Phot. Yei Ozaki.
Abb. 30. Tempelfest in Japan,
das einem Karneval gleichkommt. Der ganze Bezirk geht aus, um den Umzug des Gotteswagens zu feiern. Frauen und Töchter der Kaufleute sind prächtig in altertümlichem Stil gekleidet und beteiligen sich an der Prozession.

GRÖSSERES BILD

Schon frühzeitig werden die japanischen Kinder in die Volksschule gebracht; der hier ihnen erteilte Unterricht erstreckt sich auf einen mindestens vierjährigen Kursus im Lesen, Rechnen (Rechenmaschine, Abb. 42), Satzlehre, Turnen und Sittenlehre. Besonderer Wert wird darauf gelegt, daß die Kleinen in die japanische Sittenlehre eingeführt werden, die in der Pflicht unbedingten Gehorsams gegen die Eltern gipfelt. Jeden Morgen haben die Kinder ihre Eltern in ehrfurchtvollster Weise zu begrüßen, indem sie vor ihnen ernst und würdig in knieender Stellung ihren Oberkörper und Kopf verbeugen und sich dabei mit ausgestreckten Händen auf die darunter liegende Matte stützen (Abb. 11). Außerdem haben sie ihren Eltern nach jeder Richtung hin bei ihren Arbeiten hilfreiche Hand zu leisten, so die Knaben im Geschäft, Rechnen und Schreiben, die Mädchen im Haushalte. Außerdem wird den Kindern frühzeitig eingeschärft, sich bei allen Seelenerregungen möglichst zu beherrschen, also äußerlich jedes Gefühl von Freude oder Schmerz zu unterdrücken. Zur Kräftigung ihres Körpers und zur Erlangung großer Geschmeidigkeit werden sie bereits sehr frühzeitig zu allerhand Leibesübungen herangezogen (Abb. 43). Der zweite Grundsatz der japanischen Morallehre bezweckt die Pflege der Treue gegen den Kaiser, der schon bei Lebzeiten göttliche Verehrung genießt, und gegen das Reich, wie überhaupt gegen jedweden Vorgesetzten. Diese unbedingte Gehorsamspflicht gegen höher Stehende führt zu merkwürdigen Konsequenzen. Die eine davon ist, daß die Tochter verarmter Leute zur öffentlichen Dirne wird, um durch das dabei verdiente Geld ihre Eltern vor der Schande vollständigen materiellen Unterganges zu bewahren. Die andere Folge äußert sich in der unbedingten Unterordnung des Mädchens unter den Willen seiner Eltern bei der Wahl des Gatten.

Phot. Yei Ozaki.
Abb. 31. Szene vom Setsubunfest,
das im Frühling (ungefähr am 2. Februar) gefeiert wird. Nach alter Sitte geht ein mit einem Hakama bekleideter Mann durch das Haus, ruft aus: „Teufel raus! Alles Gute zieh’ hinein!“ und streut getrocknete Erbsen nach allen vier Himmelsrichtungen aus.
Phot. Clark & Hyde.
Abb. 32. Japanischer Ringkampf.
Die japanischen Ringer sind große, äußerst muskulöse Männer. Junge kräftige Burschen vom Lande werden ausgesucht und zu Ringkämpfern ausgebildet. Der Ringkampf hat meist zum Ziel, den Gegner aus einem Kreis von etwa fünf Meter Durchmesser hinauszudrängen.
Mit Erl. von G. Newns Ltd.
Abb. 33. Szene vom Omitafest in Isobe,
das alljährlich von den jungen Leuten auf den Reisfeldern gefeiert wird. Man kämpft um eine geschmückte lange Bambusstange.

Sobald der älteste Sohn in einer Familie das heiratsfähige Alter erreicht hat, sieht sich sein Vater unter den Töchtern seiner Freunde nach einer passenden Lebensgefährtin um, und zwar bedient er sich hierzu eines Vermittlers. Dieser schlägt ihm dieses oder jenes junge Mädchen vor und veranlaßt, wenn eine Partei ihm geeignet erscheint, einen Mi-ai, das heißt eine „Sehbegegnung“ entweder im Hause der Eltern oder in einem Blumengarten, einem Restaurant oder im Theater. An einem solchen Orte, dessen Namen langes Leben, gutes Geschick und Glück versinnbildlicht, finden sich die jungen Leute in Begleitung ihrer Eltern zum ersten Stelldichein ein und lernen sich flüchtig kennen. Sind beide Parteien hiervon befriedigt, dann nehmen die weiteren Verhandlungen einen schnellen Verlauf. Der Vermittler hält jetzt in aller Form um die Hand des Mädchens an. Wird der Heirat zugestimmt, dann kommt es zum gegenseitigen Austausch von Geschenken, die bereits ebenso bindend sind, wie die Hochzeit. Der Bräutigam sendet seidene Kleider, einen Obi, Sake, getrockneten Fisch, Seetang, ein Weidenfaß und Flachsgarn, alles Gegenstände von guter Vorbedeutung; die Braut macht ihrem Bräutigam ebenfalls ein Geschenk; dabei ist es Vorschrift, daß die beiderseitigen Sendboten sich unterwegs treffen. Bevor die Hochzeit festgesetzt wird, wendet man sich noch an einen Wahrsager, damit er den günstigen Termin dazu auswähle.

Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 34. Deygutfrau,
die einen bronzenen Bullen an der Körperstelle streicht, an der sie selbst vom Rheumatismus geplagt wird, in dem Glauben, dadurch Heilung zu finden.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 35. Zurschaustellung der Kinder im Alter von einem Monat, drei und fünf Jahren im Tempel durch die Anverwandten, damit der Priester sie segne.

