XXXIII.
Flavius Vespasianus (69–79).
Seine Söhne Titus (79–81) und Domitianus (81–96).

Nach Neros Tode ward der spanische Statthalter Galba, der an der Spitze der Empörung stand, zum Kaiser ausgerufen, ward aber in Kürze durch Otho gestürzt, wider den wieder der Befehlshaber der am Rhein stehenden Legionen, Vitellius, sich erhob und in blutigem Bürgerkriege obsiegte. Gegen Vitellius ward im Osten des Reiches der Statthalter Syriens, Flavius Vespasianus, aufgestellt, und erst diesem gelang es wieder eine dauernde Regierung herzustellen.

Vespasianus stand eben mit seinen Legionen in Palästina, wo er einen furchtbaren Aufstand der Juden gegen den Druck der römischen Herrschaft zu bekämpfen hatte. Die Juden wehrten sich als Verzweifelnde. So lag sechs Wochen lang ein römisches Heer von 60000 Mann vor der Stadt Jotápata in Galiläa, ehe es sie erobern konnte. Vierzigtausend Juden verloren dabei ihr Leben. Neben dem Krieg gegen den äußeren Feind wüteten furchtbare innere Zwistigkeiten unter den Juden selbst. In Jerusalem hatte sich eine wütende Rotte, Zeloten (Eiferer) genannt, vor welcher die Gemäßigten, die den Frieden wünschten, zitterten, der Tempelburg bemächtigt und führte eine furchtbare Schreckensregierung. Bald zerfielen auch die Zeloten in zwei Parteien, welche einander mit der größten Heftigkeit bekämpften, weshalb Vespasianus den Angriff auf Jerusalem verschob, weil er darauf rechnete, daß diese Wütenden selbst einander aufreiben würden.

Als die Nachricht von Neros Tode und von den neuen Machthabern Roms sich verbreitete, trugen die Statthalter der östlichen Provinzen dem Vespasianus die Kaiserwürde an. Er nahm sie an und überließ die Fortsetzung des Krieges seinem Sohne Titus.

Dieser rückte im Jahre 70 vor Jerusalem, wo die Zerrüttung und das Elend den höchsten Grad erreicht hatten. Die drei Parteien machten einander den Besitz der Stadt und des Tempels streitig, und taten alles, um sich gegenseitig zu verderben. Indes war Jerusalem so stark befestigt, daß es kaum mit Waffengewalt einnehmbar schien. Titus bot den Eingeschlossenen Verzeihung an, aber sie wollten sich durchaus nicht ergeben. Die Hungersnot stieg in der von Flüchtlingen vollgedrängten Stadt so hoch, daß eine Mutter ihr Kind schlachtete und aß. Als Titus das hörte, rief er mit Entsetzen über die Empörer aus: „Sie allein tragen die Schuld dieses Frevels! Ich will den Greuel des Kindesfraßes mit den Trümmern der Stadt bedecken; die Sonne soll nicht mehr eine Stadt bescheinen, in der Mütter also sich nähren!“

Neben dem Hunger wüteten Seuchen in der unglücklichen Stadt. Die Leichen wurden zu Tausenden über die Mauern geworfen. Nachdem die Römer den äußeren Mauerring erstürmt hatten, richtete sich ihre ganze Macht gegen den Tempel, der von einem Haufen todesmutiger Männer auf das tapferste verteidigt wurde. Aber dem unaufhaltsam vordringenden Angriff erlagen alle Widerstände. Mauer auf Mauer warfen die Sturmwidder der Römer nieder und erreichten endlich die den Tempel umgebenden Hallen. Titus wünschte dies Prachtgebäude zu erhalten, aber umsonst. Die Juden glaubten, ihr Tempel könne gar nicht erobert werden, Gott selber müsse ihn beschützen. Aber die römischen Soldaten warfen Feuer hinein, und bald bedeckte ein Flammenmeer den gewaltigen Bau. Es folgte ein allgemeines Blutbad, wobei weder Alter noch Geschlecht noch Stand geschont ward. Tausende fanden ihren Tod in den Flammen oder durch Absturz von den Mauern. Die obere Stadt ward erst mehrere Wochen später eingenommen, worauf Titus alles, was von Gebäuden noch stand, vollends der Erde gleichmachen ließ. Mehr als eine Million Juden sollen in diesem Vernichtungskriege ums Leben gekommen sein. Als Titus seinen Einzug in die rauchenden Trümmer der Stadt hielt, brach er in die Worte aus: „Wahrhaftig, mit Gott haben wir gesiegt! Gott hat die Juden aus diesen Bollwerken vertrieben, denn was vermöchten Menschenhände und Brechwerkzeuge gegen solche Steinmassen?“

Also ward das Wort Christi über Jerusalem erfüllt (Luk. 19, 44): „Sie werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen.“

Noch zwei Jahre währten die Todeszuckungen des zertretenen Volkes, und erst im Jahre 72 war die völlige Bezwingung Judäas erreicht. Damit verloren die Juden ihren nationalen Mittelpunkt und den letzten Rest einer politischen Vereinigung, und es vollendete sich ihre Zerstreuung in alle Welt und unter alle Völker.


