Die Beludschen haben in viel höherem Grade noch ihre Ursprünglichkeit bewahrt als die Afghanen. Sie sind ein Volk von Reitern und Pferdezüchtern. Leidenschaftlich interessieren sie sich daher auch für Pferdewettrennen (Abb. 340 und 341); gelegentlich wetteifert dabei ein Stamm gegen einen anderen. Nach ihrer Überlieferung ist dies eine alte Neigung, die vor vielen Jahrhunderten einmal zu Bürgerkriegen und Spaltungen in feindliche Parteien innerhalb des Volkes führte. Bei allen größeren Festen oder Versammlungen finden solche Pferderennen statt, die auch immer von Tänzen begleitet sind. Am ausgebildetsten zeigen ihren Nationaltanz noch die Bergstämme. Die Tänzer, die lange, wallende weiße Gewänder tragen, fassen sich bei den Händen, bilden einen Kreis, in dessen Mitte die Musik — Trommeln und zwei weitere, unserem Violoncell und unserer Gitarre ähnliche Instrumente — aufspielt, und setzen sich mit leicht federndem Schritt in Bewegung, den Kreis bald enger ziehend, bald ihn vergrößernd. Allmählich werden ihre Bewegungen, die anmutig und gemessen begannen, immer schneller, die Tänzer machen sich oft voneinander los und drehen sich allein, schließlich endet das Ganze in einen wilden Taumel. Die Umstehenden werden ebenfalls von der Lust zu tanzen erfaßt und fallen unter wüstem Geschrei ein (siehe die farbige Kunstbeilage). — Unter den berufsmäßigen Kameltreibern ist ein ähnlicher Tanz üblich. Sobald sie dabei in Aufregung geraten, nehmen sie ganz seltsame und groteske Stellungen ein: sie kauern sich nieder, hüpfen umher, springen wie Frösche und stoßen ein wildes Geheul aus, grunzen oder geben andere eigenartige Töne von sich. — Der Tanz der Afghanen ist ein Schwertertanz. Zumeist halten nämlich die Tänzer ein Schwert in beiden Händen, manchmal ein solches nur in der einen und eine Flinte in der anderen Hand. Sie kreisen um einen Pfosten, schwenken das Schwert um den Kopf und werden nach und nach so erregt, daß sie in wilden Bewegungen umherspringen und nicht selten ihre Gewehre abschießen. Die Musikanten halten sich hier außerhalb des Kreises auf. Aus anderen freudigen Anlässen tragen bei den Beludschen berufsmäßige Sänger Lieder, im besonderen alte Balladen vor. Jedoch sind dies keine eigentlichen Beludschen, sondern Domen, das heißt Männer des Zigeunerstammes, die die Lieder gleichzeitig auf den schon erwähnten Musikinstrumenten begleiten (Abb. 342). Die Beludschen verfassen auch noch mancherlei Dichtungen, aber keiner von ihnen gibt sich dazu her, selbst sein Erzeugnis öffentlich vorzutragen; er lehrt es einen Dom, und dieser singt es vor dem versammelten Volke. Die Bergbewohner üben auch Gesänge, kurze Liebeslieder und kleine lyrische Gedichte, ein und begleiten sie mit der Flöte. Diese Gedichte atmen mitunter einen recht romantischen Geist, besonders wenn die Liebe mitspricht. Denn Flirten und Hofmachen kommt unter den jungen Leuten recht häufig vor. Im großen und ganzen erfreuen sich die Frauen der Beludschen ziemlicher Freiheit, wenngleich bei der Auswahl des Gatten ihre Stimme wenig ins Gewicht fällt. Dafür entschädigen sich die Frauen aber durch Liebeleien nach der Hochzeit. Daß jungverheiratete Frauen sich von ihren Liebhabern aus anderen Stämmen oder Familien entführen lassen, kommt sehr häufig vor. Ein solches Vergehen hat den Tod der Frau oder des Liebhabers, meistens beider zur Folge, wenn es dem Paare nicht gelingt, sich auf das Gebiet eines anderen Stammes zu flüchten, denn hier verbietet das Gesetz der Gastfreundschaft ihre Auslieferung. Frauen dürfen bei Fehden unter den einzelnen Stämmen nicht getötet werden, ebensowenig Knaben bis zur Pubertät. Sobald sie aber die Reife erlangt haben, werden sie mit Hosen bekleidet, wie sie die erwachsenen Männer tragen, gelten dann für Männer und dürfen wie diese fortan mit Fug und Recht umgebracht werden.
