Phot. Wiele & Klein.
Abb. 104. Szene von einem Hindufest in der heiligen Stadt Kumbakonam.
Ein heiliger Wagen schwimmt im Vordergrunde links auf dem Wasser; rechts steht ein Heiligenschrein, ein Mantapam, dessen Dach mit Götterbildern geschmückt ist.

Vorderindien.

Der südliche Teil der großen vorderindischen Halbinsel ist im wesentlichen das Verbreitungsgebiet der Drawida, eines dunklen Volkselementes, das den Hauptbestandteil des ausgedehnten Hinduvolkes dieser Gebiete ausmacht und auch Ausläufer nach Ceylon entsandt hat, wo die Tamilen seine Vertreter sind. Indessen sind die Drawida nicht als die Ureinwohner Südindiens anzusehen, sondern nur als Einwanderer, die auf eine Rasse von kleiner Gestalt, dunkler Hautfarbe und breiter Nase stießen, deren Reste sich bis auf unsere Tage, wenn auch nicht mehr rein, in den Wald- oder Dschungelvölkern, wie den Bhil, Mahair, Khond, Bhumidsch, Kurumba, Irula, Santal, Kolh, Munda und anderen, die man insgesamt als Munda-Kolh oder Kolarier zusammenfaßt, erhalten haben und die Angehörige der großen indo-australischen Grundrasse zu sein scheinen, deren Vertreter wir bereits in den Wedda, Sakai, Toala und auch Australiern kennen gelernt haben. Einen Beweis für einen solchen Zusammenhang der Australier mit den Ureinwohnern Südindiens erblickt man in der Übereinstimmung in ihrem Äußeren (lange Schädelform, kleine Gestalt, welliges oder lockiges Haar, schwarze Augen, breite, niedrige Nase mit weiten Löchern und dicke Lippen), in der Verwandtschaft der Sprache und in dem Vorkommen des Bumerangs in Neuholland sowohl wie im Tamillande; hier findet letzterer bei der Jagd auf kleines Wild Verwendung und wird einer alten Sitte gemäß zwischen Braut und Bräutigam auf der Hochzeit ausgetauscht. Allerdings besitzt der tamilische Bumerang nicht die klingenartige Form und die spiralige Drehung des australischen.

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 105. Grußform der Toda vor einem älteren Verwandten.
Die Frau kniet auf die Erde und hebt seinen Fuß bis zu ihrem Kopfe.

Der Drawidatypus erstreckt sich von Ceylon bis nach den Tälern des Ganges hin und nimmt ganz Madras, Haiderabad, die zentralen Provinzen, den größten Teil des mittleren Indien und Chutia Nagpur ein. Da die Drawida auf der einen Seite mit den Ariern, auf der anderen auch wieder mit der Urbevölkerung Kreuzungen eingegangen sind, so unterscheidet sich ihre äußere Erscheinung nicht unbeträchtlich, indessen läßt sich immerhin ein Durchschnittstypus aufstellen, der gekennzeichnet ist durch ziemlich mittelgroße Gestalt, schlanke, lange, geschmeidige Gliedmaßen, tiefdunkle, teils kaffeebraune, teils direkt schwarze Haut, tiefschwarzes, welliges oder gelocktes Haar, vorwiegend langen, schmalen Schädel, breites, niederes Gesicht von ovaler Form, tiefliegende, geradestehende, schwarze Augen, sehr breite, manchmal an der Wurzel eingedrückte Nase, großen Mund und volle Lippen. — In geistiger Hinsicht werden die Drawidahindu als offene, gutmütige, duldsame, heitere, dabei aber kriegerische, auch selbstsüchtige Leute geschildert. Als die Arier ums Jahr 2000 vor Christus in Vorderindien erschienen, standen die Drawida auf einer ziemlich hohen Kulturstufe; sie besaßen beträchtliche Fertigkeit in der Ausübung des Handwerks und der Künste, trieben Ackerbau, Handel und Schifffahrt und hatten sich sogar zu einigen selbständigen Staaten zusammengeschlossen. Ihre Religion war der Brahmaismus, der noch barbarische Gebräuche, sogar die Menschenopfer kannte; mit diesen hat die europäische Kultur ziemlich aufgeräumt. So feierten die Bergkhond ein Fest, Meriah genannt, bei dem geweihte, gekaufte oder geraubte menschliche Opfer der Göttin der Erde dargebracht wurden (Abb. 106), um dadurch eine gute Ernte zu erzielen; heute werden Büffel, Affen, Schafe oder Ziegen an Stelle von Menschen geopfert. Bevor sich ehemals die umherziehenden Lambadi auf eine Reise begaben, pflegten sie ein kleines Kind in die Erde bis zum Hals einzugraben und die Gepäckbullen darüber zu treiben, um Erfolg zu haben; heute treibt man in der gleichen Absicht das Vieh über ein lebendig begrabenes Huhn oder eine Ziege. Kindsmord war in früheren Zeiten Stammesbrauch bei den Khond; besonders Mädchen pflegte man bei den Bergtoda durch Ersticken ins Jenseits zu befördern. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es ganze Dörfer, in denen nicht ein einziges weibliches Kind vorhanden war. Bei der Vakkaligakaste in Mysore war es Sitte, daß bestimmte Frauen sich, wenn ihnen ein Enkelkind geboren wurde, einige Finger abhauen ließen; sie bezogen sich dabei auf eine Überlieferung, wonach der Gott Siwa befohlen habe, daß in seinem Tempel andauernd zwei Finger geopfert werden müßten. Gegenwärtig wird dieser Brauch vielfach dadurch umgangen, daß man sich Gold- oder Silberstücke mittels Mehlkleisters an die Fingerspitzen klebt oder sich Blumen darum bindet und diese scheinbar abschneiden oder abreißen läßt. — Eigenartig sind die Grußformen der Toda; die niedriger stehende Person fällt vor der höher stehenden auf die Knie und hebt deren Fuß zu ihrem Gesicht empor (Abb. 105 und 107).

