Die Eingeborenen Australiens bieten in ihrem Äußeren ein im großen und ganzen einheitliches Bild dar, das sie deutlich sowohl von den Schwarzen Melanesiens als denen Afrikas unterscheidet, wenngleich zwischen einzelnen Stämmen manche Abweichungen nicht zu verkennen sind, was in erster Linie wohl mit der verschiedenen Lebensweise, im besonderen der Ernährung, sodann aber auch mit der verschiedenen ethnischen Mischung zusammenhängen dürfte. Sie sind eine Rasse von etwas über Mittelgröße; die Männer werden im Durchschnitt etwa hundertundsechzig bis hundertachtundsechzig Zentimeter hoch, jedoch kommen gelegentlich auch große Leute vor. Trotzdem sie im allgemeinen eine leidlich gut entwickelte Muskulatur besitzen, fallen die Australier doch durch ihre große Magerkeit auf, die nicht selten so hochgradig ist, daß man sozusagen die Knochen durch ihre Haut sehen kann. Fettansatz fehlt ihnen zumeist, wohl infolge ungenügender Ernährung. Dessenungeachtet ist ihr Körper auffällig geschmeidig und ziemlich leistungsfähig. Daneben gibt es aber auch Stämme von kräftiger, muskulöser Gestalt, und zwar dort, wo die Lebensbedingungen günstigere sind. Die samtweich sich anfühlende Haut der Australier wird für gewöhnlich als schwarz beschrieben, in Wirklichkeit aber ist ihre Farbe mehr ein Schokoladenbraun; es kommen aber alle möglichen Schattierungen vom dunkleren Schwarzbraun bis zum Braun des Milchkaffees vor. Vielfach wird eine dunklere Farbe durch Einreiben mit Ocker vorgetäuscht. Der Haarwuchs ist sehr üppig, selbst die Arme sind zumeist mit kurzen, gekräuselten Haaren dicht bedeckt, oft genug auch die ganze Körperoberfläche. Das Kopfhaar ist gewellt oder lockig, und fällt für gewöhnlich bis auf die Schultern herab. Seine Farbe ist ein glänzendes Schwarz mit einem Stich ins Braune oder Rotbraune; etwa vorkommende rötliche Haare rühren vom Färben her. Der Bart pflegt gut entwickelt zu sein. Der Schädel ist von langer, ziemlich hoher Form. Das Gesicht ist niedrig und breit, die Backenknochen stehen etwas vor, die niedrige, schmale Stirn dagegen tritt sehr zurück. Bemerkenswert sind die kräftig entwickelten Augenbrauenwülste, die große, ausdrucksvolle, tiefliegende Augen überschatten. Die Nase ist kurz und dick, besitzt einen gerade verlaufenden Rücken und dicke große Flügel; die Nasenwurzel ist durch eine scharfe Einsattlung von der Stirn abgesetzt. Diese eigenartige Gesichtsbildung verleiht den Australiern etwas ungemein Abstoßendes (Abb. 190 und 191).
Die geistigen und sittlichen Eigenschaften der Australier werden vielfach unterschätzt. Sie sollen nach dem Zeugnisse guter Kenner über leichte Auffassungsgabe, scharfes Denken, gutes Vermögen, die Dinge geistig zu verarbeiten, und ein vorzügliches Gedächtnis verfügen und sich durch persönlichen Mut, Standhaftigkeit, Entschlossenheit, Ausdauer, Selbstbeherrschung, Stolz, Zuneigung zu Familienmitgliedern und ein gewisses Gefühl der Stammeszugehörigkeit auszeichnen. Daneben weisen sie aber auch eine Reihe schlechter Eigenschaften auf, wie Habsucht, Gefühllosigkeit, Rachsucht, Undankbarkeit, Mißtrauen, Lügenhaftigkeit, Trägheit und große Unreinlichkeit. Seit der Entdeckung Australiens durch die Europäer und der Besitzergreifung der brauchbaren Landstrecken durch sie ist die eingeborene Bevölkerung in stetem Rückgange begriffen, zumal da die Kolonisatoren rücksichtslos gegen sie vorgegangen sind und epidemische Krankheiten verheerend auf sie eingewirkt haben.