Bei Erkrankung werden Zaubermittel angewandt. Viele Mullah stehen in dem Rufe, Krankheiten heilen zu können, entweder durch Verabreichung eines solchen Mittels oder durch Anblasen der Kranken. Auch gegen den bösen Blick gibt es zahlreiche Zaubermittel; man schützt durch sie auch die Lieblingstiere, wie Kamele, Stuten, Ziegen und so weiter; sehr beliebt sind zu diesem Zweck blaue Perlenketten.
Die Beisetzung der Toten erfolgt nach mohammedanischem Ritus, aber in den Einzelheiten herrscht manche Abweichung unter den verschiedenen Stämmen. In den Städten befolgen sowohl Afghanen wie Beludschen die üblichen Methoden; sie errichten schöne gewölbte Grabdenkmäler für gewichtige Persönlichkeiten und bestatten die Leichen des gewöhnlichen Volkes in bescheidenen Lehmgräbern. Die wilden Stämme errichten über den Gräbern vielfach Steinhaufen, die Povindah legen Hörner des Schafes oder der wilden Ziege obenauf (Abb. 343 und 344). Wird ein Heiliger oder eine Persönlichkeit von Ruf begraben, dann errichtet man ihm zu Ehren einen Schrein. Einer der berühmtesten dieser Schreine ist der von Sakhi Sarwar (Abb. 345) im Dera-Ghazi-Khan-Gebiet. Alljährlich im Frühjahr wird zu ihm gewallfahrtet; auf den in den Felsen gehauenen Stufen versammeln sich die Menschen, um den Spielen, Ringkämpfen und Pferderennen zuzusehen, die zu den Füßen des Felsens, auf dem der Schrein steht, sich abspielen.
Russisch-Turkistan. Turkistan mit Buchara, Chiwa und Transkaspien bildet einen Teil von Russisch-Asien, der sich nördlich von Afghanistan und östlich von Persien bis zu den großen Binnenseen (Kaspisee, Aralsee und Balchaschsee) erstreckt. Seine Bevölkerung bietet ein recht buntes Bild, das allerdings in der Hauptsache aus Angehörigen der mongolischen Rasse besteht, die aber hinsichtlich ihrer Tracht, Sitten und Gewohnheiten ziemlich voneinander abweichen, so daß eine erschöpfende Schilderung auf Schwierigkeiten stoßen dürfte. Die geographische Lage Turkistans und der westlich anstoßenden Gebiete, die den innerasiatischen Stämmen im Laufe der Jahrtausende gleichsam als Einfallstor nach Europa dienten, gibt uns die Erklärung für dieses Völkergemisch. Mongolen, Arier, Juden (Abb. 346), Araber und Türkenvölker haben sich hier im Laufe der Zeiten zusammengefunden und sind miteinander Kreuzungen eingegangen, deren heutiges Produkt bald den einen, bald den anderen Typus mehr hervortreten läßt. Es ist in verschiedener Hinsicht praktisch, die Bevölkerung der uns interessierenden Gebiete in die Städtebewohner und in die Nomaden zu teilen; beide Gruppen unterscheiden sich nämlich voneinander nicht nur in kultureller, sondern auch in anthropologischer Hinsicht. Die ansässige Bevölkerung heißt Sarten; es sind stattlich gewachsene Leute von bräunlicher Hautfarbe, die sich von den Mongolen durch diesen ihren hohen Wuchs, mehr länglichen Schädel, edlere Züge und stärkeren Haarwuchs unterscheiden. Zum großen Teil zu seßhafter Lebensweise sind die Uzbegen übergegangen, wohingegen die Turkmenen im Westen, die Kirgisen im Osten Turkistans noch reine Nomaden sind. Sie, besonders die letzteren, weisen in ihrem Äußeren noch ziemlich reinen Mongolentypus auf.