Phot. E. Thurston.
Abb. 106. Meriah-Opferpfosten,
der aus Holz in rohen Zügen einen Elefantenkopf darstellen soll. Auf ihm wurden früher von den Khond der Erdgöttin Opfer (Meriah) dargebracht.
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 107. Grußform bei den Toda der Nilghiriberge.

Die Kleidung der Drawida ist bei den niederen Klassen immer noch eine recht spärliche; an der Westküste besteht sie meistens nur in einem Scham- und einem Kopftuche. Die Weiber einiger Pariastämme, wie der Koraga, Vettuvan und Thanda Pulayan, tragen in Erinnerung an frühere Sitten noch Blättergewänder (Abb. 108), die in Form einer Schürze oder eines Rockes von der Hüfte herabhängen; sie behalten sie bei, weil sie fürchten, es würde ihnen Unglück bringen, wenn sie diese Kleidung abschafften. Legt ein Thanda Pulayan dieses aus Riedgrasblättern angefertigte Kleid an Stelle des Streifens Palmenrinde, den er in frühester Kindheit trägt, an, dann gibt diese Zeremonie, Thandahochzeit genannt — Thanda ist der Name für das Gras — Anlaß zu einem Familienfest. — Verunstaltungen des Körpers als dessen Verschönerung sind verschiedentlich beliebt, so die Erweiterung des Ohrläppchens, die ihren höchsten Grad im Tamillande erreicht. Den Kindern werden in der frühesten Jugend die Ohren durchbohrt und die Löcher allmählich mit Baumwollpflöcken, später Palmblattrollen, Bleistücken und Metallscheiben mehr und mehr erweitert, bis sie unter Umständen auf die Schultern herabreichen (Abb. 111). Unter den Dschungelkadir und Mala Vedan herrscht die Unsitte des Zuspitzens der Schneidezähne bei beiden Geschlechtern. Ein sehr beliebter Schmuck ist auch das Tatauieren, mit dem sich die Frauen des Koravastammes im Umherziehen abgeben. Sie zeichnen das Muster mit einem stumpfen, in Zeichentinte getauchten Stäbchen auf die Haut auf und impfen die Farbe mittels Nadeln ein; anderwärts geschieht dies mittels der Dornen der Berberitze oder des Balbulbaumes. Die Bergkoyi legen großes Gewicht auf das Tatauieren, damit die Seele in der anderen Welt angemessen damit geschmückt erscheine. Auch bei Krankheiten wird Tatauierung angewendet, um den Schmerz zu lindern; sehr beliebt ist als Muster hierfür bei den Kanaresen das Bild des Affengottes Hanuman (Abbild. 110). Um Kinderkrämpfe oder Koliken zu lindern, schlimme Augen und andere Leiden zu heilen oder auch nur um eine Krankheit fernzuhalten, werden den verschiedenen Körperteilen Brandwunden mit einer glühend gemachten Nadel oder einem Safranstocke, einer Zigarre und anderem mehr zugefügt. Daher sieht man viele Leute mit mächtig erhöhten Narben einhergehen, die auf diese Weise entstanden. Die Toda lassen sich Narben einbrennen, weil sie glauben, daß sie dadurch die Fähigkeit erlangen, in aller Ruhe Büffel zu melken. — Bei den Kanibar von Travankore trifft man noch eine primitive Art des Feueranzündens an (Abb. 109).

Die Religionen Südindiens sind in erster Linie der Brahmaismus, sodann auch die Lehre Mohammeds und das Christentum. Es würde zu weit führen, wollten wir die religiösen Übungen und Gebräuche dieser verschiedenen Bekenntnisse, vor allem der Sekten des Brahmaismus, hier näher behandeln; wir beschränken uns auf die interessantesten Punkte.

Phot. Anantha Krishna Iyer.
Abb. 108. Blätterkleider der Vettuvanfrauen.
Phot. E. Thurston.
Abb. 109. Feueranzünden bei den Kanibar von Travankore,
wobei das stumpfe Ende eines Pfeiles in ein Loch eines Stückes weichen Holzes gedrückt und rasch hin und her gedreht wird.
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 110. Der Affengott Hanuman,
nach einem Gemälde, das eine Szene aus seinem Leben als volkstümlicher Held des hindostanischen Epos Ramayana vorstellt.

