Von den Unterhaltungen der Polynesier steht der Tanz oben an; er darf bei keiner zeremoniellen Veranstaltung fehlen. Gegenstand des Tanzes sind gelegentlich die Taten der Vorfahren und Halbgötter (Abb. 25 und 27). Merkwürdigerweise besteht er vielfach weniger in den Bewegungen der Füße, wie bei den sogenannten klassischen Tänzen, sondern vielmehr in einem Spiel der Hände und Arme (Abb. 19). Dies zeigt sich besonders an den Sitztänzen, die für Samoa typisch sind (Abb. 21 bis 23), obgleich wir ähnlichen, wenn auch unbedeutenderen Vorstellungen in Mikronesien begegnen. Auf Samoa laden die Bewohner eines Dorfes häufig die eines andern zu einem Tanze ein; ein solcher vollzieht sich unter großen Förmlichkeiten und fängt gewöhnlich mit einem oder mehreren dieser Sitztänze an, bei dem die Taupu, die Häuptlingstochter, in Begleitung von zehn Dorfschönheiten die Hauptrolle spielt. Bei solchen zeremoniellen Gelegenheiten trägt sie und der Erbe des Häuptlings, sofern ein solcher anwesend ist, einen eigenartigen, wertvollen Kopfputz, der aus Menschenhaar angefertigt und mit drei aus ihm hervorragenden perlmuschelbesetzten Stäben, sowie einem Band aus buntschillernden Muscheln quer über die Stirn verziert ist (Abb. 24 und 26). Ein Chor, der hinter den Aufführenden sitzt, begleitet ihren Tanz mit Liedern und schlägt den Takt dazu auf Matten, die um einen Bambusstamm gerollt sind. Hieran schließen sich stehende Tänze, die einen mimischen Charakter tragen und Vorgänge des täglichen Lebens, zum Beispiel das Aufspeeren von Fischen und den Schildkrötenfang zur Darstellung bringen. Die Bewegungen der Tänzer sind äußerst anmutig, und der Ruhm einer besonders gewandten Taupu breitet sich weit über die Grenzen ihres eigenen Landes aus. Auch auf Neuseeland gibt es Sitztänze, bei denen die Mädchen die Einzelheiten einer Kanufahrt oder eines ähnlichen Vorganges vorführen. Noch ein Tanz verdient Erwähnung, es ist der Handklatschtanz auf den Gilbertinseln, bei dem vier Tänzer den Takt zu ihrem Liede angeben, indem sie sich gegenseitig auf die Hände schlagen, wie unsere Kinder dies beim Händeklatschen tun. Von den markanteren Tänzen wollen wir den Hula der Hawaier nennen, der deswegen interessant erscheint, weil die weiblichen Tänzer teilweise noch den alten Blätterfaltenrock und Blumenkränze tragen, die das anmutige Kostüm vorzivilisierter Zeiten ausmachten (Abb. 30 bis 32). Die Bewegungen dieses Tanzes, sowie mancher anderen Polynesiens, sind oft genug recht lasziv und dazu angetan, die geschlechtlichen Begierden der Teilnehmer und Zuschauer wachzurufen; nicht selten endigen sie in sexuelle Orgien und einen allgemeinen geschlechtlichen Verkehr. — In den direkt Kraft und Energie erfordernden Tänzen (Kriegstänze) stehen die Neuseeländer unübertroffen da (Abb. 33 und 34). Leider sind diese Tänze bei weitem nicht mehr das, was sie noch im Anfange des vorigen Jahrhunderts waren, als unter dem Gestampfe von Hunderten von Füßen, die mit einem einzigen Schlage aufsetzten, die Erde erdröhnte und die Verzerrungen im Gesichte der Tänzer, die ihre Augen rollen ließen und die Zunge möglichst weit hervorstreckten — beides ein erstrebenswertes Ziel der Übungen — großen Schrecken einflößten.