Die Australier leben zerstreut über das Land in kleinen Gruppen zusammen, in Horden von höchstens hundert Mitgliedern, die das Land durchstreifen und deren mehrere sich gewöhnlich zu einem Stamme, allerdings oft genug in ganz losem Zusammenhange aneinandergeschlossen haben. Jede Horde besitzt eine ziemliche Selbständigkeit und erledigt ihre eigenen Angelegenheiten; die Ordnung innerhalb der Gruppe liegt in den Händen älterer Männer, die sich durch große Klugheit, Gewandtheit, Mut und gewisse Zauberkräfte vor den anderen hervorgetan haben und darauf achten, daß die überkommenen Gebräuche streng weiter bewahrt und Übertreter bestraft werden. — Das gemeinsame Band, das die Horden eines Stammes umschlingt, pflegen in erster Linie die gemeinsame Sprache oder Mundart, ferner gemeinsame Gewohnheiten und Anschauungen sowie gegenseitige Heirat und Tauschverkehr zu sein. Der Grund dafür, daß es in Australien zu keiner Bildung größerer Verbände unter den Eingeborenen gekommen ist, liegt darin, daß die trockene, dürre Natur des Landes größere Menschenansammlungen nicht zu ernähren imstande ist. — In ihrer Nahrung sind die Australier nicht wählerisch; sie genießen alles, was sie auf ihren Streifzügen auf dem Lande und zu Wasser erbeuten, hauptsächlich Beuteltiere, wie zum Beispiel das Känguruh und Opossum, ferner Emue, Schlangen, Fische und so weiter, und was ihre Weiber mit Hand und Grabstock an Wurzeln, Früchten, Pilzen, Flechten und kleinem Getier wie Würmern, Larven, Insekten, Ameisen, Heuschrecken, Raupen aus dem Boden ausgraben oder auflesen. Mit großem Geschick verstehen sie sich darauf, der Fährte des Wildes nachzugehen, sich an dasselbe wie ein Raubtier heranzupirschen und aus unmittelbarer Nähe mittels Wurfspießes zu erlegen. Wenn der Wind ungünstig steht, beschmieren sich gewisse Stämme Südaustraliens mit Schlamm, um der Witterung vorzubeugen, oder, wenn es an Deckung fehlt, bedecken sie ihren Körper mit stark beblätterten Zweigen; bei der Jagd auf Wasservögel hüllen sie ihr Haupt in Schilf. Die Fische werden im seichten Wasser entweder mit der Hand direkt ergriffen oder mittels eines flachen Gegenstandes aufs Trockene geschleudert; in tieferen Gewässern benutzt man Schlepp- oder Stellnetze, auch Hürden und Dämme, sowie Fischspeere. — Kleinere Tiere, sowie Wurzeln und Knollen werden roh verzehrt, alles übrige in glühender Asche, auf heißen Steinen oder, wie wir es in Polynesien bereits kennen lernten, in erhitzten Erdgruben geröstet, beziehungsweise gargekocht. Das dazu erforderliche Feuer gewinnt man entweder durch Bohren, Quirlen oder Reiben. Menschenfresserei kam früher häufig vor, war aber wohl kaum allgemein verbreitet. Sie entsprang dem Bestreben, durch Verzehren von Herz und Nieren seines Feindes sich dessen gute Eigenschaften, in besonderem Mut anzueignen, sowie der Rachsucht, Leckerei und in Zeiten der Not auch dem Mangel an Fleisch. Im Innern des australischen Erdteils scheint man dieser Unsitte noch zu frönen; hier bestand auch früher Endokannibalismus, das heißt das Leichenverzehren von Angehörigen.
Die Wohnungen der Australier sind, entsprechend ihrer umherschweifenden Lebensweise, die denkbar primitivsten. Zumeist sind sie nicht über einfache Windschirme oder Wetterdächer aus Rindenstücken oder Zweigen hinausgekommen (Abb. 192). In Nord- und Zentralaustralien sind dagegen wirkliche Hütten eine keineswegs seltene Erscheinung.
Obwohl das Klima, besonders im Süden, stellenweise recht rauh ist und häufig empfindliche Wetterstürze stattfinden, ist die Bekleidung des Australiers eine nur geringe. Man kann bei ihm mehr von einem Schmuck als von einer Bedeckung sprechen. Die Männer tragen meistens einen Rinden- oder Bastgürtel, ein winziges Band aus gedrehten Menschenhaaren oder ein Stückchen Perlschnur; in den Gegenden, wo das Klima einem schroffen Wechsel unterworfen ist, werden zum Schutze gegen Kälte und Regen kleine Mäntel aus Känguruh- oder Opossumfell oder Matten über den Rücken gehängt. In der gleichen Weise wie die Männer bekleiden sich die Frauen; charakteristisch für sie ist stellenweise ein Mantelsack aus Känguruhfell, in dem sie die Säugekinder mit sich schleppen. In manchen Gegenden aber gehen beide Geschlechter, zumal auf ihren Wanderungen, am liebsten splitternackt. Dagegen legt man allgemein auf reichliche Körperbedeckung bei den Festen und Tänzen Wert.