Die Tracht der Sarten ist eine recht charakteristische und erinnert im ersten Augenblick an weibliche Gewandung. Das kommt von dem langwallenden (bis zum unteren Drittel des Unterschenkels reichenden), schlafrockähnlichen Oberkleid, dem Chalat, her, das zumeist noch offen getragen wird und daher hinterherschleppt. Darunter sitzt ein zweiter Chalat, der aber durch einen Gürtel aus baumwollenen Tüchern geschlossen gehalten wird; der Gürtel dient gleichzeitig als Behältnis für Tabaksdose, Geld, Speisen und so weiter. Baumwollene oder leinene Beinkleider, schwarze Lederstrümpfe, große gelbe Stiefel und ein Turban vervollständigen die Kleidung. Während das Tragen eines Turbans bei den Persern nur den Mullah gestattet ist, geht ein Sarte niemals ohne einen solchen aus. Die Tracht der Frauen ist im großen und ganzen der der Männer gleich. Sobald sie das Haus verlassen, was nur äußerst selten der Fall ist, hüllen sie sich in einen dichten Roßhaarschleier und in ein graues Gewand, das lange, eng auslaufende Ärmel hat und sie vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt (Abb. 347 u. 348). Reiche und Arme kleiden sich auf dieselbe Weise, nur unterscheiden sich die Frauen der oberen Klassen von ihren ärmeren Mitschwestern durch die bessere Qualität des Stoffes und die größere Sauberkeit des Gewandes.
Jeder Sarte muß sich zeit seines Lebens den Kopf rasieren lassen, sobald sein Bart zu wachsen beginnt; ebensowenig darf er sich ein Haar auf der Oberlippe stehen lassen, hingegen wohl seinen übrigen Bart, der sogar überhaupt niemals geschnitten wird. Schon ganz jungen Kindern, wenn sie das erste Lebensjahr gerade erreicht haben, rasiert man den Kopf, Knaben sowohl wie Mädchen. Letztere lassen sich aber vom siebenten Jahre an die Kopfhaare wieder wachsen. Unter Umständen dürfen zwei kleine Haarbüschel über dem Ohr eines Knaben stehen bleiben, wenn die Eltern damit anzeigen wollen, daß sie ein besonderes Gelübde abgelegt haben; manchmal befestigen sie daran noch eine dichte Flechte Frauenhaar. Weil sie keine Haare auf dem Kopfe haben, tragen alle Sarten beständig eine kleine Mütze, die erwachsenen Männer darüber noch ihren aus meterlangen Tüchern geschlungenen Turban. Ihre Mützen pflegen in bunten, leuchtenden Farben bestickt zu sein. Überhaupt legen alle Sarten großes Gewicht auf besondere Schönheit ihrer Gewandung, die zumeist farbenprächtig ausgestattet ist. Oft genug tragen sie bis zu einem halben Dutzend bunter Chalats, einen über dem anderen, sogar zur heißesten Jahreszeit. — Die Mädchen tragen ihr dichtes, üppiges Haar glatt und in der Mitte gescheitelt und lassen es in zahlreichen Flechten herabhängen. Kopfschmuck ist ihnen verboten. Die verheirateten Frauen verlängern ihre schwarzen Augenbrauen künstlich mittels Farbstifts; zum mindesten bringen sie sie über der Nasenwurzel zusammen, oft aber führen sie sie auch seitwärts weiter. Handflächen und Nägel werden von ihnen, wie es für die Anhängerinnen des Islams Vorschrift ist, mit Henna gefärbt. Bei festlichen Gelegenheiten tragen die Damen viele Korallenschnüre um den Hals und schwere silberne Ringe im Ohr, außerdem mit Türkisen, Korallen und Glasperlen besetzte Amulette über den Ohren im Haar.
