Nach Mitternacht.—Große Straße in Genua—Hie und da leuchten Lampen an einigen Häusern, die nach und nach auslöschen—Im Hintergrund der Bühne sieht man das Thomasthor, das noch geschlossen ist. In perspectivischer Ferne die See.—Einige Menschen gehen mit Handlaternen über den Platz, darauf die Runde und Patrouille—Alles ist ruhig. Nur das Meer wallt etwas ungestüm.

Erster Auftritt

Fiesco kommt gewaffnet und bleibt vor dem Palast des Andreas Doria stehen. Darauf Andreas.

Fiesco. Der Alte hat Wort gehalten—im Palast alle Lichter aus. Die
Wachen sind fort. Ich will läuten. (Läutet.) He! holla! Wach' auf,
Doria! Verrathner, verkaufter Doria, wach' auf! Holla! Holla!
Holla! Wach' auf!

Andreas (erscheint auf dem Altane). Wer zog die Glocke?

Fiesco (mit veränderter Stimme). Frage nicht! Folge! Dein Stern geht unter, Herzog, Genua steht auf wider dich! Nahe sind deine Henker, und du kannst schlafen, Andreas?

Andreas (mit Ehre). Ich besinne mich, wie die zürnende See mit meiner Bellona zankte, daß der Kiel krachte und der oberste Mast brach—Andreas Doria schlief sanft. Wer schickt die Henker?

Fiesco. Ein Mann, furchtbarer als deine zürnende See, Johann Ludwig
Fiesco.

Andreas (lacht). Du bist bei Laune, Freund. Bring deine Schwänke bei Tag. Mitternacht ist eine ungewöhnliche Stunde.

Fiesco. Du höhnst deinen Warner?

Andreas. Ich dank' ihm und geh zu Bette. Fiesco hat sich schläfrig geschwelgt und hat keine Zeit für Doria übrig.

Fiesco. Unglücklicher alter Mann—traue der Schlange nicht! Sieben Farben ringen auf ihrem spiegelnden Rücken—du nahst—und gählings schnürt dich der tödliche Wirbel. Den Wink eines Verräthers verlachtest du. Verlache den Rath eines Freundes nicht. Ein Pferd steht gesattelt in deinem Hof. Fliehe bei Zeit! Verlache den Freund nicht!

Andreas. Fiesco denkt edel. Ich hab' ihn niemal beleidigt, und
Fiesco verräth mich nicht.

Fiesco. Denkt edel, verräth dich, und gab dir Proben von Beidem.

Andreas. So steht eine Leibwache da, die kein Fiesco zu Boden wirft, wenn nicht Cherubim unter ihm dienen.

Fiesco (hämisch). Ich möchte sie sprechen, einen Brief in die
Ewigkeit zu bestellen.

Andreas (groß). Armer Spötter, hast du nie gehört, daß Andreas Doria
Achtzig alt ist, und Genua—glücklich? (Er verläßt die Altane.)

Fiesco (blickt ihm erstaunt nach). Mußt' ich diesen Mann erst stürzen, eh' ich lerne, daß es schwerer ist, ihm zu gleichen? (Er geht einige Schritte tiefsinnig auf und nieder.) Nun, ich machte Größe mit Größe wett—Wir sind fertig, Andreas, und nun, Verderben, gehe deinen Gang.

(Er eilt in die hinterste Gasse—Trommeln tönen von allen Enden. Scharfes Gefecht am Thomasthor. Das Thor wird gesprengt und öffnet die Aussicht in den Hafen, worin Schiffe liegen, mit Fackeln erleuchtet.)

Zweiter Auftritt

Gianettino Doria in einen Scharlachmantel geworfen. Lomellin.
Bediente voraus mit Fackeln. Alle hastig.

Gianettino (steht still). Wer befahl, Lärmen zu schlagen?

Lomellin. Auf den Galeeren krachte eine Kanone.

Gianettino. Die Sklaven werden ihre Ketten reißen. (Schüsse am
Thomasthor.)

Lomellin. Feuer dort!

Gianettino. Thor offen! Wachen in Aufruhr! (Zu den Bedienten.)
Hurtig, Schurken! Leuchtet dem Hafen zu! (Eilen gegen das Thor.)

Dritter Auftritt

Vorige. Bourgognino mit Verschwornen, die vom Thomasthor kommen.

Bourgognino. Sebastian Lescaro ist ein wackrer Soldat.

Zenturione. Wehrte sich wie ein Bär, bis er niederfiel.

Gianettino (tritt bestürzt zurück). Was hör' ich da?—Haltet!

Bourgognino. Wer dort mit dem Flambeau?

Lomellin. Es sind Feinde, Prinz! Schleichen Sie links weg.

Bourgognino (ruft hitzig an). Wer da mit dem Flambeau?

Zenturione. Steht! Eure Losung!

Gianettino (zieht das Schwert, trotzig). Unterwerfung und Doria.

Bourgognino (schäumend, fürchterlich). Räuber der Republik und meiner Braut! (Zu den Verschwornen, indem er auf Gianettino stürzt.) Ein Gang Profit, Brüder! Seine Teufel liefern ihn selbst aus. (Er stößt ihn nieder.)

Gianettino (fällt mit Gebrüll). Mord! Mord! Mord! Räche mich,
Lomellin!