Der eigentliche Schmuck besteht aus Schnüren aus Menschenhaar oder Pelzstückchen um den Hals oder Oberarm. Sehr beliebt ist in vielen Gegenden ein Putz aus den Schwänzen kleiner Tiere; nicht minder verbreitet sind Perlmuscheln, Tierzähne, Krebsschalen, Rohrstengel, geflochtene Grasreifen und ähnliches mehr. Besonders das männliche Geschlecht bevorzugt den Schmuck. Zum Verzieren des Körpers zählen auch die Hautbemalung in den Farben Schwarz, Weiß, Rot, auf die wir gelegentlich der Schilderung der verschiedenen Festlichkeiten noch zurückkommen, das Färben der Haarkrone mit Erde und das Erzeugen von Narbenwülsten auf Brust und Rücken; das letztere ist eine bei beiden Geschlechtern weit verbreitete Sitte (Abb. 191 und 193). Diese Narben, die aus Einritzungen der Haut mittels Steinmesser oder einfacher Steinsplitter hervorgehen, sind meistens quer verlaufende, reliefartig hervortretende Stränge, die nicht nur zur Verschönerung dienen, sondern auch Alters- und Rangabzeichen darstellen, sowie den Schmerz über den Tod eines Angehörigen andeuten sollen. Viele Stämme Australiens betreiben noch andere körperliche Verunstaltungen, die ähnliche Bedeutungen haben, wie das Durchbohren der Nasenscheidewand und Ausschlagen eines Vorderzahns (Abb. 204). Eine unter den australischen Stämmen sehr verbreitete, ganz sonderbare Unsitte ist das Aufschlitzen der männlichen Harnröhre (von den Zentralaustraliern mika genannt), deren Zweck uns unbekannt ist. Früher glaubte man in diesem operativen Eingriff eine antikonzeptionelle Präventivmaßregel erblicken zu dürfen, indessen sprechen verschiedene Gründe (relative Unwirksamkeit, Unwissenheit der Australier über die Bedeutung dieser Verstümmlung, Unkenntnis des Vorganges der Konzeption) gegen eine solche Auslegung. Neuerdings glaubt man, dieser seltsamen Prozedur homosexuelle Bedeutung beilegen zu sollen. Der Geschlechtstrieb der Australier ist ein ziemlich reger, zumal die Kinder in ganz frühen Jahren von den Eltern in die Geheimnisse des geschlechtlichen Lebens eingeweiht werden. Die Mädchen verlieren ihre Reinheit schon, sobald sich der Fortpflanzungstrieb einstellt, was bereits um das achte bis zwölfte Lebensjahr der Fall ist; sie geben sich dann etwas älteren Knaben preis. Das weibliche Geschlecht soll besonders wollüstig veranlagt sein. Trotzdem gehen die Australier nicht wahllos Verbindungen miteinander ein, sondern ihr Geschlechtstrieb scheint im großen und ganzen auf eine bestimmte Person gerichtet zu sein. Die strengen Vorschriften bei Eingehen der Ehe regeln außerdem den geschlechtlichen Verkehr. Nur gelegentlich der großen Korroborietänze, die vielfach unter obszönen Bewegungen getanzt werden, herrscht bei manchen Stämmen allgemeine geschlechtliche Vermischung.
Die Tatsache, daß verschiedene Australierstämme nicht wissen, daß der Mensch aus dem Kohabitationsakte hervorgeht, sondern über seine Entstehung noch ganz primitive Auffassungen haben, gibt uns Anlaß, hierauf etwas näher einzugehen. Entsprechend den ursprünglichen Ansichten der Naturvölker, daß die Geister der Verstorbenen unter anderem in den Wäldern umherstreifen, in den Bäumen und Pflanzen Wohnung nehmen und sich wieder zu Menschen umwandeln können, glauben die Australier, daß ein Pflanzengeist bei der Entstehung eines neuen Menschen in ein Weib fährt und sich in ihm dazu ausbildet, daß es sich also bei der Geburt um eine Inkarnation, Wiederfleischwerdung eines Ahnen handelt. Sie halten daher auch eine Beteiligung des Vaters, das heißt den Geschlechtsverkehr für belanglos, höchstens meinen sie, daß dadurch die Geschlechtswege passierbar für den Austritt des Kindes gemacht werden. Die Arunta bilden sich zum Beispiel ein, daß in gewissen Steinen Kindergeister stecken, die sowohl durch Zauber wie durch eigene Macht in den Körper eines Weibes übergehen, und zwar durch den Nabel in der Größe eines kleinen Sandkornes, das aber bereits vollkommen gestaltete menschliche Wesen, Knaben oder Mädchen, vorstelle und Leben und Seele besitze. Auf einem solchen Steine befindet sich ein kleines rundes Loch, durch das die Geister vermutlich hinausgelangen (Abb. 194). Über ihm ist ein schwarzer Strich mit Holzkohle gezogen, und jedermann, der diese Stätte zufällig besucht, erneuert ihn. Dieser Strich trägt den gleichen Namen, wie der Streifen, den dieser Stamm über die Augen eines neugeborenen Kindes zur Abwendung von Krankheiten zeichnet. Wenn Frauen diesen Stein aufsuchen, so tun sie dies, um schwanger zu werden. Ein Mann, der die Kraft und den Willen dazu besitzt, kann die Frauen aus seiner Umgebung dazu bringen, daß sie Kinder bekommen, wenn sie zu diesem Steine gehen und einen Zauberspruch über ihn sprechen. Anderseits, wenn eine junge Frau an diesem Steine vorbei muß, aber keinen Nachwuchs mehr haben möchte, dann sucht sie den Geist des Steines über ihr Alter zu täuschen, indem sie sich als ein altes Weib gibt, ihr Gesicht in Falten zieht, sich vornüber bückt und an einem Stock geht, auch mit bebender Stimme, wie sie alte Frauen haben, ausruft: „Komm nicht zu mir, ich bin eine alte Frau“. Auf diese Weise hofft sie unbehelligt von den Kindergeistern gelassen zu werden. Interessant ist der Glaube, daß irrtümlicherweise auch in einen Mann ein solches Geisterkind hineingehen könne; in diesem Falle stirbt er, obgleich ein geschickter Medizinmann vielleicht imstande ist, ihn zu retten.
