Leonore (ernst). Sie sind ein Mann—es ist nicht für mich.
Calcagno. Ganz für Sie—voll von Ihnen—daß Sie wüßten, wie sehr—wie unendlich sehr-Leonore. Mann, du lügst—du versicherst, eh du handelst.
Calcagno. Ich schwöre Ihnen-Leonore. Einen Meineid. Hör' auf! Ihr ermüdet den Griffel Gottes, der sie niederschreibt. Männer! Männer! wenn eure Eide zu so viel Teufeln würden, sie könnten Sturm gegen den Himmel laufen und die Engel des Lichts als Gefangene wegführen.
Calcagno. Sie schwärmen, Gräfin. Ihre Erbitterung macht Sie ungerecht. Soll das Geschlecht für den Frevel des Einzelnen Rede stehn?
Leonore (sieht ihn groß an). Mensch! ich betete das Geschlecht in dem Einzelnen an, soll ich es nicht in ihm verabscheuen dürfen?
Calcagno. Versuchen Sie, Gräfin—Sie gaben Ihr Herz das erstemal fehl—ich wüßte ihnen den Ort, wo es aufgehoben sein sollte.
Leonore. Ihr könntet den Schöpfer aus seiner Welt hinauslügen—Ich will nichts von dir hören.
Calcagno. Diesen Verdammungsspruch sollten Sie noch heute in meinen
Armen zurückrufen.
Leonore (aufmerksam). Rede ganz aus. In deinen—?
Calcagno. In meinen Armen, die sich öffnen, eine Verlassene aufzunehmen und für verlorene Liebe zu entschädigen.
Leonore (sieht ihn fein an). Liebe?
Calcagno (vor ihr nieder mit Feuer). Ja! es ist hingesagt. Liebe,
Madonna. Leben und Tod liegt auf Ihrer Zunge. Wenn meine
Leidenschaft Sünde ist, so mögen die Enden von Tugend und Laster in
einander fließen und Himmel und Hölle in eine Verdammniß gerinnen.
Leonore (tritt mit Unwillen und Hoheit zurück). Da hinaus zielte deine Theilnehmung, Schleicher?—In einer Kniebeugung verräthst du Freundschaft und Liebe? Ewig aus meinem Aug! Abscheuliches Geschlecht! Bis jetzt glaubte ich, du betrügest nur Weiber; das hab' ich nie gewußt! daß du auch an dir selbst zum Verräther wirst.
Calcagno (steht betroffen auf). Gnädige Frau-Leonore. Nicht genug,
daß er das heilige Siegel des Vertrauens erbrach, auch an den reinen
Spiegel der Tugend haucht dieser Heuchler die Pest und will meine
Unschuld im Eidbrechen unterweisen.
Calcagno (rasch). Das Eidbrechen ist nur Ihr Fall nicht, Madonna.
Leonore. Ich verstehe, und meine Empfindlichkeit sollte dir meine Empfindung bestechen? Das wußtest du nicht, (sehr groß) daß schon allein das erhabene Unglück, um den Fiesco zu brechen, ein Weiberherz adelt. Geh! Fiescos Schande macht keinen Calcagno bei mir steigen, aber—die Menschheit sinken. (Schnell ab.)
Calcagno (sieht ihr betäubt nach, dann ab, mit einem Schlag vor die
Stirne). Dummkopf!
Vierter Auftritt
Der Mohr. Fiesco.
Fiesco. Wer war's, der da wegging?
Mohr. Marchese Calcagno.
Fiesco. Auf dem Sopha blieb dieses Schnupftuch liegen. Meine Frau war hier.
Mohr. Begegnete mir so eben in einer starken Erhitzung.
Fiesco. Dieses Schnupftuch ist feucht. (Steckt es zu sich.)
Calcagno hier? Leonore in starker Erhitzung? (Nach einigem
Nachdenken zum Mohren.) Auf den Abend will ich dich fragen, was hier
geschehen ist.
Mohr. Mamsell Bella hört es gern, daß sie blond sei. Will es beantworten.
Fiesco. Und nun sind dreißig Stunden vorbei. Hast du meinen Auftrag vollzogen?
Mohr. Auf ein Jota, mein Gebieter.
Fiesco (setzt sich). Sag denn, wie pfeift man von Doria und der gegenwärtigen Regierung?
Mohr. O pfui; nach abscheulichen Weisen. Schon das Wort: Doria, schüttelt sie wie ein Fieberfrost. Gianettino ist gehaßt bis in den Tod. Alles murrt. Die Franzosen, sagen sie, seien Genuas Ratten gewesen, Kater Doria habe sie aufgefressen und lasse sich nun die Mäuse belieben.
Fiesco. Das könnte wahr sein—und wußten sie keinen Hund für den
Kater?
Mohr (leichtfertig). Die Stadt murmelte Langes und Breites von einem gewissen—einem gewissen—Holla! Hätt' ich denn gar den Namen vergessen?
Fiesco (steht auf). Dummkopf! Er ist so leicht zu behalten, als schwer er zu machen war. Hat Genua mehr als einen Einzigen?
Mohr. So wenig als zween Grafen von Lavagna.
Fiesco (setzt sich). Das ist Etwas. Und was flüstert man denn über mein lustiges Leben?
Mohr (mißt ihn mit großen Augen). Höret, Graf von Lavagna! Genua muß groß von Euch denken. Man kann's nicht verdauen, daß ein Cavalier vom ersten Hause—voll Talenten und Kopf—in vollem Feuer und Einfluß—Herr von vier Millionen Pfund—Fürstenblut in den Adern—ein Cavalier wie Fiesco, dem auf den ersten Wink alle Herzen zufliegen würden-Fiesco (wendet sich mit Verachtung ab). Von einem Schurken das anzuhören-Mohr. Daß Genuas großer Mann Genuas großen Fall verschlafe. Viele bedauern, sehr Viele verspotten, die Meisten verdammen Euch. Alle beklagen den Staat, der Euch verlor. Ein Jesuit wollte gerochen haben, daß ein Fuchs im Schlafrock stecke.
Fiesco. Ein Fuchs riecht den andern.—Was spricht man zu meinem
Roman mit der Gräfin Imperiali?
Mohr. Was ich zu wiederholen hübsch unterlassen werde.
Fiesco. Frei heraus! Je frecher, desto willkommener. Was murmelt man?
Mohr. Nichts murmelt man. Auf allen Kaffeehäusern, Billardtischen, Gasthöfen, Promenaden—auf dem Markt—auf der Börse schreit man laut-Fiesco. Was? Ich befehl' es dir!
Mohr (sich zurückziehend). Daß Ihr ein Narr seid.
Fiesco. Gut. Hier nimm die Zechine für diese Zeitung. Die Schellenkappe hab' und nun aufgesetzt, daß diese Genueser über mich lachen; bald will ich mir eine Glatze scheeren, daß sie den Hanswurst von mir spielen. Wie nahmen sich die Seidenhändler bei meinen Geschenken?
Mohr (drollig). Narr, sie stellten sich wie die armen Sünder-Fiesco.
Narr? Bist du toll, Bursche?
Mohr. Verzeiht! Ich hätte Lust zu noch mehr Zechinen.
Fiesco (lacht, gibt ihm eine). Nun, wie die armen Sünder—?
Mohr. Die auf dem Block liegen und jetzt Pardon über sich hören.
Euer sind sie Seel und Leib.
Fiesco. Das freut mich. Sie geben den Ausschlag bei dem Pöbel zu
Genua.
Mohr. Was das ein Auftritt war! Wenig fehlte, der Teufel hole mich! daß ich nicht Geschmack an der Großmuth gefunden hätte. Sie wälzten sich mir wie unsinnig um den Hals, die Mädel schienen sich bald in meines Vaters Farbe vergafft zu haben, so hitzig fielen sie über meine Mondsfinsterniß her. Allmächtig ist doch das Gold, war da mein Gedanke; auch Mohren kann's bleichen.
Fiesco. Dein Gedanke war besser, als das Mistbeet, worin er wuchs—Die Worte, die du mir hinterbracht hast, sind gut, lassen sich Thaten daraus schließen?
Mohr. Wie aus des Himmels Räuspern der ausbrechende Sturm. Man steckt die Köpfe zusammen, rottiert sich zu Hauf, ruft Hum! spukt ein Fremder vorbei. Durch ganz Genua herrscht eine dumpfe Schwüle— Dieser Mißmuth hängt wie ein schweres Wetter über der Republik— nur einen Wind, so fallen Schlossen und Blitze.
Fiesco. Stille! horch! Was ist das für ein verworrenes Gesumse?
Mohr (aus dem Fenster fliegend). Es ist das Geschrei vieler Menschen, die vom Rathhaus herabkommen.
Fiesco. Heute ist Procuratorwahl. Laß meine Carriole vorfahren.
Unmöglich kann die Sitzung schon aus sein. Ich will hinauf.
Unmöglich kann sie rechtmäßig sein—Schwert und Mantel her. Wo ist
mein Orden?
Mohr. Herr, ich hab' ihn gestohlen und versetzt.
Fiesco. Das freut mich.
Mohr. Nun, wie? wird mein Präsent bald herausrücken?
