[Der junge Hasselstein tritt ein.]
Alle Damen [strecken ihm lebhaft die Hände entgegen]. Ach, da kommt unser lieber, unser berühmter Südpolforscher! Willkommen, Willkommen!
Hans Georg [küßt jeder der Damen die Hand]. Ich bitte sich nicht stören zu lassen.
Krickenfeld [süß]. Lieber Herr Professor, wer kann von einer Störung sprechen – wir sind entzückt Sie wiederzusehen. [Es wird mit viel Lärm ausgezahlt.]
Holzheim. Von einer Störung kann hier gar nicht die Rede sein, wir haben uns ja schon so sehr auf das Wiedersehen gefreut.
Zungrapp [ihm mit dem Finger drohend]. Bei mir ist mein alter Freund noch nicht gewesen!
Hans Georg [während die Damen aufbrechen]. Ich werde nicht verfehlen – ich war nur so überaus in Anspruch genommen.
Zungrapp [lächelnd]. Ich kann es mir wohl denken – alle Professoren und – man hat immer auch andere Bekanntschaften –
Krickenfeld [sie beim Arm fassend]. Liebe Emilie, die Frau Oberst muß sich danach sehnen mit Ihrem gefeierten Sohne ein wenig zu plaudern. Da sind wir überflüssig. Komm!
Holzheim [während ihr Hans Georg in den Mantel hilft]. Ach so ein in Liebe pochendes Mutterherz! Aber wie hübsch er geworden ist! [Ihn von allen Seiten betrachtend, einschmeichelnd.] Darf ich Ihnen als alte, gute Freundin einen Kuß geben?
Zungrapp [ihn betrachtend, während Fr. Holzheim ihn küßt]. Und was für einen schmucken Schnurrbart er hat! Er ist nicht umsonst am Südpol gewesen! Das nächste Mal aber, beste Frau Oberst, bringe ich mein bescheidenes Abendbrot mit und werde dann Ihren hochinteressanten Sohn mit Fragen bestürmen. – Sie ahnen ja nicht, welches tiefe Interesse mich durchglüht, Sie lieber Herr Professor, von Ihnen die nähere Beschreibung der Paradiesvögel zu erhalten, die am Südpol –
Hans Georg [trocken]. Paradiesvögel gibt es leider keine in der Antarktis, meine Gnädigste!
Zungrapp [verwundert]. Nicht? Was Sie nicht sagen? Ich meine jene Vögel, die immer auf zwei Beinen gehen.
Hans Georg [leise]. Ja, auf vier können sie nicht leicht gehen. [Laut.] Gnädige Frau meinen wohl –
Krickenfeld [lebhaft]. – die antarktischen Pelikane. Von denen habe ich auch gelesen. [Sie knöpft eifrig ihre Handschuhe zu, die anderen Damen haben auch umständlich eine Menge Kleider und Pelzsachen angelegt.]
Hans Georg [lächelnd]. Gnädigste sprechen gewiß von den Pinguinen.
Krickenfeld [triumphierend]. Siehst du, liebste Emilie, ich hatte es erraten – mit »P« wenigstens fängt auch mein Wort an.
Holzheim [neugierig]. Nun behalten wir Sie wohl in in unserem schönen Kringhausen, nicht wahr, Herr Professor! Beim Mamatscherl ist's eben am besten!
Hans Georg [die Stirne runzelnd]. Ich hoffe bleibend bei Mama verweilen zu können – indessen hängt dies noch von einigen anderen Umständen ab.
Krickenfeld [mahnend]. Führen Sie nur auch bald ein nettes Frauchen heim. Ach, Sie Herzenstöter! [Sie droht ihm lächelnd mit dem Finger.] Ich kenne mehr als ein Mädchen, das nur von Ihnen träumt. Ha, ha, ha!
Hans Georg [ernst]. Gnädige Frau belieben zu scherzen – ich kenne nur eins!
Holzheim [die Hand auf seinen Arm legend]. Wählen Sie sich nur ein häusliches, wohlerzogenes –
Zungrapp [mit Nachdruck]. – ein Mädchen mit tadellosem Rufe – das ist immer Hauptbedingung, hier, wo man eben in mancher Beziehung noch so unmodern ist.
Krickenfeld [lebhaft]. Etwas Mitgift ist auch ein sehr wünschenswerter Faktor –
Zungrapp [abwehrend]. Letzteres spielt bei unserem Jungchen [schelmisch] Pardon! Pardon! so darf man eine angehende Berühmtheit wohl nicht nennen –
Hans Georg [verbeugt sich kalt]. Bitte sehr, gnädige Frau!
[Alle Damen reichen nun zuerst Frau Hasselstein und hierauf ihrem Sohne die Hand, die er küßt. Abschiedsworte fliegen durcheinander, ein großer Lärm entsteht. Mutter und Sohn begleiten die Gäste bis zur Tür zur Rechten.]
Krickenfeld [zu Hans Georg]. Stets willkommen bei mir, Herr Professor!
Zungrapp [lächelnd]. Nur auf baldige Brautschau ausgegangen! Ein junger Mann braucht ein Heim.
Holzheim [ruft von der Schwelle zurück]. Und nur die Warnungen der lieben Mama hübsch beherzigt!
[Mutter und Sohn allein.]
Hans Georg [führt seine Mutter zu einem Lehnstuhl zur Linken, legt einen Polster für sie zurecht, schiebt einen kleinen Fußstuhl unter die Füße und bleibt dann, gegen die Kredenz im Hintergrund gelehnt stehen.] Seit meiner Heimkehr ist es mir noch nicht gelungen ein einziges trauliches Plauderstündchen mit dir zu halten und dennoch habe ich so vieles auf dem Herzen, das alles bald besprochen werden muß.
Hasselstein [mit Stolz auf den hübschen jungen Mann blickend]. Sprich, mein Kind, ich bin begierig deine Pläne zu hören!
Hans Georg [ernst]. Mutter! Es handelt sich um meine ganze Zukunft, um mein Glück! Als ich vor mehr als zwei Jahren der Heimat den Rücken kehrte, so geschah es, wie du dich erinnern wirst in zweiter Linie um mein Wissen zu vergrößern, Abenteuer zu bestehen, neue Entdeckungen zu machen – Ich wagte mein Leben in unerforschten, unwirtlichen Gegenden –
Hasselstein [erregt]. Welche Sorge habe ich um dich, liebster Hans ausgestanden, wieviel Tränen –
Hans Georg [ernst]. Ich weiß es, Mama! Ich habe oft gewünscht, daß ich dir alle diese Leiden und Sorgen hätte ersparen können, aber eine Trennung war notwendig – [leiser] – für uns beide. Ich zog aus um neue Horizonte zu finden und dadurch auch neue, reinere, nachsichtigere Anschauungen zu gewinnen, um dir, liebes Mutterl, Zeit zu geben die Liebe zu deinem Sohne auf die Probe zu stellen, um dich in den Stand zu setzen dich allmählich von der Wahrheit meiner Worte mit bezug auf eine mir teure Person zu überzeugen und um einst heimkehren zu können in ein Heim, von denen die Schatten engherziger Beurteilung gewichen, – gewichen, auf daß Nachsicht, Liebe und Vertrauen dort ihren Einzug halten. Auch ich habe sowohl mein Herz als auch meine innerste Ueberzeugung zu prüfen Zeit gehabt – lange, ja lange sind die Stunden der düsteren Polarnacht und oft lag ich überlegend, prüfend, erwägend im Schlafsack, wenn der süße, traum- und sorgenlose Schlummer sich lange schon auf meine glücklicheren Kameraden gesenkt hatte. Ich prüfte mich, Mutter, und weiß, daß mein Entschluß unwiderruflich, daß Berta für meine Zukunft die beste Gefährtin, zu meinem Lebensglücke unerläßlich ist. Wie vor zwei Jahren bitte ich dich heute: Lass' mich sie, die mir schon seit Jahren teuer, zu dir bringen – finde statt eines Kindes zwei! [Weich.] Zwei die dich lieben, zwei die für dich sorgen, zwei die alles aufbieten werden dir dein Alter zu verschönen, deinen Lebensabend friedvoll und heiter zu gestalten!
Hasselstein [erregt]. Ach, Hans Georg! Nach all meinen Bitten –
Hans Georg [ernst nähertretend]. Es handelt sich um mein Glück, Mutter!
Hasselstein [seufzend]. Du weißt, daß ich stets nur an dein Wohl, dein Bestes denke!