Außer dem Tanz kennen die Polynesier noch viele andere Unterhaltungen, die sie mit der Jugend zivilisierter Länder gemeinsam haben, nämlich das Drachensteigenlassen, Kreiselspiel, Stelzenlaufen, Ringkampf (Abb. 35), Fadenspiel (Abnehmen von Figuren aus Bindfaden von der Hand einer Person auf die einer anderen), Rätselraten, das Lafospiel und anderes mehr. Auch Ballspiele sind nichts Ungewöhnliches. Auf den Gilbertinseln spielen Personen gleichen Geschlechtes miteinander; ein Spieler wirft den Ball, einen in ein Tuch gehüllten und mit einem Kokosfaserband umwickelten Stein, in die Höhe und schlägt ihn mit der Hand nach der anderen Seite hinüber; wird er dort aufgefangen, so bekommt diese Partei einen Punkt, im anderen Falle zählt die Partei des Werfenden einen solchen. Schaukelspiele haben in Polynesien weite Verbreitung; besonders abwechslungsreich sind sie auf den Gilbertinseln. Ein beliebtes Spiel ist hier zum Beispiel folgendes: An der Spitze einer überhängenden Palme wird ein Seil befestigt und in seiner Endschlinge eine Matte als Sitzgelegenheit für ein junges Mädchen gehängt. Sobald diese Schaukel nun vorwärts schwingt, springt einer der zahlreich versammelten jungen Männer auf, hält sich am Seil fest und begleitet das Mädchen auf seinem Flug in die Luft; wenn sich beide dann der Erde nähern, springt er herab und ein anderer nimmt bei dem nächsten Schwung nach vorn seine Stelle ein; in dieser Weise geht das Spiel weiter. Als einst ein Eingeborener gefragt wurde, warum gerade immer ein Mädchen den Schaukelplatz einnehme, gab er zur Antwort, daß das Spiel für die jungen Männer sonst keinen Reiz haben würde.
Mit dem Einzug der Zivilisation ist auch das Kricketspiel nach Polynesien gekommen; besonders auf Tonga nahm es eine große Verbreitung an. Ein anderes Spiel, das gleichfalls einen westlichen Beigeschmack verrät, aber doch aus den voreuropäischen Tagen stammt, ist das auf Samoa und noch weit mehr in Mikronesien sehr beliebte Schausegeln. Hierfür werden besondere Boote gebaut von dem Typus der üblichen Auslegerfahrzeuge der betreffenden Gegend, aber mit dem Unterschied, daß die Ausleger verhältnismäßig lang und die Fläche des Segels groß zum Rumpfe des Schiffes ausfallen. Zu einer bestimmten Jahreszeit werden dann Wettfahrten unternommen, bei denen sich ein großer Eifer zwischen den Besitzern der Fahrzeuge und selbst zwischen den einzelnen Dörfern entwickelt. Ein früher auf Hawai viel geübter Sport, dessen Spuren noch jetzt angetroffen werden, war das Hörnerschlittenfahren. Auf primitiven Schlitten sauste der junge Häuptling die steile Hügelseite so rasend schnell herab, daß man glaubte, es gälte sein Leben oder zum mindesten seine Glieder.
Von sämtlichen Wassersportarten bereitet das Wassertreten den Polynesiern die größte Freude. Der junge Polynesier schwimmt mit einem kleinen Brett in die See hinaus, taucht unter die sich heranwälzenden Wellen, bis er die äußere Linie der Sturzwellen erreicht hat, wartet hier eine besonders große Welle ab, wirft sich, sobald ihre innere Höhlung ihn streift, auf sein Brett und wird mit großer Geschwindigkeit ans Land getragen. Manche Eingeborene besitzen darin eine solche Fertigkeit, daß sie ihre Wellenfahrt sogar stehend zurücklegen, wozu eine große Geschicklichkeit gehört, einmal beim Stehenbleiben auf dem Brette und zum anderen beim Ausweichen der Korallenbänke (Abb. 36 und farbige Kunstbeilage).
Kanuwettfahrten bilden gleichfalls einen beliebten Sport, besonders bei den Maori. Mit zwanzig Paddlern hintereinander besetzt, erzielen diese Kanu eine beachtenswerte Schnelligkeit. Am eigenartigsten und aufregendsten sind jedoch die Hindernisrennen mit Kanus über quer über die Rennstrecke gelegte, auf eingetriebenen Pfählen ungefähr einen Fuß höher als die Wasseroberfläche ruhende Stangen. Nähert sich ein solches Kanu, das mit zwei Paddlern besetzt ist, dem Hindernis, so wirft sich der Paddler am Bug rückwärts, dadurch hebt sich das Vorderteil scharf empor und gleitet über das Hindernis hinweg nach der anderen Seite, wo das Paddeln wieder aufgenommen wird (Abb. 37).