Unterdessen war Vespasianus in Rom mit der kaiserlichen Macht bekleidet worden und feierte im folgenden Jahre mit seinem Sohne Titus, den er zum Mitregenten erhoben hatte, einen glänzenden Triumph wegen der Beendigung des jüdischen Krieges. Noch steht im ganzen wohlerhalten der prachtvolle, innen und außen mit reichem Bildwerk geschmückte Triumphbogen, der nach dem Tode des Kaisers an der sogenannten „heiligen Straße“ (via sacra), nahe dem Forum, errichtet wurde.

Mit Vespasianus kehrte wieder Ordnung und Gesetz in das zerrüttete römische Reich zurück. Er stellte die verfallene Kriegszucht bei den Heeren wieder her; er reinigte den Senat von unwürdigen Mitgliedern und ersetzte sie durch würdige Männer aus den Provinzen des Reiches. Er beschränkte die Anklagen wegen beleidigter Majestät, die unter seinen Vorgängern so vielen das Leben gekostet hatten, und füllte durch Sparsamkeit und weise Verwaltung die gänzlich erschöpfte Staatskasse. Unter den neuen Steuern, die er einführte, befand sich auch eine, die er auf die Urinfässer legte, welche die Tuchwalker bei ihrem Gewerbe gebrauchten. Als sich sein Sohn Titus darüber abfällig äußerte, hielt er ihm ein aus dieser Steuer herrührendes Geldstück unter die Nase und fragte ihn, ob es übel rieche. An seinem Hofe herrschte eine soldatische Einfachheit, was nicht ohne einen günstigen Einfluß auf die durch Luxus und Schwelgerei entartete römische Gesellschaft blieb.

Auch verschönerte er Rom durch den Wiederaufbau des im Bürgerkriege niedergebrannten Capitoliums und der noch seit dem Neronischen Brande in Asche liegenden Stadtviertel. Außerdem ließ er an Stelle des Neronischen Goldenen Hauses einen Tempel der Friedensgöttin, den größten und prächtigsten Roms, bauen, und ein ungeheures Amphitheater, in dem 87000 Menschen Raum fanden. Hier wurden jährlich die blutigen Gladiatorengefechte und Tierhetzen vorgeführt, an deren Anblick sich das Volk nicht ersättigen konnte. Durch unterirdische Kanäle konnte Wasser eingelassen werden, das den ganzen Bodenraum in einen See verwandelte, worin Schiffsgefechte aufgeführt wurden. Noch jetzt machen die hochragenden Überreste dieses Riesenbaues, das den Namen Kolosséum führt, auf den Beschauer einen gewaltigen Eindruck. Bei den Einweihungsspielen wurden 5000 wilde Tiere erlegt. Es war dies der Ort, in welchem später Tausende von christlichen Märtyrern unter den Zähnen der wilden Tiere verbluten mußten.

Dieser für das Reich so wohltätige Fürst starb als ein siebzigjähriger Greis (79). Als er zum ersten Male in seinem Leben erkrankte und den Tod herannahen fühlte, sprang er mit den Worten: „Ein Imperator muß stehend sterben!“ vom Lager auf und sank tot um.


Er hinterließ die Herrschaft seinem Sohne Flavius Vespasianus Titus, den er schon längst zum Mitregenten angenommen hatte. Wegen seiner unordentlichen Lebensart und Neigung zur Grausamkeit hegte man von ihm keine günstigen Hoffnungen, aber als Kaiser erschien er wie umgewandelt und offenbarte das edelste und wohlwollendste Gemüt. Als er sich einst bei der Mahlzeit erinnerte, daß er an dem ganzen Tage niemanden eine Wohltat erwiesen hatte, rief er aus: „Freunde, ich habe einen Tag verloren!“ Oft sagte er, von seinem Fürsten dürfte niemand traurig weggehen. Den Regierungsgeschäften widmete er sich mit der größten Gewissenhaftigkeit, behandelte jeden mit Milde und Güte, selbst seine Feinde mit Großmut, und suchte die Leiden der Menschheit durch Wohltätigkeit zu lindern, sodaß ihn das Volk die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts nannte. Seine kurze Regierung gab ihm Gelegenheit genug, seine Freude am Wohltun in reichem Maße zu offenbaren. Eine schreckliche Feuersbrunst wütete drei Tage lang in Rom; eine verheerende Pest raffte Tausende hin. Furchtbarer noch war der ganz unerwartete Ausbruch des Vesuvs. Bis fast zum Gipfel reich angebaut, begann dieser Berg damals zum ersten Male und ganz plötzlich die in ihm schlummernden vulkanischen Kräfte zu offenbaren. Am Mittag des 24. August 79, unter gleichzeitigem Erdbeben und heftiger Bewegung des nahen Meeres, erhob sich eine himmelhohe pinienförmige Rauch- und Feuersäule, welche alles Land meilenweit mit einer mehrere Meter hohen Schicht von kleinen Bimssteinen und dann mit einer noch höheren von nasser Asche bedeckte. Mehrere Tage dauerte dieser Aschenregen, der die Luft mit erstickendem Qualm erfüllte und den Tag in tiefe Nacht verwandelte. Feurige Lavaströme brachen aus den Seiten des Berges und erhöhten das Entsetzen des Volkes. Drei blühende Städte am Meerbusen, Herculanum, Pompeji und Stabiä, wurden gänzlich verschüttet. Viele tausend Menschen verloren Gut und Leben. Unter den Toten war der Befehlshaber der Flotte im Hafen von Misēnum, der gelehrte Naturforscher Plinius, der das unerhörte Ereignis in der Nähe schauen wollte. Sein Neffe, Plinius der Jüngere, hat in Briefen an seinen Freund, den Geschichtschreiber Tacitus, den ganzen Vorgang geschildert.