Wie bereits erwähnt, ist es der Ahnengeist, der die Kinderkeime (ratapa) außerhalb des Mutterleibes entstehen und bei passender Gelegenheit in sie hineintreten läßt. Als Wohnsitz solcher Kinderkeime gelten Bäume, Felsen, Steine, Wassertümpel und die Tschuringa oder das Schwirrholz. Letzteres ist ein flaches längliches Stück Holz oder ein Stein, die an einem Ende durchbohrt und mit einer Schnur versehen sind; wird das Tschuringa rasch und kräftig gedreht, dann gibt es einen sausenden Ton (wie unsere Waldteufel) von sich. Daß diesem Gerät, das übrigens bei den Zeremonien der Australier eine große Rolle spielt, wie wir noch sehen werden, der Wohnsitz eines ratapa zugeschrieben wird, kommt daher, daß nach dem Glauben der Australier die Bäume, aus denen es hergestellt wird, aus dem Körper eines von zwei Hunden zerrissenen geisterhaften Wesens, namens Murtamurta, gewachsen sind. Eine nähere Berührung mit den angeführten Gegenständen hat zur Folge, daß eine Frau guter Hoffnung wird. Badet eine Frau zum Beispiel am Proserpine River (Queensland), so gehen die Kinderkeime der Pandanuswurzel in sie über; hat sie bei einem anderen Stamm nach dem Genuß von Lalitjafrüchten Erbrechen, dann ist dies ein Anzeichen, daß der Lalitjakindeskeim durch ihre Hüften in sie eindrang, oder schlägt sie einen Gummibaum mit einem Beil, dann wird dadurch gleichfalls ein Kinderkeim frei. Diese Kinderkeime gehen nun keineswegs immer sogleich in Menschengestalt in den Leib des Weibes über, sondern auch in der eines Tieres, zum Beispiel eines Regenvogels (Mädchen) oder einer Schlange (Knaben) und anderes mehr, verwandeln sich aber im Mutterleib wieder in einen Menschen. Auch die Berührung einer Frau mit einem Tschuringaholz genügt, um sie in gute Hoffnung kommen zu lassen.
Während der Schwangerschaft ist die Australierin, wie wir es schon von der Melanesierin her kennen, bestimmten Speiseverboten unterworfen, jedoch scheinen diese nicht so umfangreich wie dort zu sein. Sie darf gewisse Fleischspeisen, hauptsächlich vom Ameisenigel, Känguruh, Opossum, Emu und Schlangen, bei anderen Stämmen überhaupt kein Fleisch genießen. Als Grund für diese Einschränkungen wird angegeben, daß entweder die Mutter eine schwere Krankheit davon bekomme, oder das Kind am Mutterleibe anwachse oder sterbe und so weiter. Meistens ist auch der Mann an diese Vorschriften gebunden. Bei den Urubunna geht er während dieser Zeit auch nicht auf die Jagd, denn der Geist des Tieres, von dessen Fleisch er aß, würde ihn begleiten, das Wild warnen und das Wurfgeschoß ablenken.
Über die Geburt der Australierin habe ich nichts Näheres in Erfahrung bringen können. Die Abnabelung wird mittels Muschel, Känguruhknochen, Stein oder Obsidianmesser vorgenommen und gibt verschiedentlich Anlaß zu bestimmten Zeremonien. Bei den Narrinjeri bewahrt der Vater die Nabelschnur sorgfältig in einem Bündel Federn auf. Übergibt er dieses Bündel dem Vater eines Kindes aus einem anderen Stamme, dann werden beide Kinder Ngia Ngiampe, das heißt sie dürfen, solange die Nabelschnur nicht wieder zurückgegeben ist, miteinander nicht nur nicht sprechen, sondern sich auch nicht berühren oder überhaupt nahekommen. Nach der Rückgabe des Büschels erlischt diese Vereinbarung. Über ihren Zweck sich näher auszulassen, würde zu weit führen. — Wirft bei den Westaustraliern die Mutter die Nabelschnur ins Wasser, dann wird der Sohn später ein guter Schwimmer. Die Kaitisch (Zentralaustralien) wickeln den Nabelstrang in Pelzstreifen und binden diese dem Kinde um den Hals. Die Warrunga, die ähnlich damit verfahren, überreichen sie, falls es sich um ein Mädchen handelt, das der Oheim mütterlicherseits verheiraten muß, später diesem, der sie eine Zeitlang in seinem Armband trägt und dem Vater des Kindes Waffen schenkt; er darf aber das Kind selbst nicht eher sehen, als bis es laufen kann. Sobald dieser Zeitpunkt gekommen ist, erhält er vom Vater Pelzstreifen übersandt, kommt ins Lager, sieht sich das Kind an und bringt dem Vater Geschenke mit. Den Nabelschnurrest legt er in einen hohlen Baum, dessen Ort er niemanden verrät. Bei den Kaitisch müssen der Vater und die Großeltern mütterlicherseits während der Entbindung im Busch sich aufhalten; bei der Rückkehr bringt der Großvater einen Strauß mit und berührt mit ihm das Haupt der Wöchnerin, die darauf ihr Kind in einem hölzernen Gefäß, das als Wiege dient, in die Höhe hebt und es der Großmutter reicht. Diese reibt das Kind an ihrem Magen herum und wirft es mehrere Male in die Höhe, dann umarmt sie es von rückwärts. Der Vater wärmt bei seiner Rückkehr einen Speer über dem Feuer und läßt ihn über dem Neugeborenen hin und her gleiten. Darauf zeichnet er dem Kinde einen schwarzen Kreis um die Augen und den Nabel und gibt es der Mutter zurück. — Die Namengebung findet bei einigen Stämmen sogleich nach der Geburt, bei anderen erst nach Wochen statt. Die Bewohner des unteren Murray halten es für unheilbringend, dem Kinde einen Namen zu geben, ehe es gehen kann. In noch anderen Gegenden erfolgt eine zweite Namengebung, zum Beispiel im Knabenalter. In Westaustralien tauscht man seinen Namen als Zeichen der Freundschaft aus. Bei den Muralug (Kap York) wird in Gegenwart aller Verwandten bei der Namengebung eine Festlichkeit veranstaltet, der Vater aber darf dabei nicht anwesend sein. Die Mutter hält das Kind über einen Karamubusch und fleht den Segen der Götter auf das Neugeborene herab.