Ein Sport, der den Bewohnern der Gilbertinseln und der ihnen benachbarten kleinen Insel Nauru eigentümlich ist, besteht in der Jagd auf Fregattenvögel (Abb. 38 bis 40), die als Lieblingstiere in Dörfern gehalten werden. Die wilden Vögel werden durch gezähmte angelockt und, sobald sie herangekommen sind, schleudern die im nahen Versteck lauernden Jäger einen langen Bindfaden, an dem ein walnußgroßes Stück harten Korallenkalkes oder einer Tridacnamuschel befestigt ist, über den Fregattenvogel hinweg, so daß die Schnur über seine ausgebreiteten Flügel fällt. Ehe er sich davon befreien kann, wird er von den Vogelfängern ergriffen. In der Regel müssen bei einem Wettkampf dreißig Vögel auf diese Weise eingefangen werden. Da sich keine Frau der Fangstelle nähern darf, so malen sich die Jünglinge, die an der Jagd beteiligt sind, einen schwarzen Ring auf das Gesicht, um dadurch ihre Beschäftigung zu bekunden. — Vogelfang mit Schlingen, einst ein beliebter Sport auf Samoa, wird bis zu einem gewissen Grade auch heute noch betrieben. Es werden dafür als Lockmittel Tauben verwendet, die in offenen, in den Wald gehängten Bauern angebunden sind und durch ihren streitsüchtigen Charakter vorbeifliegende Vögel zum Kampfe herausfordern und in das Bauer locken sollen, um darin von den im Versteck liegenden Jägern gefangen zu werden. Die auf solche Weise erbeuteten Vögel werden als Lieblingstiere gehalten und sorgfältig mit Taro gefüttert, selbst wenn die eigene Nahrung knapp wird. Den Vögeln des Häuptlings wird eine besondere Achtung gezollt und sie werden, wenn man sich mit ihnen abgibt, mit denselben feierlichen Redewendungen angeredet, in denen man zu ihrem Herrn spricht.
Von den Sterbe- und Totengebräuchen wollen wir nur die alten Sitten auf Samoa etwas eingehender schildern. Fühlte in früheren Zeiten ein Familienvater sein Ende bevorstehen, dann ließ er durch ausgesandte Boten sämtliche Angehörige um sich versammeln. Alle feinen Matten, die die Familie besaß — sie stellten einen hohen Wert dar — wurden vor ihm angehäuft, damit er zum letzten Male an diesem seinem Reichtum sein Herz erfreue. Darauf brach ein lautes Klagen und Weinen aus, und die Götter des Todes wurden um Mitleid angefleht; dabei schlugen sich die Jammernden die Köpfe mit Steinen blutig oder ritzten sich die Haut mit Haifischzähnen. Wenn trotzdem der Tod sich einstellte, so wurden diese Götter, deren Hilfe man soeben noch angerufen harte, gehörig beschimpft, weil sie nicht geholfen hatten. Der Leichnam wurde nun von alten Frauen mit Kokosnußöl eingerieben und auf einem Lager von Rindenstoffen aufgebahrt, in seltenen Fällen, das heißt wenn es sich um Häuptlinge handelte, auch einbalsamiert. Währenddessen schaufelten die jungen Leute in der Nähe der Hütte ein nur wenige Fuß tiefes Grab und bekleideten den Boden und die Seiten mit Korallenstücken; sie legten die Leiche bald nach dem Tode hinein und schlossen die Grube ebenfalls mit Korallensteinen. Auf dem darüber errichteten Hügel häuften sie in den folgenden Tagen Lavasteine auf, so daß oft ein nach oben stufenweise sich verjüngender Kegel entstand. Im Sterbehause war es den Angehörigen verboten, Speise und Trank zu sich zu nehmen bis die Beerdigung beendet war, nur die Totenfrauen durften davon eine Ausnahme machen, sie wurden aber gefüttert, weil ihnen jegliche Speise zu berühren untersagt war. Nach der Beisetzung dagegen fand ein Leichenschmaus statt, mit einem sich daran anschließenden, bis tief in die Nacht hinein