Lomellin. Bediente (fliehend). Hilfe! Mörder! Mörder!

Zenturione (ruft mit starker Stimme). Er ist getroffen. Haltet den
Grafen auf! (Lomellin wird gefangen.)

Lomellin (knieend). Schont meines Lebens, ich trete zu euch über!

Bourgognino. Lebt dieses Unthier noch? Die Memme mag fliehen.
(Lomellin entwischt.)

Zenturione. Thomasthor unser! Gianettino kalt! Rennt, was ihr rennen könnt! Sagt's dem Fiesco an!

Gianettino (bäumt sich krampfig in die Höh). Pest! Fiesco—(Stirbt.)

Bourgognino (reißt den Stahl aus dem Leichnam). Genua frei und meine
Bertha—Dein Schwert, Zenturione. Dies blutige bringst du meiner
Braut. Ihr Kerker ist gesprengt. Ich werde nachkommen und ihr den
Brautkuß gegen. (Eilen ab zu verschiedenen Straßen.)

Vierter Auftritt

Andreas Doria. Deutsche.

Deutscher. Der Sturm zog sich dorthin. Werft Euch zu Pferd, Herzog.

Andreas. Laß mich noch einmal Genuas Thürme schauen und den Himmel!
Nein, es ist kein Traum, und Andreas ist verrathen.

Deutscher. Feinde um und um! Fort! Flucht über die Grenze!

Andreas (wirft sich auf den Leichnam seines Neffen). Hier will ich enden. Rede Keiner von Fliehen. Hier liegt die Kraft meines Alters. Meine Bahn ist aus. (Calcagno fern mit Verschwornen.)

Deutscher. Mörder dort! Mörder! Flieht, alter Fürst!

Andreas (da die Trommeln wieder anfangen). Höret, Ausländer! Höret! das sind die Genueser, deren Joch ich brach. (Verhüllt sich.) Vergilt man auch so in Eurem Lande?

Deutscher. Fort! Fort! Fort! indeß unsre deutschen Knochen
Scharten in ihre Klingen schlagen. (Calcagno näher.)

Andreas. Rettet euch! Laßt mich! Schreckt Nationen mit der Schauerpost: die Genueser erschlugen ihren Vater-Deutscher. Mord! Zum Erschlagen hat's noch Weile—Kameraden, steht! Nehmt den Herzog in die Mitte! (Ziehen.) Peitscht diesen welschen Hunden Respect vor einem Graukopf ein-Calcagno (ruft an). Wer da? Was gibt's da?

Deutsche (hauen ein). Deutsche Hiebe! (Gehen fechtend ab.
Gianettinos Leichnam wird hinweggebracht.)

Fünfter Auftritt

Leonore in Mannskleidern. Arabella hinter ihr her. Beide schleichen ängstlich hervor.

Arabella. Kommen Sie, gnädige Frau, o kommen Sie doch-Leonore. Da hinaus wüthet der Aufruhr—Horch! war das nicht eines Sterbenden Ächzen?—Weh! sie umzingeln ihn—Auf Fiescos Herz deuten ihre gähnenden Rohre—Auf das meinige, Bella—Sie drücken ab—Haltet! haltet! Es ist mein Gemahl! (Wirft ihre Arme schwärmend in die Luft.)

Arabella. Aber um Gotteswillen-Leonore (immer wilder phantasierend, nach allen Gegenden schreiend). Fiesco!—Fiesco!—Fiesco!—Sie weichen hinter ihm ab, seine Getreuen—Rebellentreue ist wankend. (Heftig erschrocken.) Rebellen führt mein Gemahl? Bella? Himmel? Ein Rebell kämpft mein Fiesco?

Arabella. Nicht doch, Signora, als Genuas furchtbarer Schiedsmann.

Leonore (aufmerksam). Das wäre Etwas—und Leonore hätte gezittert?
Den ersten Republikaner umarmte die feigste Republikanerin?—Geh,
Arabella—wenn die Männer um Länder sich messen, dürfen auch die
Weiber sich fühlen. (Man fängt wieder an zu trommeln.) Ich werfe
mich unter die Kämpfer.

Arabella (schlägt die Hände zusammen). Barmherziger Himmel!

Leonore. Sachte! Woran stößt sich mein Fuß? Hier ist ein Hut und
ein Mantel. Ein Schwert liegt dabei. (Sie wägt es.) Ein schweres
Schwert, meine Bella; doch schleppen kann ich's noch wohl, und das
Schwert macht seinem Führer nicht Schande. (Man läutet Sturm.)

Arabella. Hören Sie? hören Sie? das wimmert vom Thurm der
Dominicaner. Gott erbarme! wie fürchterlich!

Leonore (schwärmend). Sprich, wie entzückend! In dieser Sturmglocke spricht mein Fiesco mit Genua. (Man trommelt stärker.) Hurrah! Hurrah! Nie klangen mir Flöten so süß—Auch diese Trommeln belebe mein Fiesco—Wie mein Herz höher wallt! Ganz Genua wird munter—Miethlinge hüpfen hinter seinem Namen, und sein Weib sollte zaghaft thun? (Es stürmt auf drei andern Thürmen.) Nein! Eine Heldin soll mein Held umarmen—Mein Brutus soll eine Römerin umarmen. (Sie setzt den Hut auf und wirft den Scharlach um.) Ich bin Porcia.