Fast jedes Dorf oder jede Stadt Südindiens besitzt eine Ortsgottheit, Grāma Dēvata genannt, die sich aber von der der nächsten Ortschaft schon zu unterscheiden pflegt. Ebenso mannigfaltig wie ihre Namen sind auch die Bildnisse (Abb. 114) oder Symbole der Gottheiten. In manchen Dörfern gibt es überhaupt kein bleibendes Bild von ihnen, sondern der Töpfer fertigt für jedes Fest eine Lehmfigur an, die eine Gottheit vorstellen soll und nach Beendigung des Festes wieder beiseite geworfen wird. In anderen Dörfern wieder wird die Gottheit einfach durch eine Steinsäule auf freiem Felde (Abb. 113) oder auf einer Steinplattform unter einem Baum (Abb. 116) oder innerhalb einer kleinen, aus Steinen aufgebauten Umfriedigung, oft auch nur durch kleine kegelförmige Steine, die nicht höher als zehn bis fünfzehn Zentimeter sind und infolge des beständigen Salbens mit Öl eine schwarze Farbe angenommen haben, dargestellt. Die Dorfgottheiten sind mit wenigen Ausnahmen weiblich; im Tamillande werden sie fast alle aber von männlichen Wärtern behütet und bedient. Eine männliche Gottheit, Aiyanar, hat einen eigenen Schrein und ist gleichsam der Nachtwächter des Dorfes, denn ihm fällt die Aufgabe zu, des Nachts auf seinem Geisterrosse die Dorfstraße abzureiten und die bösen Geister zu verscheuchen. Sein Schrein ist an Lehm- oder festen Pferdegestalten (Abb. 115) zu erkennen, die entweder zu beiden Seiten des Bildnisses aufgestellt sind oder in Haufen auf dem freien Platze umherliegen. Diese Pferde, die die Rosse vorstellen sollen, auf denen Aiyanar nachts seine Runde macht, werden von den Anbetern der Gottheit verehrt.

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 111. Tiyanweib von Malabar.
Die Frauen dieses Stammes tragen den Oberkörper unbedeckt. Der Schmuck der erweiterten Ohrläppchen besteht in Metallscheiben oder zusammengerollten Palmblättern. Am Halsband sitzt ein Tali (Eheabzeichen).

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Phot. E. Thurston.
Abb. 112. Vadagottheiten aus Ton,
die vor Antritt eines Fischzuges oder bei einer Krankheit angebetet werden, sowie Holzbilder von Vorfahren.

Um die Dorfgottheiten zu versöhnen und die Angriffe böser Geister abzuwenden, werden ihnen fast allgemein jährlich große Opfer dargebracht (Abbild. 118), bei denen Büffel, Schafe, Ziegen, Schweine und Geflügel (Abb. 119), oft genug zu Tausenden, so daß das Blut geradezu in Strömen hinter dem Opferplatz fließt und ganze Karren Sand herbeigeschafft werden, um die Lachen zuzuschütten, ihr Leben lassen müssen. Die Köpfe der geopferten Tiere werden zu einem etwa vier Meter hohen Haufen aufgetürmt; obendrauf wird eine Schüssel mit Öl und einem dicken baumwollenen Docht gestellt und das Ganze angezündet. Das Schlachten der Tiere dauert den ganzen Tag bis gegen Mitternacht; sie werden von den Priestern geköpft und auf die großen Reisberge geworfen, die man den Göttern dargebracht hat, so daß der Reis von ihrem Blut vollständig durchtränkt wird. Dabei spielen sich oft genug widerwärtige Szenen ab, bei denen die Tiere vielfach gequält werden. Unter anderem werden die Opfertiere bei lebendigem Leibe aufgespießt und so auf einer Karre durch das Dorf gefahren, den Schweinen wird Reis, der mit ihrem eigenen Blut getränkt ist, zu fressen gegeben und anderes mehr. Eine ganz sonderbare Verwendung findet das Blut der geschlachteten Tiere bei den Pudukkottai tāluk des Trichinopollidistriktes; man taucht Tücher in dieses ein und hängt sie an den Dachrinnen der Häuser auf, um das Vieh dadurch vor Krankheit zu schützen.

Phot. H. M. Bray.
Abb. 113. Hindugötterschreine,
wie man sie an Wegen zu errichten pflegt, damit die Vorbeigehenden und die Dorfbewohner die in ihnen aufgestellten Götterbilder anbeten können.
Phot. V. Arumynayagam.
Abb. 114. Kolossalstatue einer Dorfgottheit mit ihrem Wärter aus dem Tamillande.

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Bei einem Fest, Mayāna oder Smasāna kollai (Beraubung des Begräbnisplatzes) genannt, das die Sembadawan, eine Fischerkaste, im Tamillande zu Ehren der Ankalamma feiern, trägt eine Person, die entsprechend aufgeputzt diese Göttin darstellen soll, auf den Armen ein Brett mit den sauber gewaschenen Eingeweiden eines Schafes (Abb. 117) und hält einen Teil von ihnen im Munde, so lange, bis die Prozession, die das Bildnis der Göttin zum Dorfaltar geleitet, zurückgekehrt ist. Dicht bei der Stelle, wo man die Leichen zu verbrennen pflegt, häufen die Priester sodann an fünf Stellen die Asche einer Leiche kegelförmig auf; diese Haufen sollen den Elefantengott Ganesha darstellen, dem Opfergaben aus Getreide, Betel, Spangen und so weiter in großen Mengen dargebracht werden. Das versammelte Volk fällt über die Haufen her und schleppt mit sich fort, was es nur mitnehmen kann. Man sagt, daß Hunderte von Personen dabei in Verzückung geraten, die Asche der Leichen essen und jedweden Knochenrest, dessen sie nur habhaft werden können, anbeißen. Die Asche der Leichen wird nämlich sehr geschätzt, da man glaubt, daß sie böse Geister fernzuhalten und unfruchtbaren Frauen Nachkommenschaft zu sichern vermag.

