es sind ja beides Kerle wie die Bäum’ – fünfzehn Schritt vor, durch einen Geschoßhagel hindurch, bis an eine steinerne Ruhebank, die er von weitem erspäht hat, es ist ein Kruzifix dabei gestanden. Dort hat er ihn wohl in Deckung hinlegen und dann wieder an seine Schuldigkeit gehen wollen, denn er ist keiner von denen gewesen, die an sich denken im Gefecht, da trifft ihn ein Geschoß in den Hals und fährt ihm durch und durch und dem Vinzenz noch in die Brust.

So weiß ich’s von denen, die nach ihnen kamen und denen der Vinzenz im Niederfallen noch zurief: »Behüt’ euch Gott, ihr Brüder, wir zwei tun nimmer mit.««

Die Schuhmacherin drückte ihren Schorschle ans Herz und sah von der Seite den Mann an, der jetzt den Vorhang ein Stück weit auftat, um einer betrübten Mutter zu geben, was ihr gebührte, und der im gleichen Feuer gewesen war. Ja und der, hilf Gott, auch wieder hineinging. Aber sie tat keinen Schnaufer, um ihn nicht drauszubringen.

Die Hansenbäuerin saß ganz still und aufrecht da und sah vor sich hin, wie in eine weite Ferne. Wahrscheinlich kniete sie nieder ins Gras zu ihren beiden Buben und horchte, ob ihr Herz noch schlage und ob etwa noch ein letztes, armes Wörtlein von den blutigen Lippen falle. Und vielleicht legte sie einen nach dem andern – was gingen sie die fliegenden Kugeln an? – ausgestreckt zu den Füßen des stillen Mannes am Kreuz, der grad auf sie heruntersah, und der einstmals auch sein Leben für die Brüder gelassen hat.

»In der Zeitung sei damals gestanden,« fuhr der Schuhmacher fort, »der Sturmangriff sei glänzend durchgeführt worden. Ich weiß nicht. Wenn man selber mittut, merkt man allemal nicht so viel von dem Glanz. Das macht, daß er so viel gute Kameraden kostet. Das wissen die nicht so, die es schreiben. Aber nach vier Stunden haben wir die Stellung doch gehabt: eine steile Anhöhe; es ist ein Wallfahrtskirchlein droben gestanden, das war bös zerschossen, aber es hat doch noch etwas von einem Dach gehabt. Innen lag alles voll von Verwundeten, Deutsche und Franzosen durcheinander, außen drum herum legten wir die Toten, die kein Dach mehr gebraucht haben. Da sind auch Eure Buben gelegen.

In dem Kirchlein ist auch eine Orgel gewesen. Und in der späten Dämmerung ist einer von den Verwundeten aufgestanden, es ist ein Schullehrer gewesen, er hat einen Kopfschuß gehabt, keinen so schweren, und hat auf der Orgel ein Lied gespielt, das hab’ ich von daheim gekannt; unser Organist hat’s immer am Karfreitag unters Nachtmahl hineingespielt. »Liebe, die für mich gestorben,« heißt es, hat er gesagt. Da haben wir alle mit Graben aufgehört und die Mützen heruntergetan; nämlich wir sind gleich dran gegangen, den Toten das Bett zu machen und das Lied ist ihr Schlaflied gewesen.

Unser Feldwebel ist ein Rauhbauz und hat einen oft elend kuranzen können. Aber wie er das Zwiegespann gesehen hat: »Das hat man sich denken können, daß für die Zwei eine Kugel langt,« hat er gesagt und hat mit den Augen gezwinkert, daß man’s nicht merken soll, daß es ihm schwer fällt. Er hat auch sein Teil; der Arm wird wohl hin sein.«

An den Daniel dachte kein Mensch, bis er auf einmal patzig sagte: »Aber gelt, Vater, bloß die Deutschen habt ihr hineingetan in das Grab, die Franzosen nicht!«

Da sahen sie alle nach dem kleinen Kerl hin, der ganz mit seinen eigenen Gedanken bei der Sache war.

»Was denkst auch, Büble,« sagt der Vater. »Wir haben sie doch erschossen gehabt. Das wär noch schöner. Wir haben ein großes, großes Franzosengrab gemacht und zwei, auch keine kleinen, für unsere Kameraden.«

»Drum,« seufzte die Schuhmacherin befriedigt auf. Denn es dünkte sie doch immerhin erträglicher, wenn die Unseren wenigstens nicht Brust an Brust mit dem Feind liegen mußten. Was zuviel sei, sei zuviel, dachte sie. Aber schon tat ihr der Mann den Deckel vom Hafen.