Arabella. Gnädige Frau, Sie wissen nicht, wie entsetzlich Sie schwärmen. Nein, das wissen Sie nicht. (Sturmläuten und Trommeln.)

Leonore. Elende, die du Das alles hörst und nicht schwärmst! Weinen möchten diese Quader, daß sie die Beine nicht haben, meinem Fiesco zuzuspringen—Diese Paläste zürnen über ihren Meister, der sie so fest in die Erde zwang, daß sie meinem Fiesco nicht zuspringen können—Die Ufer, könnten sie's, verließen ihre Pflicht, gäben Genua dem Meere Preis und tanzten hinter seiner Trommel—Was den Tod aus seinen Windeln rüttelt, kann deinen Muth nicht wecken? Geh!—Ich finde meinen Weg.

Arabella. Großer Gott! Sie werden doch diese Grille nicht wahr machen wollen?

Leonore (stolz und heroisch). Das sollt' ich meinen, du Alberne—(Feurig.) Wo am wildesten das Getümmel wüthet, wo in Person mein Fiesco kämpft—Ist das Lavagna? hör' ich sie fragen—den Niemand bezwingen kann, der um Genua eiserne Würfel schwingt, ist das Lavagna?—Genueser! Er ist's, werd' ich sagen, und dieser Mann ist mein Gemahl, und ich hab' auch eine Wunde. (Sacco mit Verschwornen.)

Sacco (ruft an). Wer da? Doria oder Fiesco?

Leonore (begeistert). Fiesco und Freiheit! (Sie wirft sich in eine
Gasse. Auflauf. Bella wird weggedrängt.)

Sechster Auftritt

Sacco mit einem Haufen. Calcagno begegnet ihm mit einem andern.

Calcagno. Andreas Doria ist entflohen.

Sacco. Deine schlechteste Empfehlung bei Fiesco.

Calcagno. Bären, die Deutschen! pflanzten sich vor den Alten wie Felsen. Ich kriegte ihn gar nicht zu Gesicht. Neun von den Unsern sind fertig. Ich selbst bin am linken Ohrlappen gestreift. Wenn sie das fremden Tyrannen thun, alle Teufel! wie müssen sie ihre Fürsten bewachen!

Sacco. Wir haben schon starken Anhang, und alle Thore sind unser.

Calcagno. Auf der Burg, hör' ich, fechten sie scharf.

Sacco. Bourgognino ist unter ihnen. Was schafft Verrina?

Calcagno. Liegt zwischen Genua und dem Meer, wie der höllische
Kettenhund, daß kaum ein Anchove durch kann.

Sacco. Ich lass' in der Vorstadt stürmen.

Calcagno. Ich marschiere über die Piazza Sarzana. Rühr dich,
Tambour! (Ziehen unter Trommelschlag weiter.)

Siebenter Auftritt

Der Mohr. Ein Trupp Diebe mit Lunten.

Mohr. Daß ihr's wißt, Schurken! Ich war der Mann, der diese Suppe einbrockte—Mir gibt man keinen Löffel. Gut. Die Hatz ist mir eben recht. Wir wollen eins anzünden und plündern. Die drüben baxen sich um ein Herzogthum, wir heizen die Kirchen ein, daß die erfrornen Apostel sich wärmen.

(Werfen sich in die umliegenden Häuser.)

Achter Auftritt

Bourgognino. Bertha verkleidet.

Bourgognino. Hier ruhe aus, lieber Kleiner. Du bist in Sicherheit.
Blutest du?

Bertha (die Sprache verändert). Nirgends.

Bourgognino (lebhaft). Pfui, so steh auf! Ich will dich hinführen, wo man Wunden für Genua erntet—Schön, siehst du? wie diese. (Er streift seinen Arm auf.)

Bertha (zurückfahrend). O Himmel!

Bourgognino. Du erschrickst? Niedlicher Kleiner, zu früh eiltest du in den Mann—Wie alt bist du?

Bertha. Fünfzehn Jahr.

Bourgognino. Schlimm! Für diese Nacht fünf Jahre zu zärtlich—Den
Vater?

Bertha. Der beste Bürger in Genua.

Bourgognino. Gemach, Knabe! Das ist nur Einer, und seine Tochter ist meine verlobte Braut. Weißt du das Haus des Verrina?

Bertha. Ich dächte.

Bourgognino (rasch). Und kennst seine göttliche Tochter?

Bertha. Bertha heißt seine Tochter.

Bourgognino (hitzig). Gleich geh und überliefre ihr diesen Ring. Er
gelte den Trauring, sagst du, und der blaue Busch halte sich brav.
Jetzt fahre wohl! Ich muß dorthin. Die Gefahr ist noch nicht aus.
(Einige Häuser brennen.)

Bertha (ruft ihm nach mit sanfter Stimme). Scipio!

Bourgognino (steht betroffen still). Bei meinem Schwert! Ich kenne die Stimme.

Bertha (fällt ihm um den Hals). Bei meinem Herzen! Ich bin hier sehr bekannt.

Bourgognino (schreit). Bertha! (Sturmläuten in der Vorstadt.
Auflauf. Beide verlieren sich in einer Umarmung.)

Neunter Auftritt

Fiesco tritt hitzig auf. Zibo. Gefolge.

Fiesco. Wer warf das Feuer ein?

Zibo. Die Burg ist erobert.