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 115. Große Pferdefiguren, die zu Ehren der Dorfgottheit Aiyanar errichtet sind
und auf denen der Gott nachts das Dorf besuchen und die Dämonen niederreiten soll.
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 116. Hindugottheiten aus Ton oder Mörtel,
die man häufig auf einer Plattform unterhalb eines heiligen Baumes antrifft. Ihnen bringt man Früchte, Kokosnüsse und andere bescheidene Opfer dar.
Phot. E. Thurston.
Abb. 117. Szene aus dem Feste der Dorfgöttin Ankalamma bei den Sembadawan-Tamilen.
Die zur Linken die Gottheit darstellende Person mit Eingeweiden eines Schafes im Mund wird von einem anderen Manne begleitet, der als Birabhada, der Sohn von Siwa und Ankalamma, verkleidet ist.

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Phot. Wiele & Klein.
Abb. 118. Darbringen von Opfergaben vor dem Geiste Guru.
Im Vordergrunde Musikanten und ein Knabe mit aus die Stirn gemaltem Sektenabzeichen.

Die Vadafischer an der Ostküste errichten am Strande Miniaturschreine aus Ton oder Backsteinen, die nach der See zu offen sind (Abb. 123). In ihnen stellen sie die Lehmfiguren der Götter auf, die von ihnen angebetet werden, bevor sie einen Fischzug unternehmen, oder auch Holzfiguren von verstorbenen Verwandten. Die Namen ihrer Götter, einschließlich einer Göttin mit tausend Augen, die durch einen durchlöcherten Topf mit einem Öllicht in seinem Innern dargestellt wird, und eines Bengali Bābu genannten Gottes, der einen Hut trägt und auf einem schwarzen Pferde reitet (Abb. 112), sind unzählig. Letzterer steht in dem Rufe, die Fischer auf der See gegen Gefahren zu schützen und ihnen zu großen Fischzügen zu verhelfen. Die Hauptgöttin der Vada scheint indessen Orosundiamma zu sein, die nachts auf dem Meere in einem Boote umherfahren soll. Man huldigt ihr, indem man denjenigen, der die Zeremonie vorzunehmen hat, mit einer Ziege an einem Pfosten vor dem Hause festbindet und ein Spielzeugboot davorstellt. Die Ziege, der Pfosten, das kleine Boot und der Schrein für das Götzenbild werden darauf an die See gebracht und vor dem Schrein Andachten verrichtet. Kriecht die Ziege dabei auf allen vieren entlang und zittert sie, dann opfert man sie; tut sie dies aber nicht, dann erblickt man darin eine üble Vorbedeutung und beschafft sich eine andere Ziege an ihrer Stelle.

In manchen Dörfern mit einem bleibenden Schrein werden den Gottheiten täglich Reis, Früchte und Blumen mit Weihrauch und Kampfer dargebracht, an anderen wieder nur alle Jahre oder an einem bestimmten Tage, ausgenommen zu Zeiten einer Epidemie, in denen man sofort die Götter durch Opfer zu versöhnen sucht. Auch bei Beginn der Bestellung des Ackers, sowie zur Erntezeit werden Festlichkeiten zu Ehren der Götter veranstaltet. Bei eintretender Dürre werden an den Regengott Gebete gerichtet, und an manchen Orten wird eine Lehm- oder Strohfigur mit den Füßen nach vorn durchs Dorf gezerrt und von den Totengräbern in regelrechter Weise begraben. In Südkanara werden, ehe die zweite Saat in die Erde kommt, Büffeljagden, denen „Teufelstänzer“ beiwohnen, auf einem tiefverschlammten Reisfelde abgehalten; am Tage darauf finden große Hahnenkämpfe auf einem freien Platze vor dem Dorfe statt, dieses alles in der Absicht, die verschiedenen Teufel zu versöhnen. — Unter den sportlichen Tierkämpfen spielen die Kämpfe zwischen Elefanten eine hervorragende Rolle (Abb. 132).

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 119. Büffelopfer zur Besänftigung einer erzürnten Gottheit.