Hans Georg [weich]. Ich weiß es Mütterchen! Aber du darfst nicht vergessen, daß die Zeiten sich ändern, daß die Anschauungen der heutigen Jugend notwendigerweise von denen, die verwichen vor vierzig Jahren geherrscht, verschieden sind. Wir gehen gottlob einer aufgeklärten Epoche entgegen, einer milder denkenden, verständnisvolleren und daher auch einer nachsichtigeren –
Hasselstein [heftig, sich aufrichtend]. Recht wird immer Recht, Unrecht eben Unrecht bleiben, Hans Georg! Die heutige Jugend genießt größere – [sie seufzt und schweigt einen Augenblick] – vielleicht allzu große Freiheit, aber der Ruf eines Mädchens bleibt heute wie vor vierzig Jahren ihr größter Schatz, der Prüfstein ihres Wertes!
Hans Georg [bitter]. Selbst wenn sie den Verlust desselben einem gewissenlosen Schurken und nicht eigener Schuld verdankt?
Hasselstein [das Haupt schüttelnd]. So ein Fall ist ein großes Unglück für das Mädchen – aber – in den Augen der Welt –
Hans Georg [mit wachsender Erregung]. Und woraus besteht diese »Welt«? Aus einigen beschäftigungslosen Pensionisten, vielen alten Klatschweibern und wenigen gedankenlosen Nachplapperern dieser beiden Kategorien – Menschen, von denen die erste Gattung das Füttern der Vögel im Stadtparke und die zweite das Amfenstersitzen und Kartenspielen zur Hauptbeschäftigung hat. Und über ihr Urteil kannst du dich deines einzigen Sohnes willen, der nur wie durch ein Wunder überhaupt zurückkehrte, nicht hinwegsetzen?
Hasselstein [betrübt]. Mein Sohn! Die Welt besteht aus allen jenen Menschen, mit denen wir zusammentreffen, in deren Mitte wir leben müssen.
Hans Georg [die Brauen hochziehend]. Müssen? Man kann unliebsamen Personen aus dem Wege gehen.
Hasselstein [müde]. Einigen vielleicht – doch nicht allen. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier und wir sind daher der öffentlichen Meinung unterworfen.
Hans Georg [erregt auf und abgehend]. Ist es also besser sich selbst unglücklich zu machen als der sogenannten öffentlichen Meinung mutig die Stirne zu bieten?
Hasselstein. Törichtes Kind! Glaubst du, daß dein Glück von Dauer sein würde, so du der Achtung deiner Mitmenschen beraubt wärest?
Hans Georg [wirft stolz das Haupt zurück]. Vorurteile muß man eben bekämpfen – der Anfang mag schwer, der Erfolg ein langsamer sein, aber endlich muß der Sieg errungen werden!
Hasselstein [ernst]. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – ein Fall verändert noch nicht lange die traditionell gewordenen Gesetze von Jahrhunderten, die in Fleisch und Blut des Volkes übergegangen sind. [weich und bittend.] Ach, Hans Georg, lasse dich hier als Gymnasialprofessor nieder, wähle dir ein Mädchen aus gutem Hause und von tadellosem Rufe –
Hans Georg [bitter]. – und führe ein Spießbürgerleben anseiten einer ungeliebten aber in den Augen der guten Kringhäusler hochachtbaren Frau – danke!
Hasselstein [weich]. Mein Jungchen! [Nach einer kurzen Pause.] Sag' mir, du mein Leben, mein Stolz, meine Freude, daß du auf deine alte Mutter hören willst, daß du nicht ernstlich daran denkst diese – diese Berta Heller – zu heiraten. Beim Andenken deines verstorbenen Vaters beschwöre ich dich –
Hans Georg [sinkt vor seiner Mutter in die Knie, stützt sich auf ihren Schoß und blickt zärtlich in ihr Antlitz]. Lassen wir Vater – er genießt die Ruhe, um die ich ihn oft beneidet habe! [weich und bittend]. Kannst du es wirklich nicht über dich gewinnen den Kringhäuslern um meinetwegen zu trotzen? Hast du, während ich begraben unter Eis und Schnee, fern – – ach, so fern von dir – ein gefahrvolles Leben führte, stets bereit vom Schauplatze irdischer und meist leider so nichtiger Kämpfe zu anderen Sphären berufen zu werden, hast du da nie gedacht, wie es sein würde, wenn ich nie wiederkäme, wenn ein Mitglied der Expedition dir statt des gesunden Sohnes die Nachricht seines frühen Todes zugeführt hätte, wenn du deinen Lebensabend einsam hier verleben müßtest, – ohne daß die Stimmen froher Enkel in diesen Mauern widerhallen würden – einzig von den Verwandten, einzig von den geschwätzigen Tarockdamen besucht. Hast du nie dir vorgestellt –
Hasselstein [sich die Tränen abtrocknend]. Oh mein Junge, mein geliebter Hans Georg! Wie oft lag ich stundenlang betend vor meinem Lager, wie oft saß ich weinend gerade hier, wenn die Einsamkeit mich allzu unerträglich deuchte, die Sorge um dich, du mein höchster Schatz, mein Herz zusammenkrampfte. Ich glaube, ich wäre wahnsinnig geworden, wenn [Mutter und Sohn halten sich lange umschlungen].
Hans Georg [sie liebkosend]. Hast du dir nie vorgestellt, Herzensmütterchen, wie schön unser Zusammenleben sein würde, wenn Berta – wenn ich und sie dir immer nahe wären und alle deine Wünsche ausführen könnten – Wünsche, die nur ein Sohn, eine liebende Tochter erfüllen können. Dachtest du nie, wie süß die Enkelchen – ihre und meine Kinder –
Hasselstein [leidenschaftlich]. Deine Kinder – doch nicht sie ins Haus – nicht sie zu deiner Frau – Oh, Hans Georg!
Hans Georg [müde]. Warum nicht? Weil ein Schurke ohnegleichen es gewagt hatte die kaum sechzehnjährige liebliche Menschenblüte mit Gewalt zu brechen? Sie die sowohl vor wie auch nachher ein tadelloses, mustergültiges Leben führte, sie, die außer ihrer Schönheit ein edles Gemüt, ein warmes Herz, einen regen Geist und künstlerische Anlagen besitzt und die dem kranken Bruder ihr Erbteil abgetreten, ihren Vater jahrelang aufopfernd gepflegt hat, sie, an deren Seite einzig ich mein Glück finden kann? Vor zwei Jahren konnte ich noch zweifeln – heute nicht mehr. Oft, wenn die Bitterkeit dieses schwache Herz erfüllte und es zu sprengen drohte, da stieg inmitten der Schneewüste das Bild Bertas tröstend vor mir auf und die Wellen des Abscheus gegen alle engherzigen Seelen daheim sanken in nichts zusammen, – wenn ich mich freute mir einen Namen errungen zu haben, so war es, weil er ihr Schutz gewähren sollte gegen alle – –
Hasselstein [ihn abwehrend unterbrechend]. Sie wird deinen reinen geachteten Namen in den Schmutz ziehen – das weiße Tuch wird schwarz, wenn es mit Ruß in Berührung kommt, nicht der schwarze Ruß weiß vom Tuche. [Vorwurfsvoll.] Du denkst immer zuerst an sie – erst hierauf an deine Mutter.
Hans Georg [ihre Hände ergreifend]. An wen könnte ich mehr denken als an meine Mutter, aber siehst du, Berta ist bereit mir alles zu opfern, mit mir bis an das Ende der Welt zu ziehen, falls wir das Heim, das erhoffte Glück nicht bei dir, nicht in der Heimat finden können. Sie will gerne das schwere Leben eines Forschers in fremden Erdstrichen mit mir teilen, sie opfert mir willig Heimat, die Annehmlichkeiten der civilisierten Länder mit ihren Vergnügungen, ihren reichen Abwechselungen – und du, ach, du willst deinem Sohn nicht einmal die Kringhäusler und ihre nichtige Meinung aufopfern!
Hasselstein [besorgt]. Du sprichst von neuen Forschungsfahrten – wärest du imstande mich wieder zu verlassen, mich neuem Kummer, neuen Sorgen auszusetzen?
Hans Georg [weich]. Wie gerne, wie innig gerne verbliebe ich bei dir, doch du selbst schickst mich wieder hinaus in die weite Welt. Auch Berta, liebste Mutter, auch ich, wir beide haben gleich dir Anspruch auf Freude, auf Glück, auf eine sonnige Zukunft. Wäre mein Lieb' ein schlechter Charakter, ein leichtsinniges Mädchen, so würde ich nie ein solches Opfer, eine Ueberwindung von dir begehren – aber einem Vorurteil allein kann ich nicht das Glück und die Zukunft eines ganzen Daseins opfern. [Weich.] Zieh' mit uns, Mutter verlasse Kringhausen und in einem fremden Orte – unsere Heimat ist groß – wollen wir ein neues Heim uns gründen.