Die Sarten können für die strenggläubigsten Mohammedaner der ganzen Welt gelten (Anhänger der Sunna): sie befolgen nicht nur aufs genaueste die Vorschriften des Korans, sondern übertreiben sie unter Umständen sogar. Während jeder andere Mohammedaner sich im allgemeinen damit begnügt, die ihm auferlegten Waschungen an Händen, Füßen und Mund fünfmal am Tage vorzunehmen, gewinnen es die Sarten über sich, diese Vorschrift gegen zwanzigmal zu erfüllen (Abb. 349 und 350). — Eine besondere Ehrfurcht bekunden die Sarten gegenüber dem Brot. Diese geht so weit, daß sie es für Unrecht halten, einen Laib Brot „auf den Rücken zu legen“. Nach dem Ramadan legt jede Familie ein Stückchen beiseite, um es bis zur nächsten Fastenzeit als glückbringend aufzubewahren. Es gilt als Zeichen von Wohlhabenheit, wenn ein Sarte vor seinem Gaste seine Brote hoch aufbaut.
Eine Eigentümlichkeit der Sarten sind die Batschas oder Tanzknaben, wozu besonders schöne oder, besser gesagt, mädchenhaft erscheinende Knaben eigens ausgewählt werden. Sie werden auch ähnlich wie Mädchen gekleidet: sie tragen das Kopfhaar vorn abgeschnitten und hinten langwallend; man steckt sie in buntschillernde Gewänder, zieht ihnen lose Beinkleider sowie hohe Lederstiefel an und setzt ihnen eine reich und recht bunt bestickte Mütze auf. Unter einem Leiter, der mit ihnen sehr streng umgehen soll, ziehen sie in Gruppen von zehn bis zwölf von Ort zu Ort und werden an wohlhabende Männer vermietet, um diese durch ihre Tänze zu unterhalten (Abb. 352), auch wohl von ihnen sich geschlechtlich mißbrauchen zu lassen. Während des Fastenmonats Ramadan sind diese Knaben hochgradig in Anspruch genommen; denn sie müssen ganze Nächte durchtanzen, bis sie vor Ermüdung zusammenbrechen. — Die sartischen Musikanten, die bei Volksbelustigungen (Abb. 351) aufspielen, blasen auf mächtigen Trompeten von etwa zweieinhalb Meter Länge (Abb. 355).
Die Begrüßungsform der Sarten ist sonderbar. Bei der Begegnung reichen sie sich die Hände und streichen sich darauf mit beiden Händen den Bart. Überhaupt ist das Händereichen unter ihnen sehr beliebt; ein Höhergestellter hält es nicht für unter seiner Würde, einem Manne von niedrigerem Stande die Hand zu geben.
Im Alter von acht bis zwölf Jahren wird an den Knaben die Aufnahmezeremonie vollzogen, kraft deren es ihnen gestattet ist, fortan an Stelle der gestickten kleinen Mütze einen Turban zu tragen. Für die jungen Mädchen besteht die Pflicht darin, sich eine Bettdecke zu arbeiten. Das Material dazu geben ein grober straminähnlicher Stoff und karmesinrote Seide ab; je dichter der Stoff mit der Seide bestickt wird, für um so kostbarer gilt die Bettdecke. Sticken ist die einzige Handarbeit, die die Sartenfrau am Freitag, der unserem Sonntag entspricht, vornehmen darf.
Die Sartenfrauen bringen ihr ganzes Leben in strenger Abgeschlossenheit zu; wohl bei keinem Volke der Erde ist diese so ausgeprägt wie in Turkistan. Eine Frau, die nur etwas auf ihren Ruf hält, gleichviel, ob sie erst neun oder bereits neunzig Jahre alt ist, wird sich außerhalb ihres Heims nie sehen lassen, ohne, wie wir es schon geschildert haben, tief verschleiert zu gehen.
