Vielfach bestehen noch bei den exogamen Stämmen Melanesiens Eheverbote, die durch das Abstammungssystem in weiblicher Linie bedingt sind. Wie bereits hervorgehoben, gehört die Frau und ebenso ihre Kinder ihrer Sippe an; letztere sind daher mit der des Vaters nicht verwandt. Mitglieder derselben Sippe dürfen sich nicht heiraten. Auf der anderen Seite aber wieder kommen infolge dieser Auffassung ganz eigenartige Heiraten zustande. So dürfen zum Beispiel der Sohn von eines Mannes Weib aus dem einen Clan (Sippe) und die Tochter seiner Frau aus einem anderen wohl einander heiraten, vorausgesetzt, daß Exogamie herrscht und keine Vorschriften über Blutsverwandtschaften bestehen; im letzteren Falle würde dies nicht möglich sein und streng bestraft werden. Auch die Leviratsehe, das heißt der Brauch, daß nach dem Tode eines Mannes dessen Bruder oder ein naher Verwandter ein Anrecht auf die Witwe hat, ist sehr verbreitet. Er ist wohl darauf zurückzuführen, daß vordem das Kaufgeld, das ein Mann für seine Frau zu zahlen hatte, von ihm nicht allein, sondern von der ganzen Familie aufgebracht wurde, so daß jene in gewissem Sinne ein Familiennachlaß wurde. Diesen Anspruch erhob nach dem Tode des Ehemanns natürlicherweise zunächst der Bruder des Verstorbenen als der nächste Verwandte; die Anrechte der übrigen männlichen Angehörigen folgten nacheinander gemäß den Vorschriften über Blutsverwandtschaft.
Die Ehe des Melanesiers ist zumeist ein lockeres Band, sie kann daher leicht gelöst werden. Von dieser Vergünstigung macht er auch reichlich Gebrauch. Wenn ein Mann seiner Frau überdrüssig geworden ist oder eine andere haben will, schickt er sie einfach fort, und umgekehrt, wenn einer Frau das Leben an der Seite ihres Mannes nicht mehr behagt oder sie einen Liebhaber vorzieht, läuft sie ihrem Mann davon. Solche ehelichen Zwistigkeiten sind schuld an vielen Kämpfen und Morden zwischen den einzelnen Eingeborenen sowohl wie zwischen den Stämmen, die eine Beleidigung eines ihrer Mitglieder als eine solche des ganzen Stammes auffassen und dann ihre Rache nicht nur an dem wirklichen Missetäter auslassen, sondern auch an dessen Familie und Sippe. Der Mann, der mit eines anderen Frau durchgegangen ist, wird meistens von dem betrogenen Ehemanne getötet. Es kommt aber auch gelegentlich eine friedliche Beilegung der Angelegenheit vor. Der betrogene Gatte fordert von der Familie der Frau einfach den Kaufpreis zurück, den er für sie gezahlt hat; wird ihm dieser verweigert, dann kommt es natürlich zu einem Streit. Bei den Bainingern versucht ein einflußreicher Mann, falls beide Parteien aus dem gleichen Dorfe stammen, einen Vergleich dahingehend, daß jeder Teil dem anderen einige Schläge verabfolgt. Nach dem Tode des Mannes kehrt die Frau häufig, zumal wenn sie keine oder nur kleine Kinder hat, in die Wohnung ihrer Eltern zurück, manchmal heiratet sie, wie wir oben sahen, auch den Bruder des Verstorbenen.
Entsprechend den lockeren Banden der Ehe ist die geschlechtliche Ungebundenheit teilweise eine sehr große, und auf verschiedenen Inseln herrscht anerkannte Prostitution. Auf Neupommern, Neulauenburg, Nissan und so weiter wird eine Witwe zum Gemeingut für alle Männer verurteilt, an dem der Häuptling den Vorrang genießt. Auf dem Bismarckarchipel ist für manche Feste den Weibern Preisgabe gestattet, und bei dem Unu-(Einführungs-)fest der Jünglinge werden vom Häuptling für die teilnehmenden Gäste junge Mädchen zu geschlechtlichen Zwecken gemietet. Auf Florida bestimmen die Häuptlinge verheiratete Frauen von schlechter Führung zu öffentlichen Dirnen und weisen ihnen in einem ihrer Häuser Wohnung an, wofür sie aber auch den größten Teil des Erwerbes einheimsen. Auf den Santa Cruz-Inseln gibt es in den Männerhäusern immer einige Mädchen, die meist schon als Kinder von einem wohlhabenden Junggesellen aufgekauft wurden und später, wenn er ihrer überdrüssig geworden ist, an die übrigen Bewohner des Hauses gleichsam versteigert werden. Auf San Cristobal treffen wir neben den Mädchen, die der freien Liebe huldigen, wie dies ja fast überall vor der Ehe erlaubt ist, auch Frauen und Witwen an, die sich für öffentliche Dirnen ausgeben.