Hasselstein [müde]. Gerüchte erreichen auch entfernte Orte.
Hans Georg [ihre Hände mutlos fallen lassend]. Du liebst die Kringhäusler mehr als deinen Sohn! [Nach düstern Schweigen leise.] Es sei, Mutter, wie schwer mir der Abschied auch wird, wie hart der Schlag, der meine schönsten Hoffnungen vernichtet, mich auch getroffen. [Fester, lauter.] Noch gibt es Völker, wo mein Name, meine Persönlichkeit allein genügen werden, dem Weibe, das ich liebe, das ich zu meiner Lebensgefährtin erwählt habe, Achtung zu verschaffen. [Er entfernt sich mit gesenktem Haupte etwas von Fr. H.]
Hasselstein [nach einer peinlichen Pause]. Hans Georg!
Hans Georg [sich müde umwendend]. Mutter!
Hasselstein [die Hände nach ihm ausstreckend]. Komm' zu mir, mein Kind! [Er sinkt langsam wieder vor der Mutter in die Knie und hält sie umschlungen.] Kannst du nur mit Berta glücklich werden?
Hans Georg [ernst]. Ja, Mütterchen, mit ihr allein!
Hasselstein [weich und mit tränenerstickender Stimme indem sie ihn an sich zieht]. Mein Liebling, ich kann eine neue Trennung nicht ertragen, ich kann dich nicht wieder in die Fremde ziehen lassen – ich muß daher wohl – [sie küßt ihn].
Hans Georg [jubelnd]. Mama! O du mein süßes, o du mein geliebtes Mutterl –
[Die Türe zur Rechten öffnet sich geräuschvoll und die ganze Verwandtschaft stürmt herein. Herr und Frau Pottenmiller, Herr und Frau Brunnick, Herr und Frau Knute, Ladislaja und Hermine Schrift und alle rufen allerlei durcheinander. Große Begrüßung. Alle nehmen endlich Platz und verhältnismäßige Ruhe tritt ein.]
Frau Regierungsrat Pottenmiller [Hans Georg vom Scheitel bis zur Zehe durch ein Lorgnon musternd]. So, so, da wäre also unser Südpolfahrer. Endlich einmal treffen wir dich daheim – bist sonst immer vergriffen.
Regierungsrat Pottenmiller. Willkommen daheim, lieber Neffe. Wie hat es dir am Südpol gefallen?
Frau Direktor Knute. Wer hat euch das Essen gekocht?
Hans Georg [lächelnd]. Wir wechselten ab – jede Woche kam die Reihe an jemand anderen.
Frau Knute [mit Verachtung in Ton und Geberden]. Kein Wunder, daß du so mager bist! Was verstehen die Männer von der Speisezubereitung?!
Ada Brunnick [sich zurücklehnend, mit scharfer kreischender Stimme]. Sag' einmal, was hast du für Pläne? Das darf man wohl erfahren, vermute ich. Wohlgemeinte Ratschläge wirst du natürlich wie immer ablehnen. [Sie zuckt mit den Achseln.]
Frau Knute [in befehlendem Tone]. Jetzt wirst du natürlich nicht albern genug sein die Stelle am hiesigen Gymnasium wieder abzulehnen. Man nennt deinen Namen gerade jetzt häufig in den Blättern und mir wurde privatim gesagt, daß du, mit einiger Protektion sogar an der Universität unserer Kreishauptstadt –
Ladislaja [schlägt die Hände zusammen, mit dünner Fistelstimme]. Nein, stellt euch vor, unser kleiner Hansi Universitätsprofessor!
Frau Hasselstein. Das ist auch mein höchster Wunsch – am liebsten als Gymnasialprofessor hier, das ist eben eine sichere Versorgung mit späterer Pension –
Hans Georg [mit Sarkasmus]. Die langsame Verwandlung eines denkenden Menschen in eine wandelnde Maschine ist selbstverständlich ganz belanglos.
Ada Brunnick [heftig, mit unruhig blitzenden Augen]. Was habe ich soeben gesagt? Ihm einen Vorschlag zu machen bedeutet so viel wie denselben augenblicklich verworfen zu sehen. Er dünkt sich stets der Klügste. [Spöttisch.] Er denkt wahrscheinlich wieder an eine Forschungsreise.
Hans Georg [kalt]. Mein Bleiben oder mein Reisen hängt von Umständen ab.
Ladislaja [salbungsvoll]. Bleibe im Lande und nähre dich redlich!
Hermine [im gleichen Ton]. Ja, Hans Georg, so haben es unsere Väter gehalten und so ihre Väter vor ihnen und –
Hans Georg [verächtlich]. Ja, ja, bis zurück auf Adam und Eva.
Ada Brunnick [kreischend]. Ganz wie ich voraussetzte!
[Ein Stubenmädchen öffnet die Tür und läßt Roden und Norry eintreten.]
Norry [indem er Frau Hasselstein begrüßt]. Ich gratuliere Ihnen, gnädige Frau, zu Ihrem Sohne. Ein ausdauernder Forscher und ein liebenswürdiger Kamerad!
Roden [Fr. Hasselstein begrüßend]. Gnädige Frau haben alle Ursache stolz auf ihn zu sein. Die Wissenschaft verdankt ihm wichtige Aufschlüsse über die antarktische Tier- und Pflanzenwelt, ganz besonders aber über die Lebens- und Fortpflanzungsweise mehrerer bisher noch ganz unbekannt gewesener Infusorien. Er hat eine glänzende Zukunft vor sich.
Hasselstein [lächelnd]. Ja, ich bin wirklich stolz auf meinen Jungen und so froh ihn wieder bei mir zu haben.
Frau Pottenmiller [zu Norry, nachdem alle wieder Platz genommen]. Helfen Sie uns, Herr Doktor, ihm den Kopf zurechtzusetzen.
Ada Brunnick [zu Roden]. Wir sind eben im Begriff über seine Zukunft zu entscheiden – wir wollen daß er endlich eine vernünftige Laufbahn einschlägt – sich hier niederläßt.
Frau Knute [heftig zu beiden Herren]. Denken Sie sich, man hat ihm eine Stelle am hiesigen k. u. k. Staatsgymnasium angeboten – eine Versorgung mit Pension – und er sagt – der unmögliche Mensch sagt, daß er noch nicht weiß, ob er das Angebot auch annehmen wird.
Die Herren Pottenmiller und Knute [sagen gehorsam nach]. Er weiß noch nicht, ob er sie annehmen wird.
Frau Knute [mit einen Blick gegen den Himmel]. Wenn er doch endlich vernünftig sein wollte!
Die beiden alten Herren [auf aufmunternde Blicke ihrer Ehehälften hin]. – vernünftig sein wollte!
Roden [sich erhebend]. Da bitten wir um Entschuldigung gestört zu haben. Ein Familienkonklave wollen wir um keinen Preis unterbrechen.
Frau Knute und Pottenmiller. Im Gegenteil, Sie müssen bleiben und uns helfen. [Sie drücken ihn mit Gewalt in den Stuhl zurück.]
Ada [indem sie Norry festhält, der gleichfalls aufgestanden]. Auf Ihre Worte wird er eher hören – Fremden gehorcht er immer lieber als uns, seinen allernächsten Verwandten!
Die drei Herren [auf ein Zeichen ihrer Gemahlinnen]. – seinen nächsten Verwandten!
Roden [sich vergeblich zu befreien suchend]. Wir kamen nur um Professor Hasselstein zu fragen, ob er bereit sein würde sich der in schon drei Wochen abgehenden Forschungsexpedition nach Mikrosenien anzuschließen.
Norry. Unser Herr Kollege war nicht ganz sicher, ob er in Kringhausen verbleiben würde oder nicht. Nun ist es aber notwendig, daß alle Teilnehmer spätestens heute ihren Entschluß mitteilen und die Liste der Teilnehmer unterzeichnen. Sonst hätten wir die Herrschaften nicht gestört.
Alle Damen [die Hände ringend]. Er will schon wieder auf Abenteuer ausfliegen!
Ladislaja [vorwurfsvoll]. So etwas! Ein solch' greller Undank, nachdem ich mich für ihn bemüht habe und mir der hiesige Regimentsarzt versprochen hat Hans Georg zweimal die Woche als Privatlehrer ins Haus kommen zu lassen. [Zu Norry.] Ein junger Mann verdient ja nie zu viel.