Die japanische Hochzeit ist, da es die erste Pflicht eines jeden Japaners ist, für einen männlichen Nachkommen zu sorgen, der die vorgeschriebene Ahnenverehrung vornehmen kann, keine persönliche Angelegenheit, sondern eine solche der Familie. Wirkliche Liebe spielt dabei selten mit. Bei der Hochzeit geht es sehr zeremoniell zu; je höher die Beteiligten im Range stehen, um so strenger sind die konventionellen Formen und um so großartiger die Zeremonien, die sie begleiten. Drei Tage vor der Hochzeit wird die Aussteuer der Braut in einem Zuge in ihr künftiges Heim getragen (Abb. 41). Die Sitte erfordert, daß die Braut außer den Gegenständen zu ihrem persönlichen Bedarf alles Notwendige mitbringt, um das Heim für sich und den Gatten auszustatten, nämlich Betten (baumwollene Schlafdecken mit Seide und Krepp bezogen), Kommoden zur Aufbewahrung ihrer Kleider, Küchengeräte, Schreibtische, Schränke, Kohlenpfannen, lackierte Tablette, Porzellan und Toilettengegenstände. Ist der Hochzeitstag erschienen, dann stellt sich zunächst die Friseurin ein, sie kämmt das rabenschwarze Haar der Braut zum letztenmal in der gleichen kunstvollen Weise, wie es die jungen Mädchen tragen und schmückt es mit Nadeln aus Bernstein, Schildpatt und Korallen, sowie mit einem kleinen Kamm aus Goldlack, der den ganzen Aufbau krönt. Die Braut kleidet sich darauf in eine wundervolle Hochzeitsrobe (Abb. 46) mit langen Ärmeln, die beinahe bis auf die Erde reichen, in altmodischen Häuslichkeiten legt sie noch eine Hochzeitskapuze an, um ihr Erröten zu verdecken (Abb. 44). Das Brautkleid ist ganz in Weiß gehalten — der Farbe der Trauer —, wodurch der Austritt des Mädchens aus der Familie beziehungsweise Sippe angedeutet werden soll —; dagegen ist die Unterkleidung hellrot. Ehe das Mädchen ihr altes Heim verläßt, verabschiedet sie sich in aller Form von ihren Eltern; in diesem Augenblick überreicht ihr der Vater der Sitte gemäß ein kurzes Schwert (Abb. 45), wodurch er stillschweigend andeuten will, daß sie nicht vergessen soll, es im Notfalle, wenn ihre Ehre auf dem Spiele steht, zu gebrauchen. Von ihren Eltern begleitet, begibt sich die Braut, meistens am Abend, entweder in einer Jinrikscha oder in einer Kutsche, je nach den Geldmitteln der Familie, in ihr zukünftiges Heim. Die Eltern und Verwandten des Bräutigams, alle in knisternde Seide gekleidet, empfangen sie hier am Tore, der Bräutigam erwartet sie in dem Zimmer, wo die Heiratszeremonie stattfinden soll. An dieser dürfen außer dem zu trauenden Paar nur die beiderseitigen Eltern, der Vermittler und seine Frau, sowie zwei Bedienstete teilnehmen. In der Mitte des Zimmers befindet sich der Shima dai, ein weißer Tisch mit drei Beinen, auf dem das Land ewiger Jugend und Glückes dargestellt ist. Unter Kieferbäumen steht das alte Paar Takasago, das wegen seiner ehelichen Treue berühmt geworden ist, ihnen zu Füßen spielen Schildkröten mit langen grünen Schwänzen, deren Lebensspanne zehntausend Jahre beträgt; in der Höhe schweben Kraniche, ebenfalls Sinnbilder langen Lebens und Gedeihens, über einem Nest mit Jungen in den Fichtenbäumen, in deren Schatten Bambus und Pflaumenbäume stehen. Nachdem sich Braut und Bräutigam einander gegenüber gesetzt haben, findet das zeremonielle Trinken des San-san-ku-do („drei-drei-neunmal“) Bechers Sake statt. Dabei werden keine Versprechungen gemacht, keine Gelübde abgelegt, die ganze Zeremonie spielt sich schweigend ab. Zwischen das Paar wird ein viereckiger Ständer aus Lackarbeit gestellt, auf dem übereinander drei verschieden große zierliche Lackschalen für Sake stehen. Der Vermittler reicht zunächst die oberste Schale, mit diesem Stoff gefüllt, dem Bräutigam (Abb. 48), der sie in drei Zügen austrinkt, hierauf reicht er sie, neu gefüllt, der Braut, die sie ebenfalls leert. Dasselbe geschieht mit der mittleren und der unteren Schale. Hiermit ist die Ehe geschlossen. Das neuvermählte Paar wird sodann seinen zahlreichen Verwandten vorgestellt, die sich in einem Nebenraum versammelt haben und das frohe Ereignis durch ein Essen feiern. Ein Gang dieses Schmauses pflegt in einer Suppe aus Venusmuscheln zu bestehen, da die Schalen dieser Muschel eine glückliche und unzertrennliche Verbindung versinnbildlichen sollen; denn wie eine Schale nur mit der entsprechenden Partnerin ein Ganzes bilden kann, in die ihr Schloß hineinpaßt, so sollen auch Mann und Frau in der Ehe einander ergänzen. Auch ein Kranich wird serviert, indessen seltener, denn dieses Gericht können sich nur Wohlhabende leisten. Beim Festessen, währenddessen sich die Braut mehrere Male umkleidet, erhebt sich einer der männlichen Teilnehmer, der in klassischer Musik bewandert ist, und singt mit erhobenem offenen Fächer eine Ode, die dem feierlichen Augenblick angemessen ist.

Eine religiöse Zeremonie fehlt bei einer rein japanischen Hochzeit. Das Gesetz verlangt nur, daß die beiderseitigen Eltern die eingegangene Ehe eintragen lassen, und daß der Name der Frau aus dem Familienregister ihres Vaters gestrichen und in das ihres Gatten übergeschrieben wird, denn ohne solche Eintragung ist die Ehe ungültig. Neuerdings kommt auch die sogenannte Shintotrauung in Mode, die eine Nachahmung unserer kirchlichen Trauung ist. Zu dieser versammelt sich die Hochzeitsgesellschaft im Tempel der Sonnengöttin in Tokyo, der „drei-drei-neunmal“ Becher mit Sake wird in Gegenwart weiß gekleideter Priester getrunken, die Gebete an die Sonnengöttin sowie an Izanagi und Izanami (die schöpferischen Gottheiten) richten.