Wir erwähnten bereits öfter die Klubhäuser, jene Gebäude, die im Grunde genommen den Mittelpunkt des ganzen geselligen Lebens der männlichen Dorfbewohner bilden, insofern als hier nicht nur die Junggesellen, zu bestimmten Zeiten auch die verheirateten Männer wohnen, sondern auch alle wichtigen Fragen gemeinsam auf der Plattform besprochen werden und Besucher des Dorfes gastliche Aufnahme finden (Abb. 128), ferner die Masken und andere Zeremonialgeräte aufbewahrt werden (Abb. 130 und 131). In manchen Küstengegenden, besonders in den alten Kopfjägerbezirken, waren die großen Kanuhäuser, in denen die Kriegsboote aufbewahrt wurden, gleichzeitig Klubhäuser; diese haben indessen heutzutage ihre kriegerische Bedeutung durch die Einhalt gebietende Hand des Weißen verloren. Es bedarf wohl keiner weiteren Begründung, daß die Einweihung so wichtiger Gebäude zumeist mit mehr oder weniger Feierlichkeiten begangen wird. Zwar sind die alten Gebräuche, die sich an die Fertigstellung eines Kanuhauses (siehe die Kunstbeilage) knüpften und, wie auf den Salomonen, Neuhebriden und anderen Inseln, früher mit Menschentötung und Kannibalismus einhergingen, durch das Verbot der zuständigen Regierung meistens geschwunden, aber in entlegenen Gegenden dürften sie doch hin und wieder noch ihr Dasein fristen. Jetzt sind die Zeremonien viel harmloserer Natur. In der Rorogegend wird die Front eines neuerbauten Klubhauses vor der Einweihungsfeier, zu der die befreundeten Dörfer von den Häuptlingen persönlich durch Überreichung einer Arekanuß, das anerkannte Zeichen der Freundschaft, eingeladen werden, häufig mit Kokosmatten verhängt und die Umgebung durch Nahrungsmittel sowie Palmenblätterfahnen, die an Bambusstangen befestigt sind, ausgeputzt. Von jedem Häuptling, der mit seinen Leuten der Einladung Folge leistet, wird erwartet, daß er ganze Büschel von Bananen als Gegengabe für die Beköstigung mitbringt. Die Besucher kommen abends an und werden zunächst mit einem kleinen, zwanglosen Tanz der Dorfbewohner unterhalten. Bei einbrechender Dunkelheit werden die Matten vor dem Klubhaus entfernt, die Häuptlinge, deren Leuten das Haus gehört, halten Reden von seiner Plattform herab, worauf auch die Schnitzereien am Bau von ihren Hüllen befreit werden. Dann setzt der große feierliche Tanz ein, der bis in den Morgen hinein oder noch länger andauert. Die Bewohner rivalisierender Dörfer oder Clans wetteifern oft miteinander, wer dabei wohl am längsten aushält; so soll einst ein solcher Tanz sechsundzwanzig Stunden gedauert haben. Nach dem Tanze gibt es ein Festessen. Bei den Koita vertritt der Dubu (Abb. 129) das sonst mehr übliche Klubhaus; es ist dies aber nur ein offener Plattformbau, der nicht zum Schlafen, sondern nur zu geselligen und festlichen Zusammenkünften benutzt wird. Dem Feste gehen Spiele voraus, zum Beispiel ein Ringkampfspiel der Männer gegen die Frauen oder ein Spiel, bei dem die eine Gruppe durch die andere hindurchzukommen trachtet. Auf eine provisorisch erbaute Plattform, auf der gekochte Yamswurzeln sowie Bananen aufgespeichert liegen, klettert eine Anzahl Männer und unverheirateter Mädchen; die letzteren führen einen Tanz auf, bei dem sie ihre Grasröcke von einer Seite zur anderen schwenken, indem sie den Körper von den Hüften aus biegen und drehen. Diese Aufführung, an die sich noch andere Tänze anschließen, ist in Wirklichkeit nur die öffentliche Ankündigung dafür, daß die große Zeremonie bevorsteht. Wenn der wirkliche Dubu vorbereitet ist, wird er geschmückt und so hoch wie möglich mit Eßwaren beladen; die Eingeborenen fällen junge Bäume, schlagen ihre Äste ab und pflanzen sie dann wieder in den Boden ein. Jeder von ihnen erhält eine Umzäunung aus Zuckerrohrstangen, wobei die Stangen dicht aneinander gefügt werden, so daß gleichsam große vertikale Behälter entstehen. Diese werden wieder mit Yamswurzeln, Bananenbüscheln und Kokosnüssen angefüllt; die gleichen Früchte werden auf und unter die Plattform sowie zu beiden Seiten der nach oben führenden Leiter aufgestapelt. Am Festmorgen endlich werden noch Schweine auf die Plattform gebracht. Nach diesen Vorbereitungen waschen sich die Leute in der See, schmücken sich und versammeln sich auf dem Dubu, wo sie ihre Mahlzeit in Schweinefleisch einnehmen und die Gäste erwarten. Diese sind inzwischen aus den umliegenden Dörfern eingetroffen, und zwar bewaffnet, und versammeln sich im Busch ums Dorf. Auf ein mit einer Seemuschel vom Dubu aus gegebenes Zeichen stürzen dann alle Männer in das Dorf, und schwingen die Speere und Keulen unter Trommelschlag. Früher gab dieser Überfall oft Anlaß zu einem Kampf, indessen trat man den Gästen paarweise mit Zuckerrohrbündeln entgegen und schlug damit die Speere und Keulen der Besucher nieder; es galt als unhöflich, den Streit dann noch weiter fortzusetzen. Hinter den Männern kommen eine Anzahl Frauen, die ihre Röcke schwenken, jede einzelne trägt zwei große Yamswurzeln, die sie Eingeborenen von Rang schenken. Und nun klettert eine Anzahl Mädchen auf die Pfosten des Dubu, stellt sich auf die Querbalken und schwenkt eifrig die Röcke. Während all dieser Vorgänge bleiben die Männer der Sippe, die das Fest gibt, zunächst ruhig auf dem Dubu sitzen, sobald sich die allgemeine Aufregung gelegt hat, steigen sie von ihm herab, setzen sich zu den Besuchern und rauchen dabei oder kauen Betel. Die weiblichen Gäste werden auch herbeigeholt und erhalten ihre Handtaschen mit Yamswurzeln angefüllt. Darauf besteigen die festgebenden Männer wieder den Dubu, die Eßwaren werden nun allgemein unter die Besucher verteilt, und der Tanz beginnt.