»Ganz grad ausgegangen ist’s freilich nicht,« fuhr er fort. »Solang wir an der Arbeit gewesen sind, sind noch drei Franzosen gestorben. Die haben wir, weil im Franzosengrab kein Platz mehr gewesen ist, zu den Unseren hineingetan. Sie tun einander nichts mehr.«

Die Hansenbäuerin nickte schwer.

»Werden auch arme Leut’ gewesen sein, die den Krieg nicht angefangen haben,« sagte sie gut und lind.

»Kann sein, sie haben auch Weiber und Mütter daheim gehabt. Von mir aus, bei meinen Buben dürfen sie wohl liegen, die armen Tropfen.«

Dem Daniel gefiel’s nicht. Er stand auf und machte sich über den Kirschenkorb her, an dem das Lenele schon lang mit stillem Eifer saß.

Die Hansenbäuerin stand auf.

Sie gab dem Schuhmacher und seinem Weib die Hand.

»Ich hab’ weit heim,« sagte sie. »Und was ich hab’ wissen müssen, weiß ich jetzt. Ich sag’ vielmals vergelt’s Gott.«

Die Freude war wohl ausgelöscht in ihrem Herzen, aber die Ergebung nicht. Sie sah in allem Kummer stolz und vornehm aus. So sehen viele Frauen aus im deutschen Vaterland.

Sie sahen ihr nach, bis sie wieder in die dunkle Waldestür einging.

»Vater, erzähl’ noch mehr vom Krieg,« bettelte der Daniel.

»So etwas von einem Gewitter.«

Das war nämlich so: Vorgestern war ein Gewitter gewesen, bei dem eine zeitlang Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag einander folgten. Der Daniel war der Mutter am Kleid gehangen, denn es war ihm etwas bänglich bei dem Krachen. Die Mutter aber (es war nach jener Mondnacht) gab ihm einen Puff: »Sei kein so Hasenfuß. So kracht’s im Krieg immer, wenn nicht noch ärger.«

Jetzt an dem friedlichen Sonnentag unter dem Kirschbaum hätte der Daniel gern etwas von Blitz und Schlag und wildem Tosen gehört, es hätte arg sein dürfen, es hätte ihm nichts gemacht.

Da begann der Vater: »Denk’ einmal, in Frankreich drin hab’ ich auch einen Buben gekannt, in deinem Alter, und bin gut Freund mit ihm gewesen. Er hat meiner Quartierfrau gehört. Der Vater ist schon ganz im Anfang in den Krieg gekommen. Seither haben sie nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht ist er schon lange tot.

Seine Mutter ist ein kleines, zierliches Weiblein und hat zuerst eine Heidenangst vor uns gehabt. Sie hat vom Hörensagen gewußt, wir seien schier so arg wie Menschenfresser. Wir sind zu dritt bei ihr im Quartier gelegen. Wie wir eingezogen sind, hat sie ihre Schubladen und Kästen vor uns aufgesperrt und gesagt: »Nix da, nix da, nix Geld, nix Essen,« und hat ihr Büblein an sich gepreßt, als wenn wir’s opfern wollten wie den Isaak.

Da haben wir unser Brot auf den Tisch gelegt und was wir so bei uns gehabt haben und haben ihr begreiflich gemacht, daß sie mit uns essen sollen alle beide, und haben dagegen angezeigt, daß wir Durst haben. »Auch nix dü Wäng?« hat einer gefragt. Da ist sie in den Keller gegangen und hat einen Krug voll Wein heraufgeholt und wir haben friedlich miteinander gegessen und getrunken.

Wir haben ihr Dach geflickt und sie hat unsere Hemden gewaschen.

Damals sind wir fast drei Wochen hinter der Front gewesen und noch gar nicht im Gefecht. Später ist’s anders gekommen.

Jetzt, wie sie nach und nach zutraulich geworden ist, hat sie mir anvertraut, daß ihr der Pierre, so heißt der Bub, gar nicht folgen wolle.

Sie habe einen braven Mann und der Bub verkomme ihr.

»So, was tut er denn?« hab’ ich gefragt.

»Ha, er geht hinter die Schule und strolcht mit bösen Buben herum,« sagte sie.

»Ich tät’ ihn verhauen, wenn ich Sie wär’,« sag’ ich.

Da sagt sie, er sei ihr zu stark und zu wild, sie sei nicht so bei Kraft die Zeit daher, und er sei auch das Ebenbild von seinem Vater, ihrem lieben Léonard, das könne sie doch nicht schlagen.

Da hab’ ich mir im stillen gelobt: ›Ich besorg’s ihm einmal. Vielleicht tut mir daheim auch einmal einer den Dienst bei meinem Buben.‹«

Der Daniel kroch vorsichtig ein bißchen näher zur Mutter hin. Die legte ihm liebreich die Hand auf den Arm.

»Ich hau’ dich schon selber, wenn’s nötig ist,« sagte sie beruhigend.

