„... der Geistliche war verpflichtet, am Sonntag die ganze Geschichte in der Kirche zu verlesen. Nun und das tat er denn auch. Das Volk aber verstand davon nichts, es seufzte hin und wieder, wie es bei jeder Predigt seufzt. Darauf sagte der Priester, daß man in der Kirche zu einem heiligen Zweck sammle, und da holten sie jeder eine Kopeke hervor und gaben sie, wozu aber, das wußten sie selbst nicht.“

Diese Behauptung, die sich über alle Beweise einfach hinwegsetzt, ist als Äußerung gerade des Fürsten unschwer zu erklären. Sie stammt von einem der früheren Volksvormunde, dem ehemaligen Herrn leibeigener Bauern, der, so gut er auch immer sein mag, für seine Sklaven doch nichts anderes als Verachtung empfinden kann, während er sich selbst unvergleichlich klüger dünkt als sie. Und diese Leibeigenen sollten irgend etwas eben so gut verstehen wie er? – Das ist ausgeschlossen!

„Sie haben geseufzt, wie bei jeder Predigt, aber verstanden haben sie nichts!“ – Davon ist er überzeugt. Denselben Gedanken äußert auch Lewin, und auf eine gereizte Entgegnung Kosnyscheffs, daß mit den dargebrachten Spenden bereits das ganze Volk seinen Willen äußere, erwidert er:

„Das Wort ‚Volk‘ ist so unbestimmt. Ja, die Bezirksschreiber und die Volksschullehrer, und von den Bauern einer von Tausend, die wissen vielleicht, um was es sich handelt. Die übrigen achtzig Millionen äußern weder ihren Willen, noch haben sie überhaupt einen Begriff davon, in welcher Angelegenheit sie ihren Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?“

Übrigens sei hier ein für allemal bemerkt, daß der Ausdruck „Wille des Volkes“ für die Bewegung im Volk, die wir im vorigen Jahre erlebten, durchaus nicht zutreffend ist. Es war nicht der „Wille“ des Volkes als solcher, der sich kund tat, sondern es zeigte sich nur sein großes Mitgefühl, sein christlicher Geist und schließlich sein Bedürfnis, gewissermaßen Buße zu tun – ja, so könnte man es tatsächlich nennen. Doch zunächst will ich zu erklären versuchen, wie es möglich war, daß das Volk, das weder Geographie noch Geschichte gelernt hat, dennoch bewußt an der Bewegung für die bedrängten Balkanslawen teilnahm.

So lange das russische Volk besteht, d. h. schon seit seiner Bekehrung zum Christentum, sind immer Pilger aus Rußland nach Palästina, zum Heiligen Grabe, oder nach Athos gewandert. Die Erzählungen dieser Pilger von dem Erlebten und Gesehenen sind im Volk, wie alle Erzählungen vom „Göttlichen“, ungemein beliebt; man hört fast andächtig zu und behält das Gehörte beinahe Wort für Wort. Diese Erzählungen haben sich im Volk durch Generationen vererbt und verbreitet. Deshalb wissen denn selbst unsere Bauern auf dem Felde, auch wenn sie nie etwas von Serben, Bulgaren oder Montenegrinern gehört haben, doch ganz genau und schon seit Jahrhunderten, daß die heiligen Stätten und die christliche Bevölkerung jener Gegenden von den heidnischen Türken erobert worden sind, und daß diese Bevölkerung unter dem Joch der Ungläubigen ein schweres Leben hat. Das wissen sie nicht nur, sondern es schmerzt sie auch aufrichtig. Denn in seinem Herzen hat sich das russische Volk immer zu den heiligen Stätten hingezogen gefühlt und in der Wallfahrt, wenn nicht nach Jerusalem, dann zu einem unserer russischen Klöster, eine gute Tat, etwas Seelenrettendes gesehen. Übrigens möchte ich bemerken, daß ich, indem ich von diesem historischen Zug des russischen Volkscharakters rede, ihn weder gutheiße, noch tadele, sondern nur eine Tatsache feststelle, mit der man sich vieles erklären kann. Was sollen wir denn tun, wenn wir nun einmal diesen historischen Zug haben! Ich weiß nicht, wohin er uns führen wird, aber es ist doch möglich, daß er uns zu etwas führt. Im Leben der Völker bildet sich das Wichtige immer entsprechend den wichtigsten nationalen Sondereigenheiten aus. Vorläufig hat z. B. der obenerwähnte Charakterzug unseres Volkes nur sein bewußt nationales Verhalten zu jedem Kriege Rußlands mit dem Sultan zur Folge gehabt. Was jedoch den gegenwärtigen Krieg betrifft, so scheint noch der Zeitpunkt von besonderer Bedeutung für die Volksbewegung des vorigen Jahres gewesen zu sein.