Auf Neuguinea knüpfen sich auch an die Verleihung der Häuptlingswürde gewisse Zeremonien. Bei den Mekeo zum Beispiel besteht die Sitte, daß ein Häuptling noch bei Lebzeiten einen Mann der gleichen Sippe zu seinem Nachfolger bestimmt und die Einweihung sogleich vornimmt. Dieser Vorgang gestaltet sich zu einem großartigen Fest, denn es werden viele Häuptlinge aus anderen Sippen eingeladen, von denen jeder wieder seine Freunde mitbringt. Die Vorbereitungen zu dem mit diesem Fest verbundenen Schmaus erfordern viele wilde Schweine, Känguruhe und Emue.
Alle eingeladenen Häuptlinge nehmen nach ihrer Ankunft auf der großen Verandaplattform des Gemeindehauses der Sippe, deren Häuptling die Zeremonie leitet, Platz. Dann betritt der alte Häuptling, mit dem Abzeichen seiner Würde bekleidet, das bei den Roro in einem auf der Brust ruhenden Schmuckstück aus dünnen Plättchen abgeschliffener Hauer des Ebers besteht (siehe die farbige Kunstbeilage), in Begleitung seines voraussichtlichen Nachfolgers die Plattform; er trägt dabei in der Hand einen Kürbis mit Kalkpaste (Abb. 132), die als Würze beim Betelkauen dient, und hält eine Ansprache an die anderen Amtsgenossen, in der er ihnen das Recht der Nachfolge, das der Vorgeschlagene besitzt, auseinandersetzt. Hierauf klappert er mit dem Kalkspatel an seinen Kürbis und reicht diesen seinem Nachfolger, der gleichfalls mit dem Spatel daran schlägt und dann den Kürbis wieder zurückgibt. Damit ist die Amtsverleihung vollzogen.
In manchen Gegenden Melanesiens gibt es auch Erntefeste. Wenn in dem südöstlichen Gebiet von Neuguinea die Ernte eingebracht, und im besonderen die Yamswurzel im Yamshause geborgen ist, so bindet der Häuptling, der bereits schon Tage vorher unter Nahrungsbeschränkung gestanden hat, ein Stück präparierter Faser um einen Pfosten jedes Yamshauses; dadurch wird es tabu, das heißt es darf von niemand angefaßt werden (Abb. 135). Außerdem werden auf einer kleinen Plattform Armringe, einheimisches Geld und andere Schätze ausgelegt. Hieran schließen sich Schmaus und Tanz viele Tage lang (Abbild. 133). Weiterhin versammeln sich die Männer, gehen im Dorf umher, schreien, schlagen an die Pfähle der Häuser und werfen alles um, worin sie einen Geist verborgen vermuten. Damit endigt diese sonderbare Zeremonie, der offenbar der Gedanke zugrunde liegt, daß die Geister, nachdem sie an dem Feste teilgenommen, nämlich die Tänze mit angesehen, die Lieder gehört, sowie Yamswurzeln und die zur Schau gelegten Sachen angeboten erhalten haben, reich und gut versorgt seien und daher nunmehr vertrieben werden müßten, um kein Unheil anzurichten.
Eine ähnliche Erntefestlichkeit wird auf Ruo (Neuguinea) zu Ehren der Kokospalme gefeiert, die bekanntlich das Material für Nahrung, Wohnung und Kleidung liefert und in ganz Melanesien eine außerordentlich wichtige Rolle spielt. Für diesen Zweck werden die von den Bäumen gefallenen reifen Nüsse das ganze Jahr hindurch sorgfältig gesammelt und in einer vor der Sonne geschützten Hütte aufbewahrt. Kurz vor dem Herannahen des Festtages, der stets auf einen Vollmond fällt, ergehen Einladungen an die benachbarten und befreundeten Stämme. Die Weiber und Kinder binden die gesammelten Nüsse in Reihen an Stangen, mit denen der Tanzplatz abgesteckt wird (Abb. 137). Der eigentliche Festtag wird mit einem großen Hunde- und Schweineschlachten eingeleitet; das Fleisch wird zusammen mit Taro, Yams und Bananen in einem mächtigen Topfe gekocht. Darauf verteilen die Dorfältesten die einzelnen Portionen an die erschienenen Gäste und ein großes Festessen beginnt, an das sich der übliche Tanz anschließt. Der Lärm hält bis Sonnenaufgang an.