Fiesco. Wer warf das Feuer ein?

Zibo (winkt dem Gefolge). Patrouillen nach dem Thäter! (Einige gehen.)

Fiesco (zornig). Wollen sie mich zum Mordbrenner machen? Gleich eilt mit Spritzen und Eimern! (Gefolge ab.) Aber Gianettino ist doch geliefert?

Zibo. So sagt man.

Fiesco (wild). Sagt man nur? Wer sagt das nur? Zibo, bei Ihrer
Ehre, ist er entronnen?

Zibo (bedenklich). Wenn ich meine Augen gegen die Aussagen eines
Edelmanns setzen kann, so lebt Gianettino.

Fiesco (auffahrend). Sie reden sich um den Hals, Zibo!

Zibo. Noch einmal—Ich sah ihn vor acht Minuten lebendig in gelbem
Busch und Scharlach herumgehn.

Fiesco (außer Fassung). Himmel und Hölle—Zibo!—den Bourgognino lass' ich um einen Kopf kürzer machen. Fliegen Sie, Zibo—Man soll alle Stadtthore sperren—alle Felouquen soll man zu Schanden schießen—so kann er nicht zu Wasser davon—diesen Demant, Zibo, den reichsten in Genua, Lucca, Venedig und Pisa,—wer mir die Zeitung bringt: Gianettino ist todt—er soll diesen Demant haben. (Zibo eilt ab.) Fliegen Sie, Zibo!

Zehnter Auftritt

Fiesco. Sacco. Der Mohr. Soldaten.

Sacco. Den Mohren fanden wie eine brennende Lunte in den Jesuiterdom werfen-Fiesco. Deine Verrätherei ging dir hin, weil sie mich traf. Auf Mordbrennereien steht der Strick. Führt ihn gleich ab, hängt ihn am Kirchthor auf.

Mohr. Pfui! Pfui! Pfui! Das kommt mir ungeschickt—Läßt sich nichts davon wegplaudern?

Fiesco. Nichts.

Mohr (vertraulich). Schickt mich einmal zur Prob auf die Galeere.

Fiesco (winkt den Andern). Zum Galgen.

Mohr (trotzig). So will ich ein Christ werden!

Fiesco. Die Kirche bedankt sich für die Blattern des Heidenthums.

Mohr (schmeichelnd). Schickt mich wenigstens besoffen in die
Ewigkeit.

Fiesco. Nüchtern.

Mohr. Aber hängt mich nur an keine christliche Kirche.

Fiesco. Ein Ritter hält Wort. Ich versprach dir deinen eigenen
Galgen.

Sacco (brummt). Nicht viel Federlesens, Heide! Man hat noch mehr zu thun.

Mohr. Doch—wenn halt allenfalls—der Strick bräche?-Fiesco (zum
Sacco). Man wird ihn doppelt nehmen.

Mohr (resigniert). So mag's sein—und der Teufel kann sich auf den Extrafall rüsten. (Ab mit Soldaten, die ihn in einiger Entfernung aufhenken.)

Eilfter Auftritt

Fiesco. Leonore erscheint hinten im Scharlachrock Gianettinos.

Fiesco (wird sie gewahr, fährt vor, fährt zurück und murmelt grimmig). Kenn' ich nicht diesen Busch und Mantel? (Eilt näher, heftig.) Ich kenne den Busch und Mantel! (Wüthend, indem er auf sie losstürzt und sie niederstößt.) Wenn du drei Leben hast, so steh wieder auf und wandle! (Leonore fällt mit einem gebrochenen Laut. Man hört einen Siegesmarsch. Trommeln, Hörner und Hoboen.)

Zwölfter Auftritt

Fiesco. Calcagno. Sacco. Zenturione. Zibo. Soldaten mit Musik und Fahnen treten auf.

Fiesco (ihnen entgegen im Triumph). Genueser—der Wurf ist geworfen—Hier liegt er, der Wurm meiner Seele—die gräßliche Kost meines Hasses. Hebet die Schwerter hoch!—Gianettino!

Calcagno. Und ich komme, Ihnen zu sagen, daß zwei Drittheile von Genua Ihre Partei ergreifen und zu Fieskischen Fahnen schwören-Zibo. Und durch mich schickt Ihnen Verrina vom Admiralschiff seinen Gruß und die Herrschaft über Hafen und Meer-Zenturione. Und durch mich der Gouverneur der Stadt seinen Commandostab und die Schlüssel-Sacco. Und in mir wirft sich (indem er niederfällt) der große und kleine Rath der Republik knieend vor seinen Herrn und bittet fußfällig um Gnade und Schonung-Calcagno. Mich laßt den Ersten sein, der den großen Sieger in seinen Mauern willkommen heißt—Heil Ihnen—Senket die Fahnen tief!—Herzog von Genua!

Alle (nehmen die Hüte ab). Heil, Heil dem Herzog von Genua!
(Fahnenmarsch.)

Fiesco (stand die ganze Zeit über, den Kopf auf die Brust gesunken, in einer denkenden Stellung.)

Calcagno. Volk und Senat stehen wartend, ihren gnädigen Oberherrn im
Fürstenornat zu begrüßen—Erlauben Sie uns, durchlauchtigster Herzog,
Sie im Triumph nach der Signoria zu führen.