Roden [leise und erbittert zu Norry]. Himmel welche Menschen! Sie würden einen Michelangelo zum Zaunstreichen verwenden.
Hermine [die Daumen drehend]. Eine gesicherte Stellung ist eine gesicherte Stellung. An den Südpol fahren und ähnliche Dummheiten machen, das mag in jungen Jahren ganz entschuldigbar, wenn auch ganz ohne praktischen Wert sein, aber im Alter sehnt man sich nach Ordnung, nach einem Heim, nach Ruhe –
Alle drei Herren [mit tiefen Seufzern]. – nach Ruhe, nach Frieden!
Frau Knute. Und nach einer braven, häuslichen Frau.
Die drei Herren [leiser, noch seufzend]. Nach einer braven – nach einer stillen Frau!
Hermine [einen Strickstrumpf herausziehend und die Nadeln zurechtlegend]. Bäckers Linchen ist zum Beispiel ein sehr wohl erzogenes, fleißiges und ehrbares junges Mädchen –
Hans Georg [trocken]. Von dreißig Jahren mindestens!
Ada Brunnick [mit blitzenden Augen und allen Anzeigen höchster Entrüstung]. Eine Bäckerstochter in unserer Familie! [Mit gespieltem Mitleid.] Tante Hermine wird altersschwach!
Frau Knute. Oder Doktors Röschen? Niemand in ganz Kringhausen kann eine bessere Fleischsulz zubereiten als –
Hans Georg [trocken]. Verstand oder Gemüt braucht meine künftige Frau Eurer Ansicht nach nicht zu haben. Ich kann statt dessen ja jede Woche einmal eine vorzügliche Fleischsulz essen.
Herr Brunnick [seufzend]. Bester Hans Georg, eine geistreiche Frau ist – [er verbessert sich schnell] – kann zur Geißel werden!
Roden [leise zu Norry]. Der arme Tropf spricht sicher aus Ueberzeugung.
Norry [leise zu Roden, während die Damen unter sich lebhaft gestikulierend plaudern]. Die Männer sehen allesamt nicht aus, als ob sie das Pulver erfunden hätten – die Frauen haben mehr Grütze, aber Zungen –
Roden [im selben Ton]. Quantitativ genommen sehen die Männer nicht übel aus –
Norry [leise lachend]. Die größten Orangen haben die allerdickste Schale –
Ada [befehlend zu den beiden Forschern]. So reden Sie doch mit! Hans Georg hört nicht auf unsere wohlerwogenen –
Frau Knute [sich aufrichtend]. – und weisen Ratschläge –
Roden [sarkastisch lächelnd]. Professor Hasselstein ist zweifelsohne imstande das für ihn Beste richtig zu wählen.
Alle Damen [mit Ueberzeugung und viel Geschrei]. O glauben Sie das nicht!!!
Ada Brunnick [verächtlich]. Hans Georg hat noch keine Lebenserfahrung!
Frau Pottenmiller. Er kennt die Fallstricke des Daseins noch nicht. Mein Mann zum Beispiel wäre ohne mich – [sie bemerkt plötzlich, daß er ganz ruhig eingeschlafen und schüttelt ihn nun kräftig].
Regierungsrat Pottenmiller [fährt jäh aus dem angenehmen Schläfchen empor]. Aaah – was – was – schon Zeit zum Aufstehen! Gleich, gleich, beste Frederike – wo sind meine Socken? [Er ist jetzt ganz wach geworden.]
Ada [verächtlich auf den Vater blickend, zu Roden]. Ja, ja, der Papa! Wenn er uns nicht hätte!
Norry [leise zu Roden von der andern Seite]. Ich glaube, daß er da viel glücklicher wäre.
Ada [ruft zu Norry, den sie etwas murmeln hört]. Pardon! Sagten Herr Doktor mir etwas?
Norry [lächelnd]. Ich wollte nur fragen ob die Tatsache, daß Professor Hasselstein den Gefahren und Beschwerden einer langen Südpolforschungsreise getrotzt hat, als Erfahrung so gar nicht ins Gewicht fällt.
Ada Brunnick [verächtlich mit ihrer kreischenden Stimme]. Bester Herr Doktor, welche Frage! »Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt«, so sagt ja unser großer Denker!
Alle drei Damen. So sagt er!
Frau Pottenmiller [stolz]. Ach, unsere Aderl, die weiß alles!
Roden [lächelnd]. Ich verstehe vollkommen, man muß eben den Strom in Kringhausen mitgemacht haben.
Norry [leise]. V–t viele Wirbel und Strudel darin!
Roden [im gleichen Ton]. Und statt Seejungfrauen gibt es Seeelefanten – [laut] Hasselstein, welchen Entschluß haben Sie gefaßt! Wollen Sie dem schönen Kringhausen treulos den Rücken kehren oder –
Ada [entrüstet]. Er wird doch nicht wieder – Der Mensch hat so gar keine Charakterfestigkeit!
Frau Knute [das Haupt schüttelnd]. Statt Haus und Heim zu gründen –
Frau Pottenmiller. Wirst du das sichere Brot fahren lassen?
Die drei Herren [auf einen ermahnenden Puff von Frau Knute im Chor]. Das Brot fahren lassen!
Hermine [streng]. Die Möglichkeit, dir eine Position zu schaffen – endlich ein solides Leben zu führen –
Hans Georg [lachend]. Ich erinnere mich nicht am Südpol, in der Antarktis überhaupt, unsolid gelebt zu haben. [Roden und Norry lachen mit.]
Frau Pottenmiller [wirft dem Kleeblatt einen vernichtenden Blick zu]. In meiner Jugend – man hielt damals noch auf guten Ton – hätte ein junger Mann es nicht gewagt bei einer verdienten Zurechtweisung zu lachen und eine so – so –
Herr Pottenmiller [aufhelfend]. – so schnauzige Antwort –
Ada Brunnick [ihm einen vernichtenden Blick zuwerfend]. Papa! [Pottenmiller sinkt ganz und gar in sich zusammen und schweigt.] Gewiß hat sich der Papa im »weißen Hirschen« eine so vulgäre Ausdrucksweise angewöhnt.
Ladislaja [lächelt dummvergnügt vor sich hin]. Otto wird bald nicht mehr zimmerrein sein. [Hans Georg und die beiden Forscher lachen, die Damen sind entsetzt.]
Alle Damen. Ladislaja! Ladislajaaaaaaaaaa!!!!!
Ada [leise zu Roden]. Die Tante leidet sicher an Gehirnerweichung.
Frau Knute [in gebietendem Tone]. Hans Georg!
Hans Georg [gelassen]. Du befiehlst, Tante?
Frau Knute [kategorisch]. Ich habe schon eine Frau für dich bestimmt. Von deiner Abreise ist natürlich keine Rede, sondern du heiratest, läßt dich hier nieder und zur Belohnung für deinen Gehorsam verspreche ich dir, daß ich deiner Frau mit Rat und Tat selbst an die Hand gehen werde. So ein junges Ding bedarf der Anleitung. Von mir unterstützt aber –
Hans Georg [sich verbeugend]. Du bist außerordentlich liebenswürdig, liebe Tante, indessen – ist meine Wahl schon getroffen.
Alle. Schoooon getroffen!!!!
Frau Pottenmiller. Und davon schwiegst du?
Frau Knute. Und du machtest uns ein Geheimnis daraus?
Hans Georg [ruhig]. Nein, ich bin noch nicht zu Wort gekommen.
Frau Knute. Lieber Neffe, in solchen delikaten Angelegenheiten ist es immer am besten sich zuerst bei seinen weiblichen Anverwandten – [mit einem Blick auf die drei Herren] – die männlichen taugen nichts, – Rat zu holen.
Frau Pottenmiller [ernst]. Glaube mir, lieber Neffe, eine Frau ist in solchen Fällen weit besser imstande zu sagen, ob die Auserwählte auch allen Ansprüchen gerecht zu werden verspricht, ob sie –
Hans Georg [dem endlich die Geduld reißt]. Zum Teufel auch! Soll ich oder werdet Ihr mit ihr leben?
Ada Brunnick [mit sichtbarer Befriedigung]. Sein ungezügeltes Temperament gewinnt die Oberhand – wie immer!
Roden [leise zu Norry]. Jean Baptiste Rousseau hat recht, wenn er sagt: »Le pire venin est celui des serpents du genre feminin«.
Frau Pottenmiller [entrüstet]. Wo bleibt deine mütterliche Autorität, Schwester?