Fiesco. Weil du nicht auch den Mantel nahmst?
Mohr. Weil ich den Dieb ausfindig machte.
Fiesco. Der Tumult wälzt sich hierher. Horch! Das ist nicht das Gejauchze des Beifalls. (Rasch.) Geschwind, riegle die Hofpforten auf. Ich hab' eine Ahnung. Doria ist tollkühn. Der Staat gaukelt auf einer Nadelspitze. Ich wette, auf der Signoria ist Lärm worden.
Mohr (am Fenster, schreit). Was ist das? Die Straße Balbi herunter—Troß vieler Tausende—Hellebarden blitzen—Schwerter—Holla! Senatoren—fliegen hieher-Fiesco. Es ist ein Aufruhr! Spring unter sie. Nenn meinen Namen. Sieh zu, daß sie hieher sich werfen. (Mohr eilt hinunter.) Was die Ameise Vernunft mühsam zu Haufen schleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zusammen.
Fünfter Auftritt
Fiesco. Zenturione, Zibo, Asserato stürzen stürmisch ins Zimmer.
Zibo. Graf, Sie verzeihen unserm Zorn, daß wir unangemeldet hereintreten.
Zenturione. Ich bin beschimpft, tödlich beschimpft vom Neffen des
Herzogs, im Angesicht der ganzen Signoria.
Asserato. Doria hat das goldene Buch besudelt, davon jeder genuesische Edelmann ein Blatt ist.
Zenturione. Darum sind wir da. Der ganze Adel ist in mir aufgefordert. Der ganze Adel muß meine Rache theilen. Meine Ehre zu rächen, dazu würde ich schwerlich Gehilfen fordern.
Zibo. Der ganze Adel ist in ihm aufgereizt. Der ganze Adel muß
Feuer und Flamme speien.
Asserato. Die Rechte der Nation sind zertrümmert. Die republikanische Freiheit hat einen Todesstoß.
Fiesco. Sie spannen meine ganze Erwartung.
Zibo. Er war der neunundzwanzigste unter den Wahlherrn, hatte zur
Procuratorwahl eine goldene Kugel gezogen. Achtundzwanzig Stimmen
waren gesammelt. Vierzehn sprachen für mich, eben so viele für
Lomellino! Dorias und die seinige standen noch aus.
Zenturione (rasch ins Wort fallend). Standen noch aus. Ich votierte für Zibo. Doria—fühlen Sie die Wunde meiner Ehre—Doria-Asserato (fällt ihm wieder ins Wort). So was erlebte man nicht, so lang der Ocean um Genua fluthet-Zenturione (hitziger fort). Doria zog ein Schwert, das er unter dem Scharlach verborgen gehalten, spießte mein Votum daran, rief in die Versammlung:
Zibo. »Senatoren, es gilt nicht! Es ist durchlöchert! Lomellin ist
Procurator.«
Zenturione. »Lomellin ist Procurator,« und warf sein Schwert auf die
Tafel.
Asserato. Und rief: »Es gilt nicht!« und warf sein Schwert auf die
Tafel.
Fiesco (nach einigem Stillschweigen). Wozu sind Sie entschlossen?
Zenturione. Die Republik ist ins Herz gestoßen. Wozu wir entschlossen sind?
Fiesco. Zenturione, Binsen mögen vom Athem knicken. Eichen wollen den Sturm. Ich frage, was Sie beschließen?
Zibo. Ich dächte, man fragte, was Genua beschließe?
Fiesco. Genua? Genua? Weg damit; es ist mürb, bricht, wo Sie es anfassen. Sie rechnen auf die Patrizier? Vielleicht weil sie saure Gesichter schneiden, die Achsel zucken, wenn von Staatssachen Rede wird? Weg damit! Ihr Heldenfeuer klemmt sich in Ballen levantischer Waaren, ihre Seelen flattern ängstlich um ihre ostindische Flotte.
Zenturione. Lernen Sie unsere Patrizier besser schätzen. Kaum war Dorias trotzige That gethan, flohen ihrer einige Hundert mit zerrissenen Kleidern auf den Markt. Die Signoria fuhr auseinander.
Fiesco (spöttisch). Wie Tauben auseinander flattern, wenn in den
Schlag sich ein Geier wirft?
Zenturione (stürmisch). Nein! wie Pulvertonnen, wenn eine Lunte hineinfällt.
Zibo. Das Volk wüthet auch, was vermag nicht ein angeschossener Eber?
Fiesco (lacht). Der blinde, unbeholfene Koloß, der mit plumpen Knochen Anfangs Gepolter macht, Hohes und Niederes, Nahes und Fernes mit gähnendem Rachen zu verschlingen droht und zuletzt—über Zwirnsfäden stolpert? Genueser, vergebens! Die Epoche der Meerbeherrscher ist vorbei. Genua ist unter seinen Namen gestürzt. Genua ist doch, wo das unüberwindliche Rom wie ein Federball in die Rakete eines zärtlichen Knaben Octavius sprang. Genua kann nicht mehr frei sein. Genua muß von einem Monarchen erwärmt werden. Genua braucht einen Souverain, also huldigen Sie dem Schwindelkopf Gianettino.
Zenturione (aufbrausend). Wenn sich die grollenden Elemente versöhnen und der Nordpol dem Südpol nachspringt—Kommt, Kameraden!
Fiesco. Bleiben Sie, bleiben Sie! Worüber brüten Sie, Zibo?
Zibo. Über nichts oder einem Possenspiel, das das Erdbeben heißen soll.
Fiesco (führt sie zu einer Statue). Schauen Sie doch diese Figur an.
Zenturione. Es ist die Venus von Florenz. Was soll sie uns hier?
Fiesco. Sie gefällt Ihnen aber?
Zibo. Ich sollte denken, oder wir wären schlechte Italiener. Wie
Sie das jetzt fragen mögen?
Fiesco. Nun, reisen Sie durch alle Welttheile und suchen unter allen lebendigen Abrücken des weiblichen Modells den glücklichsten aus, in welchem sich alle Reize dieser geträumten Venus umarmen.
Zibo. Und tragen dann für unsre Mühe davon?
Fiesco. Dann werden Sie die Phantasie der Marktschreierei überwiesen haben-Zenturione (ungeduldig). Und was gewonnen haben?
Fiesco. Gewonnen haben den verjährten Proceß der Natur mit den
Künstlern.
Zenturione (hitzig). Und dann?
Fiesco. Dann? dann? (Fängt zu lachen an). Dann haben Sie vergessen zu sehen, daß Genuas Freiheit zu Trümmern geht! (Zenturione, Zibo, Asserato gehen ab.)
Sechster Auftritt
Fiesco.—Getümmel um den Palast nimmt zu.
Glücklich! glücklich! Das Stroh der Republik ist in Flammen. Das
Feuer hat schon Häuser und Thürme gefaßt—Immer zu! immer zu!
Allgemein werde der Brand, der schadenfrohe Wind pfeife in die
Verwüstung!
Siebenter Auftritt
Mohr in Eile. Fiesco.
Mohr. Haufen über Haufen!
Fiesco. Mache die Thorflügel weit auf. Laß hereinstürzen, was Füße hat.
Mohr. Republikaner! Republikaner! Ziehen ihre Freiheit am Joch, keuchen, wie Lastochsen, unter ihrer aristokratischen Herrlichkeit.
Fiesco. Narren, die glauben, Fiesco von Lavagna werde fortführen, was Fiesco von Lavagna nicht anfing! Die Empörung kommt wie gerufen. Aber die Verschwörung muß meine sein. Sie stürmen die Treppe herauf.
Mohr (hinaus). Holla! holla! Werden das Haus höflichst zur Thüre hereinbringen. (Das Volk stürmt herein, die Thüre in Trümmer.)
Achter Auftritt
Fiesco. Zwölf Handwerker.
Alle. Rache an Doria! Rache an Gianettino!
Fiesco. Hübsch gemach, meine Landsleute. Daß ihr mir alle eure
Aufwartung so machtet, das zeugt von eurem guten Herzen. Aber meine
Ohren sind delicater.
Alle (ungestümer). Zu Boden mit den Doria! Zu Boden Oheim und
Neffen!
Fiesco (der sie lächelnd überzählt). Zwölf sind ein vornehmes Heer-Einige. Diese Doria müssen weg. Der Staat muß eine andere Form haben.
Erster Handwerker. Unsre Friedensrichter die Treppen hinab zu schmeißen—die Treppen die Friedensrichter.
Zweiter. Denkt doch, Lavagna, die Treppen hinab, als sie ihm bei der
Wahl widersprachen.
Alle. Soll nicht geduldet werden! darf nicht geduldet werden!
Ein Dritter. Ein Schwert in den Rath zu nehmen-Erster. Ein Schwert!
Das Zeichen des Kriegs! im Zimmer des Friedens!
Zweiter. Im Scharlach in den Senat zu kommen! Nicht schwarz, wie die übrigen Rathsherrn.
Erster. Mit acht Hengsten durch unsere Hauptstadt zu fahren.
Alle. Ein Tyrann! ein Verräther des Lands und der Regierung!
