Ein paar Minuten später wußten sie, wie der Vater aussah. Nicht viel anders als sonst, abgerechnet den Bart. So wie jetzt, im gestreiften Hemd, die Ärmel hoch hinaufgeschlagen, rüstig mähend, hatten sie ihn noch irgendwo in einem Gehirnschublädchen von früher her. Den Bart hatte ihnen die Mutter schon angekündigt. Er hatte gar nichts grausiges an sich. Als er seine Jugend sich daherschlängeln sah, lachte er übers ganze Gesicht, ein grüß Gott ums andere. Sie spürten beiderseits, daß sie nah zusammen gehörten; die Kinder schneckelten sich an ihn hin und umfaßten seine feldgraue Hose, und der Vater spürte mit Herzklopfen, was es gewesen wäre, wenn er diese beiden nicht mehr gesehen hätte. Es war nah genug dran gewesen.
Er sah in ihre Gesichter hinein. Das Lenele war ein feines, blondes Dinglein mit einem Schelmenzug um das rote Mäulchen und krummen Haaren rings um das Gesichtlein herum, und es fiel dem Vater auf einmal wie von fernher ein, daß seine blauen Augen schon einmal in einem Gesicht gestanden seien. Aber in welchem? Er hatte doch seine Mutter nicht als Kind gekannt, begreiflich, aber sein Herz beharrte drauf, das Lenele habe die Augen von seiner Ahne, von des Vaters Mutter. Er hatte das Köpflein in seine beiden großen Hände genommen, aber es schüttelte sich darin, es war nicht gern eingesperrt. Da ließ er’s los und das Kind hüpfte um ihn herum, wie ein Gaislein, nur daß es hie und da einen Fuß hinaufzog, der frischen Stoppeln wegen, die in seine Barfüße schnitten.
Der Daniel hatte einen kurzgeschorenen Bubenkopf, wie alle Hirzenbacher Buben einen Kopf haben, möchte man sagen, wenn nicht darauf der Vater sofort sagen würde, daß er den von seinem Buben unter hunderttausend herauskennen würde. So eine lustige und trotzige Stumpfnase habe nicht bald wieder einer und so ein paar Augen im Kopf, ehrlich und treu, wie ein Haushund, und dann eine breite und feste Stirn mit einem ganzen Sternenhimmel von Sommersprossen, »Roßmucken« heißt man sie in Hirzenbach.
»Ja Daniel, ja Büble, da bist?« sagte der Vater und hatte einen Ton in der Stimme, wie man ihn bloß an hohen Festtagen im Leben hat, so ganz von unten herauf.
Der Daniel nickte bloß. Er dachte geschwind streifweise an seinen Ranzen drunten im Schulhof. Aber er warf ihn weit hinter sich und guckte den Vater an, »ehrlich und treu, wie ein Haushund.«
»Bist auch brav gewesen?« fragte der Vater, immer noch in dem Festtagston. Da mußte ihm der Daniel doch die Freude machen, mit einem herzhaften Ja zu antworten. Wenn man grad vom Feld heimkommt. Hoffentlich fragte er auch nicht ins einzelne.
»Soll ich derweil anfangen mit Gras verstreuen?«
Es war vielleicht doch sicherer, das Gespräch ein bißchen zu unterbrechen.
Der Vater staunte über den Eifer des sechsjährigen Buben.
»Pressiert nicht so arg,« sagte er. »Bleib’ nur noch ein bißle bei mir. Kannst dein Sach’ in der Schul’?«
»Mhm.« Das kam ein bißchen gedrückt heraus.
Da dachte der Vater, es pressiere auch nicht mit der Lernfrage, die könne man später besprechen. So ein kleines Büble habe es noch nicht so wichtig damit.
Irgendwo schlug es acht Uhr. Der Vater zählte und stutzte.
»Ja wie ist mir’s denn?« fragte er.
»Die muß falsch schlagen, oder wie?
Die Mutter hat doch gesagt, du müssest in die Schule. Die kann doch noch nicht aus sein? jetzt kommt mir’s erst.«
Da las er die Sündenschuld auf dem Gesicht seines Buben.
Und es fiel ihm auch einiges aus seiner eigenen Kindheit ein.
»Mändle, Mändle,« sagte er, aber aus einem andern Ton, »wenn mich nicht alles täuscht, bist du hinter die Schul’ gegangen. Hm? sag’s nur. So, so macht’s mein Bub’, wenn ich fort bin im Krieg?«
Er zog noch ein tieferes Register.
»Ich hätt’ gute Lust und tät dich gleich ’rüberlegen. ’S wär ’s einfachste. Ich denk’ aber, dein Lehrer tut’s morgen, ich will’s zu ihm sagen, daß er dir dein Sitzleder versohlt.«
Dem Daniel fiel der ganze Himmel ein.
»Lehrer hab’ ich kein’n, bloß eine Lehrerin.« sagte er mit wackeliger Stimme. »Die haut mich nicht, wenn ich’s ihr sag’, daß« – da warf die Stimme vollends um und tat ein paar Schluchzer, »daß ich dich hab’ sehen wollen, weil du bist vom Krieg kommen, und – und weil ich dein Gewehr noch gar nicht gesehen hab’ und dein’n Säbel.«
Das Lenele hatte auch nicht das sauberste Gewissen und besann sich grad, ob es zur Gesellschaft mitschluchzen solle. Da hellte sich auf einmal des Vaters Gesicht wieder auf, als ob es ihn über alles hinüber inwendig freue.
»Die Liebe decket auch der Sünden Menge,« sagte er in seinen Bart hinein, denn er war ein bibelfester Mann.
Und dann nahm er seinem Buben mit einem Schwung auf die Achsel.
»Also dann muß ich dir’s halt zeigen, Alterle,« sagte er laut.
»Wenn du mir’s versprichst, daß du nicht mehr hinter die Schul’ gehst, wenn ich fort bin.«
»Auf Ehr’ und Seligkeit,« sagte der Daniel.
»Nein, so mußt nicht sagen, Büble,« verwies ihm der Vater.
»Du könntest’s einmal vergessen, dann wär’s eine Sünd’.«
»So sagen bei uns alle Buben,« beharrte der Daniel.
»Dann komm, aber halt was du versprichst.«
Als die Mutter kam, fand sie eine helle Glückseligkeit: ihres Mannes Gesicht aufgeschlossen und gegenwärtig und die Kinder um ihn herum, wie die Honigbienen um einen Lilienstengel. Da fiel ihr ein Stein vom Herzen. »Er ist noch der nemlich’ gleich’,« sagte sie zu sich selbst und bot ihm seinen jüngsten Sohn dar, daß er ihn annehme und herze.