Fiesco. Erlaubt mir erst, daß ich mit meinem Herzen mich abfinde—Ich mußte eine gewisse theure Person in banger Ahnung zurücklassen, eine Person, die die Glorie dieser Nacht mit mir theilen wird. (Gerührt zur Gesellschaft.) Habt die Güte und begleitet mich zu eurer liebenswürdigen Herzogin! (Er will aufbrechen.)

Calcagno. Soll der meuchelmörderische Bube hier liegen und seine
Schande in diesem Winkel verhehlen?

Zenturione. Steckt seinen Kopf auf eine Hellebarde!

Zibo. Laßt seinen zerrissenen Rumpf unser Pflaster kehren. (Man leuchtet gegen den Leichnam.)

Calcagno (erschrocken und etwas leise). Schaut her, Genueser! Das ist bei Gott kein Gianettinogesicht. (Alle sehen starr auf die Leiche.)

Fiesco (hält still, wirft von der Seite einen forschenden Blick darauf, den er starr und langsam unter Verzerrungen zurückzieht). Nein, Teufel—Nein, das ist kein Gianettinogesicht, hämischer Teufel! (Die Augen herumgerollt.) Genua mein, sagt ihr? Mein—(Hinauswüthend in einem gräßlichen Schrei.) Spiegelfechterei der Hölle! Es ist mein Weib! (Sinkt durchdonnert zu Boden. Verschworne stehen in todter Pause und schauervollen Gruppen.)

Fiesco (matt aufgerichtet mit dumpfer Stimme). Hab' ich mein Weib ermordet, Genueser?—Ich beschwöre euch, schielt nicht so geisterbleich auf dieses Spiel der Natur—Gott sei gelobt! Es gibt Schicksale, die der Mensch nicht zu fürchten hat, weil er nur Mensch ist. Wem Götterwollust versagt ist, wird keine Teufelqual zugemuthet—Diese Verirrung wäre etwas mehr. (Mit schrecklicher Beruhigung.) Genueser, Gott sei Dank! Es kann nicht sein.

Dreizehnter Auftritt

Vorige. Arabella kommt jammernd.

Arabella. Mögen sie mich umbringen, was hab' ich auch jetzt noch zu verlieren?—Habt Erbarmen, ihr Männer—Hier verließ ich meine gnädige Frau, und nirgends find' ich sie wieder.

Fiesco (tritt ihr näher mit leiser bebender Stimme). Leonore heißt deine gnädige Frau?

Arabella (froh). O daß Sie da sind, mein liebster, guter, gnädiger Herr!—Zürnen Sie nicht über uns, wir konnten sie nicht mehr zurückhalten.

Fiesco (zürnt sie dumpfig an). Du Verhaßte! von was nicht?

Arabella. Daß sie nicht nachsprang-Fiesco (heftiger). Schweig! wohin sprang?

Arabella. Ins Gedränge-Fiesco (wüthend). Daß deine Zunge zum
Krokodil würde—Ihre Kleider?

Arabella. Ein scharlachner Mantel-Fiesco (rasend gegen sie taumelnd).
Geh in den neunten Kreis der Hölle!—der Mantel?

Arabella. Lag hier am Boden-Einige Verschworne (murmelnd). Gianettino ward hier ermordet-Fiesco (todesmatt zurückwankend zu Arabella). Deine Frau ist gefunden. (Arabella geht angstvoll. Fiesco sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreis herum, darauf mit leiser, schwebender Stimme, die stufenweis bis zum Toben steigt.) Wahr ist's—wahr—und ich das Stichblatt des unendlichen Bubenstücks. (Viehisch um sich hauend.) Tretet zurück, ihr menschlichen Gesichter—Ah, (mit frechem Zähnblecken gen Himmel) hätt' ich nur seinen Weltbau zwischen diesen Zähnen—Ich fühle mich aufgelegt, die ganze Natur in ein grinsendes Scheusal zu zerkratzen, bis sie aussieht wie mein Schmerz—(Zu den Andern, die bebend herumstehen.) Mensch!—wie es jetzt dasteht, das erbärmliche Geschlecht, sich segnet und selig preist, daß es nicht ist wie ich—Nicht wie ich! (In hohles Beben hinabgefallen.) Ich allein habe den Streich—(Rascher, wilder.) Ich? Warum ich? Warum nicht mit mir auch diese? Warum soll sich mein Schmerz am Schmerz eines Mitgeschöpfs nicht stumpf reiben dürfen?

Calcagno (furchtsam). Mein theurer Herzog-Fiesco (dringt auf ihn ein mit gräßlicher Freude). Ah, willkommen! Hier, Gott sei Dank! ist Einer, den auch dieser Donner quetschte! (Indem er den Calcagno wüthend in seine Arme drückt.) Bruder Zerschmettert! Wohl bekomm die Verdammniß! Sie ist todt! Du hat sie auch geliebt! (Er zwingt ihn an den Leichnam und drückt ihm den Kopf dagegen.) Verzweifle! Sie ist todt! (Den stieren Blick in einen Winkel geheftet.) Ah, daß ich stünde am Thor der Verdammniß, hinunterschauen dürfte mein Aug auf die mancherlei Folterschrauben der sinnreichen Hölle, saugen mein Ohr zerknirschter Sünder Gewinsel—Könnt' ich sie sehen, meine Qual, wer weiß, ich trüge sie vielleicht? (Mit Schauern zur Leiche gehend.) Mein Weib liegt hier ermordet—Nein, das will wenig sagen (Nachdrücklicher.) Ich, der Bube, habe mein Weib ermordet—O pfui, so etwas kann die Hölle kaum kitzeln—Erst wirbelt sie mich künstlich auf der Freude letztes glättestes Schwindeldach, schwätzt mich bis an die Schwelle des Himmels—und dann hinunter—dann—o könnte mein Odem die Pest unter Seelen blasen—dann—dann ermord' ich mein Weib—Nein, ihr Witz ist noch feiner—dann übereilen sich (verächtlich) zwei Augen, und (mir schrecklichem Nachdruck) ich—ermorde—mein Weib! (Beißend lächelnd.) Das ist das Meisterstück!