Die Sarten sind große Fatalisten, die dem Tode als dem Willen Allahs mit Ruhe und Ergebenheit entgegensehen. Unmittelbar nach dem Hinscheiden beginnt ein lautes Klagen und Weinen der Angehörigen; Freunde und Bekannte gehen aus und ein, um ihr Beileid zu bezeigen. Bezahlte Klageweiber sorgen dafür, daß das laute Jammern und Schluchzen nicht aufhört. Der von gemieteten Weibern gewaschene und in lange Decken wie ein Wickelkind eingehüllte Tote bleibt nur kurze Zeit im Hause; er wird vielmehr sehr bald nach der Moschee getragen und schon innerhalb der ersten zwölf Stunden der Erde übergeben. Wohlhabende werden auf einer Tragbahre hinausgetragen, die Ärmeren quer über ein Pferd gelegt, wobei die Leiche am Kopfe und an den Füßen gestützt wird. Während des feierlichen Zuges, an dem die männlichen Verwandten, der Mullah, die Totengräber und Bettler teilnehmen, wird vollständiges Stillschweigen beobachtet; jeder Mann trägt zum Zeichen der Trauer einen Stock und ein dunkelblaues Taschentuch. Da die Mohammedaner keine Särge kennen, anderseits aber auch keine Erde auf eine Leiche geworfen werden darf, so legt man den Toten nicht direkt in die geschaufelte Grube, sondern in eine Seitennische, die sich neben ihr in der Tiefe befindet, und schließt diese sogar erst noch mit Schilf ab, bevor man das Grab zuschüttet. Nach der Beerdigung begeben sich die Leidtragenden ins Haus zurück und werden hier sämtlich mit Süßigkeiten, Früchten, Tee und so weiter bewirtet; selbst die vor dem Hause sich einfindenden zahlreichen Bettler werden dabei nicht vergessen. Nach Beendigung des schweigsamen Totenmahles werden an die Verwandten, Freunde und Bettler Stücke Baumwollenzeug, Tücher und andere Sachen von geringem Wert zum Andenken an den Verstorbenen verteilt. Drei Tage nach einem Todesfall wird von den Angehörigen nicht verlangt, daß sie für sich kochen; man trägt ihnen das Erforderliche von außen zu. Die Männer der Sarten pflegen keine Trauer anzulegen, die Frauen tragen bei tiefer Trauer schwarze, bei Halbtrauer blaue Gewänder. — Auf den Grabhügeln werden nach der Stellung des Toten und seinen Vermögensverhältnissen einfachere oder kostbarere Denkmäler errichtet. Die Grabhügel der Ärmeren bleiben meistens ohne Schmuck, die der Wohlhabenderen dagegen werden mit Ziegeln oder Fliesen belegt und mit allerlei Verzierungen aus Alabaster versehen. Man setzt auch mit Inschriften versehene Gedenksteine darauf. Gräber von Leuten, die sich besonderer Heiligkeit erfreuen, erhalten kleine Tempel (Abb. 353). Von den Verehrern derartiger Heiligen bringen ihnen Hirten oder Viehbesitzer die Schädel und Hörner von Haustieren, Kaufleute Stücke Zeug oder Gewänder, Talglichter und Sesamöl zu Nachtlampen dar. Mitunter hausen bei solchen Gräbern in elenden Erdhütten armselige Bettler, die ihr Leben kümmerlich durch Almosen der die heiligen Gräber aufsuchenden Leute fristen; solche Bettler werden oft nach ihrem Tode ebenfalls für Heilige erklärt.
Die Kirgisen (das heißt Steppenwanderer) sind ein kräftiges Nomadenvolk, das die Steppe zwischen den nördlichen Gebieten Turkistans und dem mittleren Sibirien durchstreift; sie kommen auch in die Sartenstädte, wo man sie häufig auf den Basaren und Märkten antrifft. Ihre irdischen Güter bestehen nur in Viehherden (Kamelen, Pferden, Schafen, Ziegen, Eseln), die aber einen recht hohen Wert darstellen. Da die klimatischen Verhältnisse des Landes nicht das ganze Jahr hindurch genügend Futter für die Herden an einer Stelle gewähren, so sind die Kirgisen gezwungen, ein Nomadenleben zu führen. Sie leben daher in Zelten, die sie zum Schutz gegen wilde Tiere öfters noch mit einer Lehmmauer umgeben. Sobald der Sommer anbricht, ziehen sie mit ihren Herden aus der Ebene in die umgebenden Berge. Die Frauen schlagen die Zelte auf und brechen sie auch wieder ab; es sind dieses Holzgerüste, die im Sommer mit Rohrmatten, im Winter mit Filzdecken überspannt werden. Je nach der Wohlhabenheit ihrer Besitzer weisen die Zelte eine mehr oder weniger kostbare Innenausstattung in Gestalt von Teppichen und Seidenstoffen auf (Abb. 354). Sonst ist ihre Ausstattung bescheiden; aber ein Prunkstück hat wohl jede Jurte aufzuweisen: einen mit grüner oder roter Farbe bemalten, metallbeschlagenen Holzkoffer, der zur Aufnahme des Familienreichtums, der Schmucksachen, des Geldes, kostbarer Stickereien und so weiter dient.