Phot. Yei Ozaki.
Abb. 36. Ein japanisches Kind wird im Alter von drei Jahren zum zweitenmal seiner Schutzgottheit zugeführt.
Die Kinderwärterin trägt eine Tasche für das Schwert und den Talisman, die das Kind vom Priester erhält.
Das „Gion“-Fest in Kyoto.
Dieses Tempelfest, das größte in Japan, wird vom 17. bis 24. Juli jeden Jahres durch einen prächtigen Umzug von dreiundzwanzig Dashi oder Festwagen gefeiert. Auf dem vorderen Wagen befindet sich zwischen zwei Gefährtinnen die Haupttänzerin in prächtigen Gewändern und reich geschmückt.

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Eine große Rolle spielen bei der japanischen Hochzeit die Geschenke, die das Brautpaar erhält (Abb. 47) und die oft genug einen großen Wert darstellen. Sie bestehen in allen Arten von Seide oder Krepp für die Kleidung des jungen Mannes und der jungen Frau. Meistens sind diese Stoffe in Weiß gehalten, damit die Empfänger sie nach eigenem Geschmack nachfärben lassen können. Von der Großartigkeit der Hochzeitsgeschenke und dem Luxus, der mit ihnen getrieben wird, kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man hört, daß bestimmte Leute das Einwickeln von ihnen als besonderes Geschäft betreiben. Denn auch hierfür werden bestimmte Gewohnheiten beobachtet. Um jede Schachtel oder jedes Paket, das solche Glückwunschgaben enthält, werden zwei Stücke von extra schwerem weißen Papier gewickelt, und um das Ganze sodann noch in der Mitte ein rot und weißes zehnsträngiges Papierband, Mizuhiki genannt, das oft in Locken oder Ranken endigt, zu einer zierlichen Schmetterlingsschleife gebunden. Oft verwendet man dazu auch Gold- und Silberpapier und führt darin allerlei Muster und Phantasiegebilde aus; sehr beliebt sind Schleifen mit mehreren Schlingen in Form einer fünfblätterigen Pflaumenblüte, des Symbols der Lieblichkeit und Tugend der Frau, die sich im Unglück behauptet, geradeso wie die Pflaumenblüte mitten im Schnee zur Entwicklung gelangt. Auch ein Stück getrockneter Seeohrmuschel (Haliotis) pflegt jedes Geschenk zu begleiten. Da dieses Tier, das wie ein Stück getrockneten Pergaments aussieht, elastisch ist, so versinnbildlicht es Haltbarkeit und lange Lebensdauer, und seine Schale die Beständigkeit der Liebe. Die Geschenke aus Seide oder Krepp werden oft auch in Form großer Fächer arrangiert, um dadurch anzudeuten, daß sich im Leben des jungen Paares das Glück ebenso ausbreiten möge, wie der Fächer. Zu den genannten wertvollen Geschenken gesellen sich noch eine Menge getrockneten Fisches (Katsobushi genannt), der so hart ist, daß er wie Holz gehobelt werden muß und im Haushalte für alle möglichen Suppen und als Würze bei den meisten Gerichten Verwendung findet, sodann kleine Sträuße künstlicher Kiefer- und Bambuszweige, sowie Pflaumenblüten. In der romantischen Phantasie des Volkes stellt die Kiefer das Sinnbild der Ausdauer und Beständigkeit, der Bambus das der Aufrichtigkeit und die Pflaumenblüte das der weiblichen Tugend dar.

Phot. A. Petrocokino.
Abb. 37. Geishas in einem Zuge tanzend,
der die Reise eines alten japanischen Edlen oder Samurai mit seinem Gefolge zur Darstellung bringt.
Phot. Earl of Ronaldshay.
Abb. 38. Das Tempelumwandern der Japaner.
Um die Aufmerksamkeit der Götter behufs Erfüllung eines besonderen Wunsches auf sich zu lenken, wandern japanische Männer und Frauen, die dieses gelobt haben, viele Male um den Tempel des betreffenden Gottes herum.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 39. Knabenfest am 5. Mai jeden Jahres,
zu dem jedes Haus, in das während des vergangenen Jahres ein männlicher Weltbürger Einzug hielt, durch bunt bemalte Karpfen aus Papier geschmückt ist.

Bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts waren unter den Geschenken, die man der jungen Frau darbrachte, gewisse Bilderbücher sehr beliebt, die voll köstlichen Witzes in Karikaturen Beischlafszenen in phantastischer Mannigfaltigkeit den Frauen zur Veranschaulichung bringen, sie also darüber belehren sollten, was sie in der Ehe zu leisten hätten, und die oft von namhaften Künstlern angefertigt waren, ebenso die sogenannten Frühlingstäfelchen, Kästchen von der Form unserer Tuschkästen, deren Schubdeckel oben ein Bild zeigte, das ein männliches und ein weibliches Wesen in anständiger Unterhaltung darstellte, auf der Unterseite aber in farbiger Reliefdarstellung eine Beischlafszene in komischer Stellung darbot. Für unsere Moralauffassung erscheinen solche Dinge in hohem Grade unanständig und unverständlich, zumal man sie jungen Frauen darbrachte; der Japaner indessen findet daran absolut nichts Anstößiges. Für ihn gilt das alte Sprichwort, daß das Natürliche nichts Schimpfliches ist. Er erblickt in dem nackten Körper daher etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches, sofern die Nacktheit im gegebenen Falle berechtigt ist. Er entledigt sich daher zu Hause möglichst aller ihn beengenden Kleidungsstücke und entblößt sich auch in der Öffentlichkeit, wenn ihn die Kleider am Arbeiten hindern. Er findet es auch keineswegs anstößig, daß beide Geschlechter zusammen baden, und ebenso ist für ihn der Geschlechtsakt etwas ganz Natürliches und das Preisgeben eines Mädchens nichts Entehrendes, wenn den Grund dazu die Unterstützung armer Eltern abgibt.