Zwillinge werden in Zentralaustralien sofort getötet, verkrüppelte Kinder entweder ebenfalls aus dem Wege geräumt oder aus Aberglauben am Leben gelassen und verehrt. Überhaupt ist in allen Teilen Australiens der Kindsmord sehr verbreitet, die englische Regierung vermag hiergegen wenig auszurichten. Oberländer sah am Murray ein Weib, das zehn bis elf ihrer Kinder getötet hatte. Der Grund für diese Grausamkeit liegt darin, daß man von einer größeren Anzahl Kinder, meistens bei mehr als zwei, nicht erbaut ist, weil sie bei der Erziehung unter den obwaltenden recht ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen Schwierigkeiten bereiten und auf den langen Märschen lästig fallen. Die getöteten Kinder wurden früher allgemein gegessen, und zwar beteiligten sich an dem Mahl nur die Frauen.
Auch die Australierin säugt ihre Kinder lange Zeit, in der Regel vier bis fünf Jahre lang. Solvado beobachtete nicht selten, daß Knaben ihr Waffenspiel unterbrachen und zur Mutter eilten, die gerade einem jüngeren Kinde die Brust reichte und sie auch damit versorgte.
Bis zum Alter von etwa sieben Jahren wachsen die Knaben mit den Mädchen zusammen unter der Obhut der Mutter auf, dann werden sie getrennt; sie erhalten fortan Unterweisung in mancherlei Künsten. So eignen sie sich die Kenntnisse, die sie als Jäger brauchen, an, indem sie im Lande umherstreifen und die Beschaffenheit und den Aufenthaltsort von Tieren und Pflanzen, die als Nahrung dienen, kennen lernen; dadurch erwerben sie sich gleichzeitig eine staunenswerte Beobachtungsgabe. Sie werden ferner in dem Gebrauch der Waffen unterwiesen und erfahren das Nötigste von den Gebräuchen des Stammes. Alles dieses wird den Knaben gleichsam spielend beigebracht, nicht durch systematische Belehrung. Bei einigen Stämmen ist es Sitte, die Knaben, sobald sie das richtige Alter erreicht haben, aus dem Heimatdorfe fortzuschicken, um einige Monate unter den Leuten einer anderen Gruppe desselben Stammes oder auch von fremden Stämmen zuzubringen und hier ebenfalls Erfahrungen zu sammeln. Während dieses Aufenthaltes kümmern sich die Männer der Gruppe, bei welcher der Knabe untergebracht ist, um seine Erziehung; er lernt dadurch andere Orte und Gebräuche kennen, gewinnt neue Freunde und zieht manchen Vorteil für sein späteres Leben aus solcher „Pension“. Nach Ablauf dieser Zeit kehrt er in die Heimat zurück, wobei ihn ein paar Männer begleiten, die hier einige Tage lang bewirtet werden, und wird dann als Mann aufgenommen; dieses Ereignis wird für gewöhnlich durch irgend eine Zeremonie zum Ausdruck gebracht. Die Stammesgruppe, die sich in der geschilderten Weise für den Knaben verpflichtete, pflegt meistens einen ihrer eigenen Knaben zur Erziehung der Gruppe zu übergeben, aus welcher dieser Knabe stammt; es besteht also gleichsam ein Austausch der Kinder. Dieser beschränkt sich aber nicht nur auf bestimmte Gruppen, sondern der eine Knabe geht in diese, der andere in jene Gruppe zur Ausbildung. Es bahnt sich dadurch ein engeres Verhältnis zwischen den einzelnen Personen wie zwischen den verschiedenen Gruppen eines und auch eines fremden Stammes an.
