Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
Abb. 313. Heidnische Krankenheilung bei den Tschuktschen durch Suggestion (Auflegen eines Stabes auf den Kopf).

Nach dem Tode eines Ostjaken zündet man im Tschum um die Leiche ein Feuer an und läßt den Schamanen kommen, damit er den Toten frage, auf welchem Friedhofe er beerdigt sein will. Dies geschieht in der Weise, daß man den Ort nennt und den Kopf der Leiche zu erheben sucht. Das Einverständnis erkennt man daran, daß der Tote dieses zuläßt; im anderen Falle würden drei Männer nicht imstande sein, seinen Kopf zu heben. Die Frage muß solange wiederholt werden, bis der Tote einwilligt. Darauf wird die festlich gekleidete Leiche entweder in einen Sarg oder in ein Boot gelegt; das letztere zerschneiden sie zu diesem Zwecke in zwei Hälften, in die eine kommt die Leiche zu liegen, mit der anderen wird sie zugedeckt. Sodann wird sie in einer Grube beigesetzt, wobei der Sarg erst mit Birkenrinde und dann mit Erde bedeckt wird.

Aus „Globus“.
Abb. 314. Kamitok bei den Tschuktschen.

Das Grab wird überdacht nach Art eines Hauses oder einer Jurte, doch bleibt in dem Dache eine Öffnung, um dem bösen Geist einen Ausweg zu lassen. Durch die gleiche Öffnung reicht man dem Verstorbenen Speise und Branntwein. Auf das Dach werden allerlei Gegenstände gelegt, ein Schlitten, ein Stein, Körbe, ein kleines Täschchen, ein Ruder und anderes mehr, unter das Dach stellt man auf das Grab eine Schale und einen Löffel, um den Verstorbenen bei Gelegenheit seines Gedächtnismahles zu speisen. Ein solches wird nämlich fünf Tage nach dem Tode eines Mannes und vier nach dem eines Weibes abgehalten; dabei werden Renntiere geopfert und verspeist, sowie Branntwein dazu getrunken. Nach dem Leichenmahle spießt man die Schädel der Opfertiere auf Pfähle (Abb. 316) und behängt letztere mit deren Geschirr, sowie mit kleinen Glocken. Der Schlitten, der die Leiche nach dem Friedhof brachte, wird zerschlagen. Zum Zeichen der Trauer tragen die Weiber einige Tage ihre Zöpfe aufgelöst. Eine Ostjakenehefrau zerkratzt sich beim Tode ihres Gatten das Gesicht mit den Nägeln, reißt sich die Haare aus und wirft sie auf die Leiche. Außerdem zieht sie einem hölzernen Block, dem man annähernd die Gestalt ihres Mannes gegeben hat, die Kleider ihres Gatten an, stellt ihn an den Ort, wo er zu sitzen pflegte, nimmt ihn nachts mit auf ihr Lager und küßt ihn; so treibt sie es ein volles Jahr lang, worauf sie den Klotz unter Tränen begräbt.

Bei den Jakuten wird der Verstorbene am dritten Tage in einem mit einem weißen Tuche vollständig bedeckten Sarge auf einem von Ochsen (niemals von Pferden) gezogenen Schlitten zur Grabstätte hinausgebracht. Niemand begleitet ihn außer den Trägern und Totengräbern; die letzteren schaufeln in größter Hast das Grab aus und eilen dann schnell nach Hause, bei der Heimkehr dürfen sie sich aber auf keinen Fall umsehen. Zu Hause führen sie dann die Tiere, die die Leiche zogen, durch ein Feuer, das sie aus den Abfällen des Sarges und dem Stroh, auf dem der Tote lag, entzünden. Die Spaten und auch die sonstigen Werkzeuge, mit denen sie beim Grabe hantierten, werden an diesem zurückgelassen; bei einem Kinde dagegen legt man dessen Spielzeug auf das Grab und hängt seine Wiege nebenan an einem Baume auf. Ist ein Schamane beerdigt worden, dann werden seine Zaubertrommel und sein Kostüm ebenfalls am Grabe aufgehängt. Man begräbt diese Leute bei Nacht oder wenigstens am Abend in großer Eile und meidet späterhin ihre Stätte ängstlich.

Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
Abb. 315. Begräbnisplatz der Tschuktschen auf einer Hochebene in den Tschannbergen.

Die Frau eines Golde legt sich des Nachts neben den verstorbenen Ehemann und deckt sich mit dem gleichen Tuche wie die Leiche zu; sie glaubt nämlich, daß seine Seele noch nicht fortgegangen sei, sondern so lange im Hause weile, bis der Schamane sie ins Jenseits geführt hat. Auch nach dem Begräbnis geht die Witwe von Zeit zu Zeit nach dem Grabe des Gatten und legt sich hier nieder. Am nächsten Tage nach dem Tode wird die Leiche durch das Fenster gehoben und auf der Straße in den Zedernholzsarg gelegt; unter ihren Kopf legen die Frauen aus Papier geschnittene Tierfiguren und unter die Füße einen Stein; dies ist nötig, um ins Jenseits zu gelangen. Auf dem Wege zur Grabstätte wird mehrere Male haltgemacht und der Sarg jedesmal mit Branntwein begossen; dabei ruft man dem Toten noch die Worte zu: „Trinke, gute Reise in das Land der Seelen; komm nicht wieder und nimm keines deiner Kinder und Tiere mit.“ Der Sarg wird in einer Grube beigesetzt und über ihm eine Hütte errichtet, in die man die Jagdgeräte und Lieblingsgegenstände des Toten legt. Währenddessen zünden die Frauen neben der Grabstätte ein großes Feuer an und bitten den Toten noch einmal, daß er nicht wieder kommen und niemand nach sich ziehen möge. Hierauf wird ein Hund getötet, an einem Baume aufgehängt und mit Hirschfell bedeckt. Zu Hause wäscht sich die Witwe Hände und Gesicht und verbrennt wohlriechende Kräuter. Sodann werden die Vorratsräume, die, solange der Tote noch im Hause lag, geschlossen waren, wieder geöffnet und ein Totenmahl abgehalten.

Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.
Abb. 316. Ein Begräbnis bei den Ostjaken.

Nach einigen Monaten findet sich ein Schamane ein, um die Seele des Verstorbenen mit Hilfe des Vogels Koori (eines aus Holz geschnitzten, mit rotem Rehfell überzogenen Vogels von der Gestalt eines Kranichs) und des Schutzgeistes Butschtschu (einer gleichfalls mit Rehfell überzogenen geflügelten menschlichen Figur mit krummen Beinen) auf ihrem Wege ins Jenseits zu begleiten, zu dem sie nicht allein den Weg kennt, sondern auch die Namen der Orte, die die Seele zu passieren hat — es sind achtzehn Stationen — und die Gefahren, die sich ihr auf dem Wege entgegenstellen. Der Schamane macht im Geiste bei seiner Beschwörung alle die furchtbaren Qualen angeblich mit durch und kehrt nach dem Erwachen aus seinem Dämmerzustand völlig erschöpft auf dem Vogel Koori und im Gefolge des Geistes Butschtschu wieder heim. Bis der Schamane ihre Führung übernimmt, hält sich die Seele des Abgeschiedenen in einem kleinen viereckigen Kissen auf, das man zu diesem Zwecke anfertigt. Man behandelt dasselbe wie eine lebende Person; man spricht mit ihm, gibt ihm zu essen und zu trinken und bedeckt es von Zeit zu Zeit mit den neuen Kleidern des Verstorbenen. Sobald aber die Seele ins Jenseits hinüber befördert worden ist, wird das Kissen zerrissen und ins Feuer geworfen. Damit sind alle Beziehungen zu dem Toten für immer aufgehoben, und die Witwe kann jetzt wieder heiraten.