Ein Begraben gibt es in Tibet nicht. Die Leichen der großen Lama und anderer hoher Priester werden einbalsamiert und in vergoldeten Grabmälern, den sogenannten Chorten oder Stupen aufbewahrt, die sterblichen Reste der wohlhabenderen Priester werden manchmal auch eingeäschert und ihre Aschenteile mit Lehm zusammen zu kleinen Medaillons geformt, die man in Nischen in diesen Chorten unterbringt, oder sie werden in den schon beschriebenen Amulettkästchen als Zaubermittel getragen.
Die übliche Art, sich der Toten zu entledigen, besteht darin, daß man das Fleisch von den Knochen schneidet und es den Hunden oder Geiern zum Fraße vorwirft (Abb. 292), eine Unsitte, die gewiß ein uralter Brauch ist und auch noch von den Parsen geübt wird. Von den Geiern verzehrt zu werden, wird besonders hoch eingeschätzt; die Wärter, die sich bemühen, andere aasfressende Tiere fernzuhalten, werden noch besonders dafür belohnt. Die Knochen des seines Fleisches beraubten Toten können wohl begraben werden, aber jede Familie, die es nur ermöglichen kann, läßt die Gebeine ihres lieben Angehörigen zerstoßen und in die Luft als Fraß für die Geier werfen; man hat für dieses Verfahren die schönklingende Bezeichnung „himmlische Erledigung der irdischen Reste“ erfunden. Die Leichen von armen Leuten, Verbrechern oder solchen, die durch einen Unfall ums Leben kamen, sowie von Aussätzigen und manchmal auch von kinderlosen Ehefrauen werden wie tote Tiere an einem Seil an Flüssen oder Seen geschleppt und hineingeworfen.
Die Trauer um Verwandte dauert gewöhnlich drei Monate, aber ein Jahr lang werden noch keine farbigen Kleider und kein Schmuck getragen. Die Jungen werden mehr als die Alten beklagt. Buddhistenpriester werden in häufig wiederkehrenden Zwischenräumen gerufen, um durch Messelesen für den Frieden der Seele des Verstorbenen zu beten und ihr den Weg durch ein Zwischenstadium, eine Art Fegefeuer, zum „Paradies des Westens“ zu verschaffen.
Die Mongolei und Ostturkistan. Die Bevölkerung der Mongolei besteht ausschließlich aus umherziehenden Mongolen; nur in ein paar Städten, wie in der Hauptstadt Urga, und in einigen wenigen Handelszentren haben die Bewohner eine halb städtische Lebensweise angenommen. Die Wohnstätte dieser Nomaden ist die Jurte, ein hölzernes Gestell mit Filzbelag. Dem Eingang gegenüber findet man immer den Heiligenschrein, ein kleines Schränkchen oder eine Schatulle mit dem Götterbildnis oder wenigstens seiner Abbildung auf Papier oder Gewebe, vor dem in einigen Schalen Wasser, Getreidekörner, Käse, Rahm und so weiter dargebracht werden. Zur rechten Seite des Heiligenschreins steht ein breites, niederes Bett mit einer Filzmatratze. Der übrige Haushalt besteht in Lederschläuchen, deren Inhalt Kumys, Sauermilch und Butter bilden, sowie in hölzernen Kasten zur Aufbewahrung des Wirtschaftsgerätes. In der Mitte der Jurte findet sich der Herd, auf dem das Feuer mit Mist unterhalten wird. Dieselbe Hütte dient allen möglichen Zwecken; sie ist zugleich Schlafzimmer, Küche, Eßzimmer und Besuchsalon, selbst Viehstall, denn im Winter wird das Kleinvieh in ihr untergebracht. Infolgedessen herrscht hier eine recht unbehagliche Atmosphäre, in der der Aufenthalt noch schrecklicher durch das in Unmasse herumwimmelnde Ungeziefer, im besonderen Flöhe und Läuse, wird. Um diesem zu entgehen, greifen die Mongolen des Nachts zu folgendem angeblich erprobten Mittel. Alle, Männer und Frauen, legen sich nackend auf Schafpelze oder wollige Felle und decken sich mit diesen auch zu. Läuse besitzen sie in ihren Unterkleidern, die sie niemals wechseln oder waschen, sondern so lange tragen, bis sie ihnen buchstäblich vom Leibe fallen, in solcher Masse, daß sie, wenn sie diese Tiere mit Holzstücken vom Leibe geschabt haben, auf diese Weise ganze Haufen erhalten, die ins Feuer geworfen oder nicht selten auch mit viel Behagen verzehrt werden.
Die Kleidung ist die bei den Mongolen übliche, deren wir bereits oben gedachten; beide Geschlechter kleiden sich im allgemeinen gleich, nur binden die Frauen keinen Gürtel um die Hüften, sondern knöpfen das Obergewand zu. Außerdem haben die Ärmel an den Frauengewändern die Form eines in die Länge gezogenen Ballons: sie sind bauschig und werden vom Ellenbogen an enger (Abbild. 293 und 294).