Schon beim Heranwachsen zum Jüngling haben die Knaben sich bestimmten Speiseverboten zu unterziehen. Die verschiedenen Stämme besitzen ihre eigenen Bestimmungen darüber, aber es gelten immer die beliebtesten Speisen als verboten, zum Beispiel der Emu, der für die Australier eine große Delikatesse bedeutet, oder in den Küstengegenden der Dugong oder die Schildkröte; sonstige Gerichte, die anderwärts auf dieser Verbotstafel stehen, sind das Stachelschwein, der Wombat, Aale, Emueier und Honig. Je mehr sich der heranwachsende Jüngling dem Mannesalter nähert, um so mehr werden für ihn diese Speiseverbote eingeschränkt, ihm die beliebten Speisen also wieder freigegeben. Zu einem bestimmten Zeitpunkte entscheiden ein paar Männer darüber, ob er jetzt von einem bestimmten Verbot zu befreien ist, etwa von dem Verbot, Fleisch vom Beuteldachs (Bandikut) zu essen. Es wird dafür ein solches Tier eingefangen und gekocht; einer der Männer reibt dem Jünglinge das Fett über den Mund und gibt ihm von dem Fleisch zu essen; fortan ist es ihm gestattet von dieser Nahrung zu sich zu nehmen. In ähnlicher Weise werden die verschiedenen Speiseverbote nacheinander aufgehoben. Manche Stämme dehnen diesen Widerruf auf eine sehr lange Spanne Zeit aus; so kommt es schließlich soweit, daß ein Mann bereits alt und grau geworden ist, ehe er alle Speisen essen darf. Auch die Frauen müssen sich ähnlichen Vorschriften unterziehen und sich bestimmter Speisen bis zu einem gewissen Alter enthalten. Bei manchen Stämmen scheint das Erzeugen von Schmucknarben mit der Aufhebung dieser Verbote in Zusammenhang zu stehen; bei jedem Widerruf werden eine oder mehrere Narben beigebracht.
Wie unter den Melanesiern, so sind auch unter den Eingeborenen Nordqueenslands Fadenspiele sehr verbreitet. Es handelt sich hierbei darum, eine Schnur zwischen den Fingern zu allerlei Figuren — beliebt sind unter anderem Fische, Schildkröte, fliegender Fuchs, Kanu, Kokospalme — zu verstricken (Abb. 197).
Die Zeremonien, mit denen die Jünglinge in die geheimen Sitten ihres Stammes eingeführt werden, stimmen in ihren großen Zügen in fast ganz Ostaustralien (Viktoria, Neusüdwales und einem Teil von Queensland) miteinander überein, dagegen wechseln sie in ihren Einzelheiten sowie in ihrem Namen von Stamm zu Stamm. Der Einfachheit halber wollen wir sie kurz als Borazeremonien, dem bei einigen Stämmen von Neusüdwales üblichen und in die Wissenschaft eingeführten Namen, bezeichnen. Erst wenn ein Mann mehrere Boraversammlungen mitgemacht hat, gilt er für ein völlig eingeweihtes Mitglied des Stammes, indessen ist für ihn die erste Sitzung, bei der er als Knabe zugegen war, die bei weitem wichtigste.
Besitzt eine Ortsgruppe einen oder zwei Knaben, die nach Ansicht der älteren Männer das erforderliche Alter für die erste Bora erreicht haben, so wird darüber in einer Sitzung ein Beschluß gefaßt und die Vorbereitungen für die erste Sitzung getroffen, die vielleicht erst nach Monaten zustande kommt. Es werden nun Boten ausgeschickt, um die benachbarten Gruppen davon zu benachrichtigen. Auf diesen Gängen führen die Boten gewöhnlich diesen oder jenen Gegenstand, je nach der bei den einzelnen Stämmen herrschenden Sitte, mit sich, bald einen Botenstock, ein kleines Stück Holz, das Kerben aufweist, bald ein Schwirrholz, oder einen Männergürtel, oder einen Strauß Federn. Unter Vorzeigung dieses Kennzeichens macht der Bote vor den alten Männern des Lagers Mitteilung über Zeit und Ort der nächsten Bora, ladet sie ein und fordert sie gleichzeitig auf, diejenigen Knaben mitzubringen, die ihrem Alter nach eingeführt werden können. Ein solcher Bote gilt stets für heilig und unverletzlich, selbst wenn er zu feindlich gesinnten Eingeborenen kommen sollte. Kurz vor dem festgesetzten Tage begibt sich die das Fest gebende Gruppe aufs Feld in die Nähe der Stelle, wo die Bora abgehalten werden soll. Die eingeweihten Männer beginnen dann den Erdboden für die Feier vorzubereiten. Der Plan hierzu fällt an den verschiedenen Orten verschieden aus, allgemein üblich ist jedoch eine Dreiteilung des Boragrundes. Man unterscheidet einen großen, kreisförmigen, sorgfältig gesäuberten und geglätteten Platz, der von einem niedrigen Erddamm umgeben ist, sodann einen oft vierhundert bis vierhundertfünfzig Meter langen Pfad, der von dem großen Kreis in den Busch führt und in einen kleinen gelichteten Kreis endet, der ebenfalls von einem niedrigen Damm umzäunt wird. Frauen dürfen nur den größeren Kreis aufsuchen, aber keine davon, überhaupt kein Uneingeweihter darf den Pfad erblicken; auf Übertretung steht Todesstrafe. Auf jeder Seite des Pfades werden nämlich verschiedene Zeichnungen auf dem Erdboden gemacht, entweder in Gestalt erhöhter Erdhügel oder von Umrißzeichnungen (Abb. 195), die mit einem Beil hergestellt werden und meistens verschiedene Tierarten, zum Beispiel Känguruhe, Emue, Schlangen und so weiter, manchmal auch geometrische Muster (Abb. 199) darstellen. Die Bäume zu beiden Seiten des Pfades werden mit Schnitzereien verziert (Abb. 196), entweder gleichfalls mit geometrischen Mustern oder mit Tieren. An einer Stelle des Pfades oder des kleineren Kreises findet sich oft ein Erdhügel aufgeworfen in Form einer menschlichen Gestalt, die ein mythisches Wesen darstellt. Dieses, von einigen Stämmen Baiame genannt, hat nach dem Aberglauben der Eingeborenen die Borazeremonien eingeführt und findet sich bei jeder Veranstaltung wieder ein, um zuzusehen, ob die Feier auch nach den alten Vorschriften durchgeführt wird.