Zweiter. Zweihundert Deutsche zur Leibwach vom Kaiser zu kaufen-Erster. Ausländer wider die Kinder des Vaterlands! Deutsche gegen Italiener! Soldaten neben die Gesetze!
Alle. Hochverrath! Meuterei! Genuas Untergang!
Erster. Das Wappen der Republik an der Kutsche zu führen-Zweiter. Die Statue des Andreas mitten im Hof der Signoria!-Alle. In Stücken mit dem Andreas! In tausend Stück den steinernen und den lebendigen!
Fiesco. Genueser, warum mir Das alles?
Erster. Ihr sollt es nicht dulden! Ihr sollt ihm den Daumen aufs
Aug halten!
Zweiter. Ihr seid ein kluger Mann, und sollt es nicht dulden, und sollt den Verstand für uns haben.
Erster. Und seid ein besserer Edelmann, und sollt ihm das eintränken, und sollt es nicht dulden.
Fiesco. Euer Zutrauen schmeichelt mir sehr. Kann ich es durch
Thaten verdienen?
Alle (lärmend). Schlage! Stürze! Erlöse!
Fiesco. Doch ein gut Wort werdet ihr noch annehmen?
Einige. Redet, Lavagna!
Fiesco (der sich niedersetzt). Genueser—Das Reich der Thiere kam einst in bürgerliche Gährung, Parteien schlugen mit Parteien, und ein Fleischerhund bemächtigte sich des Throns. Dieser, gewohnt, das Schlachtvieh an das Messer zu hetzen, hauste hündisch im Reich, klaffte, biß und nagte die Knochen seines Volks. Die Nation murrte, die Kühnsten traten zusammen und erwürgten den fürstlichen Bullen. Jetzt ward ein Reichstag gehalten, die große Frage zu entscheiden, welche Regierung die glücklichste sei? Die Stimmen theilten sich dreifach. Genueser, für welche hättet ihr entschieden?
Erster Bürger. Fürs Volk. Alle fürs Volk.
Fiesco. Das Volk gewann's. Die Regierung ward demokratisch. Jeder Bürger gab seine Stimme. Mehrheit setzte durch. Wenige Wochen vergingen, so kündigte der Mensch dem neugebackenen Freistaat den Krieg an. Das Reich kam zusammen. Roß, Löwe, Tiger, Bär, Elephant und Rhinoceros traten auf und brüllten laut zu den Waffen! Jetzt kam die Reih' an die Übrigen. Lamm, Hase, Hirsch, Esel, das ganze Reich der Insecten, der Vögel, der Fische ganzes menschenscheues Heer—alle traten dazwischen und wimmerten: Friede. Seht, Genueser! Der Feigen waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen mehr, denn der Klugen—Mehrheit setzte durch. Das Thierreich streckte die Waffen, und der Mensch brandschatzte sein Gebiet. Dieses Staatssystem ward also verworfen. Genueser, wozu wäret ihr jetzt geneigt gewesen?
Erster und Zweiter. Zum Ausschuß! Freilich zum Ausschuß!
Fiesco. Diese Meinung gefiel! Die Staatsgeschäfte theilten sich in mehrere Kammern. Wölfe besorgten die Finanzen, Füchse waren ihre Secretäre. Tauben führten das Criminalgericht, Tiger die gütlichen Vergleiche, Böcke schlichteten Heirathsprocesse. Soldaten waren die Hasen; Löwen und Elephant blieben bei der Bagage; der Esel war Gesandter des Reichs, und der Maulwurf Oberaufseher über die Verwaltung der Ämter. Genueser, was hofft ihr von dieser weisen Vertheilung? Wen der Wolf nicht zerriß, den prellte der Fuchs. Wer diesem entrann, den tölpelte der Esel nieder. Tiger erwürgten die Unschuld; Diebe und Mörder begnadigte die Taube, und am Ende, wenn die Ämter niedergelegt wurden, fand sie der Maulwurf alle unsträflich verwaltet—Die Thiere empörten sich. Laßt uns einen Monarchen wählen, riefen sie einstimmig, der Klauen und Hirn und nur einen Magen hat—und einem Oberhaupt huldigten alle—einem, Genueser—aber (indem er mit Hoheit unter sie tritt) es war der Löwe.
Alle (klatschen, werfen die Mützen in die Höhe). Bravo! Bravo! das haben sie schlau gemacht.
Erster. Und Genua soll's nachmachen, und Genua hat seinen Mann schon.
Fiesco. Ich will ihn nicht wissen. Gehet heim! Denkt auf den Löwen! (Die Bürger tumultuarisch hinaus.) Es geht erwünscht. Volk und Senat wider Doria. Volk und Senat für Fiesco—Hassan!—Hassan! Ich muß diesen Wind benutzen—Hassan! Hassan! Ich muß diesen Haß verstärken! dieses Interesse anfrischen!—Heraus, Hassan! Hurensohn der Hölle! Hassan! Hassan!
Neunter Auftritt
Mohr kommt. Fiesco.
Mohr (wild). Meine Sohlen brennen noch. Was gibt's schon wieder?
Fiesco. Was ich befehle.
Mohr (geschmeidig). Wohin lauf' ich zuerst? wohin zuletzt?
Fiesco. Das Laufen sei dir diesmal geschenkt. Du wirst geschleift werden. Mache dich gleich gefaßt; ich posaune jetzt deinen Meuchelmord aus und übergebe dich gebunden der peinlichen Nota.
Mohr (sechs Schritte zurück). Herr?—das ist wider die Abrede.
Fiesco. Sei ganz ruhig. Es ist nichts mehr, denn ein Possenspiel. In diesem Augenblick liegt Alles daran, daß Gianettinos Anschlag auf mein Leben ruchbar wird. Man wird dich peinlich verhören.
Mohr. Ich bekenne dann oder leugne?
Fiesco. Leugnest. Man wird dich auf die Tortur schrauben. Den ersten Grad stehst du aus. Diese Witzigung kannst du auf Conto deines Meuchelmords hinnehmen. Beim zweiten bekennst du.
Mohr (schüttelt den Kopf, bedenklich). Ein Schelm ist der Teufel.
Die Herren könnten mich beim Essen behalten, und ich würde aus lauter
Komödie gerädert.
Fiesco. Du kommst ganz weg. Ich gebe dir meine gräfliche Ehre. Ich werde mir deine Bestrafung zur Genugthuung ausbitten und dich dann vor den Augen der ganzen Republik pardonnieren.
Mohr. Ich lasse mir's gefallen. Sie werden mir das Gelenk auseinander treiben. Das macht geläufiger.
Fiesco. So ritze mir hurtig mit deinem Dolche den Arm auf, bis Blut
darnach läuft—Ich werde thun, als hätt' ich dich erst frisch auf der
That ergriffen. Gut! (Mit gräßlichem Geschrei.) Mörder! Mörder!
Mörder! Besetzt die Wege! Riegelt die Pforten zu! (Er schleppt den
Mohren an der Gurgel hinaus, Bediente fliehen über den Schauplatz.)
Zehnter Auftritt
Leonore. Rosa stürzen erschrocken herein.
Leonore. Mord! schrieen sie, Mord! Von hier kam der Lärm.
Rosa. Ganz gewiß nur ein blinder Tumult, wie alltäglich in Genua.
Leonore. Sie schrieen Mord, und das Volk murmelte deutlich: Fiesco. Armselige Betrüger! Meine Augen wollten sie schonen, aber mein Herz überlistet sie. Geschwind, eile nach, sieh, sage mir, wo sie ihn hinschleppen.
Rosa. Sammeln Sie sich. Bella ist nach.
Leonore. Bella wird seinen brechenden Blick noch auffassen! die glückliche Bella! Weh über mich, seine Mörderin! Hätte Fiesco mich lieben können, nie hätte Fiesco sich in die Welt gestürzt, nie in die Dolche des Neids!—Bella kommt! Fort! Rede nicht, Bella!
Eilfter Auftritt
Vorige. Bella.
Bella. Der Graf lebt und ist ganz. Ich sah ihn durch die Stadt galoppieren. Nie sah ich unsern gnädigen Herrn so schön. Der Rapp prahlte unter ihm und jagte mit hochmüthigem Huf das andrängende Volk von seinem fürstlichen Reiter. Er erblickte mich, als er vorüber flog, lächelte gnädig, winkte hieher und warf drei Küsse zurück. (Boshaft.) Was mach' ich damit, Signora?
Leonore (in Entzückung). Leichtfertige Schwätzerin! Bring sie ihm wieder.
Rosa. Nun sehen Sie! jetzt sind Sie wieder Scharlach über und über.
Leonore. Sein Herz wirft er den Dirnen nach, und ich jage nach einem
Blick?—O Weiber! Weiber! (Gehen ab.)
Zwölfter Auftritt
Im Palast des Andreas.
Gianettino. Lomellin kommen hastig
Gianettino. Laß sie um ihre Freiheit brüllen, wie die Löwin um ein
Junges. Ich bleibe dabei.
Lomellin. Doch, gnädiger Herr-Gianettino. Zum Teufel mit Eurem Doch, dreistundlanger Procurator! Ich weiche um keines Haares Breite. Laß Genuas Thürme die Köpfe schütteln und die tobende See Nein dareinbrummen. Ich fürchte den Troß nicht.
