„Ich verstehe nicht das Leben derjenigen Menschen in Moskau, die es selbst nicht verstehen. Aber das Leben der Mehrzahl – der Bauern, der Pilger und noch mancher Leute, die selbst ihr Leben verstehen – verstehe auch ich und liebe es über alles. Ich fahre fort, dafür zu arbeiten und wie mir scheint, nicht fruchtlos. Unlängst fühlte ich mich nicht wohl und da nahm ich ‚das Totenhaus‘ zur Hand. Ich hatte vieles vergessen, da las ich es nun wieder, und ich muß sagen, ich kenne kein besseres Buch in der ganzen neuen Literatur, Puschkin nicht ausgenommen. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt ist ein so natürlicher, wahrer und christlicher. Es ist ein gutes, belehrendes Buch. Ich hatte gestern den ganzen Tag eine Freude daran, wie ich mich lange nicht gefreut habe. Wenn Sie Dostojewski sehen, so sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe.“

(26. Sept. 1880).

Ich brachte diesen Brief Fjodor Michailowitsch, und das war einer der schönsten Augenblicke für ihn, und auch für mich als Zeugen.

So findet denn in der Liebe zum Volk, aus der sich eine treue Ergebenheit zum Volksideal entwickelt, das Schaffen unserer zwei besten Künstler des Wortes seine Vollendung.

Hieraus offenbart sich uns am deutlichsten der Sinn der Schöpfungen Dostojewskis. Außer seiner allgemeinen Sympathie zu allen „Erniedrigten und Beleidigten“, hatte er, besonders in der zweiten Hälfte seines Schaffens, noch eine bestimmte Aufgabe: die kranken Seiten unserer vom Volk losgerissenen Gesellschaft aufzudecken. Er zeigt uns zwei Arten von Typen: die „Nihilisten“, die sich in den letzten Jahrzehnten bei uns entwickelt haben, und die älteren Typen der „vierziger Jahre“. So spielt in seinem letzten Roman das Drama zwischen dem alten Karamasoff, der die Anschauungen der vierziger Jahre teilt, und seinen Söhnen, Iwan und Ssmerdjäkoff, dem Nihilisten. Mit unvergleichlicher Tiefe und Feinheit zeichnet Dostojewski die Entartung dieser Seelen durch unsere sogenannte Aufklärung. Sowohl hier wie in seinen anderen Romanen gehört sein größeres Mitgefühl der jungen Generation, eben Iwan, in dem die ernste, aufrichtige Überzeugungstreue – wenn auch die Überzeugungen falsch sind – so dargestellt ist, daß sie zu Dichtung und Großartigkeit wird. Am wenigsten schonte Dostojewski die Menschen der „vierziger Jahre“, was aus seinen Werken nur zu deutlich hervorgeht; es ist geradezu, als könne er ihnen nicht mehr vergeben, und so machte er sie entweder lächerlich, wie z. B. Stepan Trofimowitsch in den „Dämonen“, oder ekelhaft abstoßend, wie Fjodor Pawlowitsch Karamasoff, der gleichsam aus dem Leben ausgeschnitten erscheint. Zu den Nihilisten aber verhielt er sich, man kann sagen, mit väterlichem Kummer, mit väterlichem Mitgefühl. Und unsere junge Generation begriff allmählich, mit welch einem Herzen er sich zu ihr wandte und antwortete ihm mit Bezeugungen ihres Herzens.

In seinem letzten großen Roman hat Dostojewski klarer als in allen anderen Romanen auch die positive Seite Rußlands gezeigt. Rußland besteht doch nicht nur aus entarteten Westlern, wie der alte Karamasoff einer ist, – und aus gedanklich so maßlos vermessenen Nihilisten wie sein Sohn Iwan. Durch den unglücklichen Diener Ssmerdjäkoff ist der Vatermord geschehen, dessen Schuld zu gleichen Teilen auf den Vater dieses Dieners wie auf seinen Halbbruder Iwan fallen muß, der diese bedauernswerte Kreatur irregeführt hat. Doch außer ihnen gibt es noch Dmitri Karamasoff, den gewöhnlichen Russen, den barbarischen Recken, in dem viel Böses, aber auch viel Gutes ist, und der bereit ist, für die Schuld der anderen zu büßen. Auch hat uns Dostojewski noch im jungen Aljoscha Hinweise gegeben, die wie Verheißungen für die Zukunft sind. Und der Liebling des Dichters, Iwan Karamasoff, der in der Seele, im Geiste den Vater erschlagen hat, wie die Nihilisten im Geiste Rußland erschlagen wollen, Iwan wird von seinem Gewissen wie vom Donner gerührt, und wenn er die Krankheit übersteht, wird er zur Besinnung kommen und ein anderer Mensch werden. Das sollten wir nicht vergessen und auch uns danach richten.

So seien wir denn stark und mutig wie Dmitri Karamasoff, der sich durch kein Unglück brechen läßt; lernen wir es, fremde Schuld zu tragen und zu verzeihen, denn es ist wahr, was er sagt: „Alle sind für alle schuldig.“ Das sind Züge des wahren russischen Geistes, des Geistes, in dem das ganze Rußland lebt und wächst und stark ist. Lernen wir es, Rußland mit dieser Liebe zu lieben, die in den „Brüdern Karamasoff“ atmet, und auf unsere Heimat nicht wie ihre Sklaven mit einem Gefühl der Erniedrigung zu blicken, und auch nicht mit Überhebung wie ihre Herren und Lehrer, sondern mit dem Gefühl, mit welchem Söhne auf ihre Mutter sehen. Versuchen wir, „aufzuerstehen“, wie Dmitri Karamasoff träumt, und, wie er sagt, einen „neuen Menschen“ in uns zu erziehen, um ein Recht auf die Stellung des Sohnes zu unserer Mutter zu haben: auf daß das Ideal der Christlichkeit, das die Seele unseres großen Landes erfüllt, auch zu unserem Ideale werde. Ich denke, dies ist es, was Dostojewskis großes Vermächtnis uns gebietet.

N. N. Strachoff.