Phot. Yei Ozaki.
Abb. 40. Japanisches Puppenfest.
Ganz zu oberst finden sich der Kaiser und die Kaiserin mit Opfergaben in Wein und süßen Kuchen aufgestellt, darunter die Minister, Hofmusikanten, Palastdamen und Palastwächter. Ganz unten stehen schöne Miniaturgegenstände für den Puppenhaushalt.

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Phot. Yei Ozaki.
Abb. 41. Ein Hochzeitsbrauch bei den Japanern.
Die Brautausstattung wird drei Tage vor der Hochzeit in langen Kisten und großen Kästen nach dem zukünftigen Heim getragen. Sie sind mit grün bemalten, besonders für diesen Zweck gefärbten und mit dem Familienwappen gekennzeichneten Stoffen überzogen.

Die Ehe des Japaners wird eigentlich auf Zeit geschlossen, die bei den besseren Ständen fünf Jahre, bei den niederen weniger beträgt. Trotzdem kommt es höchst selten bei offenkundigem Unglück und fast nie bei vorhandenen gesunden Kindern vor, daß die Ehegatten auseinander gehen. Der Ehemann hat allerdings das Recht, sich ohne besonderen Grund von seiner Frau zu trennen und eine andere zu heiraten, nur darf dies nicht eine leibliche Schwester seiner Frau oder einer früheren Frau sein. Auch braucht er nicht die eheliche Treue zu halten, kann sich daher mehrere Frauen nehmen, soviel als ihm sein Geldbeutel erlaubt. Neuerdings jedoch machen sich in den besseren Kreisen Japans europäische Anschauungen auch über die Ehe geltend.

Der Japaner scheint ein starkes Geschlechtsbedürfnis zu besitzen; diesem wird dadurch Rechnung getragen, daß nicht nur jede größere Stadt und jeder Seehafen, sondern beinahe jedes Dorf öffentliche Lusthäuser besitzt. Es sind dies jedoch keineswegs Stätten unanständiger Orgien und Liederlichkeit, sondern, wenn man von dem nach unserer Ansicht unmoralischen Zwecke absieht, dem sie dienen, durchaus anständige Institute, über die der Staat nach jeder Hinsicht eine strenge Kontrolle ausübt.

Abb. 42. Japanische Rechenmaschine.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 43. Japanische Kinder, die mit Schwertern fechten.
Solche gymnastischen Übungen werden von ihnen von frühester Zeit an betrieben.

In Japan ist das Prostitutionswesen in solchem Grade wie wohl nirgends auf der Welt verbreitet. Ein anonymer englischer Schriftsteller schätzt die Zahl der in etwa zwanzigtausend Freudenhäusern untergebrachten Mädchen auf vier- bis fünfhunderttausend, zu denen ungefähr die gleiche Anzahl Frauen kommen soll, die heimlich diesem Berufe nachgehen. Die Prostituierten bilden in Japan eine besondere Kaste, deren Entstehung schon um mehrere Jahrhunderte zurückreicht und die durch Gesetz und Sitte geschützt ist. Der Staat kauft die jungen Mädchen auf, läßt sie in allerlei Künsten ausbilden und so für ihren zukünftigen Beruf vorbereiten. Es sind dies meistens Mädchen armer Eltern oder Waisen, die zur Prostitution herangezogen werden. Die älteren Kurtisanen unterrichten sie in allerlei weiblichen Fertigkeiten, wie Schreiben, Lesen, Singen, Samisaspielen, vornehmen Manieren und anderem mehr. Dafür haben diese jenen kleine Handleistungen zu machen, sie gleichsam als ihre Zofen zu bedienen. Oft genug kommen die jungen Mädchen schon im zartesten Kindesalter in diese Häuser, aber erst mit vierzehn Jahren dürfen sie preisgegeben werden. Mit dem siebenundzwanzigsten Jahre erhalten sie ihre Freiheit wieder, falls sie nicht schon früher durch Freikauf in privaten Besitz übergehen oder sich verheiraten. Denn die wenigsten Leute nehmen an solchem Gewerbe einen Anstoß, im Gegenteil, die Mehrzahl der ärmeren Japaner bezieht aus den Freudenhäusern ihre Ehefrauen; denn der schon erwähnten allgemeinen Anschauung entsprechend wird die Schuld ihres früheren Lebenswandels nicht den Mädchen, sondern ihren Eltern zugeschoben; nur sie waren es, die zumeist unter dem Drucke der Not ihre Töchter solchem Lebenswandel zuführten, und diese taten nur ihre Pflicht, indem sie den Eltern gehorchten. Daher verachtet auch die bessere Gesellschaft diese Mädchen nicht, sondern bemitleidet sie nur. Die Bezeichnung für eine Prostituierte in Japan ist auch keineswegs eine herabwürdigende, sondern eine höchst dezente; man nennt sie „Zeitweib“ oder „Stundenehefrau“. Früher war es nämlich Sitte, daß diese Mädchen dem Fremden auf eine kurze Zeit gleichsam angetraut wurden. Die Zeremonie, die sich dabei abspielte, glich der bei wirklichen Hochzeiten, wie wir sie oben kennen gelernt haben; der Fremde heiratete aber nur auf Zeit.

Phot. Yei Ozaki.
Abb. 44. Eine Hochzeit der Mittelklasse in Japan.
Die Braut trägt eine weiße Kopfbedeckung während der „Drei-drei-neunmal“-Zeremonie.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 45. Bevor die Braut den Eltern Lebewohl sagt,
überreicht ihr der Vater ein kurzes Schwert.