Hasselstein [scheu]. Hans Georg liebt sie – [sie seufzt] – er will sie – allerdings gegen meinen Willen, trotz meiner Bitten – heiraten und was soll – was kann ich – [etwas entschlossener, da sie auf ihn blickt] – er liebt seine Braut und ich – ich bin Mutter! [Sie bricht in Tränen aus, Hans Georg ist aufgestanden, neigt sich über ihren Stuhl und küßt sie. Er bleibt dort stehen.]
Frau Knute [streng]. Dein Sohn hat leider nie zu gehorchen gelernt!
Ada [mit gespieltem Mitleid]. Die gute Tante hat den Erziehungskarren total verfahren.
Frau Pottenmiller [stößt mühsam hervor]. Wer ist sie?
Ladislaja [den Hals ausstreckend]. Ist sie reich?
Hermine. – und tugendhaft – religiös, – streng christlich erzogen?
Frau Knute. Ist deine Braut häuslich?
Herr Pottenmiller [schüchtern]. Ist sie hübsch?
Ada [streng]. Papa!
Frau Pottenmiller [in belehrendem Tone]. Darauf kommt es am allerwenigsten an. Je weniger auffallend die Erscheinung um so anspruchloser –
Ada. – und biegsamer –
Frau Knute. – und weniger zur Koketterie geneigt –
Ladislaja. – und reineren Herzens –
Hermine [langsam und feierlich, Silbe für Silbe]. – und passender für die heilige Ehe ist so ein Mädchen!
Alle [zu Frau Hasselstein]. Tante! Schwester! Sprich!
Frau Hasselstein [gleitet unruhig auf dem Stuhle hin und her und sagt endlich stotternd]. Die – se – ses – Määä – äd – chen ist – ist –
Alle [gebietend]. Ist!!!!? Schwester!!!!!! Ist!!!!
Frau Hasselstein [nach kurzer Ueberwindung, leise]. Es ist – Berta – Berta Heller!
Ada Brunnick [bissig]. Diese Verlorene – diese – diese –
Frau Pottenmiller [mit tugendhaftem Grauen in der Stimme, während die anderen sprechende Blicke austauschen]. Eine arme jugendliche Verunglückte – ein Paria!
Frau Knute [rücksichtslos wie immer, laut]. Eine Dirne!
Hans Georg [dessen Zorn jetzt den Höhepunkt erreicht hat, mit donnernder Stimme indem er mitten unter sie tritt]. Nein! Schweigt! Ein junges Mädchen besser als alle die fälschlich als so tugendhaft betrachteten fraglichen Grazien Kringhausens, das das Unglück gehabt hat als ahnungsloses Kind einem Elenden in die Hände zu fallen. Ihr wagt es, meine Braut zu beschimpfen, sie deren Gedanken edler, reiner und menschenfreundlicher sind als die vieler, die mir gut bekannt. [Er blickt auf sie der Reihe nach.] Ihr wagt einer Unglücklichen etwas vorzuwerfen, woran sie keine Schuld trägt! Pfui! [Er wendet sich ab und geht ruhelos im Zimmer auf und nieder.]
Ada Brunnick [erholt sich zuerst]. Und solchem Wahnsinn hältst du die Stange, Tante? [Sie mißt sie kalt. Zu ihrem Vater] Papa, sprich!
Herr Pottenmiller [sich aufraffend]. Wie – soll ich mich im »weißen Hirschen« zeigen können, wenn die Verlobung bekannt wird, Hans Georg? Niemand wird von etwas anderem sprechen, man wird hundert Fragen an mich stellen –
Hans Georg [bleibt einen Augenblick stehen]. So bleib' zu Hause, wenn du dich fürchtest! [Er nimmt seine Wanderung wieder auf, Herr Pottenmiller erneuert seinen Ueberredungsversuch nicht.]
Hermine [weinerlich]. Und wie kann ich zu den Schneiderabenden des katholischen Jungfrauenvereins gehen? Ich müßte zu sehr erröten, wenn man Anspielungen – an – an machen würde. [Sie bedeckt das Gesicht mit den Händen.]
Ladislaja [mit ihrer dünnen Fistelstimme]. Ach, und wie könnte ich dem jungen Prediger nur in die Augen schauen – nein, nein, ich müßte vor Scham in die Erde sinken – vergehen – Er, der mich und unsere Familie den anderen Jungfrauen des Vereins als Muster hinstellt! Mit so einer Verwandten – so ein Skandal! –
Roden [leise zu Norry]. Vor zwanzig Jahren hat ihre Jungfräulichkeit vielleicht noch einen Wert gehabt.
Norry [im gleichen Ton]. Sagen wir ruhig: vor einem Vierteljahrhundert!
Frau Knute [streng]. Mir ins Haus darfst du so eine – [sie verstummt vor H. G.'s Blick].
Hans Georg [kalt]. Fürchte dich nicht – wir werden uns allein genügen!
Frau Pottenmiller. Auf die Stelle am hiesigen Gymnasium darfst du in dem Fall auch nicht rechnen, ebenso wenig wie auf die Protektion meines Mannes – Wer die Jugend erziehen will muß vor allem selbst unerschütterliche sittliche Grundsätze haben –
Frau Hasselstein [traurig]. Das haben die Damen der Tarockgesellschaft auch gesagt.
Hans Georg [verächtlich]. Alte Klatschbasen! Hast du also mit ihnen über meine Zukunft Rat gepflogen?
Frau Hasselstein [schüchtern]. Sie erzählten, daß die ganze Stadt davon spricht, daß es deiner Zukunft schaden, dich gesellschaftlich zum Paria –
Hans Georg [kalt]. In Kringhausen machen wird, nicht wahr? Die Welt besteht Gott sei Dank nicht ausschließlich aus Kringhausen und – Kringhäuslern!
Frau Knute. Gehe wohin du willst, du wirst überall einen schweren Stand haben. Es gibt immer Menschen, die freundlich genug sind einen solchen Fleck im Namen einer Frau an irgend eine gute Freundin zu schreiben, die diese Neuigkeit hierauf die Runde im Städtchen machen läßt.
Hans Georg [spöttisch]. Ich zweifle nicht daran. Hoffentlich wird mein Name dennoch Kraft genug besitzen meine Frau zu schützen.
Frau Pottenmiller [mit Nachdruck]. Keine Frau deiner Kollegen wird mit dir in gesellschaftliche Verbindungen treten wollen, – kurz, deine Laufbahn ist vernichtet, wir alle mit Schande überhäuft, dein toter Vater im Grabe –
Hans Georg [streng]. Laß die Toten in Frieden ruhen – wir haben mit den Lebendigen mehr als genug.
Frau Hasselstein [weinend]. Er würde sich im Grabe umwenden, wenn er eine Ahnung hätte! [Alle sprechen durcheinander, Hans Georg geht erbittert auf und ab.]
Roden [zu Norry]. Der Arme dreht sich sicher nicht um, der muß totmüde sein und verwendet die ersten hundert Jahre seiner Befreiung gewiß dazu, das Ohrensausen loszuwerden. Lieber unter Krokodilen als zwei Tage unter Kringhäuslern!
Frau Pottenmiller. Hoffentlich wird dich die Rücksicht auf deine Mutter bestimmen – wir beanspruchen nichts – diese verrückte Idee aufzugeben und keinen derartigen Skandal heraufzubeschwören. Wir werden alles tun um unsere unglückliche Schwester von der Torheit eines solchen Vorhabens zu überzeugen.
Hans Georg [bitter]. Ich zweifle nicht daran! [Weich zu seiner Mutter.] Mama, die Herren warten und diesem peinlichen, höchst unerquicklichen Auftritt muß ein Ende gemacht werden. Als uns die Verwandten unterbrachen, hattest du mich eben unbeschreiblich glücklich gemacht. [Er ergreift ihre Hand.] Bist du, Teure, noch der Meinung, daß wir zusammen ein Leben voll Glück und Frieden führen könnten? Die Stürme, die nun aufgewühlt worden sind, sie legen sich bald und auf sie folgen schöne, frohe, sonnige Tage stiller Zufriedenheit, reinen Glücks. Darf ich deine Entscheidung von vorhin als bindend ansehen, soll ich meinen geschätzten Kollegen mitteilen, daß ich mit meiner Frau bei meiner Mutter bleiben oder –
Alle [auf sie einschreiend]. Tante! Schwester, um Himmelswillen laß dich nicht zu solchem Wahnsinn hinreißen! Denke an deine gesellschaftliche Stellung, was du dir und uns allen in der Hinsicht schuldest, denke an die gerechte moralische Entrüstung der gesamten Einwohnerschaft von Kringhausen –
Hans Georg [laut, mit Nachdruck]. Die Angelegenheit, die hier erörtert wird, geht nur meine Mutter und mich selbst an! Darf ich daher um Schweigen bitten! [Weich zu Fr. H.] Was sagst du mir, Mutterl! Soll ich in deiner Nähe bleiben oder wieder hinausziehen in die weite Welt? Zweimal komme ich wohl kaum zurück!