Der Lama rasiert sich den Kopf; die Laien haben nur einen Teil des Kopfes rasiert und tragen im übrigen einen kurzen Zopf. Die Frauen teilen ihre Haare in zwei Büschel, schmieren sie mit Leim ein und lassen sie in Form von zwei flachen, bandartigen Locken auf die Brust und bis auf die Taille herabhängen. In den Ohren tragen sie massiven Schmuck mit mannigfachen Anhängern, an den Armen und Händen Armbänder und Ringe und am Halse Korallen und Glasperlen. Mit diesem Schmuck wird geradezu Verschwendung getrieben, denn man trifft sogar bei Frauen aus ärmeren Klassen solchen im Werte von sechshundert bis achthundert Mark an; die Familien pflegen ihre ganzen Ersparnisse beiseite zu legen, nur um einen kostbaren Schmuck zu ermöglichen. Die Kopfbedeckung ist bei Männern und Frauen die gleiche: eine konische Mütze mit breitem, aufwärts gebogenem Rande, der außen mit Fellbesatz oder Plüsch (Abb. 291) eingefaßt ist; hinten fallen von dieser Mütze zwei karmoisinrote ungefähr fünfundvierzig Zentimeter lange Bänder herab.
Die Mongolen sind im allgemeinen gutmütige, freundliche und gastfreie Leute, gleichzeitig aber leicht aufbrausend, starrköpfig und träge. Sie begrüßen sich auf eine eigenartige Weise: der eine streckt beim Begegnen die Arme vor, der andere tut das gleiche, hält dabei aber seine Arme unter die seines Gegenübers. Bevor man in ein Zelt tritt, muß man sein Pferd in einiger Entfernung draußen lassen, Stöcke und Peitschen ablegen; als Grund hierfür gibt man an: „Stöcke und Peitschen sind gut für wilde Hunde; brächtest du sie herein, dann würdest du uns auch wie Hunde behandeln.“ Beim Eintritt muß man sich links zwischen Eingang und Hintergrund der Jurte niederlassen, sofern man nicht die Aufforderung erhält, „höher hinaufzurücken“, das heißt, weiter nach dem Inneren zu kommen. Den Hut behält man auf dem Kopfe oder legt ihn ab, aber nie in der Richtung der Türe. Kann man nicht mit gekreuzten Beinen sitzen, so muß man seine Füße nach der Türe hin ausstrecken. Man reicht dem Wirt und seinen Angehörigen die Schnupftabaksdose, und diese reichen umgekehrt die ihrige hin. Es ist nicht bloße Formsache, daß dem Gaste Tee dargereicht wird, sondern die gute Sitte verlangt, daß er auch tüchtig davon trinkt und sich immer wieder einschenken läßt.
Zu den bereits an anderer Stelle erwähnten Nahrungsmitteln der Mongolen kommt für dieses Gebiet noch das Fleisch von Murmeltieren hinzu, das besonders von den ärmeren Volksschichten verzehrt wird. Die Zubereitungsweise dieser Tiere ist eine eigenartige und erinnert an die tiefstehender Völker. Nach Abziehen des Felles und Entfernung der Eingeweide wird das Innere des Tieres mit glühenden Steinen ausgefüllt, das Ganze in eine flache Grube in die Erde gelegt und vollständig mit Erde zugeschüttet; über der Stelle wird ein Feuer so lange unterhalten, bis das Fleisch gar geworden ist.
Die Hauptbeschäftigung der Mongolen und zugleich die wichtigste Quelle ihres Reichtums ist die Viehzucht (Rinder, Schafe, Pferde, Kamele, Ziegen, weniger Schweine). Mit Ackerbau geben sie sich nur in beschränktem Maße ab. Zum Teil sind sie auch Jäger (auf Murmeltiere, deren Felle sie russischen Händlern verkaufen). Die Industrie steht auf sehr niederer Stufe und beschränkt sich auf die Anfertigung von allerlei Silberschmuck, die Bearbeitung von Leder und die Gewinnung von Filz.
Die Religion der Mongolen ist der Buddhismus, und zwar die besonders in Tibet übliche Form des Lamaismus (Abb. 296). Im allgemeinen sind sie sehr fromm. In jeder Jurte findet sich, wie schon angeführt, ein Altar zur Anbetung einer oder mehrerer lamaistischer Gottheiten; Gebetswimpel, die von den Stangen der Palisaden um die Hütte wehen, sollen Buddha ihre Bitten überbringen, und fast jeder zweite Mann, mindestens aber einer aus jeder Familie, wird ein Lama. Gebetsrad und Gebetsbrett sind überall anzutreffen. Unter letzterem versteht man ein Brett, auf das der Bittende sich wirft, wobei er mit dem Gesicht die Erde berührt und feierlich die Worte: „Om ma-ni pad-me hum“ ausruft. Aberglaube ist auch reichlich vertreten, und zwar in derselben Form wie in Tibet.