(Alle Verschwornen hängen gerührt an ihren Waffen. Einige wischen
Thränen aus den Augen. Pause.)

Fiesco (erschöpft und stiller, indem er im Zirkel herumblickt). Schluchzt hier Jemand?—Ja, bei Gott, die einen Fürsten würgten, weinen. (In stillen Schmerz geschmolzen.) Redet! Weint ihr über diesen Hochverrath des Todes, oder weint ihr über meines Geistes Memmenfall? (In ernster, rührender Stellung vor der Todten verweilend.) Wo in warme Thränen felsenharte Mörder schmelzen, flucht Fiescos Verzweiflung! (Sinkt weinend an ihr nieder.) Leonore, vergib—Reue zürnt man dem Himmel nicht ab! (Weich mit Wehmuth.) Jahre voraus, Leonore, genoß ich das Fest jener Stunde, wo ich den Genuesern ihre Herzogin brächte—Wie lieblich verschämt sah ich schon deine Wangen erröthen, deinen Busen wie fürstlich schön unter dem Silberflor schwellen, wie angenehm deine lispelnde Stimme der Entzückung versagen (Lebhafter.) Ha! wie berauschend wallte mir schon der stolze Zuruf zu Ohren, wie spiegelte sich meiner Liebe Triumph im versinkenden Neide!—Leonore—die Stund' ist gekommen—Genuas Herzog ist dein Fiesco—und Genuas schlechtester Bettler besinnt sich, seine Verachtung an meine Qual und meinen Scharlach zu tauschen—(Rührender.) Eine Gattin theilt seinen Gram—mit wem kann ich meine Herrlichkeit theilen? (Er weint heftiger und verbirgt sein Gesicht an der Leiche. Rührung auf allen Gesichtern.)

Calcagno. Es war eine treffliche Dame.

Zibo. Daß man doch ja den Trauerfall dem Volk noch verschweige. Er nähme den Unsrigen den Muth und gäb' ihn den Feinden.

Fiesco (steht gefaßt und fest auf). Höret, Genueser!—die Vorsehung, versteh' ich ihren Wink, schlug mir diese Wunde nur, mein Herz für die nahe Größe zu prüfen.—Es war die gewagteste Probe—jetzt fürcht' ich weder Qual, noch Entzücken mehr. Kommt! Genua erwarte mich, sagt ihr?—Ich will Genua einen Fürsten schenken, wie ihn noch kein Europäer sah—Kommt!—dieser unglücklichen Fürstin will ich eine Todtenfeier halten, daß das Leben seine Anbeter verlieren und die Verwesung wie eine Braut glänzen soll—Jetzt folgt eurem Herzog! (Gehen ab unter Fahnenmarsch.)

Vierzehnter Auftritt

Andreas Doria. Lomellin.

Andreas. Dort jauchzen sie hin.

Lomellin. Ihr Glück hat sie berauscht. Die Thore sind bloßgegeben.
Der Signoria wälzt sich Alles zu.

Andreas. Nur an meinem Neffen scheute das Roß. Mein Neffe ist todt.
Hören Sie, Lomellin-Lomellin. Was? noch? noch hoffen Sie, Herzog?

Andreas (ernst). Zittre du für dein Leben, weil du mich Herzog spottest, wenn ich auch nicht einmal hoffen darf.

Lomellin. Gnädigster Herr—eine brausende Nation liegt in der Schale
Fiescos—Was in der Ihrigen?

Andreas (groß und warm). Der Himmel!

Lomellin (hämisch die Achsel zuckend). Seitdem das Pulver erfunden ist, campieren die Engel nicht mehr.

Andreas. Erbärmlicher Affe, der einem verzweifelnden Graukopf seinen Gott noch nimmt! (Ernst und gebietend.) Geh! mache bekannt, daß Andreas noch lebe—Andreas, sagst du, ersuche seine Kinder, ihn doch in seinem achtzigsten Jahre nicht zu den Ausländern zu jagen, die dem Andreas den Flor seines Vaterlandes niemals verzeihen würden. Sag' ihnen das, und Andreas ersuche seine Kinder um so viel Erde in seinem Vaterland für so viel Gebeine.

Lomellin. Ich gehorsame, aber verzweifle. (Will gehen.)