Frau Knute. Du brauchst ja nicht zu gehen! Es gibt genug andere Mädchen in Kringhausen.
Hasselstein [mit Würde]. Aber nur ein einziges Mädchen für mich – meine Braut! [Die Hände seiner Mutter ergreifend und mit milder Ueberredung.] Bedenke, du mein teures Mütterchen, daß es sich hier um unser Glück und nicht um die Meinung anderer Leute handelt. Nach einigen Monaten schon werden die Kringhäusler diese Ueberraschung verwunden haben und alles, was ich tun kann soll geschehen um dir diese kurze Zeit so leicht, so erträglich als möglich zu gestalten. Willst du, daß ich mit Berta auf Reisen gehe und erst nach Ablauf von mehreren Monaten heimkehre? Willst du, Teure, nicht mit uns kommen? Sag mir nur eins: – Willst du meine Braut willkommen heißen, willst du in unserer Mitte, bei ihr, bei mir, in Zukunft verweilen?
Frau Hasselstein [schwankend]. Wenn nur – aber du kennst die Leute – die Tanten sind auch der Ansicht – ganz wie meine anderen Bekannten – die Damen der Tarockpartie – ach, es wird ein solches Gerede geben –
Hans Georg [ernst]. Ich frage nicht nach der Meinung der Verwandten – gleichgültig ist mir die Ansicht der Kringhäusler solange ich nur nicht vor mir selbst erröten muß, – ich frage dich, dich, meine innigst geliebte Mutter, ob ich gehen soll, wieder hinausziehen in unbekannte Gefahren, von dir scheiden um nie wiederzukehren – ich frage dich, ob du die Liebe zu mir oder die öffentliche Meinung wirst siegen lassen. Sprich, Mutter!
Frau Hasselstein [leidenschaftlich]. Ach, geh' nicht – verlasse mich nicht – schon nähere ich mich dem Grabe – bleib' bei mir, du, du mein einziger Sohn!
Hans Georg [einen Arm um ihre Schultern legend]. Bei wem würde ich wohl lieber als bei dir verweilen, Mütterchen, doch nicht kann ich mein Wort Berta gegenüber brechen, mein Lebensglück und das ihre eines Vorurteils willen in den Staub treten. Ein solches Dasein hätte für mich jeden Wert verloren, wäre ein Zeugnis meiner moralischen Schwäche, hinterließe einen ewigen nagenden Vorwurf in meinem Innern, der das Beste in mir langsam aber sicher zerstören würde. Wenn du mich liebst, Mutter –
Frau Hasselstein [weinend]. O Hansi, Hansi, ich kann dich nicht ziehen lassen! Bleib' hier, selbst –
Frau Knute [scharf]. Schwester, ich beschwöre dich, bedenke –
Frau Pottenmiller [gleichfalls]. Was werden deine Bekannten dazu sagen? Du bist gesellschaftlich zugrundegerichtet, kein Mensch –
Ada [kalt und hart]. Sei kein Schwächling, Tante, wenn er das Mädchen dir vorzieht, so lasse ihn laufen.
Frau Knute. Er wird schnell genug einsehen lernen, was eine Heirat mit so einem Wesen bedeutet.
Alle drei Herren [sich aufraffend]. Ja, er wird schon sehen, er wird schon sehen!
Hans Georg [sich ängstlich und zärtlich zugleich über seine Mutter neigend, besorgt]. Wem stimmst du bei, Mama, den Tanten als Sprachrohr der Kringhäusler oder mir, deinem einzigen Sohne?
Frau Hasselstein [nach einigen Sekunden inneren Kampfes, unsicher]. Hans Georg! [Schwer atmend und die Hände gegen das Herz gepreßt.] Siehst du, die Tanten haben recht – du wirst nie hier geachtet leben können und ich – ich zittere wenn ich an alle Bemerkungen – an all das Gerede denke. Wir sind – eine – geachtete Familie – und –
Hans Georg [läßt die Hand, die er auf der Schulter der Mutter liegen gehabt, matt herabgleiten und entfernt sich etwas, sodann mit dumpfer Stimme, die Mutter noch einmal bittend ansehend]. Da ist es wohl am besten ich nehme das Anerbieten der Expedition an. Sind wir nur beide, Berta und ich, von Kringhausen fort und erfährt man einmal, daß du selbst meine Entfernung gewünscht, so vergeben dir sowohl die Verwandten als auch die Kringhäusler großmütig einen so entarteten Sohn zu haben. [Leise und traurig.] Möge nie der Tag kommen, an dem du fühlst, daß du es dir selbst nicht vergibst mich fortgeschickt – eines kleinlichen Vorurteils halber fortgeschickt zu haben. [Er streckt müde die Hand nach dem Schriftstück aus, daß ihm Roden, düster schweigend reicht.]
Frau Hasselstein [weinend]. Die öffentliche Meinung – fern von hier, wo man Berta nicht kennt – wo niemand unsere Sprache spricht –
Frau Knute [scharf]. – irgendwo unter den Wilden –
Roden [ernst]. Gnädige Frau, ich habe Wilde gekannt, die den Kringhäuslern in Menschlichkeit bedeutend überlegen sind! [Er läßt seinen Blick kalt über sie hingleiten.]
Hans Georg [reicht Norry das nun unterzeichnete Dokument]. Bitte! [Norry steckt es ein, betrübt vor sich hinblickend.] Es ist am besten so – für uns alle!
Frau Knute [Rodens Bemerkung beantwortend]. Die Herren der Schöpfung – ob nun wilden oder civilisierten Völkern angehörend, vergeben immer gerne ein kleines Abweichen vom engen Pfad der Tugend.
Roden [ernst]. Und dennoch gehört gerade das Vergeben zu den edelsten Vorrechten der Frau –
Frau Knute [ihn heftig unterbrechend]. Nicht –
Roden [sich verbeugend und zurückweichend]. Ich verstehe, gnädige Frau! Nicht unter den Kringhäuslern!
Hans Georg [traurig zu seiner Mutter]. Die Würfel sind gefallen!
Frau Pottenmiller [sie unter dem Arm nehmend und mit sich auf die Tür zur Linken führend]. Du hast verständig gehandelt, Schwester, sehr verständig.
Ada [ihr folgend]. Laß' ihn nur erst draußen einsehen lernen, welche Schätze er in der Heimat zurückgelassen, da wird er schon kürre werden. Eine Scheidung –
Frau Knute [ebenfalls der Schwester nacheilend und sie mit Gewalt fortziehend, als sie noch einmal auf den Sohn zurückblickt und zu zögern scheint]. Du hast endlich, wenn auch spät, die gewünschte mütterliche Autorität geltend werden lassen. Bravo!
Frau Hasselstein [zweifelnd, unter Tränen]. Glaubt – meint Ihr – ach, wenn er doch die Stelle am hiesigen Gymnasium angenommen und ein anderes Mädchen –
Frau Pottenmiller [scharf]. Er hat das Gute, die vielen Vorteile des Aufenthalts in einer wichtigen Stadt wie Kringhausen nie zu schätzen, zu würdigen verstanden!
Ada [hart]. Wein' nicht, Tante, sei stark! Klagen dienen niemand und Tränen führen zu nichts. [Sie gehen links ab, alle die anderen mit Ausnahme von Norry, Roden und Hasselstein folgen.]
Hans Georg [bitter, nach kurzem Schweigen, während Roden und Norry Hut, Handschuhe und Stock aufraffen]. Wie schnell Hoffnungen scheitern, Trugbilder in nichts zerrinnen. In der Antarktis hoffte ich, daß die täglich wachsende Menge von Eindrücken und Erfahrungen, von überstandenen Gefahren und damit gestärkter, zunehmender Kraft mir helfen würden, den Sieg zu erringen, alle kleinlichen Vorurteile zu überkommen, alles lächerliche Beurteilen reiner Aeußerlichkeiten zu verwerfen. Wie schön deuchte mich, vom Abendrot der Erinnerung beleuchtet, da die Heimat, wie unerschütterlich fest war da meine Ueberzeugung, daß die Liebe einer Mutter größer als die Macht leeren Geredes. Und nun – [er seufzt tief auf und senkt das Haupt] – trotz der Fülle neuer Eindrücke, ungeachtet der erweiterten Horizonte, die sich mir erschlossen, muß ich im Kampfe gegen verächtliches Spießbürgertum unterliegen; muß die zarte Frau mit mir in die weite Welt hinaus führen, statt ihr hier bei meiner Mutter, hier, wo ich geboren und jedes Ding Bedeutung für mich hat, ein Echo meiner Kindheit, meiner Jugend ist, ein friedliches Heim gründen zu können. Alles, alles ist umsonst gewesen!