dauernden wilden Tanz. Starb jemand nicht in seiner Behausung, sondern durch Zufall im Freien oder eines gewaltsamen Todes, so glaubte man, daß seine Seele in irgend einer Tiergestalt umherirre und, falls sie nicht eingefangen und mit dem Körper begraben würde, als böser Dämon (Aïtu) sehr schaden könne. Daher breitete man an der Stelle, wo der Tod den Verstorbenen ereilt hatte, ein großes Stück Tapa aus und wartete, bis irgend ein Tier, entweder eine Eidechse oder Heuschrecke oder auch nur eine Ameise, sich darauf zeigte. Sofort schlug man in der Annahme, daß dieses Geschöpf die Seele beherberge, das Tuch über ihm zusammen und legte es dem Toten mit ins Grab. Von nun an hatten der Verstorbene und seine Angehörigen Ruhe; ersterer konnte nunmehr seine Reise nach der Unterwelt antreten, deren Eingang auf die stark vulkanische Insel Sawai verlegt wurde. Das Abfangen der Seele ist noch heute üblich. — Geht das Leben eines Häuptlings auf Samoa seinem Ende zu, dann ist natürlich das Sterbegefolge ein noch viel größeres, denn es versammeln sich um ihn alle seine Lehnsleute. Von besonderer Wichtigkeit ist dabei die Anwesenheit seiner Schwester, damit jedweder, wenn auch nur geringfügiger Streit zwischen beiden beigelegt werde, denn der Fluch einer Schwester gilt für das größte Unheil. Auf der ganzen Insel wird nach dem Tode umfangreiche Trauer angelegt. Vielfach zieht der Tod eines Häuptlings besondere Folgen nach sich. Auf Hawai führte der Heimgang des obersten Herrschers in früheren Tagen eine Neueinteilung aller Ländereien, die seine untergeordneten Häuptlinge im Leben von ihm erhalten hatten, und oft genug dieserhalb Streitigkeiten und selbst Kämpfe unter ihnen herbei. Auf Tonga wurde gelegentlich des Todes König Georgs I. ein strenges Tabu auf alle Arten von Beschäftigungen erlassen; diese Einstellung jeglicher Arbeit und der große Aufwand beim Begräbnis brachten die ohnehin schon in finanziellen Nöten sich befindliche Insel beinahe zum Bankrott.
Als Grabstätten dienten bereits vor der Berührung mit Europäern auf Hawai, den Cookinseln sowie auf Neuseeland Felshöhlen; die Gebeine verehrungswürdiger Vorfahren wurden oft gesammelt und in zierliche Pakete gelegt. Bis vor kurzem bewahrte man noch auf der Penrhyninsel die in Matten eingewickelten Toten im Hause hängend auf. Meistens finden sich die Gräber auf regelrecht angelegten Friedhöfen; auch sie werden auf irgend eine Weise kenntlich gemacht, zum Beispiel durch einen Hügel (Abb. 41), dessen Größe den Rang des Verstorbenen anzeigt, oder, wie auf den Marshallinseln, durch Aufstellen von Paddeln am Kopf- und Fußende und anderes mehr. In vielen Teilen Polynesiens legt man den Besitz des Verstorbenen auf sein Grab, selbst wertvolle Sachen, wie einmal eine Nähmaschine. Die dort niedergelegten Gegenstände werden indessen von niemand berührt, geschweige denn fortgenommen, so großen Wert sie auch besitzen mögen; denn das Tabu, das sich auf Tote bezieht, ist fast noch strenger als das für Lebende. — Vielfach herrscht neben dem Glauben, daß die Toten in der Nähe zurückgeblieben sind, auch Furcht vor Gespenstern. Auf Niue hält man sich Hunde, deren Bellen übernatürliche Besucher fernhalten soll. Dagegen hegen die Bewohner von Penrhyn freundlichere Gefühle für die Heimgegangenen, denn sie bauen Hütten über ihren Gräbern, in denen sie schlafen, und hoffen, daß ihre Geliebten ihnen im Traume erscheinen. Ebenso ist auf den Paumotuinseln die Sitte, auf den Kirchhöfen zu schlafen, sehr verbreitet.