Andreas. Höre! und nimm diese eisgraue Haarlocke mit—Sie war die
letzte, sagst du, auf meinem Haupt und ging los in der dritten
Jännernacht, als Genua losriß von meinem Herzen und habe achtzig
Jahre gehalten und habe den Kahlkopf verlassen im achtzigsten
Jahre—die Haarlocke ist mürbe! aber doch stark genug, dem schlanken
Jüngling den Purpur zu knüpfen (Er geht ab mit verhülltem Gesicht.
Lomellin eilt in eine entgegengesetzte Gasse. Man hört ein
tumultuarisches Freudengeschrei unter Trompeten und Pauken.)

Fünfzehnter Auftritt

Verrina vom Hafen. Bertha und Bourgognino.

Verrina. Man jauchzt. Wem gilt das?

Bourgognino. Sie werden den Fiesco zum Herzog ausrufen.

Bertha (schmiegt sich ängstlich an Bourgognino). Mein Vater ist fürchterlich, Scipio!

Verrina. Laßt mich allein, Kinder—O Genua! Genua!

Bourgognino. Der Pöbel vergöttert ihn und forderte wiehernd den
Purpur. Der Adel sah mit Entsetzen zu und durfte nicht Nein sagen.

Verrina. Mein Sohn, ich hab' alle meine Habseligkeiten zu Gold gemacht und auf dein Schiff bringen lassen. Nimm deine Frau und stich unverzüglich in See. Vielleicht werd' ich nachkommen. Vielleicht—nicht mehr. Ihr segelt nach Marseille, und (schwer und gepreßt sie umarmend)—Gott geleit' euch! (Schnell ab.)

Bertha. Um Gotteswillen! Worüber brütet mein Vater?

Bourgognino. Verstandst du den Vater?

Bertha. Fliehen, o Gott! Fliehen in der Brautnacht!

Bourgognino. So sprach er—und wir gehorchen. (Beide gehen nach dem
Hafen.)

Sechzehnter Auftritt

Verrina. Fiesco im herzoglichen Schmuck. (Beide treffen auf einander.)

Fiesco. Verrina! Erwünscht. Eben war und aus, dich zu suchen.

Verrina. Das war auch mein Gang.

Fiesco. Merkt Verrina keine Veränderung an seinem Freunde?

Verrina (zurückhaltend). Ich wünsche keine.

Fiesco. Aber siehst du auch keine?

Verrina (ohne ihn anzusehen). Ich hoffe, nein!

Fiesco. Ich frage, findest du keine!

Verrina (nach einem flüchtigen Blick). Ich finde keine.

Fiesco. Nun, siehst du, so muß es doch wahr sein, daß die Gewalt nicht Tyrannen macht. Seit wir uns Beide verließen, bin ich Genuas Herzog geworden, und Verrina (indem er ihn an die Brust drückt) findet meine Umarmung noch feurig wie sonst.

Verrina. Desto schlimmer, daß ich sie frostig erwiedern muß; der Anblick der Majestät fällt wie ein schneidendes Messer zwischen mich und den Herzog! Johann Ludwig Fiesco besaß Länder in meinem Herzen—jetzt hat er Genua erobert, und ich nehme mein Eigenthum zurück.

Fiesco (betreten). Das wolle Gott nicht! Für ein Herzogthum wäre der Preis zu jüdisch.

Verrina (murmelt düster). Hum! Ist denn etwa die Freiheit in der
Mode gesunken, daß man dem Ersten dem Besten Republiken um ein
Schandengeld nachwirft.

Fiesco (beißt die Lippen zusammen). Das sag du Niemand, als dem
Fiesco.

Verrina. O natürlich! Ein vorzüglicher Kopf muß es immer sein, von dem die Wahrheit ohne Ohrfeige wegkommt—Aber Schade! der verschlagene Spieler hat's nur in einer Karte versehen. Er calculierte das ganze Spiel des Neides, aber der raffinierte Witzling ließ zum Unglück die Patrioten aus. (Sehr bedeutend.) Hat der Unterdrücker der Freiheit auch einen Kniff auf die Züge der römischen Tugend zurückbehalten? Ich schwör' es beim lebendigen Gott, eh die Nachwelt meine Gebeine aus dem Kirchhof eines Herzogthums gräbt, soll sie sie auf dem Rade zusammenlesen!

Fiesco (nimmt ihn mit Sanftmuth bei der Hand). Auch nicht, wenn der
Herzog dein Bruder ist? wenn er sein Fürstenthum nur zur Schatzkammer
seiner Wohlthätigkeit macht, die bis jetzt bei seiner haushälterischen
Dürftigkeit betteln ging? Verrina, auch dann nicht?

Verrina. Auch dann nicht—und der verschenkte Raub hat noch keinem
Dieb von dem Galgen geholfen. Überdies ging diese Großmuth bei
Verrina fehl. Meinem Mitbürger konnt' ich schon erlauben, mir Gutes
zu thun—meinem Mitbürger hofft' ich es wett machen zu können. Die
Geschenke eines Fürsten sind Gnade—und nur Gott ist mir gnädig.

Fiesco (ärgerlich). Wollt ich doch lieber Italien vom Atlantermeer abreißen, als diesen Starrkopf von seinem Wahn.

Verrina. Und abreißen ist doch sonst deine schlechteste Kunst nicht, davon weiß das Lamm Republik zu erzählen, das du dem Wolf Doria aus dem Rachen nahmst—es selbst aufzufressen.—Aber genug! Nur im Vorbeigehen, Herzog, sage mir, was verbrach denn der arme Teufel, den ihr am Jesuiterdom aufknüpftet?