Die Kleidung der Kirgisen setzt sich aus kurzen, aber sehr weiten Reithosen aus Baumwollstoff, Leder oder Häuten, deren Haare nach außen gerichtet sind, mächtigen Stiefeln und einem langen Mantel mit sehr langen, engen Ärmeln und (zur Winterszeit) einem Baschlik zusammen. Die Kleidung der Frauen (Abb. 356) ist der der Männer gleich. Merkwürdig ist an ihr, daß unverheiratete Mädchen sich mit reichem Schmuck aus Edelsteinen und Edelmetall behängen dürfen, verheirateten Frauen dies aber verboten ist; sie unterscheiden sich von ersteren auch noch dadurch, daß sie sich ein weißes baumwollenes Tuch um Kopf und Schultern binden.
Trotz ihres enormen Reichtums an Vieh verstehen sich die Kirgisen nur im Notfalle dazu, ein Stück zu schlachten; sie betrachten ihre Herden als ihr Kapital und begnügen sich mit Milch und deren Erzeugnissen, unter denen der Kumys (in schafledernen Schläuchen gegorene Stutenmilch) die erste Stelle einnimmt, Hirsebrei und einer aus Mehl hergestellten Speise. Nur bei festlichen Gelegenheiten genießen sie Fleisch; dann aber lassen sie auch, wie man zu sagen pflegt, etwas springen, und zahlreiche Tiere müssen daran glauben. Als große Delikatesse wird der Tjustjuk geschätzt, ein etwa handtellergroßes, nur aus Fett bestehendes Bruststück vom Schaf, das man mit dem noch daran haftenden Fell an einem Holzstab über Kohlenfeuer röstet.
Obwohl sich die Kirgisen zum Islam bekennen, gehen sie doch ganz in animistischen Anschauungen auf; wie die sibirischen Völker kennen auch sie Schamanen (Baksas genannt). Diese wahrsagen auch und heilen Kranke, wobei sie Pferdeopfer darbringen. Zu Heil- und Schutzzwecken verwenden sie außer Amuletten allerlei tierische Substanzen. Sehr gefürchtet wird der böse Blick; allgemein verbreitet ist auch der Glaube an Vorzeichen in Träumen und Körperzuckungen, ferner der Tier-, Zahlen-, Sternenglaube und das Orakel. Man wahrsagt aus Schafsknochen und Schafmistkugeln.
Die Frauen der Kirgisen sind die reinen Arbeitstiere, wie auch sonst bei den Nomadenstämmen. Während die Männer auf ihren Wanderzügen stets zu Pferde sitzen, müssen die Frauen vielfach zu Fuß nebenher laufen. Sie tragen keinen Schleier.
Eigentliche Hochzeitsgebräuche kennen die Kirgisen nicht. Man begnügt sich im allgemeinen damit, ein großes Hochzeitsmahl zu veranstalten. Die Braut trägt einen unförmigen, hohen, kegelartigen Kopfputz (Saukele) aus rotem Stoff, der reich mit Perlen, Münzen, Edelsteinen und Silberschmuck verziert ist und unter Umständen einen Wert von mehreren tausend Mark darstellt.
Bei Beginn der Geburt werden alle Weiber aus der Jurte entfernt, in dem Glauben, es könnte eine darunter sein, die vom Satan besessen wäre. Dagegen versammeln sich die Männer drinnen, und draußen stellen sich alle übrigen Dorfbewohner auf. Man schreit, lärmt, knallt mit der Peitsche und schießt mit der Flinte, manchmal schlägt man auch, nur zum Schein, auf die Kreißende ein. Offenbar sollen dadurch die bösen Geister verscheucht werden. Außerdem holt man einen Dargon, eine Art Arzt, oder häufiger den Schamanen hinzu. Dieser nimmt die üblichen Beschwörungen vor, um die Geburt zu erleichtern.