Von der früheren Religion sind auf Polynesien nur noch wenige Spuren vorhanden. Der Glaube an die hohen Götter des Meeres, des Himmels, der Erde und des Krieges ist heutzutage geschwunden. Nur dort, wo die christliche Religion noch nicht hingelangt ist, treffen wir noch Verehrung der alten Götter an; so hat auf Mikronesien, wo für die kleinen Koralleneilande die beständige Gefahr besteht, daß sie durch eine Sturmflut hinweggeschwemmt werden könnten, der Hauptgott des Sturmes noch Ansehen. Die meisten mikronesischen Götter werden durch Tiere oder Pflanzen verkörpert, so der Regengott durch einen Sternfisch, der Kriegsgott durch einen Haifisch, der Donnergott durch einen Kastanienbaum. Die Opfer, die man diesen Gottheiten darbringt, werden einfach unter einem Baume niedergelegt; Menschenopfer waren in Polynesien nie üblich. Obwohl auch die Sitte des Tabu schon sehr im Abnehmen begriffen ist, spielt sie doch verschiedentlich noch eine nützliche Rolle, zum Beispiel wenn ein Häuptling ein Tabu auf Ernten setzt, damit sie nicht vorzeitig eingeholt werden, oder wie auf den Paumotuinseln auf eine bestimmte Lagune mit Perlenfischerei, damit für eine gewisse Zeit ihre Ausnutzung verhindert werde, oder auf bestimmte Äcker, damit sie nicht bestohlen werden. Äußerlich wird dieses Verbot durch besondere Kennzeichen bekundet, wie durch Aufstellen einer aus Blättern angefertigten Figur eines Hornhechtes oder Haifisches — wer das Tabu bricht, ist in Angst, er könnte beim nächsten Baden von einem solchen Tiere angegriffen werden —, oder einfach durch Anbinden eines Blattes um den Stamm eines Baumes auf der Plantage, Aufhängen von Kokosnüssen auf dem sichtbaren Stumpfe eines Baumes und anderes mehr. Derartige Zeichen verfehlen ihren Zweck nie, denn der Eingeborene glaubt bestimmt, daß ihn ein Unglück, Krankheit, Blitz oder dergleichen treffen werde, sofern er ein solches Warnungszeichen nicht beachtet.
Einer großen Verbreitung erfreut sich noch der Aberglaube, daß man jemand durch Zauber mit einer Haarlocke, einem Fetzen Zeug oder einem Speiserest von einer Person Unglück zufügen könne. Auch Wahrsagerei wird noch viel betrieben, ebenso wird noch an Gottesurteile geglaubt. Auf Samoa zum Beispiel sucht man bei einem Diebstahl den Täter in der Weise zu bekommen, daß man alle Beteiligten um eine Schüssel mit Kava versammelt, in der ein kleiner geknoteter Faden schwimmt, und aufpaßt, in wessen Trinkschale beim Verteilen sich der verräterische Faden zeigt.
Die primitive Methode des Kochens, wie sie in Polynesien und Mikronesien üblich ist, bietet viel des Interessanten. Man kocht oder vielmehr röstet die Speisen in heißer Asche eines offenen Feuers. Zu diesem Zwecke wird in den Erdboden eine Grube oder Furche in gewünschter Größe ausgehoben, mit Brennholz angefüllt, darauf eine Anzahl Steine gelegt und das Holz angezündet. Sobald dieses niedergebrannt ist, und die Steine glühend rot geworden sind, wird die Grube von Asche und Kohlen gereinigt, und auf die noch glühend heißen Steine kommen die Gerichte, die gar werden sollen, zu liegen, alle in aromatische Blätter gewickelt. Darüber werden Erde und Matten gedeckt, um die Hitze an dem Entweichen zu verhindern (Abb. 42). Für gewöhnlich, doch nicht überall, gießt man noch Wasser auf die Blattpakete, bevor der Ofen geschlossen wird; man kocht dann mittels Dampf. Nach Ablauf einer gewissen Zeit, etwa einer Stunde oder noch mehr, je nach der Größe des Ofens und der Menge der Speisen, wird letzterer wieder aufgedeckt, und Fleisch und Gemüse sind bei dieser Behandlung völlig gar gekocht. Auf Neuseeland, wo noch Vulkane, im besonderen sogenannte Geiser in Tätigkeit sind, bietet die Natur den Menschen eine viel bequemere Kochmethode dar, nämlich heiße Quellen (Abb. 43), die in ihrer Temperatur zwischen kochend und warm abwechseln. Der Maori braucht seine Speisen, die er gar haben will, nur in einem Netz in eine solche kochende Quelle oder in den daraus ausströmenden Dampf zu halten, und die Natur besorgt in kurzer Zeit das weitere. Nebenbei werden diese Quellen auch noch allgemein zum Baden benutzt.