Es ist verhältnismäßig schon ziemlich lange her, schon sechzehn Jahre, daß die Leibeigenschaft bei uns aufgehoben wurde. Es verging seitdem ein Jahr ums andere, doch – in welcher Verfassung sah sich das Volk, wie äußerte sich sein Dank für den Gnadenakt des Zaren? Es sah zunehmende Trunksucht, sah unter seinen Standesgenossen gewissenlose Ausbeuter sich vermehren, sah ringsum Armut, sah sich selbst oft bis zum Tierischen gesunken – viele, oh, viele werden bei diesem Anblick schon Reue und Kummer empfunden haben und das Verlangen nach Buße. Im Schmerz der Selbstverurteilung begann ein Suchen nach dem Guten, Heiligen ... Und da hörten sie plötzlich von Christen, die um ihres Glaubens willen gemartert werden, die lieber ihr Leben hingeben, als daß sie zum Islam übertreten, obwohl sie dafür belohnt werden sollten. Diesen ersten Gerüchten von den Vorgängen am Balkan folgten die Aufrufe ans Volk, den Bedrängten zu helfen, es wurden Spenden gesammelt; dann sprach man von einem russischen General, der den Christen in ihren Kämpfen gegen die Ungläubigen beistand, dann begannen Freiwillige aus Rußland hinzuziehen – alles das erschütterte das Volk. Es war wie ein Aufruf, Buße zu tun. Und da sahen und erlebten wir es: wer aus dem Volk nicht als Freiwilliger hingehen konnte, der steuerte wenigstens ein Scherflein bei; die Freiwilligen aber wurden von allen begleitet, ganz Rußland gab ihnen das Geleit.

Der alte Fürst hatte freilich in Karlsbad von all dem nichts gesehen, und als er dann gerade während der Hochflut der Bewegung zurückkehrte, verstand er von ihr so wenig, daß er über sie nur spötteln konnte. Doch was konnte dieser Greis, dessen Anschauungen aus dem Klub stammen, von Rußland oder dem russischen Bauern überhaupt verstehen? Der kluge Lewin hätte freilich mehr verstehen können als der alte Fürst, doch ihn machte die Erwägung stutzig, daß das Volk ja weder Geschichte noch Geographie kennt, und überdies kränkte es ihn, daß sich dabei niemand um ihn und seine Meinung kümmerte. Freilich weiß unser Volk nichts von Geschichte und Geographie, doch das, worauf es ankommt, das weiß es. Allerdings könnte man dem Volk inbetreff seiner alten historischen Neigung zu Buße und Wallfahrt eine Menge sehr kluger und vernünftiger Dinge sagen, z. B., daß seine Wallfahrten nur eine sehr enge und einseitige Auffassung seiner Pflicht seien, und daß es besser täte, wenn es vom Trinken ließe und seine Habe vermehrte und somit etwas dazu beitrüge, daß sein Vaterland endlich den „aufgeklärten europäischen Staaten“ zu gleichen anfange. Man könnte dem Pilger vorhalten, daß Gott seine Wallfahrt durchaus nicht brauche, und zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil sie weder ihm, dem Pilger, noch seiner Familie Nutzen bringe, ja, daß seine Wallfahrt sogar direkt schädlich sei, weil er auf lange Zeit sein Haus und seine Heimat um eines im Grunde egoistischen Zweckes willen verlassen müsse, nämlich um seine Seele zu retten, während es Gott unvergleichlich angenehmer wäre, wenn er dieselbe Zeit in seinem Gemüsegarten zubrächte oder Kälber hütete. Wie gesagt, es läßt sich sehr viel Vernünftiges gegen das Wallfahren vorbringen, aber – was soll man denn tun, wenn unser Volk so geartet ist, daß das Suchen des Guten in ihm fast ausschließlich diese Form angenommen hat, d. h. die Form des Bußetuns, mittels einer Wallfahrt oder eines Opfers? Jedenfalls könnte der kluge Lewin in Erwartung der „Aufklärung“ wenigstens diesen historischen Charakterzug dem Volk anrechnen. Er könnte sich doch sagen, daß viele Freiwillige und viele von denen, die sie begleiteten, einer guten Regung folgten und in ihrer Handlungsweise eine gute Tat sahen (das steht ganz außer Frage!), folglich aber waren es doch nicht „verlorene Leute“, sondern vielleicht sogar die besten aus dem Volk, und viele, sehr viele von ihnen werden diese Tat in der Tiefe ihres Herzens eben als Buße und Sühne empfunden haben. Und vor seinem Zaren fühlte sich deshalb keiner schuldig, im Gegenteil, er hoffte und wartete darauf, daß sein Zarbefreier auch in dieser Frage als Befreier eingreifen werde, wir aber, die wir in unseren Winkeln saßen, wir freuten uns, daß das große russische Volk unsere Hoffnung und unser großes ihm gehörendes Vertrauen rechtfertigte. So dürfte denn wohl nichts so mangelhaft sein, wie der Vergleich dieser guten, opferwilligen Bewegung mit der Bande Pugatschoffs, der Kommune usw.! Das konnte wahrlich nur der gereizte Hypochonder Lewin sagen! Da sieht man, wozu empfindliche Eigenliebe führen kann!