Das Bordellviertel von Tokio hat eine gewisse Berühmtheit erlangt; es ist dies das Yoshiwara. Das Zugangstor zu ihm trägt die poetische Inschrift: „Ein Frühlingstraum, wenn die Straßen voll von Kirschblüten sind, eine Herbststimmung, wenn die Straßen auf beiden Seiten mit hellen Laternen umsäumt sind.“ Das Yoshiwara (Abb. 49) ist durch regelmäßig verlaufende Straßen eingeteilt, in denen es des Abends ein wirkliches Schauspiel gewährt, umherzuwandern. Geschmückt mit farbenprächtigen Gewändern sitzen die Mädchen in Reihen vor goldenen Schirmen in käfigartigen Räumen — denn von der Außenwelt sind sie durch wirkliche Holzstäbe abgesperrt — und stellen sich zur Schau (Abb. 50). Die Prostituierten kennzeichnen sich durch zahlreiche Nadeln, die sie im Kopfhaar tragen; auch pflegen sie sich als Abzeichen ihres Gewerbes die Schleife des Obi, die sonst über dem Gesäß sitzt, nach vorn zu drehen, so daß sie über den Schoß zu liegen kommt. In größeren Städten sind an den Häusern Laternen ausgehängt, die mit dem Wappen des betreffenden Mädchens geschmückt sind. Es gibt sogar Bücher, in denen sich Laternen und Wappen, sowie der Schirm, der vornehmen Prostituierten auf ihren Ausgängen vorangetragen wird, nach Art eines Verzeichnisses aufgeführt finden. Künstler von Bedeutung wie Yoshitoshi oder Kitagawa Utamaro haben es nicht für unter ihrer Würde erachtet, Darstellungen aus dem Leben des Yoshiwara mit ihrem Stifte wiederzugeben, und japanische Bücher bringen die Lebensbeschreibungen einiger berühmter Prostituierter sowie ihre Porträts (Abb. 51). — Da das ganze Yoshiwaraviertel besonderer polizeilicher Aufsicht unterstellt ist, so herrscht hier vollkommene Ordnung, musterhafte Ruhe und absolute Sicherheit; die öffentliche Scham wird durch das sich hier abspielende Treiben keineswegs verletzt. — Die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern hat in Japan, besonders in seinen südlichen Teilen, weite Kreise des Volkes durchseucht; hier werden ebenso wie in China Knaben von frühester Jugend auf zu einem solchen Berufe systematisch vorbereitet. Auch Bordellwesen existiert nach dieser Richtung.

Phot. Yei Ozaki.
Abb. 46. Daimiotochter im Brautkleid.
Der Kimono ist in scharlachrotem Krepp gehalten und prächtig gestickt, darüber hängt ein weißer Damastmantel. Im Gürtel steckt ein gesticktes Notizbuch.

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Phot. Yei Ozaki.
Abb. 47. Japanische Hochzeitsgeschenke,
darunter Pinienzapfen, Bambus- und Pflaumenblüten, alles Sinnbilder langen Lebens und des Glücks.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 48. Szene aus einer modernen Hochzeit nach dem Shintoritus.
Neben dem Hausaltar mit den Gaben für die japanischen Götter der Fruchtbarkeit sitzt je ein weißgekleideter Priester; an den Wänden hängen Gohei, Papierstreifen, um das Unglück abzuwenden und die Anwesenden zu reinigen. Der Bräutigam erhält soeben geweihten Reiswein in eine dünne Porzellantasse gegossen.

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Zu den vielen schönen und ergreifenden Eigenarten des japanischen Lebens gehört auch die Verehrung der Toten und die peinliche Sorgfalt, die auf die feierlichen Gebräuche der Anbetung und Erinnerung an die Seelen der Heimgegangenen im Hause verwendet wird.

Hat der Sterbende den letzten Hauch getan, dann versuchen die, welche ihm am nächsten standen, ihn noch einmal ins Leben zurückzurufen, indem sie ihm seinen Namen ins Ohr schreien, denn sie glauben, die Seele könne es hören und noch einmal Rückkehr halten; besonders rührend ist, wenn zuerst das jüngste Kind die Mutter ruft, denn man erwartet, daß sie dieses am allermeisten liebe. Nützt dies nichts, dann befeuchtet man die Lippen des Toten mit Wasser, bedeckt sein Gesicht mit einem weißen Tuch und kehrt alles im Zimmer um. Auf einen niedern Tisch stellt man sodann die Tafel mit dem Namen des Verstorbenen, der ihm nach seinem Tode gegeben wird. Die Totentafel der Buddhisten ist kunstvoll gearbeitet und reich vergoldet; sie trägt als Namen eine langtönende Zusammenfassung vieler Tugenden; die Tafel der Shintoisten dagegen ist einfach, aus weißem Holz angefertigt und hat als Aufschrift nur den Lebensnamen des Verblichenen mit dem Zusatz „Mi-tama“, das ist Erhabener Geist. Vor dieser Tafel nun stellt man ein Weihrauchbecken mit einem dauernd brennenden Weihrauchstock, eine Tasse Wasser, ein ganz bescheidenes Licht — in einer irdenen Untertasse mit Rübsenöl brennt ein Docht —, weiter einen Behälter mit einigen Aniszweigen, ein paar Klöße aus weißen Bohnen auf einem Teller, eine Schüssel mit Reis, über den Bohnensuppe gegossen ist, und ein Speisestäbchen auf; in die Nähe der Leiche legt man öfters noch quer über die Kniee ein Schwert, um die bösen Geister abzuwenden.

Phot. Gebr. Haeckel.
Abb. 49. Bordellstraße im Yoshiwara.