Lomellin. Der Pöbel ist freilich das brennende Holz, aber der Adel gibt seinen Wind dazu. Die ganze Republik ist in Wallung. Volk und Patrizier.
Gianettino. So steh' ich wie Nero auf dem Berg und sehe dem
possierlichen Brande zu-Lomellin. Bis sich die ganze Masse des
Aufruhrs einem Parteigänger zuwirft, der ehrgeizig genug ist, in der
Verwüstung zu ernten.
Gianettino. Possen! Possen! Ich kenne nur Einen, der fürchterlich werden könnte, und für den ist gesorgt.
Lomellin. Seine Durchlaucht. (Andreas kommt, Beide verneigen sich tief.)
Andreas. Signor Lomellin! Meine Nichte wünscht auszufahren.
Lomellin. Ich werde die Gnade haben, sie zu begleiten. (Ab.)
Dreizehnter Auftritt
Andreas. Gianettino.
Andreas. Höre, Neffe! Ich bin schlimm mit dir zufrieden.
Gianettino. Gönnen Sie mir Gehör, durchlauchtigster Oheim.
Andreas. Dem zerlumptesten Bettler in Genua, wenn er es werth ist. Einem Buben niemals, und wär' er mein Neffe. Gnädig genug, daß ich dir den Oheim zeige; du verdientest den Herzog und seine Signoria zu hören.
Gianettino. Nur ein Wort, gnädigster Herr-Andreas. Höre, was du gethan hast, und verantworte dich dann—Du hast ein Gebäude umgerissen, das ich in einem halben Jahrhundert sorgsam zusammenfügte—das Mausoleum deines Oheims—seine einzige Pyramide—die Liebe der Genueser. Den Leichtsinn verzeiht dir Andreas.
Gianettino. Mein Oheim und Herzog-Andreas. Unterbrich mich nicht. Du hast das schönste Kunstwerk der Regierung verletzt, das ich selbst den Genuesern vom Himmel holte, das mich so viele Nächte gekostet, so viele Gefahren und Blut. Vor ganz Genua hast du meine fürstlichen Ehre besudelt, weil du für meine Anstalt keine Achtung zeigtest. Wem wird sie heilig sein, wenn mein Blut sie verachtet?—Diese Dummheit verzeiht dir der Oheim.
Gianettino (beleidigt). Gnädigster Herr, Sie haben mich zu Genuas
Herzog gezogen.
Andreas. Schweig—du bist ein Hochverräther des Staates und hast das Herz seines Lebens verwundet. Merke dir's, Knabe! Es heißt— Unterwerfung!—Weil der Hirte am Abend seines Tagwerks zurücktrat, wähntest du die Heerde verlassen? Weil Andreas eisgraue Haare trägt, trampeltest du wie ein Gassenjunge auf den Gesetzen?
Gianettino (trotzig). Gemach, Herzog. Auch in meinen Adern siedet das Blut das Andreas, vor dem Frankreich erzitterte.
Andreas. Schweig! befehl' ich—Ich bin gewohnt, daß das Meer aufhorcht, wenn ich rede—Mitten in ihrem Tempel spieest du die majestätische Gerechtigkeit an. Weißt du, wie man das ahndet, Rebelle?—Jetzt antworte!
(Gianettino heftet den Blick sprachlos zu Boden.)
Andreas. Unglückseliger Andreas! In deinem eigenen Herzen hast du den Wurm deines Verdiensts ausgebrütet.—Ich baute den Genuesern ein Haus, das der Vergänglichkeit spotten sollte, und werfe den ersten Feuerbrand hinein—Diesen! Dank' es, Unbesonnener, diesem eisgrauen Kopf, der von Familienhänden zur Grube gebracht sein will—Dank' es meiner gottlosen Liebe, daß ich den Kopf des Empörers dem beleidigten Staate nicht—vom Blutgerüste zuwerfe. (Schnell ab.)
Vierzehnter Auftritt
Lomellin außer Athem, erschrocken. Gianettino sieht dem Herzog glühend und sprachlos nach.
Lomellin. Was hab' ich gesehen? was angehört? Jetzt! Jetzt!
Fliehen Sie, Prinz! Jetzt ist Alles verloren.
Gianettino (mit Ingrimm). Was war zu verlieren?
Lomellin. Genua, Prinz. Ich komme vom Markt. Das Volk drängte sich um einen Mohren, der an Stricken dahin geschleift wurde; der Graf von Lavagna, über die dreihundert Nobili ihm nach bis ins Richthaus, wo die Verbrecher gefoltert werden. Der Mohr war über einem Meuchelmord ertappt worden, den er an dem Fiesco vollstrecken sollte.
Gianettino (stampft mit dem Fuß). Was? Sind heut alle Teufel los?
Lomellin. Man inquirierte scharf, wer ihn bestochen. Der Mohr gestand nichts. Man brachte ihn auf die erste Folter. Er gestand nichts. Man brachte ihn auf die zweite. Er sagte aus, sagte aus—gnädiger Herr, wo gedachten Sie hin, da Sie Ihre Ehre einem Taugenichts preisgaben?
Gianettino (schnaubt ihn wild an). Frage mich nichts!
Lomellin. Hören Sie weiter. Kaum war das Wort Doria ausgesprochen—lieber hätt' ich meinen Namen auf der Schreibtafel des Teufels gelesen, als hier den Ihren gehört—so zeigte sich Fiesco dem Volk. Sie kennen ihn, den Mann, der befehlend flehet, den Wucherer mit den Herzen der Menge. Die ganze Versammlung hing ihm odemlos in starren, schrecklichen Gruppen entgegen; er sprach wenig, aber streifte den blutenden Arm auf, das Volk schlug sich um die fallenden Tropfen, wie um Reliquien. Der Mohr wurde seiner Willkür übergeben, und Fiesco—ein Herzstoß für uns—Fiesco begnadigte ihn. Jetzt raste die Stille des Volks in einen brüllenden Laut aus, jeder Odem zernichtete einen Doria, Fiesco wurde auf tausendstimmigem Vivat nach Hause getragen.
Gianettino (mit einem dumpfen Gelächter). Der Aufruhr schwelle mir an die Gurgel!—Kaiser Karl! Mit dieser einzigen Silbe will ich sie niederwerfen, daß in ganz Genua auch keine Glocke mehr summen soll.
Lomellin. Böhmen liegt weit von Italien—Wenn Karl sich beeilt, kann er noch zeitig genug zu Ihrem Leichenschmaus kommen.
Gianettino (zieht einen Brief mit großem Siegel hervor). Glück genug also, daß er schon hier ist!—Verwundert sich Lomellin? Glaubte er mich tolldreist genug, wüthige Republikaner zu reizen, wenn sie nicht schon verkauft und verrathen wären?
Lomellin (betreten). Ich weiß nicht, was ich denke.
Gianettino. Ich denke Etwas, das du nicht weißt. Der Schluß ist gefaßt. Übermorgen fallen zwölf Senatoren. Doria wird Monarch, und Kaiser Karl wird ihn schützen—Du trittst zurück?
Lomellin. Zwölf Senatoren! Mein Herz ist nicht weit genug, eine
Blutschuld zwölfmal zu fassen.
Gianettino. Närrchen, am Thron wirft man sie nieder. Siehst du, ich überlegte mit Karls Ministern, daß Frankreich in Genua noch starke Parteien hätte, die es ihm zum zweiten Mal in die Hände spielen könnten, wenn man sie nicht mit der Wurzel vertilgte. Das wurmte beim alten Karl. Er unterschrieb meinen Anschlag—und du schreibst, was ich dictiere.
Lomellin. Noch weiß ich nicht-Gianettino. Setze dich! Schreib!
Lomellin. Was schreib' ich aber? (Setzt sich.)
Gianettino. Die Namen der zwölf Candidaten—Franz Zenturione.
Lomellin (schreibt). Zum Dank für sein Votum führt er den Leichenzug.
Gianettino. Cornelio Calva.
Lomellin. Calva.
Gianettino. Michael Zibo.
Lomellin. Eine Abkühlung auf die Procuratur.
Gianettino. Thomas Asserato mit drei Brüdern (Lomellin hält inne.)
Gianettino (nachdrücklich). Mit drei Brüdern.
Lomellin (schreibt). Weiter.
Gianettino. Fiesco von Lavagna.
Lomellin. Geben Sie Acht! geben Sie Acht! Sie werden über diesem schwarzen Stein noch den Hals brechen.
Gianettino. Scipio Bourgognino.
Lomellin. Der mag anderswo Hochzeit halten.
Gianettino. Wo ich Brautführer bin—Raphael Sacco.
Lomellin. Dem sollt' ich Pardon auswirken, bis er mir meine fünftausend Scudi bezahlt hat. (Schreibt.) Der Tod macht quitt.
Gianettino. Vincent Calcagno.
Lomellin. Calcagno—den Zwölften schreib' ich auf meine Gefahr, oder unser Todfeind ist vergessen.
Gianettino. Ende gut, Alles gut. Joseph Verrina.