Das Feuer wird durch Reiben zweier Hölzer, von denen das eine hart, das andere weich sein muß, gewonnen. Man reibt das harte angespitzte Stück mit starkem Druck in einer Rille auf der Unterlage hin und her, bis die durch Reibung erzeugte Hitze den dabei entstehenden feinen Staub zum Glühen bringt, und entfacht diesen durch Anblasen und Auffangen mittels trockenen Grases zu einer Flamme. — Die Nahrung der Polynesier besteht in den Früchten der Kokos- und Pandanuspalme, des Brotfruchtbaumes, den Wurzelknollen des Tarogewächses — auf Hawai ist Poi (Abb. 1) eine daraus hergestellte sehr beliebte teigartige Speise —, in Schweinen, Hühnern und den Erzeugnissen des Meeres (Fischen, Krebsen, Muscheln und Schildkröten). Ein Hauptleckerbissen der Samoaner ist der Palolo, ein Wurm der Eunicegattung, der zu bestimmten Zeiten in großen Massen unter Festlichkeiten gesammelt wird. Eine andere eigenartige Speise bereiten die Marshallinsulaner aus Pandanusnüssen. Man kocht diese, preßt den Saft heraus, nachdem die Frucht mit der Schale geschrappt worden ist, und setzt ihn der Sonnenhitze zum Eintrocknen aus, wodurch eine Art Teig in Form von Eierkuchen entsteht. Eine Anzahl dieser Kuchen wird lagenweise aufeinander gelegt und bildet so eine große Wurst, die mit Blättern umwickelt und fest verschnürt wird. Solche Rollen haben manchmal eine Länge von fast drei und einen Umfang von nahezu zwei Meter (Abb. 44). Sie halten sich sehr lange Zeit, und je nach Bedarf werden Stücke davon abgeschnitten.
Eine eingehendere Behandlung erfordern die Zubereitung der Kava (Abb. 45), des Nationalgetränkes der Polynesier, sowie die Zeremonien des Kavatrinkens. Die Gewohnheit des Kavatrinkens erstreckt sich nicht nur über ganz Polynesien, mit Ausnahme der südlichen Gebiete von Neuseeland und die Chataminseln, und Mikronesien (Karolinen), sondern kommt auch auf Neuguinea und verschiedenen anderen Inseln Melanesiens vor. Der Kavatrank wird aus der Wurzel einer Pfefferart, des Rauschpfeffers (Piper methysticum For.) gewonnen. Die ursprüngliche Methode der Zubereitung bestand darin, daß man die zerkleinerte Wurzel vollständig, etwa zehn Minuten lang, zerkaute, sie mit dem dabei angesammelten Speichel, von dem nichts verschluckt werden durfte, in ein Gesäß ausspie und das Ganze hierin mit Wasser oder auch Kokosmilch verdünnte. Auf den Tonga- und Marquesasinseln, auch auf Fidschi waren es Jünglinge oder Knaben mit guten Zähnen und gesunder Mundhöhle, die das Kauen der Wurzel besorgten, auf Samoa und Tahiti aber junge Mädchen, die sich vorher die Hände waschen und den Mund ausspülen mußten. Auf Samoa im besonderen fiel dieses Amt einer Häuptlingstochter, der Dorfjungfrau oder Taupu zu (Abb. 46), die allgemein ein großes Ansehen genießt. Schon in der frühesten Jugend wird eine Häuptlingstochter für diesen Posten ausgewählt, den sie bis zu ihrer Verheiratung ehrenamtlich bekleidet. Sie wird bis ins kleinste hinein in allen geselligen Talenten, besonders im Tanzen, ausgebildet; auf ihre äußere Erscheinung wird großer Wert gelegt und nirgends geht sie hin, ohne von zwei Anstandsdamen begleitet zu sein, denn ihr guter Ruf muß sorgfältig behütet werden. Natürlich ist sie von aller anstrengenden Arbeit befreit. Zur Reifezeit nimmt sie ihre gesellschaftlichen Pflichten auf, die darin bestehen, daß sie, wenn großer Besuch ins Dorf kommt, die Wirtin macht, die Gäste begrüßt und bei festlichen Gelegenheiten die Kavabowle darreicht (früher auch vorher kaute), sowie den Tanz anführt. — Die Sitte des Kavakauens ist jetzt vielfach abgekommen zugunsten des Reibens mit Steinen. Auf Samoa benutzt man auch Maschinen.