Da war’s ihm recht.

»Es hat sich auch bald begeben,« fuhr der Vater ruhig fort.

Kann sein, er hatte das Zwischenspiel gar nicht gesehen.

»Der Pierre ist ein ganz netter Schlingel gewesen mit kohlschwarzen Augen und einem Wald von schwarzem Lockenhaar.

Aber er hat einen Kameraden gehabt, drei, vier Jahre älter, einen durchtriebenen Strick, dem hat er alles tun müssen, was er gewollt hat.

Und einmal find’ ich die zwei beisammen, wie sie der alten Madlene, das ist eine Wäscherin gewesen, ihren großen Waschzuber angebohrt haben, daß die Seifenbrüh’ auf die Gasse gelaufen ist. Heißt das, der Pierre hat’s getan, der andere hat bloß zugesehen und gehetzt: »Mach’, mach’ voran, sie kommt; das ist ein Hauptspaß, wenn sie schimpft.« Und hat gelacht wie ein junger Teufel. Da hab’ ich mein Gewehr – ich bin grad von der Wache gekommen – an eine Hauswand gelehnt und hab’ den Pierre ’rübergelegt und durchgewamst. Alle Fenster sind aufgegangen vor seinem Geschrei. Und alle Leut’ sind auf die Gasse gekommen, aber ich bin jetzt schon im Zug gewesen und hab’s gründlich gemacht.

»Was, Kerle,« hab’ ich gesagt, »dein Vater ist im Krieg und läßt sich totschießen für sein Vaterland, und daheim hat er so einen Strick? Meinst, das tät’ ihn freuen, wenn er’s wüßte?««

Der Vater unterbrach sich. »Nein, nein, meine Wort’ hat er nicht verstanden,« sagte er auf die Frage der Mutter, ob denn der Bub deutsch verstanden habe, da ihres Wissens dem Mann das französische nicht so herauslaufe wie Brunnenwasser. »Meine Wort’ hat er nicht verstanden, aber meine Hieb’ sind deutlich gewesen.«

»Ungefähr acht Tage nach dir ist die Frau in die Wochen gekommen, wieder mit einem Buben. Den hat sie Jean taufen lassen, das ist wie bei uns Johann, »zur Erinnerung an die brave deutsche Einquartierung,« hat sie gesagt.

Sie hat uns nicht ungern gehabt.«

Die Schuhmacherin rückte ein bißchen unruhig hin und her.

So arg es ist, es muß gestanden sein, daß sie dachte, jetzt könnten die Männer auch einmal genug im Quartier gelegen sein, sie müßten doch auch wissen, zu was sie im Krieg seien.

Aber sie schluckte jegliche Bemerkung hinunter, es war ihr selber ein Kreuz, daß sie so dachte.

Es kam auch gleich anders.

»Wir haben zusammengelegt zu einem kleinen Tauffest,« erzählte der Mann weiter. »Ich hab’ gesagt, das gelte für mein Büble daheim, das ich noch nicht gesehen hab’. Da, wie wir grad gemütlich dasitzen und auf alles Mögliche daheim anstoßen, bläst draußen ein Hornist zum Sammeln und wir müssen auf und fort.

Behüt’ uns Gott, der Krieg ist etwas arges, man mag sagen, was man will.

So haben wir in der Kürze Abschied genommen. Feind ist Feind, aber Mensch ist Mensch. Es wird keine Sünd’ sein, daß ich das sag’.

Der Pierre und eine ganze Horde anderer Buben sind mit uns marschiert bis an den Wald und haben überlaut die Wacht am Rhein gesungen. Die haben wir sie gelehrt. Kann sein, ’s ist ihren Vätern nicht recht. In selbiger Nacht sind wir noch ins Gefecht gekommen.«

Der Vater brach den Faden ab und sah vor sich hin.

Die Mutter kam sich schier gar schuldig vor, so, als habe sie den Befehl zum Abmarsch erteilt.

»Ich bin’s nicht wert, daß er damals gesund geblieben ist,« dachte sie ehrlich.

Der Daniel zupfte den Vater am Ärmel.

»Vater, das ist doch nicht vom Krieg gewesen,« sagte er.

»Jetzt kommt’s, jetzt mach weiter.«

Der Vater sah seine Lieben im Kreis herum an.

»Wenn’s Gott’s Will’ ist, daß ich gesund wieder heimkomm’ – oder halt überhaupt heimkomm’, und ’s sind vielleicht ein paar Jahr’ drüber hin, und ’s ist manches versurrt und über manches Gras gewachsen, dann will ich’s erzählen. Ich vergess’ es nicht, ihr brauchet keine Angst zu haben, es ist alles blutig tief hineingeschrieben.«

Da, als der Daniel sah, daß nichts mehr kam, lief er einem Falter nach, der schon eine Weile in der Nähe herumwirbelte. Das Lenele schlief neben der Mutter.