Lomellin. Das war der Kopf des Wurms. (Steht auf, streut Sand, fliegt die Schrift durch, reicht sie dem Prinzen.) Der Tod gibt übermorgen prächtige Gala und hat zwölf genuesische Fürsten geladen.
Gianettino (tritt zum Tisch, unterzeichnet). Es ist geschehen—In zwei Tagen ist Dogewahl. Wenn die Signoria versammelt ist, werden die Zwölf auf das Signal eines Schnupftuchs mit einem plötzlichen Schuß gestreckt, wenn zugleich meine zweihundert Deutsche das Rathhaus mit Sturm besetzen. Ist das vorbei, tritt Gianettino Doria in den Saal und läßt sich huldigen. (Klingelt.)
Lomellin. Und Andreas?
Gianettino (verächtlich). Ist ein alter Mann. (Ein Bedienter.) Wenn der Herzog fragt, ich bin in der Messe. (Bedienter ab.) Der Teufel, der in mir steckt, kann nur in Heiligenmaske incognito bleiben.
Lomellin. Aber das Blatt, Prinz?
Gianettino. Nimmst du, lässest es durch unsre Partei circulieren.
Dieser Brief muß mir Extrapost nach Levanto. Er unterrichtet den
Spinola von Allem und heißt ihn früh acht Uhr in der Hauptstadt hier
eintreffen. (Will fort.)
Lomellin. Ein Loch im Faß, Prinz! Fiesco besucht keinen Senat mehr.
Gianettino (zurückrufend). Doch noch einen Meuter wird Genua haben?—Ich sorge dafür. (Ab in ein Seitenzimmer, Lomellin fort durch ein anderes.)
Fünfzehnter Auftritt
Vorzimmer bei Fiesco.
Fiesco mit Briefen und Wechseln. Mohr.
Fiesco. Also vier Galeeren sind eingelaufen.
Mohr. Liegen glücklich in der Darsena vor Anker.
Fiesco. Das kommt erwünscht. Woher die Expressen?
Mohr. Von Rom, Piacenza und Frankreich.
Fiesco (bricht die Briefe auf, fliegt sie durch). Willkommen, willkommen in Genua! (Sehr aufgeräumt.) Die Kuriere werden fürstlich bewirthet.
Mohr. Hum! (Will gehen.)
Fiesco. Halt! Halt! Hier kommt Arbeit für dich die Fülle.
Mohr. Was steht zu Befehl? Die Nase des Spürers oder der Stachel des Skorpions?
Fiesco. Für jetzt des Lockvogels Schlag. Morgen früh werden zweitausend Mann verkappt zur Stadt hereinschleichen, Dienste bei mir zu nehmen. Vertheile du deine Handlanger an den Thoren herum, mit der Ordre, auf die eintretenden Passagiers ein wachsames Auge zu haben. Einige werden als ein Trupp Pilgrime kommen, die nach Loretto wallfahrten gehen, andre als Ordensbrüder, oder Savoyarden, oder Komödianten, wieder andre als Krämer, oder als ein Trupp Musikanten, die meisten als abgedankte Soldaten, die genuesisches Brod essen wollen. Jeder Fremde wird ausgefragt, wo er einstellet; antwortet er: zur goldenen Schlange, so muß man ihn freundlich grüßen und meine Wohnung bedeuten. Höre, Kerl! aber ich baue auf deine Klugheit.
Mohr. Herr! wie auf meine Bosheit. Entwischt mir ein Lock Haare, so sollt Ihr meine zwei Augen in eine Windbüchse laden und Sperlinge damit schießen. (Will fort.)
Fiesco. Halt! noch eine Arbeit. Die Galeeren werden der Nation
scharf in die Augen stechen. Merke auf, was davon die Rede wird.
Fragt dich Jemand, so hast du von Weitem murmeln gehört, daß dein
Herr damit Jagd auf die Türken mache. Verstehst du?
Mohr. Verstehe. Die Bärte der Beschnittenen liegen oben drauf. Was im Korb ist, weiß der Teufel. (Will fort.)
Fiesco. Gemach. Noch eine Vorsicht. Gianettino hat neuen Grund, mich zu hassen und mir Fallen zu stellen. Geh, beobachte deine Kameraden, ob du nicht irgendwo einen Meuchelmord witterst. Doria besucht die verdächtigen Häuser. Hänge dich an die Töchter der Freude. Die Geheimnisse des Cabinets stecken sich gern in die Falten eines Weiberrocks; versprich ihnen goldspeiende Kunden—versprich deinen Herrn. Nichts kann zu ehrwürdig sein, das du nicht in diesen Morast untertauchen sollst, bis du den festen Boden fühlst.
Mohr. Halt! Holla! Ich habe Eingang bei einer gewissen Diana
Bononi und bin gegen fünf Vierteljahr ihr Zuführer gewesen.
Vorgestern sah ich den Procurator Lomellino aus ihrem Hause kommen.
Fiesco. Wie gerufen. Eben der Lomellino ist der Hauptschlüssel zu allen Tollheiten Dorias. Gleich morgen früh mußt du hingehen. Vielleicht ist er heute Nacht dieser keuschen Luna Endymion.
Mohr. Noch ein Umstand, gnädiger Herr. Wenn mich die Genueser fragen—und ich bin des Teufels! das werden sie—wenn sie mich jetzt fragen: was denkt Fiesco zu Genua?—Werdet Ihr Eure Maske noch länger tragen, oder was soll ich antworten?
Fiesco. Antworten! Wart! Die Frucht ist ja zeitig. Wehen verkündigen die Geburt—Genua liege auf dem Block, sollst du antworten, und dein Herr heiße Johann Ludwig Fiesco.
Mohr (sich froh streckend). Was ich anbringen will, daß sich's gewaschen haben soll, bei meiner hundsföttischen Ehre!—Aber nun hell auf, Freund Hassan! In ein Weinhaus zuerst! Meine Füße haben alle Hände voll zu thun—und muß meinen Magen caressieren, daß er mir bei meinen Beinen das Wort redt. (Eilt ab, kommt aber schnell zurück.) A propos! Bald hätt' ich das verplaudert. Was zwischen Eurer Frau und Calcagno vorging, habt Ihr gern wissen mögen!—Ein Korb ging vor, Herr, und Das war Alles. (Läuft davon.)
Sechzehnter Auftritt
Fiesco bei sich.
Ich bedaure, Calcagno—Meinten Sie etwa, ich würden den empfindlichen Artikel meines Ehebetts Preis geben, wenn mir meines Weibes Tugend und mein eigener Werth nicht Handschrift genug ausgestellt hätten? Doch willkommen mit dieser Schwägerschaft. Du bist ein guter Soldat. Das soll mir deinen Arm zu Dorias Untergang kuppeln!—(Mit starkem Schritt auf und nieder.) Jetzt, Doria, mit mir auf den Kampfplatz! Alle Maschinen des großen Wagestücks sind im Gang. Zum schaudernden Concert alle Instrumente gestimmt. Nichts fehlt, als die Larve herabzureißen und Genuas Patrioten den Fiesco zu zeigen. (Man hört kommen.) Ein Besuch! Wer mag mich jetzt stören?
Siebzehnter Auftritt
Voriger. Verrina. Romano mit einem Tableau. Sacco. Bourgognino.
Calcagno. Alle verneigen sich.
Fiesco (ihnen entgegen, voll Heiterkeit). Willkommen, meine würdigen Freunde! Welche wichtige Angelegenheit führt Sie so vollzählig zu mir—Du auch da, theurer Bruder Verrina? Ich würde bald verlernt haben, dich zu kennen, wären meine Gedanken nicht fleißiger um dich, als meine Augen. War's nicht seit dem letzten Ball, daß ich meinen Verrina entbehrte?
Verrina. Zähl' ihm nicht nach, Fiesco. Schwere Lasten haben indeß sein graues Haar gebeugt. Doch genug hievon.
Fiesco. Nicht genug für die wißbegierige Liebe. Du wirst mir mehr sagen müssen, wenn wir allein sind. (Zu Bourgognino.) Willkommen, junger Held! Unsre Bekanntschaft ist noch grün, aber meine Freundschaft ist zeitig. Haben Sie Ihre Meinung von mir verbessert?
Bourgognino. Ich bin auf dem Wege.
Fiesco. Verrina, man sagt mir, daß dieser junge Cavalier dein
Tochtermann werden soll. Nimm meinen ganzen Beifall zu dieser Wahl.
Ich hab' ihn nur einmal gesprochen, und doch würd' ich stolz sein,
wenn er der meinige wäre.
Verrina. Dieses Urtheil macht mich eitel auf meine Tochter.
Fiesco (zu den Andern). Sacco? Calcagno?—Lauter seltne Erscheinungen in meinen Zimmern. Beinahe möchte ich mich meiner Dienstfertigkeit schämen, wenn Genuas edelste Zierden sie vorübergehen—Und hier begrüße ich einen fünften Gast, mir zwar fremd, doch empfohlen genug durch diesen würdigen Zirkel.