Rückt der Tag für die Zeremonie heran, so treffen die eingeladenen Gäste aus der Umgebung allmählich ein. Sobald sich eine Gruppe dem Borafeld nähert, sendet sie einen Boten voraus, der ihre Ankunft ankündigt. Man empfängt die Gäste mit großer Feierlichkeit, die teilweise in einem Tanze im großen Kreise besteht. Den Eingeweihten unter ihnen wird dann der Pfad gezeigt, ebenso der kleine Kreis und die Zeichnungen. Bei diesen Gelegenheiten, wo Männer aus verschiedenen Gegenden zusammenströmen, kommt es zum Austrag alter Kränkungen durch einen Kampf; aber wenn dann die Uneinigkeiten ausgeglichen sind, ist der Friede wieder hergestellt, und die Zeremonie geht vor sich, sobald der letzte Trupp der Eingeladenen eingetroffen ist.
Es ist unmöglich, in Kürze alle Einzelheiten der Zeremonie (Abb. 195, 198 bis 200) zu beschreiben, die überdies bei den verschiedenen Stämmen anders ausfallen. Am ersten Abschnitt, der am großen Borakreis sich abspielt, beteiligen sich auch die alten Frauen; von den übrigen Vorgängen ist das weibliche Geschlecht ausgeschlossen. Die Knaben werden zu dem kleineren Ring geführt, die Zeichnungen an den Bäumen und die Figuren auf dem Erdboden ihnen von älteren Männern, die während der ganzen Zeit ihre Beschützer sind, gezeigt und erklärt (Abb. 199). Die Männer führen Zauberspiele und Pantomimen auf, welche die Knaben sich mitansehen müssen und von jenen erklärt werden. Bei dieser Gelegenheit erblicken die Knaben auch zum erstenmal ein Tschuringa oder Schwirrholz (Abb. 203), jenes Stück Holz von spitz-ovaler Form, das mit einer an seinem Ende befestigten Schnur schnell in Bewegung gesetzt wird und einen summenden Ton hervorbringt. Frauen bekommen dieses Gerät niemals zu Gesicht, die Knaben werden auch davor gewarnt, einer Frau gegenüber jemals von ihm zu sprechen, geschweige denn es einer solchen zu zeigen. Sollte ein weibliches Wesen aus Unachtsamkeit etwa ein Schwirrholz erblicken, so wird es getötet. Es wird den Frauen vorgeredet, daß der Ton, den das Schwirrholz verursacht, die Stimme eines übernatürlichen Wesens sei. Solange die Zeremonie der Bora vor sich geht, hört man ihn. Die Zeremonien bestehen zum großen Teil in Pantomimen, bei denen die Darsteller die Tätigkeit von Tieren nachahmen. Alle diese Vorgänge, sowie die Dinge, die den Novizen in dieser Zeit gezeigt werden, sind heilig und dürfen von den Frauen nicht gesehen werden. — Die Knaben haben meistens auch noch einen blutigen Eingriff an ihrem Gliede zu erdulden; es wird an ihnen die Beschneidung, das heißt die Abtrennung der Vorhaut vollzogen. Bei einigen Stämmen erfolgt nach einigen Wochen noch eine zweite Operation, das Bloßlegen (Aufschlitzen) der Harnröhre, die wir bereits oben (S. 154) erwähnten. Bei den Arunta wird mit dem bei diesen Eingriffen abfließenden Blute ein kleines Schwirrholz bestrichen, damit es später als Liebeszauber diene. Der Jüngling, der ein Mädchen zur Heirat geneigt machen will, läßt es dann schwirren. Bei anderen Stämmen gehört zu den Einweihungsfeierlichkeiten auch das Ausschlagen eines Vorderzahnes (Abb. 204), das Hochwerfen der Knaben in die Luft (Abb. 189), das Anbringen von Narben und eine Art von Feuerprobe. Während aller dieser Vorgänge werden die Knaben scharf beobachtet, ob sie sich dabei richtig benehmen; befolgt einer von ihnen nicht die Befehle seines Beschützers, so wird er umgebracht. Solange die Borazeremonie dauert, sind die Knaben und ihre Begleiter von den Frauen und Mädchen getrennt. Die Männer verbringen einen Teil des Tages mit der Beschaffung der Nahrung durch Jagd, die übrige Zeit gilt den Vorführungen. Am Schluß werden die Knaben den Frauen zugeführt, und öfters wird noch ein Fest veranstaltet, an dem sich auch diese beteiligen. Die Knaben aber leben noch eine Zeitlang, manchmal vier Monate, mit ihren Beschützern im Busch und werden von ihnen über alle Gesetze und Gebräuche des Stammes, sowie über die Notwendigkeit, diese zu befolgen und den älteren Männern zu gehorchen, unterwiesen. Während dieser Probezeit dürfen die Knaben keine Frauen sehen, noch von ihnen gesehen werden. Bei einigen Stämmen dauert dies so lange, bis sich für die Knaben Gelegenheit bietet der nächsten Bora beizuwohnen. Zur vollständigen Mannbarwerdung müssen die Jünglinge mehrere Boraversammlungen besuchen, bei deren jeder sie immer etwas Neues sehen, das ihnen vordem noch vorenthalten wurde.