Viele Jahre hindurch bestand unter den Dorfbewohnern in der Nähe von Port Moresby der Brauch, daß in jedem Herbste Handelsexpeditionen in die Dörfer an den Mündungen der großen Flüsse des Papuagolfes zum Austausch der selbst angefertigten Topfwaren gegen Sago ausgerüstet wurden. Die Vorbereitungen für diese mit großen Segelschiffen, den sogenannten Lakatoi (Abb. 136), unternommenen Fahrten wurden bereits im Frühjahr durch zwei Männer des Dorfes getroffen, welche die Bezeichnung eines „Oberst“ und „Unternehmers“ erhielten. Sie warben sich zunächst für jedes Schiff die Mast- und Segelkapitäne und sodann die übrige Mannschaft. Erst im Hochsommer begann man mit dem Bau des Schiffes, das eigentlich aus vier aneinander gefügten einzelnen Kanu bestand. Nach der Fertigstellung räucherte ein Zauberer bestimmte Teile des Bootes mit dem Rauch einer Mischung aus einer wild wachsenden Pflanzenwurzel, Emuklauen und Hornhechtschnauze und band kleine Säckchen aus Bananenblättern mit Blättern der gleichen wild wachsenden Pflanze an bestimmte Teile des Bootes. Durch diese Zeremonie sollte das Lakatoi erhöhte Segelkraft erhalten und die Expedition von Glück begünstigt werden. Danach wurden die Masten eingesetzt und die Mattensegel, die in ihrer Gestalt Krebsscheren glichen, angebunden. Der Anker, der aus einem durch ein Netz gehaltenen Steine bestand, galt ebenfalls als heilig. Er mußte, sobald er herabgelassen war, von drei Männern eigens bewacht werden. Nachdem schließlich auch er herbeigeschafft war, fuhr man zunächst einmal Probe; bei diesen Fahrten versammelten sich ganze Scharen von Mädchen auf den Plattformen der Schiffe und führten Tänze auf. Solange die Expedition unterwegs war, unterlagen die Frauen des Unternehmers und Obersten ähnlichen Nahrungsbeschränkungen wie ihre Männer vor Beginn der Fahrt. Sie durften auch kein fremdes Haus betreten und das Feuer in ihrem eigenen nicht ausgehen lassen, bis das Lakatoi zurückgekehrt war. In jedem Hause wurde außerdem ein langer Faden aufgehängt und täglich ein Knoten hineingeschlungen; an jedem zehnten Tage wurde um den betreffenden Knoten eine Faser gebunden, um ihn zu kennzeichnen, und ein kleines Fest im Hause durch die Verwandten der Mannschaft des Lakatoi veranstaltet. Wenn fünfzig Tage verstrichen waren und somit der fünfte große Knoten gebunden war, wurde die Expedition täglich zurückerwartet. Interessant sind die Wahrzeichen, aus denen die Zurückgebliebenen zu wissen glaubten, ob es ihren kühnen Angehörigen auf der Fahrt gut oder schlecht ging. Empfand zum Beispiel jemand auf der rechten Körperseite Jucken, so war dies eine gute Vorbedeutung, auf der linken jedoch eine böse. Auch Träume gaben darüber Auskunft, es bedurfte aber dann der Auslegung durch einen Zauberer. Sah jemand im Traume Gras brennen, so galt ihm dies als ein gutes Omen, auch wenn er einen Hund ein Wallaby jagen oder sich selbst eine schwere Bananenlast tragen sah; dagegen war es ein böses Omen, wenn jemand einen großen Felsen oder Stein erblickte oder sich selbst auf einem im Wasser frei treibenden Stück Holz stehen und mit ihm sich untergehen sah und ähnliches.
Sobald die zurückkehrende Flottille in einer Entfernung von zwanzig bis dreißig Seemeilen gesichtet wurde, nahmen die beiden Frauen der Führer sowie die Angehörigen der Mannschaft ein Bad und fuhren den Ankömmlingen in Kanus entgegen; ihre Rückkehr war für alle eine Zeit der Freude und der Aufregung (Abb. 142).
Die Eingeborenen der Santa Cruz-Inseln verwenden für ihre oft weiten Fahrten zur See noch die primitiven, mit Plattform und Hütte versehenen Auslegerboote (Abb. 138), während die Hermitinsulaner bereits große, prächtig geschnitzte und bemalte Boote bauen (Abb. 140).
