Phot. Admiral Holland.
Abb. 59. Ainu beim Trankopfer
für die Götter des Feuers, des Wassers, der Berge und der See.
Phot. Admiral Holland.
Abb. 60. Ainudorf
mit zwei einander mittels aufgehobener Handflächen sich begrüßenden Männern.

Die Stellung der Ainufrau ist eine verhältnismäßig hohe, insofern sie nicht gekauft wird. Nach ihrer Heirat bleibt sie auch ihrem Stamme erhalten, denn die verwandtschaftlichen Beziehungen mütterlicherseits gelten für engere als die väterlicherseits. Demgemäß beeilt sich die Jungverheiratete nicht, in das Haus ihres Gatten überzusiedeln, sondern verbleibt in dem ihrer Eltern noch einige Jahre; in der Regel macht sie hier auch ihr erstes Wochenbett durch. Diese Erinnerungen an ein früheres Matriarchat machen sich auch in verschiedenen abergläubischen Vorstellungen bemerkbar. Frauenblut auf die Brust gerieben, bewirkt, daß alle, die mit Geldangelegenheiten zu tun haben, stets ihren Vorteil daraus ziehen, ein Stückchen der Menstruationsschürze ist ein mächtiger Talisman in allen Lagen des Lebens.

Phot. Admiral Holland.
Abb. 61. Ainudorf mit einem Bärenkäfig in der Mitte.
Die beiden Hütten zur Rechten sind Vorratshäuser.

Während ihrer Schwangerschaft erfreut sich die Ainufrau ebenfalls einer gewissen Pflege und Aufmerksamkeit. Merkwürdigerweise muß sie sich, besonders gegen Ende der Schwangerschaft, recht viel Bewegung verschaffen, damit das Kind recht klein bleibe und die Entbindung leicht und schnell vonstatten gehe. Die Schwangere darf kein Hammelfleisch essen, weil sonst das Kind eine Hasenscharte erhalten, auch kein Geflügel, weil es sonst mit schielenden Augen zur Welt kommen würde. Zwei Monate vor ihrer Niederkunft darf sie nicht spinnen, Seile drehen oder Wolle wickeln, weil sonst die Eingeweide des werdenden Kindes wie die Fäden durcheinander geraten könnten, und anderes mehr. — Während der Geburt bleibt die Kreißende allein, weil eine größere Anzahl von Zuschauern ihre Wehen verstärken würde, jedoch steht ihr eine erfahrene Frau, meistens eine nahe Verwandte, bei. Diese wendet sich auch mit Gebeten an die Geister der verstorbenen Vorfahren, die allgemein für die Beschützer der Frauen gelten, um ihr dadurch eine leichte Geburt zu verschaffen. Bei Eintritt der Geburtswehen wird ein Inau in der Ecke des Herdes aus dem gleichen Grunde aufgestellt, als Opfer für die Göttin des Feuers. Ein auf einer Matte sitzender Greis sendet leise zu ihr ein für diesen Fall improvisiertes Gebet; fällt das glimmende Stäbchen in der Richtung nach ihm zu, so gilt dies als ein Anzeichen dafür, daß das Gebet erhört werden wird. Daneben kommen noch allerlei Mittel zur Erleichterung der Geburt in Anwendung, wie Umlegen einer aus Weidenspänen gedrehten langen Schnur oder eines getrockneten Bärendarms um den Unterleib, sein Einreiben mit einer in ebensolche Späne gewickelten, getrockneten Fledermaus oder mit den Bauchhaaren einer Hündin und so weiter. — Sobald das Kind geboren ist, hebt die Geburtshelferin es in die Höhe und ruft dabei aus: „Neuer Greis (bei Mädchen: Neue Greisin) sei gesund.“ Die Ainu glauben nämlich, daß ihnen die Kinder von verstorbenen Verwandten aus dem Jenseits gesandt werden, die dort unter den gleichen Verhältnissen wie hier auf Erden wohnen.

Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 62. Ainufamilie vor ihrer Hütte.
Die Frau zur Linken zeigt den üblichen auftatauierten Schnurrbart, der ihr ein männliches Aussehen verleiht.

Von Zwillingen wird der eine für teuflischer Herkunft angesehen und getötet. Frauen, die solche zur Welt brachten, werden von ihren Geschlechtsgenossinnen gemieden, aus Furcht, sie könnten dadurch angesteckt werden. Dieser Aberglaube, daß erwachsene Menschen ihre Eigenschaften auf andere übertragen können, führt zum Beispiel dazu, daß eine unfruchtbare Frau von einem kinderreichen Weibe Geräte kauft und sich ihrer beständig bedient oder sie mit sich trägt.

Abtreibung der Leibesfrucht kommt recht häufig vor, um das Ergebnis eines Verkehrs mit fremden Männern zu verheimlichen. Binden des Bauches, starkes Einschnüren der Taille, Herabspringen von großer Höhe sind die üblichen Methoden. Der Wöchnerin läßt man ebenso wie der Schwangeren große Pflege angedeihen.

Bei dem aus Anlaß der Geburt veranstalteten Feste wird wilder Knoblauch als Lieblingsspeise der Götter ins Feuer geworfen, um sie dadurch zu zwingen, an der Feier teilzunehmen. Die Nachbarn finden sich zum Schmause ein, dessen Hauptgericht mit Knoblauch gekochter Reis bildet.

Phot. J. Revilliod.
Abb. 63. Bärenfest der Ainu.
Ein jung eingefangener Bär wird von den Ainu gefüttert und gepflegt, um später unter großer Festlichkeit getötet und verspeist zu werden. Die Bärenjagd gilt bei den Ainu als vornehmste Beschäftigung und das Bärenfleisch als größter Leckerbissen. Vor der Jagd werden Gebete abgehalten.

Die Toten der Ainu werden gewaschen und mit ihren Waffen und sonstigen Habseligkeiten wie auch Schmuck entweder in Matten gewickelt oder in Bretterkisten gelegt; gleichzeitig opfert man den Geistern der Verstorbenen Speise und Trank. Stirbt jemand unnatürlichen oder gewaltsamen Todes, so bringen sich die Angehörigen mit einem Messer leichte Wunden an der Stirn bei und opfern das herausquellende Blut dem Toten. Die Beerdigung findet für gewöhnlich in der Nacht im Walde statt. Die Stätte, wo der Tote beigesetzt wurde, bezeichnet man durch einen mittels roher Rindeneinschnitte verzierten Pfahl oder Baumstamm, der, wenn es sich um eine Person männlichen Geschlechts handelt, in halber Höhe einen phallusartig zugestutzten Ast trägt (Abbild. 65) oder, wenn um eine weibliche, an seinem oberen Ende mit einem oder zwei länglichen Löchern versehen ist (Abbild. 66). An Beigaben legt man an diesen Grabstätten die Kleider, die Angelhaken, Pfeile oder Pfeilspitzen und Glasperlen entweder in Täschchen oder direkt auf der Erde nieder. Die Trauer dauert je nach dem Grade der Verwandtschaft ein bis drei Jahre; als Zeichen für dieselbe trägt man eine eigenartige Mütze. Nach einem Jahr vom Todestage an kommen sämtliche Verwandte zusammen, vermeiden aber, etwas über den Toten zu sprechen, aus Furcht, es könnten die Geister der Verschiedenen zurückkommen und sie ängstigen.

Phot. J. Revilliod.
Abb. 64. Bärenschädel, zur Anbetung von den Ainu auf Pfählen aufgesteckt.
Aus: „Zeitschr. f. Anthropologie, Ethnogr. u. Urgeschichte d. Menschen“.
Abb. 65. Männliches Ainugrab.
Aus: „Zeitschr. f. Anthropologie, Ethnogr. u. Urgeschichte d. Menschen“.
Abb. 66. Weibliches Ainugrab.