Am 24. August, erzählt er, erhob sich plötzlich ein Geschrei, es steige aus dem Berge Vesuv eine ganz ungewöhnliche, fürchterliche Wolke auf. Der unerschrockene Oheim wollte ein so merkwürdiges Ereignis in größerer Nähe beobachten, bestieg ein Schiff und eilte der Gefahr entgegen. Schon auf dem Meere erreichte ihn fallende Asche und Bimsstein; der Steuermann bat ihn umzukehren. Vergebens. „Mit dem Tapfern ist das Glück!“ rief er und ließ sich nach Stabiä bringen, wo er die Nacht hindurch ruhig schlief, während die Flammen aus dem Vesuv hervorbrachen und alles, was fliehen konnte, floh. Am Morgen aber entstand die Besorgnis, daß der stärker strömende Aschenregen zuletzt den Ausgang aus der Stadt versperren, oder die von dem heftigen Erdbeben schwankenden Mauern einstürzen möchten. So zog man denn hinaus, auf das Meer zu, welches fürchterlich tobte. Eine stockfinstere Nacht überall, nur von den Fackeln, welche die Sklaven trugen, und den Flammen des Berges erhellt. Da sank Plinius plötzlich tot nieder. Er war von den bösen Dämpfen erstickt; seinen Leichnam fand man erst am dritten Tage, denn so lange dauerte die Finsternis. Sein Neffe war indes in Misenum geblieben, bis auch dort das entsetzliche Erdbeben die Gebäude zu verlassen zwang. Eine Menge Volks zog aus; da wandelte sich auch hier in so weiter Entfernung der Tag in Nacht, und die Asche begann zu stäuben. Das Rufen, das Geschrei und Gejammer der auf dem Felde umhertappenden, die Ihrigen suchenden Menschen war schrecklich. Endlich, als der lange und schwere Aschenregen nachließ, und die Sonne, wiewohl mit fahlem Scheine, wieder hervortrat, boten die Gegenstände umher den traurigsten Anblick dar; der Boden war hoch mit Asche wie mit Schnee bedeckt. — Aus dem, was bei Misenum geschah, kann man sich ungefähr vorstellen, wie die dem schrecklichen Ausbruch so viel näheren Städte Pompeji und Stabiä unter der Asche, Herculanum unter den Lavaströmen verschüttet wurden und gänzlich verschwanden. Erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sind ihre Reste teilweise wieder aufgedeckt und zugänglich gemacht worden.

Titus, der Rom auch durch ein herrliches Werk der Baukunst, die nach ihm genannten Thermen (allem Volk zugänglichen Bäder), zierte, regierte zum Unglück für das Reich nur zwei Jahre und drei Monate. Er starb kinderlos nach kurzer Krankheit (81).

Sein Bruder Domitianus, der ihm in der Herrschaft folgte, schien anfangs die Regierungsweise seiner beiden Vorgänger fortsetzen zu wollen, bis allmählich die übermäßige Vorstellung von seiner persönlichen Bedeutung, mit der er schon dem Vater lästig und dem Bruder feindselig gewesen war, in eine Art Herrscherwahnsinn ausartete, und seine Regierung für alle gefährlich machte, welche seine Eifersucht oder seinen Argwohn weckten. Die Zeiten Caligulas und Neros schienen sich zu erneuern. Endlich bildete sich unter den Freigelassenen, seinen Günstlingen, welchen er die Verwaltung der Staatsgeschäfte anvertraut hatte, und Mitgliedern des Senates, die alle in steter Furcht für ihr Leben standen, eine Verschwörung, die ihm ein blutiges Ende bereitete (96). Selbst seine Gemahlin Domitia half den Wüterich zu beseitigen. Mit ihm erlosch die Dynastie der Flavier. Das Reich aber hatte unter ihm, wenn auch ohne sein Verdienst, eine ansehnliche Erweiterung erfahren. Die Eroberung Britanniens, die schon von Cäsar eingeleitet, aber erst unter Kaiser Claudius ernstlich begonnen war, wurde im Jahre 85, trotz des langen und heldenmütigen Widerstandes der Britanner, durch Julius Agricola, den Schwiegervater des Geschichtschreibers Tacitus, vollendet.