Ein weiterer seltsamer Brauch auf Neuguinea ist mit dem Anfertigen von Trommeln (Abb. 139) durch Knaben, die sie beim Tanzen schlagen, verknüpft. Sobald ein Roroknabe das Reifealter erreicht hat, ist seine erste Pflicht, sich eine solche Trommel anzufertigen. Zu diesem Zwecke muß er im Busch wohnen; meistens gesellen sich hierfür mehrere Knaben zusammen. Ehe die Höhlung dieser Trommeln, die aus einem Stück eines Baumstammes hergestellt werden, nicht genügend ausgebrannt und die Trommel selbst nicht durch das Abschrapen des Holzes die richtige Form erhalten hat, sind den Knaben viele Speisen zu essen verboten; sie müssen auch jedwede Berührung mit frischem Wasser vermeiden, weil sonst die heiße Asche, mit der sie die Höhlung des Holzes ausbrennen, nicht glühen würde. Als Getränk dient ihnen das in den Bananenblätterscheiden sich ansammelnde Wasser oder Kokosnußmilch. Die Nahrung muß ihnen in einem besonders kleinen Topf gekocht werden, damit sie nicht zu stark werden und gut tanzen können. Sollte einer von ihnen Fische essen, so würde eine Gräte das Fell seiner Trommel durchlöchern. Vor allen Dingen aber müssen die Knaben es vermeiden, daß sie von den Frauen gesehen werden; würde eine Frau einen Knaben erblicken, dann wäre seine, wenngleich zum großen Teil schon fertige Trommel unbrauchbar, und er könnte sie ruhig fortwerfen und eine neue anfangen. Bei den Mafulu muß der Knabe auf einen Baum oder eine Plattform klettern und dort so lange bleiben, bis er seine Trommel fertiggestellt hat. Bei der Arbeit muß er sie stets mit der Fellseite dem Winde zukehren, wodurch die Trommel einen musikalischen Klang bekommt. Eine Frau, meistens die Mutter, bringt ihm das Essen, das er sich an einem Strick auf seinen erhöhten Sitz hinaufzieht. Er steht indessen unter keinem Speiseverbot, auch hat er keinen Schaden davon, wenn ihn weibliche Wesen sehen. — Eine weitere Art von Trommeln, die aus einem ausgehöhlten Baumstamme (Abb. 143) angefertigt und mittels eines starken Stockes gerührt wird, dient den Eingeborenen des Bismarckarchipels auf weite Entfernungen zum Signalgeben.
Ein Brauch der Koita sei noch erwähnt, der eines gewissen Humors nicht entbehrt, nämlich des Wettbewerbes zweier führenden Männer verschiedener Sippen, von denen der eine behauptet, er wäre größer und reicher als der andere, besäße zum Beispiel einen größeren Garten, ernte mehr ein und ähnliches. Der andere, der sich durch solche Behauptung benachteiligt fühlt, fordert ihn daher zum Wettbewerb auf, bei dem ein jeder mit Hilfe der Genossen seiner Sippe soviel wie möglich herbeizuschaffen sich bemüht. Tagelang beschenkt der eine bei allen nur sich darbietenden Gelegenheiten den anderen mit Eßwaren, wofür dieser sich verpflichtet fühlt, möglichst bald ein Gegengeschenk zu machen, das aber der erhaltenen Gabe an Menge und Güte gleichkommen muß; der Empfänger und seine Familie verzehren das ihnen Dargebotene. An einem festgesetzten Tage wird nun auf der einen Dorfseite entlang eine Reihe vertikaler Stangen aufgestellt, und diese durch horizontale Stangen miteinander verbunden. An ihnen hängt jede Partei, die eine an dem einen, die andere an dem anderen Ende beginnend, die sowohl in den eigenen Gärten, wie auch in denen ihrer Freunde gesammelten Bananen der Reihe nach auf. Da jeder die allgemeine Unterstützung seiner Clangenossen findet, so werden die Dorfgärten in Wahrheit ausgeplündert. Jetzt kommt das eigentliche Fest, zu dem jeder der beiden Wetteifernden alle seine Bananen und möglichst viel Zuckerrohr zu einem mächtigen Stoß aufstapelt. Wieder fängt das gegenseitige Beschenken an, wobei einer den anderen zu überbieten sucht, aber dieses Mal handelt es sich nicht um Eßwaren, sondern um wertvolle Geschenke. Fällt nun die relative Größe der aufgebauten Früchtehaufen auf beiden Seiten gleich aus, dann ist der Ehre Genüge geschehen und der Wettstreit beendigt; wenn nicht, so fängt er von neuem an, und erforderlichenfalls schließen sich diesem noch andere an, ehe eine Gleichmäßigkeit erreicht wird.