Fiesco. Die Canaille zündete Genua an.

Verrina. Aber doch die Gesetze ließ die Canaille ganz?

Fiesco. Verrina brandschatzt meine Freundschaft.

Verrina. Hinweg mit der Freundschaft! ich sage dir ja, ich liebe dich nicht mehr; ich schwöre dir, daß ich dich hasse—hasse wie den Wurm des Paradieses, der den ersten falschen Wurf in der Schöpfung that, worunter schon das fünfte Jahrtausend blutet—Höre, Fiesco—nicht Unterthan gegen Herrn—nicht Freund gegen Freund—Mensch gegen Mensch red' ich zu dir. (Scharf und heftig.) Du hast eine Schande begangen an der Majestät des wahrhaftigen Gottes, daß du dir die Tugend die Hände zu deinem Bubenstück führen und Genuas Patrioten mit Genua Unzucht treiben ließest—Fiesco, wär' auch ich der Redlichdumme gewesen, den Schalk nicht zu merken, Fiesco! bei allen Schauern der Ewigkeit, einen Strick wollt' ich drehen aus meinen eigenen Gedärmen und mich erdrosseln, daß meine fliehende Seele im gichtrischen Schaumblasen dir zuspritzen sollte. Das fürstliche Schelmenstück drückt wohl die Goldwage menschlicher Sünden entzwei, aber du hast den Himmel geneckt, und den Prozeß wird das Weltgericht führen.

(Fiesco erstaunt und sprachlos mißt ihn mit großen Augen.)

Verrina. Besinne dich auf keine Antwort. Jetzt sind wir fertig.
(Nach einigem Auf- und Niedergehen.) Herzog von Genua, auf den
Schiffen des gestrigen Tyrannen lernt' ich eine Gattung armer
Geschöpfe kennen, die eine verjährte Schuld mit jedem Ruderschlag
wiederkäuen und in den Ocean ihre Thränen weinen, der wie ein reicher
Mann zu vornehm ist, sie zu zählen—Ein guter Fürst eröffnet sein
Regiment mit Erbarmen. Wolltest du dich entschließen, die
Galeerensklaven zu erlösen?

Fiesco (scharf). Sie seien die Erstlinge meiner Tyrannei—Geh und verkündige ihnen Allen Erlösung.

Verrina. So machst du deine Sache nur halb, wenn du ihre Freude verlierst. Versuch' es und gehe selbst. Die großen Herren sind so selten dabei, wenn sie Böses thun; sollten sie auch das Gute im Hinterhalt stiften?—Ich dächte, der Herzog wäre für keines Bettlers Empfindung zu groß.

Fiesco. Mann, du bist schrecklich, aber ich weiß nicht, warum ich folgen muß. (Beide gehen dem Meer zu.)

Verrina (hält still, mit Wehmuth). Aber, noch einmal umarme mich, Fiesco! Hier ist ja Niemand, der den Verrina weinen sieht und einen Fürsten empfinden. (Er drückt ihn innig.) Gewiß, nie schlugen zwei größere Herzen zusammen; wir liebten uns doch so brüderlich warm—(Heftig an Fiescos Halse weinend.) Fiesco! Fiesco! du räumst einen Platz in meiner Brust, den das Menschengeschlecht, dreifach genommen, nicht mehr besetzen wird.

Fiesco (sehr gerührt). Sei—mein—Freund!

Verrina. Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bin's—Der erste
Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner
That in dieser Blutfarbe zu verstecken—Höre, Fiesco—ich bin ein
Kriegsmann, verstehe mich wenig auf nasse Wangen—Fiesco—das sind
meine ersten Thränen—Wird diesen Purpur weg!

Fiesco. Schweig!

Verrina (heftiger). Fiesco—laß hier alle Kronen dieses Planeten zum Preis, dort zum Popanz all seine Foltern legen, ich soll knieen vor einem Sterblichen—ich werde nicht knieen—Fiesco! (indem er niederfällt) es ist mein erster Kniefall—Wirf diesen Purpur weg!

Fiesco. Steh auf und reize mich nicht mehr!

Verrina (entschlossen). Ich steh' auf, reize dich nicht mehr (Sie stehen an einem Brett, das zu einer Galeere führt.) Der Fürst hat den Vortritt. (Gehen über das Brett.)

Fiesco. Was zerrst du mich so am Mantel?—er fällt!

Verrina (mit fürchterlichem Hohn). Nun, wenn der Purpur fällt, muß auch der Herzog nach! (Er stürzt ihn ins Meer.)

Fiesco (ruft aus den Wellen). Hilf, Genua! Hilf! Hilf deinem
Herzog! (Sinkt unter.)

Siebzehnter Auftritt

Calcagno. Sacco. Zibo. Zenturione. Verschworne. Volk. (Alle eilig, ängstlich.)

Calcagno (schreit). Fiesco! Fiesco! Andreas ist zurück, halb Genua springt dem Andreas zu. Wo ist Fiesco?

Verrina (mit festem Ton). Ertrunken!

Zenturione. Antwortet die Hölle oder das Tollhaus?

Verrina. Ertränkt, wenn das hübscher lautet—Ich geh' zum Andreas.

(Alle bleiben in starren Gruppen stehn. Der Vorhang fällt.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Die Verschwörung des Fiesco zu
Genua", von Friedrich Schiller.