Doch seine Gereiztheit geht noch weiter, er erklärt sogar unumwunden, daß ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Slawen nicht vorhanden sei und auch gar nicht sein könne. Auf die Entgegnung Kosnyscheffs, daß es doch wohl nur für ihn nicht vorhanden sei, antwortet er:

„Vielleicht, aber ich sehe das nicht; ich bin selbst Volk und fühle es doch nicht.“

Er hat also kein Mitgefühl mit den Mißhandelten? Übrigens wird der Streit zwischen Lewin und Kosnyscheff in einer Weise geführt, die von der Frage abweicht. Kosnyscheff sagt:

„... Stelle dir vor, du gehst auf der Straße und siehst, daß Trunkene ein Weib oder ein Kind schlagen. Ich denke, da würdest du nicht erst fragen, ob jenen Betrunkenen der Krieg von der Regierung deines Landes erklärt ist oder nicht, sondern würdest hineilen, und die Bedrängten verteidigen.“

„Aber doch deshalb nicht töten.“

„Doch, du würdest töten,“ sagt Kosnyscheff, und sagt damit natürlich etwas Unhaltbares, denn um ein Weib auf der Straße vor Betrunkenen zu beschützen, braucht man doch wahrlich noch nicht zu töten. Aber sie wissen es ja auch, daß es sich in dieser Frage nicht um eine zufällige Rauferei auf der Straße handelt, sondern um ein systematisches Niedermetzeln, um raffinierte Folterungen. Und auf eben jene Behauptung Kosnyscheffs entgegnet Lewin:

„Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich es nicht sagen. Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Slawen ist jedoch nicht vorhanden, und kann es auch gar nicht sein.“

Das ist psychologisch nicht uninteressant. Es gibt ja gewiß auch absolut gefühllose Menschen, die einfach roh oder entartet sind; nur gehört Lewin zweifellos nicht zu diesen, im Gegenteil, er ist sogar ein sehr gefühlvoller Mensch. Deshalb fragt es sich, ob nicht bei gewissen, des Mitgefühls sogar sehr fähigen Menschen die – Entfernung von psychologischer Bedeutung sein kann. Vielleicht versagt ihr Mitgefühl, wenn es heißt: „Die Greueltaten sind ja allerdings unerhört, man reißt lebenden Menschen die Haut ab, wirft Kinder vor den Augen der Mütter in die Luft und fängt sie mit dem Bajonett auf, vergewaltigt Frauen, schneidet ihnen die Brüste ab, sticht Kindern die Augen aus und setzt sie auf einen Spieß – aber das geschieht da irgendwo weit, irgendwo dort auf der anderen Hälfte des Erdballs. Und da das so weit ist, empfinde ich eben kein Mitgefühl!“ Wenn nun die Entfernung solchermaßen auf das Mitempfinden einwirkt, so muß man sich unwillkürlich fragen: bis zu welcher Entfernung reicht denn eigentlich die Menschenliebe?