Wird ein solcher Baksa zu einer Kreißenden gerufen, dann läßt er zunächst alle Feuer bis auf das auf dem Herde brennende auslöschen, kniet, mit einem langen, weißen Hemd bekleidet, vor ihr nieder und beginnt, sich langsam hin und her neigend, auf einem dreisaitigen mandolinenähnlichen Instrumente zu spielen, das er von Zeit zu Zeit schüttelt. Darauf singt er mit zitternder Stimme eine fremdartige, wilde Melodie. Ab und zu unterbricht er die Musik und seinen Gesang durch unartikulierte laute Schreie und springt endlich nach einer kurzen Pause sehr erregt auf; mit verzerrtem Gesicht und rollenden Augen fängt er an, in der Jurte im Kreise umherzugehen, zu gestikulieren, als ob er Krämpfe habe, umherzuspringen, überhaupt sich wie toll zu gebärden. Wenn gar zwei Baksen herzugezogen worden sind, wird die Szene noch wilder. Beide rasen umher, und einer sucht den anderen an Wildheit zu überbieten; sie beißen sich, bewerfen sich mit glühenden Feuerbränden und hören mit ihrem Toben nicht eher auf, als bis der schwächere kraftlos zusammenbricht. Inzwischen soll die Geburt sich leicht abwickeln. — Die ganze Kindererziehung beschränkt sich für die Knaben auf das Erlernen des Reitens — die Kirgisen sind vorzügliche Reiter —, für die Mädchen auf Spinnen, Weben, Sticken und Herstellen von Gewändern und Filz, sowie in dem Erlernen der Hauswirtschaft.
Turkmenen. Der dritte Volksstamm, der für unser Gebiet in Betracht kommt, sind die Turkmenen. Sie führen die gleiche Lebensweise wie die Kirgisen. Dementsprechend leben sie unter Zelten, die sie in der Weise herstellen, daß sie dicken Filz über ein Gestell aus Weidenruten hängen. Das Innere dieser Wohnungen ist an den Wänden mit kostbaren Gebetsteppichen, gewebten Vorhängen und den berühmten Satteltaschen ausgestattet; ebenso liegen dicke Filzdecken oder Teppiche auf dem Boden. Ihr Reichtum an Herden, die vorwiegend aus Pferden bestehen, ist bei weitem nicht so bedeutend wie der der Kirgisen.
Ihre Tracht gleicht der kirgisischen; nur ein Kleidungsstück unterscheidet die Turkmenen von diesen ihren Stammesvettern, das ist ihre große buschige schwarze Schafwollmütze, der Kalpak. — Wie die Kirgisenfrauen gehen auch die Turkmeninnen unverschleiert. Dagegen behängen sie sich viel mit allerlei Schmuckstücken, die ein ziemliches Gewicht haben, zum Beispiel schweren Brustharnischen mit Achatsteinen oder massiven Daumenringen, dicken Armbändern, die so breit sind, daß sie den ganzen Vorderarm bedecken, und anderem mehr. Mancher Ehemann legt in diesem Schmuck beinahe sein ganzes Vermögen an.
Auch die Turkmenen sind vorzügliche Reiter, und ihre Frauen sind in dieser Kunst nicht minder geschickt als die Männer. Außerdem sind die Turkmenen große Liebhaber von Ringkämpfen, bei denen die Zuschauer in dichten Reihen umherstehen. Jeder barfüßige Held, dem es gelingt, seinen Gegner zum Straucheln zu bringen und ihn platt auf die Erde zu werfen, wird mit lautem Beifall von ihnen begrüßt. Der Kampf spielt sich in ruhiger, bedächtiger Weise ab; Roheiten kommen dabei nicht vor. Ein Schiedsrichter überreicht dem Sieger helleuchtende seidene Taschentücher; mit dem Stock in der Hand hält er die Ordnung aufrecht.
Die Toten werden in der üblichen Weise begraben. Am dritten, siebenten, vierzigsten, hundertsten und am Jahrestag werden Erinnerungsfeste an die Verschiedenen abgehalten, am Jahrestage geht es ganz besonders feierlich zu. Auf das Grab werden Steine gesetzt, und man umfriedigt es mit Platten; auch errichtet man Sarkophage und Mausoleen auf ihm.