Das Kavatrinken spielt bei den meisten Zeremonien (Abb. 48) eine sehr große Rolle und ist das unvermeidliche Vorspiel für alle Erörterungen politischer Angelegenheiten. Auf Tonga setzen sich bei einer solchen Zeremonie alle diejenigen, deren Rang es zuläßt, in einem Oval nieder, das eine Ende nimmt der erste Häuptling ein, das andere aber bleibt offen, denn hier steht die große hölzerne Schüssel für die Zubereitung der Kava, und hinter ihr sitzt, dem präsidierenden Häuptlinge gegenüber, der Zubereiter und an jeder Seite ein Gehilfe, der eine mit einem Fächer bewaffnet, um die Fliegen fernzuhalten, der andere mit mehreren großen Schalen Wassers. Hinter ihnen kauern die Zuschauer, deren Rang nicht gestattet, in dem Kreise der Auserwählten Platz zu nehmen. Die zerkleinerte Wurzel wird in die Schüssel getan; diese Tatsache kündet der Zubereiter mit einer stereotypen Phrase an, worauf einer der dem präsidierenden Häuptlinge zur Seite sitzenden Matabule, das ist Knappen, ihm mit dem Worte „Mische“ antwortet. Ein Gehilfe gießt nun Wasser auf, und der Zubereiter knetet die Masse mit beiden Händen, bis sie die erforderliche Festigkeit angenommen hat. Die Flüssigkeit wird dann durch ein Büschel aus Hibiskusfasern mittels Auswindens filtriert und das Getränk ist mundfertig. Die Gehilfen füllen nun die aus halben, dünn geschliffenen und fein geglätteten Kokosschalen hergestellten Trinkbecher an und der Matabule ruft die Namen derjenigen auf, denen sie gebracht werden sollen, wobei sehr wichtig ist, daß die Reihenfolge in der anerkannten Rangfolge gewahrt wird. Der Empfänger klatscht in die Hände, um zu zeigen, wo er seinen Platz hat. — Auf Samoa, wo die Eingeborenen mit großer Hartnäckigkeit an der alten Sitte des Kavatrinkens festhalten, spielt sich die Zeremonie in ziemlich der gleichen Weise ab. Bei der Verteilung des Trankes an hohe Häuptlinge wird indessen nicht ihr Name, sondern der ihres Bechers ausgerufen. In früheren Tagen war die Zeremonie des Kavatrinkens noch mit religiösen Riten verbunden. Sobald das Kavatrinken einen offiziellen Anstrich hat, sind überall die Frauen von der Teilnahme ausgeschlossen, sonst aber nehmen sie dieses Getränk sehr gern zu sich, und auf Viti Lewu und Tonga soll es wirkliche Kavakränzchen geben, die ausschließlich von Frauen besucht werden. — In kleinen Mengen oder in schwacher Lösung getrunken, bildet die Kava ein ungemein erfrischendes und kühlendes Anregungsmittel, in größeren Mengen übt sie eine leicht narkotisierende Wirkung aus, die das Gefühl von Behaglichkeit, Zufriedenheit und Glückseligkeit schafft.
Großen Fleiß und peinliche Sorgfalt verwenden die Polynesier auf den Bau ihrer Wohnstätten, namentlich auf den ihrer Klubhäuser (siehe die Kunstbeilage), die sie kunstvoll verzieren, eine bedeutende Leistung in Anbetracht der primitiven (Stein-)Werkzeuge, die ihnen vor Einführung der Metallinstrumente hiefür zur Verfügung standen.
Schließlich sei noch ein eigenartiges Münzsystem auf Mikronesien, speziell auf den Karolinen erwähnt. Es besteht aus kreisförmigen, Mühlsteinen ähnlichen Steinen, die in der Mitte durchbohrt sind (Abb. 47). Der stolze Besitzer mehrerer dieser mächtigen Steine gilt für reich. Indessen eignen sich diese „Münzen“ nicht für den praktischen Gebrauch, sondern mehr zur Zierde, zumal sie vor den Häusern aufgestellt zu werden pflegen. Leichter zu handhaben sind die niedrigeren Werte, zum Beispiel ganze Perlmuschel- oder Muschelscheibenschnüre, wie sie auf ganz Ozeanien üblich sind.