In den Sarg gibt man dem Toten einen Bambusstab und einen Beutel mit buddhistischen Amuletten, Gebetssprüchen und einer Münze (für die Überfahrt) mit und bestreut das Ganze mit Weihrauchpulver und getrockneten Anisblättern. Stirbt ein Ehemann, so pflegt die Frau ihr Haar abzuschneiden und es ebenfalls in den Sarg zu legen; sie will damit bekunden, daß sie nie wieder heiraten wird; übereinstimmend mit diesem Entschlusse bestellt sie zu gleicher Zeit ihre eigene Totentafel, die mit der ihres verstorbenen Gatten gemeinsam auf dem Hausaltar und im Familientempel Aufstellung findet. Indessen beschränkt sich dieser Brauch nur auf die Ehefrauen der oberen Klassen, die dadurch fortan ihre Keuschheit anzeigen wollen.

In der Nacht vor einem Begräbnis (Abb. 54 und 55) halten die Hausangehörigen Wache, die Priester sagen dabei Gebete her. Auf die Nachricht von dem Tode machen die Freunde und Bekannten sofort ihren Beileidsbesuch; sie senden gleichzeitig oder bringen ein Geschenk in Form von Geld als Beitrag zu den Begräbniskosten mit, die in Japan ungewöhnlich hohe sind und auch nicht gespart werden, wenn es gilt, einen Toten zu ehren. Das Geld wird in weißes Papier gewickelt, mit der Bezeichnung „koden“ (Weihrauchgeld) versehen und mit einem schwarz und weißen Bande zugeschnürt. Die Familie macht zum Zeichen ihres Dankes innerhalb fünf Wochen nach dem Begräbnis ein Gegengeschenk in Form von Klößen aus grünen und weißen Bohnen, sowie von Blechdosen mit Tee. Auch sendet man Kuchen, und zwar merkwürdigerweise bei solchem traurigen Anlaß in gerader Zahl, hingegen bei freudigen Ereignissen in ungerader Zahl.

Phot. Gebr. Haeckel.
Abb. 50. Öffentliches Haus im Yoshiwara.
Die Geishas mit abrasierten und schwarz aufgemalten Augenbrauen, weißgepudertem Gesicht und bronzierten Lippen sitzen in farbenprächtige Gewänder gekleidet hinter Holzgittern.

Der vertrauteste Gegenstand in einem japanischen Haushalte ist der Familienaltar, auf dem die Tafeln, welche den Toten geweiht sind, die Ihai, aufbewahrt werden. Der buddhistische Altar ist vornehmer ausgestattet, meistens lackiert, sein Inneres vergoldet. Der Shintoaltar dagegen besteht nur aus einfachem weißen Holz in der Form des archaistischen Shintotempels. Sind die Leute Anhänger des Buddhismus, so wird jeden Morgen von dem ersten Reis und Tee eine Opfergabe den Ihai auf dem Altar entrichtet; jeden Monat wird den Geistern am Todestage ein winziges Gemüsemahl serviert, dazu werden Blumen in kleinen Vasen hingestellt und Weihrauch verbrannt. Die Shintoanhänger ihrerseits opfern alle zehn Tage und am wiederkehrenden Todestage im Monat Sake, ungekochten Reis, rohes Fleisch, Obst und Gemüse dem „Erhabenen Geiste“. Weihrauchverbrennen gestattet jedoch die shintoistische Religion nicht, läßt dafür aber bei feierlichen Gelegenheiten und auch beim Begräbnisgottesdienst Zweige der Cleyera japonica darbringen (Abb. 55). Auch die Shintoisten betrachten alles, was mit dem Tode zusammenhängt, als unrein. Bei eintretendem Todesfall wird daher der Altar mit weißem Papier zugedeckt, um das Eindringen verunreinigter Luft zu verhindern; nach dem Begräbnis vollziehen die Priester eine feierliche Reinigung, indem sie Salz über das ganze Haus streuen und am Grabe geweihte Stäbe über die Trauernden schwenken.

Aus dem Handb. d. Sexualwissenschaften.
Abb. 51. Japanische Halbweltdame
(Oiran = Stundenehefrau) in prächtig gesticktem seidenem Gewand.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 52. Japanisches Allerseelenfest,
an dem Laternen vor die Häuser gehängt und Hanffeuer in der Vorhalle angezündet werden, um die Geister der Verstorbenen zu bewillkommnen, während im Hause für sie ein Altar mit besonders zugerichteten Speisen und Kuchen errichtet wird.

Die Buddhisten feiern ein Allerseelenfest, das wunderbare Bon-matsuri, vom 13. bis 16. August, denn um diesen Zeitpunkt, so glaubt man, suchen die Seelen der Toten ihre Hinterbliebenen auf. Von einem Ende des Reiches bis zum anderen werden freudige Vorbereitungen getroffen, um diese geisterhaften Besucher zu bewillkommnen. Die Kirchhöfe werden aufgesucht, die Grabsteine (Abb. 53) gewaschen und mit Blumen geschmückt, vor den Hügeln wird Weihrauch verbrannt, und vor den Häusern sowie den Altären werden Laternen aufgehängt, die von leuchtender, durchscheinender Schönheit sind, manchmal die Form von zart abgetönten Lotusblumen aufweisen und durchweg mit rosa und weißen Lotusblumen, sowie mit Fransen und langen Bändern aus feingeschnittenem Papier verziert sind. Auf den „Geisteraltar“, eine auf vier mit Fadennudelgewinden verzierten Bambuspfählen ruhende, mit einer Kryptomerienumzäunung versehene Strohmatte, werden „Willkommenkuchen“ und „glückbringende Klöße“, in Lotusblätter eingehüllt, sowie verschiedene Früchte und Beeren den Geistern als Speise hingesetzt, desgleichen für sie Gefährte in Gestalt kleiner Ochsen und Pferde, entweder aus Stroh geflochten oder aus Eierpflaumen und Melonen zugeschnitten, aufgestellt. Auf dem Lande geht die ganze Familie mit brennenden Laternen in den Händen zu den Gräbern, den ankommenden Seelen entgegen, zündet draußen vor dem Hause überall Hanfstockfeuer an (Abb. 52), um sie zu begrüßen, und stellt bei den Toren Schüsseln mit Wasser auf, damit sie sich die Füße waschen können. Am 14. August kommen die Priester, um vor dem Altar Gebete zu sprechen, und am nächsten Tage werden alle Feuer wieder angezündet, um die scheidenden Geister hinauszugeleiten. Altmodische Leute zünden sich an solchem Feuer ihre Pfeifen an und treten über dasselbe, um sich bestimmte Krankheiten fernzuhalten. — An der Küste besteht in manchen Gegenden der Brauch, kleine Boote aus Stroh mit Papiersegeln und winzigen Gefäßen für Wasser und Weihrauch für die wiederkehrenden Geister auszusetzen; auf dem Segel dieser Boote steht der buddhistische Name des Toten geschrieben. An manchen Orten schmückt man die Boote abends auch mit kleinen Laternen, an anderen setzt man nur schwimmende Laternen aus.