Die religiösen Ansichten der Melanesier sind ziemlich unklare, wenigstens für uns, zumal sich die bisherigen Forschungen nur auf wenige Stämme erstrecken. So viel scheint aber festzustehen, daß ein Glaube an ein einzelnes höheres Wesen bei ihnen nicht besteht. Hauptsächlich beruht ihre religiöse Anschauung auf der Macht der Seelen Verstorbener sowie der Geister, das heißt solcher überirdischer Kräfte, die keine bestimmte Form angenommen haben. Der Untergedanke, der dieser Auffassung zugrunde liegt, ist der an eine übernatürliche Macht, an das Mana, die zunächst den Geistern und Seelen der Abgeschiedenen innewohnt, aber auch auf gewisse Menschen und andere lebende Wesen, ja selbst leblose Gegenstände übergehen kann. Beim Menschen äußert sich das Mana in besonderer physischer Kraft oder in sonstiger Überlegenheit und Vortrefflichkeit, überhaupt in solchen Eigenschaften, die die Macht des gewöhnlichen Sterblichen übersteigen, die außerhalb des natürlichen Verlaufs der Dinge liegen. Hat ein Mann zum Beispiel im Kampfe ein besonderes Glück, so ist dies nicht etwa seinen persönlichen Fähigkeiten zuzuschreiben, sondern das Mana eines Geistes oder verstorbenen Kriegers hat ihm die Macht dazu verliehen, vielleicht durch irgend ein Amulett (Stein), das er am Halse trug, oder ein Blätterbüschel, das er im Gürtel stecken hatte, oder einen Zahn am Finger der Hand, die den Bogen führte, oder auch nur durch eine Formel, kraft deren er sich übernatürliche Kräfte zu verschaffen wußte. Stirbt ein solcher mit Mana ausgerüsteter Mann, so lebt seine übernatürliche Kraft nach seinem Tode in seiner Seele in verstärktem Maße und mit größerer Bewegungsfreiheit weiter fort. Aber, wie schon gesagt, kann Mana auch auf Tiere, Pflanzen und sogar leblose Dinge übergehen. Findet ein Mann einen seltsam geformten Stein, der ganz anders aussieht als die, die er bisher kannte, der vielleicht einer Yamsknolle oder einer Kokosnuß gleicht, so ist er überzeugt, daß diesem Gebilde Mana innewohnen muß; er nimmt daher den Stein mit sich und vergräbt ihn in seinem Garten oder auf seinem Acker, damit er hier Wirksamkeit entfalte. Stellt sich daraufhin wirklich eine reichliche Ernte ein, dann erblickt er hierin eine Bestätigung seiner Annahme. In letzter Linie scheint das Mana von den Geistern herzurühren, die seine Quelle vorstellen und es durch Übertragung in andere lebende und leblose Wesen ausstrahlen lassen. Jede Person oder jedes Ding, das Mana aufzuweisen hat, kann es dann wieder weiter übertragen, also auch auf Steine und andere Dinge. Mana selbst ist etwas Unpersönliches, doch ist es in seiner Wirkung stets mit einem persönlichen Wesen verknüpft. Ein Stein zum Beispiel besitzt Mana, weil ein Geist sich mit ihm verbunden hat, oder ein Knochen eines Toten ist damit ausgestattet, weil des Betreffenden Seele bei ihm weilt, oder ein ausgesprochener Zauber hat Kraft, weil der Name einer Seele oder eines Geistes, der in der Formel ausgedrückt wird, ihm diese Macht überträgt. Jeder sichtbare Erfolg eines Menschen beweist, daß er Mana besitzen muß, und je größer dieser Erfolg ausfällt, um so größer muß auch sein Gehalt an Mana sein.
Die religiösen Übungen der Melanesier, zu denen die absonderlichsten Götzenbilder dienen (Abb. 141 u. 144), gipfeln vor allem auf Neuguinea — denn hierüber sind wir am besten unterrichtet — in dem Bestreben, durch Gebete und Opfer die Macht des Mana sich anzueignen oder zum eigenen Wohle nutzbar zu machen. In einigen Teilen Melanesiens bezieht sich diese Verehrung hauptsächlich auf die Seelen Verstorbener, zum Beispiel auf den Salomonen und den mehr westlich gelegenen Inseln, auf anderen wieder sowohl auf diese wie auch auf Geister, zum Beispiel auf den Neuhebriden und östlicheren Inseln. Gebete, die an diese Mächte gerichtet werden, sind meistens Formeln, von denen man glaubt, daß sie dem angerufenen Wesen angenehm und nur solchen bekannt sind, die zu ihm Zutritt haben. Die Opfer entspringen verschiedenen Motiven; sie werden entweder dargebracht, um an Stelle des Menschen, der gefehlt hat, die betreffende Macht durch ein Tier zu versöhnen, oder um etwas von ihr zu erbitten, oder um sie zu erfreuen, mit dem stillen Wunsche, dabei etwas zu erreichen, oder zum Ausdruck gebührender Aufmerksamkeit oder Achtung. — Auf den Neuhebriden und benachbarten Inseln werden zur Erinnerung an Verstorbene von Rang große, aufrechtstehende Trommeln errichtet, die nur bei Bestattungsfeierlichkeiten geschlagen werden (Abb. 146).
Der einfachste und verbreitetste Opferakt ist der, daß den Seelen der Toten ein kleiner Teil einer Yamswurzel oder einer anderen Speise, die zum Essen zubereitet wurden, zugeworfen wird als Zeichen des Gedenkens oder des Anteils für den Geschiedenen. Dieser Brauch herrscht über ganz Melanesien. Er erfährt eine weitere Entwicklung dadurch, daß man Speisen auf die Begräbnisstelle oder vor ein Gedenkbild des Toten legt (Abb. 145), sie aber nicht verbrennt, sondern später wieder fortnimmt und verzehrt. Eine noch höhere Stufe des Totenkultus stellt die Sitte dar, die Speisen ebenfalls auf das Grab, vor das Gedenkbild oder auf einen Altar zu legen, aber anzubrennen und später auch wieder zu essen. Als Beispiel für ein solches Opfer führe ich die Schilderung einer Zeremonie an, die auf der Insel San Cristobal (Salomonengruppe) vorgenommen wurde, bevor man einen Kriegszug unternahm.