In vielen Dörfern an der westlichen Küstengegend von Südkanara, wo die Teufelsanbetung sehr verbreitet ist, befindet sich ein Bhuta Sthānam oder Teufelstempel; in manchen Häusern wird auch ein besonderer Raum oder ein Winkel für den Familienbhuta hergerichtet. In den Tempeln werden Götzenbilder oder eine Metallplatte, die das Bild eines menschlichen Wesens trägt, oder auch Figuren von Tigern, Schweinen, Hähnen und so weiter aufbewahrt; einige Tempel erhalten eine Reihe Lagerstätten, jede für einen besonderen Bhuta bestimmt, auf denen bei Gelegenheit einer Versöhnungsfeier der Bhuta Kostbarkeiten und Weihgeschenke niedergelegt werden. — Die Teufelstänzer, die in ihrem bürgerlichen Berufe als Matten-, Korb- und Schirmmacher tätig sind, gehören der Nalke-, Parawa- und Pompadakaste an (Abb. 120, 122 und 124). Man ruft sie, damit sie an Personen, die von Teufeln besessen sind, die Teufelaustreibung vornehmen oder damit sie, wenn Götzendienst in den Tempeln abgehalten wird, eine Maskerade in phantastischen Verkleidungen, die verschiedene Bhuta vorstellen, aufführen, dabei tanzen und Lieder singen. Die Vorstellung findet für gewöhnlich des Nachts statt. Zuerst tritt ein Pujari, ein Priester auf, wirbelt, mit dem Bhutaschwert und Glocken in den Händen, rings im Kreise herum und ahmt die mutmaßlichen Mienen und Gesten des Teufels nach. In Verzückung gerät er aber nicht, das bleibt einem Pompada oder Nalke (Abb. 124) vorbehalten, der ungefähr eine halbe Stunde später auf der Bildfläche erscheint. Dieser ist meist nackend bis auf das Hüftband, hat das Gesicht mit Ocker angemalt und trägt eine Art Bogen aus Kokosnußblättern, sowie eine Metallmaske. Nachdem er kurze Zeit langsam auf und ab gegangen ist, arbeitet er sich nach und nach in einen Zustand hysterischer Raserei hinein, unter beständiger Begleitung der Tamtame und unter langgezogenem, monotonem Geheule der Zuschauer. Endlich hält er inne und redet einen jeden seinem Range nach an. Strittige Angelegenheiten werden sodann dem Bhuta zur Entscheidung unterbreitet, und seine Entscheidung wird meistens auch angenommen. Entweder jetzt erst oder schon früher erhält der Teufel etwas zu essen; auch dem Pompada werden Reis und andere Speisen gereicht. Solche Feste dauern mehrere Nächte hindurch.

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 120. Parawateufelstänzer
des Tulugebietes in seiner Berufsgewandung mit einem leichtgebauten Kopfstück, das mit Figuren, Schlangen und so weiter bemalt ist.
Phot. Johnston & Hoffmann.
Abb. 121. Religiöser Umzug in Puri.
Einmal im Jahre wird der berühmte Juggernautwagen, der den Gott Vischnu in Form eines roh geschnitzten Holzklotzes enthält, durch mehrere tausend Menschen die Straßen von Puri entlanggezogen. Ein Hindu, der sich von den Rädern überfahren läßt, glaubt dadurch im Jenseits in eine höhere Kaste zu gelangen, daher kommen jedes Jahr eine Anzahl Selbstmorde auf diese Weise vor.

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In auffallendem Gegensatze zu den bescheidenen Altären der Dorfgottheiten und Teufel stehen die prächtigen Vaishnavite- und Saivitetempel, zu deren bekanntesten die von Conjeeveram, Ramesvaram, Madura, Kumbakonam und Tanjore, der letztere wegen der mächtigen Steinfigur des heiligen Bullen Nandi (Abb. 126) berühmt, zählen. Die Tempelausstattung besteht in kunstvoll geschnitzten Wagen auf Rädern (Abb. 125), die bei Umzügen an Stricken gezogen werden (Abb. 104, 121 u. 128), silbernen Gefährten der Gottheiten, Dēva-Dāsis oder Tänzerinnen, die ihr Leben dem Tempeldienst geweiht haben, und Prozessionselefanten (Abb. 127 und 130). Die Städte, in denen sich die großen Tempel befinden, sind der Brennpunkt des Brahmaismus und des brahmanischen Priestertums (Abb. 129, 131 und 135) und werden zum Schauplatze vieler hindostanischer Feste. Das berühmteste von ihnen, das ungeheure Massen von Pilgern aus ganz Indien herbeizieht (Abb. 133), ist wohl das Mahāmakhafest, das man in Kumbakonam alle zwölf Jahre feiert. Strenggläubige Inder glauben, daß bei dieser Feier die heiligen Gewässer des Ganges in den dort befindlichen heiligen Teich fließen; in ihm baden daher die Pilger. Was Mekka für die Mohammedaner, Buddha Gaya für die Buddhisten ist, das bedeutet Mahamakha für die Hindu. Die wichtigsten Götterbilder werden im Zuge getragen und auf einen Altar am Rande des Teiches hingestellt; darauf wird ein Dreizack, das Abzeichen des Siva, in das Wasser gesenkt, zum Zeichen dessen, daß die Zeit zum Baden gekommen ist. Viele Tausende von Pilgern tauchen nun ihre Köpfe unter die Oberfläche und kommen ganz mit Schlamm bedeckt wieder heraus (Abb. 134). — Von anderen religiösen Festen, welche die Hindu des südlichen Indien feiern, wären zu nennen das Mahāsivaratri zu Ehren Sivas, das Srijayanti oder der Geburtstag Krischnas, das Dipāvali oder das Fest der Lichter, das Vischnu — oder Neujahrsfest, das Vinayaka Chaturthi oder der Tag der Anbetung der Elefantengöttin Vinayaka oder Ganēscha (Abb. 137) und das Sarasvati oder Ayudha Pujafest, bei dem man seinem Arbeitsgerät, der Brahmine seinen Büchern, der Handwerker seinem Werkzeug, der Fischer seinen Netzen, der Kaufmann seiner Wagschale und so weiter seine Anbetung darbringt, und das Pongal (Abb. 136) oder Sonnenfest, bei dem Milchreis und andere Speisen dargebracht werden.