Die Feuerzeremonie oder Ingwurra (Abb. 210), um auf sie noch einmal etwas ausführlicher zurückzukommen, ist das letzte Stadium der Einweihungsfeierlichkeiten bei den Arunta und führt die Bevölkerung von weit und breit auf Einladung zusammen. Eigentlich ist sie eine Aufeinanderfolge verschiedener Akte. Die Feierlichkeiten werden wochenlang mit den üblichen Korrobories eingeleitet, an denen sich auch die Frauen beteiligen. Ein Korroborie, eine Art dramatischer Unterhaltung, ein pantomimischer Tanz (Abb. 202, 207, 209 und farbige Kunstbeilage), den ein Gesang begleitet, besteht gewöhnlich aus einem Zyklus von Vorführungen, von denen eine jede einen Abend ausfüllt, so daß das Ganze mehrere Abende hintereinander in Anspruch nimmt. Den Korrobories folgt als zweiter Akt die Ingwurrazeremonie. Jetzt trennen sich die Frauen von den Männern und bleiben auf dem Felde, während letztere mit Ausnahme einiger Tagesstunden, die sie der Jagd widmen, auf dem Festplatz leben und diese Zeit auf die Vorbereitung und Aufführung heiliger Zeremonien verwenden. Da wir weiter unten auf diese etwas ausführlicher zurückkommen, wollen wir hier nur erwähnen, daß sie die heiligen Mythen des Stammes versinnbildlichen und für die jungen Leute ein Mittel abgeben sollen, sie in den Glaubensauffassungen, die damit in Zusammenhang stehen, zu unterweisen. Diese Vorbereitungen erfordern eine geraume Zeit, obwohl jede Aufführung eigentlich nur wenige Minuten dauert. Wenn damit Monate vergangen sind, beginnen nun die wirklichen Zeremonien, die sich auf etwa zwei Wochen erstrecken. Täglich werden die jungen Leute, die aufgenommen werden sollen, auf die Jagd gesandt, deren Beute sie aber nicht für sich behalten dürfen, sondern an die älteren Männer abliefern müssen. Bevor sie des Abends zurückkehren, besorgen sich die Frauen Feuer, trockenes Gras und Reisig. Die Jünglinge versehen sich bei ihrer Ankunft aus dem Busch mit einer Anzahl beblätterter Zweige, stellen sich in einem dichten Viereck zusammen, laufen den sie erwartenden Frauen, die das Gras und das Holz angezündet haben und es auf die Eindringlinge zu werfen sich bemühen, entgegen, und suchen sich dagegen, so gut sie können, mit ihren Zweigen zu schützen. Nach einiger Zeit kehren sie auf den Festplatz zurück, bringen hier ihre Zweige unter und legen sich nieder; sie müssen so stundenlang ohne etwas zu sprechen verharren (Abb. 206). Nachdem sich dieser Vorgang mehrere Tage hindurch wiederholt hat und die heiligen Zeremonien inzwischen Tag und Nacht ihren Fortgang genommen haben, werden die Knaben auf zwei Tage in den Busch geschickt, um hier eine eingreifendere Feuerprobe durchzumachen. Die älteren Männer, denen die Novizen anvertraut sind, zünden aus Kloben und Ästen ein großes Feuer von etwa zwei bis drei Meter im Durchmesser an, bedecken die Glut, sobald das Feuer heruntergebrannt ist, mit Zweigen und fordern die Jünglinge auf, sich auf die Äste zu legen und hier vier bis fünf Minuten auszuhalten (Abb. 210). Trotzdem die auf die glühende Asche gelegten Sträucher die direkte Berührung mit ihr verhindern, so daß die jungen Leute sich nicht verbrennen können, erfordern die große Hitze und der Rauch doch einen großen Aufwand an Energie, um diese Probe durchzuführen. Sodann kehren die Jünglinge nach dem Lagerplatz zurück. Hier wird der Abend mit allerlei Neckereien zugebracht; die Frauen in dem Lager und die Männer auf dem Festplatze rufen einander Scherzworte zu und ziehen einander auf. Bei solcher Gelegenheit darf ein Mann auch seiner Schwiegermutter zurufen, mit der er sonst jeglichen Verkehr meiden muß. In fast ganz Australien nämlich bestehen zwischen beiden Parteien merkwürdige Sitten. Sieht ein Mann seine Schwiegermutter kommen, so muß er sich verstecken und sie vorüberlassen, damit sich beide auf keinen Fall zu Gesicht bekommen. Ist ein Verstecken unmöglich, so muß er nach rechts oder links mit abgewendetem Gesicht abbiegen, einen großen Bogen um sie machen und ihr auf jeden Fall ausweichen. Bei einzelnen Stämmen darf er sich mit ihr überhaupt in kein Gespräch einlassen. Vernachlässigt jemand diese Vorschriften, so kann er vom Häuptling in Strafe genommen werden.