Es war eine mondhelle Nacht. Die Schuhmacherin lag wach und sah zu ihrem Mann hinüber, der schlief tief und fest. Lange, volle Atemzüge tat er, es war ein Staat. Zwischen ihnen lag der Schorschle und schnäufelte kurz und leicht, wie halt so ein Kindlein tut, man merkt’s kaum. Die Mutter hatte ihn ins Bett genommen, weil er schrie und nicht mehr einschlafen wollte. Nun war er wieder hinüber ins Traumland. Die Schuhmacherin hätte auch wieder einschlafen können, sie hatte jetzt alles um sich herum, was zu ihr gehörte.
Freilich, auf wie lang? Das war der Wurm im Apfel. Drei Tage war der Mann jetzt da, vier kamen auch. Über die vier hinaus konnte sie noch nicht denken. Der Mann sagte zwar, das sei noch nicht nötig. Sonst seien die vier auch noch verdorben. Wenn ihn nicht alles täusche, stehe in der Bibel etwas davon, daß der Mensch das Leben tagweis nehmen solle, nicht wochenweis. Aber das sagte er wohl, und es stand auch in der Bibel, ob er es aber selber so mache, dessen war sie doch nicht sicher.
Er war oft weit weg mit seinen Gedanken, so daß man ihn errufen mußte; ob er aber hinter sich oder vor sich sah, das wußte dann kein Mensch. Das Weib dachte, es werde beides sein, einmal dies und einmal das. Gestern Abend hatte sie ihm den Schorschle eine Weile zum halten gegeben, so lang sie in den Keller ging. Da hatte er das Bürschlein lustig an seinem Bart herumspielen lassen, so lang sie in der Stube war. Als sie aber wieder hereinkam, merkte er’s gar nicht, guckte dem Schorschle tief in die Augen und sagte ein paarmal hintereinander: »Du arms Büble.« Sie hätte ihn gern gefragt, warum der Schorschle ein arms Büble sei, aber wußte sie es denn nicht selber? es war doch genug, daß sein Vater wieder in den Krieg mußte.
Die Schuhmacherin erhob sich ein wenig, stützte sich auf den Ellbogen und sah dem Mann ins Gesicht. Es lag in einer fahlen Helle, weil der Mond jetzt vorrückte. Die Helle machte ihn vielleicht ein bißchen unruhig, denn er bewegte die Lippen, wie eins manchmal vor dem Aufwachen tut. Es wäre einfach gewesen, den Vorhang zuzumachen, aber der Schuhmacherin war es, als ob sie jetzt etwas erfahre, was sie wissen müsse.
Die Sache war nämlich so: Der Schuhmacher sprach nicht gern vom Krieg und von seinen Erlebnissen draußen überhaupt. Weder im Wirtshaus, noch auf der Gasse, noch daheim.
Er konnte manchmal sagen: »Ihr könnet gar nicht genug Gott danken, daß der Krieg draußen ist und nicht hier. Wenn ich denk’, wie es da aussieht.«
Fragte man ihn aber: »Ja, wie sieht’s denn aus?« so sagt er nur: »O wüst, wüst, seid froh, daß ihr’s nicht sehen müsset.«
Sagte jemand: »Was meinst auch, Schuhmacher, wie’s ausgeht? Du kommst doch draußen herein. Die Zeitungen schwätzen viel, wenn der Tag lang ist,« so wiegte er bedächtig den Kopf: »Ich kann bloß sagen: hereinkommen sie nicht, die Franzosen nicht und die Engländer nicht. Und wenn sie auf den Kopf stehen. Wir lassen sie nicht herein. Mehr kann ich nicht sagen.« Das war viel, aber es war den Hirzenbachern nicht genug. Er hätte erzählen können, was er wollte, man hätte ihm alles geglaubt, weil er von draußen herein kam. Aber kein Mensch wußte, wo sein heiteres, schlagfertiges Mundwerk von vordem hingekommen war. Vom Heuet und von der Ernte und vom Obst, da sprach er gern mit, und gegen die Kinder war er wie immer. Die gingen ihm nicht vom Fuß. Er schaffte den ganzen Tag. Als es regnete, saß er in der Werkstatt und flickte und sohlte alles Schuhwerk im ganzen Hause. Dem Weib machte er ein Paar Sonntagsschuhe. Ihrem Essen tat er alle Ehre an und sagte: »Dich sollt’ man als Feldköchin haben, da wär’ man versorgt,« und lachte sie an dazu.
Wenn der Daniel seine Kameraden in die Werkstatt schleppte, weil sie den Soldaten sehen wollten, so tat er ihnen den Gefallen und legte Ahle und Pechdraht weg und schnallte um, daß sie ihn anstaunen konnten. Auch sang er mit ihnen auf Begehren: »Heimat, o Heimat, bald muß ich dich verlassen« und: »O Deutschland hoch in Ehren« und was sie sonst noch anstimmten. Aber so scharf die Mutter aufpaßte: es ging kein einziger Kanonenschuß los in seinen Reden. Immer redete er von andern Sachen mit den Kindern.
Und das war, das wußte sie für gewiß, weil es ihm grauste, davon zu reden. Sie kannte doch ihren Johann. Er trug etwas mit sich herum, das war so, daß er manchmal tief aufschnaufen mußte. Aber er lud es nicht bei ihr ab. Vielleicht dachte er, sonst müsse sie es nachher schleppen, wenn er fort sei, und es wachse dann ins Ungemessene.
»Was magst du auch erlebt haben ohne mich da draußen?« dachte sie, als sie ihn so ansah. »Das machen viele Jahre an meinem Herzen nicht mehr wett.«
Da wurde auf einmal das tonlose Geflüster laut und der Mann sagte ganz laut: »Ach du barmherziger Gott.« Sonst gar nichts. Aber er sagte es in einem Ton, in dem alles hilflose Grauen und aller Jammer und alles Entsetzen der ganzen Welt beschlossen lag.
Da war es dem Weib, als habe er ihm nun sein ganzes Herz ausgeleert und es wisse von diesem Augenblick an, wie es im Krieg aussehe. Es war so vieles in der Zeitung gestanden und vieles auch von Mund zu Mund geredet worden, das hatte sie teils fassen können, teils auch nicht, aber nun drang ihr der Schrecken ins Herz mit Schießen, Hauen und Stechen, mit Bluten, Stöhnen und Sterben.
Ach du barmherziger Gott.
Jetzt wußte sie es nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Das schlug und hämmerte wild.
Der Mann war wieder still und schlief ruhig weiter.
Das Weib aber, das ihn gern geweckt und mit aller Liebe getröstet hätte, zog sich die Decke übers Gesicht, daß er nicht gestört sei, und weinte bitterlich.