Phot. E. Thurston.
Abb. 122. Parawateufelstänzer
in phantastischem Aufputz einen Dämon darstellend.
Phot. E. Thurston.
Abb. 123. Götterschreine der Vadafischerkaste.
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 124. Nalketeufelstänzer.

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Eine besondere Eigentümlichkeit Südindiens sind die verschiedenen Klassen frommer Bettler, die Bairāgi, Dasari, Gangeddu und Lingayat Jangam; sie ziehen in der Regel von Ort zu Ort und erbitten, mit einem ihrem Berufe eigenen Gewande angetan, in den Basaren und auf den Straßen Almosen. Die Bairagi tragen Kochgeschirre aus Messing, einen geweihten Salagramastein und eine Seemuschel bei sich und rufen beim Durchwandern der Straßen den Namen einer Gottheit laut aus. Für gewöhnlich lassen sie sich Bart und Haar lang wachsen (Abb. 139) und bestreichen ihren nackten Körper mit heiliger Asche. Die Abzeichen eines Dāsari sind eine Seemuschel, auf der er bläst, um seine Ankunft mitzuteilen, ein Gong, das er auf seinen Runden schlägt, eine hohe eiserne Lampe, die beim Betteln brennt, ein Metallgefäß, in das er seine Almosen legt, und ein Metallbild des Affengottes Hanuman um den Hals. Bei einem Fest im Tamillande stecken die Anbeter etwas von einer Mischung von Bananenfrüchten, Reis und anderen Sachen einem Dāsari, der zu dem betreffenden Tempel gehört, in den Mund, der es kaut und in die Hand des Anbeters wieder zurückspeit. Dieser ißt den zerkauten Bissen dann auf, um dadurch eine erbetene Wohltat zu erlangen. Die Jangam sind manchmal mit sehr auffallenden Gewändern angetan, hängen sich Messingteller mit Bildern verschiedener Gottheiten und ein Kästchen um, das den Lingam, ein phallisches Abzeichen des Siva, enthält, und tragen ein Schwert in der Hand und Metallglocken um die Knöchel gebunden (Abb. 138), die klingen, wenn der Jangam tanzt und das Lob des Virabhadra, des Sohnes des Siva, preist.

Phot. Wiele & Klein.
Abb 125. Tempelwagen aus Seringapatram,
der mit der großen geschnitzten Figur eines mythischen Tieres geschmückt ist.

Die Lingayat, eine Sekte, die gleichsam die Hindupuritaner vorstellt, tragen das Lingam, ein Sinnbild des männlichen Gliedes, als Symbol des Gottes Siva in einem Metallkästchen oder in einer rotseidenen Schärpe um den Hals oder den Arm gebunden. Ihre Kinder werden damit bereits im frühesten Kindesalter von dem geistlichen Berater der Familie bekleidet. Das Lingam wird mit geweihter Asche bestrichen und dem Kinde umgebunden, dem man außerdem einen Rosenkranz von geweihten Rudrakshaperlen um den Hals bindet und die vorgeschriebene geheiligte Formel ins Ohr flüstert. Auch Weihwasser, mit dem die Füße des Priesters gewaschen worden sind, wird über das Lingam ausgegossen, und von der gekochten Speise, die für jenen bestimmt ist, dem Kinde etwas in den Mund gesteckt. In Kanara besteht bei manchen Kasten die Sitte, der Gottheit gewisse Mädchen, Basawi genannt, zu weihen, die in derselben Weise wie die Dēva-Dasis oder Tanzmädchen ein öffentliches Leben führen. Die übliche Form ihrer Weihefeier besteht darin, daß ihnen ein Tali, das Eheabzeichen, an einer schwarzen Perlenschnur um den Hals gebunden und die Abzeichen der Chank und Chakra auf die Schultern gebrannt werden. Bei einer anderen Art dieser Zeremonie legen die Mädchen ein Schwert mit einer Limette an seiner Spitze, die den Bräutigam vorstellen soll, in das Allerheiligste der Gottheit. In wieder anderen Fällen werden die Mädchen an einem glückverheißenden Tage mit einer Blumengirlande an eine Lampe gebunden, wie sie manche fromme Bettler tragen, und aus dieser Stellung entweder von einem Manne, der ihrer ersten Gunstbezeigung teilhaftig werden will, oder von ihrem Onkel mütterlicherseits befreit; zum Zeichen daran wird ihnen eine schwarze Perlenschnur um den Hals gehängt. Der Aberglaube, daß eine Dēva-Dasi niemals Witwe werden kann, veranlaßt manche Hindu, um sich Glück zu verschaffen, das Tali, das bei ihrer Hochzeit gebraucht wird, zu einer dieser Frauen bringen zu lassen, damit sie das Band dazu herrichtet.

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 126. Kolossalbildnis des heiligen Bullen Nandi
in einem Schrein, der von geschnitzten Pfeilern getragen wird.