Roden [ernst]. Armer Freund, das ist, weil Sie eben einen großen Fehler begangen haben!
Hans Georg [sieht ihn verwundert an]. Einen Fehler?
Norry [nickt plötzlich ebenfalls eifrig]. Einen ganz unverzeihlichen!
Hans Georg [von dem einen auf den anderen blickend]. Und der wäre?
Roden [mit Nachdruck, indem alle drei Herren langsam auf die Tür zur Rechten zugehen]. Nicht Sie hätten auf Suche neuer Horizonte in die Antarktis ziehen sollen – sondern
Norry [einfallend]. – die Kringhäusler!
[Der Vorhang fällt.]
[Dasselbe Zimmer wie im zweiten Akt. Alle Verwandten sind in tiefer Trauer. Die Damen der Tarockpartie sind gleichfalls anwesend und auch dunkel gekleidet. Alle halten das Taschentuch vor die Augen, Frau Hasselstein schluchzt von Zeit zu Zeit tief auf.]
Regierungsrat Pottenmiller [steht inmitten der Szene und liest, als sich der Vorhang hebt, mit monotoner Stimme aus einer Zeitung vor]. – der einstige Teilnehmer an der Südpolexpedition, Professor Doktor Hans Georg Hasselstein, der auch in Mikrosenien seine ausdauernden Studien und Forschungen fortgesetzt, häufige höchst wertvolle Mitteilungen über die Flora und Fauna heimgeschickt und besonders interessante Aufschlüsse über die Lebensweise der Skolopandren und anderer Insekten dieser Zonen eingesendet, wie auch die Gewohnheiten des gefährlichen und von Matrosen und Fischern dort sehr gefürchteten Octopus, eines zeitweilig selbst im Mittelmeere in kleineren Exemplaren auftretenden Polypen mit großer Ausdauer erforscht und beschrieben hat. Sein letzter Ausflug – [alle schluchzen laut und trocknen sich die Augen] – wurde ebenfalls in der Absicht unternommen dieses Seeungeheuer auf einer der naheliegenden Inseln genauer zu studieren und die Fangmethode desselben besser zu prüfen als ihm dies bisher möglich gewesen, doch blieb der von einem unverläßlichen Eingeborenen gelenkte Kahn auf einem Korallenriff sitzen und während es dem Wilden gelang sich, wenn auch nur mit großen Schwierigkeiten und mit knapper Not zu retten, wurde der unglückliche Gelehrte von der starken Brandung ergriffen, einigemale gegen die spitzigen Riffe geschleudert und dann in die grausige Tiefe des Stillen Ozeans hinabgezogen. Man befürchtet, daß er von den um diese Inseln äußerst zahlreichen Haifischen angegriffen worden sei. Jede Suche nach der Leiche ist auch erfolglos geblieben. – Der frühe Tod des berühmten Naturforschers und unermüdlichen Gelehrten hat nicht nur in seiner eigenen Heimat das tiefste und aufrichtigste Bedauern erweckt – [alle schluchzen wieder laut] – sondern wird von der gebildeten Menschheit der ganzen Welt auf das lebhafteste beklagt. Alle Teilnehmer der Forschungsexpedition betrauern in Professor Doktor Hasselstein einen allzeit liebenswürdigen, hilfsbereiten, schaffensfreudigen und tapferen Kollegen, der nicht nur klaglos sondern immer mit heiterer Miene die geradezu unbeschreiblichen Strapazen seines anstrengenden Berufes ertrug. Ein einfaches Kreuz am Strande der Ailukinsel, nicht weit von der Unglücksstätte trägt außer dem Namen und den Geburts- und Sterbedaten auch den kurzen Vers: »Durch Todesnacht bricht ew'ges Morgenrot«. – Frau Professor Hasselstein, die treulich alle Gefahren und Entbehrungen ihres Gatten geteilt und sich die Bewunderung aller Teilnehmer der Expedition errungen, kehrt schmerzgebeugt mit dem kaum drei Monate alten Söhnchen zusammen mit der Expedition auf dem Dampfer »Ozeanien« in die deutsche Heimat zurück. Ob Frau Professor Hasselstein dort zu bleiben gedenkt, ist unbekannt. [Er legt die Zeitung langsam zusammen und setzt sich.]
Frau Hasselstein [schluchzend]. Mein Kind! Mein einziges Kind! Er starb in fremden Zonen – [leise und die Hände ringend –] durch meine Schuld! [Sie weint bitterlich.]
Krickenfeld [ihre Hand auf den Arm Fr. Hasselsteins legend und sich eifrig die Augen wischend]. Beste Frau Oberst, wir alle teilen ihren Kummer, denn wir alle haben ihn wie einen Sohn geliebt!
Zungrapp [sich auch die Augen trocknend]. Ach, du liebe Zeit! So ein staatlicher, so ein guter [sie schluchzt].
Holzheim. So ein edles Herz – so ein gu – gu gu – [sie schluchzt laut auf].
Krickenfeld. Wenn nur dieses Mädchen nicht gewesen –
Zungrapp. Sccchhhttt! Sie war die Frau des berühmten Gelehrten. –
Frau Pottenmiller [beschwichtigend]. So, so, nur ruhig, du darfst dich nicht so aufregen, liebe Schwester. Hans Georg ist jetzt im Himmel, wo wir ihn alle einmal treffen werden.
Frau Hasselstein [bitterlich weinend]. Wenn ich nur schon recht bald zu ihm käme. [Unter Schluchzen.] Warum ach, warum ließ ich ihn von mir gehen? [Alle versuchen sie zu trösten, allgemeine Bewegung, große Beileidsbezeugungen, betäubendes Stimmengewirr. Endlich tritt wieder Ruhe ein.]
Frau Knute. Es muß dir doch ein großer Trost sein, teure Schwester, daß seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser, dir in eigener Handschrift ein Beileidsschreiben schickte. Ganz Kringhausen spricht davon!
Frau Hasselstein [weinend]. Mein Sohn, mein Sohn! Im besten Mannesalter, fern von der Heimat, fern von ihr, die ihn geboren, auf so entsetzliche Art – [sie schaudert] – sterben zu müssen! [Sie ergreift das Kuvert, das das kaiserliche Beileidsschreiben enthält und langsam versiegen ihre Tränen.] Ja, es war der einzige Lichtpunkt in dem großen Unglück, das mich getroffen. [Sie zeigt auf ein riesigen Haufen Briefe, der den ganzen großen Tisch bedeckt.] Und so viele mir vollständig unbekannte Personen haben mir so lieb geschrieben. Ich bin stolz und in meinem Kummer glücklich einen solchen Sohn gehabt zu haben.
Frau Pottenmiller [wichtig]. Alle Zeitungen schreiben spaltenlange Artikel über ihn und sein Name steht fettgedruckt schon auf der ersten Seite. [Zu den Damen der Tarockpartie.] Mit allen Fasern meines Herzens bin ich an meinem Schwesterkind gehangen und habe nie verfehlt ihm weise Ratschläge zu geben.
Ada [spitz]. Die er regelmäßig verworfen hat!
Krickenfeld [den Brief mit Ehrfurcht aufhebend]. So eine Auszeichnung und all die schönen Reden sind wohl ein großer Trost für unsere liebe Frau Oberst! Ganz Kringhausen fühlt sich geehrt! [zu Frau Hasselstein, die wieder laut weint]. Nur ruhig, beste Freundin, ich hatte zwölf Kinder und mußte neun begraben.
Frau Zungrapp [entschieden zu den Verwandten]. Wir werden uns der Armen schon annehmen, so ein kleines Spielchen –
Holzheim [lebhaft]. Natürlich! Natürlich!
Krickenfeld [mit Ueberzeugung]. Das übt einen wohltätigen beruhigenden Einfluß auf die Nerven aus –
Zungrapp [fest]. Eine kleine Zerstreuung ist notwendig –
Ada. Es läßt sich an dem Vorgefallenen nichts ändern –
Frau Hasselstein [schluchzend]. Wie – wie kö – könnte ich – in meinem großen Schmerz – an – an – einer Tarockpartie teilnehmen –
Alle Damen. Eine Ablenkung tut not – ist wie eine heilsame Medizin –
Ladislaja [mit salbungsvollem Tone]. Man muß sich in den Willen des Höchsten mit Demut fügen.