Der Geistlichkeit ist die Ehe verboten. Dafür aber sind fast ausnahmslos alle übrigen Mongolen verheiratet; Junggesellen gibt es daher so gut wie gar nicht. Bestimmte Verbotstage, an denen keine Ehe eingegangen werden darf, sind in der Mongolei nicht vorhanden, wohl aber bestimmte Jahre, in denen Eheschließung nicht erlaubt ist. Diese werden von den Astrologen in Peking festgelegt und durch die Lama bekanntgegeben. Die Heiraten bringen die Eltern zustande, Verlobungen finden bereits in früher Kindheit statt. Auf geschlechtliche Unschuld der Mädchen wird kein Wert gelegt, sie genießen in dieser Hinsicht vollkommene Freiheit. Oft vermitteln die Eltern vorehelichen Umgang ihrer Mädchen selbst, besonders wenn ihre Beihilfe durch Geschenke belohnt wird. Trotz dieser Freiheit der geschlechtlichen Beziehungen gilt der Verkehr des Schwiegervaters mit seiner Schwiegertochter für eine schwere Sünde; der Sohn, der seinen Vater auf frischer Tat ertappt, hat das Recht ihn zu ermorden oder Teilung des väterlichen Vermögens zu fordern. Auch die bereits von Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert erwähnte Sitte der gastlichen Prostitution ist noch heute bekannt; ein Gast wird nicht nur mit Speise, Trank und Unterkunft, sondern auch mit einer Frau versorgt.
Die Mitgift des Mädchens besteht in lebendem Inventar, Schafen, Ochsen und Pferden. Diese Ausstattung kann unter Umständen eine recht ansehnliche sein; sie verbleibt der Witwe als Erbteil. Die Ehe pflegt man frühzeitig zu schließen. Am Hochzeitstage geht der Bräutigam in das Haus seines Schwiegervaters, um zu opfern; dort bleibt er die ganze Nacht. Am nächsten Morgen geleitet er die verschleierte Braut in seine Hütte, vor der seine Eltern und die Gäste das Paar erwarten und es mit gekochtem Hammelfleisch bewirten. In der Hütte spricht ein Lama Zaubersprüche für das Wohlergehen der Brautleute aus und besprengt sie mit Weihwasser, worauf sich das Brautpaar in die elterliche Hütte des Bräutigams begibt und hier Butter als Opfergabe auf den Familienherd wirft. Den Abschluß des Festes bilden Gelage und Lustbarkeiten. Eine mutwillige Verstoßung der Frau ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. — Den Frauen wird ziemlich viel Arbeit aufgebürdet; sie haben nicht nur im Haushalte zu tun, wie Speisen zuzubereiten und die Kinder sowie die Herden zu hüten, sondern müssen auch Filze und Decken herstellen, die Kleidung nähen, die Zelte abbrechen und anderes mehr.
Wird ein Kind geboren, so ruft man einen Lama herbei, der Gebete spricht und die Mutter mit Weihwasser besprengt.
Sobald ein Mongole gestorben ist, wird der Lama ebenfalls herbeigeholt, und dieser bestimmt, wann er beigesetzt werden soll; dabei richtet er sich nach dem Geburtstage des Verstorbenen. Die Leiche wird darauf in einen alten Mantel gehüllt und eine Strecke weit von der Ortschaft oder dem Dorfe hinweggetragen, dort bleibt sie frei auf dem Erdboden liegen, der Gnade der Elemente und der Tiere überlassen (Abb. 295), und nur eine Gebetsfahne, auf der der Name des Verstorbenen geschrieben steht, bezeichnet seine Stätte. Nach der Beisetzung kehren alle in die Jurte zurück, schlachten und verzehren einen Hammel, womit die Feier zu Ende ist. Der Lama erhält das Pferd des Toten samt dem Geschirr, seinen Säbel und sämtliche Kleider. Wenn die Hunde mit ihrer Mahlzeit schnell aufräumen, dann gilt dies für ein gutes Omen, denn nach dem Glauben der Mongolen muß der Lebenswandel eines Toten um so heiliger gewesen sein, je schneller sein Leichnam von den Hunden aufgefressen wird. Wird dagegen die Leiche im Laufe einer Woche von keinem Hunde berührt, so gilt der Verstorbene für einen argen Sünder, dem man keine Totenfeier veranstaltet, während im entgegengesetzten Falle zum Andenken an den von den Hunden Verzehrten ein Schmaus zum besten gegeben wird, wobei sich die Teilnehmer am Hammelbraten, Branntwein und Tabak gütlich tun. — Die Geistlichen sowie vornehme und reiche Leute werden nicht den Hunden überlassen, sondern eingeäschert. Die Asche wird, besonders bei hochstehenden Personen, gesammelt, mit Tonerde vermengt zu einer menschlichen Figur mit untergeschlagenen Füßen geformt und an der Verbrennungsstätte aufgestellt. Diese Figuren stehen im Rufe der Heiligkeit.