Bestimmte Zeremonien knüpfen sich an mancherlei andere Einführungen. Bei den Telugu Mādiga werden gewisse Frauen der Göttin geweiht und dadurch sogenannte Matangi. Bei dieser Zeremonie wird ein farbiges Muster auf den Hof des Hauses gezeichnet, an dessen Ecken und in dessen Mitte Töpfe aufgestellt werden, wie bei einer Hochzeit. Die Kandidatin sitzt, in ein weißes Gewand gekleidet, dicht bei dem mittleren Topf und erhält auf den Kopf einen Bambuskorb gestellt, der auch einen Topf mit dem Bild der Fußeindrücke der Göttin, einem irdenen oder hölzernen Behälter, einer eisernen Lampe und einem Rohr enthält. Der amtierende Priester bindet ihr darauf ein Bottu, ein Heiratsabzeichen, im Namen der Göttin um den Hals. Dieser Korb, dessen Inhalt die Abzeichen einer Matangi ausmacht, darf niemals auf die Erde gestellt werden, sondern wird, falls sie dieselben nicht benutzt, im Hause aufgehängt oder in eine Wandnische gestellt. Bei den Dorffestlichkeiten der Madiga beschimpft und bespeit die Frau, die als eine Verkörperung der Göttin Mātangi angesehen wird, die Versammelten; diese fassen dies nicht etwa als Beleidigung auf, sondern meinen im Gegenteil, daß ihr Speichel alle Verunreinigung wegnimmt.

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 127. Tempelelefant, dessen Gesicht, Ohren, Rücken und Rumpf mit religiösen Symbolen bemalt sind,
darunter auch mit dem Zeichen der Vaishnavasekte am Vorderhaupt. Einige Elefanten sind dahin abgerichtet, durch Hochheben des Rüssels und lautes Trompeten zu grüßen.
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 128. Ein Tempelwagen zu Mylapore,
der bei festlichen Gelegenheiten von Kulis an Stricken durch die Straßen gezogen wird. Er ist in wunderbarer Weise mit geschnitzten mythologischen Figuren und anderen Sinnbildern, sowie mit Schirmen, Flaggen und sonstigem Zierat geschmückt.

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Soll ein Korawamädchen in den Beruf des Wahrsagens (Abb. 140) eingeführt werden, so verbindet man ihm die Augen und verabreicht ihm mindestens dreimal einen ganzen Mund voll von einer Mischung, die aus unreifem Getreide und dem Blute eines schwarzen Huhnes, einer ebensolchen Ziege und eines Schweines besteht. Stellt sich bei der Einzuführenden dabei kein Erbrechen ein, dann wird dies als ein günstiges Zeichen angesehen, daß sie eine gute Wahrsagerin werden wird. Schwarze Tiere stehen in dem Ansehen einer guten Vorbedeutung. — Soll ein Neuling in die Brüderschaft der Donga (Dieberei treibenden) Dāsari aufgenommen werden, so führt man ihn an das Flußufer, wo er ein Ölbad erhält und mit einem neuen Tuche bekleidet wird. Darauf wird mit dem glühenden Zweige eines heiligen Baumes seine Zunge angebrannt. Nunmehr ist es ihm gestattet an einem Festgelage der Männer dieser Kaste teilzunehmen. Die Mitglieder der Dandāsikaste, deren überlieferter Beruf ebenfalls in Dieberei besteht, vollziehen eine eigentümliche Einführungsfeier an einem Neugeborenen. Das Oberhaupt der Sekte schiebt das erst mehrere Tage alte Kind dreimal durch das Loch einer Mauer oder unter der Türschwelle hindurch, wo es Familienangehörige in Empfang nehmen, mit den Worten: „Tritt ein, Kind, tritt ein; mögest du deinen Vater übertreffen!“

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 129. Ein Hindutempelpriester wird in einem heiligen Wagen durch die Straßen von Kumbakonam getragen.
Am rechten Oberarm trägt er das Abzeichen seiner Sekte, um den Hals einen Perlenrosenkranz.
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 130. Hinduprozession zu Kumbakonam mit Elefanten, die auf der Stirn das Sektenabzeichen aufweisen, und mit Kamelen.

GRÖSSERES BILD

Sehr verbreitet ist unter den Hindu das Darbringen von silbernen Nachbildungen einzelner Körperteile, die erkrankt waren (Abb. 141), oder von ineinandergeschlungenen Schlangen nach überstandener Krankheit, des Modells eines Hauses nach einem gewonnenen Prozeß und anderer Dinge mehr als Votivgaben. Kinderlose Frauen geloben, unter einem heiligen Feigenbaum einen Stein mit dem eingravierten Doppelschlangensymbol aufzustellen; auch erbitten kinderlose Eltern manchmal vor einer Reihe solcher Steine, vor einem Lingamstein und einer Steinfigur der Ganeshagottheit Nachkommenschaft (Abb. 142).