Romano. Es ist ein Maler schlechtweg, gnädiger Herr, Romano mit
Namen, der sich vom Diebstahl an der Natur ernährt, kein Wappen hat,
als seinen Pinsel, und nun gegenwärtig ist, (mit einer tiefen
Verbeugung) die große Linie zu einem Brutuskopfe zu finden.
Fiesco. Ihre Hand, Romano. Ihre Meisterin ist eine Verwandte meines
Hauses. Ich liebe sie brüderlich. Kunst ist die rechte Hand der
Natur. Diese hat nur Geschöpfe, jene hat Menschen gemacht. Was
malen Sie aber, Romano?
Romano. Scenen aus dem nervigten Alterthum. Zu Florenz steht mein sterbender Hercules, meine Kleopatra zu Venedig, der wüthende Ajax zu Rom, wo die Helden der Vorwelt—im Vatican wieder auferstehen.
Fiesco. Und was ist wirklich Ihres Pinsels Beschäftigung?
Romano. Er ist weggeworfen, gnädiger Herr. Das Licht des Genies
bekam weniger Fett, als das Licht des Lebens. Über einen gewissen
Punkt hinaus brennt nur die papierne Krone. Hier ist meine letzte
Arbeit.
Fiesco (aufgeräumt). Sie könnte nicht erwünschter gekommen sein. Ich bin heute ganz ungewöhnlich heiter, mein ganzes Wesen feiert eine gewisse heroische Ruhe, ganz offen für die schöne Natur. Stellen Sie Ihr Tableau auf. Ich will mir ein rechtes Fest daraus bereiten. Tretet herum, meine Freunde. Wir wollen uns ganz dem Künstler schenken. Stellen Sie Ihr Tableau auf.
Verrina (winkt den Andern). Nun merket auf, Genueser!
Romano (stellt das Gemälde zurecht). Das Licht muß von der Seite spielen. Ziehen Sie jenen Vorhang auf. Diesen lassen Sie fallen. Gut. (Er tritt auf die Seite.) Es ist die Geschichte der Virginia und des Appius Claudius.
(Lange ausdrucksvolle Pause, worin alle die Malerei betrachten.)
Verrina (in Begeisterung). Spritz zu, eisgrauer Vater!—Zuckst du,
Tyrann?—Wie so bleich steht ihr Klötze Römer—ihm nach, Römer—das
Schlachtmesser blinkt—Mir nach, Klötze Genueser—Nieder mit Doria!
Nieder! nieder! (Er haut gegen das Gemälde.)
Fiesco (lächelnd zum Maler.) Fordern Sie mehr Beifall? Ihre Kunst macht diesen alten Mann zum bartlosen Träumer.
Verrina (erschöpft). Wo bin ich? Wo sind sie hingekommen? Weg, wie
Blasen? Du hier, Fiesco? Der Tyrann lebt noch, Fiesco?
Fiesco. Siehst du? Über vielem Sehen hast du die Augen vergessen.
Diesen Römerkopf findest du bewundernswerth? Weg mit ihm! Hier das
Mädchen blick' an! Dieser Ausdruck, wie weich, wie weiblich! Welche
Anmuth auch aus den welkenden Lippen? Welche Wollust im
verlöschenden Blick?—Unnachahmlich! göttlich, Romano!—Und noch die
weiße, blendende Brust, wie angenehm noch von des Athems letzten
Wellen gehoben! Mehr solche Nymphen, Romano, so will ich vor Ihren
Phantasieen knieen und der Natur einen Scheidebrief schreiben.
Bourgognino. Verrina, ist das deine gehoffte herrliche Wirkung?
Verrina. Fasse Muth, Sohn. Gott verwarf den Arm des Fiesco, er muß auf den unsrigen rechnen.
Fiesco (zum Maler). Ja, es ist Ihre letzte Arbeit, Romano. Ihr Markt ist erschöpft. Sie rühren keinen Pinsel mehr an. Doch über des Künstlers Bewunderung vergess' ich das Werk zu verschlingen. Ich könnte hier stehen und hingaffen und ein Erdbeben überhören. Nehmen Sie Ihr Gemälde weg. Sollt' ich Ihnen diesen Virginiakopf bezahlen, müßt' ich Genua in Versatz geben. Nehmen Sie weg.
Romano. Mit Ehre bezahlt sich der Künstler. Ich schenke es Ihnen.
(Er will hinaus.)
Fiesco. Eine kleine Geduld, Romano. (Er geht mit majestätischem Schritt im Zimmer und scheint über etwas Großes zu denken. Zuweilen betrachtet er die Andern fliegend und scharf, endlich nimmt er den Maler bei der Hand, führt ihn vor das Gemälde.) Tritt her, Maler! (Äußerst stolz und mit Würde.) So trotzig stehst du da, weil du Leben auf todten Tüchern heuchelst und große Thaten mit kleinem Aufwand verewigst. Du prahlst mit Poetenhitze, der Phantasie marklosem Marionettenspiel, ohne Herz, ohne thatenerwärmende Kraft; stürzest Tyrannen auf Leinwand;—bist selbst ein elender Sklave? Machst Republiken mit einem Pinsel frei;—kannst deine eignen Ketten nicht brechen? (Voll und befehlend.) Geh! Deine Arbeit ist Gaukelwerk—der Schein weiche der That—(Mit Größe, indem er das Tableau umwirft.) Ich habe gethan, was du—nur maltest. (Alle erschüttert. Romano trägt sein Tableau mit Bestürzung fort.)
Achtzehnter Auftritt
Fiesco. Verrina. Bourgognino. Sacco. Calcagno.
Fiesco (unterbricht eine Pause des Erstaunens). Dachtet ihr, der Löwe schliefe, weil er nicht brüllte? Waret ihr eitel genug, euch zu überreden, daß ihr die Einzigen wäret, die Genuas Ketten fühlten? die Einzigen, die sie zu zerreißen wünschten? Eh ihr sie nur fern rasseln hörtet, hatte sie schon Fiesco zerbrochen. (Er öffnet die Schatulle, nimmt ein Paket Briefe heraus, die er alle über die Tafel spreitet.) Hier Soldaten von Parma—hier französisches Geld—hier vier Galeeren vom Papst. Was fehlt noch, einen Tyrannen in seinem Nest aufzujagen? Was wißt ihr noch zu erinnern? (Da sie alle erstarrt schweigen, tritt er von der Tafel mit Selbstgefühl.) Republikaner, ihr seid geschickter, Tyrannen zu verfluchen, als sie in die Luft zu sprengen. (Alle, außer Verrina, werfen sich sprachlos Fiesco zu Füßen.)
Verrina. Fiesco!—Mein Geist neigt sich vor dem deinigen—mein Knie kann es nicht—Du bist ein großer Mensch!—aber—Steht auf, Genueser.
Fiesco. Ganz Genua ärgerte sich an dem Weichling Fiesco. Ganz Genua fluchte über den verbuhlten Schurken Fiesco. Genueser! Genueser! Meine Buhlerei hat den arglistigen Despoten betrogen, meine Tollheit hat eurem Fürwitz meine gefährliche Weisheit verhüllt. In den Windeln der Üppigkeit lag das erstaunliche Werk der Verschwörung gewickelt. Genug. Genua kennt ich in euch. Mein ungeheuerster Wunsch ist befriedigt.
Bourgognino (wirft sich unmuthig in einen Sessel). Bin ich denn gar nichts mehr?
Fiesco. Aber laßt uns schleunig von Gedanken zu Thaten gehn. Alle Maschinen sind gerichtet. Ich kann die Stadt von Land und Wasser bestürmen. Rom, Frankreich und Parma bedecken mich. Der Adel ist schwierig. Des Pöbels Herzen sind mein. Die Tyrannen hab' ich in Schlummer gesungen. Die Republik ist zu einem Umgusse zeitig. Mit dem Glück sind wir fertig. Nichts fehlt—Aber Verrina ist nachdenkend?
Bourgognino. Geduld. Ich hab' ein Wörtchen, das ihn rascher aufschrecken soll, als des jüngsten Tages Posaunenruf. (Er tritt zu Verrina, ruft ihm bedeutend zu.) Vater, wach' auf! Deine Bertha verzweifelt.
Verrina. Wer sprach das?—Zum Werk, Genueser!
Fiesco. Überlegt den Entwurf zur Vollstreckung. Über dem ernsten
Gespräch hat uns die Nacht überrascht. Genua liegt schlafen. Der
Tyrann fällt erschöpft von den Sünden des Tages nieder. Wachet für
beide!
Bourgognino. Eh wir scheiden, laßt uns den heldenmüthigen Bund durch eine Umarmung beschwören. (Sie schließen mit verschränkten Armen einen Kreis.) Hier wachsen Genuas fünf größte Herzen zusammen, Genuas größtes Loos zu entscheiden. (Drücken sich inniger.) Wenn der Welten Bau auseinander fällt und der Spruch des Gerichts auch die Bande des Bluts, auch der Liebe zerschneidet, bleibt dieses fünffache Heldenblatt ganz! (Treten auseinander.)
Verrina. Wann versammeln wir uns wieder?
Fiesco. Morgen Mittag will ich eure Meinungen sammeln.
Verrina. Morgen Mittag denn. Gute Nacht, Fiesco! Bourgognino, komm!