Den Schorschle nahm der Vater auf den Arm.

»Es ist doch gut, wenn man wieder einmal sieht, für was man ficht,« sagte er. »Da draußen will’s einem manchmal vergehen.«

Es war still um und um. Heißt das, wenn man das Grillengezirpe und das Heuschreckengeigen und das Mückensummen nicht rechnen will, das man erst in der Stille auf einmal zu hören beginnt. Und nicht das vielstrophige Lied der Drossel im nahen Hölzle.

Die Sonne kam auf ihrer weiten Sommertagsbahn nahe zur Erde her, so viel man von hier aus sah.

Da fing alles an zu flimmern und zu leuchten.

Er saß still und ließ lange Blicke um und um gehen.

»Seh’ ich dich wieder, Heimat, oder seh’ ich dich nicht mehr?

Das zweitemal ist das Gehen herber als das erste.

Nicht daß ich daheim bleiben möcht’, so lang draußen Krieg ist.

Gott verhüt’s. Um kein Geld und Gut und nicht um Kuß und Liebe von Weib und Kind blieb’ ich da.

Ich könnt’ keine Nacht schlafen in meinem Bett. Ich müßt’ immer hinaushorchen, ob’s regnet oder stürmt, und ob’s kracht und donnert.

Ihr Brüder im Feld draußen, ich gehör’ zu euch mit Leib und Leben. Und zu euch daheim gehör’ ich auch.

Weiß Gott, es zerreißt mir das Herz. Ich kann nicht hier sein und dort zugleich.

Das ist der Krieg. Wenn Frieden ist, kann man an einem Platz sein ganz und gar.

Aber hier muß es bleiben, wie es ist. Deutsch muß es bleiben und friedlich. Das ist sicher. Daß man schaffen kann und seine Kinder aufziehen und daß das Land unser bleibt.«

»Hast etwas gesagt?« fragte das Weib.

»Es ist mir so gewesen.«

»Nein, ich hab’ nichts gesagt mit Wissen. Gedacht hab’ ich so manches. Man kann nicht alles sagen. Horch, Weib: es ist mir lieb, daß du fest hinstehst. Ich hab’s wohl gesehen, daß du’s tust. Es ist jetzt eine andere Zeit als sonst. Man muß die Zähn’ übereinander beißen und auf Gott vertrauen. Den Kopf hängen lassen darf man nicht. Es ist, wie wenn man zum zweitenmal auf der Welt wär’. Das, was vor dem Krieg gewesen ist, das ist das erstemal. Und jetzt ist’s wie eine andere Welt.«

Sie sagte nichts dazu.

Vielleicht gab sie sich Mühe, seine Anweisung auszuführen: die Zähn’ übereinander beißen und auf Gott vertrauen.

»Und horch, Weib: du hast die Hansenbäuerin gesehen. Das ist eine rechte Frau.

So wie die muß eins sein, wenn –«

»Sag nichts; ich weiß schon, was du meinst. Sag nichts. Man tut halt, was man kann. Der Pfarrer hat heut gesagt: Dein Wille geschehe, das heiße nicht immer hergeben, das heiße auch manchmal geschenkt kriegen.«

»Ja, ja, das ist auch wahr. So kann man’s auch ansehen. So wollen wir denn heimgehen. Es wird mondhell heut nacht. Um drei Uhr muß ich fort. Du gehst mir keinen Schritt zum Haus hinaus.

Man darf der Katz’ den Schwanz nicht stückweis abschneiden. Wir machen’s kurz. Die Kinder schlafen dann, bei denen bleibst.«

Gesang ertönte von weitem her, junge Stimmen von Burschen und Mädchen; der leichte Abendwind trug sie herzu, noch ehe man die Lustwandelnden erblicken konnte.

Sie sangen das Lied vom schönsten Wiesengrunde, in dem der Heimat Haus steht. Das war, als hätte die Heimat selber eine Stimme bekommen und locke ihre Kinder zu sich her, damit sie ihr tief ins Auge und ins Herz sähen.

Das war für die unter dem Kirschbaum nicht von nöten.

Sie hätten mitsingen können, wenn es ihnen ums Singen gewesen wäre:

»Müßt’ aus dem Tal ich scheiden,
Wo alles Lust und Klang.
Das wär mein herbstes Leiden,
Mein letzter Gang.«

Aber sie horchten still, bis die Stimmen verhallten.

Dann wandelten sie miteinander heimzu.

Er trank noch einmal alles mit den Augen in sich hinein.

Sie tat desgleichen für ihn.

Gute Nacht, Hirzenbach.

Heimatwelt, gute Nacht.