Die Macht, der ein solches Opfer dargebracht wurde, war der Seelengeist eines Mannes genannt Harumä, der vor noch nicht zu langer Zeit gestorben war, denn einige ältere Männer erinnerten sich noch seiner. Dieser Geist stand in dem Glauben, stark und mächtig im Kriege zu sein, etwas zwar Seltsames, wenn man bedenkt, daß Harumä, als er lebte, ein freundlicher und wohlwollender Mann gewesen ist, der wohl gut mit Mana ausgestattet, aber durchaus kein großer Krieger war. Harumäs Totenschrein war ein kleines Haus im Dorfe, in dem seine Überreste aufbewahrt wurden. Alte Männer des Dorfes versammelten sich hier, der Hauptopferbringer wählte einen Mann aus, der an dieser Stätte ein Schwein erdrosselte. Das tote Tier legte man nun in eine Schüssel und zerschnitt es darin, damit sich das Blut in ihr ansammle und nicht auf die Erde fließe. Nachdem dies geschehen war, nahm der Auserwählte ein Stück Fleisch, schöpfte mit einer Kokosnußschippe etwas Blut aus der Schüssel, betrat dann den Schrein und nahm das Stück Fleisch, sowie die mit Blut gefüllte Schale mit hinein. Nun legte er erst seine Tasche weg, wusch sich die Hände, damit der Ahne ihn nicht mit Widerwillen abweise, und rief laut aus: „Harumä, Häuptling im Kriege! wir bringen dir dieses Schwein zum Opfer, damit du uns beistehen mögest, jenen Ort zu bestrafen; alles, was wir von dort forttragen werden, soll dein Eigentum sein, und wir werden dir angehören.“ Hierauf brannte er das Fleisch am Feuer auf einem Steine des Altares an und goß Blut in die Glut. Diese flammte hoch auf und der Schrein füllte sich mit dem Geruch des angebrannten Schweinefleisches, ein Zeichen, daß der Geist des Harumä die Bitte erhört hatte. Das Fleisch wurde darauf verzehrt. Die geschilderte Zeremonie wurde von einem einzelnen zum Wohle der Gesamtheit vorgenommen, um einen Erfolg in dem bevorstehenden Kriege zu erzielen.
Es kommt aber auch vor, daß ein Eingeborener durch Mitteilung anderer von gewissen Dingen Kenntnis erhalten hat, die ein besonderer Vorfahrengeist sehr liebt, und diese zu seinem eigenen Vorteil verwertet. Dies ist gewöhnlich im Kampf oder im Streit gegen einen persönlichen Feind der Fall. Denn ohne diese Geisterhilfe würde sich der hoffnungsvolle Sieger nicht nur der Gefahr des Mißerfolges aussetzen, sondern auch der Wahrscheinlichkeit, daß, selbst wenn er sein Opfer töten sollte, er dem Geiste dieses Gefallenen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert würde. Daher nimmt er nur unter dem Schutze eines noch stärkeren Ahnengeistes, der seiner Ansicht nach mehr Mana besitzt, den Kampf in dem Gefühl der Sicherheit auf. Er bietet zunächst seinem befreundeten Geist etwas von dessen Lieblingsspeise an und ruft seine Hilfe und seinen Schutz herbei, bevor er den in Aussicht stehenden Angriff unternimmt. Befindet sich ein Melanesier in Gefahr oder bedrängter Lage, so ruft er natürlich ebenfalls ein Wesen an, von dessen Macht und Bereitwilligkeit ihm zu helfen er überzeugt ist. Er tut es auch, damit dieses ihn vor Gefahren auf der See bewahre, seinem Kanu schnelle Fahrt verschaffe, ihm in Krankheitsfällen beistehe, beim Fischen oder bei der Ernte ihm einen guten Erfolg beschere und anderes mehr. Fällt das Ergebnis zur Zufriedenheit aus, so richtet der Betreffende Lobsprüche an seinen Geist. Aber, wie gesagt, muß es sich um den Geist oder die Seele solcher Männer handeln, die bei Lebzeiten Mana in sich trugen; die Seelen unbedeutender Männer sind ebenso wie vor so auch nach ihrem Tode ohne Gewicht und vermögen nichts auszurichten. Dagegen wird die Seele eines bedeutenden Mannes an Mana nach dem Tode noch mehr erhalten und daher imstande sein, die Wünsche derer zu erfüllen, die sich darauf verstehen, sich ihrer Hilfe zu versichern.
Die eigentlichen Geister, das heißt diejenigen, die niemals als Wesen in menschlicher Gestalt gesteckt haben, sind häufiger Gegenstand einer Zeremonie auf den westlichen Inselgebieten Melanesiens. Die Art und Weise ihrer Verehrung weicht indessen von der oben geschilderten nicht unwesentlich ab. Diese Geister haben nämlich weder Totenschreine noch Gedächtnisbilder, wie sie für die abgeschiedenen Seelen großer Leute errichtet werden, sondern die ihnen geweihten Stätten sind hauptsächlich das Werk der Natur. Das einzige, was für gewöhnlich mit einem solchen Geist verknüpft ist, besteht in einem Stein von etwas seltsamer Form. Solche Steine mögen manchmal wohl individuellen Geistern aus alter Zeit heilig gewesen sein; oftmals weiß nur ein einzelner Mensch darüber Bescheid, in welcher Weise man sich ihnen nähern kann, und zwar kam diese Kenntnis auf ihn durch Überlieferung von Generation zu Generation. Daher vermag er allein sich dem Steine zu nähern, weil nur er eine persönliche Bekanntschaft mit dem Geist besitzt. Jeder andere, der den Vorzug genießen will, von dem Geist etwas zu erreichen, muß dies durch Vermittlung dieses Mannes tun. Zunächst macht er diesem ein Geschenk in Gestalt eines Schweines, mit Matten, einheimischem Muschelgeld und anderen Kostbarkeiten. Letzterer opfert nun, indem er seine Gabe auf den geweihten Stein legt, dem Geist, und ruft seine Hilfe an.