Du wirst etwas Seltsames hören. (Beide ab.)
Fiesco (zu den Andern). Geht ihr zu den Hinterthoren hinaus, daß
Dorias Spionen nichts merken. (Alle entfernen sich.)
Neunzehnter Auftritt
Fiesco, der nachdenkend auf und nieder geht.
Welch ein Aufruhr in meiner Brust! welche heimliche Flucht der Gedanken—Gleich verdächtigen Brüdern, die auf eine schwarze That ausgehen, auf den Zehen schleichen und ihr flammroth Gesicht furchtsam zu Boden schlagen, stehlen sich die üppigen Phantome an meiner Seele vorbei—Haltet! haltet! Laßt mich euch ins Angesicht leuchten—ein guter Gedanke stählet des Mannes Herz und zeigt sich heldenmäßig dem Tage.—Ha! ich kenne euch!—das ist die Liverei des ewigen Lügners—verschwindet! (Wieder Pause, darauf lebhafter.) Republikaner Fiesco? Herzog Fiesco?—Gemach—Hier ist der gähe Hinuntersturz, wo die Mark der Tugend sich schließt, sich scheiden Himmel und Hölle—Eben hier haben Helden gestrauchelt, und Helden sind gesunken, und die Welt belagert ihren Namen mit Flüchen—Eben hier haben Helden gezweifelt, und Helden sind still gestanden und Halbgötter geworden—(Rascher.) Daß sie mein sind, die Herzen von Genua? Daß von meinen Händen dahin, dorthin sich gängeln läßt das furchtbare Genua?—O über die schlaue Sünde, die einen Engel vor jeden Teufel stellt—Unglückselige Schwungsucht! uralte Buhlerei! Engel küßten an deinem Halse den Himmel hinweg, und der Tod sprang aus deinem kreißenden Bauche—(Sich schaudernd schüttelnd.) Engel fingst du mit Sirenentrillern von Unendlichkeit—Menschen angelst du mit Gold, Weibern und Kronen! (Nach einer nachdenkenden Pause, fest.) Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich. (Entschlossen.) Geh unter, Tyrann! Sei frei, Genua, und ich (sanft geschmolzen) dein glücklichster Bürger!
Dritter Aufzug
Furchtbare Wildniß.
Erster Auftritt
Verrina. Bourgognino kommen durch die Nacht.
Bourgognino (steht still.)A wohin führst du mich, Vater? Der dumpfe
Schmerz, womit du mich abriefst, keucht noch immer aus deinem
arbeitenden Odem. Unterbrich dieses grauenvolle Schweigen. Rede.
Ich folge nicht weiter.
Verrina. Das ist der Ort.
Bourgognino. Der schrecklichste, den du auffinden konntest. Vater, wenn Das, was du hier vornehmen wirst, dem Orte gleich sieht, Vater, so werden meine Haarspitzen aufwärts springen.
Verrina. Doch blühet das, gegen die Nacht meiner Seele. Folge mir dahin, wo die Verwesung Leichname morsch frißt, und der Tod seine schaudernde Tafel hält—dahin, wo das Gewinsel verlorner Seelen Teufel belustigt, und des Jammers undankbare Thränen im durchlöcherten Sieb der Ewigkeit ausrinnen—dahin, mein Sohn, wo die Welt ihre Losung ändert, und die Gottheit ihr allgütiges Wappen bricht—dort will ich zu dir durch Verzerrungen sprechen, und mit Zähneklappern wirst du hören.
Bourgognino. Hören? Was? ich beschwöre dich.
Verrina. Jüngling! ich fürchte—Jüngling, dein Blut ist rosenroth—dein Fleisch ist milde geschmeidig; dergleichen Naturelle fühlen menschlich weich; an dieser empfindenden Flamme schmilzt meine grausame Weisheit. Hätte der Frost des Alters oder der bleierne Gram den fröhlichen Sprung deiner Geister gestellt—hätte schwarzes, klumpigtes Blut der leidenden Natur den Weg zum Herzen gesperrt, dann wärst du geschickt, die Sprache meines Grams zu verstehen und meinen Entschluß anzustaunen.
Bourgognino. Ich werde ihn hören und mein machen.
Verrina. Nicht darum, mein Sohn—Verrina wird damit dein Herz verschonen. O Scipio, schwere Lasten liegen auf dieser Brust—ein Gedanke, grauenvoll, wie die lichtscheue Nacht—ungeheuer genug, eine Mannsbrust zu sprengen—Siehst du? Allein will ich ihn vollführen—allein tragen kann ich ihn nicht. Wenn ich stolz wäre, Scipio, ich könnte sagen, es ist eine Qual, der einzige große Mann zu sein—Größe ist dem Schöpfer zur Last gefallen, und er hat Geister zu Vertrauten gemacht—Höre, Scipio-Bourgognino. Meine Seele verschlingt die deinige.
Verrina. Höre, aber erwiedre nichts. Nichts, junger Mensch! Hörst du? Kein Wort sollst du drauf sagen—Fiesco muß sterben!
Bourgognino (mit Bestürzung). Sterben? Fiesco?
Verrina. Sterben!—Ich danke dir, Gott! es ist heraus—Fiesco sterben, Sohn, sterben durch mich!—Nun geh—es gibt Thaten, die sich keinem Menschen-Urtheil mehr unterwerfen—nur den Himmel zum Schiedsmann erkennen—Das ist eine davon. Geh. Ich will weder deinen Tadel, noch deinen Beifall. Ich weiß, was sie mich kostet, und damit gut. Doch höre—du könntest dich wohl gar wahnsinnig daran denken—Höre—sahest du ihn gestern in unsrer Bestürzung sich spiegeln?—Der Mann, dessen Lächeln Italien irre führte, wird er seines Gleichen in Genua dulden?—Geh. Den Tyrannen wird Fiesco stürzen, das ist gewiß! Fiesco wird Genuas gefährlichster Tyrann werden, das ist gewisser! (Er geht schnell ab. Bourgognino blickt ihm staunend und sprachlos nach, dann folgt er ihm langsam.)
Zweiter Auftritt
Saal bei Fiesco.
In der Mitte des Hintergrunds eine große Glasthüre, die den Prospect über das Meer und Genua öffnet. Morgendämmerung.—Fiesco vom Fenster.
Was ist das?—der Mond ist unter—Der Morgen kommt feurig aus der See—Wilde Phantasieen haben meinen Schlaf aufgeschwelgt—mein ganzes Wesen krampfig um eine Empfindung gewälzt—Ich muß mich im Offenen dehnen. (Er macht die Glasthüre auf. Stadt und Meer von Morgenroth überflammt. Fiesco mit starken Schritten im Zimmer.) Daß ich der größte Mann bin im ganzen Genua? und die kleineren Seelen sollten sich nicht unter die große versammeln?—Aber ich verletze die Tugend? (steht still.) Tugend?—Der erhabene Kopf hat andre Versuchungen, als der gemeine—Sollt' er Tugend mit ihm zu theilen haben?—Der Harnisch, der des Pygmäen schmächtigen Körper zwingt, sollte der einem Riesenleib anpassen müssen?
Die Sonne geht auf über Genua.
Diese majestätische Stadt! (Mit offenen Armen dagegen eilend.) Mein! —und drüber emporzuflammen, gleich dem königlichen Tag—drüber zu brüten mit Monarchenkraft—all die kochenden Begierden—all die nimmersatten Wünsche in diesem grundlosen Ocean unterzutauchen?— Gewiß! Wenn auch des Betrügers Witz den Betrug nicht adelt, so adelt doch der Preis den Betrüger. Es ist schimpflich, eine Börse zu leeren—es ist frech, eine Million zu veruntreuen, aber es ist namenlos groß, eine Krone zu stehlen. Die Schande nimmt ab mit der wachsenden Sünde. (Pause, dann mit Ausdruck.) Gehorchen!— Herrschen!—ungeheure schwindlichte Kluft—Legt Alles hinein, was der Mensch Kostbares hat—eure gewonnenen Schlachten, Eroberer— Künstler, eure unsterblichen Werke—eure Wollüste, Epikure—eure Meere und Inseln, ihr Weltumschiffer! Gehorchen und Herrschen!— Sein und Nichtsein! Wer über den schwindlichten Graben vom letzten Seraph zum Unendlichen setzt, wird auch diesen Sprung ausmessen. (Mit erhabenem Spiel.) Zu stehen in jener schrecklich erhabenen Höhe—niederzuschmollen in der Menschlichkeit reißenden Strudel, wo das Rad der blinden Betrügerin Schicksale schelmisch wälzt— den ersten Mund am Becher der Freude—tief unten den geharnischten Riesen Gesetz am Gängelbande zu lenken—schlagen zu sehen unvergoltene Wunden, wenn sein kurzarmiger Grimm an das Geländer der Majestät ohnmächtig poltert—die unbändigen Leidenschaften des Volks, gleich so viel strampfenden Rossen, mit dem weichen Spiele des Zügels zu zwingen—den emporstrebenden Stolz der Vasallen mit einem—einem Athemzug in den Staub zu legen, wenn der schöpferische Fürstenstab auch die Träume des fürstlichen Fiebers ins Leben schwingt.—Ha! welche Vorstellung, die den staunenden Geist über seine Linien wirbelt!—Ein Augenblick Fürst hat das Mark des ganzen Daseins verschlungen. Nicht der Tummelplatz des Lebens—sein Gehalt bestimmt seinen Werth. Zerstücke den Donner in seine einfachen Silben, und du wirst Kinder damit in den Schlummer singen; schmelze sie zusammen in einen plötzlichen Schall, und der monarchische Laut wird den ewigen Himmel bewegen—Ich bin entschlossen! (Heroisch auf und nieder.)