Hermine [lebhaft]. Der neue Prediger wird vier Messen für seine Ruhe lesen und alle Jungfrauen unseres Vereins werden für sein Seelenheil beten.
Frau Knute [aufspringend]. Schwester, hast du den neuen Trauerhut schon aufprobiert?
Frau Hasselstein [müde]. Ja, – er muß geändert werden.
Frau Knute [indem sie auf den Lehnstuhl zur Linken zugeht auf dem eine Hutschachtel steht und den Hut samt langen Schleier herauszieht und betrachtet. Alle Damen folgen ihr mit den Blicken.] Als Mutter eines solchen Sohnes muß dein Hut tadellos sitzen!
[Ein Stubenmädchen öffnet geräuschvoll die Tür und läßt Roden und Norry eintreten, die auf Fr. Hasselstein zugehen und ihr schweigend die Hand küssen, während sie in neues, bitteres Weinen ausbricht.]
Roden [indem er mehrere Gegenstände auf den Tisch vor Fr. Hasselstein legt]. Einige Kleinigkeiten als Andenken – ein Jagdmesser, sein letztes Notizbuch, einige von ihm gesammelte Korallen, ein Ring – die Uhr verbleibt dem Sohne.
Frau Hasselstein [mit zitternder Erwartung in der Stimme]. Wo ist!? [Sie vollendet nicht.]
Roden [mit unergründlicher Miene]. Der Sohn ist bei seiner Mutter!
Frau Hasselstein [die Gegenstände mit zitternden Händen an sich raffend]. Ich – ich danke Ihnen meine Herren! [Sie macht eine bittende Handbewegung und beide nehmen schweigend Platz.]
Frau Pottenmiller [zu beiden Herren]. Sie sehen eine gramgebeugte Familie vor sich!
Krickenfeld, Holzheim und Zungrapp. Die Zierde von Kringhausen ist nicht mehr!
Frau Knute [sich die Augen wischend]. Unser hochbegabter Neffe fand ein so frühes Ende!
Frau Hasselstein [ihre Hand bittend auf Norrys Arm legend]. Erzählen Sie mir – von – von – meinem Sohne.
Norry [mitleidig]. Hans Georg dachte immer voll Liebe an Sie, gnädige Frau – wir sprachen oft von Ihnen; hoffnungsfreudig in der Nacht der Antarktis und mit warmer Hingebung unter den tropischen Bäumen Mikroseniens. [Frau H. weint.]
Frau Knute [zu Roden]. Sie haben keine Ahnung, Herr Doktor, wie sehr uns der Schlag, der meine unglückliche Schwester getroffen, nahegeht!
Roden [kalt]. Ich zweifle nicht daran. [Leise zu Norry.] Nun hat die Pfeife einen anderen Ton.
Frau Pottenmiller [zu Norry]. So ein Mann – alle Zeitungen berichten von ihm –
Krickenfeld. Ein so berühmter Forscher! Wie oft habe ich ihm einen Apfel gegeben!
Zungrapp [zur Decke blickend]. Ein Talent! Ein Talent! meine Damen.
Ada [die als einzige nicht geweint hat und nur kalt umherblickt]. Ein Talent, zugegeben und wie alle solche auch überspannt. Meine Tante verstand nicht sein Temperament zu zügeln, niemand konnte auf ihn einwirken. Hier in Kringhausen bot sich ihm eine gesicherte Existenz, die Achtung seiner Mitbürger, – wenn er nur auf seine merkwürdigen Ideen verzichten gewollt, – geistige Anregung auf allen Gebieten – er aber –
Frau Knute [seufzt tief auf]. Meine Schwester war allzu schwach in ihrer Mutterliebe.
Frau Pottenmiller [seufzt auch]. Allzu nachsichtig gegen ihren Sohn.
Ada Brunnick [mit Befriedigung]. Ich habe es immer vorausgesehen, daß er ein abenteuerliches Ende finden werde, denn niemand bricht ungestraft die heiligsten Bande –
Roden [ärgerlich]. Aber man hat das Recht die Stricke zu durchschneiden, die einen Pegasus als Ackergaul festhalten oder einen Canova dazu verpflichten, als Topfmacher sein Brot zu verdienen. Nicht jeder, meine Gnädigste, ist von der Natur zum Kringhäusler geschaffen!
Norry [zu Knute und Pottenmiller]. Die ihm am nächsten gestanden, haben seinen Wert zuletzt erkannt!
Frau Hasselstein [bittend zu Norry]. Herr Doktor!
Norry [ihr nähertretend, freundlich]. Gnädige Frau?
Hasselstein. Wie – wie – war das Ende?
Norry [ernst und voll Mitleid]. Wir waren alle auf dem Schiff viele Meilen von der Unglücksstelle entfernt und kamen alle erst vierzehn Tage später nach Ailuk. Der Eingeborene, der die Schreckensbotschaft der beklagenswerten jungen Gattin überbrachte, lag noch bei unserer Abreise krank darnieder, da er sich an den scharfen Korallenriffen Verletzungen zugezogen hatte und ein Haifisch –
Alle [mit Entsetzen]. Aaaaaah! Ooooooh! Ein Haifisch!!!!
Frau Hasselstein [schluchzt untröstlich]. So ein gräßliches Ende und alles – ach, alles – durch meine Schuld!
Frau Knute und Pottenmiller [vereint]. Liebe Schwester, teure Schwester, es steht nicht immer zu ändern – du hast richtig gehandelt –
Ada Brunnick [hart]. Er hat es ja selbst so gewollt!
Roden [ernst]. Hasselstein starb im Dienste der Wissenschaft, die ihm ewigen Dank schuldet.
Norry [ernst zu Fr. H.]. Hätte er den Eingeborenen mit Gewalt zurückgehalten, so würde er wahrscheinlich sein eigenes Leben gerettet haben. Edel wie immer ließ er den Gefährten Rettung finden.
Krickenfeld [während die anderen laut weinen]. Ja, so ein junger Mann, auf den können die Kringhäusler stolz sein!
Zungrapp. Wenn ich denke, wie oft ich ihm ein Butterbrot gestrichen habe –
Holzheim [sich die Augen trocknend]. Und ich, die ich ihm stets von meinen besten Winteräpfeln gegeben habe. Das ist mir jetzt in der Tat ein erhebendes Bewußtsein. Auch ich habe zu seiner Größe beigetragen!
Frau Pottenmiller [stolz]. Am regen Verstande meiner Adarl hat er zuerst den seinen zu schärfen gelernt! Ihr verdankt er –
Roden [leise zu Norry]. Über die Schärfe des Gehirns kann ich noch kein richtiges Urteil abgeben, aber die Zunge –
Norry [lächelnd]. – ist die reinste Damaszenerklinge! Was war Harun al Raschids Schwert dagegen?
Roden [im selben Ton]. Einem Haifisch käme ein Gruseln an!
Frau Krickenfeld. Man will – so sagte mir im Vorbeigehen die Frau unseres lieben Medizinalrates –
Zungrapp [heftig]. Peleponesia, hast du auch schon gehört, daß sie mit ihrem Vetter ein Verhältnis gehabt haben soll und ihr Mann die beiden –
Hermine und Ladislaja [sich vorbeugend]. – ein Verhältnis? – Diese scheinheilige – diese –
Roden [leise zu Norry]. Jetzt erröten die holdseligen Jungfrauen nicht!
Holzheim [sich aufblasend]. Nur ich allein kenne alle Einzelheiten, denn meine Masseuse –
Krickenfeld [mit Mißbilligung]. Lassen Sie sich noch massieren!
Holzheim [etwas verlegen]. So sehr bedarf ich dessen freilich nicht mehr, aber die Masseuse weiß eben immer, was in der Stadt vorgeht und daher ist es mir eine große Genugtuung –
Krickenfeld [zustimmend]. Ja, die Peggy –
Pottenmiller [erregt]. Peggy? Das ist doch wohl nicht etwa diese merkwürdige Alte, die ihre eigene Magd jeden Sonnabend wäscht? Ha, ha, ha!
Zungrapp [geheimnisvoll]. Man sagt von ihr, daß sie Säcke voll alter Münzen unter dem Bette verborgen hält –
Ada Brunnick [gelassen]. Da wird schon irgend jemand den alten Narren einmal aus dem Weg räumen!
Zungrapp [mit Bestimmtheit]. Sie soll gar nie ihr Zimmer fegen lassen und Paula, ihr Dienstmädchen, hat der Köchin im Vertrauen mitgeteilt –