Über das Wesen der Ahnenseelen und Geister haben sich die Melanesier folgende Ansicht gebildet. Der Mensch beherbergt während seines Lebens in seinem Körper sein „Seelenich“, das ihn bei seinem Tode als Ahnenseele verläßt. Es kann sich auch während des Schlafes aus dem Körper entfernen; erwacht der Mensch aber, bevor die Seele zurückgekehrt ist, so wird der Betreffende wahrscheinlich krank; bleibt die Seele zu lange fort, dann stirbt der Mensch. Niesen gilt bei den Koita für ein Anzeichen, daß die Seele wiedergekehrt ist; wenn ein Mensch wochenlang nicht niest, so wird dies als eine üble Vorbedeutung angesehen. Stirbt ein Mensch, dann geht seine Seele nach einem bestimmten Ort, der von den einzelnen Völkern ganz verschieden lokalisiert wird, im allgemeinen aber für eine Art Paradies gilt, das heißt eine Stätte, wo die Seele ein ähnliches glückliches Dasein führt wie bei Lebzeiten, unter anderem Häuser, Gärten, Weiber, Nahrung und so weiter zur Verfügung hat. Wichtig ist, daß dem Verstorbenen bei Lebzeiten die Nasenscheidewand durchbohrt worden ist; andernfalls muß dies nach dem Tode noch nachgeholt werden. Denn käme er ohne diese Verschönerung des Körpers im Paradies an, dann hätte er zu gewärtigen, dort mit einem blindschleichenähnlichen Tiere in der Nase einherspazieren zu müssen. Nach dem Glauben der Eingeborenen von Neupommern muß die Seele auf ihrer Wanderung zu ihrem zukünftigen Aufenthaltsort an zwei Felsen vorbei, an denen sie über ihr Leben ausgefragt wird. War ihr Besitzer freigebig, dann darf sie weitergehen, war er aber geizig, dann muß sie wieder zurück nach Süden in ein Gebirge, wo sie in einen Felsen verwandelt wird und in der Brandung stehen muß. Indessen bleibt die Seele, die den Körper verlassen hat, nicht dauernd in diesem Geisterreich, sondern zieht es vor, gelegentlich, meistens in der Nacht in ihre frühere Heimat zurückzukehren, aber keineswegs immer mit dem Gefühle des Wohlwollens; im Gegenteil, sie sucht die Zurückgebliebenen zu schädigen, besonders wenn sie etwas verbrochen haben, zum Beispiel die Begräbnisgebräuche vernachlässigten, die Stammessatzungen verletzten und ähnliches mehr. Für solche Taten schickt die Seele Krankheit und Unglück. Daher opfert man den Seelen der Verstorbenen, um sie gut zu stimmen oder zu versöhnen. Verschiedentlich nimmt man an, daß die Seelen bestimmte Gestalt annehmen können, zum Beispiel nach dem Glauben der Mafululeute, daß die Seele eines jungen Menschen zu einem schimmernden Lichte auf dem Erdboden oder im Unterholz werde, oder die eines älteren Mannes zu einer großen Pilzart, die auf den dortigen Bergen wächst, nach dem Glauben der Sulka (Neupommern), daß sie sich in eine Sternschnuppe verwandle und anderes mehr. Die Mafulu sind davon überzeugt, daß die Seelen manchmal in die Dörfer herabsteigen, um sich Nahrung zu holen, oder auch in anderer Absicht, und da sie ihre Besuche fürchten, so verschließen sie nachts alle Öffnungen in ihren Häusern, durch welche die Geister etwa eindringen könnten. Sie waren daher nicht wenig erstaunt, als sie sahen, daß die katholischen Missionare bei Eröffnung der Mafulustation alle bei offenen Türen und Fenstern zu schlafen wagten. Die Mafulu halten überhaupt jeden Ort, der etwas ungewöhnlich aussieht, wie einen Wasserfall, eine tiefe Stelle in einem Fluß, eine schmale, tiefe Felsschlucht oder einen seltsam geformten Felsen für den möglichen Wohnort einer Seele. Sie glauben auch, daß gewisse Bäume und Schlingpflanzen von Seelen bewohnt werden, und wagen es daher nicht, diese zu fällen oder abzuschneiden. Geht eine plaudernde Gruppe Eingeborener an Stätten vorbei, die vermutlich von einer Seele bewohnt sind, so verstummen sie; ein jeder hat sich zuvor mit einem Grasbündel, das zu einem Knoten gebunden ist, bewaffnet, und legt es beim Vorübergehen auf die geheimnisvolle Stelle; dadurch glaubt er jede Gefahr von sich abzuwenden.