Die Ainu. Im nördlichen Japan (Jesso) sowie auf der Südspitze Sacchalins und auf den Kurilen wohnen die Ainu, ein Volk, das ehemals die ganze ostasiatische Inselkette, von den Kurilen angefangen bis Liu Kiu, sowie das Amurgebiet auf dem Festlande bewohnt haben muß und höchstwahrscheinlich von hier aus zur Steinzeit nach Japan einwanderte. Anscheinend trafen die Ainu hierbei auf eine einheimische Urbevölkerung, die die Bezeichnung Koro-pok-guru führte und mit ihnen zusammen, sowie mit hinzugewanderten mongolischen und malaiischen Elementen die heutige Bevölkerung Japans hervorbrachte.

Die Ainu sind klein, stehen in der Größe sogar noch den Japanern nach, sind aber von kräftigem, gedrungenem Körperbau. Ihr Kopf ist länger als bei den Mongolen, ihr kurzes, rundes Gesicht besitzt tiefliegende, rundliche, gerade stehende Augen (meistens ohne Mongolenfalte), die von buschigen Augenbrauen überschattet werden, und etwas vorstehende Jochbeine. Die Nase ist kurz, an der Wurzel schmal, nach unten hin aber ausladend. Der große Mund besitzt wulstige Lippen, das Kinn ist breit. Die Hautfarbe gleicht im allgemeinen der der Japaner, zeigt aber einen Stich ins Rötliche. Das Haar ist ebenfalls straff und tiefschwarz. Eine auffällige Erscheinung ist die besonders starke Behaarung der Ainu, die um so wunderbarer erscheint, als sie mitten unter Völkern leben, die im Gegensatz dazu besonders spärlich behaart sind. An den Männern fällt der üppige Bart auf, der bis an die Ohren und ziemlich an die Augen heranreicht, desgleichen der Reichtum an Haaren am ganzen übrigen Körper, die ihn wie ein Pelz bedecken. Im großen und ganzen weisen die Ainu in ihren Gesichtszügen mehr Ähnlichkeit mit den kaukasischen, als mit den mongolischen Völkern auf; Bälz stellt sie geradezu mit den russischen Bauern in Parallele. Die Ainu sind von Charakter gutmütige, höfliche, man kann beinahe sagen, unnatürlich kriechende, unterwürfige, dabei aber träge und arbeitscheue, sowie dem Trunke und dem Tabakgenuß sehr ergebene Leute.

Phot. Gebr. Haeckel.
Abb. 53. Japanisches Grab,
mit allen möglichen Gebrauchsgegenständen bedeckt, um dem Toten die Reise in das Jenseits zu erleichtern.

Im wesentlichen sind sie Jäger und vor allem Fischer; Ackerbau erlaubt das kalte Klima ihnen kaum. Sie graben sich auch Wurzeln mittels Grabstöcken aus. Auf der See bedienen sie sich zum Fange der Harpunen (Abb. 56); früher betrieben sie die Jagd mittels (mit Akonit) vergifteter Pfeile. Ihr einziges Haustier ist der Hund, der ihnen ihre Schlitten zieht (Abb. 57). — Sie wohnen in Holzhütten mit Binsenbedeckung (Abb. 60 bis 62), die teils direkt auf dem Boden, teils auf Gerüsten stehen, teilweise auch in Erdwohnungen.

Die Kleidung der Ainu besteht aus Fellen und Stoffen aus Ulmenbast (Abb. 58); beide Geschlechter tragen enge Beinkleider, Jacke, langen Rock und Schuhe, dazu Schmuck in Gestalt von großen Ohrringen aus bunten Stoffstreifen oder Metall, silbernen Halsbändern und Kopfbinden. Ganz eigenartig ist die Tatauierung der Frauen, künstlerisch verschlungene Linien auf Armen und Händen sowie schnurrbartähnliche Muster an der Ober- und Unterlippe, wodurch sie ein ganz männliches Aussehen bekommen (Abb. 62). Bereits im siebenten Lebensjahre beginnt man bei den kleinen Mädchen an der Oberlippe damit und fügt alljährlich ein Stück des blauschwarzen „Schnurrbartes“ mehr hinzu, so daß mit etwa zwanzig Jahren die Tatauierung vollendet ist.

Phot. Clark & Hyde.
Abb. 54. Leichenbegängnis an einem buddhistischen Tempel.
Die Buddhisten glauben, daß der Geist des Toten neunundvierzig Tage in der Nähe seines alten Heims umherirrt; strenge Trauer wird während dieser Zeit beobachtet. Am neunundvierzigsten Tage wird ein Tempeldienst abgehalten und am hundertundersten Tage nach dem Tode ein Erinnerungsfest gefeiert.