Der Feuerlauf, den wir bereits bei den Fidschiinsulanern (I. Band Seite 46) kennen gelernt haben, ist allenthalben sehr verbreitet; er wird hauptsächlich von solchen Leuten, die unter einem Gelübde stehen, ausgeführt, und zwar vor dem Schrein der Draupadi. Draupadi lebte einst mit fünf Brüdern Pandava in Vielmännerei und unterzog sich dieser Prozedur, um den Beweis für ihre Keuschheit während der Verbannung ihrer Männer anzutreten. Nachdem die Gläubigen an dem Tage der Zeremonie gefastet und zu der Göttin vor ihrem Schrein gebetet haben, wird ihr Bildnis auf den Schauplatz, wo sich der Vorgang abspielen soll, hingetragen. Der Priester, der bereits die Vorzeichen befragt hat, geht, mit Girlanden geschmückt und in gelbes Tuch gekleidet, zuerst über die glühende Asche, ihm folgen die Anbeter, die, nachdem sie hindurchgegangen sind, ihre Füße in einer Wasserpfütze, „Milchtopf“ genannt, abkühlen. An manchen Orten treten allerdings Blumen an die Stelle der Aschenglut, auf denen man zu Ehren der Göttin wandelt. — Eine ganz sonderbare Zeremonie, die heutzutage von der Regierung verboten wird, ist das Hakenschwingen, bei dem große eiserne Haken in den Rücken eines Menschen getrieben werden (Abb. 144). Dieser hängt am Ende eines hölzernen Hebels oben an einem hohen Mast und wird über der versammelten Menge in der Luft geschwungen. Der Zweck dieser Sitte war eine Beeinflussung der Witterung bei Regenmangel, eine Steigerung der Ernte, eine Beseitigung der Cholera und eine Erhöhung der Geburtenzahl. In der Provinz Mysore wird jetzt an Stelle eines Menschen bei diesem Fest eine kleine Figur, Sidi Viranna genannt, die in bunten Aufputz gekleidet ist und Schild und Schwert in den Händen trägt (Abb. 143), an einem aus menschlichem Haar geflochtenen Seil an einem Balken aufgehängt und geschwungen.

Phot. Wiele & Klein.
Abb. 131. Ein Hohepriester eines Vaishnavatempels zu Tirapadi
mit dem heiligen Zeichen auf der Stirn und anderen religiösen Abzeichen auf Brust und Schultern.
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 132. Kampf zwischen zwei Elefanten,
denen die Stoßzähne abgesägt wurden. Die eingeborenen Wärter sind mit langen Lanzen bewaffnet.

GRÖSSERES BILD

Die Hindu sind durchweg gläubige Anhänger krassen Aberglaubens. Bei allen wichtigen Gelegenheiten, wie Pubertät, Hochzeit, Todesfall, Aufbruch zur Reise, Prüfungstag, Neujahrsmorgen, werden die Vorbedeutungen zu Rate gezogen, und die Liste solcher Vorzeichen ist sehr groß. Zu den guten Vorbedeutungen rechnet man eine Jungfrau, Brahmanen, einen Radscha, einen Elefanten, eine Kuh mit ihrem Kalb, einen gebundenen Bullen, einen Topf mit Wasser und Milch, zu der Zahl der ungünstigen aber einen lahmen oder blinden Mann, eine Leiche, eine Witwe, einen Barbier, einen Wäscher, einen Besenstiel, zerbrochenes Geschirr, eine Katze und einen Esel. Manchmal hängt die Deutung auch davon ab, wie ein Satz Eier von der Henne ausgebrütet wird, wie ein Huhn nach dem Getreide pickt, wie die Milch beim Überkochen über den Topf läuft, ob eine Ziege oder ein Schaf beben, wenn man über sie Wasser schüttet, oder wie eine Blume von dem Kopfe eines Götzenbildes herabfällt. Das Auftauchen vieler Tiere bedeutet Glück oder Unglück; so zeigt der Ruf eines Schakals das eine oder das andere, je nach der Richtung, aus der er erschallt, an, bedeutet der Anblick eines Hasen für einen Wanderer Mißerfolg, ebenso das Erscheinen einer Katze oder einer Kuh am frühen Morgen, das Ersteigen des Daches durch einen Hund oder eine Ziege, das Einnisten einer Eule in einem Hause, das Hervorkriechen einer Schildkröte unter dem Pflug Unglück, und vieles andere mehr. Auf der anderen Seite erwartet man Glück, wenn Sperlinge ihr Nest in einem Hause bauen. — Ungemein verbreitet ist auch der Glaube an die Wirksamkeit eines Zaubermittels oder Talismans, wenn man solche zum Schutze gegen Teufel oder den bösen Blick (Abb. 145), oder zum Zeichen eines Gelübdes, um eine Krankheit zu heilen, oder um einen Prozeß zu gewinnen trägt; die unmöglichsten Dinge werden dazu verwandt bis herab zu einem Stück Scherben vom Begräbnisplatz her oder dem getrockneten Fuß einer Schildkröte, einem Krokodilzahn, der Borste aus einem Elefantenschwanz, Bärenhaaren, Tigerklauen, einer Schakalschnauze oder dem Schwanz eines Skorpions. — Mit Buchstaben, Zeichen und Figuren bedeckte oder eingravierte Steintafeln werden oft an der Grenze der Dörfer angebracht, um seine Einwohner und das Vieh vor Krankheit zu schützen. Ist in einem Hause Krankheit ausgebrochen, dann wird bei Nacht in aller Stille an Wegkreuzungen ein geometrisches Muster auf die Erde gezeichnet oder vor dem Kranken eine Figur aus Reismehl, die mit Münzen an den verschiedensten Körperstellen beklebt ist, geschwungen und dann auf den Kreuzweg gelegt; man hofft dabei, daß dort die Krankheit auf einen zufällig Vorübergehenden übertragen werde. — Um einen Feind zugrunde zu richten, formt man ein Bild aus Wachs, Mehl, Blei oder Erde, auf die er getreten hatte, und vergräbt es oder verbrennt es unter mystischen Handlungen.