Doch Lewin ist, wie gesagt, zweifellos ein gefühlvoller Mensch, und obschon er für die Slawen kein Mitgefühl hat, geht seine Menschenliebe doch so weit, daß er einen ... Türken nicht töten könnte. Stellen wir uns einmal eine solche Szene vor: Lewin steht, mit dem Gewehr in der Hand und aufgepflanztem Bajonett – zwei Schritt von ihm steht ein Türke mit einem Säugling im Arm, dem er mit einer Nadel die Augen auszustechen sich anschickt. Die siebenjährige Schwester des kleinen Opfers schreit wie wahnsinnig und sucht mit aller Gewalt dem Türken ihr Brüderchen zu entreißen. Lewin aber steht nachdenklich und unentschlossen da und spricht zu sich selbst:

„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich empfinde nichts. Ich bin selbst Volk. Ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Slawen ist nicht vorhanden und kann es auch gar nicht sein.“

In der Tat, was würde er in dem Fall tun – nach allem, was er gesagt hat? Sollte er wirklich nicht das Kind befreien? Sollte er ihm wirklich die Augen ausstechen lassen und es nicht sofort dem Türken entreißen?

„Entreißen ist leicht gesagt, aber da wird man den Türken vielleicht – stoßen müssen?“

„Nun, so stoße ihn!“

„Stoße ihn! Aber wenn er mir das Kind nicht geben will und den Säbel zieht? Da wird man ihn womöglich totschlagen müssen?“

„Nun, so schlag’ ihn tot!“

„Nein, wie darf man denn das! Nein, totschlagen darf man den Türken nicht. Dann mag er schon lieber dem Kinde die Augen ausstechen und es umbringen. Ich gehe zu Kitty.“

Das wäre Lewins folgerichtige Handlungsweise. Er sagt doch, daß er nicht wisse, ob er dem Weibe oder dem Kinde helfen würde, wenn er dabei einen Türken töten müßte. Die Türken tun ihm eben gar so leid.

„Vor zwanzig Jahren hätte die Presse noch geschwiegen,“ sagt Kosnyscheff, „jetzt aber wird die Stimme des russischen Volkes gehört, das bereit ist, sich zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich zu opfern für die bedrängten Mitbrüder; das ist ein großer und wichtiger Schritt und ein Beweis von Kraft.“

„Aber hier handelt es sich doch nicht nur darum, sich zu opfern, sondern darum, die Türken zu erschlagen,“ sagte Lewin vorsichtig. „Das Volk opfert und ist jederzeit bereit, für seine Seele zu opfern, nicht aber für den Totschlag ...“

Also mit anderen Worten: „Liebes Mädchen, hier ist Geld, nimm es, wir opfern es für unsere Seelen, aber deinem Brüderchen laß vom Türken die Augen ausstechen. Denn das geht doch nicht, daß wir den Türken totschlagen ...“

Und darauf schreibt der Autor ganz persönlich und von sich aus über Lewin:

„Er konnte sich nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter ihnen auch sein Stiefbruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen die Hunderte der durch die Hauptstädte reisenden schönredenden Freiwilligen erzählt hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten den Willen und das Empfinden des Volkes aus, und dabei war das ein Wille, der Rache und Totschlag verlangte.“