Die Ainu leben in kleinen Horden in Dörfern unter einer Art Häuptlingen, die bei festlichen Gelegenheiten eine mit einem roh aus Holz geschnitzten Bärenkopfe geschmückte Krone aus Weidenholzspänen und Seegras, ein besonderes Kleid aus bunten Stoffstreifen und ein großes Schwert tragen.

Die Ainu sind ihrer religiösen Anschauung nach reine Animisten; sie halten die ganze lebende und tote Natur von Geistern und Göttern belebt, beten diese an und huldigen ihnen durch Opfer, im besonderen durch Darbringen von Reiswein. Ihre Hauptgottheit ist heutzutage (wohl von Japan aus eingeführt) der Gott der Sonne; dieser gebietet allen übrigen Gottheiten. Außer diesem hohen Gott gibt es noch eine ganze Reihe Götter zweiten Grades, die zahllosen Geister, die in dem Feuer, den Bergen, Flüssen, Tälern, Wäldern, selbst in den Tieren (Walfisch, Seebär, Walroß, Otter und vor allem dem Bären) leben oder die Seelen der Vorfahren vorstellen und insgesamt unter der Bezeichnung der Kamui zusammengefaßt werden. Alle diese Geister sind ihnen gutgesinnt und fördern ihr Wohlbefinden. Daneben aber kennen die Ainu auch solche Wesen, die sich angelegen sein lassen, sie zu schädigen, ihnen Unglück und besonders Krankheit und Tod zu bringen; diese verehren sie nicht, sie beten sie ebensowenig an oder opfern ihnen, sondern bekämpfen sie nur; den Kampf übernehmen die Schamanen.

Abb. 55. Ein Shintoleichenbegängnis.
Die Priester, die Leichenträger und weiblichen Leidtragenden sind alle in Weiß, die Trauerfarbe der Shintoanhänger Japans, gekleidet. Zweige der Cleyera japonica nehmen die Stelle von Kränzen ein. Beachtenswert ist die einer Arche gleichende Totenbahre.
Aus: Weule, Leitfaden d. Völkerkunde.
Abb. 56. Ainu auf der Seehundjagd mittels Harpunen.
(Nach einem japanischen Holzschnitt.)
Aus: Weule, Leitfaden d. Völkerkunde.
Abb. 57. Hundeschlitten der Ainu.
(Nach einem japanischen Holzschnitt.)
Aus: Weule, Leitfaden d. Völkerkunde.
Abb. 58. Herstellung von Rindenstoff aus Ulmenbast durch die Ainu.
(Nach einem japanischen Holzschnitt.)

Die Opfer, die die Ainu ihren Göttern darbringen, bestehen in Speise und Trank (Abb. 59); außerdem stellen sie ihnen zu Ehren überall, wo es nur möglich ist, eigenartige Gegenstände auf, die sie Inau nennen. Es sind dies für gewöhnlich Ästchen aus Weiden-, seltener aus Erlen- und Ebereschenholz, an denen stellenweise kurze Streifen abgespalten sind, so daß diese wie Locken herabhängen. Sie sollen menschliche Figuren darstellen, was man mit einiger Phantasie auch wohl erkennen kann. Daneben werden aber auch große Inaue in Gestalt hoher Stangen oder Bäume errichtet, die oft ganz verwickelte Gestalten wiedergeben; so zum Beispiel stellt ein kleiner Tannenbaum, an dem die Äste quirlähnlich stehen gelassen sind, den Sonnengott dar. Auch Bündelchen mit abgespaltenen Holzstückchen werden als Inau bezeichnet; das Bezeichnende für alle die so benannten Gegenstände scheint das Vorhandensein von Holzspänen zu sein. Man trifft die Inaue überall, entweder einzeln oder in Gruppen zusammen an, in und vor dem Hause, auf Bergen, am Meeres- und Flußufer, im Walde, auf Wegen, Grabstätten und sonst noch. Sie spielen eine überaus wichtige Rolle im Leben der Ainu, die sehr viel Zeit auf ihre Herstellung verwenden. Über die Bedeutung der Inaue sind die verschiedensten Meinungen aufgestellt worden. Die eine davon besagt, daß die Inaufigur an Stelle früherer Menschenopfer getreten sei und das Einkerben den Ausdruck des Bauchaufschneidens bedeute; eine andere behauptet, daß die Inaue aus dem Shintokultus herstammten, das heißt auf die mit farbigem Papier behängten Opferstäbchen der Japaner als Vorbild zurückgehen und ebenso wie diese aus dem Opfergegenstand zum direkten Gegenstand der Verehrung, das heißt zur Gottheit geworden seien. Indessen befriedigen auch diese Erklärungen nicht. Am wahrscheinlichsten erscheint mir die Annahme, daß die Inaue die Rolle eines Vermittlers zwischen Menschen und Göttern zu spielen haben, daß die „hölzernen Menschen“ gleichsam die Gabe besitzen, diesen die Wünsche und Bedürfnisse der lebenden Menschen zu überbringen, und daß die Späne an ihnen Zungen darstellen. Im Augenblick großer Gefahr, zum Beispiel bei Sturm auf dem Meere, holt der Ainu ein Holzstäbchen, das er stets bei sich trägt, hervor, kerbt es in der bekannten Weise ein und wirft es, sobald die Figur fertiggestellt ist, ins Meer mit den Worten: „Gehe zum Geist des Meeres und sage ihm, daß er gehörig acht gebe“ und so weiter. — Eine besondere Verehrung zollen die Ainu dem Bären, der auch ihre wichtigste Nahrungsquelle abgibt. Sie fangen im Beginn des Frühjahres junge Tiere ein und ziehen sie in Käfigen (Abb. 61 und 63), die im Hause der Häuptlinge stehen, angeblich an der Brust der Weiber, auf. Wenn sie erwachsen sind, werden diese Bären unter gewissen Zeremonien getötet und verzehrt. Die Schädel aber werden auf Pfählen aufgesteckt und dienen zur Anbetung (Abb. 64).