Dritter Auftritt
Voriger. Leonore tritt herein mit merklicher Angst.
Leonore. Vergeben Sie, Graf. Ich fürchte, Ihre Morgenruhe zu stören.
Fiesco (tritt höchst betreten zurück.) Gewiß, gnädige Frau, Sie überraschen mich seltsam.
Leonore. Das begegnet nur den Liebenden nie.
Fiesco. Schöne Gräfin, Sie verrathen Ihre Schönheit an den feindlichen Morgenhauch.
Leonore. Auch wüßt' ich nicht, warum ich den wenigen Rest für den
Gram schonen sollte.
Fiesco. Gram, meine Liebe? Stand ich bisher im Wahn, Staaten nicht umwühlen wollen, hieße Gemüthsruhe?
Leonore. Möglich—Doch fühl' ich, daß meine Weiberbrust unter dieser Gemüthsruhe bricht. Ich komme, mein Herr, Sie mit einer nichtsbedeutenden Bitte zu belästigen, wenn Sie Zeit für mich wegwerfen möchten. Seit sieben Monaten hatt' ich den seltsamen Traum, Gräfin von Lavagna zu sein. Er ist verflogen. Der Kopf schmerzt mir davon. Ich werden den ganzen Genuß meiner unschuldigen Kindheit zurückrufen müssen, meine Geister von diesem lebhaften Phantome zu heilen. Erlauben Sie darum, daß ich in die Arme meiner guten Mutter zurückkehre?
Fiesco (äußerst bestürzt). Gräfin?
Leonore. Es ist ein schwaches, verzärteltes Ding, mein Herz, mit dem Sie Mitleiden haben müssen. Auch die geringsten Andenken des Traums könnten meiner kranken Einbildung Schaden thun. Ich stelle deßwegen die letzten überbliebenen Pfänder ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück. (Sie legt einige Galanterieen auf ein Tischchen.) Auch diesen Dolch, der mein Herz durchfuhr—(seinen Liebesbrief) auch diesen—und (indem sie sich laut weinend hinausstürzen will) behalte nichts, als die Wunde!
Fiesco (erschüttert, eilt ihr nach, hält sie auf). Leonore! Welch ein Auftritt! Um Gotteswillen!
Leonore (fällt matt in seinen Arm). Ihre Gemahlin zu sein, hab' ich nicht verdient, aber Ihre Gemahlin hätte Achtung verdient—Wie sie jetzt zischen, die Lästerzungen! Wie sie auf mich herabschielen, Genuas Damen und Mädchen! »Seht, wie sie wegblüht, die Eitle, die den Fiesco heirathete.«—Grausame Ahndung meiner weiblichen Hoffart! Ich hatte mein ganzes Geschlecht verachtet, da mich Fiesco zum Brautaltar führte.
Fiesco. Nein, wirklich, Madonna! dieser Auftritt ist sonderbar.
Leonore. Ah, erwünscht. Er wird blaß und roth. Jetzt bin ich muthig.
Fiesco. Nur zwei Tage, Gräfin, und dann richten Sie mich.
Leonore. Aufgeopfert!—Laß mich es nicht vor dir aussprechen, jungfräuliches Licht! Aufgeopfert einer Buhlerin. Nein, sehen Sie mich an, mein Gemahl! Wahrhaftig, die Augen, die ganz Genua in knechtisches Zittern jagen, müssen sich jetzt vor den Thränen eines Weibes verkriechen.-Fiesco (äußerst verwirrt). Nicht mehr, Signora. Nicht weiter.
Leonore (mit Wehmuth und etwas bitter). Ein schwaches Weiberherz zu zerfleischen! O es ist des starken Geschlechts so würdig.—Ich warf mich in die Arme dieses Mannes. An diesen Starken schmiegten sich wollüstig alle meine weiblichen Schwächen. Ich übergab ihm meinen ganzen Himmel—Der großmüthige Mann verschenkte ihn an eine-Fiesco (stürzt ihr mit Heftigkeit ins Wort). Meine Leonore! nein-Leonore. Meine Leonore?—Himmel, habe Dank! das war wieder echter Goldklang der Liebe. Hassen sollt' ich dich, Falscher, und werfe mich hungrig auf die Brosamen deiner Zärtlichkeit—Hassen? Sagte ich hassen, Fiesco? O glaub' es nicht! Sterben lehrt mich dein Meineid, aber nicht hassen. Mein Herz ist betrogen. (Man hört den Mohren.)
Fiesco. Leonore, erfüllen Sie mir eine kleine kindische Bitte.
Leonore. Alles, Fiesco, nur nicht Gleichgültigkeit.
Fiesco. Was Sie wollen, wie Sie wollen—(Bedeutend.) Bis Genua um zwei Tage älter ist, fragen Sie nicht, verdammen Sie nicht! (Er führt sie mit Anstand in ein anderes Zimmer.)
Vierter Auftritt
Mohr keuchend. Fiesco.
Fiesco. Woher so in Athem?
Mohr. Geschwind, gnädiger Herr-Fiesco. Ist was ins Garn gelaufen?
Mohr. Lest diesen Brief. Bin ich denn wirklich da? Ich glaube, Genua ist um zwölf Gassen kürzer worden, oder meine Beine um so viel länger. Ihr verblaßt? Ja, um Köpfe werden sie karten, und der Eure ist Tarock. Wie gefällt's Euch?
Fiesco (wirft den Brief erschüttert auf den Tisch). Krauskopf und zehn Teufel! wie kommst zu diesem Brief?
Mohr. Ungefähr wie—Euer Gnaden zur Republik. Ein Expresser sollte damit nach Levanto fliegen! Ich wittre den Fraß, laure dem Burschen in einem Hohlweg auf. Baff, liegt der Marder—wir haben das Huhn.
Fiesco. Sein Blut über dich! Der Brief ist nicht mit Gold zu bezahlen.
Mohr. Doch dank' ich für Silber. (Ernsthaft und wichtig.) Graf von
Lavagna! Ich habe neulich einen Gelust nach Eurem Kopf gehabt.
(Indem er auf den Brief deutet.) Hier wär' er wieder—Jetzt, denk'
ich, wären gnädiger Herr und Halunke quitt. Fürs Weitere könnt Ihr
Euch beim guten Freund bedanken. (Reicht ihm einen zweiten Zettel.)
Numero zwei.
Fiesco (nimmt das Blatt mit Erstaunen). Wirst du toll sein?
Mohr. Numero zwei. (Er stellt sich trotzig neben ihn, stemmt den
Ellenbogen an.) Der Löwe hat's doch so dumm nicht gemacht, daß er die
Maus pardonnierte? (Arglistig.) Gelt! er hat's schlau gemacht, wer
hätt ihn auch sonst aus dem Garne genagt?—Nun? Wie behagt Euch das?
Fiesco. Kerl, wie viel Teufel besoldest du?
Mohr. Zu dienen—nur einen, und der steht in gräflichem Futter.
Fiesco. Dorias eigene Unterschrift!—Wo bringst du das Blatt her?
Mohr. Warm aus den Händen meiner Bononi. Ich machte mich noch die gestrige Nacht dahin, ließ Eure schönen Worte und Eure noch schönern Zechinen klingen. Die letzten drangen durch. Früh sechs sollt' ich wieder anfragen. Der Graf war richtig dort, wie Ihr sagtet, und bezahlte mit Schwarz und Weiß das Weggeld zu einem contrebandenen Himmelreich.
Fiesco (aufgebracht). Über die feilen Weiberknechte!—Republiken wollen sie stürzen, können keiner Metze nicht schweigen. Ich sehe aus diesen Papieren, daß Doria und sein Anhang Komplott gemacht haben, mich mit eilf Senatoren zu ermorden und Gianettino zum souveränen Herzog zu machen.
Mohr. Nicht anders, und das schon am Morgen der Dogewahl, dem dritten des Monats.
Fiesco (rasch.) Unsere flinke Nacht soll diesen Morgen in Mutterleibe
erwürgen—Geschwind, Hassan—meine Sachen sind reif—Rufe die
Andern—wir wollen ihnen einen blutigen Vorsprung machen—Tummle dich,
Hassan!
Mohr. Noch muß ich Euch meinen Schubsack von Zeitungen stürzen. Zweitausend Mann sind glücklich hereinprakticiert. Ich habe sie bei den Kapuzinern untergebracht, wo auch kein vorlauter Sonnenstrahl sie ausspionieren soll. Sie brennen vor Neugier, ihren Herrn zu sehen, und es sind treffliche Kerl.