Das entspricht nicht der Wahrheit: von einem Verlangen nach Rache kann überhaupt nicht die Rede sein. Auch jetzt, wo wir mit diesem blutdürstigen Volk Krieg führen, hört man über das Verhalten der Russen zu ihren Feinden nur Dinge, die Beweise der größten Menschlichkeit sind. Ja, man kann dreist behaupten, daß wenige der europäischen Armeen mit einem solchen Feinde so umgehen würden, wie es jetzt unsere Armee tut. Zwei oder drei unserer großen Tageszeitungen haben denn auch schon die Frage erörtert, ob es nicht ratsam wäre, die unerhörten Grausamkeiten der Türken zu vergelten: dieses Abschneiden der Nasen und anderer Glieder der Verwundeten und Gefangenen, bevor sie getötet werden. Man sollte meinen, daß mit dieser gesunkenen und verlogenen Nation kein anderes Volk noch menschlich umgehen könne, doch bin auch ich dafür, daß man von irgendwelchen Gegenmaßnahmen Abstand nimmt. Daß jedoch Kindern die Augen ausgestochen werden, das dürfen wir nicht zulassen, und um ein für allemal die Möglichkeit zu solchen Schändlichkeiten zu beseitigen, muß man die Verfolgten befreien, dem Verfolger aber auf immer die Waffe entreißen. Das aber ist nur möglich durch den Kampf. Kampf jedoch ist nicht Rache, und Lewin braucht deshalb für die Türken nichts zu befürchten. Auch im vorigen Jahr, noch vor der Kriegserklärung, als nur unsere Freiwilligen hinzogen, hätte er in der Beziehung ruhig sein können. Oder kennt er denn nicht den Russen und den russischen Soldaten? Freilich wird unser Soldat den Feind im Kampf töten, aber mit dem gefangenen Türken hat man ihn schon oft seine schmale Soldatenkost teilen gesehen. Und ich versichere, jeder Soldat, der das tat, wußte nur zu gut, daß dieser selbe Türke ihm, dem Russen, wenn er in türkische Gefangenschaft geraten wäre, den Kopf abgeschnitten, daraus mit anderen Köpfen einen Halbmond zusammengestellt hätte, und in der Mitte – einen Stern aus anderen Körperteilen. Außerdem könnte Lewin sich sagen, daß dieser russische Soldat, der den Türken im Kampf erschlägt, doch auch sein eigenes Leben einsetzt, daß er ebensogut vom Türken erschlagen werden kann und vielleicht auch wird, vorher aber noch Mühe und Pein und vor dem Tode womöglich Folterqualen auszustehen hat. Um der „Rache“, um des „Totschlags“ willen habe sich das russische Volk erhoben? Hat man jemals gehört, daß die Verteidigung von Kindern und Frauen, die aufgespießt, die vergewaltigt werden und die in der ganzen Welt keinen Beschützer haben – für eine rohe Tat, für lächerlich, fast für unsittlich, für Rachelust und Blutdurst gehalten worden ist? Und was ist das für eine Gefühllosigkeit neben größter Sentimentalität! Dieser Lewin hat doch auch ein Kind und er liebt doch seinen kleinen Knaben; wenn dieser in der Wanne gebadet wird, ist es doch fürs ganze Haus ein Ereignis. Blutet ihm denn da nicht das Herz, wenn er liest, daß sich unter den Baschibosucken Spezialisten herausgebildet haben, die ein Kind, das sie an den Beinchen packen, mit einem Ruck in zwei Hälften zerreißen können, oder von den toten Kindern neben den Leichen ihrer erschlagenen Mütter liest, denen die Brüste abgeschnitten sind? Doch dieser Lewin, der das liest, denkt bei sich vermutlich:

„Kitty ist gesund und hat mit Appetit gegessen; der Kleine wurde gebadet und er fängt schon an, mich zu erkennen. Was geht es mich an, was sich dort irgendwo fern von hier bei den Balkanslawen zuträgt; ein unmittelbares Gefühl für die Mißhandlung der Slawen ist nicht vorhanden und kann es auch gar nicht sein – denn ich empfinde nichts.“

Schließt damit Lewin seine Epopöe? Und ihn will uns der Autor als Beispiel eines rechtschaffenen und ehrlichen Menschen hinstellen?

Solche Menschen, wie der Autor der „Anna Karenina“, sind Erzieher der Gesellschaft, sind unsere Lehrer und wir sind ihre Schüler. Was aber lehren sie uns nun eigentlich?